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Thomas Manns «Joseph und seine Brüder»

Ein moderner Roman

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Katja Lintz

Thomas Manns Romantetralogie Joseph und seine Brüder ist zeitlich inmitten der literarischen Moderne situiert. Doch die narrative, traditionell anmutende Struktur des Joseph-Romans stellt ihn auf den ersten Blick ins Abseits der innovativen literarischen Entwicklungen dieser Zeit. Diese narratologisch fundierte Studie zeigt jedoch, dass in Joseph und seine Brüder lediglich auf eine andere Weise modern erzählt wird als bisher erkannt: Der Joseph-Roman ist ein moderner Roman. Darüber hinaus durchleuchtet die Studie auch die Folgen, die sich aus diesem Befund für die gegenwärtige Moderne-Diskussion und die moderne Narratologie ableiten.

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II. Diskussion des Romans als moderne Gattung

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1. Der Roman und die Modernität Blickt man auf die Genese des Begriffs „Roman“ zurück, kann man bereits daran erste Tendenzen dieser literarischen Gattung zur Modernität ablesen: Der Ursprung des Begriffs „Roman“ geht auf das altfranzösische Wurzelwort „romanz“ zurück, mit dem in Frankreich ab dem 12. Jahrhundert all die Schrif- ten bezeichnet werden, die nicht in der Gelehrtensprache Latein – in „lingua latina“ –, sondern in der Volkssprache (der romanischen Länder) – in „lingua romana“ – verfasst sind.23 Ab Ende des 13. Jahrhunderts werden die Versromane in Frankreich oft in die ungebundene Rede aufgelöst: Mit dem Ausgang des Mit- telalters, also etwa seit dem 15. Jahrhundert, bürgert sich „romanz“ als Gattungs- bezeichnung für Erzählungen in Prosa ein. In Deutschland etabliert sich der Gat- tungsbegriff erst ungefähr zweihundert Jahre später.24 Damit steht fest: Die Frage nach der Entwicklung des Romanbegriffs ist eng mit dem Impuls zu Neuem verzahnt. „Roman“ als Ableitung von „romanz“ impliziert die Abgrenzung von einem bisher geltenden System durch die Ein- führung eines neuen Systems. Ganz besonders gilt dies für die Integration der „lingua romana“ in die Literatur, von der sie bisher ausgegrenzt war. Doch auch die Einführung eines eigenen Gattungsbegriffs für Prosaerzählungen weist auf einen Paradigmenwechsel hin, zumal Versdichtung zu dieser Zeit noch als die literarästhetisch bedeutendste Literaturform gilt. 1.1 Romantheorie: Die Offenheit als Aufstiegsmoment des Romans Zwar werden einige antike Erzählwerke, darunter zum Beispiel Apuleius’ Meta- morphosen oder Heliodors Aithiopika, nachtr...

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