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Revolutionsgeschichte schreiben

Formen der Revolutionshistoriographie in Büchners «Dantons Tod» und französischer Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts

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Julian Kanning

Die französische Historiographie des von Revolutionen geprägten 20. Jahrhunderts vermag in besonderer Weise neue Perspektiven auf das Revolutionsbild in Büchners Geschichtsdrama zu eröffnen. Die Diskussion über «Dantons Tod» in der Büchnerforschung wiederum spiegelt vielfach Prägungen der Interpreten durch bestimmte geschichtswissenschaftliche Revolutionsdeutungen. Diese Arbeit löst sich auf der Grundlage von Hayden Whites «Poetik der Geschichte» von der Suche nach Büchners Position(en) im Stück. Sie richtet den Fokus auf die im Text implizit wirksamen narrativen Strukturen und formalen Erklärungsmuster. Dabei versteht sich die tropologische und strukturanalytische Untersuchung als ein Beitrag zu einer gattungsübergreifenden Poetologie der Revolutionsgeschichte in der Moderne.

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1. Die Sprache der Historiographie und des Geschichtsdramas

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1.1 Hayden Whites „Poetik der Geschichte“ Die zentrale These Whites, die am Beginn seiner Geschichtstheorie steht, zielt auf die Charakterisierung der historischen Erzählung als sprachliche Fiktion. Indem er auf dieser Grundlage die große formale Verwandtschaft des historio- graphischen zum literarischen Text herausstellt, rückt er den Prozess des Schrei- bens von Geschichte in den Blick.1 White sucht zu erklären, inwieweit in der sprachlichen Präsentation des geschichtlichen Gegenstands durch den Histori- ker bereits eine Interpretation desselben liegt. Hierbei gilt sein Interesse vor al- lem den begrifflichen Strategien des Historikers, die bei der Konstituierung von „Geschichten“ aus dem ihm vorliegenden Datenmaterial eine bedeutende Rolle spielen. Den Prozess der Vorauswahl und Zusammenführung von Fakten des zu bearbeitenden historischen Bereichs kennzeichnet White als einen „wesent- lich poetischen Akt, der das historische Feld präfiguriert.“2 Dieser Vorstellung von der Geschichtsschreibung liegt eine Aufwertung der sprachlichen Form zu- grunde, der nicht mehr nur rein formale Bedeutung zugeschrieben wird. Da die sprachliche Form an der Konstituierung des Inhalts durch den poetischen Akt entscheidend mitwirkt, kann die Vorstellung einer scharfen Trennung zwischen wörtlichem und figurativem Sprechen und Schreiben nach Ansicht Whites nicht aufrecht erhalten werden. Vor diesem Hintergrund scheint ihm die Untersuchung fiktionaler wie historiographischer Texte mit Blick auf die „Funktion der figür- lichen Elemente“3, die sich in ihnen finden, legitim. Die vergleichende Analyse von Geschichtsschreibung und fiktionaler Literatur der Moderne kann sich nach White insbesondere für erstere als fruchtbar erweisen. Denn moderne fiktionale Texte setzten sich kritisch...

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