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Kolonialismus und Dekolonisation in nationalen Geschichtskulturen und Erinnerungspolitiken in Europa

Module für den Geschichtsunterricht

Uta Fenske, Daniel Groth, Klaus-Michael Guse and Bärbel P. Kuhn

Dieser Band bietet Lernenden und Lehrenden einen neuen Zugang zu der Frage, welche Rolle Kolonialismus und Dekolonisation in einer geteilten europäischen Vergangenheit spielen, und stellt Materialien für den Geschichtsunterricht bereit. Die Beiträge sind das Ergebnis des EU-Projektes CoDec, in dem Partner aus Belgien, Deutschland, Estland, Großbritannien, Österreich, Polen und der Schweiz zusammengearbeitet haben. Die einzelnen Module beschäftigen sich mit kolonialen Vergangenheiten, Prozessen von Dekolonisation und Erinnerungspolitiken in verschiedenen Ländern in vergleichender und transnationaler Perspektive. Sie bieten anregende Quellen und konkrete Vorschläge für einen zeitgemäßen Geschichtsunterricht an Europas Schulen.
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Schweizer Auswanderer im Brasilien des 19. Jahrhunderts: Ambivalente Verflechtungen mit Strukturen der Sklaverei

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Einführung in das Modul

Wie die meisten lateinamerikanischen Länder war Brasilien im 19. Jahrhundert formal keine europäische Kolonie mehr. 1822 erlangte es seine Unabhängigkeit von Portugal. Aber auch danach prägten koloniale Strukturen und Kultur die Geschichte Brasiliens, da die Geschicke des Landes weiterhin in den Händen von Herrschern portugiesischer Abstammung lagen, und Brasiliens Wirtschaft bis in die 1880er Jahre von afrikanischen Sklaven abhängig war.1

Die Schweiz erlebte im 19. Jahrhundert eine schnelle Industrialisierung und Wirtschaftsexpansion. Schweizer Kaufleute und Fabrikanten importierten Seide, Baumwolle und andere Rohstoffe sowohl aus den Kolonien in Asien als auch aus den neuen Ländern auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Sie exportierten edle Textilien, aber auch Uhren und Käse in die expandierenden Märkte in Übersee. Somit wurden 1845 etwa 50 % der Schweizer Waren in die beiden Amerikas ausgeführt, weitere 15 bis 20 % nach Asien.2 Dieser wirtschaftliche Expansionsprozess der Schweiz sicherte einem heterogenen Bürgertum in der Schweiz zunehmenden Wohlstand wie auch politische Macht. Er verschärfte aber zugleich die soziale Ungleichheit innerhalb der Schweizer Gesellschaft, was tausende verarmte Schweizer zur Auswanderung bewegte. Der amerikanische Doppelkontinent, und insbesondere Brasilien, waren die wichtigsten Ziele der Armutsmigration aus der Schweiz im 19. Jahrhundert. Das führte zur Gründung zahlreicher „Schweizer Kolonien“ in Nord- und Südamerika. Diese normalerweise aus Landarbeitern zusammengesetzten Siedlungen lagen im Landesinneren. Der Schweizer Nationalstaat hatte keinen direkten politischen Einfluss auf diese „Schweizer Kolonien“. Vielmehr dienten sie, ähnlich wie...

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