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Kolonialismus und Dekolonisation in nationalen Geschichtskulturen und Erinnerungspolitiken in Europa

Module für den Geschichtsunterricht

Uta Fenske, Daniel Groth, Klaus-Michael Guse and Bärbel P. Kuhn

Dieser Band bietet Lernenden und Lehrenden einen neuen Zugang zu der Frage, welche Rolle Kolonialismus und Dekolonisation in einer geteilten europäischen Vergangenheit spielen, und stellt Materialien für den Geschichtsunterricht bereit. Die Beiträge sind das Ergebnis des EU-Projektes CoDec, in dem Partner aus Belgien, Deutschland, Estland, Großbritannien, Österreich, Polen und der Schweiz zusammengearbeitet haben. Die einzelnen Module beschäftigen sich mit kolonialen Vergangenheiten, Prozessen von Dekolonisation und Erinnerungspolitiken in verschiedenen Ländern in vergleichender und transnationaler Perspektive. Sie bieten anregende Quellen und konkrete Vorschläge für einen zeitgemäßen Geschichtsunterricht an Europas Schulen.
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Einwanderung nach Estland nach dem Zweiten Weltkrieg

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Einführung in das Modul

Während des Zweiten Weltkrieges erfuhr Estland einen Bevölkerungsverlust von 200.000 Menschen (etwa 17,5 % der gesamten Vorkriegsbevölkerung). 10 % gehörten drei der vier Minderheiten (Juden, Deutsche und Schweden) an.1 Die Eingliederung Estlands in die Sowjetunion führte über Jahrzehnte zu einer Einwanderung nach Estland aus Russland (der vierten Minderheit innerhalb Estlands) und anderen Gegenden der früheren Sowjetunion. Insgesamt kamen während der Sowjetjahre 1,6 Millionen Menschen nach Estland und 1,26 Millionen verließen es, somit überstieg die Einwanderung die Auswanderung um 340.000 Personen.2 Auch die Zusammensetzung der estnischen Bevölkerung verschob sich deutlich: 1934 lebten 8,2 % Russen in Estland, 1989 waren es 30,3 %.

Aus der Perspektive der Russischen SFSR (Sozialistische Föderative Sowjetrepublik), der Ukraine und Weißrusslands betrachtet hatte nur ein relativ kleiner Teil des allgemeinen Emigrationsflusses Estland als Ziel, aber aus der Perspektive Estlands war er groß. Der ausschlaggebende Faktor war der immens wachsende Anteil der in Estland lebenden Russen.3 Der Prozess wurde durch Bevölkerungsverlust in Estland sowie soziale und ökonomische Umstrukturierungen im Rahmen der Sowjetisierung noch gesteigert. Eine aufgezwungene Industrialisierung, die wenig Rücksicht nahm auf die lokalen Gegebenheiten Estlands, brauchte mehr Industriearbeiter und -arbeiterinnen. Zuerst kamen sie aus den ländlichen Gebieten Estlands, dann hauptsächlich aus dem europäischen Teil Russlands, danach aus weiter entfernten Regionen der Sowjetunion. Jedoch wurden keine Arbeiter direkt gezwungen, nach Estland zu kommen, obwohl die sowjetischen...

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