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Mitteldeutsche Orientliteratur des 12. und 13. Jahrhunderts. «Graf Rudolf» und «Herzog Ernst»

Ein Beitrag zu interkulturellen Auseinandersetzungen im Hochmittelalter

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Yücel Sivri

Die beiden mitteldeutschen Epen «Graf Rudolf» und «Herzog Ernst» spielen zwar in den neuesten Darstellungen der Geschichte der deutschen Regionalliteratur eine Rolle, aber ihre Einordnung in Gattungen lässt Fragen offen. Zur Diskussion stehen ihre Verbindung zur Heldenepik sowie ihre Rezeption besonders im mitteldeutschen Kulturraum. Dadurch, dass der Autor die Werke in die historischen Zusammenhänge des ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts einordnet und Motivverwandtschaften als Ausdruck des im Hochmittelalter blühenden Kulturaustausches interpretiert, werden die bis in die jüngste Zeit gängigen Bezeichnungen «Fabulierlust» oder «orientalische Exotik» obsolet. Der Autor hebt die Einzigartigkeit dieser Epen ebenso wie ihre Vorbildhaftigkeit hervor, indem er sie in weltliterarische Zusammenhänge einordnet.
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1. Einleitung: Zur wachsenden Auseinandersetzung mit dem Orient in der deutschen Literatur des 12. und frühen 13. Jahrhunderts. Die Aufnahme von Motiven aus antiken und orientalischen Werken

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„Mit nichts ist die jugendliche Phantasie und das sinnige Gemüth des Weltunkundigen leichter zu fesseln, als mit den Wundern der Ferne, die der Gewanderte erzählt.“2

1.    Einleitung: Zur wachsenden Auseinandersetzung mit dem Orient in der deutschen Literatur des 12. und frühen 13. Jahrhunderts. Die Aufnahme von Motiven aus antiken und orientalischen Werken

In dem Jahrhundert zwischen 1070 und 1170 ging in der deutschen Literatur des Mittelalters ein epochaler Wandel vor sich. Profane Themen und Inhalte traten neben der religiösen Literatur3 in den Vordergrund. Haiko Wandhoff spricht in diesem Zusammenhang von der „Verschriftlichung des Erzählens“ oder vom „recht plötzlichen Auftauchen“ der „neuartigen schriftlichen Epen“.4 Nach Wandhoff han ← 13 | 14 → delt es sich um „volkssprachliche Texte (…), die formal wie von den Inhalten her innovativ sind“.5 Themen aus der Karolinger- oder der Salierzeit (z. B. das ‘Rolandslied’) rückten an den Adelshöfen in den literarischen Mittelpunkt. Im Rahmen eines aristokratischen, aber dennoch vulgärsprachlichen Literaturbetriebs, dessen Anfänge Wandhoff ebenso wie J. Bumke „etwa auf die Zeit um 1070“ datiert, ging man dazu über, „an einigen großen Fürstenhöfen (…) volkssprachliche Texte im schriftlichen Medium anzufertigen und sie in Buchform zu speichern und zu verbreiten“.6

Das über den Kölner Erzbischof Anno verfasste ‘Annolied’7 (ca. 1080) ist das erste biographische Werk der deutschen Sprache, welches mit einem Abriss der historia humana beginnt und bis hin zum Sacrum Imperium Romanum bzw. bis hin zum Jüngsten...

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