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Selbstdarstellung in der Wissenschaft

Eine linguistische Untersuchung zum Diskussionsverhalten von Wissenschaftlern in interdisziplinären Kontexten

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Lisa Rhein

Selbstdarstellung, Image- und Beziehungsarbeit spielen in der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Dieses Buch untersucht aus vornehmlich gesprächsanalytischer Perspektive, wie Images und Beziehungen der Akteure interaktiv konstituiert und ausgehandelt werden. Im Fokus stehen dabei Fachdiskussionen von Wissenschaftlern auf interdisziplinären Konferenzen. Grundlage ist ein von Soziologie und Psychologie befruchtetes linguistisches Methodeninventar. Die Autorin zeigt, wie Wissenschaftler in Diskussionen Images aufbauen, angreifen und verteidigen, wobei die Fachidentität der Akteure von zentraler Bedeutung ist. Sie erklärt ebenso, wie Wissenschaftler Kompetenz – auch bei vorhandenem Nichtwissen – signalisieren und Humor zur Beziehungsgestaltung nutzen.
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5 Gegenseitiges positives und negatives Kritisieren

5  Gegenseitiges positives und negatives Kritisieren

Wissenschaftliche Diskussionen sind notwendige Foren des wissenschaftlichen Austauschs, weil sie ständiges kritisches Hinterfragen, Darstellen von Alternativen, Aufzeigen von Problemen u. a. ermöglichen. Sie entspringen dem eristischen Ideal von Wissenschaft und dienen der Wahrheitsfindung. Unterschiedliche fachliche Einstellungen und Perspektiven (Disziplinen, Denkrichtungen, Schulen, Strömungen etc.) tragen dazu bei, dass die Korrektheit von Methoden, Ergebnissen und deren Interpretationen diskutiert wird. Konferenzen, auf denen sich Wissenschaftler nicht einig sind, ihre Ansichten vorbringen und kontrovers diskutieren, gelten als die spannenderen und ergiebigeren (vgl. Baron 2006: 92). Dennoch sind sich Diskutanten auch in sehr kontroversen Diskussionen in bestimmten Punkten einig, erkennen fremde Meinungen an und äußern positive Kritik.

In der Diskussion allerdings laufen wissenschaftliche Aushandlungsprozesse den sozialen und psychischen Imagesicherungsbedürfnissen der Teilnehmer zuwider. Dadurch kommt es zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen, die nicht nur sachlich und rational, sondern auch persönlich und emotional verlaufen können. Eristisches Ideal und Bedürfnis der Imagewahrung müssen individuell ausbalanciert werden, was zu Konflikten führen kann: Bei negativer Kritik verteidigen Wissenschaftler im Normalfall ihre eigene Forschung und haben einen umso kritischeren Blick auf Arbeiten von Kollegen. Ebenso gibt es Fälle, in denen Wissenschaftler sich durch negative Kritik vor dem Publikum profilieren wollen (obwohl sie selbst nicht zu dem Thema forschen). In beiden Fällen erweist sich dieser kritische Blick oftmals als potenziell gesichtsbedrohend, da Wissenschaftler sich mit ihrer Forschungsarbeit identifizieren und sich bei fachlicher Kritik unter Umständen persönlich angegriffen fühlen.

In diesem Kapitel wird positives und negatives Kritisieren unter einem bestimmten Fokus betrachtet: Es geht um Kritik, die dem Interaktionspartner in irgendeiner Form Inkompetenz oder mangelnde Wissenschaftlichkeit unterstellen und vorwerfen76. Dieser Fokus wird aus verschiedenen Gründen gesetzt: Erstens ← 203 | 204 → ist es für Wissenschaftler (nicht nur auf Tagungen) zentral, Kompetenz, Fachwissen, Glaubwürdigkeit und Professionalität zu demonstrieren, um ihre Position zu festigen, zu erhöhen oder zu verteidigen. Dies stellt ein wissenschaftliches (Karriere-)Kapital dar und sichert die eigene Reputation sowie beispielsweise Vortragseinladungen und Stellenangebote. Inkompetenzvorwürfe sind also besonders gesichtsbedrohend, weil sie an Rufschädigung grenzen. Zudem kratzen sie am wissenschaftlichen Ego, da Wissenschaftlichkeit als Grundwert für alles wissenschaftliche Arbeiten gilt (vgl. Schwitalla 2001: 1377). Außerdem sind Kompetenz und Fachwissen eng an die eigene Fachidentität geknüpft. Wird jemandem Inkompetenz zugeschrieben, steht dessen Position und Anerkennung innerhalb der scientific community zur Diskussion, seine Identität als kompetenter Repräsentant seines Fachs wird infrage gestellt. Zweitens ähneln Inkompetenzvorwürfe in ihrer Funktion bestimmten Arten von Nichtwissensvorwürfen, indem sie ein nicht ausreichendes oder mangelndes Wissen unterstellen (vgl. Kap. 7.3). Drittens können Diskussionen, in denen es zu solchen Vorwürfen kommt, aus den bisher genannten Gründen schnell von der fachlichen auf eine persönliche Ebene wechseln, sie haben ein hohes emotionales Potenzial. Inkompetenzvorwürfe stellen demnach eine Art der aggressiveren Kommunikation dar, die Wissenschaftler vor ernsthafte Imageprobleme stellt. Um sich diesem Vorwurf gegenüber zu verteidigen, muss ein Wissenschaftler aktiv Kompetenz signalisieren, was zeitaufwändig und dementsprechend in Diskussionen nicht immer machbar ist (vgl. dazu Kap. 7.1 und 7.2).

Auf eine Untersuchung von streit- bzw. diskussionstypischen Mustern kann verzichtet werden, da bereits sehr viel Forschung zu Angriffs- und Verteidigungsrunden vorliegt (vgl. Gruber 1996; Holly 1979, 2001; Schwitalla 1996, 2001; auch im untersuchten Korpus können solche Muster belegt werden). Zudem fällt bei der Betrachtung der Diskussionen auf, dass solche Musterbeschreibungen eine gewisse Statik der Diskussion und der Rollen der Teilnehmer suggerieren. Die gängigen Ablaufmuster VORWURF → RECHTFERTIGUNG oder VORWURF → GEGENVORWURF können nicht erfassen, welche Handlungen zwischen dem Verteidigen gegen einen Vorwurf und einem möglichen Gegenvorwurf liegen, nämlich Begründungen, Erläuterungen, Verweise auf andere Forschungsergebnisse, kleine Exkurse, Illustrationen etc. All diese Handlungen dienen der Darstellung der eigenen Position, sollen Überzeugungsarbeit leisten und Kritik entkräften – werden aber nach der Musterbeschreibung als Verteidigungshandlungen zusammengefasst. Damit bleiben feine Unterschiede unsichtbar und dynamische Diskussionen werden als statische Ereignisse beschrieben. Daher sollen in diesem Kapitel längere Diskussionssequenzen betrachtet und in ihrer Dynamik erfasst werden. ← 204 | 205 →

In der Ergebnispräsentation wird nicht so explizit wie in den anderen Publikationen (vgl. dazu die referierten Arbeiten in Kap. 2.4) zwischen Angriffs- und Verteidigungsrunden unterschieden. Dies rührt daher, dass die argumentativen Rollen in den Diskussionen sehr stark wechseln, dass Kritiker zum Kritisierten werden oder andersherum, dass Teilnehmer plötzlich in eine Moderatorenrolle schlüpfen, Fragen an das Publikum richten und Ähnliches. Eine Unterscheidung der Ergebnisse lediglich nach Angriff und Verteidigung würde die Gesprächsdynamik nicht angemessen wiedergeben; stattdessen werden hier längere Diskussionsabschnitte untersucht und solche Rollenwechsel sowie Auswirkungen auf die Images daran aufgezeigt.

Es gilt somit die folgenden Fragen zu beantworten, und zwar jeweils in Bezug auf positive und auf negative Kritik:

1)  In welchen sprachlichen Formen äußert sich positive/negative Kritik?

2)  Welche Referenz hat positive/negative Kritik?

3)  Wie wird die Kritik begründet (wissenschaftliche Werte)?

4)  Wie wird auf die positive/negative Kritik reagiert?

5)  Welche Auswirkungen hat die positive/negative Kritik auf das face der Beteiligten?

Die Beantwortung der genannten Fragen gibt auf verschiedene Weise Aufschluss über das Selbstdarstellungsverhalten der Akteure: Erstens lassen gewählte Lexik, Sprechhandlungen und das Gesprächsverhalten Rückschlüsse auf den Sprecher und dessen Selbstdarstellung zu (z. B. signalisieren sie Dominanz, Höflichkeit oder Zurückhaltung). Zweitens zeigen die Bezüge der Kritik und die zugrunde gelegten Werte in gewissem Maße das Selbstverständnis und die Werte der Teilnehmer an. Drittens gibt die Art der Reaktion auf Kritik Hinweise darauf, wie der Kritisierte sich und seinen Gesprächspartner wahrnimmt und wie er die Kritik bewertet (zu den einzelnen Punkten siehe auch Kap. 5.1).

5.1  Methodische Anreicherung

Nach Ventola et al. (2002: 10) ist negative Kritik von vornherein potenziell gesichtsbedrohend77. In der Kritik stehende Personen müssen auf Konferenzen nicht ← 205 | 206 → nur gegenüber dem Diskussionspartner ihr Gesicht wahren, sondern vor einem Publikum, das unter Umständen ebenso zweifelt, skeptisch ist oder Kritik an anderer Stelle anbringen würde.

Tracy (1997) macht deutlich, dass das gegenseitige Kritisieren – positiv verstanden – die Aufnahme einer Person in die scientific community und deren Anerkennung bedeuten kann: „being criticized means that you are respected and taken seriously; it is a sign that your interlocutor sees you as intellectually able” (Tracy 1997: 32). In ihrer Untersuchung von universitären Kolloquien kommt sie zu folgendem Ergebnis:

While criticism could mean lack of positive regard, it often did not. Rather it was frequently intended, and taken as, an indication that the other was competent and intellectually able. Similarly, a lack of criticism did not necessarily mean that a person’s work was seen positively; it could mean that a person was seen as intellectually or emotionally unable to manage the criticism. Thus, in this group, criticism carried several meanings, and while it was not always intended or seen as a face supportive, it often was. (Tracy 1997: 32)

Kritik jeglicher Art hat nicht nur Auswirkungen auf das Image der Kritisierten, sondern auch auf das der Kritiker. Dies zeigt sich in der Art, wie eine Kritik vorgebracht wird: Das Image des Kritikers kann sich verschlechtern, bspw. wenn er aggressiv einen Vorwurf in unangemessener Lautstärke äußert, oder verbessern, bspw. wenn er seinen Einwand angemessen äußert und daraufhin als „scharfsinnig und kompetent“ (Schütz 2000: 194) wahrgenommen wird (vgl. Adamzik 1984: 287). Generell aber kann man sagen, dass das Absprechen von Kompetenz und Fachwissen der Fremdabwertung dient, wodurch sich der Kritisierte im Gegenzug diese Eigenschaften selbst zuspricht und sich damit aufzuwerten versucht.

Kotthoff (1989: 189) stellt unter Rückgriff auf Byrnes (1986: 195) fest, dass deutsche Wissenschaftler eher direkt, aggressiv und sachorientiert diskutieren. Die Beziehung zwischen den Diskussionspartnern rückt gegenüber dem sachlichen Austausch und der Wahrheitsfindung in den Hintergrund (vgl. Byrnes 1986: 201)78. Wie ein solches Verhalten im Hinblick auf Selbstdarstellung wahrgenommen wird, hängt stark vom kulturellen Hintergrund ab (vgl. Kotthoff 1989: 197).

Es kann festgehalten werden, dass es positive, negative und neutrale Sprechhandlungen gibt, die in unterschiedlichem Maße gesichtsbedrohend sind. Die ← 206 | 207 → face-Bedrohung hängt von der Interpretation der Sprechhandlung durch den Angesprochenen ab. Eine relativ neutrale Art des Beitrags (initiierend) ist das Geben von Empfehlungen oder Anregungen, die vom Vortragenden aber positiv als konstruktive Beiträge oder negativ als Imageangriff gewertet werden können (vgl. Webber 2002: 236). Auch Beiträge, die vom Diskutanten nicht als negative Kritik gemeint sind (bspw. Fragen oder Anmerkungen), können den Vortragenden in Bedrängnis bringen und von diesem als negative Kritik empfunden werden, wenn er zum Beispiel eine Frage nicht beantworten kann und damit ein Wissensdefizit offengelegt wird. Eine aggressive Art der negativen Kritik stellt nach Baron der Inkompetenzvorwurf dar, gegen den sich Wissenschaftler in Diskussionen nur schwer verteidigen können (vgl. Baron 2006: 92). Eine Hierarchisierung der Sprechhandlungen nach dem Schweregrad ihres Angriffscharakters ist aufgrund der Vielzahl an Faktoren, die den Schweregrad beeinflussen, kaum sinnvoll möglich. Die face-Bedrohung einer Äußerung wird durch den Tonfall, die Referenz des Angriffs, die Art der Kritik und der Platzierung von Angriff/Verteidigung bestimmt und ist außerdem von der Stimmung des Angesprochenen, individuellen Selbstdarstellungszielen sowie der Diskussionsatmosphäre abhängig. Zur Übersicht über mögliche Initiierungs- und Reaktionstypen sowie Platzierungsmöglichkeiten sei an dieser Stelle auf die Zusammenstellung der Sprechhandlungen in Kapitel 2.4 und auf Tabelle 16 verwiesen.

Negative Kritik referiert auf verschiedene Sachverhalte. Im wissenschaftlichen Kontext sind das nach Webber (2002: 228) zum Beispiel der methodische Ansatz, die Art der Ergebnispräsentation, die zugrunde gelegten Hypothesen, Interpretationen und Schlussfolgerungen. In der Diskussion suchen die Teilnehmer nach Schwachstellen in den Vorträgen und dem in der nachfolgenden Diskussion Geäußerten (vgl. ebd.: 233).

Kritik jeglicher Art beruht außerdem auf Bewertungen, die innerhalb eines bestimmten Systems vorgenommen werden. Der interdisziplinären Diskussionen zugrundeliegende Bewertungsrahmen ist ein wissenschaftlicher, der sich aus wissenschaftlichen Werten zusammensetzt. Hier lohnt sich ein Blick auf die von der DFG formulierten Werte und Qualitätskriterien, die in der pdf-Publikation „Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis: Empfehlungen der Kommission ‚Selbstkontrolle in der Wissenschaft‘“ (2013a) genannt werden. Die in der Publikation aufgelisteten Werte und Kriterien gelten für alle Disziplinen. Zum Teil werden die Qualitätskriterien explizit als solche benannt, zum Teil aber auch implizit in Empfehlungen formuliert.

Ein übergeordnetes Grundprinzip von Wissenschaft ist „Redlichkeit“, das für jede wissenschaftliche Arbeit gilt. Redlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass ← 207 | 208 → Wissenschaftler nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne der von der DFG aufgestellten Regeln forschen, lehren und arbeiten (vgl. DFG 2013: 8);

Unredlichkeit hingegen gefährdet die Wissenschaft. Sie zerstört das Vertrauen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untereinander sowie das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft, ohne das wissenschaftliche Arbeit ebenfalls nicht denkbar ist (DFG 2013: 8).

Um die Werte, die Wissenschaftlichkeit ausmachen, für die Analyse nutzbar zu machen, ist es sinnvoll, sie in Gruppen zusammenzufassen. Die „Regeln guter wissenschaftlicher Praxis“ sind daher im Folgenden in eigener Gruppierung wiedergegeben, die ich zwecks Systematisierung der Referenzobjekte von Kritik vorgenommen habe (Tab. 17-21).

Gruppe A umfasst die allgemeinen Prinzipien der wissenschaftlichen Arbeit, also Werte, die disziplinunabhängig und übergeordnet für jedes wissenschaftliche Arbeiten gelten sollen:

Tabelle 17:  Übersicht über die wissenschaftlichen Werte in Gruppe A: Allgemeine Prinzipien der wissenschaftlichen Arbeit.

Gruppe A: Allgemeine Prinzipien der wissenschaftlichen Arbeit
1.  Lege artis arbeiten (DFG 2013: 15)
2.  Dokumentation von Resultaten (DFG 2013: 15)
3.  Anzweifeln aller Ergebnisse (DFG 2013: 15)
4.  Strikte Ehrlichkeit (im Hinblick auf Beiträge Anderer) (DFG 2013: 15)
5.  Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse (DFG 2013: 17)
6.  Sorgfalt (DFG 2013: 27)
7.  Übernahme von Verantwortung für eigenes Verhalten (DFG 2013: 16)
8.  Datenaufbewahrung/-archivierung: Primärdaten müssen aufbewahrt werden (DFG 2013: 21f.)
9.  Festlegung von Regeln (DFG 2013: 15-16)
10.  Sorgfältige Qualitätssicherung (DFG 2013: 17) ← 208 | 209 →

Gruppe B fasst alle Werte zusammen, die sich auf wissenschaftliche Veröffentlichungen beziehen:

Tabelle 18:  Übersicht über die wissenschaftlichen Werte in Gruppe B: Wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Gruppe B: Wissenschaftliche Veröffentlichungen.
11.  Qualität und Originalität gehen vor Quantität (DFG 2013: 20): „Ergebnisse müssen, wo immer tatsächlich möglich, kontrolliert und repliziert werden, ehe sie zur Veröffentlichung eingereicht werden“ (DFG 2013: 21)
12.  Gemeinsames Tragen der Verantwortung für wissenschaftliche Veröffentlichungen; keine „Ehrenautorschaft“ (DFG 2013: 29)

Gruppe C enthält die Werte, die sich auf die Arbeit in Arbeitsgruppen beziehen:

Tabelle 19:  Übersicht über die wissenschaftlichen Werte in Gruppe C: Arbeit in Arbeitsgruppen.

Gruppe C: Arbeit in Arbeitsgruppen
13.  Gegenseitiges Mitteilen und Kritisieren der Ergebnisse, Integrieren in einen gemeinsamen Kenntnisstand (DFG 2013: 16f.)
14.  Gegenseitiges Vertrauen (DFG 2013: 16)

Hieran eng gekoppelt sind die Werte der Gruppe D, die für Gruppenleiter und Betreuer gelten:

Tabelle 20:  Übersicht über die wissenschaftlichen Werte in Gruppe D: Gruppenleiter/Betreuer.

Gruppe D: Gruppenleiter/Betreuer
15.  Präsenz und Überblick des Gruppenleiters (DFG 2013: 17)
16.  Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses nach den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis, Kontrolle der Einhaltung (DFG 2013: 17)
17.  Ausbildung zur Selbstständigkeit (DFG 2013: 17)
18.  Wechselseitige Überprüfung von Ergebnissen (DFG 2013: 17)
19.  Sicherung der Betreuungsverhältnisse (DFG 2013: 18) ← 209 | 210 →

Werte, die in Gutachtersituationen eine Rolle spielen, bilden Gruppe E:

Tabelle 21:  Übersicht über die wissenschaftlichen Werte in Gruppe E: Gutachtertätigkeiten.

Gruppe E: Gutachtertätigkeiten
20.  Pflicht zur Vertraulichkeit (DFG 2013: 29, 34)
21.  Offenlegung von Befangenheit (DFG 2013: 29, 34)
22.  Neutralität (DFG 2013: 35)

Die Trennung der von der DFG genannten Werte in diese fünf Gruppen ist eine rein systematisierende, die eine bessere Anordnung der im Korpus genannten Werte erlauben soll. Es ist zu erwarten, dass sich Kritik in Diskussionen nach Vorträgen eher auf die in Gruppe A zusammengefassten Werte bezieht, da sie wissenschaftliches Arbeiten thematisieren. Die Art der Betreuung und das Verhalten als Gruppenleiter oder Gutachter werden nur sehr selten auf Tagungen sichtbar, da in Vorträgen Forschung und Forschungsergebnisse vorgestellt werden.

5.2  Positive Kritik

In den untersuchten Diskussionen finden sich einige Sequenzen, in denen Konferenzteilnehmer einander positiv kritisieren. Als positive Kritik wird alles gewertet, was eine positive Evaluation anzeigt. Durch Zustimmung, Dank und Lob drückt eine Person aus, dass sie beispielsweise eine Haltung, Einstellung oder Kritik anerkennt; damit zeigt sie Einsichtigkeit und Wahrheitsliebe (vgl. Schwitalla 2001: 309). Zudem haben positive Bewertungen eine positive Wirkung auf Beziehungen der Interaktionspartner (vgl. Adamzik 1984: 268f.). Im vorliegenden Analysekorpus wird positive Kritik vor allem in zwei Formen geäußert: im einleitenden Danken und im Zustimmen. Im Folgenden werden zuerst die einleitenden Sequenzen betrachtet, bevor auf Zustimmungssequenzen inmitten einzelner Beiträge eingegangen wird.

5.2.1  Einleitendes Danken

Dank als ‚Gefühl, Ausdruck der Anerkennung und des Verpflichtetseins für etwas Gutes, das jemand empfangen hat, das ihm erwiesen wurde‘ (Duden79; Herv. L. R.) kann als positive Kritik bzw. Lob betrachtet werden, da ein Sachverhalt mit dem ← 210 | 211 → Prädikat „gut“ bewertet wird. Es ist auf Tagungen weitgehend etabliert, eigene Diskussionsbeiträge mit einem kurzen Dank an den Vortragenden zu beginnen. Ein solcher einleitender Dank wird in der Regel über die Routineformel „Vielen/Herzlichen Dank für Ihren Vortrag“ realisiert, was mit Goffman als Hinweis darauf gedeutet werden kann, dass die Kommunikationspartner ihre Beziehungen zueinander anerkennen und aufrechterhalten möchten (vgl. u. a. Goffman 2011: 35; siehe auch Kap. 2.1 der vorliegenden Arbeit). Ein Beleg hierfür ist auch die Erfahrung, dass Vorträge gelobt werden, selbst wenn sie als schlecht befunden wurden; hier werden die Image-Erhaltungsbedürfnisse des Vortragenden anerkannt, was einen (wenn auch nur oberflächlich) positiven Beitragseinstieg schafft, wobei im Anschluss daran immer noch die Möglichkeit zur Kritik besteht.

Danksequenzen, in denen explizit Dank ausgesprochen wird, finden sich fast ausschließlich zu Beginn der Beiträge und sind innerhalb eines Kommentars selten. Die identifizierten Danksequenzen beziehen sich zumeist auf positive Vortragskritik, nur selten wird ein Diskussionsbeitrag positiv bewertet. Die folgenden Sequenzen sind Beispiele für positive Beitragseinleitungen:

001LingPwAja herr [Nachname (SozPDmA)] herzlichen dank äm für den flotten vortrag ((kichert, 2sek)) spannenden folien
002 ich hab ne frage äm was uns denn wirklich jetzt beSONders interessiert (--) äm

Sequenz 3:     Diskutantin LingPwA in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden SozPDmA; TK 1_4: 001-002.

028PhilDrhawja vielen dank ähm (.) für diesen (.) ä wirklich sehr ja materialreichen (.) äm vortrag (-)
029 äm (-) danke auch äm für die ähm ja für den facetten für den für den EINblick in simmels arbeit
030 in sein facettenreichtum ((unverst. durch Stuhlrücken, 3sek))

Sequenz 4:     Diskutantin PhilDrhaw in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden SozPDmA; TK 1_4: 028-030.

001kTheoMaPmja zunächst ä herr [Name (PhilPmB)] herzlichen dank für ihren sehr differenzierten VORtrag (.) ähm (.)
002 ich bin aber an EIner stelle ä wirklich HÄNGengeblieben offensichtlich auch andere

Sequenz 5:     Diskutant kTheoMaPm in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden PhilPmB; TK 3_5: 001-002.

001PhilPmBna ich bin etwas UNsicher ob ich diese he he die fragerei ANführen soll (--)
002 also ERSTmal (--) jetzt im !VOR!trag (-)
003 VIEle VIEle VIEle !WUN!derbare (.) MÖGlichkeiten etwas (.) EINzuordnen oder ZUzuordnen ← 211 | 212 →
004 hab re !WIRK!lich was gelernt und beDANke mich (-)
005 DAS ist das eine
006 dann hab ich ZWEI (-) ähm anmerkungen !MÖCHT! ich gerne MACHen

Sequenz 6:     Diskutant PhilPmB in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden PhilPmA; TK 3_10: 001-006.

Es zeigt sich, dass die oben dargestellte typische Form des Dankes in den Beispielen durch wertende Adjektive modifiziert wird, sodass die Sprechereinstellung gegenüber dem Vortrag oder einzelnen Aspekten deutlich wird: flotten, spannenden (Sequenz 3), wirklich sehr materialreichen (Sequenz 4), sehr differenzierten (Sequenz 5). Intensiviert werden die Bewertungen durch sehr (Sequenzen 4 und 5), Wiederholungen (Sequenz 6) sowie !WIRK!lich und dessen Betonung (Sequenz 6). Teilweise zeigt sich allerdings auch verhaltene negative Kritik, bspw. im ambivalenten Adjektiv flott (Sequenz 3), was an dieser Stelle deutlich macht, dass der Vortrag zu schnell gehalten wurde, wobei die Folien aber spannend waren. Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass eine an der Oberfläche positiv formulierte Kritik ambivalent sein und negative Kritik enthalten kann. Ebenso kann materialreich (Sequenz 4) nicht nur positiv im Sinne von ‚dicht‘ und ‚umfangreich‘ gemeint sein, sondern auch negativ als ‚zu viel‘.

Positive Vortragskritik wird in den Beispielen eher floskelhaft geäußert, was in Routineformeln zum Ausdruck kommt. Dennoch wird in den Sequenzen eine positive Bewertung in Bezug auf bestimmte Anliegen ausgedrückt: Es wird ein Dank für den EINblick in simmels arbeit in sein facettenreichtum (Sequenz 4) geäußert und der Kategorisierungsvorschlag eines Anderen wird als überaus positiv angesehen: VIEle VIEle VIEle !WUN!derbare (.) MÖGlichkeiten etwas (.) EINzuordnen oder ZUzuordnen (Sequenz 6).

Die Beitragseinleitungen folgen insgesamt einem einheitlichen Schema, wobei einzelne Elemente optional sind:

Gliederungssignal → Adressierung → Routineformel DANKEN → Bewertung → Referenz → Bewertung → Referenz → eigentlicher Beitrag

Dieses Schema wird anhand Tabelle 22 deutlich, in der die obigen Beitragseinleitungen im Original-Wortlaut eingetragen sind.

Direkte namentliche Anreden wie ja herr [Nachname] (Sequenz 3) oder ja zunächst ä herr [Nachname] (Sequenz 5) zu Beginn der Beiträge sichern nicht nur das Adressieren des richtigen Diskussionspartners, sondern können auch Höflichkeit oder sogar Nähe signalisieren (vgl. Holly 2001: 1389; Webber 2002: 246).

In den überwiegenden Fällen schließt sich an die positive Vortragskritik eine kritische Frage bzw. negative Kritik an (vgl. zu dieser Strategie Baßler 2007: 146): ich hab ne frage äm was uns denn wirklich jetzt beSONders interessiert (--) äm ← 212 | 213 → (Sequenz 3), ich bin aber an EIner stelle ä wirklich HÄNGengeblieben offensichtlich auch andere (Sequenz 5), dann hab ich ZWEI (-) ähm anmerkungen !MÖCHT! ich gerne MACHen (Sequenz 6). Solche Widerspruchs- und Einspruchssequenzen werden zumeist mit aber oder allerdings eingeleitet (auf diese Kritiksequenzen wird im kommenden Teilkapitel zur negativen Kritik ausführlich eingegangen; vgl. Kap. 5.3 dieser Arbeit).

Tabelle 22:  Übersicht über das typische Schema von Beitragseinleitungen; GS: Gliederungssignale, Adr.: Adressierung, RF: Routineformel, Bew.: Bewertung, Ref.: Referenz.

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← 213 | 214 →

In den Daten findet sich lediglich eine Sequenz, in der ein Kommentar eines Diskutanten vom Vortragenden als Lob verstanden und in seiner Replik als solches charakterisiert wird. Dieses Beispiel wird an dieser Stelle ausführlich besprochen:

124kTheoPmJA (-) ich wollte (-) mich bei BEIden (-) referenten auch als theologe (.) bedanken
125ich habe (.) herausgehört dass ähm (.) also sehr viel auch SELBST (-) bescheidung (.) einer naturwissenschaft
126die sich SPRACHkritisch (---) reflektiert aber auch (.) von ihren möglichkeiten her
127 für MICH äm einfach nur als unterstützung (1.5)
128 die VORsicht vor definitiven schlussfolgerungen
129es MUSS (-) einen gott GEben weil (---) äh wir diese oder jene lücken haben
130ich glaube es wäre nicht nur für die naTURwissenschaft eine gefahr (1.5)
131hier (-) vorschnelle folgerungen zu ziehen
132sondern auch aus (.) religiöser (.) aus theologischer sicht
133weil man sich abhängig macht von einem bestimmten stand einer naturwissenschaft
134der dann (.) sehr schnell wieder (.) verändert (1.5) sich
135und damit auch (.) die ebenen (.) nicht mehr unterscheidet
136die da zu unterscheiden sind (1.5)
137äh wenn ich nur (.) noch einen (--) punkt hinzufügen darf
138ihre ERSte möglichkeit (-) schien mir doch auch in dem sinne (1.5) problematisch zu SEIN
139die sie nu naturalistisch genannt haben
140weil es dort ja hieß (2.3) dass man !SICHER! irgendwann eine lösung finden wird (---)
141ich meine (--) DIEse position (.) ist geNAUso wenig naturwissenschaftlich (2.5) wie die zweite
142BioPmAhm
143kTheoPmund äh (--) wenn ich sie richtig verstanden habe herr [Nachname]
144ist ja die DRITte (1.5) dann DIE weise wie man (.) vielleicht naturwissenschaftlich verantwortet
145aus ihrer sicht (.) vorgehen kann (.) wenn lücken (.) bestehen (1.5)
146eine ANdere weise der erklärung zu suchen (2.0)
147und (.) ich finde DAS ist eigentlich (.) für das gespräch
148zwischen (.) naturwissenschaft und theologie (-) ä die BESte (2.0) ausgangsposition
149BioAnthPmä ah also man soll sich nie gegen (.) lob wehren
150aber an [EIner <<lachend> aber] an einer>> stelle
151Publikum        [((lacht, 2sek))     ]
152BioAnthPmwürde ich ne differenz MAchen

Sequenz 7:     kTheoPm als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Fokusdiskutanten BioAnthPm; TK 2_2: 124-152. ← 214 | 215 →

kTheoPm leitet seinen Beitrag durch einen Dank an die beiden Referenten ein und referiert das von ihnen Geäußerte mit eigenen Worten. Der Dank wird mittels einer Routineformel (ja ich wollte mich bei beiden referenten auch als theologe bedanken) vorgebracht und signalisiert Zustimmung und Anerkennung, was wiederum Nähe zum Vortragenden anzeigen kann. Die Redewiedergabe wird durch ich habe (.) herausgehört eingeleitet, was die subjektive Sicht des Diskutanten betont und eine salvatorische Klausel darstellt; die gleiche Funktion hat die Formulierung für MICH. kTheoPm bewertet das von BioAnthPm Geäußerte positiv, was er einerseits durch die Routineformel ich wollte (-) mich bei BEIden (-) referenten […] bedanken kundtut, andererseits über die Charakterisierung des von BioAnthPm Gesagten als unterstützung. „Unterstützung“ ist positiv konnotiert, dient hier der Begründung der eigenen Argumentation und Einstellung von kTheoPm. In dieser positiven Konnotation wird die positive Bewertung sichtbar.

In diesem Beispiel spielt zudem die Fachidentität des Diskutanten eine Rolle, da diese explizit in der Danksequenz genannt wird. Das Lob wird aus der Perspektive des Theologen geäußert (als theologe); die Disziplinnennung dient der Perspektivenverdeutlichung und Kontrastierung zur Naturwissenschaft. In diesem Kontext stehen die thematisierten, abgerufenen Werte, die eher geisteswissenschaftlichen Idealen zuzuordnen sind: SELBST (-) bescheidung, SPRACHkritisch (---) reflektiert. Auf die einleitende positive Sequenz folgen Hinweise auf problematische Aspekte und Gefahren (= Widerspruchssequenz). kTheoPm hält das Verweisen auf Gott, sobald man Dinge nicht erklären kann (diese oder jene lücken), für unüberlegt und übereilt (vorschnelle), was vor allem in der Naturwissenschaft nicht gerechtfertigt sei. Dies begründet er mit der daraus folgenden Abhängigkeit von Forschung und Wissensbeständen der Wissenschaft; er weist auf Forschungsfortschritte hin, die bestehende Lücken in Zukunft schließen – und damit Gott ausschließen – könnten. Zudem kritisiert er die vorgetragene naturalistische Position als problematisch, da in diesem Ansatz davon ausgegangen werde, dass Forschungsfragen definitiv irgendwann beantwortet werden könnten (!SICHER! irgendwann eine lösung finden wird). Dies entspreche allerdings nicht dem naturwissenschaftlichen Arbeiten (geNAUso wenig naturwissenschaftlich (2.5) wie die zweite). Dann aber bewertet er den von BioAnthPm vorgestellten dritten Ansatz als positiv, als BESte (2.0) ausgangsposition, schließt sich also BioAnthPms Meinung an.

BioAnthPm reagiert auf die Äußerung von kTheoPm mit ä ah also man soll sich nie gegen (.) lob wehren und charakterisiert damit dessen Äußerung explizit als Lob. Seine Reaktion auf das Lob ist anfangs zögerlich; er wirkt unsicher, wie er damit umgehen soll: ä ah also. Mit einer entpersonalisierten Formulierung man soll sich nie gegen (.) lob wehren nimmt BioAnthPm das Lob indirekt an. Doch ← 215 | 216 → auch er leitet direkt im Anschluss eine Widerspruchssequenz mittels aber ein und führt seine eigene Ansicht in Bezug auf die erste Option (naturalistische Position) aus. Damit reagiert er auf kTheoPms kritische Äußerungen (trotz Annahme des Lobs) mit einer Gegenkritik. Auf der Beziehungsebene lässt sich der Dialog so beschreiben, dass kTheoPm gegenüber BioAnthPm durch seinen Dank Nähe signalisiert, BioAnthPm dieser Nähe allerdings wieder ausweicht, indem er eine Widerspruchssequenz (Differenzierungswunsch) einleitet.

5.2.2  Zustimmen

Neben einleitender positiver Kritik findet sich explizites und implizites Zustimmen. Zustimmung kann als positive Bewertung des Gesagten aufgefasst werden. Durch sie wird der Beitragsinhalt implizit oder explizit positiv evaluiert. Zum Teil dient die Zustimmung auch dazu, negative Kritik einzuleiten. Die nun diskutierten Beispiele stammen nicht aus Beitragseinleitungen und werden deshalb als eine gesonderte Gruppe behandelt.

In den Sequenzen ist die positive Kritik nicht nur an positiven Bewertungen ablesbar, sondern sie ist auch eng an die subjektive Sicht und Einstellung des Akteurs gekoppelt. Es finden sich Gefühlsausdrücke und Ausdrücke des Konsenses. Im folgenden Beispiel handelt es sich um eine positive Reaktion auf einen Vortragskommentar:

047eTheoPmAsie haben RECHT (.) es gibt da neben einstein ja noch viel besseres beispiel a als faraday (.) i in vieler hinsicht (-) ahm (.)
048DANN geb ich ihnen natürlich (-) RECHT mit den naturzusammenhängen
049das freut mich dass (.) ah (-) ahm (-) ahm nicht nur ich theo als theoLOge das so sehe
050der beGRIFF des naTURzusammenhangs ist ein begriff den schleiermacher benutzt hat (-)

Sequenz 8:     eTheoPmA als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten PhyPmD; TK 3_2: 047-050.

Über die Routineformeln sie haben RECHT, geb ich ihnen natürlich (-) RECHT wird Zustimmung signalisiert, intensiviert durch natürlich, was auf die Einstellung des Sprechers hindeutet: Die Naturzusammenhänge sollen nicht diskutiert werden, sind nicht mehr verhandelbar; natürlich wirkt hier zusätzlich zur Intensivierung auch als Konsenspartikel. Darauf folgt direkt eine positive Bewertung dieser Ansicht mittels des Gefühlsausdrucks das freut mich. Diese Gefühlsäußerung und positive Bewertung sind gekoppelt mit einer bestimmten disziplinären Perspektive des Diskutanten: Dieser freut sich als theoLOge über Zustimmung ← 216 | 217 → und Unterstützung durch einen Physiker. Die Nennung des eigenen disziplinären Hintergrunds verweist auf die Fachidentität des Diskutanten, die er an dieser Stelle selbst relevant macht.

Positive Vortragskritik ist in vielen Fällen mit negativer Kritik verknüpft; sie können einander gegenseitig rahmen oder aufeinander folgen. In der nächsten Sequenz wird die negative Kritik in positive eingebettet, wobei die abschließende positive Kritik die zu Beginn des Beitrags geäußerte Kritik wieder aufnimmt und wiederholt. Die Sequenz zeigt das Schema POSITIVE KRITIKNEGATIVE KRITIKPOSITIVE KRITIK:

095BioPmAähn auf ihren vortrag zurückkommend
096sie (--) hatten (--) und des des hat mir sehr gut gefallen (-)
097sie ham evolution beschrieben als eine HYpothetische rekonstruktion (1.5)
098 und des fand ich ne ganz WICHtige sache
099weil so würd ich des AUch beschreiben eine HYpothetische rekonstruktion (1.5)
100 was MICH stört ist wenn evolution einfach blank (.)
101und JEtzt mein ich NICHT die im labor MESSbare das ist was anderes ja
102 sondern evolution in einem UMfassenden sinn
103 WENN die EINfach blAnk als tatsache beschrieben wi[rd]
104BioAnthPm[hm]
105BioPmAda krieg ich BAUchweh und da MEIne ich man sagt sehr viel mehr (.) als man sagen kann
106 und des deshalb wollt ich das nochmal hervorheben
107 dass ich des (.) SEhr damit einverstanden bin
108 evolution ist eine HYpothetische (.) rekonstrukTION
109und zwar von transformationsprozessen (--) von lebewesen (2.0)
110DURCH DIE am ENde und auf den punkt wollt ich nochmal <<zögernd> eingehen komplexität>> (2.0) äh erhöht wird

Sequenz 9:     BioPmA in der Fokusdiskussion mit BioAnthPm; TK 2_1: 095-110.

Diese Sequenz wird mit einem einordnenden Sprechakt eingeleitet, der die Referenz der Äußerung (= Vortrag) nennt. Das vom Vortragenden Gesagte, das für die Ausführung der Ansicht von BioPmA relevant ist, wird paraphrasiert und durch persönliche, positive Gefühlsausdrücke gerahmt: hat mir sehr gut gefallen und fand ich ne ganz WICHtige sache. Der erste Ausdruck weist auf die Zustimmung zum Gesagten hin, der zweite bewertet den Ansatz mit Emphase als WICHtig. Die positive Bewertung des Ansatzes signalisiert Zustimmung zu diesem, was durch die nachfolgende Begründung verdeutlicht wird: weil so würd ich des AUch beschreiben. Das heißt, hier wird durch die Einigkeit in der Evolutions-Beschreibung Anerkennung und positive Kritik geäußert. Die positive Vortragskritik und der Ausdruck von Konsens schaffen Nähe zwischen den Interaktanten, und zwar ← 217 | 218 → inhaltlich wie sozial. Mit was MICH stört wird die negative Kritik an anderen Evolutions-Auffassungen eingeleitet, wobei die Kritik nicht an eine bestimmte Person oder Personengruppe gebunden ist, sondern undefiniert bleibt. Auch hier hat die negative Bewertung eine starke emotionale und körperliche Komponente: Die Formulierung da krieg ich BAUchweh signalisiert körperlichen Schmerz und Unwohlsein, was durch die vom Sprecher als falsch bewertete Auffassung von Evolution hervorgerufen wird. Danach nimmt BioPmA die positive Kritik wieder auf und signalisiert seine Zustimmung zu dieser Beschreibungsweise.

Wie demgegenüber positive Kritik von negativer Kritik gerahmt wird, zeigt das folgende Beispiel mit dem Schema: NEGATIVE KRITIKPOSITIVE KRITIKNEGATIVE KRITIK.

166PhilPmAja (-) ähm DANN geht es mir ein bisschen so wie herrn [Nachname (PhyPmB)]
167 ich WARte dann (--) was jetzt kommt also (-)
168 ich schicke voraus damit das nicht die falsche stoßrichtung bekommt (-)
169 äh es ist SEHR dankenswert dass sie diesen sozialen dienst da betreiben und dass sie den menschen helfen
170 und ich (.) NEHme ihnen sogar ab
171PhyPsyDrmja
172PhilPmAdass ist eine interessante f psychologische
173PhyPsyDrmja ja
174PhilPmAja psycho!LO!gische geschichte (-)
175 dass sie (--) am TElefon sogar hören können ob jemand sie anlügt
176PhyPsyDrm[ja]
177PhilPmA[od]er ob er einen (--) bericht gibt
178PhyPsyDrmhm
179PhilPmAvon etwas wovon er betroffen ist=
180PhyPsyDrm=ja=
181PhilPmA=und dass es da kriTErien gibt nach [denen]
182PhyPsyDrm[geNAU (.) richtig]
183PhilPmAsie das feststellen DAS ist alles (.) geschenkt (.)
184 und äh dass wir AUCH nicht alles wissen
185 und dass da sozusagen ähm FÄLle auftreten können (.)
186 wo wir nicht beMERken (.) WOran liegts oder was wir sind RATlos
187PhyPsyDrmja
188PhilPmASO und MEIne frage als philosoph wäre (.)
189 was MACHen wir mit dieser RATlosigkeit
190 und meine antwort ist NUR (.)
191 wir BLEIben (.) bei unserem rationalitätsmodell der erFAHrungswissenschaften

Sequenz 10:   PhyPsyDrm als Vortragender in der Fokusdiskussion mit PhilPmA; TK 3_6: 166-191. ← 218 | 219 →

PhilPmA stellt verschiedene essenzielle Punkte infrage und äußert seine Meinung direkt und relativ forsch (nicht abgedruckt). Nach verschiedenen Klärungsversuchen signalisiert PhilPmA, dass die Erklärungen für ihn nicht ausreichend sind (ich WARte dann (.) was jetzt kommt). Plötzlich wird ein versöhnlicher Ton angestimmt und ein Dank ausgesprochen, um die formulierte Kritik einzuordnen: damit das nicht die falsche stoßrichtung bekommt. Die positiven Aspekte des Vortrags und der Arbeit des Vortragenden werden betont: SEHR dankenswert, sozialen dienst, den menschen helfen. Der soziale dienst und menschen [zu] helfen werden in der Gesellschaft positiv bewertet; im Kontext einer wissenschaftlichen Konferenz wird der Arbeit des Vortragenden allerdings Wissenschaftlichkeit abgesprochen, wenn diese als sozialer dienst beschrieben wird. Die Fähigkeit des Vortragenden, Lügen bereits während eines Telefongesprächs zu erkennen, wird als eine interessante f psychologische ja psycho!LO!gische geschichte erkannt und durch das Adjektiv interessant positiv bewertet. Der Ausdruck psycho!LO!gische geschichte für sich genommen hat dagegen einen abwertenden Beiklang, da es die Fähigkeit als solche nicht anerkennt, sondern als geschichte (im Sinne von ‚Geschichte erzählen, fabulieren‘, jedenfalls als unwissenschaftlich) abtut. Dennoch wird dem eine gewisse Wissenschaftlichkeit durch den Verweis auf die kriTErien (also wissenschaftliche Werte/Normen), anhand derer man Schwindel erkennen kann, zugeschrieben. PhyPsyDrm stimmt allem zu und bestätigt PhilPmAs Äußerungen durch ja, geNAU (.) richtig. Der Eindruck eines Konsens stellt sich jedoch nicht ein, teilweise durch die Ausdrücke geschichte und DAS ist alles (.) geschenkt, die beide durch den plötzlichen Wechsel in die Umgangssprache eher abwertend wirken, aber vor allem durch die abschließende rhetorische Frage mit nachfolgendem Lösungsvorschlag: SO und MEIne frage als philosoph wäre (.) was MACHen wir mit dieser RATlosigkeit und meine antwort ist NUR (.) wir BLEIben (.) bei unserem rationalitätsmodell der erFAHrungswissenschaften. Das Problem der Ratlosigkeit wurde vom Vortragenden nicht gelöst, steht also immer noch als Frage im Raum und muss vom Diskutanten selbst beantwortet werden – so zumindest wird es von PhilPmA dargestellt. Auch hier wird die eigene Fachidentität explizit genannt und so die Perspektive verdeutlicht: als philosoph. Zusätzlich zum Problem der offenen Frage spricht PhilPmA das Bleiben beim Rationalitätsmodell an, was ebenso implizit einen Angriff auf PhyPsyDrms Ausführungen darstellt, weil dessen vorgestelltes Modell von PhilPmA noch nicht als ein rationales akzeptiert wurde.

Im obigen Beispiel wird der Dank als Feststellung geäußert und nicht als „Ich-Botschaft“: es ist SEHR dankenswert (es ist eins der beiden Beispiele, bei denen Dank innerhalb eines Diskussionsbeitrags und nicht einleitend signalisiert wird). Damit steht das Beispiel im Kontrast zu folgenden, in dem der Akteur dem Vortragenden direkt und persönlich dankt: ← 219 | 220 →

128PhilPmA=ja ich danke ihnen für diese beMERkung
129 denn wir sollten auch in dieser !TA!gung (-)
130 bei aller orientierung jetzt am ersten vortrag von einem theologen
131 nicht vergessen (-) dass wir auch noch den menschen in der profaniTÄT haben (.)
132 und dass wir auch (.) ARELIgiöse (.) menschen UNter uns haben (.) ja
133 und dass DIE ja !AUCH! unter die verbindlichkeit von recht und ethik zu stellen sind (-)
134 und ich würde ihnen in der sache (.) !VÖLL!ig (.) ZUstimmen (.)

Sequenz 11:   PhilPmA als Moderator in der Plenumsdiskussion (Reaktion auf Äußerung von ChemPmB); TK 3_2: 128-134.

Der Dank wird nachfolgend begründet (eingeleitet durch denn), wobei die Begründung durch die Verwendung von wir sollten den Charakter einer Empfehlung oder Mahnung aufweist (das Modalverb im Konjunktiv sollten in Verbindung mit dem direktiven Sprechakt weisen darauf hin). Die von einem Diskutanten geäußerte Bemerkung wirkt als Auslöser und veranlasst den Moderator dazu, die Diskussion zu regulieren und das Publikum (durch ein inklusives wir) anzuweisen.

Positive und negative Kritik können auch einander abwechseln: POSITIVE KRITIKNEGATIVE KRITIKPOSITIVE KRITIKNEGATIVE KRITIK. Hierdurch werden verschiedene strittige oder unstrittige Punkte betont, wie das folgende Beispiel zeigt:

130kTheoMaPmja ich hätte folgende frage an den herrn (.) [Nachname (PhilNaWiPm)] (.)
131 ich glaube sie haben uns eine form von rationaliTÄT und von WELTZUgriff vorgeSTELLT
132 die in der tat UNverzichtbar ist (--) in unserer welt
133 allerdings (.) bin ich der meinung dass es verSCHIEdene formen von rationalität gibt (--)
134 u::nd ich halte es für eine verKÜRzung !NUR! (-) IHre form von rationalität und weltzugriff
135 als (.) die einzige GELten zu lassen
136 ich nenne sie einmal den naturwissenschaftlichen weltzugriff (-)
137 ich finde diesen wie gesagt wirklich sehr beDEUtungsvoll (-)
138 ich MEIne aber dass es verschiedene formen von rationalität gibt
139 ich möchte zumindestens noch zwei nennen (-)

Sequenz 12:   kTheoMaPm als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit PhilNaWiPm; TK 2_4: 130-139. ← 220 | 221 →

Der obige Ausschnitt beginnt mit dem Äußern der subjektiven Meinung, eingeleitet durch ich glaube, zum Rationalitätsbegriff und zur Art des Weltzugriffs. Die vom Vortragenden geäußerten Inhalte bzw. dessen Verständnis werden als UNverzichtbar bewertet, was in diesem Kontext mit der Bedeutung ‚essenziell, wichtig‘ durch die positive Konnotation als positiv bewertet gesehen werden kann. Im Anschluss an diese positive Bewertung äußert kTheoMaPm allerdings eine Widerspruchssequenz (eingeleitet durch aber) und führt seine Ansicht aus. Er betont erneut, dass er den Ansatz des Vortragenden für wichtig hält: ich finde diesen wie gesagt wirklich sehr beDEUtungsvoll. Das Adjektiv beDEUtungsvoll unterstreicht die Wichtigkeit und Relevanz, wird intensiviert durch sehr. Im Anschluss daran wechselt der Diskutant nochmals in die Vortragskritik und leitet eine Widerspruchssequenz, wieder durch aber, ein. Insgesamt werden der Vortrag sowie die Begriffskonzepte demnach positiv bewertet, wobei Abschnitte mit negativer Kritik eingebettet werden. Die face-Bedrohung des Vortragenden wird abgeschwächt, da durch Zustimmungen und positive Bewertungen die negative Kritik abgemildert wird.

Positive Kritik kann auch mit ironischem Unterton und humorvoll vorgebracht werden. Das folgende Beispiel zeigt, wie der Diskutant mit den Hörererwartungen spielt und seinen als negative Kritik eingeleiteten Beitrag in eine positive Vortragskritik wendet; ein mögliches Schema hierfür, das den bisherigen folgt, wäre NEGATIVE KRITIK imgimg POSITIVE KRITIK:

001PhyPmBum jetzt zu ihrem VORtrag zu kommen
002 ich hab ein pro!BLEM! mit ihrem vorTRAG (--) und zwar (---)
003 während ich den MEISten theologen wenn ich sie höre beliebig oft und heftig widersprechen kann
004 geLINGT mir das bei ihnen nicht
005Publikum((lacht, 5sek))

Sequenz 13:   PhyPmB in der Fokusdiskussion mit eTheoPmB; TK 3_3: 001-005.

PhyPmB äußert gegenüber eTheoPmB, ein Problem mit dem Vortrag zu haben. Der Vortragende und das Publikum werden damit auf einen negativ-kritischen Beitrag vorbereitet. Im Normalfall beziehen sich Probleme dabei auf Inhalte, Methoden o. Ä. und sind typischerweise von Hörern in einer solchen Situation erwartbar. Dies entspricht aber nicht dem, was PhyPmB hier thematisiert. Sein Problem besteht darin, dass er in seiner eigenen Erwartung, nämlich Theologen immer widersprechen zu können, enttäuscht wurde: während ich den MEISten theologen wenn ich sie höre beliebig oft und heftig widersprechen kann geLINGT mir das bei ihnen nicht. Der humorvolle Ton lässt auf Sympathie mit dem Fokusdiskutanten schließen, kann auch auf Überraschung seitens des Diskutanten hinweisen (der ← 221 | 222 → es ja gewohnt war zu widersprechen). Durch die Äußerung der Einsicht, dass kein Widerspruch möglich ist bzw. dass er für diesen keinen Grund findet, signalisiert der Diskutant PhyPmB implizit positive Kritik und Zustimmung. Es folgt daher auf diese Sequenz eine Äußerung, die keine strittigen Punkte enthält, sondern inhaltlich-thematisch weiterführt. Durch die Abwesenheit von Widerspruch und Dissens – ebenso durch die humorvolle Art der positiven Kritikäußerung und Selbstoffenbarung – signalisiert der Diskutant Konsens. Er grenzt den einen Theologen, mit dem er sich im Gespräch befindet, von den MEISten theologen ab; dieser erfährt dadurch implizit eine Aufwertung aus der Perspektive des Diskutanten PhyPmB.

Positive Kritik kann nicht nur fremde, sondern auch die eigene Arbeit betreffen, wie das nächste Beispiel zeigt:

299PhyPsyDrmund ich HÄTte das AUCH noch erzählt ich hab ja ein Paper da (-)
300 das heißt äh complex ä äh interaction with environment (.) und so weiter
301 man KANN TATsächlich SEhen (.) sind interessante sachen

Sequenz 14:   PhyPsyDrm in der Fokusdiskussion mit PhilPmA; TK 3_6: 299-301.

Der Vortragende, der sich schon eine Zeit lang gegen Angriffe (vor allem der Infragestellung der Wissenschaftlichkeit seiner Arbeit) verteidigt, verweist auf eine seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Er gibt den Titel an, wodurch eine eventuelle Recherche erleichtert wird. Er unterstützt seine Argumentation dadurch, dass er auf die Sichtbarkeit und Evidenz seiner Analysen hinweist: man KANN TATsächlich SEHen. Text- und damit die Forschungsinhalte werden darauffolgend positiv bewertet: sind interessante sachen. Es kommt eine abgeschwächte Form des Eigenlobs zum Ausdruck, die sich in der positiven Kritik des eigenen Textes bzw. der Forschungsinhalte äußert. Dieses Verfahren, positive Aspekte der eigenen Arbeit anzuführen und sich damit gegen negative Kritik zu verteidigen, wird in Kapitel 6.3 besprochen.

5.2.3  Zusammenfassung: Positives Kritisieren

Positive Kritik in Form von Dank oder Zustimmung ist, wie erwartet, zum Großteil in Routineformeln konventionalisiert, vor allem in den Fällen, in denen positive Kritik zu Beginn eines Redebeitrags geäußert wird (vgl. Tab. 23). ← 222 | 223 →

Tabelle 23:  Übersicht über Formulierungen der positiven Kritik.

TypRoutineformel
DANKENdanke, (vielen, herzlichen) Dank, bedanke mich, ich danke Ihnen, es ist dankenswert, ich möchte/muss/wollte mich bedanken
ZUSTIMMEN  ich gebe Ihnen recht/Sie haben recht, ich stimme Ihnen zu/würde Ihnen zustimmen, hat mir sehr gut gefallen, sehr damit einverstanden, finde x wirklich sehr bedeutungsvoll, begrüße ich sehr

Der Dank wird dann durch (be)wertende Adjektive ergänzt, wenn die (ambivalente) Einstellung dem Vortrag gegenüber deutlich gemacht werden soll (bspw. materialreichen/flotten Vortrag). Im Normalfall gibt es keine verbale Reaktion auf einleitende Danksequenzen oder Zustimmungen innerhalb eines Beitrags (Zustimmungen, die sich im nonverbalen Verhalten äußern, wie z. B. Kopfnicken oder Lächeln, können aufgrund der Beschaffenheit des Datenmaterials nicht erfasst werden).

Positive Kritik bezieht sich in den überwiegenden Fällen auf Vortragsinhalte (Kategorisierungsvorschläge, Methoden, Beschreibungsmöglichkeiten, Begriffsdefinitionen), seltener auf Diskussionsbeiträge. In einem Fall findet sich eine positive Selbstkritik. Durch positive (aber auch durch negative) Kritik signalisiert der Sprecher Kompetenz und Expertenschaft, da er Fachwissen und eigene Erfahrung benötigt, um kritische Punkte und Lobenswertes zu identifizieren (vgl. Kap. 7). Die folgende Tabelle (Tab. 24) gibt Aufschluss darüber, welche Werte jeweils der positiven Kritik zugrunde liegen:

Tabelle 24:  Übersicht über die positiver Kritik zugrunde gelegten Werte.

ReferenzkategorieWert
AnalyseZugrundelegen von Kriterien
(Vortrags-)InhaltDifferenziertheit Neuartigkeit
TheoriebildungAngemessenheit der Phänomenbeschreibung Beachtung aller Möglichkeiten
Wissenschaftliches ArbeitenReflexion eigener Grenzen Sprachkritische Reflexion

Auffallend ist, dass positive Kritik oftmals dazu verwendet wird, negative Kritik einzuleiten oder zu rahmen (vgl. Tab. 25). Damit folgen die Beiträge klassischen ← 223 | 224 → Feedbackregeln (z. B. Fengler 2009), denen zufolge negative Aspekte nie alleine, sondern zusammen mit positiven Aspekten thematisiert werden sollen.

Tabelle 25:  Übersicht über die Schemata positiver und negativer Kritik.

SchemaBeschreibungBeispielsequenz
+ – +Die negative Kritik wird von positiver Kritik gerahmt, um die face-Bedrohung abzumildern.Sequenz 9
– + –Die positive Kritik wird in eine überwiegend negative Rückmeldung eingeschoben, um zu zeigen, dass das Positive anerkannt wird; kann Imagebedrohungen abschwächenSequenz 10
+ – + –Positive und negative Kritik wechseln, um deutlich zu machen, welche Punkte kritisiert und welche honoriert werden; so wird das face des Kritisierten geschont.Sequenz 12
imgimgVordergründig negative Kritik wird durch eine doppelte Verneinung in eine positive Kritik gewendet (humorvolle Abwandlung).Sequenz 13

Dank- und Zustimmungssequenzen bewirken in der Regel Nähe zwischen den Diskutanten in Bezug auf die angesprochenen Themen80. Zudem können sie Solidarität anzeigen oder zu einer Aufwertung eines Diskutanten führen. Vor allem aber sind sie ein Element der höflichen Kommunikation und dienen dazu, dem Bedürfnis nach Gesichtswahrung des Anderen nachzukommen.

5.3  Negative Kritik

Für die Analyse der negativen Kritik müssen die beiden Diskussionstypen Fokus- und Plenumsdiskussion getrennt voneinander betrachtet werden. Beide Typen unterscheiden sich stark hinsichtlich ihrer Struktur, was Auswirkungen auf das Diskussionsverhalten der Teilnehmer hat. In den Fokusdiskussionen werden zwei Diskutanten einander gezielt gegenübergestellt, die aus verschiedenen Disziplinen kommen und von denen bekannt ist, dass sie konträre oder zumindest sehr unterschiedliche Ansichten vertreten (dieses besondere Format ist typisch für die Tagungen 2 und 3 des Korpus). Daher ist hier Dissenspotenzial von vornherein gegeben und explizit gewünscht. Da Fokusdiskussionen ausschließlich zwischen ← 224 | 225 → den beiden gewählten Diskussionspartnern stattfinden, die sich im Vorfeld der Tagung darauf vorbereitet haben, wird die Diskussion nicht moderiert (außer zu Beginn und Ende oder bei organisatorischen Fragen). Die Turnwechsel werden demnach ausschließlich von den beiden Teilnehmern ausgehandelt, was die Flexibilität der Reaktionsmöglichkeiten gegenüber den Plenumsdiskussionen stark erhöht. Außerdem steht den Diskutanten in den Fokusdiskussionen insgesamt mehr Redezeit zur Verfügung, da ein bestimmter Diskussionszeitraum im Programm vorgesehen ist. In Plenumsdiskussionen dagegen sind, wie allgemein üblich, kurze Rückmeldungen in Form von Fragen, Kommentaren, Bemerkungen u. Ä. erwünscht, um anderen Diskutanten die Möglichkeit zu Beiträgen zu geben. In der Regel wird das Rederecht vom Moderator entlang der Rednerliste an einen neuen Diskutanten vergeben, sobald der Vortragende auf einen Beitrag geantwortet hat. Daher kommt es seltener zu mehreren Turnwechseln zwischen einem Diskutanten und dem Vortragenden.

In der folgenden Darstellung wird zuerst negative Kritik in den Plenumsdiskussionen betrachtet, bevor auf negative Kritik in Fokusdiskussionen eingegangen wird. Danach erfolgt eine Gesamtdarstellung der sprachlichen Mittel und der Kritik zugrundeliegende Werte, die sich auf beide Diskussionstypen beziehen.

5.3.1  Negative Kritik in den Plenumsdiskussionen

Es ist ein wichtiges Merkmal der Plenumsdiskussionen, dass es kaum zu einer längeren Wechselrede zwischen einem Diskutanten und dem Vortragenden kommt. In vielen Fällen äußert der Diskutant seinen Beitrag, worauf der Vortragende reagiert. Eine erneute Rückmeldung des Diskutanten ist in solchen Diskussionen eher selten und unüblich. Kommt es dennoch dazu, so zeigen die untersuchten Sequenzen, dass Diskutanten häufig verschiedene kritische Punkte benennen oder auf einem Kritikpunkt beharren. In solchen Fällen entwickeln die Diskussionen ihre eigene Dynamik; um diese zu erhalten und wiederzugeben, werden die Belegsequenzen nicht nach Kritikpunkten und zugrunde gelegten Werten sortiert, sondern in ihrem Gesamtzusammenhang bearbeitet.

Die Diskussionen verlaufen bis auf wenige Ausnahmen rational und sachorientiert. Sobald sich der Diskussionsmodus in Richtung emotional und personenorientiert verschiebt, wird in den Beschreibungstexten zu den Sequenzen darauf hingewiesen.

Die in der negativen Kritik aufgerufenen Werte können verschiedenen Referenzkategorien zugeordnet werden. Kritisiert werden (1) das Wissenschaftsverständnis (Kap. 5.3.1.1), (2) Methoden (Kap. 5.3.1.2) und (3) der theoretische Ansatz (Kap. 5.3.1.3). Zudem werden innerhalb einer Diskussion verschiede ← 225 | 226 → ne Kategorien angesprochen, die auf Basis bestimmter Werte kritisiert werden: (a) Modell- und Terminologiekritik, (b) Kritik am gewählten Beispiel, der Terminologie und dem Anspruch des Vortrags, (c) Kritik am experimentellen Setting, (d) Kritik an der Methode, der Hypothese und an der Präsentation, (e) Kritik an der Argumentation und Präsentation. Diese Kategorien und der Kritik zugrundeliegende Werte werden in der genannten Reihenfolge behandelt (Kap. 5.3.1.4).

5.3.1.1  Kritik am Wissenschaftsverständnis

In der folgenden Sequenz wird das von SozPm zugrunde gelegte Wissenschaftsverständnis negativ bewertet und kritisiert. EthAplPm distanziert sich von SozPm und dessen Wissenschaftsverständnis (ich stimme ihnen überHAUPT nicht zu wenn sie sagen), dem eine bestimmte Disziplinhierarchie zugrunde liegt: Er hält die wissenschaftshierarchien für überholt und nich mehr einleuchtend. Das Hierarchiegefüge besagt, dass die Philosophie nichts mehr beisteuern kann, wenn die Physik bereits ein bestimmtes Naturbild konstruiert hat:

018EthAplPmpunkt EINS ich stimme ihnen überHAUPT nicht zu wenn sie sagen (-)
019 wir ham ein bestimmtes naturbild in der physik (--) öhm
020 (-) und das ist sozusagen postheisenberg öh
021 ist das sozusagen obsolet über natur als gegenstand zu reden
022 das na das naturverständnis der physik ist ein ANderes (--)
023 und zwar fundamental anderes als das (.) äh was in den umweltwissenschaften verhandelt wird
024 ob das GUT ist oder nicht ist ne frage
025 aber sie können sozusagen nicht hergehen und sagen
026 die physiker ham sich was ausgedacht (.) also müssen wir jetzt still sein
027 also sozusagen DIEse art von von hierarch von von von wissenschaftshierarchien äh
028 ist glaub ich tatsächlich nicht mehr nich mehr EINleuchtend
029 der punkt mit der ethik (---) DAS ist tatsächlich (.)
030 also ich stimm ihnen zu wir wir leben in einer pluralen gesellschaft
031 und wir ham alles mög wir ham alle möglichen schwierigkeiten
032 aber die konsequenzen daraus kann ja nicht zu sein (-) äh
033 dass wir uns sozusagen des philosohischen arguments jetzt GAR nicht mehr (-) bedienen

Sequenz 15:   Diskutant EthAplPm in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden SozPm; TK 1_2: 018-033. ← 226 | 227 →

EthAplPm stimmt SozPm in Bezug auf die Schwierigkeiten in einer pluralen Gesellschaft zu, kommt aber zu anderen Schlussfolgerungen und Konsequenzen als SozPm. Nach EthAplPm kann auf die Philosophie nicht verzichtet werden, auch wenn die Naturwissenschaften dominieren. Der wissenschaftliche Wert, der hier angesprochen wird, ist Gleichordnung der Disziplinen. Dies impliziert, dass Geistes- und Naturwissenschaften einander kritisch hinterfragen, Forschungsergebnisse kontrastieren und reflektieren sollten; dies nicht zu tun, widerspreche dem wissenschaftlichen Selbstverständnis, so EthAplPm.

5.3.1.2  Methodenkritik

Das methodische Vorgehen wird in zahlreichen Sequenzen kritisiert. Der Kritik liegen allerdings verschiedene Werte bzw. Regeln guten wissenschaftlichen Arbeitens zugrunde: Registrierbarkeit/Beobachtbarkeit und Sorgfalt/Akribie/Gründlichkeit. Der Vorwurf einer Nicht-Einhaltung dieser Grundwerte ist gesichtsbedrohend, da dies den Vorwurf unwissenschaftlicher Forschung bedeuten würde.

In der folgenden Sequenz werden die Werte Registrierbarkeit und Beobachtbarkeit thematisiert. SozPDmA spricht als Vortragender in der Diskussion über Nichtwissen, die Art und Weise, in der darüber gesprochen wird, und sein Interesse daran. Das Nichtwissen, das für ihn von Interesse ist, grenzt er von keine ahnung haben ab, das zwei seiner Kollegen als UNgewusste[s] nichtwissen bezeichnet haben. Dies sei soziologisch für ihn uninteressant, weil er es ja regisTRIERN können, beobachten können müsse:

143SozPDmANICHTwissen ist ja irgendwie son abwesender GEgenstand ja
144 aber (.) hier (.) deswegen bin ich daran interessiert
145 auch in der kooperation ((unverst., 1.5sek)) und so weiter
146 da kann man zeigen ((unverst., 2sek)) in diesem interview
147 dieser interviewsequenz an DER stelle wurde darüber kommuniziert
148 und DAS ist ein ANderes nichtwissen als keine ahnung haben
149 das das UNgewusste nichtwissen wie es die kollegen [Nachname; anwesend][Nachname] und co genannt haben
150 das ist ja öh ö (-) sachen die die sozioLOgisch für mich UNinteressant sind ne
151 ich muss es ja regisTRIERN können muss ja beobachten können ne

Sequenz 16:   SozPDmA als Vortragender in der Plenumsdiskussion; TK 1_4: 143-151.

Damit steht der implizite Vorwurf gegen die beiden Kollegen im Raum (einer davon ist im Publikum anwesend), sich mit der ‚falschen‘ Form von Nichtwis ← 227 | 228 → sen zu beschäftigen, das weder beobachtbar noch registrierbar sei. Es sei daher fraglich, ob man sich mit einem solchen Nichtwissen überhaupt wissenschaftlich befassen könne, da es ja einen abwesende[n] GEgenstand darstelle. Durch das fundierte Kritisieren von Kollegen demonstriert SozPDmA, dass er sich in der Forschungslandschaft seines eigenen Fachs auskennt, sich mit der Literatur auseinandergesetzt hat und diese evaluieren kann. Durch das Verweisen auf die Werte der Registrierbarkeit und Beobachtbarkeit stärkt er diese als Grundlage des wissenschaftlichen Arbeitens. Obwohl die Kritik sachlich geäußert wird, ist sie stark personenbezogen und hat daher großes gesichtsbedrohendes Potenzial für die kritisierten Kollegen. Der Anwesende reagiert auf diese Kritik allerdings nicht hörbar und der Abwesende hat keine Möglichkeit zur Reaktion, was problematisch für sein Image als kompetenter Wissenschaftler ist: Beide Soziologen haben für die Fokussierung auf die diskutierte Form des Nichtwissens ihre Gründe, können oder wollen diese aber nicht erläutern.

Sorgfalt und Akribie stehen in der nächsten Sequenz im Mittelpunkt. Der nachfolgend abgedruckte Transkriptauszug stammt aus einer Diskussion, an der sich ausschließlich Naturwissenschaftler beteiligen. Sie diskutieren und vor allem den Begriff Verschränkung. PhilPmC kann zu diesen kompliZIERten physikalischen und sonstigen fragen als Geisteswissenschaftler nichts beitragen – dort fehlen ihm Kompetenz und Fachwissen – und verlagert deswegen die Diskussion auf eine andere Ebene:

064PhilPmCalso in kürze (--)
065 ich äh möchte mich NICHT mit diesen kompliZIERten physikalischen und sonstigen fragen beschäftigen
066 sondern (--) zunächst ähm ä nur DAS angeben in bezug auf die erFAHrung (--)
067 SIND das denn überhaupt erfahrungen die sie da heranziehen (---)
068 das NAHEliegendste wäre ja wenn man RATlos ist (.) und nicht ä etwas nicht erKLÄren kann (-)
069 dass man erstmal schaut wie kann das denn ZUgegangen sein (---)
070 und DA kann ich nur die (--) den den SELben äh (.) di dieselbe VORsichtsäußerung ä BEItragen
071 wie bei den (.) KERNkraftwerken (.)
072 man hat vielleicht fünf möglichkeiten AUSgeschlossen (---)
073 da SO ist es !NICHT! passiert und die SECHSte (.)
074 so !WIE! es passiert ist
075 an die HAT man nicht gedacht (---)
076 und [wenn sie sagen ]
077PhyPsyDrm     [vollkommen in ordnung]
078PhilPmCsie haben dreitausend FÄLle im jahr (---)
079 da !KÖN!nen sie ja unMÖGlich DIE mit der entsprechenden akribie untersuchen (-) ← 228 | 229 →
080 also es GIBT (.) so UNgeheuer viele MÖGlichkeiten
081 WIE etwas durch ganz äh beKANNte naTURgesetze erklärt werden kann (--)
082 dass es sehr UNwahrscheinlich ist dass man so (.) ruckZUCK (.)
083 bei solchen sachen die andern leuten auch rätselhaft sind (.)
084 auf eine erklärung (.) kommt die es dann vielleicht doch !GE!ben könnte
085PhyPsyDrmalso DA haben sie natürlich vollkommen !RECHT! äh
086 ich würde AUCH nicht den mut haben hier ihnen sowas VORzutragen (.)
087 wenn ich ä nicht EInige fälle SO gründlich untersucht hätte (-)
088 dass ich da sagen kann !HIER! ist es so gut wie AUSgeschlossen dass jemand manipuliert hat oder so
089 naTÜRlich gibts IMMERnoch ä fälle die einem nicht eingefallen sind
090 das ist KLAR das ist ne offene frage (.)
091 !ABER! DAS ist nun ein punkt der in der wissenschaft ganz häufig AUFtritt (-)
092 man man soll ein modell solange dehnen wie es GEHT (.) und solange aufrechterhalten wie es GEHT
093 aber IRgendwann mal kann man auch an zu den punkt kommen
094 ich hab das jetzt genügend überprüft ich äh ich versuch jetzt mal ein neues modell
095 und nix anderes hab ich gemacht

Sequenz 17:   PhilPmC als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit PhyPsyDrm; TK 3_7: 064-095.

PhilPmC fokussiert auf Erfahrung und schafft damit einen philosophischen Anknüpfungspunkt. Seine Herangehensweise besteht darin, auf ein allgemein bekanntes Problem zu verweisen, das er am Beispiel der Kernkraftwerke festmacht. Er spricht die Warnung aus, dass genau der Fall eintreten könnte, an den man nicht gedacht hat. Bei der großen Anzahl von Fällen, die PhyPsyDrm im Jahr zu lösen versuche, !KÖN!ne[…] [er] ja unMÖGlich DIE mit der entsprechenden akribie untersuchen. Es gebe UNgeheuer viele MÖGlichkeiten WIE etwas durch ganz äh beKANNte naTURgesetze erklärt werden kann. Die negative Kritik wird hier in der Unmöglichkeit von als nötig charakterisierter Sorgfalt in den Untersuchungen angesprochen. PhilPmC unterstellt dem Vortragenden PhyPsyDrm damit, zu vorschnell (ruckZUCK) auf Spukphänomene zu schließen, da er gar nicht genug Zeit habe, alles gründlich und sorgfältig zu analysieren. PhyPsyDrm stimmt der Ansicht, dass man nicht vorschnelle Schlussfolgerungen in Richtung Spuk ziehen, sondern alles gründlich untersuchen müsse, uneingeschränkt zu: also DA haben sie natürlich vollkommen !RECHT!. Es wird nicht deutlich, ob ← 229 | 230 → PhyPsyDrm die Äußerungen von PhilPmC als Angriff versteht, da er nicht verteidigend reagiert, sondern eher so, als hätte PhilPmC nichts Kritisches angesprochen. Dies kann eine sehr erfolgreiche Kritik-Abwehrstrategie sein. Zwar signalisiert er, dass er sein Forschungsgebiet für schwierig hält und um die Kritikpunkte weiß (mut haben), verweist dann aber auch die Gründlichkeit seiner Untersuchungen: wenn ich ä nicht EInige fälle SO gründlich untersucht hätte (-) dass ich da sagen kann !HIER! ist es so gut wie AUSgeschlossen dass jemand manipuliert hat oder so. Dadurch stärkt er den Wert der Gründlichkeit und entkräftet damit die negative Kritik von PhilPmC, der auf mangelnde Akribie hingewiesen hatte. PhyPsyDrm gesteht mögliche Fälle ein, die konventionell erklärbar seien, charakterisiert dies aber als allgemeinwissenschaftliches Phänomen: !ABER! DAS ist nun ein punkt der in der wissenschaft ganz häufig AUFtritt. Er entlastet sich, indem er sich als Wissenschaftler mit den gleichen Problemen wie alle anderen positioniert. Die Kritik wird relativiert und ist damit weniger gesichtsbedrohend, da die identifizierten, möglichen Unsicherheiten alle Wissenschaftler betreffen.

5.3.1.3  Kritik am theoretischen Ansatz

Im Zusammenhang mit der Kritik am theoretischen Ansatz werden Reflektiertheit und Verantwortung im Umgang mit Bildern, Korrektheit von Prämissen, ständiges Kritisieren und Hinterfragen, Begründetheit der Aussagen, Vermeiden von Allsätzen, (Allgemein-)Gültigkeit, Angemessenheit und umfassende Beachtung von Aspekten in Beschreibungen als Werte genannt.

In der folgenden Sequenz bringt ForstwDrm seine Zweifel bezüglich der Tauglichkeit von Bildern zur Darstellung von Nichtwissen vor:

007ForstwDrmäm (-) MEIne FRAge WÄre lässt sich unsicherheit oder nichtwissen (2.0) TATsächlich in BILdern darstellen
008 oder mit bildern illustrIEren ä ODER (---) ist es nicht so dass (2.0)
009 umgekehrt BILder eigentlich (.) stets in irgendeiner weise !WIS!sen oder eindeutigkeit (-) NOTgedrungen herstellen
010 und zwar (--) kommt mir der gedanke wenn ich an die: an die !KAR!ten gestern von [Vorname Nachname] denke
011 der irgendwelche BAUMarten verbrEItungskarten an die wand wirft
012 und dann sagt damit geht er in die forstliche praxis
013 und ZEIgt die was (-) und sagt GLEICHzeitig vorher mit einem UNwahrscheinlichen rhetorischen apparat
014 << mit leicht verstellter Stimme> DAS was wir jetzt SEhen da stecken WAHNsinnig viele unsicherheiten drin
015 (-) und das ist nur EIN szenario>> und so weiter
016 und wenn man sich dann anguckt wie !TROTZ!dem so ein bild !WIR!kt wenns in die praxis kommt (---) ← 230 | 231 →
017 äh wie das jetzt realität beansprucht (-)
018 dann kommt mir son son äh satz von äh (-) von uwe pörksen in in äh (.) ge äh in sinn
019 der mal sagte (.) naja man kann EIgentlich GEgen ein diagramm NIEmals mit worten (.) ankommen
020 und kann also sozusagen (-) eine AUSsage die durch ein diagramm durch ein BIld getroffen wird (2.0)
021 im wort sozusagen real äm relatiVIEren
022 man kann stets nur mit nem KÖNNTE stets nur mit nem (.) GEgenbild antworten
023 also lässt sich (.) unsicherheit irgendwie (.) überhaupt BILDlich darstellen

Sequenz 18:   ForstwDrm als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit der Vortragenden PhilDrhaw; TK 1_9: 007-023.

Im Zuge der Zweifelsäußerung kritisiert ForstwDrm einen nicht mehr anwesenden Dritten, der namentlich genannt wird. Dieser hatte am Vortag in seiner Präsentation geäußert, dass er mit Grafiken und Bildern Szenarien darstelle und glaube, damit Unsicherheit abbilden zu können. Das Pronomen irgendwelche in seiner Bedeutung als ‚beliebig, nicht von besonderer Art‘ vor baumarten signalisiert Abwertung und negative Kritik seitens ForstwDrm. Ebenso wird der Umgang mit den Bildern kritisiert, da sie zwar mit einem UNwahrscheinlichen rhetorischen apparat als unsichere Szenarien charakterisiert worden seien, in der Praxis allerdings eine große Wirkung entfalteten und Realität beanspruchten. Der Wert, der hier implizit aufgerufen wird, lautet verantwortungsvoller Umgang mit Bildern und Grafiken. Durch den nachfolgenden Hinweis auf Uwe Pörksen beweist ForstwDrm Kenntnis der Forschungslandschaft und der relevanten Forschungsliteratur. Die Kritik am Vortrag des Dritten sowie die Bevorzugung des Ansatzes von Pörksen münden in der erneuten, an PhilDrhaw gerichteten Frage, ob Unsicherheit in Bildern erfasst werden kann. PhilDrhaw stimmt ForstwDrm zu und unterstützt damit dessen Kritik am abwesenden Dritten:

024PhilDrhawöff solln wir sammeln oder (2.5) ich darf ok (--)
025 äm (-) nein naTÜRlich lässt sich unsicherheit ä nicht DARstellen
026 äh weil äh (-) äh (1.5) auch NIchtwissen
027 also ich mein des is ja des is ungefähr desselbe paradox wie he wie bei wie bei nichtwissen ne
028 also se können natürlich nicht WISsen was wir (-) äh was wir was wir NICHT wissen
029 und was wir dann also demzufolge äm irgenwie in eim in einer form ähm ja (---) DARstellen können SOLLten (.)
030 äm aber trotzdem äh ist es so dass sie äh dass die BILder
031 also ich würd eher so sagen dass äh bilder provoZIEren (--) äm unsicheres äh unsicheres wissen
032 auch äh (.) unsicheres wissen AUSzumachen und das ist ähm ← 231 | 232 →
033 das ist das was ich auch versucht hab in dieser (--) äh in dieser tabelle (---) äh hier darzustellen
034 dass äm das (1.5) äh bilder eben (.) ähnlich wie (---) äh wie äh NEUe objekte oder oder begriffe (.) äh
035 auf neue fragen äm hinführen KÖNnen
036 und insofern dann eben auf äh auf (-) nichtwissen äm äh auch (1.5) HINweisen (.) ähm hinweisen !KÖNN!en

Sequenz 19:   ForstwDrm als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit der Vortragenden PhilDrhaw; TK 1_9: 024-036.

PhilDrhaw bezeichnet den Versuch, Nichtwissen in Bildern abzubilden, als paradox. Die Aussagekraft von Bildern im Hinblick auf Unsicherheit wird von ihr modifiziert, was sie als Alternative präsentiert (und auch schon im Vortrag darzustellen versucht hat): also ich würd eher so sagen dass … (Z. 031-036). Gemeinsam werten ForstwDrm und PhilDrhaw die Meinung sowie die Kompetenz des abwesenden Vortragenden ab, bestätigen einander in ihrer Überzeugung sowie in ihren zugrunde gelegten Werten: Reflektiertheit und Verantwortung im Umgang mit Bildern. Vortragender und Diskutant (und damit evtl. auch das Publikum) stellen sich damit gemeinsam gegen den Abwesenden, der sich nicht gegen die Kritik verteidigen kann. Das Potenzial der Imagegefährdung ist hier besonders groß.

Im folgenden Beispiel wird der theoretische Ansatz von PhilPmB kritisiert. Diesen hält PhilPmA für zu dogmatisch. Damit wirft er dem Vortragenden PhilPmB vor, zu ‚unkritisch an einem Dogma festhaltend‘ (Duden) zu argumentieren:

028PhilPmBwas ich da SAgen will ist WENN das klavierspielen zu einer PRAxis ausgebaut wird (-)
029 dann besteht es aus SO VIElen einzelheiten da sind auch noch ANdere leute beteiligt
030 der kla!VIER!lehrer die ZUhörer die f !ehe!frau sagt jetzt
031 HÖR mal DAS ist jetzt bei mir ANgekommen (.) DANN ä (--) ä
032 dann wird das MEHR und MEHR in (.) dahinein AUFgenommen (-)
033 dass NICHT nur das (.) äh ä fokusSIERte gelingen der EINzelnen handlung ne 1[rolle spielt]1
034PhilPmA                1[ja (.) ja    ]1
035PhilPmBsondern das dann wird das geLINgen etwas stabiler
036 2[wenn das zu einer praxis]2
037PhilPmA2[ich habs verSTANden      ]2 (.)
038 MIR ist es zu dogmatisch (--)
039 mir ist es zu dogMAtisch (.)
040 WEIL es AUSschließt dass es MENschen gibt (.)
041 die etwas EINüben !NUR! des gelingens wegen (--)
042 also MANches hab ich so verSTANden
043 dass (.) ja!PA!ner (--) mit ihrer speziellen äsTHEtik (--) ← 232 | 233 →
044 häufig NUR das gelingen des machens !SEL!ber (-) und NICHT äh
045 dass sie das produkt gut verkaufen können meinen (.) ja äh (--)

Sequenz 20:   PhilPmA als Diskutant mit dem Vortragenden PhilPmB in der Plenumsdiskussion; TK 3_10: 028-045.

Hier kritisiert PhilPmA den Vortragenden im Prinzip auf zweierlei Weise: Zum einen wird der theoretische Ansatz abgelehnt, weil er nicht alles einschließt, zum anderen wird der Vortragende als zu unkritisch abgewertet. Der implizite Vorwurf, in der wissenschaftlichen Forschung unkritisch zu sein, kann als relativ scharfer Angriff gewertet werden, da ständiges Kritisieren und Hinterfragen als Grundprinzipien und Werte der Wissenschaft gelten. PhilPmB wird daher Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen.

Im nächsten Beispiel wird eTheoPmA von PhilPmA dafür kritisiert, in seiner Antwort auf die Frage der vorherigen Diskutantin (LingPwB) theologische Prämissen gemacht zu haben. Deswegen rekonstruiert PhilPmA in seinem Beitrag die Problemstellung, die die Vorrednerin eröffnet hat und bittet eTheoPmA um eine Antwort, die ebendiese theologischen Prämissen nicht enthält:

image

Sequenz 21:   PhilPmA als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden eTheoPmA; TK 3_2: 449-474. ← 233 | 234 →

PhilPmA bittet eTheoPmA, eine antwort zu geben (-) äh die keine theologischen präMISsen enthält. Hier besteht der wissenschaftliche Wert darin, (allgemein-)wissenschaftliche Fragen ohne theologische Prämissen zu bearbeiten. Falls eine solche prämissenfreie Antwort nicht möglich sei, habe eTheoPmA andere adressaten. Hier wird implizit der Vorwurf geäußert, seine theologischen Ausführungen vor einem falschen Publikum vorzubringen. eTheoPmA reagiert auf diese Forderung mit Ablehnung und einer Gegendarstellung: Niemand könne seine Äußerungen ohne eigene Perspektive formulieren. Diese Feststellung wird verallgemeinert (es gibt KEInen der das kann), wodurch diese Unmöglichkeit nicht als eigene Inkompetenz, sondern als allgemeingültiges Faktum bewertet wird. PhilPmA reagiert darauf mit Tadel (angezeigt durch die Interjektionen oh babababab) und einer kritischen Nachfrage: woher wolln sie denn das WISsen. Hier zeigt sich Kritik an einer vorläufig noch haltlosen Behauptung; der zugrundeliegende wissenschaftliche Wert lautet Begründetheit der Aussagen. eTheoPmA setzt daraufhin zu einer solchen Erklärung bzw. Begründung an, wird aber nochmals unterbrochen und macht darauf aufmerksam, dass er so, wie er theologisch definiert, zwar nicht-theologische Antworten geben, seine Perspektive bzw. Weltanschauung aber nicht verlassen könne. PhilPmA akzeptiert diese Antwort, wodurch beide Diskussionspartner in diesem Punkt zu einem vorläufigen Ende finden. Nach diesem vorläufigen Abschluss wechselt PhilPmA plötzlich seine Adressaten und spricht die anwesenden Nachwuchswissenschaftler an (dies hat seine Ursache in der besonderen Rolle von PhilPmA, der zusätzlich eine Spring School zur Förderung des Nachwuchses mitleitet):

483PhilPmA=BITTE passen sie auf und das sage ich [jetzt] wieder an die jugend
484eTheoPmA[ja    ]
485 PhilPmA an WELcher stelle sie die grenze überschreiten von dem was sie sagen
486 !ICH! kann ich kann !NICHT! und plötzlich kommt
487 1[etwas !ALL!gemeines was für !AL!le menschen gilt]1
488eTheoPmA1[ja ja jaja jaja das (.) das christen ]1
489PhilPmA2[ja DA möcht ich wissen       ]2
490eTheoPmA2[das christentum würd ja NEIN]2
491PhilPmAwoHER sie so sicher sind dass sie sagen das kann !NIE!mand
492 das ist ja nun ein !ALL!satz ← 234 | 235 →
493eTheoPmAJA da MUSS man auch mit allsätzen sprechen
494 weil in DEM moment wo man über wahrheit spricht sch äh
495 spricht man also das christentum ja !NICHT!
496 wenn ich sage gott hat die welt geschaffen samt allen kreaturen also !MICH! geschaffen samt allen kreaturen
497 hat !NUR! mich geschaffen und NICHT auch !SIE!
498 sondern samt allen kreaturen beinhaltet ja einen gewissen allgemeingültigkeitsanspruch (-)
499 also (.) ähm d DAS wäre schon das wäre schon WICHtig
500 ähm d d d also da dürfen wir !NICHT! in einem vorschnellen (.) äh relativismus landen (-) ähm
501 das christentum würde SAgen die situation des MENschen (-)
502 zerRISsen zu sein in verschiedene (.) !WAHR!heitsgewissheiten
503 und unter umständen dadurch auch s !HAND!lungsunfähig zu WERden oder (.) auch mit SCHUld zu handeln
504 ist die nor!MA!le situation des menschen in der welt
505 das christentum !WÜR!de es mit dem altmodischen terminus der SÜNde benennen (.)
506 äm und des !FALLS! benennen ähm […]
525 aber DAS wäre eigentlich sogar die !WE!sentliche botschaft
526 äh ähm (.) ähm glAUB ich des chr des christentums
527 dass dieser ZUstand (.) den frau [Nachname (LingPwB)] beschreibt NICHT GUT (-) ist verURteilt wird (-)
528 ABER (.) als mit MENSCHlichen MITteln (.) NICHT (-) überWINDbar beschrieben wird
529PhilPmASO (.) und jetzt bin ich emPÖRT (.) und zwar moRAlisch
530eTheoPmAdas dürfen sie=
531PhilPmA=das geht (.) bitte (.) [((wahrscheinlich Nachfrage an die Regie))] JA ich weiß
532 ich bin deshalb moralisch empört weil SIE den anspruch erheben (.) äh
533 sozusagen eine beschreibung des menschen zu geben
534 unter die ich FALle äh in der ich mich aber nicht wiederfinde
535 aber das können wir jetzt nicht WEIter das haben wir noch (.) geNUG zeit das zu diskutieren
536 herr [Nachname] wollen SIE noch

Sequenz 22:   PhilPmA als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden eTheoPmA; TK 3_2: 483-536.

PhilPmA übt Kritik am Sprechen mit Allsätzen, am Wechsel zwischen spezifischen und allgemeinen Aussagen. Daraufhin adressiert er wieder den Vortragenden und fragt ihn nach der Begründung für den Allsatz, dass niemand eine Antwort geben könne, die außerhalb seiner Weltanschauung stehe. Dem liegt offenbar der Wert zugrunde, mit Allsätzen in der Wissenschaft korrekt umzugehen. eTheoPmA ← 235 | 236 → rechtfertigt sich für diese Aussage und begründet sie (es folgen längere Ausführungen zum christlichen Verständnis von Konflikten, die hier nicht abgedruckt sind). PhilPmA reagiert auf diese Erläuterungen mit scharf vorgebrachter moralischer Empörung, die auf Emotionalität hinweist: SO (.) und jetzt bin ich emPÖRT (.) und zwar moRAlisch. Er kritisiert den Anspruch von eTheoPmA, eine beschreibung des menschen zu geben, die alle Menschen einschließt, in der sich PhilPmA aber nicht wiederfindet. Die zugrundeliegenden Werte sind hier (Allgemein-)Gültigkeit, Angemessenheit und umfassende Beachtung von Aspekten in Beschreibungen. Die face-Bedrohung für eTheoPmA ist hoch, da er sich eigentlich für die Äußerungen rechtfertigen müsste, um der Empörung entgegenzuwirken – jedoch ergreift er nicht das Wort. Die Diskussion wird vom Diskutanten PhilPmA, der gleichzeitig die Moderatorenrolle innehat, abgebrochen. Das Rederecht wird an einen anderen Diskutanten weitergegeben.

5.3.1.4  Kritik mit unterschiedlichen Referenz-Wert-Kombinationen

In diesem Abschnitt werden Diskussionen besprochen, in denen mehrere Werte und Referenzen zugleich thematisiert werden. Um einerseits zeigen zu können, dass wissenschaftliche Werte eng zusammenhängen, und um andererseits die Dynamik der Diskussionen deutlich machen zu können, werden die Werte nicht einzeln besprochen, sondern in ihrem jeweiligen Kontext.

a)  Modell- und Terminologiekritik

In einer Sequenz wird ein neues Modell, das PhyPsyDrm entwickelt hat, um bestimmte Phänomene zu erklären, von MaPm infrage gestellt. Den Zweifeln an der Angemessenheit des Modells geht eine Kritik an der Terminologieverwendung von PhyPsyDrm voraus: ähm der begriff der verschränkung ist ja immer wieder vorgekommen aber nicht richtig erKLÄRT worden. Die Frage nach der korrekten Bedeutung des Begriffs wird mittels einer Höflichkeitsfloskel eingeleitet (ich wollte frAgen), was den Angriffscharakter vordergründig abschwächt. Der zugrundeliegende Wert lautet: Definition von Begriffen. MaPm klärt die Bedeutung des Begriffs der Verschränkung aus quantenmechanischer Perspektive und weist darauf hin, dass in dieser Verwendung das aufgestellte Modell empirisch verifizierbar oder falsifizierbar sein müsste, wonach er PhyPsyDrm explizit fragt:

096MaPmähm der begriff der verschränkung ist ja immer wieder vorgekommen
097 aber nicht richtig erKLÄRT worden
098 ich wollte frAgen ist es ge!NAU! der begriff der quantenmechanik ← 236 | 237 →
099 dass zwei quantenmechanische zustände verSCHRÄNKT werden (-) oder sowas !ÄHN!liches (--)
100 und !WENN! es genau das ff quantenmechanische !IST!
101 dann wollt ich fragen
102 dann müsst es doch eigentlich experimenTELL (.) verifiZIERbar oder FALsifizert bar sein (-)
103 MEInen sie dass ihre neues moDELL (-) VERIfizierbar oder FALsifizierbar ist oder nicht
104PhyPsyDrmalso die aussage von der (xxx) quantum theory und (.) ich hab das
105 übrigens wird mir von meinen gegnern IMmer vorgeworfen (.)
106 die LEsen einfach nicht was ich geschrieben hab
107 mein !ERS!tes paper was ich über!HAUPT! in meinem leben publiziert hab
108 das war neunzehnhundertvierundsiebzig (-) da HAB ich schon !REIN!geschrieben (-) !EX!plizit
109 die QUANtenphysik ist KEIne erklärung für diese phänomene (.)
110 und die verschRÄNkung (.) ist NICHT quantenmechanisch geMEINT (2.0)
111 und das wird mir immer VORgeworfen dabei wird es NIRgendswo ge!SAGT! (.)
112 es wird gesagt es gibt ein sys!TEM!theoretisches modell (.) was sysTEMverschränkungen zeigt
113 das ist was ganz ANderes (--) JA (-) SO

Sequenz 23:   MaPm als Diskutant mit dem Vortragenden PhyPsyDrm in der Plenumsdiskussion; TK 3_7: 096-113.

PhyPsyDrm reagiert auf die Frage mit dem Hinweis auf ständige inhaltliche Vorwürfe seiner Gegner (was genau ihm seiner Meinung nach vorgeworfen wird, bleibt allerdings unklar), die er mit einem Gegen-Vorwurf (die LEsen einfach nicht was ich geschrieben hab) als Missverständnis entkräftet. Er verweist auf eine frühe Publikation, die schon zu Beginn seiner Forschungsarbeit betont, dass der Verschränkungsbegriff NICHT quantenmechanisch geMEINT ist. PhyPsyDrm signalisiert Kompetenz und Fachwissen dadurch, dass er die Prinzipien der Quantenmechanik kennt und diese als Erklärung für die von ihm untersuchten Phänomene ausschließt – was eine vorherige Beschäftigung mit der Quantenmechanik voraussetzt. Die Vorwürfe werden als unberechtigt charakterisiert: und das wird mir immer VORgeworfen dabei wird es NIRgendswo ge!SAGT!.

Kritik an der verwendeten Terminologie kann im interdisziplinären Kontext auch als Bemühen um das Finden einer „gemeinsamen Sprache“ und einer von allen Teilnehmern akzeptierten Definition verstanden werden. Hierfür sind Begriffsklärungs- und Einigungsprozesse nötig, die mit Erläuterungen und Definitionen wie im besprochenen Transkript einhergehen (vgl. Kap. 3.3.3). ← 237 | 238 →

b)  Kritik am gewählten Beispiel, der Terminologie und am Anspruch des Vortrags

PhilPmA steigt in die folgende Diskussionssequenz mit einer offenen Kritik an der Beispielwahl ein. Das Beispiel der „Fermatschen Vermutung“ hält er für zu kompliziert, weil es zu Unübersichtlichkeit führe. In den Adjektiven komplizierte und UNübersichtlich werden negative Bewertungen sichtbar:

009PhilPmAWENN wir so komplizierte beispiele nehmen wie die fermatsche vermutung
010 werden die sachen UNübersichtlich
011 ich nehme ein SIMples beispiel nämlich ACHT mal einhundertzehn ist achthundertACHTzig (-)
012 das rechne ich auf meinem TAschenrechner durch und unterstelle (.)
013 dass auf der ZWEIten ziffer von hinten (.) ein deFEKT im display ist da kommt kein QUERstrich (-)

Sequenz 24:   PhilPmA als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden PhilNaWiPm; TK 2_4: 009-013.

Durch die Ablehnung und Abwertung des Beispiels kritisiert PhilPmA gleichzeitig seinen Vorredner. Sein eigenes Beispiel dagegen bezeichnet er als simpel, was in diesem Kontext positiv bewertet wird und im Kontrast zum anderen Beispiel eine Aufwertung erfährt. Als zugrundeliegende Werte für die Auswahl und Verwendung von Beispielen können hier Übersichtlichkeit und Klarheit (SIMples beispiel) angeführt werden. Im weiteren Verlauf wirft PhilPmA dem Vortragenden PhilNaWiPm unklare Begriffsverwendung vor:

034PhilPmAsie unterschEIden !NICHT!
035 das hat herr [Nachname (GeschPhilPm)] angemahnt
036 und da spring ich ihm bei (-)
037 zwischen dem GEgenstand über den ich rede (--)
038 und der REde darüber
039 die !RE!de die kann wahr oder falsch sein

Sequenz 25:   PhilPmA als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden PhilNaWiPm; TK 2_4: 034-039.

Wichtig ist es also, die Referenz von Begriffen zu definieren sowie Terminologie klar und differenziert zu verwenden.

In der nicht abgedruckten Zwischensequenz fordert PhilPmA den Vortragenden dazu auf, auf die Kritik zu reagieren. Der Vortragende wird dabei namentlich angesprochen und mittels Schachmetaphorik (sind sie am zug) zur Reaktion aufgefordert. PhilNaWiPm reagiert auf die Aufforderung mit der Beantwortung der Frage nach WAHR und falsch und verweist darauf, dass es sehr sehr probleMAtisch sei, in der mathematik von WAHR und FALSCH zu sprechen. Die negative Be ← 238 | 239 → wertung der Begriffsverwendung kommt in sehr probleMAtisch zum Ausdruck. PhilPmA bietet daraufhin an, dass er die wörter die sie wollen verwenden könne, worauf PhilNaWiPm ablehnend reagiert: das ist nit egal. Er signalisiert dadurch, dass die verwendeten Begriffe einen zentralen Stellenwert bei der Aushandlung von wissenschaftlichen Themen oder Problemen haben. Danach erläutern PhilNaWiPm und PhilPmA weiter ihre Positionen anhand des von PhilPmA gewählten Beispiels. Die beiden Diskussionspartner werden sich aber nicht einig – konkreter: PhilNaWiPm sieht PhilPmAs Kritik nicht ein –, was PhilPmA offenbar zur provokativen Frage führt:

118PhilPmAja (-) herr [Name] ham se denn ihren vortrag an uns Nicht in dem SELBSTverständnis gehalten
119 dass sie uns was (.) ihrer überzeugung nach WAHres übermitteln
120 ((unverst. 3sek)) IHre (-) sozusagen ihre SICHT der DINge (.)
121 lässt den UNterschied zusammenBREchen (-) zwischen dem ANspruch
122 etwas zu beHAUPten und gründe zu geben (.) und dingen (.)
123 der eine labert DAS der andere labert DAS der nächste labert DES und alles ist GLEICHgut weils alles natur ist
124 (---) das kann doch nicht ihr ihre absicht sein
125PhilNaWiPmNÖ eiglich si ä im SINne der korresponDENZ (.) äh von SÄTzen mit mit fakten ja ((wiederholt nochmal als Reaktion auf die Anweisung des Moderators, ins Mikro zu sprechen))
126 wahrheit im sinne der korrespondenz mit mit faktizität (.)
127 würd ich sagen ist UNverzichtbar das ist ganz klar
128 in der phySIK verwendet man (.) wa den wahrheitsbegriff (.) EBEN am besten im sinne der aristotelischen korresponDENZtheorie (1.5)
129 aber ich sehe nicht ein wieso die aristotelische korrespondenztheorie den naturalistischen RAHmen sprengt

Sequenz 26:   PhilPmA als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden PhilNaWiPm; TK 2_4: 118-129.

Die kritische Frage nach dem Anspruch, Wahres zu vermitteln, ist höchst gesichtsbedrohend. Wahres zu vermitteln ist ein wissenschaftlicher Wert, ohne den Vorträge (bzw. jede Form der Wissensvermittlung im wissenschaftlichen Kontext) kaum sinnvoll sind. Die direkte, namentliche Anrede des Vortragenden verschärft die Gesichtsbedrohung, indem sie ein Ausweichen verhindert. Der anschließende Vorwurf kritisiert die Tilgung des Unterschieds zwischen begründetem Sprechen und Labern in den Äußerungen von PhilNaWiPm: IHre (-) sozusagen ihre SICHT der DINge ← 239 | 240 → (.) lässt den UNterschied zusammenBREchen (-) zwischen dem Anspruch etwas zu beHAUPten und gründe zu geben (.) und dingen (.) der eine labert DAS der andere labert DAS der nächste labert DES und alles ist GLEICHgut weils alles natur ist. Das begründete Sprechen wird als wissenschaftlich und positiv, das umgangssprachliche, abwertende Labern81 demgegenüber aufgrund des fraglichen Wahrheitsgehalts negativ bewertet. Als der Kritik zugrundeliegender wissenschaftlicher Wert kann in Bezug auf den Inhalt der Äußerung das begründete, wahre Sprechen gelten.

c)  Kritik am experimentellen Setting

Ein Problem in der folgenden Sequenz ist das Experiment, das von PhyPsyDrm durchgeführt wurde, um die besondere psychische Konstitution von Personen, die Opfer von Spukphänomenen geworden sind, zu beweisen. BiophyDrm kritisiert dieses Experiment und bezweifelt dessen Beweiskraft. PhyPsyDrm geht nach anderen Erläuterungen auf die erste Frage bezüglich des Experiments und des Nachweises von parapsychologischen Wirkungen wie folgt ein:

046PhyPsyDrmSO und jetzt die ERSte frage die sie haben in bezug auf das experiment
047 ja DAS ist natürlich (.) äh sozusagen (.) triVIAL also
048 wenn ich an SOwas nicht denken würde
049 dann sollte ich wirklich n äh sozusagen den löffel ABgeben
050 na!TÜR!lich HAB ich überprüft dass das KEIne (.) kauSAle wirkung
051 von dem äh zufallsgenerator auf den beOBachter ist
052 das ist ja baNAL das ist nicht der punkt (.)
053 also da hab ich mich entsprechend äh SORGfältig (.) dagegen AB gäh geSICHert (.)
054 das ist ein GROSser teil der ganzen beschreibung des experiments (-)
055 äh naTÜRlich gibts immer korrelationen zwischen DEM was ich beobachte
056 und meiner physi psychologischen reak!TION! dadrauf
057 ja !DAS! ist ja klar (.) aber ich hab !SOL!che korrelationen beobachtet
058 wo die psychologischen variablen !VOR! (.) der beobachtung gemessen wurden (---)
059 und sie sind TROTZdem da (--)
060 und DAS eben äh würd ich sagen ist in etwas verallgemeinertem sinn eben ne verschränkungskorrelation
061 und DIE hat bestimmte EIgenschaften und die kann man überprüfen (-) ← 240 | 241 →
062 also (.) ihr EINwand ist natürlich vollkommen RICHtig
063 aber trifft nicht zu

Sequenz 27:   BiophyDrm als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden PhyPsyDrm; TK 3_7: 046-063.

Den impliziten Vorwurf, dass die Richtung der Wechselwirkung falsch eingeschätzt wurde (die nach BiophyDrm vom Zufallsmuster auf den Probanden wirkt, nach PhyPsyDrm umgekehrt), weist PhyPsyDrm ab: ja DAS ist natürlich (.) äh sozusagen (.) triVIAL also wenn ich an SOwas nicht denken würde dann sollte ich wirklich n äh sozusagen den löffel ABgeben. Durch diese Reaktion wird deutlich, dass PhyPsyDrm die Frage von BiophyDrm als Zweifel an der Wissenschaftlichkeit seines Experiments wertet. Die Redensart löffel ABgeben ist drastisch und übertrieben: Die Wissenschaft aufzugeben wird mit Sterben verglichen. Die Kritik wird durch die Bekräftigung, dass eine Überprüfung der Wirkungsrichtung stattgefunden und eine sorgfältige Absicherung stattgefunden hat, abgewiesen. Sein Verweis auf die Werte Sorgfalt bei der Planung und Durchführung von Experimenten und Messbarkeit unterstützen sein Image als korrekt arbeitender, kompetenter Wissenschaftler.

d)  Kritik an der Methode, der Hypothese und der Präsentation

In dieser Sequenz wird die Methode von AsphyPhilPm zur Erforschung des Universums von PhilPmB scharf kritisiert:

001PhilPmBzwei kurze fragen (.) die ERSte (--)
002 der status des satzes die naTURgesetze die wir von der erde kennen
003 gelten überall im uniVERsum […]
012 (-) äm ich (-) würds sie ja einfach mal fragen ist das nicht ä tautoLOgisch (.)
013 ich meine (.) selbstverSTÄNDlich (-)
014 DAS was sie mit den naturgesetzen WIE wir sie kennen (-) zu fassen kriegen
015 DAS ist das uniVERsum was sie damit nicht zu fassen kriegen ist das (.) !NICHT! das universum (-) […]
020 kurzum (.) das ist zirkuLÄR das ist TAUtologisch der satz besagt genau
021 DAS (-) ist das universum (.) was wir mit DIEsen naturgesetzen zu fassen kriegen

Sequenz 28:   Diskutant PhilPmB in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden AsphyPhilPm; TK 3_8: 001-003, 012-015, 020-021.

PhilPmB identifiziert Beweisfehler (das ist zirkuLÄR) und Tautologien (ist das nicht ä tautoLOgisch) im methodischen Zugang und begründet seine Kritik daran: ← 241 | 242 → Man finde nur die Teile des Universums, die sich mit den bekannten Naturgesetzen fassen lassen – alles andere bleibe unsichtbar. Der zugrundeliegende Bezugswert lautet: Vermeiden von Beweisfehlern und Tautologien. AsphyPhilPm reagiert auf den Tautologievorwurf damit, dass er auf andere Modelle des Universums verweist (also sie könnten sich durchAUS ein universum vorstellen), in denen sich das Universum ganz anders und nicht den bekannten Naturgesetzen entsprechend verhält. Darauffolgend berichtet AsphyPhilPm von den Messmethoden, Beobachtungen und Ergebnissen, aus denen ABleitungen gemacht werden (nicht abgedruckt). Diese Ableitungen lehnt PhilPmB als fiktiv ab:

069PhilPmBaber ein !VOR!gestelltes universum ist nicht DAS uniVERsum (-) über das sie (.) SAgen (.)
070 die naturgesetze (--) die wir von der erde !KEN!nen (.)
071 DIE gelten da !AUCH!
072 man KANN sich was !VOR!stellen und dann fragen ob das da AUCH gilt (.)

Sequenz 29:   Diskutant PhilPmB in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden AsphyPhilPm; TK 3_8: 069-072.

Das strikte Trennen von Fakt und Fiktion, Realität und Vorstellungen, kann hier als Wert angeführt werden. AsphyPhilPm kehrt daraufhin wieder zum Tautologie-Vorwurf zurück und bringt seine Argumente vor. PhilPmB fasst seine Schlussfolgerungen aus dem von AsphyPhilPm Gesagten zusammen und äußert erneut seinen Tautologie-Vorwurf (nicht abgedruckt). PhilPmB bemerkt offenbar, dass er AsphyPhilPm nicht von der Tautologie überzeugen kann und lässt das Thema fallen. Er geht dazu über, den Präsentationsstil zu kommentieren:

155PhilPmBGANZ kleine bemerkung zu der ART wie sie (.) präsentieren
156 das äh (.) ich mein (.) da ich möcht ihnen wirklich nicht zu NAHEtreten (.)
157 das n BISSchen ist das so wie jemand brät richtig gute steaks (.) und annonciert die mit
158 !BEST! steaks in TOWN (--) nicht
159 also mich es WUNdert mich dass sie so ne GLATte (-) poLIERte harte bisschen aggresSIve geschichte erzählen
160 und !HINTER!her (.) nebenbei mal anmerken wir haben da so leichen im keller (.)
161 und DAS und DAS und DAS und das WISsen wir nicht (.)
162 also m da sie sagen sie erzählen die geschichte SO
163 dass sie JEdem im saal (.) dass (---) JEder im saal etwas davon hat
164 a m MICH (-) haben sie !NICHT! erreicht MICH schrecken sie ab (-)
165 wenn jemand ne gs ne geschichte !SO! er!ZÄHLT!
166 dass ich !HIN!geRISsen werden soll (.) ← 242 | 243 →
167 dann werde !ICH! ABgeschreckt (.)
168 jetzt werden sie m mit SICHERheit sagen ja das liegt an ihnen (-)
169 ALle andern leute finden das klasse (-) da

Sequenz 30:   Diskutant PhilPmB in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden AsphyPhilPm; TK 3_8: 155-169.

PhilPmB kündigt hier zwar an, eine GANZ kleine bemerkung zum Präsentationsstil machen zu wollen, kritisiert dann aber den Vortrag von AsphyPhilPm in vollem Umfang, wodurch sich die Einleitungsfloskel als lediglich oberflächliche Abschwächung herausstellt. Er rügt den Vortragenden für seine Form von Selbstwerbung (was er am Beispiel der Werbung eines Steakhauses verdeutlicht) und kritisiert ihn für das Auslassen von Unsicherheiten in seinem Vortrag: also mich es WUNdert mich dass sie so ne GLATte (-) poLIERte harte bisschen aggresSIve geschichte erzählen und !HINTER!her (.) nebenbei mal anmerken wir haben da so leichen im keller (.) und DAS und DAS und DAS und das WISsen wir nicht. Die negativen Bewertungen werden in WUNdert mich und GLATte (-) poLIERte harte bisschen aggresSIve sichtbar. Die Kritik bezieht sich darauf, dass in der Wissenschaft auch Unsicherheiten dargestellt werden müssen, dass das Publikum nicht getäuscht werden darf und dass Ergebnisse nicht „glattpoliert“, sondern zusammen mit Problemen präsentiert werden sollen. Dies zeigt sich auch in der Wendung leichen im keller. Die Bezugswerte sind also Klarheit und Benennung aller Unsicherheiten. Zusätzlich kritisiert PhilPmB den Vortragsstil, den er als abschreckend empfindet. Er wehrt sich gegen das AsphyPhilPm unterstellte Ziel, !HIN!geRISsen zu werden, und gibt stattdessen zu verstehen, dass man ihn persönlich (MICH) mit diesem Stil nicht erreiche. Der zugrundeliegende Wert in Bezug auf den Präsentationsstil lautet Angemessenheit. AsphyPhilPm reagiert auf diese Kritik abwehrend und mit Widerspruch:

170AsphyPhilPmähm (---) NÖ
171PhilPmBokee
172Publikum((lacht, 2sek))
173AsphyPhilPmzuerst mal platt (.) also aggresSIV ähm (.) ich es kann sein
174 dass ich (--) we weil ich die geschichte sehr GERne erzähle (---) ähm (---)
175 da vielleicht ein bisschen übers ziel hiNAUSgeschossen bin und (2.0)
176 ich damit gerechnet habe dass wir in der diskussion über diese leichen im KELler reden (.)
177 weil (.) über die leichen im keller zu reden ist konzeptio!NELL! (-)
178 weil wir überhaupt noch kein ver!STÄND!nis
179 also dunkle materie hätt ich da noch mit EINbringen können ← 243 | 244 →
180 das wär kein problem gewesen (--) aber konzeptionell haben wir für die dunkle energie nichts anzubieten (.)
181 was ich erzählen könnte und INnerhalb dieser geschichte EINbauen kann (-)
182 also die dunkle enerGIE ist eine (-) ähm erfahrung der astronomen (---)
183 die uns n also die uns astronomen noch lange beschäftigt
184 alLEIne nur DARzustellen wie die wie wir he!RAUS!gefunden haben (--)
185 dass diese dunkle e energie im universum (--) am WERK ist
186 wäre gegenstand von mindestens (-) m mindestens einer stunde VORtrag
187 weil es nicht EINfach ist zu erklären (.) warum gibt es kräfte im universum (-)
188 die mit einer energieform zusammenhängen die NICHT mit e gleich em CE quadrat zu beschreiben sind
189 da wäre ja energie (.) synonym zu ner MASse und die masse hätte ja dann wieder gravitation
190 NEIN (.) die dunkle energie wird liefert eine be!SCHLEU!nigte expansion
191 also genau das !GE!genteil von DEM was MASse tut (-) ähm
192 und deswegen hab ichs schlicht und ergreifend da rausgelassen aber

Sequenz 31:   Diskutant PhilPmB in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden AsphyPhilPm; TK 3_8: 170-192.

AsphyPhilPm gibt zwar zu, dass er da vielleicht ein bisschen übers ziel hiNAUSgeschossen ist, und begründet dies damit, dass er die Geschichte sehr GERne erzählt. Er verweist außerdem darauf, dass man normalerweise erst in der Diskussion über Unsicherheiten rede, weil dies dem Konzept von Diskussionen entspreche. Weiterhin geht er darauf ein, dass er tatsächlich viele unsichere Inhalte referieren könne (dunkle materie), dass er darauf aber aufgrund der Darstellungs- und Erklärungsschwierigkeiten verzichtet habe. Er verteidigt sich also gegen die Vorwürfe von PhilPmB mit dem Hinweis auf die Komplexität der Inhalte und den daraus resultierenden Präsentationsschwierigkeiten.

e)  Kritik an der Argumentation und der Präsentation

In der folgenden Sequenz werden die Argumentation, Argumentationsweise und Darstellungsart des Diskutanten SozPm vom Diskutanten GeschPmC und dem Moderator GeschPmB kritisiert. SozPm bringt seine Argumente vor, die GeschPmC mit das glaub ich nich (-) ja ablehnt, worauf das Publikum in Gelächter und Unruhe ausbricht: ← 244 | 245 →

131SozPmnur für die FOLgen können wir dann überhaupt zu WISsen was (-) da und DArum läuft JEGliche (---) und
132 NEIN das ist jetzt ERNST gemeint und da
133 das ist nicht wie vorhin gesagt wurde
134Publikum((Gelächter, 2sek))
135SozPmNEIN (--) das das folgende argument das FOLgende argument
136 ist das EINzige (---) das einzige (--) moDERne argument äh das wir haben
137 dass wir (-) JEGliche handlung jegliche entSCHEIdung (--)
138 NICHT mehr EXtern (-) über ne göttliche instanz (---)
139 nicht mehr übern äh verdrängen eines geHEIMnisses rechtfertigen
140 sondern al!LEIN! (-) über die möglichen FOLgen
141GeschPmCdas glaub ich nich (-) ja
142Publikum((Gelächter und Unruhe, 6sek))
143GeschPmBwir ham (1.5) wir ham noch zwei wortmeldungen die denke ich (1.5)
144Publikum((Stimmengewirr, 4sek))
145 jaja ich denke zwei wortmeldungen (-)
146 und dann werden wir auch (1.5) diese show klappen

Sequenz 32:   SozPm als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit Moderator GeschPmB und dem Diskutanten GeschPmC; TK 1_5: 131-146.

Um die Diskussion wieder in sachliche, kontrollierte Bahnen zu lenken, schreitet der Moderator GeschPmB ein und verweist auf zwei weitere Wortmeldungen. Es ist unklar, worauf sich seine Benennung show bezieht: die Argumentationsweise von SozPm oder die Reaktion des Publikums. In jedem Fall aber wird die Situation negativ bewertet: Eine Show dient der abwechslungsreichen Unterhaltung. Dies wird im wissenschaftlichen Kontext – und vor allem im Kommentar von GeschPmB – negativ bewertet, denn für Diskussionen gelten die (entgegengesetzten) Werte Sachlichkeit und Rationalität. Dem Diskutanten (und evtl. auch dem Publikum) wird damit Unsachlichkeit und Irrationalität in der Argumentation sowie im Verhalten vorgeworfen, was einem Absprechen von Wissenschaftlichkeit gleichkommt. Weder SozPm noch das Publikum kommentieren diese negative Bewertung.

Auch im nächsten Beispiel werden derselbe Diskutant ebenso wie vermutlich das Publikum getadelt:

036SozPmund das hat niemand gewagt äh anzugreifen (1.5)
037 und NACHträglich wirds auch nicht wieder (-) AUFgenommen
038 sondern in der nächsten phase werden wir WIEder genauso argumentieren ← 245 | 246 →
039 !WEIL! grad es ruhig ist dort (--) ist es umso gefährlicher ne=das
040 kennen wir von unsern kindern (---)
041 wenns ruhig im kinderzimmer ist ist es das geFÄHRlichste
042Publikum((Gelächter, 3sek))
043SozPmdas ist die
044Publikum((allg. Stimmengewirr, 15sek))
045GeschPmBdas muss man nicht überhöhen SO

Sequenz 33:   SozPm als Diskutant und GeschPmB als Moderator in der Plenumsdiskussion; TK 1_6: 036-045.

Allerdings bleibt unklar, worauf sich der Tadel bezieht, denn die Kritik wird relativ unspezifisch geäußert: das muss man nicht überhöhen. Fraglich ist der Bezug des Pronomens das: Es kann sich auf das Diskussionsverhalten von SozPm, dessen Argumentation und/oder das Publikum und dessen Reaktion (Gelächter und Stimmengewirr) beziehen. Die negative Bewertung kommt im Verb überhöhen zum Ausdruck; Überhöhungen werden im wissenschaftlichen Kontext nicht geschätzt. Stattdessen gelten für geäußerte Inhalte im Umkehrschluss die Werte Sachlichkeit und Maß/Angemessenheit. Auch hier wird die Diskussion vom Moderator GeschPmB abgebrochen, sodass keine offene Möglichkeit für einen Konferenzteilnehmer zur Reaktion besteht82. Hier zeigt sich doppelt die Macht und Dominanz des Moderators, da er einerseits Diskussionen für beendet erklärt, andererseits die Diskussion deutet und negativ bewertet – und damit das letzte Wort hat.

5.3.1.5  Zusammenfassung der Ergebnisse aus den Plenumsdiskussionen

Bei der Analyse der interdisziplinären Plenumsdiskussionen zeigt sich, dass der Rückgriff auf wissenschaftliche Werte in den Diskussionen eine große Rolle spielt: So wird beispielsweise die Einhaltung der Richtlinien und Werte abgefragt, die Verwendung von Terminologie wird gegenseitig kritisiert und korrigiert, Methoden werden angezweifelt und die Schlüssigkeit von Interpretationen wird überprüft. Wird ein Wissenschaftler wegen Nicht-Einhaltung eines Wertes kritisiert, ist dies in den meisten Fällen gesichtsbedrohend, da die Wissenschaftlichkeit seines Vorgehens und damit die Forschungsergebnisse angezweifelt werden. Dieser Imageschädigung kann dadurch entgegengewirkt werden, dass man die Einhaltung der Werte nachweist, Fachkenntnisse und Kompetenz herausstellt. ← 246 | 247 →

In der folgenden Tabelle werden die Werte, die in den dargestellten Plenumsdiskussionen explizit oder implizit aufgerufen werden, zusammengestellt und ihrer jeweiligen Referenz zugeordnet. Es wird deutlich, dass die aufgerufenen Werte allgemeinwissenschaftliche sind, die für alle Disziplinen gelten.

Tabelle 26:  Referenzkategorien und thematisierte Werte in den Plenumsdiskussionen.

ReferenzkategorieWert
Argumentation, Präsentation(sstil)

Angemessenheit

Benennung aller Unsicherheiten

Klarheit

Maß

Rationalität

Sachlichkeit

Beispiel

Klarheit

Übersichtlichkeit

Experiment

Messbarkeit

Sorgfalt bei der Planung und Durchführung

Hypothese

Trennen von Fakt und Fiktion

Methode

Beobachtbarkeit

Gründlichkeit

Registrierbarkeit

Sorgfalt

Vermeidung von Tautologien/Beweisfehlern

Modell

Falsifizierbarkeit

Verifizierbarkeit

Terminologie

Definition der Referenz / der Begriffe

Korrektheit, Klarheit und Differenziertheit der Terminologieverwendung

Theoretischer Ansatz

Allgemeingültigkeit, Angemessenheit, umfassende Betrachtung von Aspekten in Beschreibungen

Begründetheit der Aussagen

Korrektheit der Prämissen

Reflektiertheit und Verantwortung im Umgang mit Bildern und Grafiken

Ständiges Kritisieren und Hinterfragen

Stichhaltigkeit der Aussagen/Argumente

Korrekter Umgang mit Allsätzen

Wissenschaftsverständnis

Gleichordnung der Disziplinen

Wissensvermittlung

Begründetes, wahres Sprechen / Wahres vermitteln ← 247 | 248 →

Unerwartet und erstaunlich viele Äußerungen von negativer Kritik bleiben reaktionslos. Dies ist einerseits auf die Diskussionsorganisation des Moderators zurückzuführen, andererseits auf die Abwesenheit kritisierter Dritter. Solche Kritiksequenzen sind unter Umständen sehr imageschädigend für die Nicht-Reagierenden bzw. Abwesenden, da nicht nur die Diskutierenden Kritik üben, sondern auch das Publikum diese negativen Äußerungen rezipiert und womöglich übernimmt; die Kritisierten selbst haben keine Möglichkeit der Verteidigung, Rechtfertigung oder Begründung.

5.3.2  Negative Kritik in den Fokusdiskussionen

Die Fokusdiskussionen, die ein spezielles Format der hier untersuchten Tagungen 2 und 3 darstellen, können hinsichtlich des jeweiligen Diskussionsmodus unterschieden werden. Ein Teil der Diskussionen ist eher kooperativ und klärungsorientiert, wobei nicht unbedingt ein Konsens erreicht werden muss. Andere Diskussionen sind dagegen eher konfrontativ und darauf ausgelegt, Dissens und Widerspruch sichtbar zu machen. Konsensfindung ist nicht vorgegebenes Ziel, sondern eher das Aufzeigen von Fehlern, Widersprüchen und anderen Kritikpunkten. Die beiden Modi nenne ich „kooperativ-klärungsorientiert“ und „konfrontativ-dissensbetonend“, wobei ich betonen möchte, dass die Diskussionen in ihrer Tendenz nach zugeordnet werden, es sich also um eine Zuordnung des Mehr oder Weniger handelt und Zwischenstufen möglich sind. Im Folgenden werden drei Diskussionen betrachtet, von denen die ersten beiden dem kooperativ-klärungsorientierten (Kap. 5.3.2.1), die letzte dem konfrontativ-dissensbetonenden Modus (Kap. 5.3.2.2) zuzuordnen sind (und damit die beiden Extreme widerspiegeln).

5.3.2.1  Kooperativ-klärungsorientierte Fokusdiskussionen

Kooperativ-klärungsorientierte Fokusdiskussionen sind dadurch gekennzeichnet, dass die Diskutanten ihre Standpunkte aushandeln, das Forschungsgebiet sondieren und mögliche Kontroversen zu klären und/oder zu lösen versuchen. Ziel ist nicht unbedingt Konsens, sondern das Identifizieren, Benennen und Akzeptieren unterschiedlicher Meinungen, Ansätze und Interpretationen. Zwar soll der Diskussionspartner vom eigenen Standpunkt überzeugt werden, falls Dissens auftritt, doch dies geschieht sachlich, ruhig und nicht aggressiv.

Diskussion 1: Gewissheit zwischen Glaube und Naturwissenschaft

In der Diskussion zwischen PhyPmA und eTheoPmA geht es um die Frage, welche Faktoren Gewissheit im Alltag ausmachen. Im gewählten Diskussionsab ← 248 | 249 → schnitt diskutieren die beiden Professoren über wissenschaftliche Forschung und Wissensproduktion im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben, für den Gewissheit einen ganz anderen Charakter hat. Die Diskussion zwischen den beiden ist symmetrisch, es gibt häufige Sprecherwechsel mit Überlappungen und Unterbrechungen, die aber nicht zu Verstimmungen führen. Die Atmosphäre ist freundlich und respektvoll, die Sprecher sind sehr engagiert und zeigen starkes Interesse an der Klärung der Sache.

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← 249 | 250 →

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Sequenz 34:   PhyPmA und eTheoPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_1: 141-185.

PhyPmA verweist zu Beginn auf Nichtwissen und eingeschränkte Verstehensmöglichkeiten, die sich aus einem beschränkten geist ergeben. Damit signalisiert er in Bezug auf das wissenschaftliche Arbeiten Rationalität und Kenntnis der eigenen (wissenschaftlichen) Grenzen. Im Anschluss daran nennt er zwei mögliche Perspektiven auf wissenschaftliches Arbeiten: einmal als Naturalist und einmal als religiöser mensch – dann unterscheiden sich allerdings die Erkenntnisse voneinander –, und zusätzlich die Möglichkeit, beide Perspektiven zu vereinen. eTheoPmA meldet hier drei Mal Widerspruch durch JA nur an, kommt allerdings erst beim dritten Mal zu Wort. Sein Widerspruch bzw. seine Einschränkung bezieht sich auf den Komplementaritätsbegriff. Er erläutert diesen Begriff inklusive der Probleme, was die Werte Differenzierung und korrekte Begriffsverwendung aufruft. ← 250 | 251 → PhyPmA signalisiert darauf Widerspruch also SO so versteh ich die [nicht, L. R.]. eTheoPmA versichert sich nochmal durch eine Vergewisserungsfrage (allerdings in Form einer Feststellung), woraufhin PhyPmA dies mit NEIN nein bestätigt. Nun folgt ein sehr enger Wechsel zwischen den Sprechern, die ihre Sätze jeweils gegenseitig vervollständigen oder bestätigen. Sie sprechen mehrmals parallel, gehen schnell und flexibel auf die Äußerungen des anderen ein, bis das Verständnis gesichert ist: mh mh mh ja ja (-) ja (--) ja ja ok. Erst dann äußert PhyPmA seine eigene Einstellung, nämlich dass man durchaus als Physiker und religiöser Mensch Religion und Naturwissenschaft vereinen und den Widerspruch auflösen könne (was auch sein Ziel ist: ich MÖCHte es nicht bei einem widerspruch beLASsen). eTheoPmA leitet aus PhyPmAs Aussage die Schlussfolgerung, die hier als Frage präsentiert wird, ab, dass man dann als meTAPHER verBORgene parabeln […] oder paRAmeter haben müsse, die naturwissenschaftliche Forschung mit Glauben vereinbar machen. Dies lehnt PhyPmA ab (ich brauch keine (.) verborgenen paRAmeter dazu) und verweist stattdessen auf eine !ÜBER!geordnete WAHRheit, die nicht erfasst werden könne. Diese Wahrheit wird als potenziell unauflösbares, selbstverständliches und unproblematisches Nichtwissen präsentiert (vgl. zu Nichtwissen Kap. 7.3): unser wissen ist STÜCKweise vielleicht in einem späteren LEben mal dann überschaun wir das ganze und verstehen das. eTheoPmA gibt währenddessen positive Rückmeldesignale, die auch als Zustimmung verstanden werden können (mh, ja, ja ok). eTheoPmA fragt danach, ob PhyPmA die Hoffnung hätte, Nichtwissen in Zukunft auflösen zu können, was dieser bejaht. Daraufhin stimmt eTheoPmA seinem Diskussionspartner partiell zu (DA kann ich so insofern mitgehen (-) a ahm als ich zumindest als theologe auch die theo!RIE! hätte), wobei er seine eigene Fachidentität herausstellt und damit seine Perspektive verdeutlicht bzw. die generelle Perspektive auf eine disziplinäre verengt. Er geht weiter darauf ein, dass er der Vernunft als ge!FALL!ene Vernunft zustimmt (also SO weit würde ich ZUstimmen) und schließt eine Warnung an: ich ich würde aber trotzdem die warnung aussprechen. Die Warnung wird relativ zurückhaltend geäußert (im Konjunktiv); sie bezieht sich auf die negative Beurteilung der Zweiweltentheorie, die Anfang des 20. Jahrhunderts vertreten wurde. Man dürfe !NICHT! wieder dahin kommen, dass diese Trennung zwischen naturwissenschaftlichen Fakten und theologischer Ethik wieder eingeführt wird. PhyPmA stimmt sofort uneingeschränkt zu: nein nein das darf nicht SIMmer uns VÖLLig einig. Der aufgerufene Wert lautet Einhaltung des Status Quo oder auch Fortschritt statt Rückfall, also das Vermeiden eines Rückfalls in veraltete Denkmuster und Theorien. ← 251 | 252 →

Diskussion 2: Entstehung des Lebens und Evolution

Thema der zweiten Fokusdiskussion ist Evolution mit den Schwerpunkten Entstehung von Leben und Beschreibungsmöglichkeiten der Komplexität von Lebewesen. Beide Diskutanten sind Biologieprofessoren, allerdings mit unterschiedlichen Fachrichtungen. Die Diskussion ist daher symmetrisch (keine Statusunterschiede). Der Kommunikationsstil ist sachlich und themaorientiert. Aus der Diskussion werden nun einzelne Ausschnitte präsentiert und diskutiert:

074BioPmAan DER stelle finde ich den einwand von luntin und gut geRECHTfertigt äh
075 zu sagen es GIBT diese be keine kauSAle beziehung zwischen den beiden aspekten
076 sodass wir wenn wir über REproduktion und verÄNderung reproduktiver EINheiten reden
077 nicht !NOT!wendig über funktionale effizienz sprechen
078 (.) das kann ein asPEKT sein aber MUSS nicht für den reproduktiven erfolg ne nicht zentRAL sein=
079BioAnthPm=also da würd ich jetzt DOch FRAgen des [ver]steh ich NET so ganz (--) äh
080BioPmA               [ja ]
081BioAnthPmdenn wenn wenn wenn ich ähm (2.0) verÄNderungen HAB in nem organismus
082 der dazu führt dass der statt (.) zehn nachkommen zwanzig hat
083BioPmARICHtig
084BioAnthPmdann ist das ja ein einDEUtige fo beziehung zwischen ner funktion
085 meinetwegen der geschwindigkeit (.) mit der sich keimzellen bilden können=
086BioPmA=ja
087BioAnthPmund der reproduktion
088BioPmAJA ok äh äh JA ok (-) ABER ä da würd ich doch sagen müss
089 brauchen wir n etwas wEIteren reproduktionsbegriff
090 also nicht einfach im sinne von FORTpflanzung
091 das ist ein asPEKT von reproduktion (-) ähm es muss erfolgreiche fortpfanzung sein äh
092 damit will ich folgendes sagen ä es REICHT mir NICHT eine struktur zu effiziieren (--)

Sequenz 35:   BioAnthPm und BioPmA in der Fokusdiskussion; TK 2_1: 074-092.

Zu Beginn des vorigen Abschnitts führt BioPmA seine Ansicht mit Rückgriff auf eine andere Forschungsposition aus. BioAnthPm hakt ein und stellt die Äußerung von BioPmA, dass Reproduktion nicht notwendigerweise an funktionale Effizienz gebunden sei, infrage: also da würd ich jetzt DOch FRAgen des versteh ich NET so ganz (--) äh. Die zugrundeliegenden Werte lauten in Bezug auf die Inhalte Klarheit und Begründung. BioAnthPm begründet seine gegenteilige Meinung zum Reproduktionsbegriff durch den Verweis auf die zunehmende Zahl von Nach ← 252 | 253 → kommen, was er als Beweis für reproduktive Effizienz wertet. BioPmA stimmt den Ausführungen mit richtig und ja zu, signalisiert dann aber doch Zögern und Wiederspruch gegen Ende des Beitrags von BioAnthPm: JA ok äh äh JA ok. Die Widerspruchssequenz wird mit ABER ä da würd ich doch sagen eingeleitet, worauf ein Hinweis auf die Notwendigkeit eines neuen Reproduktionsbegriffs folgt. Der bisher von BioAnthPm verwendete Begriff erscheint BioPmA als zu eng, weswegen er diesen neu definiert und seine Ansicht präzisiert. Hier wird in Bezug auf die Terminologie der Wert geteilte Begriffsdefinition aufgerufen. Die Diskussion um den Zusammenhang von funktionaler Effizienz und Reproduktion wird dadurch zu einem rein begrifflichen Problem. Im weiteren Verlauf der Diskussion möchte BioPmA das Thema wechseln und bittet BioAnthPm dafür um Erlaubnis:

093BioPmAä darf ich n NEUes thema ansch[neiden]
094BioAnthPm                 [bitte ]
095BioPmAähn auf ihren vortrag zurückkommend
096 sie (--) hatten (--) und des des hat mir sehr gut gefallen (-)
097 sie ham evolution beschrieben als eine HYpothetische rekonstruktion (1.5)
098 und des fand ich ne ganz WICHtige sache
099 weil so würd ich des AUch beschreiben eine HYpothetische rekonstruktion (1.5)
100 was MICH stört ist wenn evolution einfach blank (.)
101 und JEtzt mein ich NICHT die im labor MESSbare das ist was anderes ja
102 sondern evolution in einem UMfassenden sinn
103 WENN die EINfach blAnk als tatsache beschrieben wi[rd]
104BioPmA[hm]
105 BioAnthPm da krieg ich BAUchweh und da MEIne ich man sagt sehr viel mehr (.) als man sagen kann
106 und des deshalb wollt ich das nochmal hervorheben
107 dass ich des (.) SEhr damit einverstanden bin
108 evolution ist eine HYpothetische (.) rekonstrukTION
109 und zwar von transformationsprozessen (--) von lebewesen (2.0)
110 DURCH DIE am ENde und auf den punkt wollt ich nochmal <<zögernd> eingehen komplexität>> (2.0) äh erhöht wird
111BioAnthPmerhöht werden KANN
112BioPmAerhöht werd gut also wenn man wenn man evolution jetzt als (.) einen tatsächlichen historischen vorgang NIMMT
113 dann dann und wenns so WAR (.) DANN (--) IST sie erhöht worden (---)
114 ABer die FRAge ist WAS ist EIgentlich biologische komplexität (--)
115 also das ist jetzt keine kritische frage
116 sondern des is ne sache mit der ich selber (.) !KÄMP!fe seit langem (---)
117 w wie kann ich komplexität überhaupt beschreiben

Sequenz 36:   BioAnthPm und BioPmA in der Fokusdiskussion; TK 2_1: 093-117. ← 253 | 254 →

BioPmA geht also nun auf die im Vortrag von BioAnthPm angesprochene Beschreibung von Evolution als hypothetische Rekonstruktion ein. Er bewertet diese Beschreibung als positiv, beginnt seinen Beitrag demnach mit einer positiven Kritik mit der Begründung, dass er Evolution genauso beschreiben würde. Daraufhin macht er seine Meinung im Hinblick auf eine seiner Ansicht nach falschen Beschreibung von Evolution deutlich, die er negativ kritisiert (Z. 100-103). Diese Kritik der Beschreibung bzw. des Ansatzes wird subjektiv geäußert (durch die Betonung von MICH) und wird in verschiedenen Formulierungen sichtbar: Im Verb stört, in EINfach blAnk und in BAUchweh. In letzterem drückt sich die Ablehnung am stärksten aus, da ‚falsche‘ Beschreibungsansätze als körperliche Schmerzen auslösend dargestellt werden. Es zeigt sich, dass Beschreibungen offenbar ‚richtig‘ und umfassend sein müssen, um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Aus dieser negativen Kritik heraus wiederholt BioPmA seine Zustimmung zum Evolutionsbegriff, wie er von BioAnthPm genannt wurde, und definiert erneut den Begriff. Gleichzeitig kündigt er ein neues Thema an, nämlich das der Komplexität. Aber durch diese neue Begriffsdefinition, die eine Komplexitätserhöhung als Bestandteil von Evolution festschreibt, wird erst deutlich, worin sich BioAnthPm und BioPmA nicht einig sind; BioAnthPm korrigiert die Begriffsdefinition im Hinblick auf die Komplexität: erhöht werden KANN. Hierin wird implizit negative Kritik ausgedrückt (und könnte auf ein Missverständnis hinweisen). BioPmA nimmt diese Kritik auf und geht auf diesen Aspekt ein, indem er sein Verständnis der Komplexitätserhöhung darlegt: also wenn man wenn man evolution jetzt als (.) einen tatsächlichen historischen vorgang NIMMT dann dann und wenns so WAR (.) DANN (--) IST sie erhöht worden. Zugleich signalisiert er aber, dass es ihm eigentlich um die Frage geht, was Komplexität überhaupt ist und wie sie definiert werden kann: ABer die FRAge ist WAS ist EIgentlich biologische komplexität. Diese explizit unkritisch gemeinte Frage richtet er nicht nur an BioAnthPm, sondern auch an sich selbst (dadurch ist die Frage auch nicht als Gegenangriff zu verstehen): also das ist jetzt keine kritische frage sondern des is ne sache mit der ich selber (.) !KÄMP!fe seit langem. Hier wird auf das Konzept des Noch-nicht-Wissens (vgl. Kap. 7.3.1.3) verwiesen, also auf eine bisher fehlende, aber nötige Definition von Komplexität.

Im weiteren Verlauf der Diskussion sieht sich BioAnthPm gezwungen, korrigierend in die Ausführungen von BioPmA einzugreifen:

139BioAnthPmj:JA also NUR äh um das klarzustellen
140 das was ich berichtet hab war das kaufmannsche (.) äh modell
141 mit dem er AUFgetreten ist eh im rahmen von eh eh origin of order (--)
142 ah sozusagen um die mächtigkeit dieser äh network äh konzepte zu erläutern ← 254 | 255 →
143 worums mir daran nur GING
144 ich an der an der (.) emPIrischen !WAHR!heit der these liegt mir !GAR! nichts ja
145BioPmA[hm ]
146BioAnthPm[ich] trete hier nur als äh als wissenschaftstheoretiker auf
147 worum es mir GEHT ist zu sagen (.)
148 dass der ausdruck komplex nicht !EIN!stellig verwendet werden darf
149 sondern nor!MIERT! werden muss
150 und in DEM sinne WÄre (.) die frage zu stellen
151 komplex bezüglich !WAS! denn
[Auslassung, 8sek]
152 ähm ich hab GANZ große !ZWEI!fel (---) soweit ich das bioLOgisch überblück blicke
153 dass man den ausdruck komplexität !ERNST!haft im biologischen zusammenhang verwenden kann (-)
154 MEIner ansicht nach ist der ausdruck komplexität (.) AUS!SCHLIESS!lich ein aspekt der beSCHREIbungssprache
155 die ich verWENde um bestimmte zusammenhänge biologisch äh äh äh erÖRtern zu können
156 und hat mit den armen viechern und pflanzen auf die wirs anwenden RElativ wenig zu tun

Sequenz 37:   BioAnthPm und BioPmA in der Fokusdiskussion; TK 2_1: 139-156.

BioAnthPm reagiert mit der Richtigstellung auf ein empfundenes Missverständnis und präzisiert damit seine Perspektive: worums mir daran nur GING ich an der an der (.) emPIrischen !WAHR!heit der these liegt mir !GAR! nichts ja ich trete hier nur als äh als wissenschaftstheoretiker auf (vgl. hierzu die Erläuterungen zu Sequenz 85 in Kap. 6.2.5). Diese Perspektivenverdeutlichung leitet eine negative Kritik ein, in der BioAnthPm fordert, den Komplexitätsbegriff auch hinsichtlich der Referenz zu normieren; der Bezugswert lautet also Normierung des Begriffsinhalts. Es folgen weitere theoretische Ausführungen zur Komplexität, die hier nicht wiedergegeben sind. Wichtiger ist seine Erklärung, dass er an der Sinnhaftigkeit des Komplexitätsbegriffs in der Biologie zweifelt. Er betont zwar seine Zweifel, macht aber gleichzeitig deutlich, dass er möglicherweise nicht über den nötigen Überblick verfügt: soweit ich das bioLOgisch überblück blicke. Darauf folgt die subjektive Darstellung seiner Sichtweise und Begriffsverwendung (mit einem Stilbruch, wenn er von Tieren als armen viechern spricht).

Insgesamt zeigen die kooperativ-klärungsorientierten Diskussionen starke Bestrebungen der Diskussionspartner nach Austausch von Standpunkten, thematischen Klärungen und nach dem Finden von Gemeinsamkeiten, Unterschieden und – falls nötig – Lösungen für Dissenspunkte. ← 255 | 256 →

5.3.2.2  Konfrontativ-dissensbetonende Fokusdiskussionen

Im Folgenden wird eine Diskussion betrachtet, die als konfrontativ und in bestimmten Abschnitten als aggressiv charakterisiert werden kann. Ziel des herausfordernden Diskutanten ist es, Kritikpunkte deutlich zu machen, den Vortragenden zu kritisieren und ihn von der eigenen Meinung zu überzeugen.

Diskussion 3: Spukphänomene in interdisziplinärer Forschung

In der Fokusdiskussion geht es um die Erforschung psychophysikalischer Phänomene (Spuk, wie beispielsweise ohne physikalischen Einfluss umfallende Vasen, herunterfallende Bilder oder sich bewegende Dinge) und deren Beschreibbarkeit sowie Modellierung. PhyPsyDrm erforscht diese Phänomene aus psychologischer und physikalischer Perspektive und bietet in seinem Vortrag eine Möglichkeit der wissenschaftlichen Modellierung und Erklärung an. PhilPmA hat verschiedene Einwände gegen den Vortrag und verlangt nach weiterer Klärung. Die Kommunikationssituation ist asymmetrisch, und zwar nicht nur hinsichtlich des Status der Beteiligten (zweifacher Doktor vs. Professor), sondern auch hinsichtlich der Etabliertheit der Forschungsbereiche: PhilPmA ist Philosophieprofessor, der an eine jahrtausendealte Forschungsgeschichte anknüpft; PhyPsyDrm kann in seinem Grenzgebiet zwischen Physik und Psychologie zwar eigene Leistungen vorweisen, aber nicht an eine bereits etablierte und akzeptierte Forschungsliteratur anschließen.

Die Diskussion zwischen den beiden wird in Ausschnitten präsentiert und abschnittsweise besprochen.

001PhilPmAja meine damen und herren (1.5) im unterschied zu herrn [Nachname (PhyPsyDrm)]
002 spreche ich LANGsam und sage WEnig
003Publikum

   […]
((verhaltenes Lachen, 4sek))
011PhilPmAich möchte KEIne FRAge stellen herr [Nachname (PhyPsyDrm)]
012 sondern (-) eine beMERkung machen (--) äh die:
013 obwohl ich ja gestern bei einem theologischen vortrag schon geLERNT hab
014 WIE (-) NACHteilig es sein kann wenn man das programm wahrheit durch KLARheit zu erkennen gibt (-)
015 möcht ich es doch NOCHmal versuchen (--)
016 obwohl verschiedene vorträge DIEse (---) diesen kommentar verschieden gut verTRAgen (--)
017 mir ist AUFgefallen (.) dass SIE (--) mindestens drei WÖRter (.)
018 nämlich !PSYCHO!logisch physikalisch und physiologisch
019PhyPsyDrmhm
020PhilPmA!ZWEI!deutig verwenden also ERSTmal sind das (-)
021 adjektiVA (.) zu den substantiven psychologie physik und physiologie (-) ← 256 | 257 →
022 und DAS sind namen für wissenschaften
023PhyPsyDrmja genau [so hab ichs verstanden]
024PhilPmA       [bei zwei ]
025 joa: moMENT moMENT na KLAR (-) DAS wäre schön wenn das klar wäre (-)
026 denn !LO!gisch dieser zusatz Logisch (-) äh heißt ja
027 da wird geredet drüber theorie gemacht wissenschaft gemacht VON etwas (--)
028 und ähm (.) MIR ist es IMmer durcheiNANdergegangen (-)
029 ob sie nun von den obJEKten sprechen (-)
030 von denen diese diszi!PLI!nen HANdeln (.)
031 ODER OB sie über die disziPLInen sprechen (.)
032 und DAmit über die FORschungsPRAXis prinZIpien meTHOden terminoloGIEN (---)
033 DAS macht einen er!HEB!lichen unterschied
034PhyPsyDrmja [natürlich klar]

Sequenz 38:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 001-003, 011-034.

PhilPmA beginnt in seiner Rolle als kritischer Diskussionspartner seinen Beitrag mit einer direkten Ansprache des Publikums: ja meine damen und herren. Sofort grenzt er sich von seinem Diskussionspartner und Vorredner ab, indem er sich konträr zu diesem positioniert: im unterschied zu herrn [Nachname (PhyPsyDrm)] spreche ich LANGsam und sage WEnig. Durch diese starke negative Kritik, die hier relativ direkt und persönlich vorgebracht wird, distanziert er sich nicht nur von PhyPsyDrm, sondern beginnt seinen Diskussionsbeitrag quasi mit einem Paukenschlag, wodurch er eine große Präsenz in der Diskussion erlangt. Der Kritik am Vortragsstil liegen die Werte Angemessenheit der Geschwindigkeit und Relevanz der Inhalte zugrunde. Nach einem kurzen Austausch mit der Tagungsveranstalterin über die Tagungs- und Diskussionsorganisation, der hier nicht abgedruckt ist, fährt PhilPmA mit seinem inhaltlichen Beitrag fort und adressiert PhyPsyDrm direkt. Er charakterisiert seinen eigenen Beitrag als Bemerkung, woraufhin er die Problematik einer solchen Bemerkung reflektiert und damit den wahrscheinlich anwesenden Theologen – ohne einen Namen zu nennen, wodurch die Kritik zumindest oberflächlich nicht persönlich ist – negativ kritisiert (vgl. Z. 012-016); die negative Bewertung durch NACHteilig und der Kommentar obwohl verschiedene vorträge DIEse (---) diesen kommentar verschieden gut verTRAgen zeigen dies an. PhilPmAs Anspruch in einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung ist nach eigener Aussage wahrheit durch KLARheit; die Bezugswerte werden hier also explizit angesprochen: Wahrheit und Klarheit. Die danach geäußerte negative Kritik bezieht sich auf die Zweideutigkeit der Begriffsverwendung von !PSYCHO!logisch physikalisch und physiologisch; die Bezugsnorm, die dieser Kritik zugrunde liegt, ist die Eindeutigkeit und klare Definition von Begriffen und deren Verwendung. PhilPmA ergänzt weitere Erläuterungen ← 257 | 258 → zu der Problematik, denen PhyPsyDrm sofort zustimmt: ja genau so hab ichs verstanden. PhilPmA unterbricht daraufhin seine Erläuterungen, um PhyPsyDrm zu korrigieren (joa: moMENT moMENT na KLAR (-) DAS wäre schön wenn das klar wäre), und begründet diese Korrektur nachfolgend. PhilPmA lehnt dadurch den angebotenen Konsens ab und signalisiert stattdessen Widerspruch und Dissens, d. h. er beharrt auf einer Gesichtsverletzung. Zusätzlich wiederholt er seine Kritik an der Begriffsverwendung und nennt die Gründe für seine Irritation: Ihm sei es IMmer durcheiNANdergegangen, ob von den Disziplinen oder Objekten gesprochen wird. Die negative Kritik wird im Adverb durcheinander signalisiert, was im wissenschaftlichen Kontext negativ bewertet wird. Der Bezugswert ist Systematik der Äußerungen und Bezüge. Der Feststellung, dass je nach Begriffsverwendung dies einen er!HEB!lichen unterschied macht, stimmt PhyPsyDrm wiederum zu (in Überlappung mit PhilPmAs Ausführungen).

PhilPmA reagiert nicht auf die Zustimmung von PhyPsyDrm, sondern geht weiter auf das Problem ein (nicht abgedruckt). Es folgt eine weitergehende Problematisierung, die sich auf die von PhyPsyDrm angenommene Wirkung von psychischen Prozessen auf physikalische Objekte bezieht:

050PhilPmAund man MUSS (-) um solche fragen zu diskutieren immer SEHR sorgfältig auseinanderhalten
051 !OB! ein ganz bestimmter gegenstand gemeint ist oder die wissenschaft DAvon
052 !WEIL! (-) es nämlich (-) GRAde in diesem FELD zu EIN und demselben (.) GEgenstand
053 OFT (.) verSCHIEdene kontro!VER!se (.) psycholoGI!EN!
054 oder physiKEN oder physikalische DARstellungen oder sowas gibt (--)
055 ALso (.) ähm MEIne ich dass ä völlig UNklar ist worüber haben sie überhaupt gesprochen=
056PhyPsyDrm=also also DARF ich das gleich klären
057PhilPmAich wenn sie machen wir ne KLEIne zusatzfrage
058 und DAnn äh (-) wär ich DANKbar für ne klärung
059PhyPsyDrmja ja=
060PhilPmA=denn was HEISST denn zum beispiel PSYCHOsomatisch AUSserhalb des körpers=
061PhyPsyDrm=ja
062PhilPmADAS meine ich ist !HOCH!problemati1[sch der]1
063PhyPsyDrm1[ja klar]1
064PhilPmAaus2[druck     ]2
065PhyPsyDrm    2[natürlich]2 ja das ist ja auch ein modell=
066PhilPmA=der könnte 3[auch]3
067PhyPsyDrm     3[also]3
068PhilPmASINNlos sein

Sequenz 39:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 050-068. ← 258 | 259 →

PhyPsyDrm bestätigt im obigen Abschnitt dieses Wirkungsverhältnis parallel zu PhilPmAs anschließender Aufforderung zur sorgfältigeren Differenzierung der Terminologie. Er begründet dies damit, dass es GRAde in diesem FELD zu EIN und demselben (.) GEgenstand OFT (.) verSCHIEdene kontro!VER!se (.) psycholoGI!EN! oder physiKEN oder physikalische DARstellungen oder sowas gibt. Daraufhin fasst PhilPmA seine Kritik im Kern nochmal zusammen, was sich im Grunde auf den gesamten Vortrag von PhyPsyDrm bezieht und den Vorwurf der Unklarheit (Bezugswert: Klarheit und Systematik im Denken und Argumentieren) enthält: ALso (.) ähm MEIne ich dass ä völlig UNklar ist worüber haben sie überhaupt gesprochen. PhyPsyDrm bietet sich an, dieses Problem sofort zu klären, ist dabei aber zurückhaltend: also also DARF ich das gleich klären. Er bittet um Erlaubnis, anstatt sich sofort zu verteidigen, was von einem eher defensiven Gesprächsstil zeugt. PhilPmA als dominanter Gegenpol unterbricht PhyPsyDrm mit einer Zusatzfrage, wodurch die Klärung und damit auch die Möglichkeit für PhyPsyDrm sich zu verteidigen verschoben wird. PhyPsyDrm stimmt der Unterbrechung und Frage zu, wobei PhilPmA ihn hier nicht aussprechen lässt, sondern weiterspricht. Er fragt nach der Bedeutung von PSYCHOsomatisch AUSserhalb des körpers und bezeichnet diesen Ausdruck als !HOCH!problematisch und als möglicherweise SINNlos. Die zugrundeliegenden Werte lauten hier in Bezug auf Terminologie: Sinnhaftigkeit und Zweifellosigkeit bzw. Unzweifelhaftigkeit. Die beiden Diskussionspartner sprechen zum Teil simultan: PhyPsyDrm setzt zur Klärung der Fragen an, während PhilPmA seine Ansicht weiter deutlich macht. PhyPsyDrm stimmt PhilPmA dahingehend zu, dass der Ausdruck problematisch sei, mit der Begründung, dass es sich um ein Modell handele. Im folgenden Abschnitt reagiert PhyPsyDrm auf die Vorwürfe und Kritik von PhilPmA:

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← 259 | 260 →

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Sequenz 40:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 069-101.

In der obigen Sequenz fordert PhyPsyDrm PhilPmA auf, abzuwarten und Geduld zu haben (ALSO ein moment), woraufhin das Publikum – wahrscheinlich wegen seiner vielen Versuche, zu Wort zu kommen – lacht. PhyPsyDrm charakterisiert die gesamten Äußerungen von PhilPmA als Rüge (also das was sie hier als sozusagen RÜgen), die er aber entkräften könne, indem er alles nochmals erkläre. Er beteuert dabei, dass er alles schon genau so erklärt habe: und ich habs auch (.) wirklich SO geSAGT. Zuerst geht er auf die phänomenale EBEne ein, verweist in dem Zuge auf ein Beispiel, das er bereits im Vortrag zur Veranschaulichung gewählt hatte, um die Kombination der beiden Fächer Psychologie und Physik zu erläutern. Er bewertet den Umstand, beide Fachgebiete EINfach verorten zu können, als SCHÖnen vorteil, also als positiv. Dem Vorwurf der mangelnden Differenzierung begegnet PhyPsyDrm, indem er seine Vorgehensweise präzisiert: hab ich (.) ä ä wenn ich auf der phänoMENebene gesprochen hab (.) IMmer nur (.) gefragt (.) zu WELchem fachgebiet geHÖRT das (-) […] und DANN hab ich über moDELLE gesprochen. In diesem Punkt stimmt er PhilPmA zu, wenn er sagt: das ist natürlich vollkommen was ANderes da haben sie vollkommen !RECHT!. Er bejaht die Notwendigkeit der Differenzierung, signalisiert dadurch gleichzeitig, dass ihm dies immer bewusst und dadurch der Vorwurf nicht berechtigt ist. Danach erläutert er das im Vortrag bereits angesprochene naturalistische Modell, in dem psy ← 260 | 261 → chologische Prozesse eine Rolle spielen. Hier wird er von PhilPmA unterbrochen, der ihn korrigieren möchte: äbäbäb JETZT meinen sie PSYchische vorgänge. Die Ausdruckspartikel zu Beginn der Äußerung und damit der Rückbezug auf bereits geäußerte Kritik signalisieren Tadel und Geringschätzung, da die Verwendung des Ausdrucks psychologischen VORgänge (Z. 091) als Beweis dafür interpretiert wird, dass PhyPsyDrm den Unterschied nicht wirklich verstanden hat. Bezugswerte sind hier Klarheit und Eindeutigkeit. Die Versuche von PhyPsyDrm, seine Ausführungen zu Ende zu bringen, scheitern aufgrund PhilPmAs Beharren auf der Unterscheidung von psychischen und psychologischen Prozessen: meinen sie PSYchische oder meinen sie psychoLOgische. PhyPsyDrm verneint Letzteres vehement (Z. 096-101), wechselt dann aber die Strategie, indem er deutlich macht, dass er hier lediglich ein fremdes Modell referiere, das er selbst nicht vertrete:

102PhyPsyDrm=!ICH! sag (.) DAS ist ja nicht meine MEInung (.)
103 sondern ich verTREte hier die positionen die diese LEUte
104 die da dieses mani!FEST! gemacht haben DIE haben das verzapft (-)
105 ICH bin doch nicht der !MEI!nung dass das RICHtig ist
106 aber ich MUSS es doch zumindestens !DAR!stellen können (-)

Sequenz 41:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 102-106.

Im obigen Auszug ist die Formulierung diese LEUte in Kombination mit dem umgangssprachlichen Ausdruck verzapft abwertend, wodurch eine Distanzierung seitens PhyPsyDrm von diesem Modell und den dahinter stehenden Wissenschaftlern deutlich wird. Dadurch begegnet PhyPsyDrm der Kritik von PhilPmA mit einer eben solchen negativen Kritik an Kollegen und dem Modell. Damit lenkt er von seiner Person ab und signalisiert Zustimmung zur Kritik. Auffällig ist hier der Ausdruck Manifest, das keine übliche wissenschaftliche Publikationsform darstellt; daher könnte es in diesem Kontext ebenso wie die umliegenden Formulierungen abwertend gemeint sein. Mit einem erneuten Verweis darauf, dass er dieses Modell selbst nicht für richtig halte, sondern lediglich wiedergeben wollte, wechselt PhyPsyDrm – angezeigt durch das Gliederungssignal so – zur Darstellung seiner eigenen Meinung:

107PhyPsyDrmSO (-) !ICH! bin der meinung dass DIEses modell und da haben sie d
108 also da haben sie auch was wunderschönes in der frank frankfurter ZEItung drüber gesch äh frankfurter allgeMEInen drüber geschrieben
109 da HAben sie DIE ja sozusagen auseinandergeschraubt (.)
110 und da bin ich VOLL mit ihnen daccord (-)
111 ICH (.) !WOLL!te ja DIEses (.) DIEse art und WEIse über physik und psychologie zu sprechen ← 261 | 262 →
112 !GRA!de kriti!SIE!ren (--)
113 also aber ich muss es doch !DAR!stellen
114 das ist ja nicht meine !MEI!nung
115 aber das ist eben die VORherrschende meinung von den meisten psychologen die da heute !RUM!rennen (--)
116 also da hab ich nix NEUes erzählt SO
117 !DANN! hab ich (.) natürlich gesagt ich hab jetzt ein alterna!TIV!modell
118 und das hab ich sozusagen jetzt anaLOG zu DIEser argumentation die diese !LEU!te bringen (--) konstruiert
119 damit sie wissen wo der UNterschied ist
120 das ist ein mo!DELL! das hat nix mit diesen erFAHrungen zu tun
121 und das sagt einfach (.) die EInen sagen es gibt bottom UP prozesse und die ANderen sagen
122 und ich sag nein NEIN das ist nicht RICHtig (-)
123 WENN wir überHAUPT die sache verstehen wollen
124 dann müssen wir zumindestens top down prozesse
125 aber (.) GLEICHzeitig und das muss ich noch dazusagen
126 vielleicht haben sie das einfach (-) nicht oder ich habs nicht geSAGT (-)
127 diese top DOWN prozesse sind KEIne kausalen prozesse (---)
128 das ist das wär ein !MISS!verständnis
129 also das heißt mein alternaTIVmoDELL (.) ist eben NICHT diese primitive art und weise da zu sagen
130 jetzt gibts hier son umgekehrte kausaliTÄT von ähm top down
131 das hab ich ja in meiner letzten folie kritiSIERT (--)
132 ALso ich hab gesagt (.) es ist was ANderes (.)
133 es ist die theorie WEnn überhaupt wenn ich ein modell mach
134 würd ich sagen (.) die theorie der dynamischen sysTEME selbstorganisation INteraktive systeme
135 kommt DEM noch am NÄHESten (-) aber mehr hab ich nicht dadrüber gesagt
136 also (.) ich will NICHT für (.) SAchen verprügelt werden (.)
137 DIE ich GAR nicht ver!TRE!TE (--)
138 nämlich das sind DIEse beiden positionen es gäbe bottom up oder top DOWN prozesse
139 die verTRET ich ja GAR nicht ZUlassen

Sequenz 42:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 107-139.

PhyPsyDrm gibt an, dass das besprochene Modell auch schon in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kritisiert wurde, dass er selbst genau wie PhilPmA DIEse art und WEIse über physik und psychologie zu sprechen!GRA!de kriti!SIE!ren wollte. Insofern äußert er seine uneingeschränkte Zustimmung mit PhilPmA: und da bin ich VOLL mit ihnen daccord. Erneut verweist PhyPsyDrm darauf, dass er hier nicht ← 262 | 263 → seine eigene, sondern eine fremde Meinung wiedergebe. Diese fremde Meinung sei aber die VORherrschende meinung von den meisten psychologen die da heute !RUM!rennen, wobei die umgangssprachliche Formulierung rumrennen in diesem Kontext negativ konnotiert ist. Hier distanziert sich PhyPsyDrm von diesen Psychologen. Darauf folgt die Darstellung seines eigenen Alternativmodells, das er nach eigener Aussage in Analogie zu dem fremden Modell konstruiert hat. Im Zuge dessen beginnt er mit der Vorstellung der Positionen, wobei er die zweite Position nicht ausgeführt, und kontrastiert diese mit seiner eigenen Sichtweise bzw. seinem Alternativmodell. Er präzisiert, dass die angesprochenen top DOWN prozesse […] KEIne kausalen prozesse seien, da er davon ausgeht, dass sein Publikum dies nicht verstanden oder dass er es nicht gesagt hat. Der in der Äußerung enthaltene Fremdvorwurf wird durch ein Fehlereingeständnis in einen Selbstvorwurf korrigiert. Das eigene Modell grenzt er vom naturalistischen Modell ab, indem er sein eigenes positiv und das naturalistische negativ bewertet: Es sei NICHT diese primitive art und weise da zu sagen. Hier findet eine Eigenaufwertung durch eine Fremdabwertung statt. In der Folge bezieht er sich auf seinen eigenen Vortrag, in dem er die Prozesse bereits kritisiert hat und wiederholt diese Kritik zur Klarstellung seiner Position. Mit der erneuten Betonung der Tatsache, dass er Modelle lediglich beschrieben, aber nicht vertreten habe, schließt er seinen Beitrag ab: also (.) ich will NICHT für (.) SAchen verprügelt werden (.) DIE ich GAR nicht ver!TRE!TE (--) nämlich das sind DIEse beiden positionen es gäbe bottom up oder top DOWN prozesse die verTRET ich ja GAR nicht. Die Verwendung des Verbs verprügeln stellt hier einen Stilbruch dar, wobei Stilbrüche insgesamt häufig in der Rede von PhyPsyDrm vorkommen (vgl. verzapft, Z. 104; rumrennen, Z. 115); der umgangssprachliche Ausdruck signalisiert, dass die Kritik als ein geradezu körperlicher Angriff empfunden und als ungerechtfertigt wahrgenommen wird. Der ganzen Verteidigung von PhyPsyDrm liegt der Wert zugrunde, dass man in der eigenen Präsentation andere Positionen kritisch reflektieren können muss, ohne diese Positionen als die eigenen zugeschrieben zu bekommen.

Die Partikel aha im folgenden Auszug signalisiert Bestätigung und dass PhilPmA die Ausführungen verstanden hat. Daran schließt PhilPmA eine Verständnis- und Vergewisserungsfrage an, deren Inhalt PhyPsyDrm mehrmals bestätigt. PhilPmA signalisiert daraufhin erneut, dass er jetzt verstanden habe, worum es PhyPsyDrm gehe und gesteht ein Missverständnis ein:

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Sequenz 43:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 140-151. ← 263 | 264 →

PhyPsyDrm gibt sich selbst die Schuld für dieses Missverständnis: ah ja gut dann war ich DA nicht explizit genug (= Bezugswert: Explizitheit). Damit sieht es so aus, als seien Unklarheiten und Missverständnisse ausgeräumt, doch schließt PhilPmA einen Einspruch mit einer kritischen Frage an:

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Sequenz 44:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 152-167.

Die Formulierung WIR HIER verweist auf die Anwesenden, also PhilPmA und PhyPsyDrm eingeschlossen. PhilPmA beschreibt das wissenschaftliche Arbeiten als rationales unterNEHmen, das festgelegten Regeln, Methoden, Prinzipien und einer bestimmten Sprache zu folgen habe, also an wissenschaftlichen Werten orientiert sei. Dem stimmt PhyPsyDrm uneingeschränkt zu. PhilPmA signalisiert daraufhin immer noch Unzufriedenheit und verweist auf eine kritische Äußerung einer dritten Person. Um aber seinen Standpunkt deutlich zu machen und um zu zeigen, dass er die positiven Aspekte an PhyPsyDrms Arbeit anerkennt, lobt er dessen Beratertätigkeit (diese Sequenz ist an dieser Stelle nicht abgedruckt; zu diesem Abschnitt siehe genauer Kap. 5.2.2, Sequenz 10). PhyPsyDrm antwortet auf diese Dank- und Lobsequenz mit einem einfachen ja, was es PhilPmA erlaubt, eine weitere Frage aus philosophischer Perspektive direkt anzuschließen: SO und ← 264 | 265 → MEIne frage als philosoph wäre (.) was MACHen wir mit dieser RATlosigkeit. Die Frage beantwortet er selbst in Form eines Vorschlags, dem PhyPsyDrm zustimmt: ich will ihnen gar nicht widersprechen. PhilPmA führt weiter aus, dass man in dieses rationale Forschungsprogramm auch philosophische Überlegungen einbeziehen müsse (nicht abgedruckt). Im folgenden Abschnitt bekräftigt PhyPsyDrm seinen wissenschaftlichen Anspruch:

210PhyPsyDrmich WILL aber in dem rationalen bereich bleiben
211 deswegen (.) probier ichs jetzt mit einem systemischen modell
212 und das hab ich ihnen kurz äh zusammengefasst erKLÄRT
213 und hab auch !DIE!ses modell ist !VOLL!kommen rational (-)
214 es benutzt NUR begriffe die ä wir im prinzip äh in der wissenschaft kennen (-) äh
215 und das ist mein !AN!spruch (-)
216 hier gibt es KEInen äh deus ä ex machina das wird dem herrn [Nachname (eTheoPmB)] zwar nicht gefallen
217 aber (-) ähm es gibt HIER (.) !NUR! begriffe
218 DIE bereits in der wissenschaft vorhanden sind
219 sie müssen nur ein bisschen sozusagen (.) ähm gedehnt oder ein bisschen aktiVIERT werden
220 und ich (.) BIN sogar der MEInung (.)
221 dass diese ähm also dieses verallgemeinerte modell
222 was man da aus der quantenphysik entlehnt
223 das ist ein moDELL ein RATIOnales modell (.)
224 dass DAS sogar (.) NICHT NUR qualitativ
225 sond im prinzip QUANtitative aussagen MAchen kann
226 und die ERSten anzeichen dafür GIBTS (-)
227 also äh die das ist ja ne FORschungsgruppe
228 die sich jetzt da gebildet hat (-) äh
229 da HAT man zum beispiel dieses modell ANgewendet (.)
230 auf ähm äh ä ein WAHRnehmungsphysiologisches phänomen
231 was AUCH immernoch ein rätsel DARstellt
232 warum be bekannte NEGA (.) cube also dieser äh dieser [NEGAwürfel]
233PhilPmA[negawürfel]
234PhyPsyDrmden man mal von unten oder von oben sieht
235 der klappt ii zu ner ZEIT von ungefähr drei sekunden um beim normalen menschen (-)
236 und äh äm da HAT man dann dieses modell angewendet und rausgefunden (-)
237 man KANN diese drei sekunden (-) GANZ gut mit diesem modell erklären
238 und ich mein das ist jetzt EIN versuch (.) dieses modell sozusagen o o operational ANzuwenden
239 auf ein problem was was a aus einem physi psychophysikalisch[en]
240PhilPmA     [ja]
241PhyPsyDrmsystem stammt (.) und es funktioniert sehr !GUT!
242 also (.) nun (.) KANN ich natürlich in EInem einzigen vortrag (-) ihnen DAS nicht alles erZÄHlen ← 265 | 266 →
243 ich hab ihnen ja
244PhilPmA1[ja]1
245PhyPsyDrm1[nur]1 sozusagen die GRUNDbegriffe erl erläutert um WAS es 2[dabei geht ist ein]2
246PhilPmA[gut (.) dann]2
247PhyPsyDrmRAtionales modell

Sequenz 45:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 210-247.

In der oben abgedruckten Sequenz äußert PhyPsyDrm, dass er sich für einen interdisziplinären Lösungsweg (der Modellierung) entschieden habe, der seinem wissenschaftlichen !AN!spruch der Rationalität folgt. Dieser Anspruch wird im Kontext der Wissenschaft positiv bewertet und signalisiert, dass PhyPsyDrm als guter wissenschaftlicher Forscher wahrgenommen werden will. Daraufhin wiederholt er mehrmals die positiven Eigenschaften des eigenen Modells: Ausschluss eines deus ä ex machina, ausschließliche Verwendung und Dehnung bereits etablierter Terminologie, Rationalität sowie Erwartbarkeit qualitativer und quantitativer Ergebnisse. Sein wissenschaftlicher Anspruch wird auch dadurch verdeutlicht, dass er auf eine existierende Forschergruppe verweist, die sich mit den Anwendungsmöglichkeiten des Alternativmodells beschäftigt. Die Erklärungsleistungen des Modells seien in diesem Beispiel sehr !GUT!; dadurch evaluiert er sein eigenes Modell als positiv und präsentiert sich und die Forschergruppe als erfolgreich. Mit einem Hinweis auf die Kürze der Vortragszeit rechtfertigt er sich für inhaltliche Lücken und die Beschränkung auf Grundbegriffe (also (.) nun (.) KANN ich natürlich in EInem einzigen vortrag (-) ihnen DAS nicht alles erZÄHlen), betont aber den grundsätzlichen Rationalitätsanspruch des Modells. PhilPmA geht auf Erläuterungen von PhyPsyDrm nicht ein, sondern beginnt mit einem neuen Beitrag, den er relativ neutral und unspezifisch als wort (-) beitrag charakterisiert:

248PhilPmAmein letzte wort (-) beitrag (-) äh
249 also die drei sekunden das kann ihnen herr peppel AUCH erklären
250PhyPsyDrmja [mit dem herrn peppel ham wir privat darüber diskutiert ja]
251PhilPmA     [und eine andere ja BÄBÄBÄbäbäb DARF ich mal ausreden     ]
252PhyPsyDrmja
253PhilPmAjetzt DARF ich mal ausreden
254PhyPsyDrmja=
255PhilPmA=ähm (2.0) ich NEHme (-) zur kenntnis was sie gesagt haben
256 und bitte NUN kurz zu erklären was es heißt (-)
257 eine extrakorporales also AUSserkörperliches psychosomatisches phänomen

Sequenz 46:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 248-257. ← 266 | 267 →

PhilPmA nennt in der obigen Sequenz eine alternative Erklärungsmöglichkeit für den Negawürfel, woraufhin PhyPsyDrm diese Erklärung einfordert, aber unterbrochen wird: BÄBÄBÄbäbäb DARF ich mal ausreden. Die gereihte Partikel bäb signalisiert Tadel, das Rederecht wird metakommunikativ ausgehandelt. Obwohl PhyPsyDrm ihm das Rederecht zugesteht, wiederholt PhilPmA mit Nachdruck seine Forderung; hier wird sein Dominanzverhalten gegenüber PhyPsyDrm deutlich. Dem von PhyPsyDrm Gesagten stimmt PhilPmA weder zu noch lehnt er es ab, sondern nimmt es lediglich unkommentiert zur kenntnis. Er fordert PhyPsyDrm auf (bitte NUN kurz zu erklären), die Formulierung extrakorporales also AUSserkörperliches psychosomatisches phänomen zu erklären. PhyPsyDrm korrigiert PhilPmA und sagt, dass es sich nicht um eine Erklärung, sondern um eine Beschreibung handele:

258PhyPsyDrmdas ist ne REIN phänomenologische beSCHREIbung (-) die ha ist KEIne erklärung

Sequenz 47:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 258.

In der sich daran anschließenden, nicht abgedruckten Zwischensequenz gesteht PhyPsyDrm ein, dass es immer noch große Wissenslücken hinsichtlich der Funktionsweise gebe, nennt aber die Voraussetzungen für solche Phänomene, die festgestellt wurden. Er vergleicht die Phänomene hinsichtlich ihrer Struktur mit psychosomatischen Reaktionen, die ja schon beschrieben seien, was eine ziemlich klare aussage (positiv bewertet) ermögliche. Mit dem Hinweis auf die Beschreibbarkeit von psychosomatischen Prozessen bezieht sich PhyPsyDrm nicht nur auf die vorhandene, umfangreiche Forschungsliteratur (ist ein riesengebiet), sondern signalisiert auch Kenntnis derselben; damit zeigt er sich als guter wissenschaftlicher Forscher mit Kompetenz und Fachwissen, der sich in der Forschungslandschaft auskennt. Das Modell der psychosomatischen Prozesse könne auch auf extrakorporale Phänomene angewendet werden, wobei das Problem der Erklärung, warum diese Phänomene außerhalb des Körpers auftreten, bestehen bleibe. Dadurch ergebe sich die Notwendigkeit, an der Modellierung zu arbeiten. Insgesamt hält PhyPsyDrm sowohl das Modell als auch den Ansatz für aussagekräftig und ausbaufähig, um irgendwann Spuk vollständig erklären zu können (vgl. zu diesem Abschnitt Sequenz 118 in Kap. 7.3.2.2). Bisher habe man aber diese Phänomene in der Annahme, dass die leute spinnen, ignoriert. PhilPmA gibt unterbrechend das Phänomen Phantomschmerz zu bedenken, das PhyPsyDrm aufnimmt. Es kommt zu mehreren Überlappungen und zumindest hinsichtlich des Phantomschmerzes sind sich beide Diskutanten einig: ja genau (PhyPsyDrm), ja ja (PhilPmA). ← 267 | 268 →

Im Anschluss daran verweist PhyPsyDrm auf eine eigene Publikation, was als selbstinitiierte Darstellung von Expertenwissen und eigenen Leistungen gewertet werden kann:

298PhyPsyDrmso also da gibts viele viele (.) HINweise dafür (-)
299 und ich HÄTte das AUCH noch erzählt ich hab ja ein Paper da (-)
300 das heißt äh complex ä äh interaction with environment (.) und so weiter
301 man KANN TATsächlich SEhen (.) sind interessante sachen
302 dass in MANchen fällen (.) sozusagen die phänomenologie des des
303 also ich sag mal der STÖrung von AUSsen (.) AUF die leute ZUkommt (-)
304 sozusagen auf ihrer oberfläche oder körper ä ober ä KÖRperoberfläche angelangt
305 und IN den körper hineingerät und dann sind sie richtig psychomatisch ä psychosomatisch krank (.)
306 und das verSUchen wir zu verhindern
307 das KANN man beobachten (.) und deswegen denk ich wir sind da gar nicht so schlecht DRAN
308PhilPmAja ich MEIne noch VIEL begriffliche arbeit zu leisten=
309PhyPsyDrm=GANZ bestimmt=
310PhilPmA=gut

Sequenz 48:   PhyPsyDrm und PhilPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_6: 298-310.

Die in der Publikation beschriebenen sachen werden positiv bewertet (interessante); die Zielsetzung, außerkörperliche, krankmachende Einflüsse auf Menschen abzuwenden und psychosomatische Krankheiten zu verhindern, wird betont. Diese Einflüsse seien beobachtbar, wobei Beobachtbarkeit eine Grundvoraussetzung guter wissenschaftlicher Arbeit darstellt. Damit stellt PhyPsyDrm den positiven Sinn seiner Arbeit für den Menschen (psychische und psychosomatische Krankheiten zu verhindern) heraus. PhilPmA zieht das Resümee der Diskussion. Er kritisiert bestehende begriffliche Unklarheiten (die Bezugswerte sind hier klare Terminologie und Differenzierung) und macht auf die Notwendigkeit einer weiteren Differenzierung aufmerksam: ja ich MEIne noch VIEL begriffliche arbeit zu leisten. PhyPsyDrm stimmt ihm zu, was PhilPmA schlicht mit gut kommentiert. Dies erinnert an Schülerbewertungen durch Lehrer.

Die Diskussion zwischen den Diskutanten ist damit abgeschlossen; die offenkundige Skepsis seitens PhilPmA bleibt bis zum Schluss bestehen, Konsens wird nicht erreicht. Es stellt sich insgesamt die Frage, ob PhilPmA die Forschung, die Kompetenz und das Fachwissen von PhyPsyDrm anerkennt. ← 268 | 269 →

5.3.2.3  Zusammenfassung der Ergebnisse aus den Fokusdiskussionen

Fokusdiskussionen können sich sehr dynamisch entwickeln und es werden meist verschiedene wissenschaftliche Werte thematisiert. Dennoch unterscheiden sich die beiden Diskussionsmodi hinsichtlich der Art der Hervorbringung der Kritik. Dieser Eindruck mag noch dadurch verstärkt werden, dass sich die hier im Fokus stehenden Diskussionen auch hinsichtlich der Symmetrie und Asymmetrie der Diskussionssituation unterscheiden: In den kooperativ-klärungsorientierten Diskussionen besteht Symmetrie zwischen den Interaktionspartnern, in der konfrontativ-dissensorientierten dagegen Asymmetrie.

In den konsens-klärungsorientierten Fokusdiskussionen sind die Diskussionsteilnehmer sachlich und engagiert. Sie schreiben sich Wertverstöße nicht gegenseitig persönlich zu, sondern rufen diese Werte auf, um deren Wichtigkeit zu betonen und den eigenen Anspruch deutlich zu machen. Dadurch kommt es kaum zu Gesichtsbedrohungen, und wenn doch, dann erscheinen sie als nicht intendiert. Die Diskussionsteilnehmer sprechen oft überlappend oder parallel, was zu Abbrüchen, Korrekturen und Neuansätzen führt. Davon fühlt sich aber niemand gestört (zumindest wird keine Zurechtweisung geäußert); die Überlappungen zeugen hier eher von hohem Engagement und Sachorientierung. Ziel der Diskussionen ist das gegenseitige Verstehen, sodass Sprechhandlungen wie ERKLÄREN und BEGRÜNDEN eine wichtige Rolle spielen. Im Laufe der Diskussion, also während der Sondierung der jeweiligen Einstellungen, Meinungen, Ergebnisse etc., kann Konsens in bestimmten Punkten erreicht werden, in anderen nicht.

In konfrontantiv-dissensorientierten Fokusdiskussionen steht das Überzeugen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit Forschungsinhalten. Daher ist die zentrale Sprechhandlung das RECHTFERTIGEN auf der Seite des Kritisierten. Die Akteure werfen einander Wertverstöße vor, identifizieren Probleme und Lücken im Gesagten und beharren in verschiedenen Fällen auf ihren Kritikpunkten, sodass eine eher hitzige Atmosphäre entsteht. Das Potenzial der Gesichtsbedrohung ist hoch und teilweise intendiert, was im Vorwerfen von Wertverstößen, Unwissenschaftlichkeit und Inkompetenz zum Ausdruck kommt. Auch in diesen Diskussionen kommt es zu Überlappungen und Parallelsprechen, was als störend empfunden und deswegen getadelt wird. Da das Ziel der Diskussion im Überzeugen besteht, kommt es kaum zu Konsens – im Gegenteil kann man sogar einen gewissen Grad an Konsensverweigerung feststellen.

In Tabelle 27 sind alle angesprochenen Werte mit ihren Bezugskategorien zusammengefasst. Viele der Werte decken sich mit denen, die in den Plenumsdiskussionen thematisiert wurden. ← 269 | 270 →

Tabelle 27:  Referenzkategorien und thematisierte Werte in den Fokusdiskussionen.

ReferenzkategorieWert
Argumentation

Klarheit

Systematisiertheit

Beschreibung

Korrektheit

Vollständigkeit

Erläuterung

Explizitheit

Inhalt

Begründung

Eindeutigkeit

Klarheit

Kritisches Darstellen und Reflektieren von Positionen Wahrheit

Terminologie

(Sorgfältige) Differenzierung

Eindeutigkeit und Klarheit der Begriffsverwendung

gemeinsame Definition

Korrektheit der Verwendung

Normierung des Begriffsinhalts

Sinnhaftigkeit

Systematik der Äußerungen und Bezüge

Zweifellosigkeit

Theorie

Halten des Status Quo / Fortschritt statt Rückfall

Vortrag(sstil)

Angemessene Geschwindigkeit

Relevanz der Inhalte

Wissenschaftliches Arbeiten

Befolgung von festgelegten Regeln, Methoden, Prinzipien, Sprache

Beobachtbarkeit

Kenntnis der eigenen wissenschaftlichen Grenzen Rationalität

Es zeigt sich, dass sich viele Diskussionen an terminologischen Fragen entzünden. Dies ist zwar aufgrund der Interdisziplinarität der Tagung erwartbar (Finden einer „gemeinsamen Sprache“), spiegelt aber auch wider, dass gegenseitiges Verstehen und eine sinnvolle Auseinandersetzung mit den Themen nur auf der Basis von geklärter Terminologie möglich ist und sinnvoll erscheint. ← 270 | 271 →

5.4  Fazit: Gegenseitiges Kritisieren – sprachliche Formen und Bewertungsgrundlagen

In den untersuchten Diskussionen wird negative wie positive Kritik sehr differenziert vorgebracht. In den meisten Fällen liegen der Kritik wissenschaftliche Werte zugrunde, die der Legitimation von Kritik dienen. Wissenschaftliche Werte stellen also offenbar – eventuell gerade auf interdisziplinären Konferenzen – verbindende und alle Disziplinen vereinende Elemente dar, auf die sich alle Wissenschaftler berufen und beziehen können. Es wird deutlich, dass die Werte je nach Disziplin und Bedürfnissen unterschiedlich ausdifferenziert sein können und bei inhaltlichen Vorstößen eines Fachfremden von den Vertretern des Fachs angemahnt werden. Die Diskutanten berufen sich aber auch auf Grundwerte, die über Disziplingrenzen hinweg gelten (wie sie auch zum Teil von der DFG 2013 formuliert wurden).

Um das Wertespektrum, das in den Diskussionen aufgerufen wird, deutlich zu machen, werden im Folgenden die Werte und Kritikpunkte des Gesamtkorpus zusammengestellt. Der Großteil dessen wurde aber bereits in diesem Kapitel ausführlich besprochen, sodass die Ergebnisse aus der Analyse des Gesamtkorpus als Ergänzungen zu verstehen sind.

Die wissenschaftlichen Werte werden von den Diskussionsteilnehmern direkt angesprochen oder indirekt aufgerufen. Bevor darauf eingegangen wird, wie und in welcher Form diese Werte thematisiert werden, werden die im Gesamtkorpus identifizierten, negativer Kritik zugrundeliegenden Werte – jeweils in ihrer Verteilung auf die jeweilige Referenz – aufgelistet:

Tabelle 28:  Übersicht über die wissenschaftlichen Werte, die negativer Kritik zugrundeliegen.

ReferenzkategorieWert
Analyse

Akribie

Sorgfalt

Vorsicht

Anspruch

Angemessenheit

Argumentation / Ansatz

Angabe von Argumentationsregeln

Fundiertheit von Argumenten

Ideologiefreiheit

Klarheit

Nachvollziehbarkeit

Stichhaltigkeit von Argumenten

Systematisiertheit

Vermeidung von Binnengewissheiten ← 271 | 272 →

Aussage

Begründetheit

Fundiertheit

Beispiel / Illustration

Klarheit

Übersichtlichkeit

Beschreibung

Angemessenheit

Einbezug aller Möglichkeiten/Phänomene

Korrektheit

Kritische Reflektiertheit

Vollständigkeit

Zweifellosigkeit

Bewertung

Angemessenheit

Korrektheit

Definition

Angemessenheit

Differenzierung

Vollständigkeit

Diskussion

Aufmerksamkeit

Konstruktivität

Maß

Rationalität

Sachlichkeit

Verständnis

Ergebnis

Erklärungen geben

Freiheit von Weltanschauungen

Nachvollziehbarkeit

Quantifizierung

Erklärung

Vollständigkeit

Erläuterung

Differenziertheit

Eindeutigkeit

Einheitlichkeit

Explizitheit

Fundiertheit (mit Überzeugungskraft)

Experiment

Messbarkeit

Sorgfalt bei der Planung und Durchführung

Hypothese

Trennen von Fakt und Fiktion ← 272 | 273 →

Inhalt

Aktualität von Wissen

Beachtung, Erfassung von allem Relevanten

Begründetheit

Definition des Geltungsbereichs (spezifisch vs. allgemein)

Eindeutigkeit

Deutlichmachen von Einschränkungen

Fundiertheit

Klarheit

Korrektheit

Kritisches Darstellen und Reflektieren von Positionen

Nachvollziehbarkeit

Vollständigkeit der Betrachtung

Vermeidung von disziplinspezifisch geltenden Prämissen bei der Bearbeitung gesamtwissenschaftlicher Fragen

Wahrheit

Widerspruchslosigkeit

Zweifellosigkeit

Interpretation / Schlussfolgerung

Angemessenheit

Begründetheit

Methode (i. w. S. auch Experiment)

Angabe aller (Meta-)Daten

Beachtung aller Phänomene (= Vollständigkeit)

Beobachtbarkeit und Registrierbarkeit von Phänomenen

Definition der Aussagekraft

Definition und Reflexion der Methode

Differenzierung zwischen Fakten und Fiktion (Hypothesen, Szenarien etc.)

Eindeutigkeit

Gründlichkeit

Korrektheit der Beweise, Hypothesen und Prämissen

Korrektheit des Ansatzes

Nennen des Geltungsbereichs

Sorgfalt

Überprüfbarkeit

Vermeidung von Tautologien/Beweisfehlern

Zielführung ← 273 | 274 →

Modell

Falsifizierbarkeit

Verifizierbarkeit

Selbstreflexion

Korrektheit des wissenschaftlichen Arbeitens

Terminologie / Konzept

(Sorgfältige) Differenzierung

Ausweisen von Schlussformeln

Benennen von Bedingungen

Definition des Terminus und dessen Referenz

Eindeutigkeit

Gemeinsame Definition

Klarheit

Nachvollziehbarkeit

Normierung des Begriffsinhalts

Ordnung

Plausibilität

Reflexion der Konsequenzen der Definition

Sinnhaftigkeit (von Metaphern)

Spezifiziertheit

Systematik der Äußerungen und Bezüge

Vollständigkeit

Zweifellosigkeit

Terminologieverwendung  

Bindung an (disziplinär oder interdisziplinär) geltende Definitionen

Differenziertheit

Eindeutigkeit und Klarheit der Begriffsverwendung

Klarheit

Korrektheit

Sorgfalt

Theoretischer Ansatz

Allgemeingültigkeit, Angemessenheit, umfassende Betrachtung von Aspekten in Beschreibungen

Begründetheit der Aussagen

Halten des Status Quo / Fortschritt statt Rückfall

Korrekter Umgang mit Allsätzen

Korrektheit der Prämissen

Reflektiertheit und Verantwortung im Umgang mit Bildern und Grafiken

Ständiges Kritisieren und Hinterfragen

Stichhaltigkeit der Aussagen/Argumente ← 274 | 275 →

Vortrag / Vortragsstil

Angemessene Geschwindigkeit und Relevanz der Inhalte

Benennung aller Unsicherheiten

Klarheit

Maß

Rationalität

Sachlichkeit

Wissen

Abgrenzung zu Glauben

Aktualität

Vollständigkeit

Wissenschaftliches Arbeiten

Befolgung von festgelegten Regeln, Methoden, Prinzipien, Sprache

Beobachtbarkeit

Kenntnis der eigenen wissenschaftlichen Grenzen

Rationalität

Wissenschaftsverständnis

Gleichordnung der Disziplinen

Wissensvermittlung

Begründetes, wahres Sprechen / Wahres vermitteln

Zu beachten ist, dass diese Werte disziplinübergreifend gelten, je nach Disziplin aber unterschiedlich ausdifferenziert werden. Es zeigt sich, dass vor allem die von der DFG (2013) genannten Werte der Sorgfalt, des Zweifelns und des lege artis-Arbeitens von den Diskussionsteilnehmern thematisiert und abgeprüft bzw. eingefordert werden. Der Wert Sorgfalt wird auf Analyse, Experimentplanung und -durchführung, methodisches Vorgehen, Terminologieverwendung und -differenzierung bezogen (vgl. Tab. 28). Der geforderte strategische Zweifel kommt im Zweifel an einer Aussage, einem Begriff, einer Erläuterung, einer Methode oder einem Experiment zum Ausdruck (Tab. 29). Alle in der obigen Tabelle (Tab. 28) genannten Werte können als die Forderung, lege artis zu arbeiten, gewertet werden.

In den vorliegenden Diskussionen spielt u. a. aufgrund des Kontextes, in dem die Tagungen 2 und 3 stattfanden, der Wert der Nachvollziehbarkeit eine besonders große Rolle und wird in verschiedenen Formen thematisiert. In Bewertungen kommt der Grad der Nachvollziehbarkeit eines Gedankengangs, einer Interpretation oder eines Ergebnisses zum Ausdruck. Das vom anderen Diskutanten oder Vortragenden Geäußerte wird zum Beispiel als einleuchtender, nicht einleuchtend, unklar, völlig unklar, nicht übermäßig überzeugend bewertet. In einer Sequenz, die stellvertretend gewählt wird, kommt PhilPmA nach längeren Ausführungen ← 275 | 276 → zu dem Ergebnis: ALso ähm MEIne ich dass ä völlig UNklar ist worüber haben sie überhaupt gesprochen (PhilPmA, TK 3_6: 055). PhilPmA bezeichnet die Vortragsinhalte als UNklar, also als nicht nachvollziehbar, wobei sich diese Unklarheit auf Inkonsistenzen in der Begriffsverwendung beziehen. Allein durch diese Bewertung kommen eine negative Einstellung sowie Kritik am Vortragenden zum Ausdruck.

Pinch führt die Problematik der mangelnden Nachvollziehbarkeit von Wissen auf die Wissenstypen zurück, die dem wissenschaftlichen Arbeiten zugrunde liegen: Dadurch, dass wissenschaftliches Arbeiten auch auf implizitem Wissen (tacit knowledge), nicht mehr hinterfragten Präsuppositionen/Voraussetzungen sowie Fertigkeiten (craft activity) beruhe, die kaum erklärbar seien, werde die Produktion von Wissen für Außenstehende undurchsichtig und nicht nachvollziehbar (vgl. Pinch 1981: 145, 146). Es ist also gerade auch in interdisziplinären Kontexten von zentraler Bedeutung, in der Vortragsvorbereitung mögliches implizites Wissen, Präsuppositionen und Fertigkeiten zu reflektieren und nach Möglichkeit in den Vortrag zu integrieren, um Darstellungen nachvollziehbar zu machen83.

Negative Kritik wird in den Diskussionen auf unterschiedliche Weise vorgebracht. Hinsichtlich der Sprechhandlungen können negative Kritik und Reaktionen auf diese folgendermaßen ausdifferenziert werden, wobei die Liste alphabetisch und aus den genannten Gründen (vgl. Kap. 5.1) nicht nach dem Grad der face-Bedrohung sortiert ist: ABLEHNEN, (AUF-) FORDERN, BEDAUERN AUSDRÜCKEN, DISTANZIEREN, FRAGEN (KRITISCHES FRAGEN, NACHFRAGEN), HINWEISEN (AUF PROBLEMATISCHES), KORRIGIEREN, KRITISCHES FESTSTELLEN, METAKOMMUNIZIEREN, SELBSTKRITIK, TADELN, NICHT-VERSTEHEN SIGNALISIEREN, VORWERFEN, WARNEN, WIDERSPRECHEN, ZUSTIMMEN/ZUGESTEHEN/BESTÄTIGEN, ZURÜCKWEISEN, ZWEIFELN/SKEPSIS SIGNALISIEREN. Die auf verschiedene Weise vorgebrachte negative Kritik und Reaktionen haben unterschiedliche Bezüge. In der folgenden Tabelle (Tab. 29) sind die Referenzen den jeweiligen Sprechhandlungen zugeordnet: ← 276 | 277 →

Tabelle 29:  Übersicht über Referenzen der negativen Kritik.

Initiierende und reagierende SprechhandlungenReferenz
ABLEHNEN von

Ansatz

Ansicht Dritter

Anspruch

Argument

Äußerung

Begriff/Begriffsverwendung

Beispiel

Beschreibung

Diskussionsverhalten

Erläuterung

Meinung

Methode, experimentelles Setting

Schlussfolgerung

Vorgehensweise

Vorwurf (= Verteidigung)

(AUF-)FORDERN zu

Achtsamkeit

Beweise liefern

Differenzierung

Korrekte Begriffsverwendung

Korrektes methodisches Vorgehen

Stellungnahme

Verbesserung der Terminologie

BEDAUERN AUSDRÜCKENWissensstand
DISTANZIEREN von

Begriff

Lehre

Person (Diskussionspartner/Vorredner, Dritte(r), Kollege(n)

KRITISCHES FESTSTELLEN

Begriffsdefinition, -erklärung

Behauptung

Mangel an Naturwissenschaftlichkeit

Mangel an Sorgfalt

Methode

Uneinheitlichkeit

Vortragsstil

Widersprüchliches

Wissenschaftstheorie

Zweideutigkeit ← 277 | 278 →

FRAGEN nach

Alternative

Angemessenheit, Sinn

Anspruch

Begriffsdefinition

Begründung

Bestätigung

Definition

Erläuterung

Konsequenzen der Begriffsdefinition

Methode, Experiment

HINWEISEN auf

Fehler

Problematisches

Risiken

METAKOMMUNIKATION

Diskussionssituation

NICHT-VERSTEHEN SIGNALISIERENInhalt
SELBSTKRITIK

Disziplin, Fachkultur

Darstellung der Inhalte

TADELN von

Unklares Sprechen

Diskussionsverhalten

UNTERSTELLEN vonNichtwissen
VORWERFEN von

Unkenntnis

Unklarheit

Unverständnis

WARNEN vor

Begriffsverwendung

Definitionsmacht

Ideologieanfälligkeit

mangelnde Sorgfalt

Übereiltheit

Überschätzung

WIDERSPRECHEN

Begriff

Erläuterung

Inhalt, Inhaltsparaphrase

Methode, Experimentelles Setting

Vorschlag/Aufforderung

Vorwurf ← 278 | 279 →

ZURÜCKWEISEN von durch

  BEGRÜNDUNG

  ENTKRÄFTUNG

  GEGENKRITIK/GEGENFRAGE

  KRITIK AN DRITTEN

  RICHTIG-/KLARSTELLUNG

Gesagtes

Behauptetes

(unberechtigter) Vorwurf

ZUSTIMMEN (VOLL, PARTIELL, EINGESCHRÄNKT, UNTER BESTIMMTEN BEDINGUNGEN) zu

Aussage

Erläuterung

ZWEIFELN, SKEPSIS ANMELDEN

Aussage

Begriff, Ausdruck

Erläuterung

Methode/experimentelles Setting

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Die Tabelle zeigt ein breites Spektrum der Bezüge. Zudem wird nur im gemeinsamen Betrachten von Sprechhandlung und Bezug deutlich, dass eine negative Kritik vorliegt (eine AUFFORDERUNG beispielsweise muss nicht zwangsläufig eine Unzufriedenheit voraussetzen).

In den Plenumsdiskussionen wird sehr unterschiedlich auf Kritikinitiierungen reagiert. Die folgende Zusammenstellung der Sprechhandlungen bezieht sich nur auf Plenumsdiskussionen, da in diesen nur ein bis höchstens vier Turnwechsel stattfinden. Die Gesprächsentwicklung in den Fokusdiskussionen ist zu dynamisch, um sie sinnvoll musterhaft beschreiben zu können. Abbildung 13 zeigt, welche Sprechhandlungsfolgen vorkommen. ← 279 | 280 →

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Abbildung 13: Übersicht über im Korpus typische Initiierungs- und Reaktionsrunden.

Negative Kritik wird vor allem durch negative Bewertungen (im Bewertungsrahmen „Wissenschaft“) verbalisiert und ist unter Umständen sehr gesichtsbedrohend. Ebenso kann sie – je nach Art der Hervorbringung – face-schädigend für den Kritisierenden sein. Um einen gewissen Grad an Höflichkeit und Respekt für die Arbeit des anderen zu signalisieren und damit das eigene Image als zwar ← 280 | 281 → kritischer, aber auch respektvoll-höflicher Wissenschaftler zu wahren, stehen verschiedene Möglichkeiten der Abschwächung des Angriffs auf das face der anderen zur Verfügung. Erstens können Ausdrücke gewählt werden, die die Subjektivität des Gesagten betonen. Hierdurch werden Widerspruchsmöglichkeiten eingeschlossen, da nur die eigene Meinung widergespiegelt wird. Zweitens kann das Gesagte durch verschiedene Mittel abgeschwächt werden, um die Imagegefährdung abzumildern. In beiden Fällen muss aber betont werden, dass es sich um eine rein oberflächliche Abschwächung handeln und der Angriffscharakter bestehen bleiben kann.

Im Hinblick auf den ersten Punkt – Subjektivität – fallen Ausdrücke des persönlichen Empfindens auf, also Ausdrücke wie fänd ich/find ich, versteh ich nicht, ich sehe nicht ein wieso, das hab ich nicht verstanden, ich bilde mir ein, kommen mir vor, mir scheint/mir erschien/sind mir erschienen/ scheint, hab ich den Eindruck, ich bin der Meinung, ist mir/mir ist, ich halte es/das halte ich. Durch sie wird signalisiert, dass auch Fehleinschätzungen möglich sind, da es sich um eine subjektive Wahrnehmung handelt. Subjektivität wird auch durch die folgenden Formulierungen signalisiert: nach meinem Dafürhalten, mir persönlich, für meinen Geschmack. Auch sie zeigen einen eingeschränkten Blickwinkel an. Tatsächlich wird die Gültigkeit des Gesagten durch die Formulierung soweit ich das überblicke stark eingeschränkt und impliziert, dass andere Einschätzungen zugelassen sind. Die letzte Gruppe der Subjektivität anzeigenden Mittel sind Verben bzw. Ausdrücke des Sagens: ich glaub (nicht), ich denke, meine ich/ich mein(e), würd ich sagen/würde gerne (sagen), ich würde (einfach).

Bezüglich Punkt zwei, der Abschwächung des Gesagten, stehen andere Mittel zur Verfügung. So kann eine direkte Adressierung des Gesprächspartners, der für einen Fehler kritisiert wird, vermieden werden. Durch die Verwendung des unspezifischen man (statt einer direkten Ansprache mit Sie) oder die Verwendung des Passivs (dass noch nachgebessert werden könnte) wird eine direkte, persönliche Kritik in eine etwas abgeschwächtere Form gebracht. Kritisiert wird dann, wer sich angesprochen fühlt. Außerdem wirkt die Kritik durch die Verwendung des Konjunktivs weniger aggressiv: könnte, würde fragen, würde zustimmen, könnte man fragen, würde bitten, wollte ich. All diese Formulierungen signalisieren Zurückhaltung seitens des Sprechers. Ähnlich funktionieren Heckenausdrücke wie vielleicht, so ein bisschen, die den Grad der Gesichertheit des Gesagten bspw. mindern. Zuletzt wirkt die Verwendung von (oberflächlichen) Höflichkeitsformen wie möchte ihnen nicht zu nahe treten abmildernd, obwohl sich an eine solche Einleitung herbe Kritik anschließen kann. ← 281 | 282 →

Insgesamt zeigt sich, dass lexikalisierte negative Bewertungen weitaus häufiger sind als positive. Harras führt dieses Ergebnis u. a. darauf zurück, dass „offenbar […] in unserer Gesellschaft (negativ) abweichendes, bzw. markiertes Verhalten häufiger zur Sprache gebracht [wird] als positives“ (Harras 2006: 122). Die vergleichsweise geringe Zahl an Lobsequenzen lässt sich zum einen möglicherweise darauf zurückführen, dass positive Reaktionen in direkter Kommunikation mit Sichtkontakt evtl. öfter nonverbal als verbal, also durch Kopfnicken oder Lächeln signalisiert wird. Zur Bestätigung dieser Vermutung müsste eine videogestützte Analyse durchgeführt werden. Zum anderen zeigen bereits Zillig (1982: 97f.) und Adamzik (1984: 286) in ihren Untersuchungen, dass Lexeme der Positivbewertung weitaus seltener und undifferenzierter sind als Lexeme der Negativbewertung. Im wissenschaftlichen Kontext sind Positivbewertungen möglicherweise auch deswegen seltener, da Wertesysteme an einzelne Schulen, Konzepte etc. gekoppelt sind und bei Meinungsverschiedenheiten in der gegenseitigen Kritik stehen – demnach nicht als ‚gut‘, sondern als kritikwürdig befunden werden. Das Attribut ‚gut‘ würde auf etwas allgemein Akzeptiertes, Unhinterfragtes und Unkritisiertes hinweisen, was sich in der Wissenschaft kaum finden lässt. ← 282 | 283 →


76    Dass in diesem Kapitel negative Kritik unter diesem relativ engen Fokus betrachtet wird, heißt nicht, dass nicht auch andere Arten von Kritik identifiziert werden können: Es finden sich auch Sequenzen von konstruktiver Kritik, interessierte Fragen mit kritischem Inhalt, Detailkritik etc.

77    Jede Form von negativer Kritik stellt im Goffmanschen Sinne einen Angriff auf das face eines Anderen dar. Um aber möglichst offen alle Facetten von Kritik erfassen zu können und nicht in eine Kriegs-Metaphorik (z. B. „Angriff, Verteidigung, Bedrohung, Abwehr“) verfallen zu müssen, bleibe ich bei den Begriffen negative Kritik, Initiierung und Reaktion. Dennoch kann auf die genannte Goffman‘sche Terminologie in der Beschreibung der Interaktion nicht vollständig verzichtet werden, wenn Eintönigkeit und allzu häufige Wiederholungen vermieden werden sollen.

78    Kotthoff weist allerdings darauf hin, dass dies eine zusammenfassende Feststellung ist und dass dies eigentlich weiter „regional, schichtenspezifisch und geschlechtsspezifisch“ (Kotthoff 1989: 190) differenziert werden müsste.

79    Im Folgenden bezieht sich der Beleg Duden auf die Online-Ausgabe http://www.duden.de/woerterbuch; alle Belege zuletzt abgerufen am 31.07.2015.

80    Zur Nähe stiftenden Funktion und Wirkung von Komplimenten vgl. Adamzik 1984: 269f., 272.

81    Das Lexem labern wird im Duden folgendermaßen definiert: ‚sich wortreich über oft belanglose Dinge auslassen, viele überflüssige Worte machen‘.

82    Vehementes Einschreiten und Zwischenrufe seitens der Geschädigten wären sicherlich in dieser Situation möglich, werden aber vermutlich aus Höflichkeit unterlassen.

83    Nach Hempfer (1981) ist vor allem der geisteswissenschaftliche Diskurs sehr undurchsichtig. Die Wissensdarstellungen beruhten auf sehr vielen Präsuppositionen, die wissenschaftliche Unsicherheiten verhüllen. Baron bewertet diese Art des Diskurses sowie „[d]ie Unterstellung der allgemeinen Konsensfähigkeit des Gesagten“ als „ein schlichtes, aber in der Regel effektives Mittel zur Immunisierung der eigenen Thesen oder Theorien“ (Baron 2006: 106).