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Selbstdarstellung in der Wissenschaft

Eine linguistische Untersuchung zum Diskussionsverhalten von Wissenschaftlern in interdisziplinären Kontexten

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Lisa Rhein

Selbstdarstellung, Image- und Beziehungsarbeit spielen in der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Dieses Buch untersucht aus vornehmlich gesprächsanalytischer Perspektive, wie Images und Beziehungen der Akteure interaktiv konstituiert und ausgehandelt werden. Im Fokus stehen dabei Fachdiskussionen von Wissenschaftlern auf interdisziplinären Konferenzen. Grundlage ist ein von Soziologie und Psychologie befruchtetes linguistisches Methodeninventar. Die Autorin zeigt, wie Wissenschaftler in Diskussionen Images aufbauen, angreifen und verteidigen, wobei die Fachidentität der Akteure von zentraler Bedeutung ist. Sie erklärt ebenso, wie Wissenschaftler Kompetenz – auch bei vorhandenem Nichtwissen – signalisieren und Humor zur Beziehungsgestaltung nutzen.
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8 Humor in wissenschaftlichen Diskussionen

8  Humor in wissenschaftlichen Diskussionen

Sympathie stellt eine soziale Ressource dar, die auch im wissenschaftlichen Kontext eine wichtige Rolle spielt: Beispielsweise sind Networking und (geplante) Forschungskooperationen zwar von Kompetenz und Expertenschaft der Teilnehmer abhängig, doch sind Sympathie und persönliche Vorlieben ebenso wichtige Faktoren bei der Auswahl der Kooperationspartner. Bei der Analyse des positiven Selbstdarstellungsverhaltens muss daher ein zentraler Punkt beachtet werden: Um fachliche Kompetenz und Anerkennung kann man ringen, sie kann interaktiv ausgehandelt werden – Sympathie dagegen ist nicht verhandelbar, sondern gegeben111. Schütz macht deutlich, „dass die Wirkung der Selbstdarstellung des jeweiligen Beurteilers im Spannungsfeld zwischen Kompetenz und Sympathie steht. Kompetent erlebt zu werden, heißt oft auch, weniger sympathisch zu wirken und umgekehrt“ (Schütz 2000: 195; Herv. im Orig.). Doch wie gelingt es Wissenschaftlern, sich als Individuen – unabhängig von ihren fachlichen Qualitäten – in einem von Sachlichkeit und Rationalität geprägten, kompetitiven Kontext positiv zu präsentieren? In der Forschung gelten Höflichkeit, Humor, Zurückhaltung und ein gesundes Maß an Bescheidenheit112 in der Kommunikation als zentrale Faktoren der persönlichen, positiven Selbstdarstellung. Es existiert umfangreiche Literatur zu Höflichkeit, zu Faktoren und Auswirkungen höflicher Kommunikation (z. B. Brown/Levinson 2011 [1978], Lakoff 1973, Leech 1983; zusammenfassend und zu neueren linguistischen Ansätzen Hoppmann 2008). Daher wird in dieser Arbeit auf ausführliche Analysen zum Höflichkeitsverhalten der Diskussionsteilnehmer verzichtet; dennoch ist Höflichkeit ein wichtiger Aspekt bei der Untersuchung von Selbstdarstellung und wird im konkreten Analysekontext nicht vernachlässigt. Statt der erneuten Betrachtung von Höflichkeit soll aber der Einsatz von Humor in den Fokus gestellt werden. Obwohl wissenschaftliche Konferenzen Anlässe sind, bei denen Forschungsinhalte präsentiert werden, fachwissenschaftlicher Austausch stattfindet und Akteure sich während der Vortrags- und Diskussionsphasen dementsprechend sachorientiert zeigen, finden sich im Datenmaterial viele Sequenzen, in denen Akteure Witze machen oder durch intelligente Bemerkungen Lachen im Publikum provozieren. Wie im Folgenden gezeigt wird, ← 417 | 418 → erfüllt der Einsatz von Humor verschiedene Funktionen und hat unterschiedliche Auswirkungen auf die Situation und die Beziehungen der Interaktanten untereinander113. Beachtet werden muss, dass Wissenschaftler die Balance zwischen Sachorientiertheit sowie Ernsthaftigkeit auf der einen Seite und humorvoller Unterhaltung sowie Spontaneität auf der anderen Seite wahren müssen, um den Eindruck von Professionalität zu aufrechtzuerhalten (vgl. Konzett 2012: 296). Die zentralen Fragestellungen dieses Kapitels lauten daher: Welche Funktionen erfüllt Humor in wissenschaftlichen Diskussionen? Wie wird er sprachlich vorgebracht?

8.1  Methodische Anreicherung

Aus linguistischer Sicht sind Humor und dessen sprachlicher Ausdruck sehr ausführlich untersucht worden. Sowohl im deutschen als auch im englisch-amerikanischen Sprachraum wurden Arbeiten vorgelegt, die Humor aus verschiedenen Perspektiven analysieren (vgl. Kotthoff 1996a/b, 1998; Alexander 1997; Hirsch 2011; Goatly 2012; Ehrhardt 2013; Schubert 2014). Eine ausführliche Bearbeitung der Humor-Theorien von Platon über Horace zu modernen Humortheorien von Freud und die ganze Bandbreite linguistischer Beschreibungsmöglichkeiten findet sich bei Attardo (1994). Der Sammelband von Dynel (2013) enthält Aufsätze über aktuelle Strömungen und Schwerpunkte der Beschäftigung mit Humor. Einige der linguistischen Arbeiten beschäftigen sich mit den Ausprägungen von Humor in konkreten Kontexten und den Funktionen, die Humor in der alltäglichen Kommunikation erfüllt. So bearbeitet Holmes (2000) die Funktionen von Humor in beruflichen Gesprächen, Knight (2013) die Bindungsfunktion von Humor unter Freunden und der Sammelband von Kotthoff (1996b) „Humor und Macht in Gesprächen von Frauen und Männern“ (Titel des Bandes). Auch in anderen Disziplinen wird das Phänomen Humor analysiert. So werden in der Zeitschrift „The European journal of humour research. EJHR“, das von der International Society for Humor Studies seit 2012 herausgegeben wird, Aufsätze aus verschiedenen Disziplinen und Ländern versammelt. Auch der Sammelband von Schubert (2014a) widmet sich dem Thema Humor aus multidisziplinärer – auch linguistischer – Sicht. Psychologische Studien zu Humor betonen die positive psychische Wirkung und Funktion von Lachen und Humor (Grotjahn 1974; Blum 1980), vor allem auch in der Psychotherapie als „Therapeutischer Humor“ (Titze 2011). Aufgrund seiner positiven Wirkung wird Humor auch bewusst in bestimmten Kontexten eingesetzt. Eine Untersuchung darüber, wie gut Humor im universitären Unter ← 418 | 419 → richt bei Studierenden ankommt, liefern Torok et al. (2004). Zahlreiche Arbeiten weisen auf die Kulturabhängigkeit von Humor hin. Humor wird zum einen oft kulturspezifisch untersucht (z. B. für Japan: Wells 1997, Davis 2006; für die USA: Rourke 1953; für Frankreich: Messmer 1970), zum anderen kultur-kontrastiv (z. B. Deutsch-Chinesisch: Cui 2014).

Sich humorvoll zu zeigen, dient der positiven Selbstdarstellung. Humor wirkt auf der Beziehungsebene und schafft Nähe zwischen Kommunikationspartnern, weil sich Personen durch ihn – trotz unterschiedlicher Status – nahbar machen (vgl. Holmes 2000: 160; Webber 2002: 246; Schubert 2014: 22). Daneben wirkt er gruppenbildend und beziehungsbestätigend, beispielsweise indem er die Möglichkeit zu gemeinsamem Lachen gibt (vgl. Holmes 2000: 159; Konzett 2012: 333; Knight 2013: 553; Schubert 2014: 22). Zudem trägt er zu einer positiven Atmosphäre bei, kann zwischenmenschliche Spannungen lösen sowie Konflikte beenden und dadurch ein Aufeinander-Zugehen ermöglichen (vgl. Webber 2002: 246; Norrick/Spitz 2008: 1661). Humor ist unter Umständen auch gesichtsbedrohend für den Akteur, nämlich dann, wenn seine humorvollen Äußerungen beim Publikum nicht zünden und das erwartete Lachen ausbleibt. Schubert identifiziert verschiedene Gründe für die Stille nach einem Witz:

Einerseits kann die Stille eine Ablehnung des Witzes oder des Witzvortrags anzeigen, wenn dieser als anstößig oder nicht humorvoll eingestuft wird oder die Pointe bereits bekannt ist. Da diese Null-Reaktion auf den Erzähler des Witzes wiederum eine unhöfliche oder gar kompromittierende Wirkung hat, kann dadurch der reibungslose Fortgang der weiteren Kommunikation erschwert werden. Andererseits kann das Schweigen anzeigen, dass die Pointe nicht verstanden wurde, was durch Nachfragen und Erläuterungen einfacher zu beheben ist. (Schubert 2014: 25)

Wie sich unschwer erkennen lässt, hat Stille auch Auswirkungen auf die Images der Akteure: Der Witz-Erzähler kann als vulgär, unlustig oder langweilig und der Zuhörer als nicht intelligent genug oder humorlos wahrgenommen werden. Die entstehende Gesprächspause ist gesichtsbedrohend, sodass das Gespräch möglichst schnell wieder aufgenommen werden muss. Zudem gibt es Situationen, in denen humorvolle Äußerungen mehrmals vorgebracht werden müssen, bis sie wahrgenommen werden (wollen) (vgl. Norrick/Spitz 2008: 1673). Ob Humor verstanden wird bzw. verstanden werden kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab: dem Kontext und dem geteilten Wissen (vgl. Schubert 2014: 19f., 32).

Humor ist Ausdruck höflichen und freundlichen Verhaltens, was die folgenden Beispiele zeigen: Erstens können Missgeschicke eines Anderen (die potenziell gesichtsbedrohend sind) humorvoll kommentiert und daher bagatellisiert werden (vgl. Brown/Levinson 2011: 104; Schubert 2014: 22). Zweitens können Dinge geäußert ← 419 | 420 → werden, die sonst als unhöflich empfunden werden (vgl. ebd.: 97), und drittens kann eine potenzielle face-bedrohende Äußerung durch bspw. den Wechsel in einen Dialekt abgeschwächt werden (vgl. ebd.: 111; vgl. zum gesamten Abschnitt ebd.: 124). Hinzu kommt, dass schwierige Positionen humorvoll vorgebracht werden können, sozusagen unter dem Deckmantel der Unwirklichkeit, um die Reaktionen der Interaktionspartner zu testen. Je nach Reaktion, kann dann die Position zurückgenommen oder gestärkt werden (vgl. Knight 2013: 556). Auch humorvoll vorgebrachte selbstkritische Äußerungen sind möglich, ohne dass das eigene face dabei gefährdet wird, denn Sinn für Humor schafft Sympathien (vgl. ebd.: 554; Schubert 2014: 22).

Holmes zufolge erfüllt Humor im Arbeitskontext unter anderem die folgenden Funktionen:

1.  Humour as positive politeness

     1.1  Humour can address the hearer’s/addressee’s positive face needs by expressing solidarity or collegiality.

     1.2  Humour can be used to protect the speaker’s positive face needs by expressing self-deprecatory meanings or apologetic sentiments

2.  Humour as negative politeness

     2.1  Humour can be used to attenuate the threat to the hearer’s/addressee’s negative face by downtoning or hedging an FTA [Face Threatening Act; L. R.], such as a directive.

     2.2  Humour can be used to attenuate the threat to hearer’s/addressee’s positive face by downtoning or hedging a Face Attack Act (Austin 1990) such as a criticism or insult.

(Holmes 2000: 167; Herv. im Orig.)

Humor erlaubt demnach freundliches Auftreten, Gruppenbildung durch gemeinsam geteiltes Lachen, das auf gemeinsamen Normen, Perspektiven etc. beruht, sowie Solidarität (1.1) (vgl. ebd.). Außerdem kann durch Humor das eigene Ansehen erhöht werden, er kann der Selbstverteidigung dienen und bei schwierigen Informationen abschwächend wirken (1.2) (vgl. ebd.: 169). Humor kann zudem helfen, negative Kritik sowie Aufforderungen und Befehle face-schonender anzubringen (je nach Macht-Asymmetrien): So können Befehle geäußert werden, ohne das face des Kommunikationspartners zu gefährden. Dadurch sichert sich der Befehlende selbst wiederum ein positives Image, indem er signalisiert, dass er auf das Gesicht seines Gegenübers Rücksicht nimmt, ihm Respekt entgegenbringt und kooperativ eingestellt ist (2.1) (vgl. ebd.: 171; vgl. dazu auch Schubert 2014: 22). Auch Äußerungen, die gesichtsverletzend sind, können durch Humor abgeschwächt werden. Diese Abschwächung signalisiert, dass der Sprecher das Bedürfnis der Gesichtswahrung des Adressaten anerkennt (2.2). „Humour ← 420 | 421 → is thus a very useful strategy for softening criticisms in contexts where work is being regularly evaluated and assessed” (Holmes 2000: 172); dies trifft vor allem für wissenschaftliche Diskussionen zu, in denen gegenseitiges Kritisieren in der Kommunikationssituation vorangelegt und Bedingung ist.

Zusätzlich zu diesen Funktionen können durch Humor Machtrelationen bestätigt werden („repressive humour“; Holmes 2000: 175). Höherstehende können durch Humor einerseits ihre Position bestätigen und/oder stärken, andererseits aber Kritik an Untergeben auch abschwächen und dadurch ihre Machtposition weniger relevant machen (vgl. ebd. 176). Dies wird durch eine Untersuchung von Norrick/Spitz (2008: 1673) gestützt, die festgestellt haben, dass humorvolle Äußerungen von untergeordneten Mitarbeitern keinen Einfluss auf die Situation haben, solange der Höherstehende nicht positiv auf dem Humor reagiert. Außerdem dient Humor dazu, schwierige Meinungen darzulegen oder sich gegen Kritik zu immunisieren. Daneben können Untergebene die Machtstruktur subtil durchbrechen, da humorvoll vorgebrachte Äußerungen weniger Angriffspotenzial entfalten (vgl. Holmes 2000: 177).

Norrick/Spitz (2008) stellen aber auch das aggressive, face-bedrohende Potenzial von Humor heraus: Erstens können sich Witze gegen eine Person richten, wobei eine face-Bedrohung und ein möglicher Gesichtsverlust in Kauf genommen werden. Zweitens können Witze in unpassenden Situationen (z. B. in beruflichen Arbeitssitzungen) von den Kommunikationspartnern als aggressive und als „an intrusion, an interruption, a waste of time“ (Norrick/Spitz 2008: 1663) empfunden werden. Drittens sind Witze zu einem gewissem Grad ein Intelligenz-, Wissens- und Gruppenzugehörigkeitstest. Man ist intelligent, wenn man eine Pointe erkennt; man ist wissend, wenn man die angesprochenen Themen kennt; man gehört zur Gruppe, wenn man einen (gruppeninternen, typischen) Witz versteht (vgl. ebd.).

Was ist das Kennzeichen von Humor und wie lässt es sich linguistisch identifizieren? Schubert formuliert eine Definition von Humor, die auch für die vorliegende Arbeit gelten soll:

Humor ist nicht nur eine allgemeine menschliche Disposition, sondern auch eine kulturspezifische Kommunikationsstrategie zur Erlangung bestimmter Ziele, die Teil der sprachlichen und pragmatischen Kompetenz ist. (Schubert 2014: 17f.)

Ausprägungen von Humor sind beispielsweise Scherze, Witze und lustige Kommentare (vgl. Schubert 2014: 24). Weil es schwierig ist, Humor aus rein linguistischer Perspektive zu identifizieren, orientiert man sich zumeist am Lachen von Interaktionsteilnehmern: Gelächter entsteht oft – aber keineswegs immer – als Reaktion auf eine witzige Sequenz, die dann genauer analysiert wird (vgl. Knight 2013: 555, 556). ← 421 | 422 →

Zur Erklärung der Wirkungsweise von Humor wurden verschiedene Ansätze entwickelt: Nach Raskins (1985) „Script opposition theory“ entsteht der Witz durch den Kontrast der sich überlagernden Scripts. Dieser Ansatz wurde zu einer „General Theory of Verbal Humor, GTVH“ von Attardo/Raskin (1991) erweitert, der nun – worauf der Name General bereits hinweist – weitere Elemente zur Erklärung von Witzen hinzuzieht (vgl. Knight 2013: 555; zusammenfassend Schubert 2014: 18-22).

Tracy (1997), Frobert-Adamo (2002) Konzett (2012) haben Humor im Kontext wissenschaftlicher Diskussionen untersucht. Tracy stellt heraus, dass Humor typischerweise zu Beginn eines Vortrags oder beim Wechsel in die Diskussionsphase verwendet wird, um Nervosität und Unbehagen zu thematisieren (vgl. Tracy 1997: 122). Auf diese stressabbauende Funktion von Humor weist auch Frobert-Adamo (2002) in ihrem Aufsatz hin; sie zeigt, dass Humor den Sprecher schützt, da er als „Puffer“ zwischen Sprecher und Publikum steht (vgl. Frobert-Adamo 2002: 217). Konzett (2012) identifiziert vor allem zwei Möglichkeiten, sich unterhaltsam zu zeigen: witzige, kurze narrative Einschübe und witzige Einzeiler, die durch die Positionierung, das Timing und sprachliche Elemente (z. B. Hyperbeln, ungewöhnliche Kontraste, Sprachwitz) unterhaltend wirken (vgl. Konzett 2012: 296, 333).

In der vorliegenden Untersuchung gelten alle Äußerungen als Ausdruck von Humor, durch die Lachen ausgelöst wird oder ausgelöst werden soll. Daher ist es bei der Analyse von Humor wichtig, die Reaktionen des Publikums einzubeziehen. Im Normalfall kann man davon ausgehen, dass Lachen im Publikum bedeutet, dass etwas als lustig empfunden wird (wobei Lachen aber auch aus Beschämung, Entsetzen oder Hilflosigkeit geschehen kann). Als Ausdruck von Humor werden gewertet: Witze, lustige Beispiele/Illustrationen und Erzählungen, lustige Kommentare, Ironie, also alles, was dazu intendiert ist, Lachen zu provozieren. Hinzu kommen eigene Reaktionen auf unfreiwillig ausgelöstes Lachen, z. B. Versprecher oder Missgeschicke (vgl. Schubert 2014: 32). Sarkasmus zählt nicht zu den Elementen, die Lachen auslösen sollen und im Sinne des Humors distanzverringernd wirken. Im Gegenteil richtet sich Sarkasmus „gegen eine Person“ (Gruber 1996: 247; Herv. L. R.) und enthält eine negative Bewertung bzw. Emotion. Ironie dagegen ist „in seinen interaktiven Auswirkungen neutral“ (ebd.), entspringt also nicht zwingend negativen Gefühlen.

Sprachliche Indikatoren für Humor sind auf lexikalischer, phonetischer, morphologischer, syntaktischer, semantischer und pragmatischer Ebene zu finden (vgl. Schubert 2014: 26-32). Im Bereich der Phonologie ist es vor allem Homophonie, auf der Witze basieren können: „Insbesondere homophone Lexeme haben durch ihre klangliche Identität das Potenzial, bei mündlich vorgetragenen Witzen ← 422 | 423 → zu Doppeldeutigkeiten zu führen“ (ebd.: 26). Im gedruckten Wort können graphische Elemente wie z. B. das Layout und Besonderheiten in der Rechtschreibung witzige Effekte erzeugen (vgl. ebd.: 27). Auf der Ebene der Morphologie machen beispielsweise kreative Kontaminationen, also spontane ad-hoc-Bildungen, den Witz einer Äußerung aus (vgl. ebd.). Ebenso ist die Semantik Quelle vieler witziger Effekte: Hier spielen vor allem Polysemien, „Redewendungen, syntaktische Überkreuzstellungen“ (ebd.: 28) und das falsche Verwenden von Fachwörtern (= Malapropismus, insbesondere Verwechslungen) wichtige Rollen (vgl. ebd.). Grammatische Fehlleistungen oder bewusste Regelverstöße sind weitere Ursachen für Humor und Witz: „So gibt es eine Reihe von grammatische Strukturen, die in divergenter Weise verwendet werden können, sodass eine Inkongruenz oder Ambiguität im komischen Sinne entsteht“ (ebd.: 29). Im Bereich der Pragmatik interessieren vor allem der Kontext und die Interaktanten sowie deren Äußerungen; zentral sind hier die Grice’schen Konversationsmaximen, die verletzt werden, um einen Witz zu erzeugen (vgl. ebd.: 30). Nicht zuletzt kann auch durch die Registerwahl ein witziger Effekt erzielt werden: Humor kann […] durch abrupte Inkongruenzen im Register hervorgerufen werden, die landläufig als ‚Stilbrüche‘ bezeichnet werden“ (ebd.: 31).

Witz und Komik manifestiert sich demnach auf unterschiedlichen linguistischen Ebenen (die auch kombiniert werden können). Auf ebendiesen Ebenen werden die humorvollen Äußerungen der Diskutanten analysiert.

In der folgenden Tabelle (Tab. 46) sind die besprochenen Funktionen von Humor systematisch geordnet zusammengefasst:

Tabelle 46:  Methodische Anreicherung: humor- und witzbezogene Kriterien – Zusammenstellung der Kategorien zu Humor und den sprachlichen Ebenen der Witzgenerierung.

KategorieErläuterung/FunktionQuelle
Formen und Ursachen von Humor und witzigen Effektenkurze narrative Einschübe (Erzählungen)Konzett 2012
EinzeilerKonzett 2012
ScherzeSchubert 2014
WitzeSchubert 2014
Kommentare/Beispiele/IllustrationenSchubert 2014
IronieGruber 1996
Versprecher oder MissgeschickeSchubert 2014 ← 423 | 424 →
Sprachliche Mittelsprachliche Elemente auf allen sprachlichen Ebenen (Lexik, Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Pragmatik)Schubert 2014
PositionierungKonzett 2012
TimingKonzett 2012
Allgemeine Wirkung von HumorNähe schaffen/Gruppen bildenHolmes 2000; Konzett 2012; Knight 2013; Schubert 2014; Webber 2002
positive Beeinflussung der AtmosphäreWebber 2002; Norrick/Spitz 2008
Spannungen lösenWebber 2002; Norrick/Spitz 2008
Konflikte beendenWebber 2002; Norrick/Spitz 2008
Bestätigung von MachtrelationenHolmes 2000; Norrick/Spitz 2008
Ausdruck von HöflichkeitBrown/Levinson 2011; Schubert 2014
Schutz des fremden faceAbschwächung von Kritik, Aufforderungen, BefehlenHolmes 2000; Knight 2013
face-schonende Kommentierung und Bagatellisierung von MissgeschickenBrown/Levinson 2011; Schubert 2014
Schutz des eigenen faceSelbstverteidigungHolmes 2000
Immunisierung gegen KritikHolmes 2000
Thematisierung und Überspielung von UnbehagenTracy 1997; Frobert-Adamo 2002
Bedrohung des eigenen faceAusbleiben einer Reaktion wegen Ablehnung des WitzesSchubert 2014
Ausbleiben einer Reaktion wegen Nicht-VerstehensSchubert 2014 ← 424 | 425 →

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8.2  Humor in interdisziplinären Diskussionen

In der Analyse zeigt sich, dass Humor in wissenschaftlichen Diskussionen die folgenden Funktionen erfüllt: Er dient (a) der eigenen Gesichtswahrung (Kap. 8.2.1), der fremden Gesichtswahrung in (b) Komplimenten (Kap. 8.2.2), (c) bei Angriffen und Dissens (Kap. 8.2.3), (d) bei Provokationen (Kap. 8.2.4), dient (e) der Spannungslösung (Kap. 8.2.5) und erlaubt (f) die Kritik von Gegebenheiten in Form von Galgenhumor (Kap. 8.2.6).

8.2.1  Humor zur eigenen Gesichtswahrung

Humor ist dafür bekannt, dass er über potenziell gesichtsbedrohende Situationen hinweghelfen und der eigenen Gesichtswahrung dienen kann. In den Diskussionen wird er eingesetzt, um Missgeschicke zu kommentieren (z. B. technische Probleme und Versprecher) und dadurch mögliche face-Bedrohungen abzumildern. Es zeigt sich, dass der souveräne, humorvolle Umgang mit solchen Missgeschicken sogar imageaufwertend sein kann.

So hat in der ersten Sequenz der Vortragende SozPm während der Diskussion ein technisches Problem, als er von der Diskutantin LingPwA eine Frage gestellt bekommt und zu deren Beantwortung eine bestimmte Folie seiner PowerPoint-Präsentation aufrufen möchte. SozPm aktiviert dabei versehentlich die Webcam, die ihn filmt und sein Gesicht in Großaufnahme und in unvorteilhafter Perspektive auf der Leinwand zeigt:

004LingPwAund ich hatte ne frage zu ihrer letzten folie
005 grade mit diesen regeln (.) die sie gerade genannt haben=
006SozPm=zum schluss=
007LingPwA=ja jaa ich hab (-) die wo sie jetzt auch auf stuttgart einundzwanzig sich bezogen [haben ]
008SozPm             [ei dai]ss
009Publikum((lacht im Hintergrund, 5sek))
010LingPwAneeein nein sie machen die webcam auf
011Publikum((lacht, weil sie SozPms Gesicht auf der Leinwand sehen, 6sek))
012GeschPmAist des klasse
013SozPmdas is je das ist die reinste selbstreferenz
014Publikum((lacht, 3sek))
015 und SO sollte es sein das ist nämlich das paraDIES
016Alle(2.0)
017LingPwAich wollte [eigentlich          ]
018SozPm          [keine störende umwelt]

Sequenz 148:  Diskutantin LingPwA, Vortragender SozPm und Diskutant GeschPmA in der Plenumsdiskussion; TK 1_1: 004-018. ← 425 | 426 →

Mit der Interjektion ei daiss (Z. 007) drückt SozPm seine Verwunderung (oder evtl. seinen Ärger) darüber aus, dass das Aufrufen der Folie nicht funktioniert hat. Dass sein Gesicht auf der Leinwand zu sehen ist, bemerkt er zunächst nicht, sondern erst, als LingPwA ihn auf die Aktivierung der Webcam aufmerksam macht und das Publikum zu lachen beginnt. GeschPmA bewertet die Situation als positiv und lustig (ist des klasse), zeigt seine Amüsiertheit über diese technischen Probleme. Daraufhin wendet auch SozPm mit geistreichem Humor die Situation ins Positive, indem er die Projektion seines Gesichts als reinste selbstreferenz bezeichnet und als Beispiel dafür nimmt, wie Selbstreferenz im Idealfall aussieht; die positiven Bewertungen zeigen sich in paraDIES und in der Negation des Negativen in keine störende umwelt. SozPm stellt sich durch seinen Humor also souverän über die potenziell peinliche und damit gesichtsbedrohende Situation.

Auch Versprecher können sowohl im Alltag als auch in beruflichen und wissenschaftlichen Gesprächen gesichtsbedrohend sein – je nach Art des Versprechers und Souveränität des Akteurs. Im folgenden Beispiel zeigt sich der Sprecher ebenso souverän und offensiv im Umgang mit seiner Verfehlung wie SozPm in der vorigen Sequenz:

123eTheoPmAalso erstens glaub ich WIRD EIgentlich mit dem komplementaritätsbegriff (.)
124 ähm häufig auch nach der quantentheologie
125 the 1[theorie schindluder (.) <<lachend> sollt es mal GEben nich>>]1
126Publikum1[((lacht))        ]1
127eTheoPmA2[schi SCHINDluder        ]2 äh ä getrieben
128Publikum2[((lacht und klatscht))]2

Sequenz 149:  eTheoPmA in der Fokusdiskussion mit PhyPmA; TK 3_1: 123-128.

Das Transkript setzt mit einer Widerspruchssequenz von eTheoPmA ein, der auf eine Frage von PhyPmA reagiert, in der ein Lösungsvorschlag des Problems enthalten ist. Sein Versprecher quantentheologie (statt Quantentheorie) löst Gelächter aus. Zuerst korrigiert PhyPmA seinen Versprecher und spricht weiter, kann sich dann aber dem Lachen nicht entziehen, reagiert auf das Gelächter des Publikums und äußert lachend sollt es mal GEben nich. Er behält die Kontrolle über die Situation, indem er nach kurzer Pause, in der das Publikum ausgelassen lacht und klatscht, ruhig und bestimmt weiterspricht. Durch diese Ruhe und den offensiv-humorvollen Umgang mit dem Versprecher, ist die Situation kaum gesichtsbedrohend und wird ohne wietere Störung abgeschlossen. Diese Sequenz ist ein Paradebeispiel für „second laughables“ (Konzett 2012: 316), die Konzett beschreibt. Second laughables ergeben sich aus der Korrektur des eigenen Fehlers mit anschließendem Kommentar: „The humour is evoked by the speaker’s repair utterance, in which he reconsiders his first utterance and meta-linguisti ← 426 | 427 → cally analyses his use of [an expression, L. R.] as completely out of place in the context“ (Konzett 2012: 316). In unserem Beispiel ist es allerdings so, dass der verwendete Begriff Quantentheologie deswegen nicht angebracht ist, weil er eine Ad-hoc-Konstruktion (Kontamination) aus dem diskutierten Thema und der eigenen Disziplin ist (und der entstehende Begriff bzw. die entstehende Disziplin nicht existiert).

Humor kann auch der gesichtswahrenden Selbstkritik dienen:

099AsphyPhilPmes gibt ja also ich würde sagen (.) daHINter steckt ja ein gewisser chauvinismus (-)
100 chauvinismus ist der glaube an die überlegenheit der eigenen gruppe
101 und da sind wir physiker ganz sicher von betroffen
102Publikum[((kurzes Auflachen))]
103AsphyPhilPm[aber es GIBT      ] (--) was was teilweise viel schlimmer ist
104 ist der antichauviNISmuschauviNISmus der nämlich MEINT ALles (.) wäre möglich (---)

Sequenz 150:  AsphyPhilPm in der Fokusdiskussion mit PhilPmB; TK 3_8: 099-104.

AsphyPhilPm kritisiert selbstironisch seine eigene Zunft, indem er sie und sich selbst als Mitglied der Disziplin (signalisiert durch das inklusive wir physiker) als Chauvinisten bezeichnet. Das Publikum honoriert diese Selbstironie durch einstimmiges Gelächter. Die Selbstkritik wird nachfolgend durch den Verweis auf Schlimmeres – den Antichauvinismus-Chauvinismus – abgeschwächt, die Physiker werden damit wieder entlastet.

Missgeschicke und unangenehme Themen oder Eingeständnisse (wie das Beispiel mit der Selbstkritik) sind in wissenschaftlichen Diskussionen unter Umständen face-bedrohend. Humor kann – richtig eingesetzt – in solchen Fällen Souveränität und Selbstbewusstsein sowie die Fähigkeit zur Selbstreflexion und -kritik anzeigen. Durch Humor wird einem möglichen Gesichtsverlust entgegengewirkt und kann sogar Sympathien einbringen.

8.2.2  Humor zur Unterbringung von Komplimenten

Der Humor zeigt sich in einer Sequenz im Spiel mit Erwartungen. Einerseits spielt PhyPmB mit den Hörererwartungen, andererseits signalisiert er auch seine Überraschung darüber, dass seine eigenen Erwartungen nicht erfüllt wurden:

001PhyPmBum jetzt zu ihrem VORtrag zu kommen
002 ich hab ein pro!BLEM! mit ihrem vorTRAG (--) und zwar (---)
003 während ich den MEISten theologen wenn ich sie höre beliebig oft und heftig widersprechen kann ← 427 | 428 →
004 geLINGT mir das bei ihnen nicht
005Publikum((lacht, 5sek))

Sequenz 151:  PhyPmB und eTheoPmB in der Fokusdiskussion; TK 3_3: 001-005.

PhyPmB kündigt an, ein Problem mit dem Vortrag von eTheoPmB zu haben. Damit werden das Publikum und der andere Vortragende auf eine kritische Äußerung vorbereitet. Dies ist auf Konferenzen an sich kein überraschendes Element, sondern konstitutiver Bestandteil von Diskussionen. Da nun alle Hörer einen kritischen Beitrag erwarten, wirkt die Erkenntnis von PhyPmB, entgegen seinen eigenen Erwartungen eTheoPmB nicht wie üblich widersprechen zu können, überraschend – sowohl für das Publikum und den Diskussionspartner als auch für PhyPmB selbst. Der Witz entsteht durch das Gegenüberstellen der jeweiligen Erwartungen. Die Pointe, eTheoPmB nicht widersprechen zu können, kann als verdrehtes Kompliment gewertet werden, da fehlender Widerspruch als Zustimmung verstanden werden kann (vgl. hierzu die Diskussion derselben Sequenz in Kap. 5.2.2, Sequenz 13).

Sowohl Humor als auch das Komplimentieren können für sich genommen positive Auswirkungen auf das Image des Sprechers haben, diesem Sympathiepunkte einbringen und Nähe bewirken (zur Wirkung von Komplimenten vgl. Holly 1979: 48f.; Adamzik 1984: 269f., 272; Baron 2006: 90). In Kombination wird, so scheint es in Sequenz 151, diese positive Wirkung besonders gut entfaltet, da sich im obigen Fall beide Techniken gegenseitig verstärken.

8.2.3  Humor zur Abschwächung eines Angriffs

Durch Humor kann nicht nur ein positives Image gewahrt, sondern auch das eines Diskussionspartners verdeckt angegriffen werden. Im folgenden Beispiel geht es um die Frage der Komplexität von Lebewesen. Der wiedergegebenen Sequenz geht die Überlegung eines Ingenieurs voraus, das interdisziplinär diskutierte Problem in ein disziplinäres, also ingenieurwissenschaftliches zu übertragen: die Frage, wie man die biologische Komplexität am Beispiel einer Spinne erfassen kann und welche Aspekte dabei wichtig sind. BioAnthPm stört sich an der Verwendung des Komplexitätsbegriffs und schlägt eine einfache Alternative, eine Spinne zu erzeugen, vor:

090BioAnthPmalso ich ä würde einfach nur davor WARnen
091 sie ham jetzt den ausdruck information in !MEH!reren bedeutungen (--) äh verwendet (.)
092 ich WEIß ne sehr einfach methode spinnen zu erzeugen (---)
093 ähm <<lachend> ja (-) ah dazu brauch ich spinnen>> (-) ahmm ← 428 | 429 →
094Publikum((Gelächter, 3sek))
095BioAnthPmahm: (.) aber auf diesen punkt zu kommen (.)
096 äh DAS finde ich (.) ziemlich WICHtig (-) äh
097 wenn man sich mit BIOnik und technischer biologie auseinandersetzt
098 ich glaube bei bei arachniden ist es bisher nicht gemacht worden

Sequenz 152:  Fokusdiskutant BioAnthPm und Diskutant IngPm in der Plenumsdiskussion; TK 2_2: 090-098.

Die Überlegungen von IngPm werden von BioAnthPm auf die Konstruktionsfrage reduziert und pointiert mit einem eigenen Vorschlag kontrastiert, wobei er selbst über seinen Witz lachen muss. In dem Witz ist die negative Kritik an den Überlegungen von IngPm zwar sichtbar, sie wird aber humorvoll vorgebracht und dadurch abgeschwächt. Das Publikum stimmt in Gelächter ein und nach drei Sekunden nimmt BioAnthPm seine Rede wieder auf. Nach längeren Ausführungen (die hier nicht wiedergegeben sind) wird BioAnthPm von IngPm unterbrochen, der seine Absicht erneut klarstellt. IngPm signalisiert, dass er sich von BioAnthPm missverstanden fühlt (nicht abgedruckt). Dadurch stellt sich die Frage, ob er sich trotz der humorvoll vorgebrachten Alternative zur Spinnenkonstruktion angegriffen oder bloßgestellt gefühlt hat. Dieses Missverständnis wird sachlich geklärt; im Hinblick auf die soziale Beziehung kann eine Annäherung der beiden Diskutanten durch den Einsatz von Humor nicht festgestellt werden.

Das folgende Beispiel zeigt, wie Humor dazu dienen kann, auf gesichtswahrende Weise Dissens anzuzeigen:

057BioPmAdas ist der KERN der sache da stimme ich ihnen zu
058 des is ganz klar
059BioAnthPmalso (.) DEN punkt würd ich gern nochmal AUFnehmen also
060 NIcht dass sie jetzt denken w äh wir sind uns hier in allem EInig
061 <<smile voice> [das sind di erstmal die PUNKte an denen wir offensichtlich überEINstimmen]>>
062BioPmA[((lacht))]

Sequenz 153:  BioPmA und BioAnthPm in der Fokusdiskussion; TK 2_1: 057-062.

BioPmA stimmt BioAnthPm in der ersten Zeile zu, was den KERN der sache angeht, und signalisiert damit Konsens und Nähe. BioAnthPm bezieht sich in seiner Reaktion auf den vermeintlichen Konsens und klärt BioPmA darüber auf, dass möglicher Dissens zu erwarten ist: NIcht dass sie jetzt denken w äh wir sind uns hier in allem EInig. Er signalisiert, dass dieser Konsens nur für bestimmte, bereits angesprochene Themen und einzelne Punkte gilt. Die Dissens-Bekundung wirkt aus zwei Gründen nicht gesichtsbedrohend, sondern sympathisch: Erstens lachen beide Diskussionspartner bei der Zurücknahme des Konsenses und signalisieren ← 429 | 430 → damit Gleichstellung der Kommunikationspartner sowie gegenseitigen Respekt. Zweitens geht es um fachliche Inhalte und nicht um persönliche Bekenntnisse.

Negative Kritik, Dissens und Widerspruch können durch Humor abgeschwächt werden. Damit verlieren sie ihr face-bedrohendes Potenzial für den Adressaten und können sich gleichzeitig positiv auf das Image des Sprechers auswirken. Dies gilt allerdings nur, wenn Humor nicht auf Kosten des Kommunikationspartners eingesetzt wird und Witziges durch diesen honoriert wird.

8.2.4  Humor zur oberflächlichen Abschwächung von Provokationen

Humor dient nicht in allen Fällen dazu, Nähe und eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Die folgenden Sequenzen zeigen, inwiefern Humor es ermöglicht, provokative Äußerungen in Diskussionen unterzubringen und die Provokation zumindest oberflächlich abzuschwächen (vgl. dazu Konzett 2012: 304-308).

Die erste Sequenz ist einer Diskussion entnommen, die sich festgefahren hat. Der Austausch ist sehr kontrovers und sachlich, aber nicht hitzig. Einer der Diskutanten verweist in seiner Argumentation weit vor der wiedergegebenen Sequenz auf Luhmann, um seine eigene Argumentation durch Berufung auf eine allseits anerkannte Autorität zu stützen. In der unten stehenden Sequenz werden Luhmanns Ansichten wieder von SozPDm thematisiert: im übrigen (---) meister luhmann hat das kurz vor seinem ableben SELBST auch so gesehn. Die Charakterisierung Luhmanns als meister verweist auf dessen Autoritätsstatus und Expertenschaft (ist möglicherweise aber ironisch und als Seitenhieb gemeint); Luhmann als zentrale Figur wird also in der Argumentation wieder aufgenommen und kommentiert. Daran schließt SozPm seine Provokation als Einwurf an, wobei er die Ausführungen von SozPDmA unterbricht:

139SozPDmAim übrigen (---) meister luhmann hat das kurz vor seinem ableben SELBST auch so gesehn (--)
140 in ä der gesellschaft der gesellschaft (.) falls irgend[wer ]
141SozPm          [daran] ist er vielleicht gestORben
142Publikum((lautes allgemeines Lachen, sehr lang, danach Stimmengewirr, 13sek, SozPDmA geht unter und ist nicht eindeutig hörbar))

Sequenz 154:  SozPDm als Vortragender und SozPm als Diskutant in der Plenumsdiskussion; TK 1_4: 139-142.

Seine Äußerung daran ist er vielleicht gestORben ist die unmittelbare Reaktion auf den Auslöser kurz vor seinem ableben SELBST auch so gesehen. Das Ableben wird im Sterben wieder aufgenommen, die Ansicht (SELBST auch so gesehen) wird als Grund (daran) für den Tod interpretiert. Der provokante Einwurf unterbricht ← 430 | 431 → nicht nur SozPDmAs inhaltlichen Beitrag, sondern bringt die gesamte Diskussion für 13 Sekunden ins Stocken. Das Publikum bricht in Gelächter aus, wobei dieses Lachen nicht ausschließlich gelöst und belustigt, sondern teilweise auch etwas entgeistert klingt. Diese Distanziertheit weist darauf hin, dass der Einwurf als Provokation wahrgenommen wird – obwohl er vielleicht nur witzig gemeint war. Die festgefahrene Diskussion und angespannte Atmosphäre wird zwar gelöst und in dieser Hinsicht war der Einsatz von Humor erfolgreich; SozPDmA hat aber Mühe, an seinen Beitrag anzuschließen und diesen zu beenden, da die Diskussion wegen der großen Unruhe abgebrochen wird. Insofern könnte man hier von aggressivem Humor sprechen (vgl. Norrick/Spitz 2008: 1663), da die sachliche Diskussion und der Redefluss eines Sprechers unterbrochen werden.

Im nächsten Beispiel provoziert SozPDmA, der sich als Vortragender bereits in der Diskussion befindet, die Diskutantin PhilDrhaw. In seinem Vortrag ging es um industriell kontaminierte Flächen, bei denen man zum Teil erst während der Reinigung feststellt, wie viel Industriemüll sich im Boden befindet. SozPDmA hat zum Umgang mit diesem Nichtwissen die Arbeiter befragt und die Ergebnisse im Vortrag vorgestellt. PhilDrhaw leitet ihren Diskussionsbeitrag ein, formuliert dann aber ihre Inhalte etwas unzusammenhängend und charakterisiert das Müllthema als „Schmuddelaffäre“. Nach kurzem Abschweifen äußert sie Folgendes:

038PhilDrhawmich treibt das auch ähm ä mich treibt das auch um
039 also 1[dieser instrumental]1
040SozPDmA      1[der schmuddel        ]1
041PhilDrhawnein
042 2[der schmuddel auch ja ja de den find ich auch spannend ja ähm]2
043Publikum2[((Gelächter)) ]2
044PhilDrhawaber das mit der experimentalisierung äm

Sequenz 155:  SozPDm als Vortragender und PhilDrhaw als Diskutantin in der Plenumsdiskussion; TK 1_4: 038-044.

Mit seiner Rückfrage der schmuddel bringt SozPDmA die Diskutantin aus dem Redefluss und bewirkt, dass sie ihre inhaltlichen Äußerungen unterbricht. Die Rückfrage signalisiert Witz und Humor, ist eindeutig auf die „Schmuddelaffäre“ bezogen, signalisiert aber auch durch die Unterbrechung und Provokation ein gewisses Maß an Überlegenheitsanspruch. PhilDrhaw geht souverän mit der Provokation um und reagiert prompt mit einer humorvollen Äußerung: nein der schmuddel auch ja ja de den find ich auch spannend ja ähm. Das Publikum lacht und honoriert damit den Austausch zwischen den beiden Kommunikationspartnern und die Schlagfertigkeit von PhilDrhaw. ← 431 | 432 →

Im folgenden Beispiel wird die Intention der Provokation explizit vom Diskutanten UmwGeschDrm gegenüber dem Vortragenden SozPDmB geäußert:

001UmwGeschDrmJA ähm ich möchte s:ie: (.) provoZIEren
002SozPDmBmachen se
003Publikum[((lacht))]
004UmwGeschDrm[und zwar indem ich einen] begriff infrage stelle
005 der vermutlich im ganzen raum ((unverst., 1sek)) infrage gestellt infrage gestellt wird
006 nämlich den der wissenskulTUR (2.0)

Sequenz 156:  UmwGeschDrm als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden SozPDm; TK 1_8: 001-006.

Die Intention, den Vortragenden provozieren zu wollen, explizit in einem Diskussionsbeitrag zu äußern, ist im Tagungskontext relativ ungewöhnlich, wodurch sich ein Überraschungseffekt ergibt. SozPDmB reagiert souverän mit der Aufforderung, dies zu tun, womit er den provokativen Vorstoß sozusagen genehmigt. Diese Situation hat das Potenzial, für den Vortragenden gesichtsbedrohend zu sein, da die Provokation darin besteht, einen zentralen Begriff des Vortrags infrage zu stellen, wobei UmwGeschDrm zusätzlich unterstellt, dass er für das gesamte Publikum spricht. Damit präsentiert sich UmwGeschDrm als Vertreter einer zweifelnden Gesamtheit, die einen Einzelnen kritisiert. Daher kann das Gelächter des Publikums im Hintergrund einerseits als gesichtswahrendes, solidarisierendes Lachen mit SozPDmB gewertet werden, andererseits aber auch signalisieren, dass man sich auf einen Schlagabtausch zwischen zwei gleichstarken Gegnern (signalisiert durch den souveränen Umgang mit der Provokation) einstellt und freut.

Provokative Äußerungen sind im Normalfall für beide Kommunikationspartner potenziell gesichtsbedrohend. Derjenige, der sich provokativ äußert, läuft Gefahr, als unfair, unsympathisch und als Störer wahrgenommen zu werden, wohingegen der Angesprochene klug und kompetent auf die Provokation reagieren muss. Durch Humor wird das imageschädigende Potenzial für beide Seiten abgemildert, was allerdings nur oberflächlich geschieht: Die Provokation (die zumeist eine Kritik enthält) bleibt bestehen und erfordert eine Reaktion seitens des Angesprochenen.

8.2.5  Humor zur Spannungslösung

Eine oft festgestellte Wirkung von Humor in der mündlichen Kommunikation ist die Entspannung der Atmosphäre und die Annäherung von Kontrahenten (vgl. Webber 2002: 246). Die folgende Sequenz, in der eine festgefahrene Diskussion humorvoll metasprachlich resümiert wird, zeigt dies: ← 432 | 433 →

075GeschPhilPmalso WENN es (---) mir scheint (.) äh (--)
076 dass es nicht SEHR viele möglichkeiten gibt
077 wie wir eh wie wir jetzt diesen disPUT
078 den wir gegenwärtig führn
079 wie man den interpreTIERN kann (2.0)
080 also sozusagen äh (-) äh (---) mir scheint wenns äh äh
081 wenn SIE recht hätten (--) wär das gar kein disput (3.0)
082 es ist NUR ein disput wenn ICH recht habe
083Publikum((lacht, 3sek))
084PhilNaWiPmja ja sie wolln auf IRgendeine <<lachend> weise wolln sie den>> ontologischen dualismus nochmal RETten

Sequenz 157:  GeschPhilPm und PhilNaWiPm in der Fokusdiskussion; TK 2_3: 075-084.

GeschPhilPm bemerkt offenbar, dass er mit PhilNaWiPm inhaltlich nicht weiterkommt und dass kein Konsens gefunden werden kann. Er bricht die Diskussion auf, indem er eine Interpretation des Disputs versucht und zur vorsichtigen Einschätzung (signalisiert durch mir scheint) kommt: wenn SIE recht hätten (--) wär das gar kein disput (3.0) es ist NUR ein disput wenn ICH recht habe. Das gemeinsame Lachen der Diskutanten und des Publikums löst die angespannte Stimmung, was man an der Reaktion PhilNaWiPm von erkennt, der lachend seine Sicht auf die Meinung von GeschPhilPm zusammenfasst: ja ja sie wolln auf IRgendeine <<lachend> weise wolln sie den>> ontologischen dualismus nochmal RETten. Der Schluss nochmal RETten weist darauf hin, dass PhilNaWiPm diese Bemühungen als nicht zielführend und den Ontologischen Dualismus als überholt einschätzt. Da diese Einschätzung lachend geäußert wird, hat sie nicht den Charakter eines inhaltlichen Angriffs, sondern signalisiert eher Respekt für den (insgesamt aber als sinnlos erachteten) Rettungsversuch. Die Diskussion verläuft danach weiterhin sachlich und auf die Forschungsfrage hin orientiert.

Ähnlich spannungslösend wirkt Humor in der folgenden Sequenz. Hier wird das diskutierte Problem in eine Alltagserfahrung „übersetzt“ und damit illustriert. Der Sequenz geht der Verweis von SozPm auf Donald Rumsfelds Unterscheidung der Nichtwissenstypen voraus. Dieser verwendete die unknown unknowns (das unbekannte Nichtwissen; vgl. Kap. 7.3.1.3) als Legitimation für den Irakkrieg: Gerade aus dem Grund, weil man nicht weiß, ob dort Massenvernichtungsmittel zu finden sind, wird angenommen, dass diese auf jeden Fall existieren müssen und sehr gut versteckt werden. Illustriert wird dieser Sachverhalt mit einer Analogie, nämlich der Ruhe im Kinderzimmer:

032SozPmDA wird nämlich dieses reden vom (.) äh nichtwissen
033 und diese begeisterung fürs nichtwissen (---) äh äußerst gefährlich
034 weil dann ne praktische legitimatiO:N
035GeschPmBim politischen kontext ← 433 | 434 →
036SozPmund das hat niemand gewagt äh anzugreifen (1.5)
037 und NACHträglich wirds auch nicht wieder (-) AUFgenommen
038 sondern in der nächsten phase werden wir WIEder genauso argumentieren
039 !WEIL! grad es ruhig ist dort (--) ist es umso gefährlicher ne=das
040 kennen wir von unsern kindern (---)
041 wenns ruhig im kinderzimmer ist ist es das geFÄHRlichste
042Publikum((Gelächter, 3sek))
043SozPmdas ist die
044Publikum((allg. Stimmengewirr, 15sek))
045GeschPmBdas muss man nicht überhöhen SO

Sequenz 158:  SozPm als Diskutant und GeschPmB als Moderator in der Plenumsdiskussion nach einem Themenblock; TK 1_6: 032-045.

Ruhe im Kinderzimmer ist deshalb das geFÄHRlichste, weil man als Mutter oder Vater aus persönlicher Erfahrung (oder aber aus Erzählungen) weiß, dass Kinder nur dann ruhig sind, wenn sie etwas aushecken oder verheimlichen wollen. Dieses Beispiel ist analog zum Nichtwissensproblem konstruiert und illustriert damit das diskutierte Problem. Das Publikum reagiert mit einem Lachen, was darauf hindeutet, dass die Analogie verstanden wurde. Zudem wird zumindest unter all den Diskussionsteilnehmern, die Familie haben und/oder diese Erfahrungen teilen, soziale Nähe und Gruppensolidarität geschaffen. SozPm zeigt sich jedenfalls solidarisch, indem er die Pronomen wir und unsern inklusiv verwendet. Trotz der spannungslösenden Funktion von Humor kann die Spannung in der Diskussion nicht vollständig beseitigt werden. Moderator GeschPmB bewertet das Beispiel und die Reaktion des Publikums als unangemessen mit den Worten das muss man nicht überhöhen SO und beendet damit die Diskussion. Die Bewertung des Geschehens wird demnach vom Moderator in einer ganz anderen Weise vorgenommen als vom Publikum. Da der Moderator das Rederecht verteilen und Diskussionen beenden darf, gibt sein Kommentar der witzigen Sequenz einen negativen Abschluss.

In spannungsgeladenen, festgefahrenen Diskussionen kann Humor positive Effekte auf die Gesprächsatmosphäre haben. Humorvolle Sequenzen wie z. B. das metasprachliche Eingehen auf die Kommunikationssituation (als Ausbrechen aus dieser) und erheiternde Analogien wirken spannungslösend und solidarisierend. Damit kann Humor den Sympathie einbringen.

8.2.6  Humor zur Kritik von Rahmenbedingungen („Galgenhumor“)

Auch der Umgang mit den wissenschaftlichen Rahmenbedingungen und den daraus entstehenden Einschränkungen wird humorvoll thematisiert: ← 434 | 435 →

178BioPmAund dann vielleicht kann man das auch als naturwissenschaftler ganz pragmatisch sagen
179 wir hören auf zu forschen wenn uns keiner mehr geld gibt
180 [und wenn wir keine] (-) HOCHrangigen publikatiO:nen mehr
181Publikum[((lacht))     ]
182BioPmAin referierten journalen unterbringen
183 aber das ist ein ganz einfaches selbstregulativ der wissenschaft
184Publikum((lacht, 3sek))
185ModSEHR pragmatisch

Sequenz 159:  BioPmA als Fokusdiskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten kTheoPm; TK 2_2: 178-185.

BioPmA spricht aus der Perspektive eines Naturwissenschaftlers, verallgemeinert seine Perspektive durch die Verwendung von wir und uns und führt damit alle Naturwissenschaftler zusammen, die dieselben Erfahrungen mit Publikationen und fehlender Finanzierung gemacht haben. Die Benennung dieses Sachverhalts als ein ganz einfaches selbstregulativ der wissenschaft in Kombination mit den vorgelagerten Hindernissen der Forschung und der Unmöglichkeit, sich davon frei zu machen, muten wie Galgenhumor an: Dieser bezeichnet ‚gespielte[n] Humor, vorgetäuschte Heiterkeit, mit der jemand einer unangenehmen oder verzweifelten Lage, in der er sich befindet, zu begegnen sucht‘ (Duden). Dadurch, durch gemeinsam geteilte Erfahrungen und durch die Verwendung der Pronomen wir und uns schafft BioPmA ein Wir-Gefühl, eine Gruppenbildung und -solidarität der Naturwissenschaftler.

Besonders der sogenannte Galgenhumor wirkt (in unserem Beispiel) solidarisierend, da diesen nur diejenigen verstehen, die dieselben Erfahrungen in Bezug auf das angesprochene Problem oder Thema gemacht haben und dem Sprecher zustimmen. Hierdurch wird Gemeinschaftsbildung durch gemeinsames Lachen ermöglicht.

8.3  Weitere Befunde zu Humor in wissenschaftlichen Diskussionen

8.3.1  Fehlschlagender Humor

Die bisher vorgestellten Sequenzen und Funktionen basieren darauf, dass Humor vom Publikum (oder vom Gesprächspartner) anerkannt und durch Lachen honoriert wird. Humorvoll gemeinte Äußerungen können allerdings auch fehlschlagen und im besten Fall ohne Reaktion im Publikum und/oder beim Diskussionspartner bleiben. Im schlechtesten Fall lösen sie Missbilligung aus, was aber im untersuchten Datenmaterial nicht vorkommt. ← 435 | 436 →

Es findet sich eine Sequenz, in der das erhoffte, erwartete Lachen ausbleibt. Hierzu ist allerdings anzumerken, dass mir nur Tonmaterial vorlag, dass es also eine positive Reaktion in Form von Lächeln oder aber Stirnrunzeln gegeben haben kann, die in meinen Aufzeichnungen nicht dokumentiert werden konnte. Die Audiodatei und das Transkript liefern allerdings Hinweise darauf, dass das witzig gemeinte Beispiel vom Publikum nicht honoriert wird: Die Pausen sowie die darauffolgenden Gesprächspartikeln signalisieren eine Pausenüberbrückung und Neuorientierung.

514eTheoPmAund da haben sie auch !RECHT! wenn sie sagen sie verstehen es nicht (-)
515 weil es gibt ja nicht nur die hisTOrische ä ä ä erk ä erfahrung die wir vorhin rausgelassen hatten (.)
516 sondern auch das was man englisch knowledge by acquaintance nennt durch beKANNTschaft (.) ähm
517 wenn ich über meine frau schwärme (.) äh (.)
518 bin ich ganz <<lachend> froh wenn sie sagen (.) das versteh ich nicht JA (.) ähm ä verständlicherweise ähm>>
519 und SO WÄre das sozusagen in diesem moment !AUCH! (.) ähm (--)

Sequenz 160:  eTheoPmA als Fokusdiskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Moderator PhilPmA; TK 3_2: 514-519.

Der Vortragende eTheoPmA unternimmt den Versuch, mittels eines lustig gemeinten Beispiels das diskutierte Problem zu illustrieren. In sein eigenes Lachen stimmt allerdings keine weitere Person ein. Da die gewünschte und erwartete Reaktion ausbleibt, räuspert sich eTheoPmA und führt seinen Beitrag ernst und sachlich fort. Das Beispiel wird von den Anwesenden offenbar als nicht witzig oder angemessen bewertet (daher wird nicht gelacht) und damit gewissermaßen sanktioniert. Eine solche Situation ist gesichtsbedrohend, da der Vortragende ohne gewünschte Rückmeldung bleibt, „in der Luft hängt“ und sich erst wieder fangen muss.

Humor kann demnach auch gefährlich für das Image sein, falls er vom Publikum nicht gewürdigt wird. Dies hat Auswirkungen auf das Verhalten des Akteurs, da er nicht die gewünschte Wertschätzung seitens des Publikums erhält.

8.3.2  Humor und Habitus

Zudem zeigt sich, dass sich Humor und Witz (bzw. witzige Effekte) durch einen bestimmten Habitus ergeben. Die folgenden Sequenzen stammen alle von derselben Person. Die Diskussionsatmosphäre ist insgesamt gelöst, die beiden Diskutanten gehen offen und respektvoll miteinander um. Die Redeweise von MedDrm wird ← 436 | 437 → als sympathisch und humorvoll wahrgenommen und auch InfoMaDrm reagiert genauso humorvoll und sympathisch auf die Äußerungen von MedDrm. Beide erscheinen in den Diskussionen als sehr harmonisch in ihrem Humor.

Die Transkripte können nicht wiedergeben, wodurch die witzigen Effekte in der Rede des MedDrm entstehen. Sie werden durch sein gedehntes, langsames, fast naives Sprechen erzeugt. Allen folgenden Sequenzen ist gemein, dass sie auf eine gewisse Weise provozieren, also der Funktion Provokation (Kap. 8.2.4) zuzuordnen sind. Sie werden hier losgelöst davon diskutiert, weil die witzigen Effekte durch den Habitus von MedDrm und das Harmonieren der beiden Diskussionspartner entstehen.

Zu Beginn der Fokusdiskussion kommentiert MedDrm die Kommunikationssituation auf der Metaebene. Er geht auf seine und InfoMaDrms Sonderrolle ein, im Fokus des Publikums zu stehen. Seine Äußerung wir machens wohl auch im STEhen kann nicht nur als sexuelle Anspielung interpretiert werden, sondern auch als Bezug auf vorherige Teilnehmer einer Fokusdiskussion, die während der Diskussion an einem kleinen Tisch einander gegenüber saßen:

001MedDrmJA (.) ich WEISS nicht wir machens wohl auch im STEhen
002 das hat sich 1[eingespielt ]1
003InfoMaDrm       1[OCH (.) GERne]1
004 2[((lacht)) ]2
005MedDrm2[das ist eine variaTION]2 (2.0)

Sequenz 161:  MedDrm und InfoMaDrm in der Fokusdiskussion; TK 3_9: 001-005.

InfoMaDrm stimmt dem Vorschlag zu und MedDrm kennzeichnet die Diskussion im Stehen als variaTION. Im Verlauf der eigentlichen, inhaltlichen Diskussion geht es darum, dass sich Geistes- und Naturwissenschaften in ihren Methoden und im Hinblick auf gegenseitige Anerkennung nicht wirklich einander annähern, sondern Distanz wahren. Dabei wendet MedDrm die inhaltlich-sachliche Perspektive in eine persönliche, wodurch der witzige Effekt entsteht:

036MedDrmich NEHme jetzt (-) äm die GEISTESwissenschaften (.)
037 und ich seh da (-) proBLEME
038 NICHT weil äh ich jetzt sie (.) unsympathisch [finde
039 oder nicht auf sie zukommen möchte (.)
040 NEIN das ist es nicht]
041InfoMaDrm[((kichert))]
042MedDrmmmhh es IST aber so: (.) dass ICH (---) äm
043 WENN ich mir die (--) GEISteswissenschaften anschaue (-) GANZ große probleme sehe
044 dass man da (.) äh sich aufeinander zubewegt

Sequenz 162:  MedDrm und InfoMaDrm in der Fokusdiskussion; TK 3_9: 036-044. ← 437 | 438 →

Die disziplinären Differenzen werden auf eine persönlich-soziale Beziehung zwischen Individuen übertragen, wobei auf die Fachidentitäten Bezug genommen wird. MedDrm wechselt von fachlichen und disziplinären Differenzen auf sachlicher Ebene auf eine soziale, bei der es um Sympathie und Aufeinander-Zugehen geht.

In einem späteren Abschnitt geht MedDrm auf den Versuch der Geisteswissenschaften ein, ihre Forschung zu mathematisieren. Dieser Empirisierungsversuch schlägt fehl, sodass man in der Mediävistik der Mathematisierung der Naturwissenschaften die „Erzählung“ entgegensetzt. MedDrm charakterisiert die beiden Gegenpole Mathematisierung und Erzählung als einander entgegen gesetzte Imperialismen:

129MedDrmsondern ich (-) GLAUbe dass es SO ist dass wir den EInen imperialismus mit dem Gegenimperialismus (-) äh beantworten wollen (---)
130 also ich !WEISS! nicht ob sie daVON was MITgekriegt haben von äh diesen
131Publikum((lacht, 10sek))
132InfoMaDrmalso ich SEH (-) es sind definitiv unterschiedliche ANsätze (--)
133 ABER in dem sinne des !KLEIN!machens da tu ich mich doch SCHWER
134 da steckt ja ne WERtung drin (-) die ich !NICHT! offensichtlich erkennen !KANN!

Sequenz 163:  MedDrm in der Fokusdiskussion mit InfoMaDrm; TK 3_9: 129-134.

Der Witz entsteht dadurch, dass MedDrm einen großen wissenschaftlichen Paradigmenkonflikt als so unscheinbar oder esoterisch charakterisiert, dass selbst der davon Betroffene davon ausgeht, dass niemand diesen mitbekommen hat. MedDrm stellt sich und seinem Gegenüber die Frage, ob die Mediävistik überhaupt eine Wissenschaft ist, da in der Mediävistik keine empirischen Analysen möglich seien. Diese werden in der Naturwissenschaft verlangt und nur auf einer solchen Grundlage erhobene Daten haben Gültigkeit. InfoMaDrm sagt in einer nicht wiedergegebenen Zwischensequenz, dass er von dieser Vorstellung, dass Wissenschaft nur dann Wissenschaft ist, wenn sie sich auf empirische Untersuchungen stützen kann, nichts hält. Daraufhin äußert MedDrm seine Enttäuschung über das Ausbleiben von negativer Kritik und dem „Rausschmiss“ (Z. 085) aus der Wissenschaft:

img

Sequenz 164:  MedDrm und InfoMaDrm in der Fokusdiskussion; TK 3_9: 082-090. ← 438 | 439 →

InfoMaDrm antwortet mit einer Routineformel, die er sehr stark betont und dadurch als ironische Äußerung zu verstehen gibt (das TUT mir jetzt WAHNsinnig LEID). Damit bricht InfoMaDrm mit MedDrms Erwartungen.

Witzige Effekte entstehen in den Sequenzen also einerseits durch witzige Inhalte und humorvolle Kommentare, andererseits aber vor allem durch den Habitus des Sprechers und die Harmonie zwischen den Diskussionspartnern.

8.4  Fazit: Humor in wissenschaftlichen Diskussionen

Humor und Witz erfüllen verschiedene Funktionen in wissenschaftlichen Diskussionen. Diese werden in Tabelle 47 zusammengefasst dargestellt:

Tabelle 47:  Übersicht über die im Datenmaterial identifizierten Funktionen von Humor.

Funktionen von HumorErläuterung
Eigene Gesichtswahrungsignalisiert souveränen Umgang mit Missgeschicken und Kontrolle der Situation
Fremde Gesichtswahrung 

  Humor zum Komplimentieren

signalisiert Anerkennung und Aufwertung des Gegenübers

  Humor zur Abschwächung von Angriffen

dient der face-Schonung durch Abschwächung von Kritik und Dissens

  Humor zur Abschwächung von Provokationen

dient der oberflächlichen Abschwächung von Provokationen und negativer Kritik; durchbricht die kommunikative Ordnung und erlaubt Direktheit
Allgemeine Situation: Spannungslösungentspannt festgefahrene Diskussionen und angespannte Situationen/Personen; ermöglicht Annäherung und Gemeinschaftsbildung
Kritik von Rahmenbedingungen, „Galgenhumor“schafft ein Wir-Gefühl und Gruppensolidarität ← 439 | 440 →

Vor allem die Funktion der Gruppenbildung muss im interdisziplinären Kontext beachtet werden. Wenn Vertreter unterschiedlicher Disziplinen auf einer Tagung aufeinandertreffen, kann man davon ausgehen, dass eine feste scientific community nicht existiert. Da alle Disziplinen ihre unterschiedlichen Ansichten, Methoden und Herangehensweisen, Werte und Denkweisen haben, ist unter Umständen ein großes Dissenspotenzial vorhanden. Humor trägt in einem solchen Kontext dazu bei, eine Gruppenbildung bei aller Diversität zu ermöglichen, Solidarität zwischen den Teilnehmern zu schaffen und fachliche Distanz von persönlicher Distanz abzukoppeln (so dass es soziale Nähe zwischen Personen mit kontrastierenden Ansichten, unterschiedlichen Disziplinen, konfligierenden fachlichen Meinungen u. Ä. geben kann). Zudem kann gerade in Fokusdiskussionen der gewollte konfrontative und kontrastive Charakter der Diskussion durch Humor zurückgenommen werden.

Der Befund von Tracy, wonach Humor oft zu Beginn von Vorträgen und Diskussionsphasen eingesetzt wird, um über Nervosität und Unbehagen hinwegzuhelfen, konnte zum Teil bestätigt werden. Zwar finden sich Sequenzen, in denen Humor zu Beginn von Beiträgen in Diskussionen eingesetzt wird, doch verweist dies kaum auf Nervosität. Dies liegt wohl daran, dass auf allen drei Konferenzen kaum Doktoranden sprechen, sondern fast ausnahmslos Promovierte, Habilitierte und Professoren, die solche Nervositätsbekundungen nicht machen.

Auffällig ist, dass es sich bei humorvollen Sequenzen ausschließlich um die von Schubert (2014) genannten, spontan sich ergebenden konversationellen Witze handelt. Nach Konzett gibt es zwei Möglichkeiten, sich unterhaltsam zu zeigen: durch witzige, kurze narrative Einschübe und durch witzige Einzeiler, die durch die Positionierung und das Timing unterhaltend wirken (vgl. Konzett 2012: 296). Narrative Einschübe mit einer Unterhaltungsfunktion sind im vorliegenden Material nicht enthalten; stattdessen finden sich verschiedene Sequenzen, in denen durch provokante Äußerungen, Versprecher, Analogien, Missgeschicke, kritische Selbstcharakterisierungen, einen bestimmten Habitus des Sprechers, Anspielungen und überraschende Kommentare Lachen hervorgerufen wird114. Auffällig ist auch, dass viele witzige Sequenzen gemeinschaftlich konstruiert und hervorgebracht werden. Auf diese Äußerungen folgt, sofern der Akteur bewusst Lachen provozieren möchte, eine bewusst gesetzte (kurze) Pause, die das Publikum mit Lachen füllen kann. Diese Pausen sind allerdings dann gesichtsbedrohend, wenn ← 440 | 441 → das Publikum nicht reagiert und der Vortragende oder Diskutant die Pause überbrücken und vor allem überspielen muss. In diesem Fall wird die Pause möglichst kurz gehalten (z. B. durch Partikeln wie hm, also, ja), um das eigene Gesicht zu wahren. Stimmt der Akteur selbst das Lachen an, wirkt es solidarisierend und gruppenbildend (vgl. Konzett 2012: 333). ← 441 | 442 → ← 442 | 443 →


111  Für diese Zeile und Einsicht danke ich Werner Holly.

112  Der Zusatz „ein gesundes Maß“ der Bescheidenheit verweist darauf, dass bei einem „zu Wenig“ eine Person schnell als Angeber tituliert wird; genauso anstrengend ist aber jemand, der allzu bescheiden ist und seine Leistungen relativiert.

113  Vgl. dazu Konzett 2012: 295-333; zu Humor im Arbeitskontext Holmes 2000, in der Professoren-Studierenden-Kommunikation Torok et al. 2004.

114  Vgl. hierzu Konzetts Beispiele für unterhaltende Elemente: „carefully aligned, cohesive utterances with a twist (an exaggeration, a language joke, a stark contrast, an element of surprise“ (Konzett 2012: 333).