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Selbstdarstellung in der Wissenschaft

Eine linguistische Untersuchung zum Diskussionsverhalten von Wissenschaftlern in interdisziplinären Kontexten

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Lisa Rhein

Selbstdarstellung, Image- und Beziehungsarbeit spielen in der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Dieses Buch untersucht aus vornehmlich gesprächsanalytischer Perspektive, wie Images und Beziehungen der Akteure interaktiv konstituiert und ausgehandelt werden. Im Fokus stehen dabei Fachdiskussionen von Wissenschaftlern auf interdisziplinären Konferenzen. Grundlage ist ein von Soziologie und Psychologie befruchtetes linguistisches Methodeninventar. Die Autorin zeigt, wie Wissenschaftler in Diskussionen Images aufbauen, angreifen und verteidigen, wobei die Fachidentität der Akteure von zentraler Bedeutung ist. Sie erklärt ebenso, wie Wissenschaftler Kompetenz – auch bei vorhandenem Nichtwissen – signalisieren und Humor zur Beziehungsgestaltung nutzen.
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9 Diskussion

9  Diskussion

9.1  Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit wurde die Selbstdarstellung von Wissenschaftlern linguistisch untersucht. Zu diesem Zweck wurde zum einen eine umfassende linguistische Methode für die Analyse von verbalem Selbstdarstellungsverhalten entwickelt. Zum anderen wurde die Methode zur Bearbeitung von vier verschiedenen Fragestellungen angewendet und erprobt. Der Untersuchung lag ein Korpus aus Tonaufnahmen von Diskussionen nach Fachvorträgen, die auf interdisziplinären Tagungen stattgefunden haben, zugrunde.

Die zentralen Fragekomplexe, die der Arbeit zugrunde liegen, lauten:

  Gegenseitiges positives und negatives Kritisieren (= Kap. 5): Wie äußern Wissenschaftler positive und negative Kritik in wissenschaftlichen Diskussionen? In welchen sprachlichen Formen geschieht dies, auf was bezieht sich Kritik und wie ist sie begründet? Wie reagieren Wissenschaftler auf positive und negative Kritik und welche Auswirkungen hat Kritik auf das face bzw. die Images der Beteiligten?

  Rolle der Fachidentität in interdisziplinären Diskussionen (= Kap. 6): Welche Funktion hat das Thematisieren der eigenen disziplinären Zugehörigkeit in interdisziplinären Diskussionen? Wann und in welcher sprachlichen Form kommunizieren Wissenschaftler ihre Fachidentität?

  Kompetenz und Expertenschaft, Nichtwissenskommunikation (= Kap. 7): Wie werden Kompetenz und Expertenschaft von Wissenschaftlern in der Diskussion heraus- und dargestellt? Wie stellen Wissenschaftler sicher, dass sie trotz Nichtwissens und Unsicherheit als kompetent wahrgenommen werden? Welche Strategien der Nichtwissens-Thematisierung verwenden sie?

  Humor in wissenschaftlichen Diskussionen (= Kap. 8): Wie gelingt es Wissenschaftlern, sich als Individuen in einem von Sachlichkeit und Rationalität geprägten, kompetitiven Kontext positiv zu präsentieren? Welche Funktionen erfüllt Humor in wissenschaftlichen Diskussionen? Wie wird er sprachlich vorgebracht?

In Kapitel 2 wurden die soziologischen Arbeiten von Goffman, der Impression-Management-Ansatz sowie verschiedene linguistische Arbeiten zu Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement vorgestellt. Diese wurden im Hinblick auf relevante linguistische Mittel ausgewertet und diskutiert, um eine Basis für die Methodenentwicklung zu schaffen. Ebenso konnten hier erste Strategien der Selbstdarstellung und Beziehungsgestaltung identifiziert werden. Es wurde auf ← 443 | 444 → gezeigt, dass sich Selbstdarstellung und Beziehungsarbeit als Kombination von verbalem, paraverbalem und nonverbalem Verhalten äußert.

Kapitel 3 diente der theoretischen Einbettung der untersuchten interdisziplinären Diskussionen des Korpus und thematisierte die für die Arbeit relevanten Aspekte der Wissenschaftskommunikation. Die Textsorte Vortrag und die Kommunikationsform Diskussion wurden im Hinblick auf Struktur, sprachliche Merkmale und Anforderungen an Selbstdarstellung beschrieben. Zudem wurde der Unterschied zwischen disziplinären und interdisziplinären Forschungssituationen beleuchtet, um die Charakteristika der untersuchten interdisziplinären Diskussionen erfassen zu können.

In Kapitel 4 wurde das Forschungsdesign der Arbeit erläutert. Hierfür wurden im ersten Teil das Analysekorpus vorgestellt, die Tagungs- und Diskussionsanlässe (mit Angaben u. a. zu Personen, Themen, Statusverhältnissen) beschrieben und das Transkriptionsverfahren bzw. die Transkriptionskonventionen genannt. Im zweiten Teil wurde die Methodenentwicklung dargelegt, das konkrete methodische Vorgehen in der Analyse beschrieben sowie die Fragestellungen im Detail genannt und begründet. Zur besseren Übersicht über die relevanten Forschungsfelder, zur Systematisierung der Methodenentwicklung und zur Auswahl der entsprechenden Forschungsfragen wurde ein Vier-Felder-Schema entwickelt, das die vier zentralen Analyseperspektiven enthält: (1) Kommunikationsform Diskussion, (2) Interdisziplinarität und interdisziplinäre Selbstverortung, (3) Selbstdarstellungsmanagement und (4) Beziehungsmanagement. Die beiden ersten ergaben sich aus der Korpuswahl, die beiden letzten aus dem Forschungsinteresse (siehe Abb. 14).

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Abbildung 14: Vier-Felder-Schema; die vier Felder ergeben sich aus der Korpuswahl (obere beiden Felder) sowie dem Untersuchungsinteresse (untere beiden Felder). ← 444 | 445 →

Aus den Theoriekapiteln 2 und 3 wurden die zentralen sprachlichen Mittel, die Aufschluss über Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement geben, isoliert und jeweils am Ende des Teilkapitels tabellarisch zusammengefasst. Diese Tabellen boten die Grundlage für die Kombination und Integration der einzelnen Ansätze und Kategorien zum Zweck der Methodenentwicklung. Die nicht-linguistischen Ansätze der Soziologie und Sozialpsychologie lieferten die Kriterien für die Makroperspektive Kontextualisierung der Diskussion der Methode. So gaben Goffmans Arbeiten Aufschluss über notwendige Überlegungen zum Rahmen der Kommunikation, zu Rollen, Beziehungen und vor allem zur Image- und Beziehungsgestaltung. Der sozialpsychologische Impression-Management-Ansatz ermöglichte einen Einblick in grundlegende psychische Mechanismen, Ziele und bereits identifizierte Techniken der Selbstdarstellung, die wertvolle Vergleichsfolien für die Analyse bildeten. Für die Mikroperspektive Sprachliche Mittel der Selbstdarstellung, Beziehungskommunikation und Kommunikationsform Diskussion waren vor allem die linguistischen Arbeiten von Interesse (ergänzt durch die wenigen Hinweise von Goffman). Zur Methodenbildung wurden verschiedene linguistische Arbeiten zu Selbstdarstellung, Imagearbeit und Beziehungsmanagement miteinander kombiniert. Die bisherigen Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf die Analyse einzelner linguistischer Mittel (z. B. Sprechhandlungen) oder bestimmte Selbstdarstellungsphänomene (z. B. Höflichkeit, Expertenschaft). Zudem beforschen sie jeweils eine bestimmte Gesprächssorte (z. B. Schlichtungsgespräch, Streit) und haben jeweils einen anderen methodischen Zugang (z. B. Pragmatik, Gesprächsanalyse, Stilistik, Ethnomethodologische Konversationsanalyse).

Die Auswertung der linguistischen (aber auch soziologischen und sozialpsychologischen) Arbeiten zeigte, dass Selbstdarstellungsverhalten auf verbaler ebenso wie auf nonverbaler und paraverbaler Ebene sichtbar wird und daher auch auf allen diesen Ebenen untersucht werden muss. Auf die Analyse nonverbalen Verhaltens (außer hörbare Phänomene wie beispielsweise Husten und Klatschen) musste aufgrund des Datenmaterials (Audiodateien) verzichtet werden.

Kapitel 5 bis 8 stellen die zentralen Ergebnisse der Arbeit ausführlich dar. Jedes Ergebniskapitel wurde im Sinne der von der Methode geforderten methodischen Anreicherung mit Erkenntnissen aus der jeweiligen Forschungsliteratur ergänzt.

Ergebnis der Analyse zum gegenseitigen positiven und negativen Kritisieren ist es, dass weitaus häufiger negative als positive Kritik geäußert wird. Positive Kritik zeigt sich im ehrlichen oder aber oberflächlichen und ritualisierten Danken, Loben und Zustimmen, während negative Kritik auf vielfältige Weise, d. h. in ← 445 | 446 → Form unterschiedlichster Sprechhandlungen, und sehr differenziert, d. h. bezogen auf exakt definierte Referenzen, angebracht wird. Die Formate Plenums- und Fokusdiskussion wurden aufgrund der unterschiedlichen kommunikativen Möglichkeiten der Teilnehmer getrennt analysiert. In den Fokusdiskussionen zeigten sich zwei Pole der wissenschaftlichen Aushandlungsprozesse: kooperativ-klärungsorientierte und konfrontativ-dissensbetonende Diskussionen, wobei diese Kategorisierungen Tendenzen wiedergeben. In der vorliegenden Arbeit wurden die beiden Extreme beispielhaft vorgestellt, wobei der Fokus des Kapitels auf Kritik und Vorwürfen der Inkompetenz und Unwissenschaftlichkeit lag. Es zeigte sich, dass die Diskutanten oftmals wissenschaftliche Werte heranziehen, um Kritik oder Verteidigungen gegen diese zu begründen (z. B. der Wert des korrekten Beweises und des Vermeidens von Beweisfehlern: das ist zirkuLÄR das ist TAUtologisch; PhilPmB, TK 3_8: 20). Zudem wurde deutlich, dass wissenschaftliche Werte als Bindeglieder zwischen den Disziplinen fungieren, also einen gemeinsamen Nenner bei aller Diversität der Disziplinen, Fachrichtungen, Schulen und Strömungen darstellen.

Des Weiteren wurde der Frage nachgegangen, welche Rolle Fachidentitäts-Thematisierungen in Diskussionen spielen. Die Analyse ergab, dass Diskutanten ihre disziplinäre Herkunft thematisieren, um sich in der eigenen scientific community zu verorten, sich auf Tagungen zu positionieren und von anderen Fächern, Schulen etc. abzugrenzen. Zudem ermöglichen Informationen zum disziplinären Hintergrund, Beiträge zu perspektivieren, Distanzierung von Aspekten oder Personen des eigenen Fachs auszudrücken und positive oder negative Kritik einzuleiten. Für die Zuhörer sind Informationen zur Fachidentität insofern relevant, als sie Personen und die von ihnen geäußerten Inhalte besser einordnen können.

Im Zentrum des Kapitels 7 standen Kompetenzsignalisierung und Nichtwissenskommunikation. Im ersten Teilkapitel wurden Strategien der Kompetenzdemonstration und der Signalisierung von Fachwissen thematisiert und diskutiert. Dabei konnten Ergebnisse anderer Forschungsarbeiten mit weiteren Techniken ergänzt werden. Wissenschaftler zeigen ihre Kompetenz bzw. ihr Fachwissen auf ihrem Gebiet durch das Halten von Vorträgen, durch Inhaltsparaphrasen, Fragen, durch die Verwendung von Fachterminologie, Kenntnis der Forschungsliteratur und -landschaft, das Hinweisen auf wissenschaftliche Werte, durch Initiieren von Themenwechseln, Hervorheben von Leistungen, Signalisieren von logischem Denken und Weltwissen, durch den Verweis auf den eigenen disziplinären Hintergrund sowie durch Fremdzuschreibungen von Expertenschaft. Diese Techniken wurden den vier Kompetenz-Domänen Sachkompetenz, Theoretische Kompetenz, ← 446 | 447 → Innovationskompetenz und Wissenssoziologische Position (vgl. Antos 1995: 20) zugeordnet, was sich zum Teil als problematisch erwies. Außerdem wurde die Domäne Diskussions-/Kommunikationskompetenz ergänzt, um die Kompetenzen der Wissenschaftler in mündlicher Kommunikation erfassen zu können: die Fähigkeiten, sich fachsprachlich und inhaltlich korrekt auszudrücken, auf andere Beiträge flexibel einzugehen und fremde Inhalte wiederzugeben.

Der zweite Teil des Kapitels war der Kompetenzdarstellung bei Nichtwissen und Unsicherheit gewidmet. Ziel war es herauszufinden, wie Wissenschaftler Nichtwissen in Diskussionen thematisieren, wie sie es bewerten, kategorisieren und wie sie damit sowohl forschungspraktisch als auch diskursiv umgehen. Zudem wurde untersucht, welche Funktionen Nichtwissensthematisierungen haben und wie sie sich auf die Images der Diskussionsteilnehmer auswirken. Es zeigte sich, dass Nichtwissens- und Unsicherheitsäußerungen der höflichen Kommunikation dienen, dass sie als normale und wichtige Bestandteile von Wissenschaft angesehen werden und dass sie Anlass für Diskussionen und Infragestellungen sind. Hier mussten Strategien der Imagesicherung bei Nichtwissen (also Strategien wie Zuschreibungen oder Leugnen) von forschungspraktischen Strategien (z. B. Reduktion oder Kontrolle von Nichtwissen) unterschieden werden. Nichtwissen und unsicheres Wissen sind, das haben die Analysen gezeigt, in den meisten Fällen keine Anzeichen für Inkompetenz, sondern signalisieren im Gegenteil Kompetenz, wenn Wissenschaftler korrekt und professionell mit (ihrem) Nichtwissen umgehen. Damit konnte auch die Annahme von Campbell (1985), wonach Wissen und Kompetenz eigene Glaubwürdigkeit und Autorität sichern, Nichtwissen dagegen den Verlust von Glaubwürdigkeit und Expertenschaft bedeutet, widerlegt werden. Da sich Nichtwissen in interdisziplinären Diskussionen (in denen Wissensasymmetrien üblich und intendiert sind) oft nur auf eine der von Antos differenzierten Domänen – wie bspw. das Sachwissen – bezieht, kann dennoch Kompetenz in den anderen Domänen vorliegen, die das fehlende Sachwissen ausgleichen – z. B. Methodenkompetenz oder Erfahrungen im Umgang mit Experimenten. Hinzu kommt, dass gegenseitiger Respekt, gegenseitiges Bestätigen der Werte und Anerkennung der Arbeit eine professionelle Diskussion über disziplinäre Grenzen hinweg sichern.

Da die bisherigen Analysefragen auf wissenschaftlich-professionelle Aspekte der Selbstdarstellung gerichtet waren, wurde ein weiterer Fokus gewählt, der einen persönlich-sozialen Gesichtspunkt in den Blick nimmt: den Humor. Humor wirkt auf der Beziehungsebene und hat verschiedene positive Effekte in der mündlichen Kommunikation. Die Analysen zeigten nicht nur, dass humorvolle Äußerungen in den Diskussionen häufig vorkommen, sondern auch, dass sie ← 447 | 448 → unterschiedliche Funktionen haben: So können sie der eigenen Gesichtswahrung bei Missgeschicken oder Selbstkritik, der Unterbringung von Komplimenten und der Abschwächung von negativer Kritik dienen. Zudem kann Humor provokative Äußerungen, die zumeist negative Kritik implizieren, (oberflächlich) abschwächen, Spannungen lösen und damit die Gesprächsatmosphäre positiv beeinflussen. Nicht zuletzt kann auch der sogenannte Galgenhumor zur Kritik an nicht zu ändernden Rahmenbedingungen eingesetzt werden, was oftmals eine Solidarisierung der Betroffenen bewirkt. Die Ergebnisse der Arbeit zeigen außerdem, inwiefern Humor auch fehlschlagen und negative Effekte haben kann, und dass sich witzige Effekte zum Teil aus dem einzigartigen Habitus einer Person sowie aus der Personenkonstellation und dem Umgang der Akteure miteinander ergeben.

9.2  Methodenreflexion: von der analytischen Trennung zurück zur Komplexität

Für die Analyse des Selbstdarstellungsverhaltens von Wissenschaftlern in interdisziplinären Diskussionen anhand von authentischen Daten konnte nicht auf eine bereits etablierte Methode zurückgegriffen werden. Daher wurde eine eigene Methode entwickelt, die Elemente aus soziologischen, sozialpsychologischen, v. a. aber aus verschiedenen linguistischen Ansätzen integriert. Auch wenn jedes methodische Vorgehen gleich welcher Art reflektiert werden sollte, erscheint es hier doch als umso nötiger, da die Methode neu und spezifisch auf den analytischen Rahmen hin ausgerichtet ist. Als wie zweckmäßig erwies sich also das methodische Vorgehen? Welches Potenzial liegt darin?

Um die Komplexität und Zweckmäßigkeit der Methode reflektieren zu können, wird zuerst die Methodenentwicklung rekapituliert. In Kapitel 4.2 wurde das Vier-Felder-Modell vorgestellt, das die Bildung der Basismethode und den Einstieg in die Analyse systematisierte. Die analytische Trennung der Forschungsfragen, die aus den einzelnen Feldern heraus entwickelt wurden, erwies sich als überaus hilfreich, um zu Einzelerkenntnissen zu gelangen. Die Ergebnisse machen aber deutlich, dass die vier Felder sehr eng miteinander zusammenhängen, ineinander greifen und sich wechselseitig beeinflussen bzw. bedingen (bspw. die enge Bindung zwischen Selbstdarstellung und Beziehungsgestaltung). Die Ergebnisse der jeweiligen Felder müssen daher zusammengeführt werden (vgl. Kap. 9.3), weil sie nur in Kombination Aufschluss über die Selbstdarstellung eines Akteurs geben: Selbstdarstellung hängt von der Kommunikationssituation (interdisziplinäre Diskussionen) und den Beziehungen ← 448 | 449 → der Interaktionspartner ab. Die Interrelationen der Felder werden im Folgenden zusammenfassend aufgezeigt.

Systematisch und forschungspraktisch bedingen die vier Felder einander folgendermaßen: Die ersten beiden Felder Diskussion und (inter-)disziplinäre Selbstverortung/Positionierung ergeben sich aus der Korpuswahl. Beide gehören aufgrund der spezifischen Kommunikationssituation zusammen. Die unteren beiden Felder Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement ergeben sich aus dem Untersuchungsinteresse. Beide Felder müssen gemeinsam untersucht werden, da Selbstdarstellung nur vor einem Publikum, einem Gegenüber, stattfinden kann und die Beziehungen zwischen den Akteuren dabei von Bedeutung sind.

Inhaltlich beziehen sich die Felder folgendermaßen aufeinander: Das gegenseitige Kritisieren ist konstitutiv für wissenschaftliche Diskussionen. Die Art, wie kritisiert und auf Kritik reagiert wird, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab: beispielsweise der Fachkultur der Akteure, der Kompetenz bzw. dem Fachwissen, wissenschaftlichen und persönlichen Zielen sowie der Gesprächsatmosphäre. Zudem sind die betrachteten Diskussionen interdisziplinär situiert. Auf interdisziplinären Konferenzen existiert keine feste scientific community, die Teilnehmer müssen sich erst vorstellen und ihre Forschung bekannt machen. Dies erfordert die Darstellung eigener Leistungen und Kompetenzen. Im Zuge dessen spielt die Fachidentität als Teilidentität einer Person eine zentrale Rolle.

Es sollte zudem deutlich geworden sein, welchen großen Einfluss die Rahmenbedingungen der Kommunikation (wissenschaftliche Diskussion und Interdisziplinarität) auf die individuelle Selbstdarstellung haben. Kompetenzsignalisierung (als Selbstdarstellungsziel) ist ein zentrales Anliegen von Wissenschaftlern und wichtige Impression-Management-Strategie, da Kompetenz einen Karrierevorteil darstellt. Kompetenz und Expertenschaft basieren auf spezialisiertem Fachwissen. Allerdings sind durch die in den Diskussionen vorliegende Interdisziplinarität Wissensasymmetrien gegeben und zudem bestehen auch in jeder Disziplin und für jeden Wissenschaftler Unsicherheiten, mit denen im konkreten Tagungskontext umgegangen werden muss. Der Aspekt der Kompetenzsignalisierung muss daher auch unter der Perspektive Nichtwissen untersucht werden. Auf interdisziplinären Konferenzen spielen aber nicht nur die beruflichen, sondern auch die sozialen Beziehungen zwischen den Akteuren eine wichtige Rolle: Gute Vernetztheit ist ein wichtiger Karrierevorteil, und dabei kann Sympathie ebenso entscheidend sein wie Qualifikation oder Kompetenz. Wissenschaftler zeigen sich auch von ihrer persönlich-privaten Seite, um Zugänglichkeit zu signalisieren und Sympathien zu gewinnen. Ein Faktor, der Personen sympathisch erscheinen lässt, ist Humor, da dieser positive ← 449 | 450 → Auswirkungen auf die Gesprächsatmosphäre haben kann. Zudem erlaubt er Gruppenbildung, wirkt kritik-abschwächend und damit face-schonend. Es wird deutlich, dass auch die Beziehungsebene das gegenseitige Kritisieren beeinflusst, humorvolle Äußerungen über die eigene Fachidentität und Kompetenzen (und sogar Inkompetenzen) erlaubt.

Die Anwendung der Methode zeigte, dass die Integration verschiedener linguistischer Ansätze sowie ausgewählter Elemente soziologischer und sozialpsychologischer Literatur aus den vier eng zusammenhängenden Feldern eine solide Grundlage für die Analyse der interdisziplinären Diskussionen bietet. Die einzelnen in der Literatur diskutierten sprachlichen Mittel geben zuverlässige Hinweise auf das Diskussions-, Selbstdarstellungs- und Beziehungsverhalten einzelner Akteure und liefern daher aussagekräftige Ergebnisse.

Das Potenzial des gewählten Ansatzes liegt darin, dass die mit Hilfe des Vier-Felder-Schemas entwickelte Basismethode die spezifischen Bedingungen der Interaktions-/Kommunikationssituation berücksichtigt und dabei offen für korpusinduzierte Ergänzungen sowie themenspezifische Anreicherungen bleibt. Diese Eigenschaften der Methode erlauben eine umfassende linguistische Analyse verbaler Selbstdarstellung.

9.3  Ergebnisdiskussion vor dem Hintergrund der Methodenreflexion

Was für die Methode gilt, gilt auch für die Ergebnisse der Analyse: Die Einzelergebnisse müssen zusammengeführt werden. Die Ergebnisse der Untersuchung werden hierfür pointiert wieder aufgenommen und in Beziehung zueinander gesetzt. Besprochen wird immer das Selbstdarstellungsverhalten aller an der jeweiligen Interaktion beteiligten Akteure. Das folgende Schaubild (Abb. 15) geht aus dem bereits bekannten Vier-Felder-Schema hervor und zeigt die Relationen zwischen den einzelnen Forschungsergebnissen, wobei die Trennlinien zwischen den Teilbereichen konsequenterweise herausgenommen wurden.

Die Ergebnis-Relationen werden entlang der in der Abbildung enthaltenen Nummerierung aufgezeigt; die Nummerierung wird im Text zur besseren Orientierung wieder aufgegriffen. Zudem werden die Ergebnisse je Feld diskutiert. ← 450 | 451 →

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Abbildung 15: Darstellung der Relationen der Forschungsergebnisse auf Basis des Vier-Felder-Schemas.

Positives und negatives Kritisieren stellen den Dreh- und Angelpunkt jeder wissenschaftlichen Diskussion dar. Hierbei laufen eristisches Ideal und Imagesicherungsbedürfnisse der Teilnehmer einander zuwider.

(1) Positive und negative Kritik sind nur dann möglich und konstruktiv, wenn ausreichendes Fachwissen und Kompetenz seitens des Kritikers vorhanden sind. Jede Art von Kritik kann also als (2) Signalisierung von Kompetenz und Expertenschaft interpretiert werden, da beides benötigt wird, um kritische Punkte sowie Lobenswertes zu identifizieren und Inhalte zu evaluieren. Positive Kritik zeichnet sich dadurch aus, dass sie oft relativ pauschal geäußert wird (den Vortrag ← 451 | 452 → z. B. als Gesamten auswertet), Nähe bewirkt, Anerkennung signalisiert, aber auch schlicht ein Element höflicher Kommunikation sein kann. Negative Kritik wird dagegen sehr differenziert geäußert. Damit wird der Kommunikationspartner zwar sehr pointiert kritisiert und angegriffen, es ermöglicht diesem aber auch eine fokussierte Verteidigung. Viele Sequenzen der negativen Kritik bleiben allerdings reaktionslos. Diese fehlenden Reaktionen und Reaktionsmöglichkeiten (zum Teil den Rahmenbedingungen geschuldet) sind gesichtsbedrohend, da das Publikum die Ansichten und Kritikpunkte übernehmen könnte, ohne dass der Kritisierte die Möglichkeit zur Erklärung bekommt.

Wissenschaftlern stehen verschiedene Möglichkeiten der Äußerung von Kritik zur Verfügung. Kritik fällt zum Teil harsch, zum Teil zurückhaltend aus. Harsche Kritik dient der Distanzierung von Inhalten, unter Umständen der Hierarchiemarkierung, ganz grundlegend aber der Ablehnung des Gesagten. Zurückhaltend und abgeschwächt geäußerte Kritik dient der Aufrechterhaltung der Beziehung, der face-Wahrung und ist auf Diskussionsebene in Routineformeln konventionalisiert.

Kritik wird üblicherweise (3) aus disziplinärer Perspektive geäußert. Im interdisziplinären Kontext ist das gegenseitige Kritisieren für die Diskussionsteilnehmer in besonderem Maße eine Herausforderung. Diese entsteht einerseits durch die Anforderungen an die Wissensvermittlung, nämlich die Notwendigkeit der Vereinfachung und die Berücksichtigung unterschiedlicher Wissenstypen bei den Teilnehmern. Wird ein Sachverhalt zu sehr vereinfacht, kann dies negativ als zu unterkomplex aus den eigenen Reihen bewertet werden. Wird ein Sachverhalt zu komplex dargestellt und zu viel Wissen vorausgesetzt, riskiert man, dass niemand folgen und die Inhalte würdigen kann.

Diskussionen sind grundsätzlich Situationen, die ein Dilemma für die beteiligten Akteure darstellen. Einerseits sind Diskussionen Foren, in denen Forschungsergebnisse mit dem Ziel der Wahrheitsfindung präsentiert und diskutiert werden. Das heißt aber auch, dass die eigene Arbeit abgewertet, widerlegt und kritisiert werden kann und in der Regel im Hinblick auf gewisse Punkte auch kritisiert wird. Da jeder Tagungsteilnehmer mal Vortragender, mal Diskutant ist, wird er prüfen, wie er Kritik äußern und auf Kritik reagieren möchte. Die (oberflächliche) Anerkennung von Imagesicherungsbedürfnissen äußert sich darin, dass Beiträge oft mit positiver Kritik beginnen, bevor zu negativen Gesichtspunkten gewechselt wird, dass (4) negative Kritik durch Humor, Routineformeln und Höflichkeit abgeschwächt wird. Ziel ist es sowohl in Vortragenden- als auch Diskutantenrolle, das Image als kritikfähiger und kompetenter Wissenschaftler zu wahren, da Kritikfähigkeit und Kompetenz wichtige professionelle Ressourcen darstellen. ← 452 | 453 →

Das Diskussionsverhalten der einzelnen Teilnehmer ist (5) von ihrer jeweiligen Fachkultur geprägt. Obwohl es wahrscheinlich zu Anpassungsprozessen während der Interaktion kommt, treten doch einige Probleme zutage. Die Akteure sind Vertreter ihres Fachs, präsentieren sich bewusst oder unbewusst als Mitglieder einer Disziplin, Fachrichtung und Schule. Gleichzeitig sind sie in Gruppenbildungsprozesse (Beziehungsaufnahmen, -fortführungen und -vertiefungen; Networking) involviert, da sie sich in einem Kontext befinden, in dem keine feste scientific community existiert.

In den Diskussionen werden grundlegende wissenschaftliche, aber auch ausdifferenzierte disziplinspezifische (6) Werte angeführt. Wissenschaftliche Werte erscheinen im ersten Fall als vereinende Elemente, auf die sich alle Wissenschaftler disziplinübergreifend berufen können. Wird Achtung und Einhaltung der Werte signalisiert, wirkt dies vertrauensbildend und fördert die eigene Glaubwürdigkeit. Im zweiten Fall ist die Wertthematisierung kritisch für die Images der Akteure: Die Übertragung von Werten von einer in eine andere Disziplin ist unter Umständen schwierig und die Einhaltung spezifischer Werte kann nicht von allen Disziplinen sinnvoll verlangt bzw. geleistet werden. Sich in dieser Hinsicht zu rechtfertigen, birgt immer das Risiko, als nicht rechtschaffender Wissenschaftler betrachtet zu werden. In Abbildung 15 sind die wissenschaftlichen Werte für alle vier Bereiche relevant: Erstens prägen sie das Diskussionsverhalten, da sich Wissenschaftler auf Werte bei Kritik berufen und gleichzeitig dem Wert des kritischen Hinterfragens durch ihren Diskussionsbeitrag entsprechen. Zweitens signalisieren aufgerufene wissenschaftliche Werte Kompetenz, wenn ein Akteur sich deren Einhaltung zuschreibt oder einen anderen Wissenschaftler wegen Nicht-Einhaltung rügt. Drittens sind Werte fachkulturell geprägt und disziplinspezifisch ausdifferenziert. Bei der disziplinären Sozialisation eines Wissenschaftlers findet eine Wertübernahme und -anerkennung statt. Humor erlaubt die Reflexion der Arbeitsweise, das Eingeständnis von (Nicht-)Einhaltung eines wissenschaftlichen Wertes oder Schwierigkeiten dabei, ermöglicht die Abschwächung von Kritik, die auf Werten basiert.

Das Nennen des disziplinären Hintergrunds dient (7) als Nachweis von Kompetenz und Expertenschaft, damit gleichzeitig auch (8) als Legitimation für positive oder negative Kritik. In Bezug auf die Fachidentitäts-Thematisierung der Konferenzteilnehmer kann gesagt werden, dass dies wohl eine Besonderheit interdisziplinärer Konferenzen ist. In der sondierten Literatur zu Diskussionen waren keine Hinweise auf solche Thematisierungen der disziplinären Herkunft zu finden (vgl. Techtmeier 1998a/b; Webber 2002; Konzett 2012). Abgesehen von bloßen Selbstvorstellungen, die bei Baßler (2007: 143) angesprochen werden, finden sich in den Diskussionen verschiedene Bezüge der eigenen oder fremden Fachidentität. Sie ← 453 | 454 → dienen offenbar der Selbstverortung in der eigenen Disziplin und der Positionierung im Tagungskontext. Außerdem werden dadurch disziplininterne Abgrenzungen sichtbar (z. B. theoretisch vs. empirisch arbeitende Physiker, oder durch Bezeichnungen wie Mikrobiologe oder Senckenberger), was nicht nur eine Selbstverortung, sondern auch eine Abwertung anderer Positionen signalisieren kann. Fachidentitäts-Thematisierungen sind Ausdruck der eigenen Identität, wobei die mit der Disziplinnennung einhergehenden Informationen das Selbstverständnis eines Wissenschaftlers als Angehöriger einer Disziplin signalisieren.

Die Selbstverortung in der Disziplin ist sowohl für Fachkollegen interessant, da sie ihnen – auch subtil – Aufschluss über Forschungsrichtung, Schule, Denkrichtung etc. gibt, als auch für Fachfremde, die auf dieser Basis das Gesagte einordnen können. Die Positionierung im Tagungskontext ist für alle Anwesenden relevant, da so eruiert wird, wer welche Meinung, Forschungsrichtung, Strömung usw. vertritt. Ungeachtet der disziplinären Herkunft können so neue (Interessen-)Gruppen gebildet werden. Deutlich wird auch, dass die interdisziplinäre Zusammensetzung der Tagungsteilnehmer eine Perspektivenvielfalt ermöglicht, die es in disziplinären Kontexten kaum geben kann. Unterschiedliche Wissensbestände, Fach- und Kommunikationskulturen sowie Terminologien beispielsweise stellen besondere Anforderungen an die Kommunikation. Das Thematisieren des eigenen disziplinären Hintergrunds spielt eine große Rolle, weil die eigene Perspektive und die fachliche Einbettung der Inhalte geleistet werden muss, sollen die anderen Teilnehmer die Möglichkeit bekommen, das Gesagte richtig zu verstehen und zu evaluieren.

Kompetenz und Expertenschaft zu signalisieren stellt für Wissenschaftler ein zentrales Ziel dar, da sie wissenschaftlich-professionelle Ressourcen bilden. Kompetenz und Expertenschaft dienen dabei der eigenen Etablierung innerhalb der scientific community und der Sicherung der eigenen Stellung (ist also Machtressource). Wer als kompetent und als Experte gilt, wird interaktiv ausgehandelt und ist Ergebnis von Zuschreibungsprozessen (vgl. (1) und (2)). Dabei ist die Interdisziplinarität der Wissenschaftler eine Herausforderung für die Akteure: Experte ist man immer nur auf einem speziellen, abgegrenzten Gebiet – in allen anderen ist man Laie. Diese Wissensasymmetrie (Experte – Laie, Wissen – Nichtwissen) ist insofern schwierig zu bewältigen, als das Eingeständnis sowie die Kommunikation von Nichtwissen im Hinblick auf die face-Wahrung nicht immer leicht sind. Nichtwissen wird – ebenso wie Wissen – interaktiv ausgehandelt: Über positive und negative Kritik, Nachfragen, kritische Fragen und Zweifelfragen wird Nichtwissen freigelegt und als gültig erachtetes Wissen infrage gestellt. Dies stellt einen wichtigen Prozess in der wissenschaftlichen Arbeit dar, ist also normaler Bestandteil von Wissenschaft und entspricht dem eristischen Ideal. Dieser kritische Diskurs setzt ← 454 | 455 → aber Offenheit, Ehrlichkeit und das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit sowie des eigenen Nichtwissens voraus, ist also unter Umständen eine Herausforderung für die eigene face-Wahrung. Das Eingeständnis von Nichtwissen ist aber kaum imageschädigend, wenn professionell damit umgegangen wird, d. h. wenn Nichtwissen identifiziert, lokalisiert, thematisiert und unsicheres Wissen als solches deklariert wird. Der strategische Nachweis bzw. die Unterstellung von Nichtwissen beim Diskussionspartner ist demgegenüber gesichtsbedrohend: Ziel sind Nichtwissenszuschreibungen, die dem Kommunikationspartner ein Weniger-Wissen unterstellen. Damit beansprucht ein Akteur für sich größeres Wissen, was das eigene Fachwissen sowie die Expertenschaft und Kompetenz aufwertet.

Gegenseitige Kritik ist aufgrund der Wissensasymmetrien in interdisziplinären Kontexten schwierig. Daher ist gegenseitiges Vertrauen essenziell für die gemeinsame Arbeit. Ob jemand vertrauenswürdig ist, kann durch das Abprüfen der wissenschaftlichen Werte (vgl. (6)) evaluiert werden. Durch gezieltes Nachfragen versuchen die Tagungsteilnehmer sich der Einhaltung der Werte zu versichern; kann der Vortragende glaubwürdig zeigen, dass er lege artis gearbeitet hat, so gelten auch die Ergebnisse als glaubwürdig und wissenschaftlich korrekt. Werte betreffen hier aber nicht nur Sorgfalt und das Einhalten von Standards bei Experimenten, sondern auch das Eingeständnis von Nichtwissen sowie die Offenlegung und Markierung unterschiedlicher Unsicherheitsgrade in Bezug auf Wissen.

Humor wirkt auf der Beziehungsebene und stellt eine soziale Ressource dar: Er entspringt sowohl eigenen als auch fremden Imagesicherungsbedürfnissen. Vor allem hilft Humor als Abschwächungsstrategie dabei, (4) negative Kritik weniger gesichtsbedrohend zu äußern; als Distanzierungsstrategie ermöglicht er (9) Selbstkritik und Ironie sowie das (10) humorvolle Reflektieren und Kommentieren des eigenen Fachs. Zudem erlaubt er Gruppenbildungsprozesse trotz aller disziplinärer, fachlicher, ideologischer und weltanschaulicher Diversität. Ähnlich wie der Rückgriff auf wissenschaftliche Werte, die disziplinübergreifend gelten, auf die also jeder verweisen kann, wirkt auch Humor verbindend. Dabei wird die fachliche, sachliche und themenfokussierte Diskussion von lustigen Episoden unterbrochen, die die Teilnehmer an die soziale, persönliche Dimension von Diskussionen erinnern. Dadurch kann eine positivere Atmosphäre geschaffen werden. Humor kann allerdings auch gesichtsbedrohend sein, wenn das erwartete und erwünschte Lachen ausbleibt. Dann müssen die dadurch entstehenden Pausen überbrückt und geschickt überspielt werden, um peinliche Momente zu vermeiden.

Die Rolle des Publikums ist in wissenschaftlichen Diskussionen kaum zu überschätzen. Vortragende und Diskutanten reagieren nicht nur aufeinander, sondern passen ihre Redebeiträge auch an die einzelnen Mitglieder des Publikums an. Das ← 455 | 456 → Publikum erscheint zwar oft als homogene Einheit, doch zeigen viele Sequenzen, dass sich die Akteure der individuellen Zusammensetzung und der Anwesenheit einzelner, für sie besonders relevanter Wissenschaftler bewusst sind. Kompetenz und Expertenschaft werden nicht nur dem direkten Kommunikationspartner, sondern auch den Mitgliedern des Publikums (von denen jeder zu weiterer Kritik oder Kommentaren berechtigt ist) signalisiert.

In der Wiederaufnahme der Ergebnisse und der Darlegung von wechselseitigen Beziehungen sollte deutlich geworden sein, dass die Forschungsfragen nur in ihrer Zusammenschau Aufschluss über die Selbstdarstellung von Wissenschaftlern in diesem spezifischen Kontext geben können. Dies wurde in Abbildung 15 grafisch verdeutlicht.

9.4  Potenziale der Arbeit und Ausblick

Aus der interdisziplinären Ausrichtung der Arbeit sowie der Fokussierung ergeben sich über das eigentliche Forschungsziel hinausgehende Potenziale. Die Ergebnisse dieser Arbeit geben nicht nur Einblick in das Selbstdarstellungs- und Diskussionsverhalten von Wissenschaftlern, sondern bieten zudem Erkenntnisse, die für eine Betrachtung unter einer anderen Perspektive relevant sein können.

Erstens gibt die Arbeit einen Einblick in authentisches Diskutieren und Bearbeiten eines interdisziplinären Problems, gibt also Aufschluss über einen Aspekt des interdisziplinären Forschens: Im Fokus stehen hier die Fachidentität der Beteiligten, wann und wie sie diese vorbringen und welche Funktion dieses Thematisieren des disziplinären Hintergrunds in der Interaktion hat.

Zweitens werden in dieser Arbeit fachinterne und interfachliche Kommunikation untersucht, da es um das Vermitteln von Wissen vor dem Hintergrund unterschiedlicher Wissensbestände, Fachsprachen, Fachkulturen und Fachidentitäten geht. Gerade die interfachliche Kommunikation wurde bisher vernachlässigt (vgl. Janich/Zakharova 2011: 188), weswegen sich die in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse in andere Forschungskontexte (Wissenstransferforschung, Forschung zu Interdisziplinarität, Fachsprachenforschung) einbetten lassen und für dortige Forschung fruchtbar gemacht werden können. Durch den Blick von außen auf interdisziplinäre Kommunikation können typische Probleme derselben identifiziert und reflektiert werden. Hieraus lassen sich möglicherweise Lösungsansätze entwickeln, die in künftige interdisziplinäre Projektarbeit eingebracht werden können.

Drittens wird im Zuge der Analyse von negativer und positiver Kritik untersucht, welche Bewertungsgrundlagen Diskutanten heranziehen, wenn sie Forschungsinhalte kritisch betrachten. Hier ist zu erwarten, dass forschungsspezifische (disziplinäre oder allgemein-wissenschaftliche) Werte zugrunde gelegt und thematisiert ← 456 | 457 → werden. Damit kann die Arbeit einen Einblick in die konkrete Ausdifferenzierung der Werte geben.

Viertens liefert die Arbeit damit Erkenntnisse über Bewertungen von Wissenschaftlichkeit in der Praxis und gleichzeitig über das Selbstverständnis der Wissenschaftler. Hierzu gehört auch die Bewertung von Nichtwissen in der Forschungspraxis.

Fünftens gibt die Arbeit Einblicke in die sprachliche Selbst-Konstruktion des Wissenschaftlers als Experte sowie in dessen Etablierung und Positionierung als Experte. Hinzu kommen Einsichten in das Selbstverständnis der Wissenschaftler, woraus sich Informationen über Fachkulturen, fachkulturelle Stile, Denkmuster oder Bewertungsmechanismen gewinnen lassen können.

Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit können zudem auf verschiedene Weise und in unterschiedlichen Kontexten Anwendung finden:

Erstens können die Ergebnisse für die Praxis wissenschaftlicher Kommunikation in die Nachwuchsförderung bzw. in entsprechende Schulungskonzepte (z. B. zu Argumentation und Diskussion, zum konstruktiven Umgang mit Kritik oder zum souveränen Umgang mit Journalisten) einbezogen werden. Insbesondere für NachwuchswissenschaftlerInnen bietet die Arbeit einen wichtigen Einblick in die wissenschaftliche Diskussionspraxis. Die Ergebnisse zeigen zum Beispiel, dass das Kritisiert-Werden nach einem Vortrag, das anfangs oft als sehr gesichtsbedrohend empfunden wird, oft genug tatsächliche Anerkennung und die Aufnahme in die scientific community bedeutet (vgl. Tracy 1997).

Zweitens bietet die Arbeit für WissenschaftlerInnen generell einen Ausgangspunkt für Selbstreflexion, indem wissenschaftliche Diskussionen auch als soziale Veranstaltungen betrachtet werden, ohne aber den Blick für das eigentliche eristische Ideal einer wissenschaftlichen Diskussionskultur aus dem Blick zu verlieren. Außerdem ist es in einer Zeit, in der an Universitäten und von Drittmittelgebern zunehmend interdisziplinäre Kooperationen gefordert werden, notwendig, sich mit den kommunikativen Anforderungen in interdisziplinären Diskursen auseinanderzusetzen: Die Ergebnisse der Arbeit könnten in Arbeitsgruppen und Weiterbildungen reflektiert werden und zur Sensibilisierung für die Herausforderungen des Wissenstransfers in interdisziplinären Kontexten genutzt werden.

Schließlich bieten die in der Arbeit identifizierten forschungspraktischen und selbstdarstellungsbezogenen Strategien im Umgang mit Nichtwissen für die externe Wissenschaftskommunikation einen Einblick in authentische Forschungspraxis und in wissenschaftliche Werthaltungen. Dies könnte zu einem differenzierteren Bild von Wissenschaft in der Öffentlichkeit verhelfen, insbesondere mit Blick auf den Umgang von WissenschaftlerInnen mit Nichtwissen. ← 457 | 458 →

In der Arbeit wurde mit der Basismethode ein linguistisches Instrument mit vielschichtigen Analyseebenen geschaffen, das es erlaubt, alle relevanten kontextuellen und verbalen Elemente von Selbstdarstellung zu erfassen und zu beschreiben. Diese Methode hat durch seine Flexibilität, die durch die Möglichkeit der fokusspezifischen Anreicherung gegeben ist, das Potenzial, in anderen Kontexten als im wissenschaftlichen eine Analyse zu ermöglichen und aussagekräftige Ergebnisse zu liefern.

Die Arbeit bietet erhebliches Potenzial für weitere Anschlussanalysen. In der vorliegenden Untersuchung wurde der Analysefokus stark auf vier Fragenkomplexe im Hinblick auf Selbstdarstellung eingeschränkt. Im engen Umfeld dieser Fragenkomplexe erscheinen aber weitere Aspekte als untersuchenswert, die an dieser Stelle angesprochen werden sollen.

Anhand des vorliegenden Korpus bieten sich folgende Anschlussanalysen an:

1. Zum ersten wären der Einbezug und die Integration weiterer Methoden, wie z. B. Korpusanalyse und Argumentationsanalyse, sinnvoll. So könnten beispielsweise weitere Handlungsfolgen und Muster der Kritik-Initiierung und Reaktion identifiziert werden, da in der vorliegenden Untersuchung besonders imagebedrohende Kritiksequenzen fokussiert wurden. Eine Argumentationsanalyse könnte Aufschluss über die Selbstdarstellungsziele und das Selbstverständnis eines Akteurs geben: Je nachdem, ob der eigene Status, langjährige Forschung oder der Verweis auf weitere Studien als Argument für die Glaubwürdigkeit eines Ergebnisses beispielsweise angeführt werden, lassen sich Rückschlüsse auf Selbstdarstellung ziehen.

2. Zum zweiten sollte der Aspekt der Professionalität untersucht werden. Professionalität wurde im Zusammenhang mit dem Halten von Vorträgen erläutert und Kriterien wurden benannt. Im Korpus spielt der Umgang mit der Diskussionssituation, also der Umgang mit Zeitvorgaben, den vorhandenen Rollen sowie mit der Gesprächsorganisation eine Rolle. Angemessenes Diskussionsverhalten wäre ein Hinweis auf Professionalität, wie es Grabowski (2003) für das Halten von Vorträgen herausgearbeitet hat. Im Zuge dessen könnte das Zeitmanagement der Vortragenden und Diskutanten sowie deren Bewusstsein für zeitliche Vorgaben (die sich in Formulierungen wie „nur noch ganz kurz…“, „ich bin gleich fertig“ und „nur zwei Sätze noch…“ äußern) untersuchen. In diesem Zusammenhang könnte die eingeführte Domäne Kommunikations-/Diskussionskompetenz (in Anlehnung an Antos 1995) mit Kategorien und Teilkompetenzen ergänzt werden. Die Ergebnisse einer solchen Untersuchung können die Ergebnisse in den Bereichen Expertenschaft und Kompetenz sinnvoll um die Komponente Professionalität erweitern. Damit rückt zugleich der Vortragende in den Vordergrund. Interessant wäre eine detaillierte Analyse der Selbstdarstellung des Vortragenden, z. B. im Hinblick auf das angesprochene Zeitmanagement, seine Leistungsdarstellung im Vortrag und seine Art ← 458 | 459 → des Präsentierens sowie der Neuigkeits-, Anschauungs- und Unterhaltungswert des Vortrags. Damit könnten die Professionalitäts-Kriterien nach Grabowski (2003) um empirisch gewonnene Daten erweitert werden.

3. Im Zuge dessen wäre zum dritten eine genaue Analyse der Rolle des Moderators sinnvoll. Hier könnten die Gesprächsorganisation, Überblick über Meldungen und Rederechtsvergabe, Zeitmanagement und die Funktion des Moderators in der Diskussion genauer beleuchtet werden.

4. Zum vierten zeigte sich in den Analysen, dass Emotionalität eine Rolle in wissenschaftlichen Diskussionen spielt. Wissenschaftler hängen an ihren Ergebnissen, signalisieren durch para- und nonverbales Verhalten, dass sie sich in die Ecke gedrängt fühlen, aufgebracht oder begeistert sind. Hier wäre es lohnenswert, die Rolle von Emotionalität im Zusammenhang mit Selbstdarstellung zu untersuchen.

5. Um sich im wissenschaftlichen Umfeld als Forscher zu etablieren, müssen Wissenschaftler ihre eigenen Leistungen herausstellen. In der Impression-Management-Literatur ist diese Technik bereits unter dem Namen entitlements (hohe Ansprüche signalisieren, sich Leistungen zuschreiben) untersucht worden (vgl. Tedeschi et al. 1985: 75; vgl. auch Mummendey 1995: 143). Eigene Leistungen hervorzuheben widerspricht dem in der Wissenschaft geltenden Bescheidenheitsgebot (vgl. Adamzik 1984: 262; Tedeschi et al. 1985: 83; Mummendey 1995: 148), sodass die Darstellung eigener Leistungen zur Herausforderung wird, will man nicht als Angeber oder Blender gelten (vgl. dazu Beaufaÿs 2003: 175). Der Wissenschaftler befindet sich in einem Dilemma, da es wichtig ist, seine eigenen Arbeiten und Leistungen in der scientific community bekannt zu machen, um eine gewisse Reputation zu erwerben. Eine zu offensive Vorgehensweise in dieser Sache kann aber der eigenen Sympathie abträglich sein (vgl. Leary 1996: 101). Hat man bereits einen positiven Eindruck in der scientific community hinterlassen, könnte man bescheidener auftreten – jedoch nicht zu bescheiden, um nicht inkompetent oder nonchalant zu wirken (vgl. ebd.: 117, 118; vgl. auch Tedeschi et al. 1985: 83). Somit erscheint es interessant zu untersuchen, wie Wissenschaftler die eigene Forschungsarbeit, Leistungen und Errungenschaften trotz geltendem Bescheidenheitsgebot präsentieren.

Um die bisherigen Analysen zu stützen, zu erweitern und um weitere Aspekte untersuchen zu können, wären Studien anhand und mit Hilfe eines Vergleichs- und/oder Ergänzungskorpus sinnvoll.

1. Nach meinen Kenntnisstand gibt es bisher keine Arbeiten, die monodisziplinäre und interdisziplinäre Veranstaltungen im Hinblick auf Sprache und Selbstdarstellung kontrastiv betrachten. Vonnöten wäre daher eine kontrastive Studie, die die Unterschiede der Imagearbeit zwischen disziplinären und interdisziplinären Diskussionen in den Blick nimmt. Dort könnte man v. a. die Thematisierung der ← 459 | 460 → Fachidentität herausarbeiten und die Ergebnisse dieser Arbeit ergänzen. Weiterhin gibt es noch keine Studien dazu, inwiefern sich disziplinäre von interdisziplinären Diskussionen strukturell, in Bezug auf Beitragseinleitungen, einordnende Sprechakte etc. unterscheiden (bekannt sind zumindest Terminologie- und Methodenstreits).

2. Zwar deuten sich fachkulturelle Selbstdarstellungsstile sowie statusunterschiedliche und persönliche Selbstdarstellung im Korpus an, diese können aber wegen der zu geringen Korpusgröße und Unausgewogenheit der Statusgruppen nicht systematisch sinnvoll untersucht werden. Auch hier wäre ein interessanter Ansatzpunkt für eine anschließende Forschungsarbeit.

3. Erforderlich wäre auch die Analyse der Genderspezifik von Selbstdarstellung, wofür das vorliegende Korpus nicht geeignet ist. Einige Arbeiten in der Impression Management-Theorie weisen Frauen ein downplaying und understatement, also ein Herabwürdigen eigener Leistungen, nach. Dies könnte empirisch an authentischem Material untersucht werden.

4. Im Hinblick auf die im Korpus sichtbar werdenden größeren Wahrheitsansprüche von Empirikern gegenüber Theoretikern – ähnlich wie die der Naturwissenschaften gegenüber Geistes- und Sozialwissenschaften (vgl. Jahr 2009) – wäre es an der Zeit, diese Ansprüche sowie ihre Grundlagen anhand eines Korpus auszuwerten. Damit verbunden ist auch eine Analyse des Selbstverständnisses einzelner Disziplinen, die Überprüfung der Aktualität von Disziplinhierarchien (vgl. Stichweh 2013) und inwiefern sich diese in der Selbstdarstellung niederschlagen.

5. Wünschenswert wäre ebenfalls eine linguistische Untersuchung von wissenschaftlichen Diskussionen, die sich auf Videoanalysen stützt. Dadurch könnten auch nonverbale Aktionen und Reaktionen untersucht werden, die in den vorliegenden Audiodateien nur als Lücken hörbar sind, auf die die Kommunikationspartner aber reagieren (z. B. auf ablehnendes Kopfschütteln, zustimmendes Nicken, kritisches Stirnrunzeln oder amüsierte Blicke). ← 460 | 461 →