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«Ärgernis» und «moderner Klassiker»

Zur Autorenrolle Wolfgang Koeppens in der Literatur nach 1945

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Onur Kemal Bazarkaya

Onur Bazarkaya befasst sich mit der Person Wolfgang Koeppens, dessen literarisches Werk von einer starken, durch lange Publikationspausen bedingten Disparität gekennzeichnet ist. Er fragt nach der Autorenrolle, die Koeppen in der Literatur nach 1945 gespielt hat und die bisher in der Forschung kaum behandelt wurde, die aber gleichwohl einen Einfluss auf die Koeppen-Rezeption ausübte. Ab einem bestimmten Zeitpunkt musste der Autor Koeppen anscheinend nichts mehr veröffentlichen, um erfolgreich zu sein. Auf literatursoziologischer Basis beschreibt Bazarkaya, inwiefern bei Koeppen die Autorinszenierung (zu der auch sein «Schweigen» gehörte) von verschiedenen literarischen Systemprozessen und Positionierungen abhing, und wie seine Rolle schließlich eine Eigendynamik entwickelte.
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Ausblick

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Zum Abschluss dieser Fallstudie wäre nach den Besonderheiten zu fragen, durch die sich Koeppen von anderen Autoren der Nachkriegsliteratur abhebt. Um die Antwort vorwegzunehmen: Solche gibt es im Grunde nicht. Koeppens literarische Singularität besteht allenfalls darin, dass an seinem Rollenhandeln nach 1945 bestimmte systemische Mechanismen sichtbar werden wie sonst bei keinem anderen Nachkriegsautor. Gewiss wurden von der Kritik nicht nur Texte von ihm pauschal eingeordnet und entsprechend schematisch beurteilt – doch kam es öffentlich wohl nie zu einer derartigen Dichotomisierung literarischer Funktionen wie bei der Nachkriegstrilogie, deren politischer Gehalt in der Erstrezeption allgemein gegen ihre Ästhetik ausgespielt wurde. Dass ein Autor mit der öffentlichen Meinung hinsichtlich seiner Rolle zeitweise nicht übereinstimmt, hat es sicherlich schon des öfteren gegeben – trotzdem lässt sich die ganze Tragweite dieses Problems, wie meine Arbeit gezeigt hat, sehr anschaulich und deutlich anhand des Koeppen’schen Rollenkonflikts und seiner Folgen erfassen. Literarischer Erfolg resultiert in der Regel aus Anstrengungen, die auf systemischen Allianzen verschiedener Handlungsrollen beruhen – wie stark dies tatsächlich der Fall sein kann, illustriert Koeppens Entwicklung zum „modernen Klassiker“ ebenso wie die feuilletontaugliche Rede von seinem „Schweigen“. So liefert der Autor ein geeignetes, weil signifikantes Beispiel für eine Fallstudie, die am extremen Einzelfall Typisches aufzeigt.

Noch der vielleicht merkwürdigste Aspekt der Koeppen’schen Rolle, ihre Eigendynamik, lässt sich als extreme Ausprägung einer allgemeinen Tendenz begreifen, die in die Gegenwartsliteratur hineinführt. Wie dargelegt, geht diese Form der Rollendynamik auf die Ausdifferenzierung des bürgerlichen Literatursystems zurück,...

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