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Literatur im sozialen Prozess des langen 19. Jahrhunderts

Zur Ideengeschichte und zur Sozialgeschichte der Literatur

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Udo Köster

Schriftsteller beanspruchen im Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle als Verfasser von Dorfromanen, als nationale Propagandisten in den Befreiungskriegen, als Mitspieler in der Literatur der französischen Moderne (Heinrich Heine), als Träger des deutschen Nationalbewusstseins und als Begründer einer nationalen Staatlichkeit nach 1870. Der Band versammelt Arbeiten zur Sozialgeschichte der Literatur, unter anderem über Strategien der Bauernaufklärung, über kulturelle Stereotypen in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, über Gender-Mythen und Mystifikationen im Vormärz, über den «französischen» Heine sowie über David Friedrich Strauß und die Rezeption der Religionsphilosophie Hegels; ferner geht es um Geschichtsbilder und die Mentalität der Gebildeten im Kaiserreich sowie um theoretische Fragen der Modernisierung und der literarischen Moderne um 1900.
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8. Kontexte zu Georg Weerths Berichten über Proletarier in England

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Berichte aus fremden, mehr oder weniger fernen Ländern gehören seit dem späten 18. Jahrhundert zu den nachgefragten und wirklich gelesenen Texten. Dass sie etwas zeigen, das anders ist als zu Hause, macht dabei einen Teil – und vielleicht den geringeren Teil – des Interesses aus. Denn immer leiten diese Berichte aus der Kenntnis des Fremden Konsequenzen für das eigene bekannte und vertraute Umfeld ab. Sie formulieren Botschaften an die heimischen Adressaten. Darum soll es im Folgenden gehen.

Der Rekurs vom Fremden zum Eigenen geschieht meist im Rekurs auf allgemeingültige Annahmen, die oft nur implizit formuliert werden, und die in Wirklichkeit in besonderer Weise zeitgebunden sind. Sie enthalten zum Beispiel (in der Spätaufklärung) Vorstellungen von der „Natur“ des Menschen oder vom Verhältnis der „wilden“ und der „zivilisierten“ Völker, oder sie variieren (häufig in der Literatur des Vormärz) stereotype Wahrnehmungsmuster vom „Charakter“ der Nationen. Ganz regelhaft rekurrieren sie auf Konventionen des Urteilens, auf Normen und Werte, die sie auf die Fremde projizieren, wobei das in der Fremde Gesehene als Bestätigung des Eigenen dient. Es belehrt über das, was man schon weiß.

Zur Illustration dieses Sachverhalts soll ein Beispiel dienen, das zeitlich und sachlich zunächst weit entfernt von Weerths Berichten über Proletarier in England zu liegen scheint. 1785 beschließt Hans Caspar Hirzel, ein Zürcher Aufklärer, seinen zweiten Bericht über die mustergültige Wirtschaft eines Schweizer Bauern – Hirzel hat ihn einen „philosophischen Bauern“ genannt – mit dem...

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