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Literatur im sozialen Prozess des langen 19. Jahrhunderts

Zur Ideengeschichte und zur Sozialgeschichte der Literatur

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Udo Köster

Schriftsteller beanspruchen im Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle als Verfasser von Dorfromanen, als nationale Propagandisten in den Befreiungskriegen, als Mitspieler in der Literatur der französischen Moderne (Heinrich Heine), als Träger des deutschen Nationalbewusstseins und als Begründer einer nationalen Staatlichkeit nach 1870. Der Band versammelt Arbeiten zur Sozialgeschichte der Literatur, unter anderem über Strategien der Bauernaufklärung, über kulturelle Stereotypen in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, über Gender-Mythen und Mystifikationen im Vormärz, über den «französischen» Heine sowie über David Friedrich Strauß und die Rezeption der Religionsphilosophie Hegels; ferner geht es um Geschichtsbilder und die Mentalität der Gebildeten im Kaiserreich sowie um theoretische Fragen der Modernisierung und der literarischen Moderne um 1900.
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11. Repräsentative Kultur und Sezessionsbewegungen im Kaiserreich

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Repräsentative Kultur

War der Sieg der deutschen Waffen auch ein Sieg der deutschen Kultur? Zumindest bestand nach 1871 die Erwartung, dass mit der Reichsgründung auch eine Zeit der kulturellen Blüte für Deutschland gekommen sei.

Beachtlich war zunächst das quantitative Wachstum des kulturellen Sektors. Staatliche Repräsentationsbedürfnisse stimulierten eine umfangreiche, künstlerisch ambitionierte Bautätigkeit. Kunstakademien und Kunsthochschulen expandierten; private Käufer machten den Kunstmarkt teilweise von staatlichen Aufträgen unabhängig. An den Universitäten etablierten sich die neueren Literatur- und Kunstwissenschaften, und Neugründungen am Zeitschriftenmarkt, allen voran Julius Rodenbergs Deutsche Rundschau (1874), setzten es sich zur Aufgabe, den „deutschen Culturbestrebungen“ zu einem „repräsentativen Organ“ (Deutsche Rundschau, Bd. 101) zu verhelfen. Im wesentlichen zielten diese Kulturbestrebungen darauf ab, das Bewusstsein einer geistigen Einheit der Nation, das in der liberalen Kulturelite schon vor der Reichsgründung bestand, mit dem neuen Reich zu identifizieren und so einem Gebilde, das nach der Logik konservativer Machtpolitik entstanden war, eine liberale kulturelle Legitimation zu geben. „Wir hatten zwar nicht das Geschick, unsern Willen und unsere Überzeugung durch Vertreter ausdrücken zu lassen“, schreibt Julian Schmidt, ein führender Kritiker des „Poetischen Realismus“, in Anspielung auf die Umstände der Reichsgründung im Militärlager zu Versailles, „aber es ist doch unser Wille, den er [Bismarck] ausgeführt hat“ (Westermanns Jahrbücher 1870/71).

Die repräsentative Kultur schrieb, malte und dichtete dem Reich eine ideelle Tradition. Sie versöhnte die Wirklichkeit mit...

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