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Literatur im sozialen Prozess des langen 19. Jahrhunderts

Zur Ideengeschichte und zur Sozialgeschichte der Literatur

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Udo Köster

Schriftsteller beanspruchen im Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle als Verfasser von Dorfromanen, als nationale Propagandisten in den Befreiungskriegen, als Mitspieler in der Literatur der französischen Moderne (Heinrich Heine), als Träger des deutschen Nationalbewusstseins und als Begründer einer nationalen Staatlichkeit nach 1870. Der Band versammelt Arbeiten zur Sozialgeschichte der Literatur, unter anderem über Strategien der Bauernaufklärung, über kulturelle Stereotypen in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, über Gender-Mythen und Mystifikationen im Vormärz, über den «französischen» Heine sowie über David Friedrich Strauß und die Rezeption der Religionsphilosophie Hegels; ferner geht es um Geschichtsbilder und die Mentalität der Gebildeten im Kaiserreich sowie um theoretische Fragen der Modernisierung und der literarischen Moderne um 1900.
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14. Die idealistische Deutung der Reichsgründung und ihr Funktionswandel im Kaiserreich

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Die Reichsgründung von 1871 wurde von zwei symbolischen Handlungen begleitet, die in besonderer Weise den politischen Gehalt dieses Ereignisses zur Darstellung brachten: Ludwig II. von Bayern richtete am 20. November 1870 einen von Bismarck verfassten formellen Brief an die Fürsten und Freien Städte Deutschlands, in dem er diese aufforderte, das Deutsche Reich wiederherzustellen und dem preußischen König die Kaiserwürde zu übertragen, und der Maler Anton von Werner malte auf Veranlassung des preußischen Kronprinzen das repräsentative Bild der feierlichen Kaiserproklamation, die im Spiegelsaal des Versailler Schlosses am 18. Januar 1871 stattfand.1 Brief und Bild sind in besonderem Maße sprechend, weil sie das komplexe politische Geschehen auf wesentliche Momente reduzieren, die dem Publikum als die entscheidenden Faktoren der Reichsgründung nahegebracht werden sollten. In dem Brief hieß es zu Anfang:

Die von Preußens Heldenkönige siegreich geführten deutschen Stämme, in Sprache und Sitte, Wissenschaft und Kunst seit Jahrhunderten vereint, feiern nunmehr auch eine Waffenbrüderschaft, welche von der Machtstellung eines geeinten Deutschlands glänzendes Zeugnis gibt.2

An diese floskelhafte, wenngleich nicht inhaltsleere Begründung schloss sich in dem Brief die Aufforderung, präsidiale Befugnisse und den Kaisertitel dem König von Preußen zu übertragen, die dieser „im Namen des gesamten deutschen Vaterlandes auf Grund der Einigung seiner Fürsten“ wahrnehmen sollte.

Der Brief Bismarcks zitierte und verknüpfte zwei unterschiedliche Legitimationsideologien der deutschen Einigung, eine militärische und eine ← 307 | 308 → kulturelle. „Heldenk...

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