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Literatur im sozialen Prozess des langen 19. Jahrhunderts

Zur Ideengeschichte und zur Sozialgeschichte der Literatur

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Udo Köster

Schriftsteller beanspruchen im Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle als Verfasser von Dorfromanen, als nationale Propagandisten in den Befreiungskriegen, als Mitspieler in der Literatur der französischen Moderne (Heinrich Heine), als Träger des deutschen Nationalbewusstseins und als Begründer einer nationalen Staatlichkeit nach 1870. Der Band versammelt Arbeiten zur Sozialgeschichte der Literatur, unter anderem über Strategien der Bauernaufklärung, über kulturelle Stereotypen in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, über Gender-Mythen und Mystifikationen im Vormärz, über den «französischen» Heine sowie über David Friedrich Strauß und die Rezeption der Religionsphilosophie Hegels; ferner geht es um Geschichtsbilder und die Mentalität der Gebildeten im Kaiserreich sowie um theoretische Fragen der Modernisierung und der literarischen Moderne um 1900.
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16. Die Moderne, die Modernisierung und die Marginalisierung der Literatur. Anmerkungen zu einigen Hypothesen über Literatur und Gesellschaft in Deutschland um

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Die Verwendung des Begriffs „die Moderne“ in der Programmatik der deutschen Literatur am Ende der 1880er Jahre hat für die Diskussion von Zäsuren der Literaturgeschichte eine kontroverse Bedeutung bekommen, weil seine Implikationen und seine außerliterarischen Referenzen unterschiedlich eingeschätzt wurden. 1887 ist „die Moderne“ erstmals im Druck belegt1 und wird seitdem kontinuierlich neben dem Adjektiv „modern“ verwendet. Bereits 1904 erscheint eine Bilanz der Moderne2 der, als Abgesang intendiert, 1909 Der Ausgang der Moderne3 folgt. Daneben setzt sich der ursprünglich rein militärische Begriff „Avantgarde“ (mit der Neubildung „avantgardistisch“) als Bezeichnung der jeweils neuesten radikalen Innovationen in den Künsten durch4, während ein Teil der Avantgarden von Gestern bald selbst als traditionsbildend empfunden wird. Das Ensemble der kanonisierten Avantgarden bildet dann den retrospektiven klassifikatorischen Sammelbegriff der Moderne, und auf dessen Grundlage kann dann die paradoxe Begriffsbildung einer „klassischen Moderne“ ← 331 | 332 → entstehen.5 Dass für die Zeit um 1900 in Deutschland die Entstehung, die Durchsetzung und damit im Zusammenhang zugleich die Historisierung des Begriffs „die Moderne“ einen wichtigen Vorgang bezeichnet, ist, auch bei unterschiedlicher Fixierung der Bedeutung, kaum umstritten. Kontrovers bleibt, vor allem mit Blick auf die Entwicklung in Frankreich, die Einschätzung der literarischen Moderne als Indikator allgemeinerer gesellschaftlicher Prozesse.

„Die Moderne“ war in Deutschland zunächst ein Schlagwort des programmatischen Naturalismus, und die naturalistischen Konnotationen der Literatur der Moderne — politisch und sozial engagiert, realistisch, antiromantisch — hatten hier verhältnismäßig lange Bestand.6 Dagegen war in Frankreich „la modernité“ eine Neuprägung in...

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