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Literaturkritik ohne Sprachkritik?

Theodor Fontane, Alfred Kerr, Karlheinz Deschner, Marcel Reich-Ranicki und Kollegen

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Nicole Kaminski

Das Buch hat überhaupt keine Sprache! Mit diesem Urteil einer prominenten Kritikerin lassen sich viele Rezensionen überschreiben: Literatur- und Theaterkritiker enthalten sich oft einer Bewertung der Sprache – das gilt für berühmte Kritiker aus dem 19. Jahrhundert, wie Theodor Fontane oder Alfred Kerr, ebenso wie für Marcel Reich-Ranicki und seine Kollegen. Nach welchen Kriterien bewertet Fontane die Sprache? Warum kritisiert Reich-Ranicki die Sprache so selten? Wodurch werden Sprachbewertungen verdrängt? Die Autorin analysiert über 1550 Rezensionen aus Tages- und Wochenzeitungen, Literaturzeitschriften und Essaysammlungen. Durch die Kategorisierung und Auswertung der zahlreichen Sprachurteile gelingt es ihr, generelle Tendenzen der Literaturkritik und ihres Verhältnisses zur Sprachfrage aufzuzeigen.
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5 Berücksichtigung der Sprache in Zeitungsrezensionen

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← 123 | 124 → ← 124 | 125 → „Wer fortwährend zwischen in und out,in der Drehtür zappelt,von dem wird man kaum erwarten dürfen,daß er die nötige Geduld aufbringt,um einen normalen deutschen Satz zu bilden.“

Hans Magnus Enzensberger587

Im Laufe des Jahres 1999 baten ZEIT-Redakteure einige internationale Dramaturgen und Romanautoren, sich selbst als Literaturkritiker zu versuchen. Sie sollten ein Buch auswählen, das sie für das bedeutendste literarische Werk des 20. Jahrhunderts hielten. In einem Artikel, dessen Umfang nicht festgelegt war, sollten die Autoren ihre Entscheidung begründen. Da es vorwiegend Schriftsteller waren, die ihr „Jahrhundertbuch“ vorstellten, kann die Untersuchung dieser Serie einen Einblick geben, welche Bedeutung Produzenten von Literatur der sprachlichen Qualität eines literarischen Werkes beimessen.

Die meisten Ausführungen erstreckten sich über 100 bis 200 Zeilen, jedoch gab es auch Ausnahmen: Der kürzeste Artikel stammte von dem ungarischen Dramatiker George Tabori, der sich auf lediglich sechs Zeilen beschränkte, während die italienische Schriftstellerin Fabrizia Ramondino mit 274 Zeilen fast eine ganze Zeitungsseite füllte – sprachkritischen Bemerkungen räumte sie jedoch keinen Platz ein.

Insgesamt halten mehr als die Hälfte der 30 Autoren die sprachlichen Qualitäten ihrer „Jahrhundertbücher“ nicht für erwähnenswert. Lediglich in ← 125 | 126 → 14 Rezensionen wird die Sprache thematisiert, darunter sieben, in denen die sprachliche Wertung auf ein unspezifisches Urteil reduziert bleibt, ohne dass zuvor eine konkrete Analyse durchgeführt worden wäre. So ist von der...

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