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Literaturkritik ohne Sprachkritik?

Theodor Fontane, Alfred Kerr, Karlheinz Deschner, Marcel Reich-Ranicki und Kollegen

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Nicole Kaminski

Das Buch hat überhaupt keine Sprache! Mit diesem Urteil einer prominenten Kritikerin lassen sich viele Rezensionen überschreiben: Literatur- und Theaterkritiker enthalten sich oft einer Bewertung der Sprache – das gilt für berühmte Kritiker aus dem 19. Jahrhundert, wie Theodor Fontane oder Alfred Kerr, ebenso wie für Marcel Reich-Ranicki und seine Kollegen. Nach welchen Kriterien bewertet Fontane die Sprache? Warum kritisiert Reich-Ranicki die Sprache so selten? Wodurch werden Sprachbewertungen verdrängt? Die Autorin analysiert über 1550 Rezensionen aus Tages- und Wochenzeitungen, Literaturzeitschriften und Essaysammlungen. Durch die Kategorisierung und Auswertung der zahlreichen Sprachurteile gelingt es ihr, generelle Tendenzen der Literaturkritik und ihres Verhältnisses zur Sprachfrage aufzuzeigen.
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8 Reich-Ranickis Literaturbegriff

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← 174 | 175 → „Vielleicht ist es ja sogar Angst vor der Willkür, vor derAnarchie.Der eine Autor schafft sich eine neue Zeichensetzung,der andere eine neue Orthographie, der dritte eine neueGrammatik.“

Marcel Reich-Ranicki657

Die am Beispiel Nabokovs deutlich gewordene Vorliebe für „sehr unauffällige“ Kunstgriffe passt in das Bild, das Czernin von Reich-Ranickis Literaturauffassung und der daraus resultierenden Form der Literaturkritik zeichnet. Czernin ist der Ansicht, der Kritiker sei ein Gegner avantgardistischer Literatur und führe „einen Kampf gegen die Überbetonung des Sprachlichen.“658 Eine solche Haltung würde Reich-Ranicki zum Gegenpol des eingangs zitierten experimentellen Dichters Helmut Heißenbüttel machen, für den Literatur „nichts als Sprache“ ist. Dieser sieht einen literarischen Text gerade dadurch charakterisiert, dass er „immer wieder neue Sondermodelle“ des Sprachgebrauchs herstelle.659 „Das, was die literarische Sprechweise vor der allgemeinen auszeichnet, besteht im Herausholen dieser besonderen Modelle“, erklärt Heißenbüttel.660 So werde der Sprachbereich der Literatur durch „Sonderregeln“ begrenzt.

Bleibt die Frage, warum Reich-Ranicki – wie Czernin behauptet – „allen Formen der Literatur [misstraut], die gegen den üblichen Sprachgebrauch mehr als ein bestimmtes Maß verstoßen.“661 Möglicherweise möchte er sich nicht mit den individuellen „Sonderregeln“ auseinandersetzen, wie sie gerade in der experimentellen Literatur entwickelt werden. Vielleicht sieht er Literatur weniger als sprachliches „Sondermodell“, sondern erwartet ← 175 | 176 → von ihr in erster Linie, dass sie „ein Stück Welt zeige“ und nicht die Sprache selbst thematisiere.662 Oder es fehlen ihm die Kriterien zur Bewertung von Literatur als...

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