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Norm als Zwang, Pflicht und Traum

Normierende versus individualisierende Bestrebungen in der Medizin – Festschrift zum 60. Geburtstag von Heinz-Peter Schmiedebach

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Edited By Eva Brinkschulte and Mariacarla Gadebusch Bondio

Erklärte Ziele der Medizin sind Wiederherstellung, Erhaltung sowie Förderung der psychischen und physischen Gesundheit. Dabei wird in der alltäglichen Praxis oft die Grenzziehung zwischen dem «Normalen» und dem «Pathologischen» unreflektiert vorgenommen. Der Band ist der interdisziplinären Aufarbeitung von medizinischen Normierungsdiskursen und -praktiken vom 19. bis 21. Jahrhundert gewidmet. In den Beiträgen werden die Bestrebungen, normale bzw. durchschnittliche medizinische Werte zu definieren, ausgelotet: Von der gesundheitspolitischen Normierung der Gesundheit bis zu den Visionen einer anzustrebenden gesunden «Normalität», deren Grenzen heute durch die Optimierungspraktiken der wunscherfüllenden Medizin verwischt sind.
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„Krankenbehandler“ und „Fremdkörper“ Jüdische Ärzte zwischen 1938 und 1945

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Abstract Am 30. September 1938 erloschen die ärztlichen Approbationen aller jüdischen Ärzte. Als „Krankenbehandler“ erhielten einige wenige die jederzeit widerrufbare Erlaubnis, jüdische Patienten und die eigene Familie medizinisch zu versorgen. Das dafür kreierte medizinische Subsystem stand unter strenger Kontrolle der Nationalsozialisten. „Krankenbehandler“ fungierten in dieser lebensbedrohlichen Situation wie „Fremdkörper“ innerhalb einer normierten NS-Gesundheitspolitik und der „arischen Volksgemeinschaft“.

Die NS-Volkskörperideologie beabsichtigte die Verwirklichung der „Volksgesundheit“ einer Volksgemeinschaft mit Hilfe der „Erb- und Rassenpflege“. Die nationalsozialistischen Gesundheitspolitiker stellten dementsprechend sozialbiologistische Forderungen nach einer „reinrassigen Volksgemeinschaft“, die durch eine entsprechende Familien- und Bevölkerungspolitik, durch Eugenik und „Aufartung“, Selektion und Vernichtung erfüllt werden sollten.1 Im Zentrum der nationalsozialistischen Ideologie stand nicht das Individuum: Auf ein reines Leistungswesen reduziert, erhielt der Einzelne nur durch seinen Einsatz für das Volk und als Bestandteil des „Volkskörpers“ einen Wert. Der Arzt Heinrich Nelson schrieb 1937 hierzu:

„Der Grundsatz ‚Dein Körper gehört dir‘, du darfst ihn pflegen, aber auch misshandeln, gehört einer liberalistisch-bolschewistischen Gedankenwelt an; ihm stellen wir die Forderung entgegen: Du – wie jeder Deutsche – gehörst mit all deinen Gaben und Kräften deinem Volke – deiner Familie, deinem Beruf, dem großen Aufbau des nationalen Lebens.“2 ← 135 | 136 →

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