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«Die Zeitalter werden besichtigt»

Aktuelle Tendenzen der Kinder- und Jugendliteraturforschung – Festschrift für Otto Brunken

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Edited By Gabriele von Glasenapp, Andre Kagelmann and Felix Giesa

Die Autoren widmen sich drei unterschiedlichen Schwerpunkten der Kinder- und Jugendliteraturforschung: den historischen Aspekten, der kinder- und jugendliterarischen Bildforschung sowie in thematischen und narratologischen Einzelstudien Aspekten aktueller und historischer Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik. Diese Schwerpunkte stecken zugleich die Arbeits- und Forschungsbereiche Otto Brunkens ab, dem dieser Band gewidmet ist. Otto Brunkens Lehr- und Forschungstätigkeit liegt seit rund drei Jahrzehnten maßgeblich auf der gesamten Bandbreite der (historischen) Kinder- und Jugendliteraturforschung sowie der Literaturkritik und den Bildmedien.
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Zur Archäologie der modernen Lesepropädeutik im 18. Jahrhundert

Erich Schön (Konstanz)

Zur Archäologie der modernen Lesepropädeutik im 18. Jahrhundert

Die Geschichte des Lesens ist verbunden mit seiner pädagogischen Regulation. Diese ist bestimmt vom Verständnis, was denn Literatur und was ihre Funktion, und ob sie überhaupt legitim sei. So liegt der Anfang der modernen Lesepropädeutik in jenem Moment, in dem der Beginn unseres heutigen Verständnisses von Literatur und der der heutigen Lesekultur liegt. Darauf hat als einer der Ersten Otto Brunken aufmerksam gemacht. (Brunken 1990)

Die moderne Diskussion um das Lesen begann als Diskussion der Legitimation fiktionaler Literatur und stand im Zusammenhang mit der Diskussion um die Berechtigung des Theaters, in der m.m. die gleichen Argumente pro wie contra fallen. Sie überschneidet sich mit der akademischen Romanpoetik und schließlich mit der bürgerlichen Polemik gegen den Galanten Roman, weil die Romanpoetik eben den Galanten Roman zur literarhistorischen Substanz hatte. Der Galante Roman – der weit zahlreicher war, als man lange glaubte (alleine in den beiden Jahrzehnten um 1700 erschienen ca. 450 Werke!) – war Lektüre für Frauen. Sein Ende Anfang des 18. Jahrhunderts wurde begleitet von der Polemik der Moralischen Wochenschriften gegen ihn. Hier müssen wir also einsetzen, beim Galanten Roman des Rokoko bzw. der ‘Galanten Zeit‘.

Am Beginn der modernen Romanpoetik in Deutschland stand ein Franzose: P.D. Huet. Bei ihm finden wir die zentralen Momente der poetologischen Bestimmung des Romans um 1700: Der Roman galt nicht als Kunstgattung; die Antike bot keine Vorbilder; und dem entsprechend gab es in der Poetik der Renaissance (Scaliger) und des Barock (Gryphius, Opitz) keinen Platz in der Systematik:

…was man aber heut zu Tage Romans heisset / sind auß Kunst gezierte und beschriebene Liebes Geschichten in ungebundener Rede zu unterrichtung und Lust des Lesers. Ich sage von Liebes Geschichten den dieselbe sind das vornehmste Stück in den Romanen: Gezierete Sachen / umb dieselbe zu unterscheiden von warhafften Geschichten. […] Die Gedichten sind mehr geregelt und bepfalet / haben weniger Materie und Geschichte. Die Romanen aber haben davon mehr: nachdem sie weniger umbschweiffe gebrauchen / spannen sie den Geist nicht so sehr ein.

Mit einem Wort / die Gedichte haben zum Fundament eine Kriegs oder Staats verrichtung / und sprechen nicht anders / alß bey gelegenheit von Liebes sachen. Die Romanen hergegen haben die Liebe zu ihrem vornehmsten Object, und sprechen nur ohngefehr und zufälliger weise von Estats und Kriegs=sachen. (Huet 1670, dt. 1682, 104–107) ← 27 | 28

Die Diskussion zu Beginn des 18. Jahrhunderts stand in der Tradition älterer Lese-Diskussionen. Da ist der Streit der Calvinisten im späten 17. und der Pie­tisten im frühen 18. Jahrhundert um die Adiaphora (die ‚Mitteldinge‘, Musik, Tanz, Theater oder eben Lesen). Sie sind in orthodoxer protestantischer Sicht weder gut noch böse, also erlaubt; in calvinistischer und z. T. pietistischer Sicht aber nicht. Dabei berief man sich auf Paulus und die Kirchenväter. Freilich ist da gar nicht viel zu finden. Bei Paulus heißt es im 1. Brief an Timotheus nur (IV, 7): „Mit den unheiligen albernen Geschichten befasse dich nicht; übe dich vielmehr in der Frömmigkeit!“ Die calvinistischen Argumente – und die pietistischen unterscheiden sich nicht grundsätzlich – versammelt Heidegger 1698. Seine Argumentation hat zum Kern, die Legitimation fiktionaler Literatur und von da her ihrer Lektüre zu bestreiten.

… wer Romans list / der list Lügen. […] Allein daran denckt niemand / wenn er sie so begirlich liset: Ich kann nicht anderst befinden und gewahren / als das man alles wahr glaubet. Man wird jenem Narren gleich / der da er ein Hirschen-Geweyh an der Wand gesehen festiglich geglaubt / es stecket ein wahrer Hirsch darhinder. Man macht sich im Kopf vil imaginirte Umständ / und Gemähld / wie alles ist hergegangen. Die Roman-Schreiber betriegen uns / wie die schlechte Mahler und Wand-Dorcker / welche Schlösser / Bösche / See / Brücken / Gärten etc. umher schmieren / die nirgend seyn!

[Die Romane] machen die wahrhaffte Geschichten zu Lügen / sie liegen nicht allein / sondern affrontieren auch höchlich die unschuldige Wahrheit / und indem sie mit ihrem Lügenschmier dieselbige verstellen / und was einem nachsinnenden Gemüth / das ärgste und unerleidlichste ist / fälschen und erstücken sie auß eigenem Stör-Kopff die Eventus und Verläuffe / die der Höchste der in dem Himmel ist / und schaffet was Er will / auß geheimem Raht-Schluß / zu seiner Ehr / auff seine Weise geordnet. (Heidegger 1698, 71, 72f., 74)

Gott ist allmächtig und gütig; deshalb hat er die beste aller möglichen Welten geschaffen. Wenn sich ein Poet eine fiktive Welt ausdenkt, dann impliziert das, es könne eine bessere Welt als die bestehende geben – und stellt deshalb die Allmacht und Güte Gottes in Frage. Das ist in letzter Konsequenz Gotteslästerung. Daneben stehen bei Heidegger das Argument der verlorenen Zeit, die man besser auf sein Seelenheil verwende, und das der unmoralischen Wirkung der Romane, die ja „erdichtete Geschichte von Liebesbegebenheiten“ (Huet) sind und für Heidegger deshalb „Zunder der Affecten / und Reitzer der Gottlosigkeit“.

Argumente der Adiaphora-Diskussion sind noch im ganzen 18. Jahrhundert erkennbar, aber die nicht mehr religiöse, sondern aufklärerische Diskussion des 18. Jahrhunderts differenzierte nach der sozialen Bedeutung des Lesens; sie stellte nicht mehr die Literatur als solche in Frage, sondern diskutierte, wer was wann und wie lesen solle. Sie hatte die Frauen und männlichen Jugendlichen des ← 28 | 29 Bürgertums im Blick; erst im letzten Drittel des Jahrhunderts kamen die Unterschichten dazu.

In der Frage, ob das Lesen der Frauen zu befördern oder zu beschränken sei, war das frühe 18. Jahrhundert ambivalent. Ihnen kam in der neuen bürgerlichen Arbeitsteilung, ideologisch überhöht als Dissoziierung der Geschlechtscharaktere, diese Tätigkeit zu – und man hat bei manchen Zeugnissen fast den Eindruck, dass die Männer nachgerade froh waren, wenn ihnen die Frauen dies abnahmen: „Die Weiber sind sitzender Arbeit gewohnt / Ihr Gehirn ist feucht/ und ihr Gedächtniß glückseelig. Sie sollen zu Hause bleiben/ und können also des Bücher-Lesens besser abwarten/ als manche Männer.“ (Paullini 1705, 10)

Zugleich polemisierten die Wochenschriften gegen das Lesen der Frauen. Es ist eine Polemik gegen die Übernahme adliger Standards durch die Frauen des Bürgertums, das im sozialen Aufstieg mit dem Adel konkurrierte. Es war zugleich eine bürgerliche Polemik gegen galantes Lesen und den Galanten Roman. Die Kritik war aufklärerisch: Sie liegt im Vorwurf der verschwendeten Zeit, der aber jetzt nicht mehr die versäumte Tätigkeit für das Seelenheil sah, sondern das Versäumnis nützlicher Tätigkeiten und die Vernachlässigung der Pflichten in Beruf (Studenten!) und Haushalt (Frauen!) Hauptvorwurf bleibt aber lange, dass die Romane Liebesgeschichten sind und zur Unmoral verführen.

Die Kritik entzündete sich daran, dass die in den Galanten Romanen gezeigten Verhaltensweisen (v.a. auch die ältere, vorbürgerliche Liebesauffassung des „amour passion“) und die Funktion der Lektüre nicht mit den bürgerlichen moralischen und Arbeitsnormen vereinbar waren.1 Daneben stand der Vorwurf, dass die Romane Fabelhaftes, Phantastisches enthalten, das der Wahrscheinlichkeit widerspricht; dass sie eine Welt der Phantasien entwerfen, die mit dem rationalen Weltbild der Aufklärer nicht vereinbar war. Das war ein anderer Akzent als bei den Calvinisten, denn jetzt hieß das, dass Erdichtungen akzeptiert werden, wenn sie nur vernünftig sind, der Wahrscheinlichkeit nicht widersprechen. Dies war nur eben bei den Galanten Romanen nicht der Fall. Weiter warf man ihnen vor, das galante Verhalten zu lehren. Da dies für die Moralischen Wochenschriften ein elegantes, aber amoralisches und nichtsnutziges ist, wird damit zugleich polemisiert gegen das Lebensideal des Adels, das ja auch für das emporgekommene Bürgertum attraktiv war. In der Tat hatten die Theoretiker des Galanten Romans diesen als Lehrbuch der Rhetorik, des Anstandes und des ‚politischen‘ Verhaltens empfohlen. Dazu kam der Vorwurf, den guten Geschmack zu verderben, worin ← 29 | 30 sich aber der historische Geschmackswandel spiegelt, da Barockrhetorik und galanter Complimentierstil jetzt als unnatürlich gelten. Die Heftigkeit der Polemik gegen das Lesen in verschiedenen historischen Momenten ist aber stets zugleich Indiz für seine reale Verbreitung. Die Kritik der Galanten Romane könnte deshalb anzeigen, wie sehr sie tatsächlich gelesen wurden.

Abb. 1.    Pierre Francois Basan (1723–1797): L’amour Europeen. Kupferstich nach einem Gemälde von Charles Dominique Eisen (1720–1778)

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Welche Art von Lektüre empfehlen nun die Moralischen Wochenschriften? Im Prinzip könnte man das ex negativo aus der Kritik rekonstruieren; aber freilich gab es nur wenig, was dem positiv entsprochen hätte:

Und will man ja etwas annehmliches lesen, sind moralische Schriften uns zu ernsthafft, ey so nimm doch den Spectateur, oder kannstu, mein Poete, nicht Frantzösisch, so nimm den Hamburgischen Patrioten in die Hände, worinnen die christlichsten Gedancken zu deiner Erbauung anzutreffen, zu welchen ich billig den Telemaque, Englischen Robinson und Ramsegs Cyrum rechne, die ihr verdientes Lob in gantz Europa von den gelehrtesten Leuten erlanget, und sonder Anstoß können gelesen werden. (Scheibel 1734, 88, zit. nach Vosskamp 1973, 242)

Priorität haben „moralische Schriften“2; einerseits religiöse Literatur: Erbauungsbücher, Andachtsliteratur, Predigtsammlungen, Literatur, die für ein erbauliches Lesemuster konzipiert ist; andererseits Aufklärungsschriften: Abhandlungen, Traktate, Kalender, Sachliteratur also, für ein didaktisches Lesemuster. Aber was, wenn das „zu ernsthafft“ ist? Für diesen Fall empfehlen die Wochenschriften: sich selbst und andere Moralische Wochenschriften, auch die englischen und französischen Vorbilder. Auch hier ist das Rezeptionsmuster der Erbauung möglich. Empfohlen wurde nicht-fiktionale Literatur, vor allem die Historie: Geschichte, als Repertoire exemplarischer Ereignisse, vermittelt keine Alteritätserfahrung, sondern lässt eine auf das Rezeptionsmuster der Imitation zielende exemplarische Lektüre zu („historia magistra vitae“): das didaktische Rezeptionsmuster der Belehrung (durch Imitation). Und schließlich gibt es einige Romane, die empfohlen werden – aber natürlich keine galanten. Gullivers Reisen werden genannt, und natürlich Robinson Crusoe. Bald sollte es auch in Deutschland Romane geben, die in dieses positive Schema passten: Dieses Schema war: „annehmlich“ + erbaulich bzw. belehrend.

Eine Veränderung im Verhältnis des Bürgertums zum Roman trat in den 1740er Jahren ein. Der Umschwung war dadurch motiviert, dass man Beispiele für andere als die Galanten Romane bekam: Romane, die sich als aufklärerisch-moralische Zweckform nutzen und so legitimieren lassen. Diese Funktionen, das didaktische oder erbauliche Lesemuster, führten zur Propagierung der Nützlichkeit des Lesens. Die Lesepropädeutik bezog sich deshalb mit dem Tenor, zur Belehrung und Erbauung solle man lesen, auf Lesehaltung bzw. Leseweise, und als Konsequenz daraus auf die Auswahl der Lektüre. ← 31 | 32

Ein Roman, welcher Nutzen bringen soll, muß […] die Thorheiten der Menschen kenntbar machen, er muß die Tugend befördern, edle Regungen in den Gemüthern erwecken, die Laster verabscheuen lassen, kurz, er muß sie klug, verständig und tugendhaft machen. Dahin müssen alle Vorstellungen gerichtet seyn und diese muß er durch den Vortrag und die Schreibart befördern helfen. Damit ich einen vollständigen Begriff davon gebe, so darf ich nur die „Clelie“ und die „Pamela“ nennen, welche so beschaffen sind, dass sie in dieser Art jedermann zum Muster dienen können. Denn diese haben sich den Endzweck, die Tugend auszubreiten, vorgesetzt, und vielleicht schon öfters erhalten. Sie haben das Vergnügen gesucht und dasselbe ihren Lesern auf eine angenehme Art gegeben. Die Abschilderungen sind natürlich, lebhaft, artig; der Vortrag ist rührend und reizend, und die Schreibart vernünftig, rein, edel. (Der Zeitvertreiber 1745, zit. nach Martens 1968/1971, 512)

Ein Roman, der diesen Forderungen entsprach – und damit der erste deutsche Roman, den auch eine ehrbare Bürgersfrau lesen konnte, erschien wenig später: Gellerts Leben der Schwedischen Gräfin von G** (1746/47). Die Legitimation des Romans nicht von der künstlerischen Form, sondern von den aufklärerischen Funktionen und damit vom Stoff her, bedeutet aber, dass im Laufe des Jahrhunderts und besonders gegen sein Ende hin diese Legitimation wieder wegfiel: Schon ab den 60er/70er Jahren war diese Art der Lesepropädeutik vom realen Lesen und von der Veränderung des Romans überholt. Er hatte sich von seiner Beschränkung auf Belehrung und Erbauung emanzipiert und wurde wegen der in der Lektüre selbst zu erlangenden Gratifikationen gelesen.

Das zentrale Moment der Kritik um 1800 betraf Motivation, Lesehaltung und Leseweise. Nun waren es ja andere Bücher, die man las: Kritik am Lesen war jetzt nicht mehr Kritik am Roman, sondern an der Empfindsamkeit oder vielmehr an ihrer Trivialisierung als ‚Empfindelei‘. Gegen Jahrhundertende wurde deshalb oft von denselben aufklärerischen Positionen her, von denen um die Jahrhundertmitte für das Lesen geworben wurde, wieder gegen das Lesen polemisiert.

Wichtiges Medium für die Diskussion um das ‚richtige‘ Lesen, die ja v. a. das Lesen der Frauen betrifft, sind die Frauenromane selbst, in denen modellhaft, negativ und positiv, Lesesituationen gestaltet werden. Die Schwedische Gräfin: „Der Büchersaal ward mir in kurzer Zeit an der Seite meines Gemahls der angenehmste Ort. Er las mir aus vielen Büchern, die teils historisch, teils witzig, teils moralisch waren, die schönsten Stellen vor“ (Gellert 1747, 18 f.). ← 32 | 33

Abb. 2.    Johann Andreas Benjamin Nothnagel (1729–1804): Mädchen, in „Werthers Leiden“ lesend. Feder- und Tuschzeichnung.

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Ganz anders die Lektüre, die in der Geschichte des Fräuleins von Sternheim die Frau von dem Mann erhält, dem sie – wenngleich betrügerisch – angetraut ist. Der „Böswicht“ Lord Derby versucht seine „Ehefrau“ empfänglich zu machen:

Ich hatte ihr englische Schriften gegeben, die mit den feurigsten und lebendigsten Gemälden der Wollust angefüllt waren. Ich hoffte, dass einige Funken davon die entzündbare Seite ihrer Einbildungskraft treffen sollten: aber ihre widersinnige Tugend verbrannte meine Bücher, ohne ihr mehr zu erlauben, als sie durchzublättern, und zu verdammen. (LaRoche 1771/72; 222, vgl. auch 49, 81, 272)

Ein Frauenroman, in dem das Lesen in allen seinen Aspekten dargestellt wird – fast ein weibliches Gegenstück zum Anton Reiser –, ist Julchen Grünthal von Unger. Julchen Grünthal steht für die schlechten Wirkungen der Romanlektüre, beginnend mit Rousseaus Neuer Heloise, die Julchen ihrer „Madame“ vorliest:

Madame hatte ein neues Buch bekommen; ich sollte laut lesen […] Es war mir ärgerlich. Aber, welch‘ ein Buch war das! Vermuthlich kennen Sie es, wenn gleich ich Neuling es nicht kenne; es heißt die neue Heloise. Jedes Wort war mir aus der Seele geschrieben, jedes ← 33 | 34 schrieb sich glühend in mein Herz. Sogar Übereinstimmung der Namen, Julie! – Es war, als hört ich jemand anders rufen. Ich versetzte mich leicht in Juliens Lage; und gewiß ich glühte über und über. Wir lasen bis zwölf Uhr; und ich hätte, ohne müde zu werden, wieder bis zwölf gelesen. Jetzt zu Bette gehen, war mir unmöglich. Meine Seele war wie aufgelöst; tausend Bilder umschwammen mich. Ich war Julie, und haben Sie Mitleiden mit mir; ich darf Ihnen nie wieder ins Gesicht sehen – meine Einbildungskraft war auf’s höchste gespannt.

Voll dieser Empfindungen kam ich nach Hause […] Ich warf mich auf einen Stuhl. Mein Herz war voll und gepreßt. Ich dachte nichts Bestimmtes; ein dunkles Sehnen stimmte mich zur Wehmut. Thränen brachen unwillkürlich hervor; ich erschrak über meinen Zustand, und die Thränen flossen noch häufiger.

Bei Julchen hat das Lesen den Erfolg, den sich Derby bei der Sternheim wünschte (pagina jungit amicos… an jenem Tage lasen sie nicht weiter…): Die Lektüre wird ihr zum Verhängnis; sie hat am moralischen und sozialen Abstieg Julchens entscheidenden Anteil. Im Hause ihrer Tante lebend, lässt sie sich auf ein Verhältnis mit deren Mann ein. Die Hausherrin:

Ich fand sie nicht. Mein Hausmädchen sagte mit schlauem Blicke: ‚Mamsel Grünthal ist bei dem Herrn; sie lesen wieder miteinander.‘ Ich unterdrückte den Unwillen […] blieb vor der Thür stehen. Sie lasen wirklich. Karl deklamierte ihr mit dem feurigsten Ausdrucke, in einer der Sache anpassenden Stellung, eine Stelle aus Göthe’s Stelle (sic!) vor […] Wechselsweise las Karl und Julchen. Ich hatte vorher noch nie ihren Ton sich so bis zur höchsten Leidenschaft erheben hören. Sie saßen auf einem, der Thüre gegenüber-stehenden Sopha, sich fest umschlingend. (Unger 1784/1798/1991, 267 f., 269 f., 399 f.)

Das späte 18. Jahrhundert war die Zeit einer ausschweifenden ‚Lesesucht‘-Diskussion. Einer ihrer Hauptvertreter ist Campe. Er definierte: „Lesesucht, die Sucht, d. h. die unmäßige, ungeregelte auf Kosten anderer nöthiger Beschäftigungen befriedigte Begierde zu lesen, sich durch Bücherlesen zu vergnügen.“ (Campe 1806, zit. nach König 1977, 92)

Die Kritiker waren von jenem Lesen irritiert, das geeignet ist, den Lesenden durch die Ausbildung individualisierender Erfahrungen seiner sozialen Umgebung zu entfremden. Die Aufklärung aber war eine bürgerliche Gemeinschaftskultur. Da war gesellschaftsabgewandte, gesellschaftlich unfunktionale, weil aus der „Begierde […] sich durch Bücherlesen zu vergnügen“ heraus unternommene Lektüre unerwünscht. Die ‚Lesesucht‘-Kritik im späten 18. Jahrhundert und um 1800 zielt auf Jugendliche, auf die Unterschichten, vor allem aber auf (bürgerliche) Frauen.

Für die „noch unbevestigte Jugend, deren Grundsätze noch hin und her schwanken“, tritt neben das Argument der Vernachlässigung der Ausbildung jetzt auch das der Altersunangemessenheit bestimmter Lektüre: Romane sollen ← 34 | 35 erst gelesen werden, wenn genügend „Kenntnisse der Welt und der Menschen“ vorhanden sind, um die „idealische Welt“ der Romane als solche zu erkennen: „Man lese keine Romanen, so lange der Kopf noch nicht mit philosophischen Kenntnissen aufgefüllt, und zum Selbstdenken vorbereitet ist. Ein Grund, warum Kinder und Knaben davon abgehalten werden müssen.“ (Mauchart 1789, 174)

Erst nach Festigung der Ich-Identität in der Adoleszenz, so reformulieren wir das, kann empathische Lektüre mit ihrer zeitweiligen Übernahme fremder Identitäten verarbeitet werden. Diese Argumentation ist Reflex der Entstehung der Kindheit, bei der zuerst für die Kinder des Bürgertums Kindheit als Moratorium, als Phase vorübergehender gesellschaftlicher Entpflichtung ausgebildet wird. Derart wurde die ‚Lesesucht‘-Phase zu dem bis weit ins 20. Jahrhundert (und m.m. bis heute?) bekannten Phänomen der literarischen Pubertät. 1789 lässt der Verfasser eines „Familiengesprächs“ den Mann zu seiner Frau sagen: „Ich bin auch jung gewesen, Emma, und habe verschlungen, was zu lesen war.“ (Familiengespräch 1789, 747) Aber als Erwachsener liest er eben keine Romane mehr und betrachtet auch die Romaneleserei von Frau und Tochter mit Misstrauen.

Und es beunruhigte die „Erscheinung der itztigen Lesewuth bey Volksklassen, die sonst wenig oder nichts lasen“ (Westenrieder 1800, 299). Nicht nur billigt das Bürgertum den unteren Volksklassen nur eine „begrenzte Aufklärung“ zu; die Kritiker suchten das Belletristik-Lesen einzudämmen, wenn sie bei den Schichten unterhalb des Bürgertums deren Arbeitsamkeit gefährdet sahen. Dass verlorene (Arbeits-)Zeit und Geld Schaden für Haushalt und Nationalökonomie befürchten lassen, ist aber nur Facette der kaum noch systematisierbaren Kritik. Argumentiert wurde politisch, pädagogisch, diätetisch, physiologisch, erfahrungsseelenkundlich, psychopathologisch und sogar in medizinischen Dissertationen. (Roling 1824)

Es ist kein Zweifel, daß überhäuftes, zumal ein solches Lesen, wobey die Seele ihre Ideen nicht mit einer gewissen Klarheit und Heiterkeit umfaßt, wobey sie sich keines Zuwachses an innerer Vollkommenheit bewußt ist, den Körper schwächt und zerrüttet. Das gar nicht einmal gerechnet, dass es die Organe unmittelbar angreift, durch die der Verstand vorzüglich seine Wirksamkeit äußert, und also auch dadurch den Einfluß des letzteren hemmet: erzeugt die erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beym Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen, Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfungen in den Eingeweiden, mit einem Worte, Hypochondrie, die bekanntermaaßen bey beyden, namentlich bey dem weiblichen Geschlechte, recht eigentlich auf die Geschlechtstheile wirkt, Stockungen und Verderbnis im Blute, reitzende Schärfen und Abspannung im Nervensysteme, Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper. (Bauer 1791, 189 f.) ← 35 | 36

Man weiß nicht recht, ob hier nur ein pathologischer Sachverhalt supponiert wird, oder ob dieser Diskurs selbst pathologisch ist.

Die auf die Frauen, v. a. auf die Töchter des Bürgertums zielende ‚Lesesucht‘-Diskussion war Gegenstück zu der auf männliche Jugendliche gerichteten Masturbations-Diskussion. Doch sind beide eigentlich identisch. Allenfalls gilt, dass für die Frauen das Lesen quasi zwischengeschaltet wird: gemeint ist auch hier die Selbstbefriedigung, nur dass für sie die Rolle der im Lesen erregten Phantasie für wichtiger eingeschätzt wird als bei den männlichen Jugendlichen.

Abb. 3.    Francois Hubert: „Hony soit qui mal Y pense“ 1777. Kupferstich nach einem Bild von Claude Francois (? oder: Philippe) Carême

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Die Empfindsamkeit ist eine der schädlichsten Krankheiten der menschlichen Seele. […] Zu [ihren physischen Ursachen] rechne ich die körperliche Verzärtelung, die fast noch allgemein bey der Erziehung der vornehmen Stände herrscht; zu viel warme Getränke, wodurch frühzeitig die Fasern des Kindes erschlaffen; gewürzte und die Sinnlichkeit reizende Speisen, und vornehmlich die bey unsrer Jugend so sehr eingerissene Begierde sich, oft früher als mans glaubt, einen gewissen unerlaubten Kitzel zu verschaffen. Ich möchte beynahe behaupten, ohnerachtet ich kein Arzt bin, daß die meisten empfindsamen Leute Onanisten gewesen sind, und daß sonderlich dies der Fall bei dem weiblichen Geschlecht ist. Durch jenen Kitzel wird nach und nach die Festigkeit der Natur untergraben, der Körper schlaff gemacht, die Sinnlichkeit bis zu einem erstaunlichen Grade gereitzt, und die Einbildungskraft mit unaufhörlichen Wollustbildern genährt. […]

[Eine der moralischen Ursachen ist] Romanlectüre. Wenn unsere Zeiten viel mehr Helden und Narren der Empfindsamkeit aufgestellt haben, als die vorigen; so ist gewiß die häufige Romanlectüre, welche jetzt selbst unter den niederen Ständen herrscht, hauptsächlich Schuld daran. Der empfindelnde Ton, wodurch sich unsere Romane auszeichnen, und wodurch das Denken so wenig, das Gefühl der Zärtlichkeit hingegen so sehr genährt wird; die sinnlichen Gemälde der Liebe, welche darin vorgestellt werden; die verführerische Sprache, welche diese Liebe redet, stimmen unmerklich die Seele der Leser, sonderlich der Leserinnen zu gleichen Empfindungen. (Pockels, 1788, 130–138)

Oder:

Allein solche Romanen und solche Leser mögen wohl immer den geringern Theil ausmachen, für den grösern haben sie gewöhnlich mehr schlimme als gute Folgen. […] Daher die vielen traurigen und schrecklichen Beispiele von gänzlicher Ueberspannung, Verrückung und Wahnsinn, die durch übertriebenes Lesen der Romanen bei jungen Leuten, besonders vom anderen Geschlecht, bewirkt wurden. (Mauchart 1789, 172 f.)

Die ‚Lesesucht‘-Diskussion des späten 18. Jahrhunderts ging über in jene, die beteiligt war an der Abgrenzung einer ‚trivialen‘ Literatur von ‚höherer‘ Dichtung. Wo man bis dahin zwar Qualitätsunterschiede sah, aber dabei ein Kontinuum von Texten, wird zur Zeit der Klassik eine kategoriale Differenz etabliert. Mit dieser Grenzziehung zwischen Kunst und Trivialliteratur als einer zwischen zwei Kulturen hat diese Argumentation sozial abgrenzende Funktion, ist doch ‚Trivialliteratur‘ von Dichtung nicht nur ästhetisch unterschieden, sondern sozial stigmatisierend. Im 19. Jahrhundert wird diese polemische Distanzierung durch literarische Wertung als „Schmutz- und Schund“-Debatte weitergeführt werden.

Die Frauen als Objekt der ‚Lesesucht‘-Diskussion

Die Lebenssituation des unternehmerischen wie des Beamten-Bürgertums begünstigte es, dass sich die moderne Polarisierung der Geschlechtercharaktere hier früher und deutlicher ausbildete als in anderen Schichten. Folge war kultur ← 37 | 38 ­soziologisch eine Arbeitsteilung von Mann und Frau, v. a. die Freisetzung der von außerhäuslicher Arbeit entlasteten Frau für die Lektüre, weiterhin die Ausbildung einer speziell bürgerlichen und für die Literatur speziell weiblichen Bedürfnisstruktur. Literatursoziologisch ergab diese Geschlechterrollenverteilung klare Zuordnungen: Die Männer lesen, abgesehen von berufsbezogener Lektüre, die Zeitung, politische oder überhaupt Sachliteratur; Publikum der Belletristik sind im 18. Jahrhundert – wie dann auch im 19. – fast nur die Frauen. Dieses Lesen der Frauen ist Teil jener Konsumtion, auf die sie tendenziell konzentriert sind; im 19. Jahrhundert wird daran das Moment des demonstrativen Konsums immer offenbarer werden. Doch dürften sich für die Frauen die speziellen Motivationen für die Zuwendung zu Literatur wesentlich daraus ergeben, dass dabei die Leserinnen – junge Mädchen wie erwachsene Frauen – sich im Medium literarischer Phantasien ersatzhaft jene Handlungsmöglichkeiten erschließen wollen, die ihnen wegen der erfolgten Differenzierung der Geschlechtercharaktere in der realen Alltagswelt vielleicht sogar mehr als früher versagt sind.

Zwar lesen auch die Männer. Aber während das Lesen der Frauen im häuslichen Bereich der Entlastung von produktiver Tätigkeit stattfindet, wird im Erfahrungsbereich der Männer die Denkform der ‚freien Zeit‘ ausgebildet. Ihre Situation außerhäuslicher Tätigkeit lässt ja die moderne kategoriale Trennung von Arbeit und Freizeit entstehen. Solche ‚freie Zeit‘ ist nicht nur quantitativ, sondern wichtiger noch mentalitätsmäßig als disponible Zeit nach der Arbeit, kategorial getrennt von dieser, Voraussetzung für Lektüre oder Theaterbesuch. Diese verschiedenen Räume weiblichen und männlichen Lesens sind auch als Folie für die ‚Lesesucht‘-Kritik wichtig, da sie sich am männlichen Modell der räumlichen und zeitlichen Trennung von Arbeit und Freizeit orientiert, nicht am ‚gemischten‘ Arbeitszusammenhang der Frauen. „Dann erst ist die Lectüre zu gestatten, wenn wir unsere Berufsgeschäfte mit Sorgfalt abgewartet haben, um damit die müßigen Abend= oder Sonntagsstunden auszufüllen“ (Beobachtende Blicke… 1806, 439). Aber Vorsicht: Auch nicht zu tief in die Nacht hinein! Abendliche, nächtliche Lektüre führt zu Albträumen. ← 38 | 39

Abb. 4.    Daniel N. Chodowiecki: Illustration zu: Francis Coventry: Der kleine Cäsar. Leipzig 1782. (Engelmann 431)

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Am Ende des 18. Jahrhunderts ist ‚Zeit zum Lesen‘ für die Bürgerfrauen etwas anderes als jene Zeit zum Lesen, die die adligen Leserinnen der Romane des 17. und frühen 18. Jahrhunderts gehabt hatten. Jene konnten als Angehörige einer von Erwerbstätigkeit freien Klasse sich ganz dem Gelesenen widmen; für Huet war Romanlektüre noch ein „erlaubtes Vergnügen ehrbarer Müssiggänger“3: Lesen statt Arbeit einst, Lesen nach der Arbeit jetzt. Für die bürgerlichen Frauen erweist sich die Forderung, Lesen sei nur dann und nur soweit zu gestatten, wie häusliche Arbeiten nicht vernachlässigt werden, als Indiz für die Notwendigkeit, die fiktionalen Wirklichkeiten mit einer nicht-literarischen Alltagswelt zu vermitteln.

K[arl] Eben so gewinnt auch Der manche Stunde, der sich gewöhnt, mehrere Sachen auf Einmal zu gleich zu thun: indem er z. B. frühstückt, liest er; indem er etwas wegträgt, hohlt er auch wieder etwas herbey etc.

L[ouise] Ich gestehe es: wenn ich so mit meinen Stunden haushalten lerne, dann wird mir manches Stündchen zur Lectüre übrig bleiben.

K. Und welche Stunde würden Sie hiezu vorziehen wollen?

L. Wenn ich’s mitten im Tagwerke stehle, so bin ich zerstreut, unvorbereitet, kann die Gedanken nicht sammeln und – husch! ist gleich das Gelesene vergessen.

K. Morgenstunde also, oder Abendstunde nach Tisch! Gut! Nur – daß der Geist nicht zu sehr an mechanische Gewohnheit sich feßle!

L. Zu sehr freylich nicht; aber doch auch nicht zu wenig.

K. Vortrefflich! wenn Sie Sich üben frey und unabhängig zu den entgegengesetztesten Dingen – von der Wäsche zur Lectüre, aus der Küche zum Bücherschrank hinüber zu gehen. (Meister 1788, 37)

Der Rationalismus der Aufklärung, der in der Lebenswelt der Menschen vor allem Disziplinierung bedeutete, dreht hier durch: Taylorisierung des Alltags.

Die Hauptvorwürfe gegen weibliches Lesen betrafen nun das Lesen als solches: Die Verschwendung von Geld und Zeit, der vernachlässigte Haushalt, die ungesunde sitzende Lebensweise. Sie betrafen das Lesen als Evasion im Kontrast von fiktiver und Alltagswelt: die Frau könnte mit ihrer Beschränkung auf den Bereich des Hauses unzufrieden werden. Doch trat dieser Vorwurf gegen Ende des Jahrhunderts bereits wieder zurück; insofern ‚Bildung‘ inzwischen als bürgerliche Identitätsarbeit immer mehr auch bei den Frauen akzeptiert wurde.

Deshalb wurde zunehmend mit dem 19. Jahrhundert immer mehr kritisiert, das weibliche Romanelesen geschehe bloß zum Vergnügen und trage nichts zur bürgerlichen Identitätsarbeit bei, die für Lektüre zwischen dem neuhumanisti ← 40 | 41 schen Ideal individueller Bildung und demonstrativem Konsum changierte. Denn vor allem betrafen die Vorwürfe den Roman als Gegenstand weiblichen Lesens: Seine idealischen Figuren vermittelten ein falsches Bild von der Welt und machen unfähig, sich prosaischeren Bedingungen, etwa des Ehelebens, anzupassen. Sie übten eine allzu empfindsame Haltung ein und machten zu praktisch-tatkräftigem Leben untauglich. Und immer noch: Sie regten erotische Phantasien an. Als reale Befürchtung der Kritiker stand hinter diesen Vorwürfen am Ende des Jahrhunderts weniger das alte Argument der Verlockung der Frauen zur Unmoral, als vielmehr, dass sie sich ihrer Funktion in der bürgerlichen Identitäts- bzw. Statusarbeit entziehen und – wie schon in der Aufklärung – dass sie sich im Lesen von ihrer sozialen Umgebung durch die Ausbildung eigener, individualisierender Erfahrungshintergründe entfremden könnten.

Für die Frauen des Kleinbürgertums und der Unterschichten blieben im späten 18. und im 19. Jahrhundert, ja oft bis ins 20., das Argument des Geldes, der Zeit, der versäumten Arbeit in der Sicht der bürgerlichen Kritiker die Hauptvorwürfe.

Die Rollenverteilung in diesen Diskursen über das Lesen von Romanen korrespondiert der beim Lesen selbst: Die (nicht-professionellen) Leser der Romane waren ja meist männliche Jugendliche und Frauen. Sie waren damit auch die Objekte dieser Diskurse; deren Subjekte aber waren Männer. Diese aber beargwöhnten jenes weibliche Lesen, an dem sie selbst nicht – oder allenfalls in ihrer Jugend – teilhatten. Der zwischen den Geschlechtern geführte Diskurs über das Lesen war also sehr asymmetrisch: Vor dem Hintergrund ihrer meist höheren formalen Bildung und ihrer allgemeinen Vormundschaft gegenüber den Frauen traten sie ihnen gegenüber auch als Leselehrer auf.

Die Leselehrer

Die – von den Männern bei den Frauen gesehene – Lücke zwischen formaler Lesefähigkeit und (potentieller) tatsächlicher Lektüre bezieht sich in engerem ästhetischen Sinn auf literarische Kompetenz: Gellerts Schwedische Gräfin, die doch immerhin „Französisch und etwas Latein und Italienisch verstund“, ist trotz ihrer richtigen Empfindungen vom Geschmacksurteil ihres Mannes abhängig:

[Mein Gemahl] las mir aus vielen Büchern, die teils historisch, teils witzig, teils moralisch waren, die schönsten Stellen vor und brachte mir seinen guten Geschmack unvermerkt bei. Und ob ich’s gleich nicht allemal sagen konnte, warum eine Sache schön oder nicht schön war, so war doch meine Empfindung so getreu, daß sie mich selten betrog. (Gellert 1747, 18 f.) ← 41 | 42

Gellert spielt hier auf ein zentrales Ideologem des 18. und 19. Jahrhunderts an. Im Fräulein von Sternheim bezieht sich sogar die Titelfigur auf einen „rechtschaffenen Gelehrten, der einmal sagte: die Empfindungen der Frauenzimmer wären oft richtiger als die Gedanken der Männer.“ (La Roche 1771/72, 81)4 Frauen sind weniger entfremdet als Männer, somit näher an der Natur, weniger gesellschaftlich verdorben/diszipliniert, somit aber auch leichter verführbar etc. Dieses Ideologem wird in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts commun als Begründung der Dissoziierung der Geschlechtscharaktere; mit Bezug auf Rousseau geht es über Kant, Schillers Ästhetische Briefe und die Briefe über naive und sentimentalische Dichtung zu Humboldt und über ihn in die institutionalisierte Ideologie des Bildungssystems im 19. Jahrhundert ein.

Konkret bezieht sich die Lücke auf eine Art sozialer Gesamtkompetenz im Umgang mit Literatur. Worin diese besteht, legen, legitimiert durch ihre größere formale Bildung, Männer fest. Denn diese Lücke erzeugt ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Männern und Frauen; sie ist Folie für die Lesepropädeutik, für die bürgerliche Lese-Apologetik des mittleren wie für die ‚Lesesucht‘-Polemik des späten Jahrhunderts. Dass die Männer gegenüber den Frauen als Leselehrer auftreten, ist ein Aspekt ihres allgemeinen Vormundschaftsverhältnisses, doch zunächst legitimiert es sich aus der ja tatsächlich geringeren Bildung. Die Männer setzen, was sie selbst in formaler Ausbildung erworben haben, vermittelnd um in Leseregulation für die Frauen. Der 16jährige Goethe – er wird später in Dichtung und Wahrheit kommentieren: „Mir war es lustig zu sehen, wie ich dasjenige, was Gellert uns in Kollegium überliefert oder gerathen, sogleich wieder gegen meine Schwester gewendet.“ –, Goethe also schreibt 1765 an seine 15jährige Schwester:

Du bist eine Närrin mit deinem Grandison. […] Aber mercke dirs, du sollst keine Romanen mehr lesen, als die ich erlaube. […]

Du bist über die Kinderjahre, du must also nicht nur zum Vergnügen, sondern zur Besserung deines Verstandes, und deines Willens lesen. […] Allein ich muß dich auch lesen lernen. Nichtwahr das kommt dir wunderlich für, daß ich so rede. Ich kenne dich ich weiß wie und warum du liesest. Siehe so must du es machen. Nimm ein Stück nach dem andern, in der Reihe, ließ es aufmercksam durch, und wenn es dir auch nicht gefällt, ließ es doch. Du must dir Gewalt antuhn. (Goethes Briefe 1765, 18 u. 23)

Sich beim Lesen „Gewalt antuhn“ – und „nicht nur zum Vergnügen […] lesen“, das ist die Durchsetzung eines von Bildungs- und Leistungs-Kriterien bestimmten ← 42 | 43 Lesens gegen ein Lesen nach dem Lustprinzip. Der bürgerliche Bildungsbegriff bringt literarische Kompetenz und lustbestimmtes Lesen in Gegensatz. Bei Goethe gründete weibliche Inkompetenz noch in geringerer formaler Bildung der Frauen. Im 19. Jahrhundert dann verfestigten sich die Geschlechtscharaktere zu angeblichen Natureigenschaften. In diesem Zusammenhang werden Merkmale ‚inkompetenten‘, lustbestimmten Lesens, vor allem das durch stoffliches Interesse bestimmte, ausgewiesen als weibliche Eigenschaften. So erscheint, was auf anderen Bildungsvoraussetzungen und anderen Bedürfnissen beruht, als weibliche Natureigenschaft.

Nicht immer hat freilich das zu schnelle Lesen in dem zu vielen Lesen seinen Grund, sondern häufig in einer weibischen Neugierde, das Ende eines Buches zu wissen, ja häufig verleitet diese Neugierde uns auch, selbst Bücher, die uns mißfallen, bis zu Ende zu lesen. (Marées 1806, 21)

Das stofflich bestimmte, durch weibliche Bedürfnisse in seinen Rezeptionsmustern gesteuerte Lesen der Frauen subsumiert sich durch die Verweigerung gegenüber den Forderungen der Ästhetik und Literaturkritik der durch diese erst etablierten Kategorie der Trivialität. Ein stoffliches Interesse wird nach 1800 gleichgesetzt mit der veralteten Literaturauffassung der Aufklärung; wer ihr folgt (wie angeblich die Frauen), rezipiert inkompetent, der aktuellen Ästhetik inadäquat, trivial:

Ueberhaupt sollte man beim Lesen eines schönen Kunstwerks der Rede nicht bloß auf den Inhalt, sondern auch auf die Form, auf die Schreibart sehen, und sich nicht bloß durch jene belehren, bessern und bilden lassen, sondern sich auch diese zum Muster nehmen; denn so gewährt die Lektüre doppelten Nutzen, doppeltes Vergnügen. Es ist ja für jeden gebildeten Menschen nothwendig. (Ebd., 26).

Freilich bleiben diese Versuche, den Schritt von der Aufklärung zur klassischen Ästhetik lese-propädeutisch zu operationalisieren, hilflos: Was über das stoffliche Interesse hinausgeht, muss sich abstrakt auf Anforderungen des ‚Gebildetseins‘ berufen. Ein weiteres Beispiel: Mehrere publizistische ‚Leselehrer‘ der ‚Lesesucht‘-Kritik modellieren in fiktiven Gesprächen zwischen Frau und Mann über die weibliche Lektüre diese Vormundschaft. Einer lässt die Frau sagen: „So schmerzhaft es immer für unsere Eigenliebe seyn mag, uns vor dem Gatten als unwissende Kinder sehen zu lassen – lieber lassen wir uns doch spät als niemals belehren.“ (Meister 1788, 48)

Noch ist der konkrete Hintergrund der Bildungs-Lücke erkennbar; aber schon auch die ideologische Überformung durch die Gleichsetzung von Weiblichkeit und Kindlichkeit. Die durch das Bildungsdefizit gegebene ‚Lücke‘ und in ihrer ← 43 | 44 Folge das asymmetrische Verhältnis bleibt zentrales Merkmal weiblichen Lesens bis weit ins 19. Jahrhundert.

Im Ergebnis des historischen Wandels ins 19. Jahrhundert hinein werden zwei Implikationen der männlichen Lese-Vormundschaft erkennbar: Erstens ist es ein männliches Prinzip, dem das weibliche Lesen unterworfen werden soll: die normative Ästhetik der Klassik, das Bildungs- und Leistungsprinzip. Wieweit sich diese Normen tatsächlich durchsetzten, ist damit nicht gesagt. Zweitens wird, was im frühen und mittleren 18. Jahrhundert noch aus konkret-realen Bedingungen sich ableitet, im späten 18. und dann fortschreitend im 19. Jahrhundert einer ideologischen Erklärung unterworfen, v. a. dem Ideologem von den Natureigenschaften der Geschlechter. Erst das 19. ist das Jahrhundert der Ideologien.

Weibliches Lesen als Status- und Identitätsarbeit

Als Befürchtung der Kritiker steht hinter diesen Vorwürfen am Jahrhundertende weniger das alte, jetzt aber oberflächliche Argument der Verlockung der Frauen zur Unmoral, als inzwischen viel mehr, dass sie sich ihren Funktionen in der bürgerlichen Statusarbeit entziehen und sich dabei zudem im Lesen von ihrer sozialen Umgebung durch die Ausbildung eigener, individueller Erfahrungen entfremden könnten. Bildung wird inzwischen als bürgerliche Identitätsarbeit immer mehr auch bei den Frauen akzeptiert, zugleich damit wird zum Kritikpunkt immer stärker, wenn das weibliche Romanelesen angeblich bloß zum Vergnügen geschieht und gerade nichts zur Erfüllung der neuen bürgerlichen Bildungsnorm beiträgt.

Um 1800, dann im 19. Jahrhundert immer ausgeprägter, leitet sich die Akzeptanz weiblichen Lesens im Bürgertum ab von seiner Indienstnahme für die beiden Fraktionen des Bürgertums: Im Wirtschaftsbürgertum ist es akzeptiert, wenn es als demonstrativer Konsum statusfunktional ist, was zu den ungelesenen ‚Prachtschinken‘ im Salon und den zerlesenen Leihbibliotheksbänden im Hinterzimmer führt. Im Bildungsbürgertum ist es akzeptiert, soweit es sich den Normen des bürgerlichen Bildungsbegriffs unterwirft. Die ideologische Verschränkung beider Fraktionen verschmilzt dies aber zu einer Funktion: „Das Weib muß lesen, um die Unterredung ihres Mannes und seiner Freunde einigermaßen zu verstehen, um nicht durch den Ausdruck der höchsten Langeweile auf ihrem Gesichte diese oft zu unterbrechen.“ (Brandes 1787, zit. nach König 1977, 99)

Der Indizienwert solcher Forderungen ist nicht darin erschöpft, dass der Mann eine angenehme Gesellschafterin haben will. Es kommt darauf an, zu erklären, warum Leseapologetik und ‚Lesesucht‘-Kritik Hand in Hand gehen; ‚für‘ und ‚gegen‘ Lesen ist offenbar eine falsche Alternative, welche die Aufarbeitung der ← 44 | 45 ‚Lesesucht‘-Diskussion lange irritierte. Die weibliche Lektüre ist nicht auf den Ehemann allein bezogen, sondern von vornherein, d. h. seit der Lese-Apologetik um die Mitte des 18. Jahrhunderts, auf die Außendarstellung der bürgerlichen Familie. Diese kommt wieder der Position des Mannes zugute; Mann und Frau arbeiten zusammen. Bereits das weibliche Leseideal der Moralischen Wochenschriften und Gellerts meinte nicht individuelle, einsame Lektüre, sondern ‚gesellige‘5. Deshalb war rückzughaftes, nur auf subjektives Erleben zielendes Lesen dysfunktional und wurde als angebliches bloßes Vergnügen abgewertet. Diese Funktion ist – als Zuschreibung – im 18. Jahrhundert ständig präsent; im 19. wird sie für das Bürgertum noch auffälliger. Realisiert wird sie z. B. im geselligen Reden der Frauen über ihre Lektüre im Rahmen der weiblichen Öffentlichkeit:

L[ouise]. Sie sehen, daß auch in den Besuchszimmern der älteren Damen nie die geringste Spur von Lectüre zu finden ist. […]

L[ouise]. Eine Dame, die mit leerem Kopf von Haus geht, bringt wenig Beytrag zur Unterhaltung in große Gesellschaft.

K[arl]. Vorher also mag sie zu Haus, wie für die äußere also auch für die innre Verzierung ihres Kopfes besorgt seyn. (Meister 1788, 46)

Denn natürlich sind es Frauen, die in der bürgerlichen Geselligkeit über Literatur reden. Wie sollten es auch die Männer sein? Denen wird zwar zu Beginn des Jahrhunderts Romanlektüre empfohlen als ‚Galante Wissenschaft‘, um Stoff für Gespräche mit dem Frauenzimmer zu haben, aber die bürgerlichen Männer lesen kaum Romane, über die sie ‚öffentlich räsonieren‘ könnten. (Die Habermas’sche Vorstellung von der ‚bürgerlichen Öffentlichkeit‘ darf man bekanntlich nicht unter der Fiktion sehen, sie habe etwas mit der sozialhistorischen Realität zu tun.)

Wie oft kann man in Gesellschaften, besonders von gebildet seyn wollenden Frauenzimmern, […] kommen, wo nichts anderes gesprochen wird, als eine immerwährende Rezensirung dieses und jenes und anderer der neuesten Romane, und wo ein Mann durch nichts den Ruf der Galanterie gegen das schöne Geschlecht sich leichter erwerben kann, als wenn er nur immer für neue Provision von dieser Seelenspeise besorgt ist. (Mauchart 1789, 157 f.)

Ob die Frauen sich über ihre tatsächlichen Lektüreerlebnisse austauschen, ist etwas anderes. Dies ist möglich, unterhalb eines bestimmten Grades der Intimität im Rahmen bürgerlicher Geselligkeit der Status-Funktion auch nicht abträglich, aber für diese nicht nötig. Es sind die Damen-Kränzchen, in denen über das Gelesene geredet wird. La Roche beschreibt 1776 diesen Umgang mit Literatur: ← 45 | 46

Jeden Donnerstag kommen sie mit ihrer Arbeit, Nachmittags um drey Uhr, artig geputzt zusammen; trinken eine Taße Caffee, aber nicht heiß, weil heißer Caffee der Schönheit und Reinigkeit der Gesichtsfarbe schadet. Nach diesem geben sie einige Teller mit Obst und Confekt; von dem letzten muß allezeit etwas von der Kranzgeberinn selbst gemacht seyn. […] Der Putz wird auch durchgegangen, die Unkosten und die Art der Verfertigung werden gesagt, der wohlfeilere Kaufmann genannt; darauf erzählt, was man schönes und nützliches gelesen oder erfahren, und sich eigen gemacht hat. Nachdem etwas aus dem „Schauplatz der Natur“, etwas aus einer Wochenschrift, eine Comödie oder Poesie gelesen, und darüber geredet worden, sammlet man zuletzt einiges Geld für Arme. (La Roche 1776, 9)

Kurz nach 1800 werden Lesepropädeutiken und Lebensregeln immer konkreter in ihren Ratschlägen an die Frauen für das Reden über Literatur (wie auch für die Konversation in der Theaterpause); im späteren 19. Jahrhundert gehen die ‚Anstandsbücher‘ dann zu Musterdialogen über. Weibliches Lesen wird im Bürgertum in dem Maße und in die Richtung gefördert, wie es als Statusarbeit funktional ist. Das meint zunächst die offen von allem ‚Nutzen‘ entlastete Lektüre als ‘demonstrativer Konsum‘. Und von den Lesepropädeutiken und Lebensregeln des frühen 19. Jahrhunderts wird den Frauen ausdrücklich die ‚interesselose‘ Lektüre der ‚zweckfreien‘ Werke der deutschen Klassik empfohlen. Doch dabei dürfen sie nicht etwa lesen, bloß um „sich durch Bücherlesen zu vergnügen“ (Campe). Auch Status-Arbeit ist schließlich Arbeit! Sie sollen ‚zweckfreie‘ Texte lesen, dieses Lesen darf aber seiner Qualität nach nicht zweckfrei sein. Es muss schon deshalb mit der nötigen Ernsthaftigkeit betrieben werden, weil es zugleich – bereits im späten 18. Jahrhundert, aber dann im 19. immer massiver – vom bürgerlichen Bildungsbegriff erfasst wird und über diesen nicht nur das Fremdbild prägen soll, sondern das Selbstbild tatsächlich prägt, bürgerliche Identität sichert.

Dass man sich nicht über die emanzipatorische oder repressive Funktion bestimmter Bilder von Frauen und vom weiblichen Umgang mit Literatur klarwerden konnte, gründet vielfach in der fehlenden Unterscheidung von ‚Gelehrsamkeit‘ vs. ‚Bildung‘, die freilich dadurch erschwert wird, dass jedenfalls das mittlere Jahrhundert etwa mit ‚Gelehrsamkeit des Frauenzimmers‘ etwas dem späteren Bildungsbegriff Vergleichbares meint. Der Widerspruch, dass Frauen lesen sollen, aber nicht als ‚gelehrte Frauenzimmer‘, als Pedantinnen erscheinen sollen, löst sich so auf: Im Bürgertum trennen sich in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts ‚Bildung‘ und ‚Ausbildung‘. Und nun würde es die weibliche Rolle verlassen, ‚von Gelehrsamkeit Profession zu machen‘ bzw. die ‚Bildung‘ in einer Weise zu betreiben, die nur als berufsorientierte Sinn macht. Es würde bedeuten, vor die Differenzierung von ‚Bildung‘ und ‚Ausbildung‘ zurück ← 46 | 47 zugehen, die aber für die bürgerliche Identität unverzichtbar ist. Weiblichen Rollenaufgaben des (demonstrativen) Konsums entspricht nur das Lesen zur ‚Bildung‘: „Warum soll man lesen? […] es giebt einen edlern Zweck, den der Schriftsteller mit seinen Arbeiten zu erreichen strebt, den auch der Leser nur vor Augen haben sollte: Bildung, Bildung des Geistes, Bildung des Herzens.“ (Marées 1806, 6 f.)

Von dieser Funktionszuordnung her gehört für junge Männer mäßige Roman-Lektüre zur beruflichen Qualifikation in der Perspektive einer Tätigkeit als öffentliche Person. Deshalb wird literarisches Lesen, solange es ein bestimmtes Maß nicht überschreitet, bis ins 19. Jahrhundert hinein trotz des grundsätzlichen Bedeutungsverlusts der Rhetorik in der Ausbildung für sie noch akzeptiert. Für Männer gilt aber ganz klar, dass die Lizenz zur Belletristik-Lektüre präzise an einem bestimmten Punkt in der Biographie endet: mit dem Eintritt ins Berufsleben. Dann beginnt der ‚Ernst des Lebens‘, und spätestens dann hat die Romaneleserei aufzuhören. Dem entsprechend lassen sich vom mittleren 18. Jahrhundert an (und bis ins 20.) zahlreiche normative Äußerungen versammeln mit einem doppelten Tenor: Das Romanelesen (und die dadurch bewirkte Empfindsamkeit, die wir ja heute mit „Empathie“ historisch übersetzen) mache untüchtig zu tatkräftigem praktischen Leben. Und: Romanelesen sei ‚unmännlich‘. Des Romanlesers

Empfindungs- und Handlungsart ist grade jene […] der Romanenpersönchen. Empfindeley macht unfähig zu jedem Geschäfte; spannt alle Sennkraft, Federschnelle und Thätigkeit ab, und macht aus dem Mann ein schwaches kränkelndes Weib. (D-r 1788, 68)

Das wird dann für das ganze 19. Jahrhundert gelten:

Männer, die einen Beruf haben, würden sie nicht ein wenig den Glauben an ihren Ernst und ihre Tüchtigkeit erschüttern, wenn sie offen eingestehen wollten, daß sie sich in ihren Mußestunden auch mit der Lektüre von Romanen, Theaterstücken etc. beschäftigen, […]? (Megede, zit. nach Hamann 1899, 76)

Damit sind wir bereits im 19. Jahrhundert: Die lesepropädeutischen Diskurse des 19. Jahrhunderts stehen einerseits unter dem Paradigma der Bildung, verstanden als bürgerliche Identitätsarbeit, andererseits unter dem Paradigma der Trennung von Klassenkulturen: Die Differenzierung von ‚Hoher‘ und ‚trivialer‘ Literatur setzt sich um in die ‚Schmutz-und-Schund‘-Diskussion, und sie wird sozial distinktiv. ← 47 | 48

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Bauer, Karl Gottfried: Über die Mittel dem Geschlechtstriebe eine unschädliche Richtung zu geben. Mit e. Vorr. und Anm. von C. G. Salzmann. Leipzig: Crusius 1791. Beobachtende Blicke auf Leihbibliotheken und Lesecirkel. In: Schlesische Provinzialblätter (1806), 433–451.

D-r (d. i. vermutl. Johann Christoph Schlüter): Winke über Lektüre, und Einiges über das Romanenlesen insbesondere. In: Münsterisches gemeinnützliches Wochenblatt 4 (1788), Stück 16–17, 62–71.

Familiengespräch. Wilhelm und Emma. In: Hannoverisches Magazin. 27.1789 (1790), Stück 46, 721–736; 47, 737–752; 48, 753–758.

Gellert, Christian Fürchtegott: Leben der Schwedischen Gräfin von G***. (1747/48). In: Ders.: Gesammelte Schriften. Hrsg. v. B. Witte. Bd. 4. Berlin [u. a.] 1989. – Zit. nach der Reclam-Ausg. Hrsg. von Jörg-Ulrich Fechner. Stuttgart: Reclam 1968 [u. ö.] (Universal-Bibliothek; 8536/37).

Goethe, Johann Wolfgang von: Goethes Briefe. Hamburger Ausg. Bd. 1: 1764–1786. Hamburg: Wegner 1962.

Hamann, Ludwig: Der Umgang mit Büchern und die Selbstkultur. 2. Aufl. Leipzig: Hamann 1899.

Heidegger, Gotthard: Mythoscopia Romantica: oder Discours von den so benannten Romans, Das ist / Erdichteten Liebes-Helden-und Hirten-Geschichten: Von dero Uhrsprung / Einrisse / Verschidenheit / Nütz- oder Schädlichkeit: Samt Beantwortung aller Einwürffen / und vilen besondern Historischen / und anderen anmüthigen Remarques. Zürich: Gessner 1698.

Huet, Pierre Daniel: Traité de l’origine des romans. Faks.-Dr. nach der Erstausg. von 1670 und der Happelschen Übers. von 1682. Mit e. Nachw. von Hans Hinterhäuser. Stuttgart: Metzler 1966 (Sammlung Metzler; 54).

La Roche, Sophie von: Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771). Hrsg. von Barbara Becker-Cantarino. Stuttgart: Reclam 1983 [u. ö.] (Universal-Bibliothek; 7934).

La Roche, Sophie von: Freundschaftliche Frauenzimmer-Briefe. 20. Brief. In: Iris. Vierteljahresschrift für Frauenzimmer 5 (1776), Stück 1, 9 f.

Marées, Heinrich L. de: Anleitung zur Lektüre. Hamburg: Campe 1806.

Mauchart, Immanuel David: Untersuchungen über das Vergnügen am Historischen, besonders an Romanen. In: Ders.: Phänomene der menschlichen Seele. Eine Materialiensammlung zur künftigen Aufklärung in der Erfahrungs-Seelenlehre Stuttgart: Erhard und Löflund 1789. ← 48 | 49

Meister, Leonhard: Ueber die weibliche Lektüre. In: Jahrbuch für die Menschheit oder Beyträge zur Beförderung häuslicher Erziehung, häuslicher Glückseeligkeit und praktischer Menschenkenntniß 2 (1788), 35–50.

Paullini, Chistian Franz: Das Hoch- und Wohlgelahrte Teutsche Frauenzimmer. Nochmals mit mercklichen Zusatz vorgestellet. Frankfurt und Leipzig 1705, 10.

Pockels, Carl Friedrich: Ueber Frauenzimmerlectüre. Empfindsamkeit. In: Ders.: Fragmente zur Kenntniß und Belehrung des menschlichen Herzens. Hannover: Schmidt 1788, 61–70; 130–139.

Roling, Paul Anton Clemens: De lectionis fabularum milesiarum in hominis valetudinem efficacia. Diss. inaug. Med. Berlin 1824.

Scheibel, Gottfried Ephraim: Die Unerkannte Sünden der Poeten Welche man Sowohl in ihren Schriften als in ihrem Leben wahrnimmt. Nach den Regeln des Christentums und vernünfftiger Sittenlehre geprüfet. Leipzig: Teubner 1734.

Unger, Friederike Helene: Julchen Grünthal. Eine Pensionatsgeschichte (1784). Nachdr. der 3. Aufl., Berlin 1798. Hrsg. und mit e. Nachw. vers. von Susanne Zantop. Hildesheim [u. a.]: Olms 1991 (Frühe Frauenliteratur in Deutschland; 11).

Westenrieder, Lorenz: Ob es, wenn man die Litteratur, und die Sittlichkeit befördern will, wohlgethan sey, die Vermehrung der Buchhandlungen, und Leihebibliotheken zu befördern. In: Ders.: Beyträge zur vaterländischen Historie, Geographie, Statistik, etc. Bd. 6. München 1800, 290–301.

Sekundärliteratur

Brunken, Otto: „Amadis und seinesgleichen Grillen“. Die Auseinandersetzung über den Roman als Lesestoff für die Jugend im 16., 17., und 18. Jahrhundert. In: Dagmar Grenz (Hrsg.): Kinderliteratur – Literatur auch für Erwachsene? Zum Verhältnis von Kinderliteratur und Erwachsenenliteratur. München: Fink 1990, 123–133.

König, Dominik von: Lesesucht und Lesewut. In: Herbert Göpfert (Hrsg.): Buch und Leser. Vorträge des 1. Jahrestreffens des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Geschichte des Buchwesens 13. und 14. Mai 1976. Hamburg: Hauswedell 1977 (Schriften des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Geschichte des Buchwesens; 1), 26–57.

Martens, Wolfgang: Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften. Studienausg. Stuttgart: Metzler 1971. – EA 1968.

Vosskamp, Wilhelm: Romantheorie in Deutschland. Von Martin Opitz bis Friedrich Blankenburg. Stuttgart: Metzler 1973 (Germanistische Abhandlungen; 40). ← 49 | 50

Abbildungen

Abb. 1: Kupferstich von Pierre Francois Basan nach einem Original von Charles Dominique Eisen in: Fuchs, Eduard (Hrsg.): Geschichte der erotischen Kunst. Bd. 3: Das individuelle Problem, 2. Teil. München: Langen [1926].

Abb. 2: Feder- und Tuschzeichnung von Johann Andreas Benjamin Nothnagel in: Göres, Jörn (Hrsg.): Lesewuth, Raubdruck und Bücherluxus. Das Buch in der Goethezeit. Düsseldorf: Goethe-Museums [1977].

Abb. 3: Kupferstich von Francois Hubert nach einem Bild von Claude Francois Carême in: Fuchs, Eduard (Hrsg.): Illustrierte Sittengeschichte, Bd. 2: Die galante Zeit, Ergänzungsband. München: Langen [1911].

Abb. 4: Illustration zu: Coventry, Francis. Der kleine Cäsar. Leipzig [1782]. Übernommen aus: www.virtuelles-kupferstichkabinett.de/?subPage=search&selTab=3← 50 | 51 →


1     Aber: Zwar nicht die erotische Literatur, aber die Pornographie ist ein Kind der Aufklärung!

2     Es sei daran erinnert, dass „moralisch“ im 18. Jahrhundert auch Bedeutungsdimensionen hat, die wir heute mit „(gesellschafts-)politisch“, „gesellschaftlich“ oder „staatsbürgerlich“ bezeichnen.

3     „agreable amusement des honestes paresseux“. – Die Bezeichnung „erlaubtes Vergnügen“ weist das Lesen als Adiaphoron aus.

4     Was Wieland in einer Anmerkung so kommentiert: „Eine Bemerkung, welche der Herausgeber aus vieler Erfahrung an sich und andern von Herzen unterschreibt.“ (in: La Roche 1771/72, 81)

5     Der Begriff ‚gesellig‘ bezeichnet 18. Jahrhundert oft, was wir heute ‚gesellschaftlich‘ oder ‚sozial‘ nennen.