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«Die Zeitalter werden besichtigt»

Aktuelle Tendenzen der Kinder- und Jugendliteraturforschung – Festschrift für Otto Brunken

Series:

Edited By Gabriele von Glasenapp, Andre Kagelmann and Felix Giesa

Die Autoren widmen sich drei unterschiedlichen Schwerpunkten der Kinder- und Jugendliteraturforschung: den historischen Aspekten, der kinder- und jugendliterarischen Bildforschung sowie in thematischen und narratologischen Einzelstudien Aspekten aktueller und historischer Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik. Diese Schwerpunkte stecken zugleich die Arbeits- und Forschungsbereiche Otto Brunkens ab, dem dieser Band gewidmet ist. Otto Brunkens Lehr- und Forschungstätigkeit liegt seit rund drei Jahrzehnten maßgeblich auf der gesamten Bandbreite der (historischen) Kinder- und Jugendliteraturforschung sowie der Literaturkritik und den Bildmedien.
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Theodor Dielitz’ Land- und Seebilder. Panoramatisches Erzählen und die Konstitution des bürgerlichen Subjekts in der Kinder- und Jugendliteratur des 19. Jahrhunderts

Andreas Seidler (Köln)

Theodor Dielitz’ Land- und Seebilder. Panoramatisches Erzählen und die Konstitution des bürgerlichen Subjekts in der Kinder- und Jugendliteratur des 19. Jahrhunderts

Fremde Orte und ferne Ereignisse stellten sich der städtischen Bevölkerung Europas im 19. Jahrhundert hauptsächlich durch zwei sehr unterschiedliche Medien vermittelt dar: das gedruckte Wort und das Panorama. In der Jugendliteratur des 19. Jahrhunderts lässt sich zeigen, dass diese beiden Medien trotz ihrer Verschiedenheit auch in einer Wechselwirkung zueinander stehen. Diese zeigt sich zum einen in einem Austausch von Themen und Darstellungsweisen. Darüber hinaus aber auch im Zusammenwirken der beiden Medien bei der Erzeugung eines bürgerlichen Bewusstseins und Weltverhältnisses. Anhand einer populären jugendliterarischen Reihe aus dem 19. Jahrhundert werden im Folgenden solche Verbindungen auf motivischer und medialer Ebene exemplarisch beleuchtet. Dabei wird erkennbar, dass nicht nur ein kolonialer Diskurs die Wahrnehmung des Fremden prägt, sondern auch das besondere mediale Dispositiv des Panoramas seine Wirkung auf Fremd- und Selbstwahrnehmung entfaltet.

In Theodor Dielitz’ jugendliterarischer Reihe Land- und Seebilder erschienen zwischen den Jahren 1841 und 1862 fünfzehn Bände, die sich großer Beliebtheit beim Publikum und jeweils mehrerer Auflagen erfreuten (vgl. Becker 1998, 642). Es handelt sich dabei um Kompilationen von Texten aus unterschiedlichen Quellen und unterschiedlicher formaler und stilistischer Gestaltung. Gemeinsam ist allen Beiträgen die inhaltliche Orientierung an spannenden Ereignissen aus fremden Weltgegenden. So werden zumeist spannungserzeugende Konfliktsituationen geschildert, die in Katastrophen, Kämpfen und Konflikten zwischen Menschen oder zwischen Mensch und Natur bestehen. Oft ist es dabei ein einzelner Held, der sich in einer fremden und bedrohlichen Umwelt behaupten muss (vgl. ebd., 644–553). Dielitz bedient sich für seine Sammlungen bei deutschen und europäischen Zeitschriften, aus denen er Beiträge übernimmt, bearbeitet und teilweise auch selbst übersetzt. Darüber hinaus greift er auf Erzählungen etwa von James Fenimore Cooper zurück, die er überarbeitet und komprimiert übernimmt. Die Textausschnitte und Nacherzählungen werden in den einzelnen Bänden ohne erkennbare Ordnung, ohne ← 71 | 72 Rahmung und Überleitungen aneinander gereiht. Susanne Becker hat hierin eine „Konzeption panoramatischer Erzählweise“ (Becker 1998, 646) erkannt. Diesem Hinweis auf Interferenzen zwischen den Medien Literatur und Panorama, die sich in den Sammlungen von Theodor Dielitz beobachten lassen, wird im Folgenden genauer nachgespürt. Das Panorama soll dabei nicht in der allgemeinen Bedeutung einer unverstellten Rundumsicht verstanden werden, sondern im konkreten Sinne als Bezeichnung für die speziellen, architektonisch gerahmten Rundgemälde, die sich im 19. Jahrhundert in Europa großer Verbreitung und Beliebtheit erfreuten.

Panoramen

Tatsächlich handelt es sich bei dem zusammengesetzten griechischen Wort Panorama (= „Allsicht“) um eine Neuschöpfung, die vor 1787, dem Jahr der Erfindung des ersten Panoramas im Sinne eines Landschaftsgemäldes, das einen 360°-Ausblick wiedergibt, nicht vorkommt. Erst abgeleitet von diesem speziellen technisch-visuellen Apparat, den das Panorama darstellt, findet sich der übertragene Wortgebrauch für einen freien und weiten Blicks in die reale Landschaft oder eine vollständige Zusammenstellung aller Gegenstände zu einem Thema (vgl. Oettermann 1980, 7 f.). Die ersten Panoramen wurden von dem Engländer Robert Barker ab 1787 ausgestellt. 1799 war diese neue Kunstform zum ersten Mal in Deutschland in Form von Barkers Panorama von London zu sehen. Diesem folgten schnell weitere Panoramen, die häufig auch maritime Ansichten zeigten. In allen größeren Städten Europas entstanden Rotunden zur Präsentation von Panoramen, die sich im Laufe des 19. Jahrhundert zu einem visuellen Massenmedium entwickelten.

Abb. 1    Radialschnitt durch Robert Barkers doppelstöckiges Panorama am Londoner Leicester Square 1798. (Oettermann 1980, 80)

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Theodor Dielitz’ Sammlungen von Abenteuerberichten und -geschichten verweisen bereits durch den Reihentitel Land- und Seebilder auf die Affinität zum visuellen Medium. Susanne Becker stellt fest, dass in Dielitz’ Zusammenstellung der Einzeltexte und Textsequenzen „die literarische Umsetzung einer charakteristischen Wahrnehmungsform erkennbar [ist], die sich mit panoramatisch bezeichnen lässt. Das Panorama als zunächst rein bildliche Verwirklichung des Wunsches nach einer ‚Allsicht’“ (Becker 1998, 649) wird dabei auch zum Modell der Organisation literarischer Texte. Der 1849 erscheinende 8. Band in Dielitz Reihe trägt sogar explizit den Titel Panoramen.

Abb. 2:    Titelblatt von Theodor Dielitz: Panoramen. 2. Aufl., Berlin 1850.

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Im Gefecht mit den „Wilden“

Die zweite Erzählung in diesem Band trägt den Titel Ein Seegefecht mit Wilden. Sie kann in verschiedenen Hinsichten als paradigmatisch gelesen werden. Neben der Thematisierung des Sehens als zentralem Motiv lässt sich darin auch die Selbstbeschreibung des europäischen Individuums in Abgrenzung von den kolonialisierten „Wilden“ mit all ihren Widersprüchen beobachten. Das in Ein Seegefecht mit Wilden geschilderte Geschehen ist räumlich und zeitlich genau verortet. Es trägt sich an der Küste Nordamerikas um den fünfzigsten Breitengrad auf der Schwelle zum 19. Jahrhundert zu, einer Zeit, als dort „noch keine europäischen Niederlassungen gegründet“ (Dielitz 1850, 19) waren. Berichtet wird das Geschehen von einem Ich-Erzähler, der als „Unter-Steuermann“ auf einem Pelzhändlerschiff fährt. An dem angegebenen Ort lässt sich der Kapitän des Schiffes mit einem Indianerstamm auf den Handel mit Seeotterfellen ein. Die Eingeborenen verkaufen diese zu sehr günstigem Preis, und so entschließt sich die Besatzung in Erwartung weiterer Pelzlieferungen in einer Bucht vor Anker zu bleiben. Erzählerisch wird von Beginn an Spannung erzeugt durch die Bemerkung, dass das Schiff in der schmalen Bucht leicht von den „Wilden“ überfallen werden könnte. Denn, so berichtet der Erzähler, diese Eingeborenen waren, „wie wir wußten, ebenso listig und verrätherisch, als wild und grausam“ (ebd.). Da die englischsprachige Besatzung des Schiffes nicht in der Lage ist, die indianischen Namen ihrer Handelspartner auszusprechen, bezeichnet sie diese verächtlich nach an ihnen beobachteten Verhaltensweisen. So wird einer nur der „Ducker“ genannt, „weil er sich jedes Mal, so oft ein Gewehr losgeschossen wurde, niederkauerte.“ (Ebd., 20) Beim Handel zeigt sich den europäischstämmigen Seeleuten, „daß diese Indianer, obschon sich in ihren wilden, fast thierischen Gesichtszügen der größte Stumpfsinn ausprägte, doch äußerst verschlagen und habgierig waren.“ (Ebd.) In dieser Beschreibung der Eingeborenen schlägt sich zum einen der rassistische und chauvinistische Blick der Europäer nieder, zum anderen wird erzählerisch durch die Betonung dieser negativen Eigenschaften aber auch die Spannung weiter gesteigert, da ein Konflikt mit einer solchen Art von Menschen den Lesenden doch als unvermeidlich erscheinen muss. Die Gefahr konkretisiert sich, als bei einem Landgang der Besatzung die verbrannten Reste eines Schiffswracks entdeckt werden. Der Ich-Erzähler findet dabei einen Schieferstein, der mit der Botschaft beschriftet ist:

Die amerikanische Brigg ‚Seeotter’ ist am 9. Juni 1799 in diese Bai gelockt, von Wilden angegriffen und weggenommen worden. Der Kapitän und acht Mann wurden auf der Stelle getödtet. Die Brigg wurde erst geplündert, dann ans Ufer gebracht und des Eisens wegen bis an den Rand des Wassers niedergebrannt. (Ebd., 21 f.) ← 74 | 75

Doch trotz dieser deutlichen Warnung entschließt sich der Kapitän des Pelzhändlerschiffes, in der Bucht zu verbleiben. Der genannte Grund dafür ist die Hoffnung auf weitere sehr vorteilhafte Geschäfte. Ohne dass dies in der Erzählung reflektiert würde, ist es gerade die den Eingeborenen unterstellte Habgier, die die europäische Besatzung selbst antreibt und schließlich in die folgenden Konflikte führt.

In der zweiten Nacht vor Anker ist der Ich-Erzähler an der Reihe, Wache zu halten. Da erfolgt der für die Leser1 bereits zu erwartende Überfall der Indianer. Im Getümmel des Kampfes treibt schließlich das Schiff der Pelzhändler aus der Bucht ins offene Meer hinaus. Der Kapitän ist ermordet und der Großteil der Besatzung im Bug gefangen. Auf Deck befindet sich nur noch der Erzähler umgeben von ungefähr 25 feindlichen „Wilden“. Es gelingt ihm unbemerkt, das Schiff in Richtung offenes Meer zu steuern. Als die „Wilden“ feststellen, dass sie sich immer weiter von der Küste entfernen, sind sie entsetzt. Der Erzähler erkennt seine Chance, „so weit in die See hineinzukommen, daß kein Land mehr sichtbar“ (Dielitz 1850, 35) ist. Die Indianer wollen ihn zwingen, das Schiff zu wenden. Er kann sie allerdings davon überzeugen, dass hierzu alle Segel gehisst werden müssen, um mit mehr Fahrt in einem großen Kreis zu wenden. So gelingt es ihm, noch weiter ins offene Meer hinaus zu gelangen. „Das Schiff war jetzt über zwei Stunden von dem Lande entfernt und die Gegenstände an der Küste begannen in Dunst zu verschwimmen.“ (Ebd., 36) Dies verschafft dem erfahrenen Seemann schließlich den entscheidenden Vorteil gegenüber den „Wilden“. „Das Verschwimmen des Küstenstrichs beunruhigte sie mehr und mehr, und die Seekrankheit hatte bereits vier aus ihrer Schaar völlig rath- und kraftlos gemacht.“2 (Ebd.) Unter diesen Umständen gelingt es dem Erzähler schließlich, die übrige Mannschaft aus dem Schiffsbug zu befreien und es kommt zu einem brutalen Kampf mit den Indianern, die am Ende bis auf ihren Häuptling alle tot oder über Bord gesprungen sind: So heftig war der Kampf, dass darauf zunächst „das Verdeck von Blut zu reinigen“ (ebd., 38) war. Der Lieutenant, der nun das Kommando über das Schiff übernommen hat, befiehlt, noch einmal zurück zur Küste zu segeln, um den sich im Uferdickicht versteckenden übrigen „Wilden“ eine abschreckende Lektion zu erteilen: ← 75 | 76

Der alte Häuptling wurde mit gebundenen Händen auf eine Kanone gestellt, ein Strick um seinen Hals befestigt, und auf ein gegebenes Zeichen hing der Indianer am Raaenarm. Einige Minuten später wurde das Tau abgehauen; die Leiche stürzte in das Meer und verschwand. (Dielitz 1850, 39)

Der Horizont und die Sehkrankheit

Im Hinblick auf die Bedeutung des Sehsinns ist an dieser Geschichte vor allem das Detail interessant, dass die „Wilden“ durch einen ihnen unvertrauten visuellen Eindruck überwältigt werden. Das Verschwinden des Küstenstreifens am Horizont ist es, was ihnen die Beherrschung und damit die Kontrolle über das Schiff raubt. Der navigations- und seeerfahrene Untersteuermann führt diesen Zustand kühl planend herbei.

Mit dieser Thematisierung des Blicks auf den Horizont wird ein kulturgeschichtlich und anthropologisch bedeutsames Motiv in der Konstitution des bürgerlichen Bewusstseins aufgerufen. Der Blick auf einen „nach allen Seiten offenliegenden Horizont [bildet] eines der prägenden kollektiven Wahrnehmungsmuster für das aufstrebende Bürgertum“, wie Albrecht Koschorke (1990, 56) anhand literarischer Zeugnisse der Goethezeit eindrücklich nachgewiesen hat. Die Entdeckung des Horizonts als einer fast mathematisch reinen Linie, die den Betrachter im 360° Winkel umschließt, lässt sich nur auf dem Meer machen. Bis ins 18. Jahrhundert war Horizont daher ein Fachbegriff, mit dem sich lediglich perspektivtheoretisch interessierte Maler und navigierende Seeleute beschäftigten (vgl. Oettermann 1980, 10). Für ungeübte Menschen war die Erfahrung des offenen Horizonts hingegen ein geradezu körperlich überwältigender Eindruck. Dies wird besonders anschaulich in einer Episode aus Goethes Tagebuch seiner Italienischen Reise. Unter dem Datum des 30.03.1787 schildert er die Reaktion auf seine erste Erfahrung des offenen Horizontes, die er auf der Überfahrt nach Sizilien macht:

Die Sonne ging unter ins Meer, begleitet von Wolken und einem langen, meilenweit reichenden Streifen, alles purpurglänzende Lichter. […] Nun war kein Land mehr zu sehen, der Horizont ringsum ein Wasserkreis, die Nacht hell und schöner Mondschein. Ich hatte doch dieser herrlichen Ansichten nur Augenblicke genießen können, die Seekrankheit überfiel mich bald. (Goethe 1981, 225 f.)

Deutlich wird, dass Goethes Seekrankheit nicht etwa durch hohen Wellengang ausgelöst wird, sondern sein Wahrnehmungsapparat der ungewohnten Erfahrung des offenen Horizontes erliegt. Dies wird auch durch den Fortgang seiner Schilderung unterstrichen, denn der seereisende Dichter entzieht sich dem Anblick des Horizonts, indem er sich unter Deck in seine Kajüte begibt, wo er sich denn bald ← 76 | 77 wieder „ganz behaglich“ (Goethe 1981, 226) fühlt. Mit Recht lässt sich also behaupten, dass es sich bei Goethes Reaktion weniger um eine Seekrankheit als um eine Sehkrankheit handelt (vgl. Oettermann 1980, 13). Der Anblick des offenen Horizonts führt zu einer wahrnehmungspsychologisch bedingten Überwältigung des ungeübten Individuums.

Dabei stellt sich eine überraschende Verbindung zwischen dem werdenden deutschen Dichterfürsten und den nordamerikanischen „Wilden“ ein. Auch in Dielitz‘ Erzählung wird deutlich, dass die Seekrankheit durch die Erfahrung des offenen Horizonts auf See verursacht wird. Der see-, navigations- und damit auch horizonterfahrene Untersteuermann, der das Schiff mit den feindlichen Eingeborenen aufs offene Meer hinaus manövriert, schildert seine Überlegungen und Beobachtungen:

Die Küste war sehr niedrig und fünf bis sechs Stunden konnten uns so weit entfernen, daß nichts mehr von ihr zu sehen war. Nicht ohne einiges Behagen machte ich zu dieser Zeit die Entdeckung, daß fünf bis sechs Wilde […] Zeichen der Seekrankheit gewahren ließen. Was hätte ich darum gegeben, wenn ich jetzt alle diese Schurken auf rauhem Wasser gehabt hätte!“ (Dielitz 1850, 35 f., Hervorhebung A.S.)

Es herrscht also auch hier kein hoher Seegang, sondern das Verschwimmen des Küstenstreifens zur reinen Horizontlinie ist es, was die Seekrankheit bzw. Sehkrankheit der Eingeborenen auslöst.

Das Panorama und das bürgerliche Weltverhältnis

Diese Textbefunde sind aufschlussreich auch im Hinblick auf die Bedeutung des Mediums Panorama für die Genese des bürgerlichen Individuums im 19. Jahrhundert. Der Zusammenhang zwischen Horizont und Panorama erschöpft sich nicht in der Koinzidenz von Goethes geschilderter Horizonterfahrung und der Erfindung des Panoramas im selben Jahr 1787. Die Gleichzeitigkeit dieser Ereignisse ist nicht so zufällig, wie sie zunächst erscheinen mag, sondern sie spricht dafür, dass die Faszination und die Beschäftigung mit der Möglichkeit des freien Blicks in die 360° offene Landschaft zu dieser Zeit offensichtlich virulent sind. „Das Panorama war die Reaktion der Kunst auf die Entdeckung des Horizonts“, stellt Stephan Oettermann (1980, 12) fest. Auch die Symptome der ersten Panoramabesucher und der ungeübten Betrachter des Horizonts auf See gleichen sich. „Die Berichte, daß ‚zartnervigte Damen’ und ‚junge Stutzer’ in den ersten Panoramen seekrank wurden, sind zahlreich.“ (Ebd., 13) Die Rundgemälde der Panoramen sind künstlerische Bearbeitung und Evokation der Horizonterfahrung. Das Pano­rama wird „zur Schule des Blicks, zum optischen Simulator, in der ← 77 | 78 der extreme Sinneseindruck, das sensationelle, weil ungewohnte Erlebnis immer wieder und wieder geübt werden konnte.“ (Oettermann 1980, 19) Es erscheint „als Maschine, in der die Herrschaft des bürgerlichen Blicks gelernt und zugleich verherrlicht wird“ (ebd., 9) und ist somit die materialisierte Form „eines spezifisch modernen, bürgerlichen Natur- und Weltverhältnisses“ (ebd.). Das Medium Panorama leistet somit einen Beitrag zur Konstitution des bürgerlichen Subjekts im 19. Jahrhundert. Dessen Verhältnis zu der es umgebenden Welt ist geprägt durch einen distanzierenden Blick, rationale Durchdringung sowie die Beherrschung des eigenen Körpers und seiner Affekte.

Zur Genese dieses Weltverhältnisses tragen auch literarische „Panoramen“ wie Theodor Dielitz’ Kompilationen von Abenteuergeschichten bei. Die Rezeptionssituationen von Panoramabesuchern und Abenteuergeschichtenlesern ähneln sich dabei strukturell. So wie der Besucher im Panorama von einer Plattform im Zentrum auf Gemälde von fremden Weltgegenden schaut, ist der Leser dazu in der Lage, vom heimischen Sessel aus Anteil zu nehmen an Geschichten, die von den Gefahren in fremden Ländern und im Umgang mit fremden Menschen erzählen. Durch die in den geschilderten Konfliktsituationen aufgebaute Spannung wird der jugendliche Leser affektiv an die Erzählung gebunden. Er erfährt jedoch gleichzeitig, dass rationales Handeln und die Beherrschung der eigenen Affekte die entscheidenden Vorteile beim Kampf des Europäers gegen Naturgewalten und fremde Völker sind, und kann diese Erkenntnisse so verinnerlichen.

Susanne Becker hat herausgestellt, dass die Textsammlungen von Dielitz die Unterhaltungsfunktion in den Vordergrund stellen und die Belehrung höchstens eine mittelbare sei (vgl. Becker 1998, 642). Es kann jedoch unterstellt werden, dass diese implizite Belehrung umso wirksamer bei identifikatorisch lesenden Jugendlichen ist. Die These, dass die belehrende Absicht bei einem Text wie Ein Seegefecht mit Wilden gar nicht so sehr im Hintergrund steht, wird bestärkt durch die Beobachtung der Genauigkeit und Vielfalt, mit denen darin die Elemente bürgerlicher Weltbeherrschung vorgeführt werden. Neben der Beherrschung der eigenen Affekte sind dies die Beherrschung der Technik (in diesem Falle der Schiffstechnik), die Möglichkeit der ex­akten Berechnung von Raum und Zeit und nicht zuletzt das Verfügen über das Medium der Schrift. Dies wird in der behandelten Geschichte besonders deutlich am Motiv der Schiefertafel, durch die die Nachricht von einem früheren Überfall auf ein anderes Handelsschiff an die Pelzhändler gelangt, ohne dass die Eingeborenen von dieser Form der Informationsübermittlung überhaupt Kenntnis nehmen.

Anhand dieser Geschichte aus den umfangreichen Sammlungen von Dielitz’ Land- und Seebildern lassen sich also verschiedene bemerkenswerte Beobach ← 78 | 79 tungen machen: Vielsagend sind auf der Inhaltsseite die offenen ethischen und moralischen Widersprüche beim Umgang der Europäer mit den Fremden bzw. dem Fremden. Den „Wilden“ wird Grausamkeit und Habgier unterstellt, während die europäische bzw. amerikanische Schiffsbesatzung selbst durch Gewinnstreben angetrieben ist, und die Brutalität der Eingeborenen beim Überfall auf das Schiff durch die Strafaktion sogar noch überboten wird. Dieser Widerspruch zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung der Weißen auf der einen und ihrem tatsächlichen Verhalten auf der anderen Seite wird jedoch in der Erzählung an keiner Stelle thematisiert oder reflektiert. Vielmehr erscheint er in ihrem Diskurs völlig verdeckt durch den chauvinistischen Blick der Europäer.

Darüber hinaus macht die Erzählung Ein Seegefecht mit Wilden aufmerksam auf die kultur- und mentalitätsgeschichtliche Bedeutung der „Entdeckung des Horizonts“. Diese steht für eine Neuformierung des bürgerlichen Weltverhältnisses am Ausgang des 18. Jahrhunderts. Einen wichtigen medialen Erprobungsraum dafür stellen die neuen und alsbald populären Panoramen dar. Diese entfalten nicht nur mentalitätsprägende Wirkungen, sondern geben ihre Struktur auch an literarische Texte weiter. Das Panorama gibt nicht nur eine bestimmte Form des Blicks auf die Welt vor, sondern wird auch modellhaft für die Strukturierung literarischer Texte und Sammlungen, die der bürgerlichen Jugend in Europa exotische Weltgegenden und fremde Völker vorstellen sollen. Exemplarisch erkennbar wird an Theodor Dielitz’ Land- und Seebildern auch, dass es nicht erst im 20. Jahrhundert zu einem Austausch von Themen und Strukturen zwischen der Kinder- und Jugendliteratur auf der einen Seite und anderen Medien wie dem Film oder später auch den Computerspielen auf der anderen Seite kommt. Solche intermedialen Wechselbeziehungen lassen sich bereits anhand des Panoramas als Vorläufer der modernen audiovisuellen Medien beobachten.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Dielitz, Theodor: Panoramen. 2. Aufl. Berlin: Winckelmann [1850]. – EA 1849.

Goethe, Johann Wolfgang von: Werke. Bd. 11. Hamburg: Wegner 1950.

Sekundärliteratur

Becker, Susanne: [Beitrag zu:] Theodor Dielitz (1810–1869): Land- und Seebilder. In: Otto Brunken/Bettina Hurrelmann/Klaus-Ulrich Pech (Hrsg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. [4:] Von 1800 bis 1850. Stuttgart [u. a.]: Metzler 1998, 641–655. ← 79 | 80

Koschorke, Albrecht: Die Geschichte des Horizonts. Grenze und Grenzüberschreitung in literarischen Landschaftsbildern. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1990.

Oettermann, Stephan: Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums. Frankfurt a. M.: Syndikat-Verl. 1980.

Abbildungen

Abb. 1: Radialschnitt durch Robert Barkers doppelstöckiges Panorama am Londoner Leicester Square 1798. – Aus: Oettermann 1980, 80.

Abb. 2: Schmucktitel in: Theodor Dielitz: Panoramen. 2. Aufl. Berlin: Winckelmann [1850]. – Exemplar: Universitätsbibliothek Braunschweig. ← 80 | 81 →


1     Vermutlich handelte es sich beim Publikum von Dielitz‘ Abenteuergeschichten tatsächlich um ein überwiegend männliches.

2     Zu beachten ist der hier hergestellte Zusammenhang zwischen dem Verschwimmen der Küste am Horizont und der Seekrankheit der Eingeborenen, auf den noch zurückzukommen sein wird.