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«Die Zeitalter werden besichtigt»

Aktuelle Tendenzen der Kinder- und Jugendliteraturforschung – Festschrift für Otto Brunken

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Edited By Gabriele von Glasenapp, Andre Kagelmann and Felix Giesa

Die Autoren widmen sich drei unterschiedlichen Schwerpunkten der Kinder- und Jugendliteraturforschung: den historischen Aspekten, der kinder- und jugendliterarischen Bildforschung sowie in thematischen und narratologischen Einzelstudien Aspekten aktueller und historischer Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik. Diese Schwerpunkte stecken zugleich die Arbeits- und Forschungsbereiche Otto Brunkens ab, dem dieser Band gewidmet ist. Otto Brunkens Lehr- und Forschungstätigkeit liegt seit rund drei Jahrzehnten maßgeblich auf der gesamten Bandbreite der (historischen) Kinder- und Jugendliteraturforschung sowie der Literaturkritik und den Bildmedien.
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Mutterseelenallein? Abwesende Mütter im aktuellen realistischen Kinderroman

Nana Wallraff (Köln)

Mutterseelenallein? Abwesende Mütter im aktuellen realistischen Kinderroman

Die Beziehung zur Mutter ist die erste und zunächst auch wichtigste Beziehung in einem Menschenleben – und gerade in Bezug auf die Kindheit ist die Mutter eine allgegenwärtige Konstante. Auf den ersten Blick scheint daher die Tatsache, dass sich zunächst nur wenige erwähnenswerte Mutterfiguren in der Kinderliteratur seit 1945 finden lassen, verwunderlich.1 Lange Zeit ist die Mutter, wenn denn überhaupt von ihr erzählt wird, eine von vielen Nebenfiguren, der keine tiefere Bedeutung in Bezug auf die Handlung zukommt und die auch nur sehr wenig ausgestaltet wird. Mit Beginn der zweiten kinderliterarischen Moderne ändert sich die Situation, und es sind gerade bekannte Autorinnen und Autoren, die nun auch kontroversere Mutterbilder in der Kinderliteratur hervorbringen: so zum Beispiel Ursula Wölfel in ihrer Erzählung Das Miststück (1970), Peter Härtling in seinem Kinderroman Das war der Hirbel (1973) oder Kirsten Boie in Nella Propella (1994)2 und Mit Kindern redet ja keiner (1995). Hannelore Daubert konstatiert im Hinblick auf die Elternfiguren im modernen psychologischen Kinderroman, dass sie „nun nicht mehr als die starken, allwissenden Ratgeber, sondern […] selbst schwach, hilflos, ängstlich und ratlos, psychisch und sozial überfordert, oftmals krank“ (Daubert 2011, 98) erscheinen.

Die Situation im Jahr 2011 bringt Daniela Frickel etwas zugespitzt in einem Beitrag in dem österreichischen Magazin für Kinder- und Jugendliteratur 1000 und 1 Buch auf den Punkt: „[D]ie Mutter in Werken der aktuellen KJL ist häufig alleinerziehend, krank oder gar tot.“ (Frickel 2011, 16)3 Auffallend ist, dass sich die Mutterfiguren nun durch eine andere Art der Abwesenheit auszeichnen: Ob ← 293 | 294 wohl Mütter nun vermehrt in kinderliterarischen Erzählungen auftauchen, sind sie doch oft nicht wirklich ‚da‘.

Ziel dieses Beitrags ist es, einen genaueren Blick auf die Abwesenheit der Mütter in der aktuellen realistischen Kinderliteratur zu werfen. Leitfragen sollen dabei sein: Wie sind die Mutterfiguren konzipiert? Welche Formen der mütterlichen Abwesenheit finden sich? Wie wird ihre Abwesenheit durch die jeweilige Erzähl­instanz bewertet? Welche Funktionen kommen der mütterlichen Abwesenheit zu? Im Folgenden werden nun, ausgehend von diesen Leitfragen, zunächst einige Vorüberlegungen angestellt, bevor im anschließenden Hauptteil dieses Beitrags vier aktuelle Kinderromane in Einzelanalysen hinsichtlich der in ihnen enthaltenen (abwesenden) Mütter untersucht werden.

1.    Vorüberlegungen

Die grundlegendste Variable stellt wohl die Dauer der mütterlichen Abwesenheit dar, und sie kann unterschiedlich kurz oder lang sein – bis hin zur endgültigen mütterlichen Abwesenheit im Todesfall. Eine temporäre Abwesenheit der Mutter kann beispielsweise durch eine Reise der Mutter begründet sein, wie es in Andreas Steinhöfels Rico, Oscar und die Tieferschatten (2008) verwirklicht ist, – aber auch durch eine Reise des Kindes, dies ist beispielsweise in Milena Baischs Roman Anton taucht ab (2010) der Fall. Des Weiteren können berufliche Gründe zu einer temporären Abwesenheit führen, und auch Scheidung und geteiltes Sorgerecht können eine derart gestaltete mütterliche Abwesenheit begründen. Dies ist in der jüngeren Kinderliteratur beispielsweise in Christine Nöstlingers Als mein Vater die Mutter der Anna Lachs heiraten wollte (2013) gegeben: Nicht die Mutter, sondern der Vater des Ich-Erzählers versorgt das Kind. Der Ich-Erzähler formuliert: „Jetzt sehe ich meine Mutter ein- bis zweimal im Monat, und wir haben immer viel Spaß miteinander.“ (Nöstlinger 2013, 16) Abwesenheit kann sich des Weiteren in physischer oder psychischer Abwesenheit manifestieren – in beiden Fällen zeichnet sie sich aber durch einen (zumindest temporären) Wegfall der Mutterinstanz aus.

Eine endgültige mütterliche Abwesenheit findet sich relativ oft – typischerweise umgesetzt als der Tod der Mutter. Neben dem später noch genauer untersuchten Kinderroman Anni (2011) von John Newman sind auch der Kinderroman Hechtsommer (2004) von Jutta Richter, Rose Lagercrantz‘ und Eva Erikssons Roman für Erstleser Mein glückliches Leben (2011) sowie Olivia. Manchmal kommt das Glück von ganz allein (2012) von Jowi Schmitz Beispiele für Protagonistinnen, deren Mutter verstorben ist. Ebenfalls drastisch ist der Fall endgültiger mütterlicher Abwendung, wie sie sich in Peter Härtlings bereits genanntem Kinderroman Das war der Hirbel (1973) manifestiert. Ein Beispiel aus der neueren Kinderliteratur, ← 294 | 295 auf das auch später noch genauer eingegangen wird, findet sich in Paul das Hauskind ebenfalls von Peter Härtling (2010). Neben dem Verhältnis der Dauer der Abwesenheit zur Dauer der erzählten Zeit ist auch die jeweilige Schlussgestaltung relevant: Bei der endgültigen Abwesenheit ist die Mutter am Ende fort, bei einer vorübergehenden Abwesenheit ist sie entweder (wieder) da, oder ihre Rückkehr wird immerhin angedeutet.

Weiterhin kann sich die mütterliche Abwesenheit nach dem Grad ihrer Intentionalität unterscheiden; so kann sich die Situation aufgrund äußerlicher, nicht-beeinflussbarer Parameter ergeben haben – oder sie kann (aktiv) und intentional herbeigeführt worden sein. Dass es sich hierbei eher um eine Skala als um eine Dichotomie handelt, verdeutlicht der Fall der beruflich bedingten Abwesenheit der Mutter, hier tritt das Spannungsverhältnis von Beruf und Erziehung in den Vordergrund. Als eines der ersten Beispiele kann hier Kästners Kinderroman Das doppelte Lottchen (1949) angeführt werden: Die alleinerziehende Luiselotte Palfy muss arbeiten gehen, da sie sonst das Kind nicht versorgen kann. Ihre Abwesenheit ist klar als nicht-intentional zu verstehen. Als sie am Ende ihren Exmann wieder heiratet, zieht sie zu ihm nach Wien und gibt, ohne dass dies kommentiert wird, ihre Anstellung in München auf. Dieses Beispiel verdeutlicht auch, dass gerade diese Variable kulturhistorischen Wandlungen unterliegt; in der aktuellen Kinderliteratur ist ein solches Ende kaum noch denkbar. Ein anderes Beispiel für eine solche ‚Grauzone‘ ist der Fall einer alkoholkranken Mutter, wie sie sich beispielsweise in Susann Opel-Götz‘ Außerirdisch ist woanders (2012) findet4 – auch hier gibt es keine klare Grenze von Intentionalität und Nicht-Intentionalität. Nach wie vor stellt sich die stets mit der Mutterbeziehung verknüpfte Frage nach der Schuld: Wer trägt die Schuld an der Abwesenheit der Mutter? Wollte oder musste die Mutter gehen?

In einigen Fällen lässt sich allerdings eine klare erzählerische Wertung beziehungsweise Position bestimmen. In Erich Kästners Pünktchen und Anton (1931)5 formuliert der Erzähler:

Aber Pünktchens Mutter, die kann ich auf den Tod nicht leiden. An der Frau stört mich was. Sie kümmert sich nicht um ihren Mann, warum hat sie ihn dann geheiratet? Sie kümmert sich nicht um ihr Kind, warum hat sie es dann zur Welt gebracht? Die Frau vernachlässigt ihre Pflicht, habe ich Recht? (Kästner 2002, 21; Hervorhebung im Original) ← 295 | 296

Der Erzähler tritt klar in den Vordergrund und kritisiert explizit und in deutlichen Worten die Abwesenheit der Mutter. Der Abwesenheit der Mutter kommt an dieser Stelle eine (externe) gesellschaftskritische Funktion zu, und auch hier unterliegen die Bezugsnormen kulturhistorischen Veränderungen. Die mütterliche Abwesenheit muss nicht mehr, wie in diesem Beispiel, zwangsläufig negativ erscheinen.

Die Abwesenheit der Mutter kann entsprechend der der Mutterfigur per se immanent ambivalenten Position zudem in positivem Sinn auch als Befreiung des Kindes dargestellt werden. In Andreas Steinhöfels Roman Rico, Oscar und die Tieferschatten (2008) ergibt sich durch die Abwesenheit der Mutter für Rico ein Handlungsfreiraum, den er nicht hätte, wäre die Mutter vor Ort geblieben. Ihrer positiven Darstellung entsprechend müsste sie sonst das Fehlen des Sohnes bemerken und Rico könnte nicht derart autark handeln. Die Abwesenheit der Mutter in Rico, Oscar und die Tieferschatten kann somit in einem handlungslogischen Sinne als notwendiges Moment der Entwicklung des Protagonisten verstanden werden. Dass die Abwesenheit nicht-intentional ist, liefert eine Rechtfertigung für ihre Abwesenheit, die der Mutter – ebenfalls der positiven Figurenkonzeption entsprechend – nicht zu Last gelegt werden kann. Aus diesem Beispiel kann man auf eine potentielle Funktion mütterlicher Abwesenheit schließen: Im Fall von Rico, Oscar und die Tieferschatten ist dies eine intern-strukturalistische Funktion, die auf der Handlungsebene zu begründen ist. Verallgemeinert lässt sich festhalten: Der Wegfall der Mutterinstanz erlaubt (und verlangt von) den kindlichen Protagonisten Eigenständigkeit, die, je nach Situation, positiv oder negativ bewertet werden kann.

Von diesen Überlegungen ausgehend könnte man in einem nächsten Schritt argumentieren, dass der mütterlichen Abwesenheit auch eine metaphorische Bedeutung zukommt. Die Mutter kann als allegorische Figur im positiven Sinne Mutterliebe verkörpern, aber auch, im negativen Sinne, Bedrohung bedeuten. Gudrun Stenzel kommentiert in einem Beitrag über die Ambivalenz der Mutter-Kind-Beziehung: „Die Kehrseite der Mutterliebe ist die Abhängigkeit“ (Stenzel 1989, 59). Einer mütterlichen Abwesenheit kann so unter Umständen eine metaphorische Funktion zukommen – wieder im Sinne einer Leerstelle, eines Fehlens einerseits oder einer Erleichterung beziehungsweise einer Befreiung andererseits. Elvira Armbröster-Groh fasst über die Mutterfigur des Protagonisten in Peter Härtlings Das war der Hirbel zusammen:

Seinen Vater hat er nie gesehen, die Mutter kennt er nur von vereinzelten Besuchen. Ihre Liebesbeweise beschränken sich auf das Mitbringen von Süßigkeiten. Vor dem Hintergrund bilden Hirbels emotionale Reaktionen – wie Aggression oder Abwehr – als Äußerungen bzw. Erscheinungsformen von Einsamkeit und Angst die Kehrseite einer Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Wärme. (Armbröster-Groh 1997, 40) ← 296 | 297

Die Abwesenheit der Mutter kann entsprechend als Metapher für die Einsamkeit des Jungen gelesen werden.

2.    Abwesende Mütter in der aktuellen Kinderliteratur: Analysen

Im Folgenden sollen vier ausgewählte aktuelle (realistische) Kinderromane hinsichtlich der in ihnen vorkommenden Mütterbilder genauer untersucht werden.6 Entsprechend den vorangehenden Überlegungen sollen dabei die Parameter Dauer, Schlussgestaltung, Intentionalität, erzählerisches Urteil sowie Funktion der Abwesenheit besondere Berücksichtigung finden.

2.1  Die vorübergehende und intentionale Abwesenheit der Mutter in Maria Parrs Sommersprossen auf den Knien7: „Meeresforscherin, draußen auf dem Meer“

2.1.1.  Histoire und Discours

Die neunjährige Tonje ist das einzige Kind im Glimmerdal. Außer ihr lebt in dem abgelegenen norwegischen Tal nur ihr Vater, ihr Patenonkel Gunnvald und der „humorlose Klaus Hagen“ (Parr 2010, 17), der einen Campingplatz betreibt. Tonjes Mutter ist gerade in Grönland; sie ist Wissenschaftlerin und erforscht dort die durch die Klimaerwärmung bedingte Eisschmelze. Tonjes bester Freund ist ihr 74-jähriger Patentonkel, doch als Gunnvald nach einem Sturz mit einem Oberschenkelhalsbruch in eine Klinik geliefert wird und seine Tochter Heidi daraufhin ins Glimmerdal kommt, wird Tonjes Zuneigung zu ihm auf eine harte Probe ← 297 | 298 gestellt: Gunnvald hat sich 30 Jahre lang nicht bei seiner Tochter gemeldet und auch Tonje nichts von ihr erzählt. Zuerst steht Tonje der fremden Frau ablehnend gegenüber, doch nach einer Weile kommen sich Tonje und Heidi näher. Schließlich kehrt Tonjes Mutter von ihrer Forschungsreise zurück, und auch Gunnvald wird wieder aus dem Krankenhaus entlassen.

Die prominentesten Themen des Romans sind Freundschaft und Familie. Dabei fällt ein sehr moderner Zugang auf: Eingebettet in diese Themen werden beispielsweise auch die Klimaerwärmung und sich verändernde Familienstrukturen behandelt. Im Gegensatz zu der thematischen Aktualität in Sommersprossen auf den Knien wirkt die Erzählanlage des Romans geradezu ‚altmodisch‘: Erzählt wird von einem heterodiegetischen Erzähler, der sich auf die kindliche Augenhöhe herablässt. In weiten Teilen ist die Fokalisierung an Tonje gebunden; immer wieder finden sich jedoch nullfokalisierte Passagen und Leseranreden in Du-Form, zukunftsgewisse Vorausdeutungen beziehungsweise Kapitelüberschriften.8

2.1.2.  Die berufstätige Mutter: temporäre und intentionale Abwesenheit

Tonjes Mutter tritt nur an wenigen Stellen der Erzählung in Erscheinung. Zunächst ist sie in Grönland, Informationen erhält man fast ausschließlich über die an Tonjes Gefühle und Erinnerungen gebundenen Erzähleraussagen. Trotz der erzählerischen Übersicht bekommt man auch nach der Rückkehr der Mutter ins Glimmerdal keinen Einblick in ihr Innenleben; die Mutter bleibt so wenig determiniert. Für Tonje ist ihre Forschungsreise aber eine nachvollziehbare Notwendigkeit:

Wenn man über das Meer lernen will, dann muss man auf dem Meer sein, da nützt alles nichts. Und wenn man ein Bauer im Glimmerdal ist, so wie Papa und Tonje, dann muss man im Glimmerdal bleiben, da nützt auch alles nichts. […] Jetzt ist Mama in Grönland. Sie versucht herauszufinden, wie viel Eis dort schmilzt […]. (Parr 2010, 37 f.)

Die wenigen weiteren Erzähleraussagen über die Mutter bleiben ähnlich zurückhaltend, aber durchweg positiv. Sie ist Umweltschützerin, besitzt „Schläue und ← 298 | 299 Charme“ (Parr 2010, 129), sie hat eine verletzte Möwe gerettet (vgl. ebd., 37) und Tonje einen Pullover gestrickt, den das Kind sehr liebt (vgl. ebd., 149). Auffallend ist, dass sämtliche häuslichen Pflichten wie Haushalt, Kochen und auch die Erziehung Tonjes vom Vater übernommen werden. Auch in Anwesenheit entspricht Tonjes Mutter nicht dem bürgerlichen Mutterbild: Der besagte Pullover ist „das einzige Teil, das Mama in ihrem ganzen Leben gestrickt hat“ und Tonjes Tante bezeichnet ihn als „irgendwie merkwürdig“ (ebd.). Wesenszüge, die gemeinhin als ‚mütterlich‘ konnotiert sind, zeigen beide Elternteile; in Abwesenheit der Mutter ist aber vor allem Tonjes Vater ‚zuständig‘ (vgl. u. a. ebd., 158 f.). Auch wenn die Notwendigkeit der beruflich bedingten Abwesenheit der Mutter nicht in Frage gestellt wird, wird die Mutter doch von Tonje vermisst (vgl. u. a. ebd. 37, 149). Besonders bei ihrer Heimkehr wird dies deutlich:

Denn vor ihnen, eingehüllt ins Sonnenlicht, da steht sie. Tonjes Mama. Sie ist in zwei Schritten bei ihr, die lieben Arme halten sie fest, und der dicke Pullover riecht so gut nach Meer und Seeluft, dass man den ganzen Tag die Nase hineinbohren könnte. (Ebd., 194)

Auf der neben diese Textstelle montierten Illustration sieht man das Kind in die geöffneten Mutterarme laufen; die Mutter wendet sich lächelnd ihrem Kind entgegen. So wird auf der bildlichen Ebene die Position der Mutter manifest: Sie steht zwischen ihrem Rucksack und ihrem Kind, zwischen Beruf und Familie.

Abb. 1:    Parr 2010, 195

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Ein Spannungsfeld von Beruf und Familie ist seitens der Mutter aber nicht erkennbar. In ihrer Abwesenheit schreibt sie Tonje täglich Emails, in denen sie dem Mädchen ihre Tätigkeit schildert und sich begeistert: „‚Es ist fantastisch‘, schreibt Mama. ‚Grönland ist einfach fantastisch.‘“ (Parr 2010, 38) Sie scheint also keinesfalls nur aus finanziellen Gründen zu arbeiten – ihrer Figurenanlage als Umweltschützerin entsprechend geht sie intentional ihrer ‚Berufung‘ nach.9

Viele als sehr stark konzipierte weibliche Figuren fallen in Sommersprossen auf den Knien auf. Mit Heidi wird der selbstbewussten Tonje ein erwachsenes Pendant zur Seite gestellt, an dem sie sich reiben und mit dem sie sich messen kann. In Abgrenzung zur Mutter, die zwar als gute, erfolgreiche Mutter dargestellt wird, dabei aber statisch und eindimensional bleibt, ist Heidi deutlich komplexer konzipiert, ihr Innenleben entfaltet sich erst allmählich. Des Weiteren hat Tonje noch zwei Tanten: die eineiigen Zwillinge Eir und Idun. Die jungen Frauen studieren in der Großstadt, fahren Motorrad, sind ausgezeichnete Skifahrerinnen und für ihre Waghalsigkeit berüchtigt. Für Tonje haben die Tanten Vorbildfunktion (vgl. ebd., 12). Wie Tonjes Mutter bleiben aber auch Eir und Idun Typen – sie sind intelligent, cool und erfolgreich.

Nahezu durchweg wird Tonjes Mutter in positiver Weise als „gute, liebevolle und zuverlässige Mama“ (ebd., 196), als „tolle Mutter“ (ebd., 204) dargestellt, die eine feste Bindung zu ihrem (einzigen) Kind hat. Nur an einer Stelle der Erzählung wird klar, dass es auch kritische Stimmen bezüglich der Abwesenheit von Tonjes Mutter gibt:

„Du hast wirklich eine tolle Mutter“, sagt Heidi. […] Tonje lächelt. Es gefällt ihr, wenn die Leute etwas Schönes über ihre Mutter sagen. Nicht alle tun das. Einige finden, dass sie weniger ans Meer denken sollte. (Ebd., 204)

Auch die toughe und sehr positiv dargestellte Heidi bewundert explizit Tonjes Mutter, eine Einschätzung, die von Tonje uneingeschränkt geteilt wird. Diesem positiven Urteil wird die Meinung der „Leute“ (ebd.) entgegengestellt: Auf erzählerischer Ebene wird hier keinesfalls die Mutter kritisiert – sondern eher diejenigen, die schlecht über sie sprechen. Es zeigt sich ein erzählerisches Wohlwollen gegenüber der berufstätigen und dadurch abwesenden Mutter.

Anders gestaltet sich die Situation um Heidis Mutter: So ähnlich sich Tonje und Heidi sind, ihre Mütter werden klar kontrastiert. Heidis Mutter, die Geigerin Anna Zimmermann, ist zwar ebenfalls beruflich erfolgreich, sie hat Heidi aber als ← 300 | 301 Vierjährige, um ihrer Karriere nachgehen zu können, bei dem knurrigen Gunnvald abgegeben und interessiert sich erst wieder für das Kind, als auch Heidi ein ernst zu nehmendes musikalisches Talent zeigt – dann allerdings nimmt sie Heidi mit ins ferne Frankfurt und entführt sie aus der Idylle des Glimmerdals. In deutlicher Anlehnung an Spyris Figur der Tante Dete und im Kontrast zu Tonjes Mutter wird Anna Zimmermann so als egoistisch und hartherzig gezeichnet. Diese Einschätzung wird von verschiedenen Figuren bestätigt: So formuliert der „alte Nils“ (Parr 2010, 174): „Aber eigentlich hatte diese vermaledeite Anna Zimmermann doch an dem ganzen Kuddelmuddel die Schuld“ (ebd., 175) und Heidi selbst kommentiert: „Aber in erster Linie war ich wütend auf sie“ (ebd., 204). Vor allem wird Anna Zimmermann zur Last gelegt, dass sie das Kind der Geborgenheit des Glimmerdals entreißt. Tonjes Mutter tut dies nicht, sie belässt Tonje im Tal, dem auf raumsemantischer Ebene die Funktion eines Schonraums zukommt.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Mutter der Protagonistin in Sommersprossen auf den Knien eine intelligente, emanzipierte und eigenständige junge Frau ist, deren Beruf gleichberechtigt neben ihrem familiären Leben steht. Ihre vorübergehende, beruflich geschuldete Abwesenheit wird als Notwendigkeit akzeptiert und durch den Vater kompensiert, der die traditionellerweise der Mutter zugeschriebenen Familienpflichten erfüllt. Eher Typus als Individuum bleibt die Mutter unterdeterminiert, statisch – und namenlos. Die Abwesenheit der Mutter in Sommersprossen auf den Knien ist zwar intentional, aber temporär und allgemein akzeptiert, was sich nicht zuletzt in der sehr verständnisvollen und wohlwollenden Haltung des auktorialen Erzählers manifestiert. Der mütterlichen Abwesenheit kommt so auch eine implizite gesellschaftskritische Bedeutung zu: In dem Roman wird ein modernes Familienbild vermittelt, in dem die Mutter ohne Schwierigkeiten ihrem Beruf nachkommt und der Vater wie selbstverständlich für die gemeinsame Tochter sorgt.10 Das Ende der Erzählung ist uneingeschränkt positiv und zwar auch in Bezug auf die Mutterfigur selbst; in der Schlusssequenz feiern alle gemeinsam das Osterfest und „Mama und Papa haben ihre besten Freunde eingeladen.“ (Ebd., 245) ← 301 | 302

2.2  Die vorübergehende und nicht-intentionale Abwesenheit in Marjaleena Lembckes Die Füchse von Andorra11: „Aber ihr Schweigen war in der letzten Zeit anders“.

2.2.1.  Histoire und Discours

Die zehnjährige Ich-Erzählerin Sophie ist ein Vierling; ihre Geschwister Felix, Jonathan und Frederike sind nur Minuten jünger als sie. Für die Kinder steht eine große Veränderung an: Sie besuchen gerade die vierte Klasse der Grundschule, im neuen Schuljahr werden sie auf verschiedene Schulen beziehungsweise in verschiedene Klassen gehen.

Sophies Vater ist ein lebenslustiger Mann, der in seiner Freizeit Latein lernt und den Kindern viele Geschichten erzählt. Die Mutter ist anders: Sie ist schweigsamer, sorgenvoller – und sie zieht sich immer mehr von ihrer Familie zurück. Die beginnenden Anzeichen einer Depression werden von den Kindern zwar bemerkt, jedoch nicht verstanden. So sagt Sophie ihrem Bruder Jonathan: „Mama ist traurig“ (Lembcke 2010, 38), kommt dann aber zu dem (falschen) Schluss: „Mama ist unseretwegen traurig.“ (Ebd.) Die beiden beschließen, die Eltern zu belauschen, um den Grund für die Traurigkeit der Mutter herauszufinden. Durch Zufall hört Frederike dann ein Gespräch des Vaters mit einem Freund mit: „‚Worüber reden Nils und Papa?‘, fragte ich. ‚Weiß nicht. Nichts Besonderes, glaube ich. Nur über die Füchse von Andorra.‘“ (Ebd., 40)12

Die Schlussfolgerung der Kinder, der Sommerurlaub der Familie ginge nach Andorra, erweist sich hingegen als falsch – gemeinsam mit der Tante fahren sie nach Finnland. Kurzfristig scheint es der Mutter besser zu gehen. Dennoch: Die Sorgen der Mutter bleiben, und nach der Heimkehr nach Deutschland zieht sie sich immer weiter zurück. Die ganze Familie leidet unter der Situation, und schließlich interveniert die Tante. Sie bringt die Mutter in eine psychiatrische Klinik und erklärt auch den Kindern, was mit ihrer Mutter geschieht. Als Sophie ihre Mutter in der Klinik besucht, ist sie zwar (noch) nicht gesund, doch auf dem Weg der Besserung. Am Ende der Erzählung gibt Sophie eine Alltagssituation wieder, die sich beinahe zwei Jahre später abspielt, und in der die Mutter am Familienleben partizipiert und ausgelassen und fröhlich erscheint. ← 302 | 303

Das gesamte Geschehen kreist um das allgegenwärtige Thema der Depression. Insbesondere die Auswirkungen der Krankheit der Mutter auf das Leben der Kinder sind von zentraler Bedeutung. Die gewählte Ich-Perspektivierung durch die Erzählerin Sophie konstituiert dabei eine Erzählsituation, die sehr nah am kindlichen Blick orientiert ist. Dass es sich bei der Abwesenheit, der Traurigkeit sowie der Müdigkeit der Mutter um Symptome einer Depression handelt, erschließt sich der Erzählerin nicht, das Verhalten der Mutter bleibt für sie lange unerklärlich, auch wenn sie sich oft bemüht, eine Erklärung zu finden. Sophie erzählt ihre Geschichte aus der Rückschau mit einem zeitlichen Abstand von etwa zwei Jahren. Diese Konstruktion generiert eine für die Leserinnen und Leser entlastende Distanz zu dem belastenden Thema. Gelegentlich flicht die Erzählerin zukunftsgewisse Prolepsen ein, die zwar auf die inzwischen gereifte Disposition der späteren Erzählerin zeigen, jedoch keinen Hinweis auf einen positiven Ausgang geben.

2.2.2.  Die kranke Mutter: temporäre und nicht-intentionale Abwesenheit

Sophie beginnt ihre Erzählung mit den Worten: „Es regnete. Mutter hatte vergessen, den Teppich vom Balkon zu nehmen.“ (Lembcke 2010, 7) und gibt so bereits einen ersten Hinweis auf eine ‚Fehlhandlung‘ der Mutter. Anfangs gelten Sophies Gedanken und Bemühungen dann aber eher ihren Kontaktversuchen zu einer Klassenkameradin – die Mutter scheint zunächst nur am Rande von Bedeutung. Wenn Sophie von ihr erzählt, geschieht dies anfangs oft in der Erfüllung elterlicher Pflichten: wie sie Essen zubereitet (vgl. ebd., 11) oder wie sie die Kinder ins Bett schickt (vgl. ebd., 14), wie sie die Kinder vor der Schule weckt (vgl. ebd., 27) oder nach der Schule mit dem Mittagessen wartet (vgl. ebd., 28). Eng verknüpft mit den Mutterpflichten werden auch die mütterlichen Sorgen im Laufe der Erzählung immer wieder erwähnt (vgl. ebd., 24, 36 u. ö.). Es finden sich dann aber wiederholt auch Signale, die auf die psychische Konstitution der Mutter hinweisen. Als Sophie die Mutter auf den durchnässten Teppich anspricht, reagiert diese verhalten: „Sie sah mich an, als verstünde sie nicht, wovon ich redete. Sie sah mich so an, als wüsste sie nicht einmal, wer ich bin.“ (Ebd., 8) Mehrfach hebt die Erzählerin in der Folge den abwesenden Blick der Mutter hervor (vgl. ebd., 18, 37, 46). Neben dieser ‚Abwesenheit‘ sind es auch Traurigkeit, Müdigkeit und Appetitlosigkeit, die den Alltag der Mutter zunehmend bestimmen (ebd., 60). Die Belastung wird für die gesamte Familie spürbar: „Und Fragen, die man stellen möchte, stellt man auch nicht. Sonst hätte ich Mutter gefragt, warum sie so müde war, dass sie manchmal noch vor uns ins Bett ging.“ (Ebd., 34)

Gerade durch die gegensätzliche Konzeption der beiden Elternfiguren wird die Passivität der Mutter bemerkbar. Sie wird als ängstlich und pessimistisch be ← 303 | 304 schrieben, während der Vater als optimistischer Träumer dargestellt wird (vgl. Lembcke 2010, 18). Zu anfangs noch impliziten erzählerischen Hinweisen auf die Depression der Mutter kommen zunehmend explizite Erzähleraussagen. Das vierte Kapitel endet mit einer aufschlussreichen Prolepse: „Wir haben Mutter geliebt, auch wenn wir sie nicht immer verstanden haben damals, als sie uns noch nichts erzählt, nichts über ihre Krankheit gesagt hatte.“ (Ebd., 33)

Hier wird nun, wenngleich ‚nur’ in der Rückschau, ganz konkret von Krankheit gesprochen. Bei einem Besuch der Tante spricht diese die Mutter auf ihr Befinden an: „Dann sah sie unsere Mutter forschend an und fragte: ‚Wie geht es dir jetzt? Hast du die Pillen genommen? Helfen sie?’ Mutter zuckte die Schultern.“ (Ebd., 46) Schließlich ist es aber der Vater, der den Kindern die Verfassung der Mutter erklärt, und der dabei erstmals das Wort „Depressionen“ (ebd., 103) in den Mund nimmt. Für Sophie bedeutet diese Erklärung fast eine Erlösung, da sie nun versteht, dass sie nicht die Schuld an der Traurigkeit der Mutter trägt.

Die Depression der Mutter ist nicht das einzige, aber das hervorstechendste Charakteristikum der Mutterfigur. Beinahe ‚nebenbei‘ erfährt man noch weitere Facetten: Sie ist eine intelligente und durchaus gebildete Frau, die sogar Latein spricht (vgl. ebd., 29). Diese Figurenmerkmale werden jedoch durch die Krankheit überschattet: So musste sie ihr Studium wegen einer früheren depressiven Episode abbrechen (vgl. ebd., 103) und kann ihren Beruf als Nachhilfelehrerin schließlich nicht mehr ausüben (vgl. ebd., 105). Wie die Mutter in Parrs Roman Sommersprossen auf den Knien bleibt auch die Mutter in Die Füchse von Andorra namenlos.

Auch wenn die Mutter in Die Füchse von Andorra aufgrund ihrer Krankheit nicht ‚funktioniert‘ und von ihrer Mutterrolle zunehmend überfordert ist, wird sie doch zu keinem Zeitpunkt negativ gezeichnet. Im Gegenteil: Sie wird als eine sehr fürsorgliche Mutter dargestellt, die sich Sorgen um ihre vier Kinder macht. Dass auch ihre Kinder unter ihrer Depression leiden, tut ihr leid:

Als ich einmal nach der Schule die Arme um sie schlang, sie drückte und flüsterte: „Ich habe dich lieb“, drückte sie mich auch, küsste mich auf den Kopf und flüsterte in meine Haare: „Verzeih mir!“ „Was denn?“, fragte ich. „Alles. Dass ich so bin, wie ich bin“ […]. (Ebd., 106)

Die vier Kinder lieben ihre Mutter innig: „Mutter war wie ein ruhiger, vertrauter Ort. Dort war es nicht spannend, aber wir fühlten uns geschützt.“ (Ebd., 29) Auch in ihrem Verhalten zeigt sich eine enge Bindung zwischen Mutter und Tochter: „‚Mama‘, sagte ich und schlang die Arme um sie. ‚Was hast du?‘“ (Ebd., 37) Die oben bereits zitierte Prolepse führt sich folgendermaßen fort:

Wir haben Mutter geliebt, auch wenn wir sie nicht immer verstanden haben damals, als sie uns noch nichts erzählt, nichts über ihre Krankheit gesagt hatte. Und später haben wir sie verstanden, weil wir sie liebten. (Ebd., 33) ← 304 | 305

Am Ende wird von einer alltäglichen Situation erzählt, die sich zwei Jahre später zuträgt. Die Mutter nimmt am Familienleben teil, ist fröhlich und aufgeschlossen. Der letzte Satz signalisiert nicht nur das Ende der Erzählung, sondern auch das Ende aller durch die vorhergehende Depression ausgelösten Probleme und Ängste:

Das Telefon klingelte. Mutter nahm ab. Wir erkannten nicht, mit wem sie sprach, aber sie lachte. Es war ein fröhliches Lachen. Wir stiegen die Treppe hoch und gingen in unsere Zimmer, zu unseren eigenen Träumen. (Lembcke 2010, 127)

Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass die Mutter der Erzählerin in Die Füchse von Andorra eine intelligente und sensible Frau ist, die unter Depressionen leidet. Ihre Abwesenheit kann als temporär und nicht-intentional beschrieben werden. Sie manifestiert sich zunächst auf psychischer Ebene; die Mutter erscheint den Kindern als nicht mehr ‚greifbar’. Schließlich ist die Mutter dann auch physisch abwesend, als sie in eine Klinik eingewiesen wird. Am Ende der Erzählung ist die Mutter jedoch wieder da, und es wird ein uneingeschränkt positiver Blick der Zukunft vermittelt. Die Funktion der mütterlichen Abwesenheit in Die Füchse von Andorra ist hauptsächlich mimetisch begründet – Lembcke zeigt die Auswirkungen der mütterlichen Depression auf das gesamte Familiensystem. Durch die Hervorhebung der Nicht-Intentionalität, den ‚liebevollen’ Ton der Erzählerin sowie die positive Schlussgestaltung wird wiederum ein uneingeschränkt positiver Blick auf die Mutterfigur generiert.

2.3.  Die endgültige und nicht-intentionale Abwesenheit der Mutter in John Newmans Roman Anni13: „Montag – 149 Tage, seit Mami tot ist“

2.3.1.  Histoire und Discours

Anni lebt mit ihren großen Geschwistern Sally und Conor und ihrem Vater in einem Haus in England. Seit vor etwa einem halben Jahr die Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, ist in der Familie nichts mehr, wie es vorher war. Der Vater ‚versinkt’ in seiner Trauer und kümmert sich nicht um die Kinder, die tageweise bei ihren Großeltern und ihren Tanten untergebracht werden. Anni macht keine Hausaufgaben, kommt immer zu spät zur Schule und hat keine saubere Kleidung, die sie anziehen kann. Ihr Bruder spielt bis nachts auf seinem Schlagzeug und ihre Schwester stiehlt Süßigkeiten im naheliegenden Gemischtwarenladen. ← 305 | 306

Erst als Anni eine neue Lehrerin bekommt, ändert sich die Situation. Frau Hardy, die Neue, ist nicht mehr so nachsichtig wie es die vorherige Lehrerin gewesen ist, sie fragt nach, warum Anni zu spät kommt, warum sie keine Hausaufgaben gemacht hat. Bei einem Zahnarztbesuch wird der Zustand der Vernachlässigung der Kinder noch deutlicher sichtbar, und der Vater ‚erwacht’ aus seiner Starre; er beginnt, sich wieder um die Kinder zu kümmern. Als dann aber eines Abends die Gemischtwarenhändlerin den Vater über Sallys Diebstähle informiert, läuft Sally weg und die gesamte Familie befindet sich erneut im Ausnahmezustand. Einen Tag später kehrt das Kind jedoch zurück, und die Familienmitglieder sind erleichtert. Sechs Monate später hat sich die Familie wieder ‚zusammengerauft’ – und alle freuen sich auf die bevorstehende Hochzeit einer Tante.

In Newmans Roman geht es vor allem um den Verlust der Mutter und den Umgang der Familie mit der Trauer. Die Familienmitglieder sind anfangs haltlos, agieren alleine und kommunizieren kaum miteinander. Nach und nach gelingt es den Familienmitgliedern, wieder eine Gemeinschaft zu bilden und zueinander zurückzufinden. Die Geschichte wird von Anni in der Ich-Perspektive und in Tagebuchform erzählt. Sporadisch finden sich unter den Kapitelnummern Überschriften: Das Kind zählt die Tage seit dem Unfall der Mutter. So beginnt das erste Kapitel mit der Überschrift „Montag – 149 Tage seit Mami tot ist“ (Newman 2011; Hervorhebung im Original); der letzte ‚Eintrag’ des ersten Romanteils ist mit „Donnerstag – 159 Tage“ (ebd., 150; Hervorhebung im Original) überschrieben. Im zweiten Romanteil, in dem die familiäre Situation „Sechs Monate später“ (ebd., 195; Hervorhebung im Original) geschildert wird, ändert sich Annis Zeitrechnung. Nun schaut sie nach vorne – hin zur Hochzeit der Tante: „Donnerstag, den 22. September – noch 2 Tage“ (ebd., 197; Hervorhebung im Original).

2.3.2.  Die tote Mutter: endgültige und nicht-intentionale Abwesenheit

Zu Beginn der Erzählung schildert Anni den Alltag der Familie. Wiederholt verweist sie dabei auf den Tod der Mutter: „Sally redet kaum noch mit mir, seit Mama tot ist“ (ebd., 18), „[e]s war das erste Mal, dass ich ihn lachen hörte, seit Mami tot ist“ (ebd., 60). Der Zeitpunkt des Todes der Mutter markiert den Nullpunkt in Annis Leben.

Auffällig ist dabei, dass sich, trotz vieler solcher Verweise, kaum Informationen über die Figur der Mutter finden. Man erfährt lediglich in einigen kurzen Analepsen, dass Annis Mutter Rose hieß (ebd., 28), dass sie Anni oft bei den Hausaufgaben geholfen (ebd., 123) und sie ins Bett gebracht hat (ebd., 26), dass sie gerne im Garten gearbeitet (ebd., 104) und Tagebuch geführt hat – und dass sie von einem Bus der Linie 82 (ebd., 84) überfahren worden ist, als sie mit dem ← 306 | 307 Fahrrad unterwegs war. Sie bleibt insgesamt aber kaum determiniert und manifestiert sich innerhalb der Erzählung eher als Sehnsuchtsfigur des Kindes. Auf diese Art und Weise wiederum scheint sie allgegenwärtig, was in den repetitiven Verweisen auf die seit dem Unfall vergangene Zeit immer wieder deutlich wird.

Das Fehlen der Mutter wird aber vor allem dadurch besonders deutlich, dass die Familie nun nicht mehr funktioniert. Neben dem völligen Zusammenbruch der familiären Versorgung (Das Haus versinkt im Chaos [vgl. Newman 2011, 25], es gibt jeden Tag Tiefkühlpizza [vgl. ebd., 23] und die Kinder putzen sich nicht mehr die Zähne [vgl. ebd., 89]) werden vor allem die emotionalen Bedürfnisse der Kinder nicht befriedigt, sie wirken zunehmend völlig haltlos. Entsprechend konsequent erscheint auch die Unterdeterminiertheit der Mutterfigur: Die kindliche Erzählerin vermisst nicht die Figur Rose – sondern sie sehnt sich (verständlicherweise) nach ihrer Mutter. Relevant ist hier auch der Kontrast der mütterlichen und der väterlichen Abwesenheit: Anders als die Mutter ist Annis Vater zwar physisch da, aber durch seine Geistesabwesenheit auch verantwortlich für die Verwahrlosung der Kinder. Erst als er einen Weg aus der Trauer findet, ändert sich Annis Situation.

Nur nebenbei wird klar, dass Anni ein adoptiertes Kind ist. Sie ist chinesischer Abstammung und unterscheidet sich im Aussehen deutlich von ihren Eltern und Geschwistern. An keiner Stelle des Romans zweifelt Anni daran, dass Rose ihre ‚richtige‘ Mutter gewesen ist. Dennoch sieht sie sich wiederholt den Hänseleien einer Mitschülerin ausgesetzt, und als diese ihr schließlich sagt: „Es war ja nicht mal deine richtige Mutter, oder?“ (ebd., 188), verteidigt sich Anni zum ersten Mal. Sie entgegnet: „[W]enn du jemals wieder eine Gemeinheit über mich oder meine Mutter oder meine Freundin sagst, bringe ich dich um!“ (Ebd., 190) Hier, so wie an vielen anderen Stellen des Romans zeigt sich, wie wichtig dem Kind seine Mutter nach wie vor ist – und es manifestiert sich zugleich auf diese Weise ein uneingeschränkt positiver erzählerischer Blick.

Das Erzählende wird durch Anni sehr positiv gestaltet, was auch dem Erzählaufbau entspricht, denn die Familie muss aus einer stagnierten Anfangssituation herausfinden, was ihr schließlich auch gelingt.

Ich habe mir die Zähne geputzt, volle drei Minuten lang … okay, vielleicht nicht ganz … und bin dann unter meine Decke gekrochen. Socky hat schon geschlafen und deshalb wollte ich ihn nicht stören, aber ich habe Mamis Foto erzählt, dass es ein wunderschöner Tag gewesen war. Dann hab ich ihr noch eine gute Nacht gewünscht, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie tatsächlich bei mir war. Und beim Einschlafen hörte ich die Band in der Ferne den Song „O wie schön ist die Welt“ spielen. (Ebd., 236 f.)

Diese Sequenz nimmt einige Handlungselemente wieder auf, die während des Romans zuvor in ‚problematischen’ Kontexten relevant waren, und führt sie ins ← 307 | 308 Positive. Im Gegensatz zu dem den Roman wie ein roter Faden durchziehenden Motiv des mütterlichen Fehlens scheint die Mutter nun erstmals ‚da’ zu sein.

Zusammenfassend lässt sich die Abwesenheit der Mutter in Anni als endgültig und nicht-intentional beschreiben. Sie manifestiert sich vor allem in der Sehnsucht des Kindes, dessen ‚neuer‘ Alltag sich seit dem Tod der Mutter durch Vernachlässigung auszeichnet. Am Erzählende löst sich diese Situation jedoch auf, und die Familie findet einen neuen Weg des Zusammenlebens. Wie in Die Füchse von Andorra hat die mütterliche Abwesenheit eine mimetische Funktion – Newman zeigt die Auswirkungen, die der Verlust der Mutter auf die Familie hat. Der erzählerische Blick des Kindes auf die Mutter ist dabei durchweg positiv.

2.4.  Die dauerhafte und intentionale Abwesenheit der Mutter in Peter Härtlings Paul das Hauskind14: „Meine Mama will sowieso in New York bleiben“

2.4.1.  Histoire und Discours

Der zwölfjährige Paul hat es nicht leicht: Seine Mutter arbeitet seit einiger Zeit in New York und auch sein Vater fährt immer wieder auf Geschäftsreise. Das Kind lassen die Eltern alleine zu Hause, und die Nachbarin, Frau Kamenz, passt auf den Jungen auf. Paul ist keinesfalls zufrieden mit der Situation, und auch seine schulischen Leistungen lassen zunehmend nach. Doch Paul lebt in einem großen Haus mit einer sehr bunten Hausgemeinschaft – und die verschiedenen Mieter nehmen sich zunehmend des Jungen an. Als Frau Kamenz dann ins Krankenhaus muss, wird Paul kurzerhand im Haus ‚herumgereicht‘, immer findet sich jemand, der sich um das Kind kümmert. Insbesondere der rüstige Dr. Schwarzhaupt übernimmt die Verantwortung für den Jungen. Doch Paul vermisst seine Eltern. Bald ist klar, dass sich die Eltern scheiden lassen. Der Vater wird depressiv; er erträgt die Situation nicht und weist sich selbst in eine Klinik ein. Von der Mutter hört Paul wenig, sie schreibt allenfalls gelegentlich eine E-Mail und ist nicht für den Jungen da. So lebt der Junge in einer höchst ambivalenten Situation: auf der einen Seite in liebevoller Obhut der gesamten Hausgemeinschaft, auf der anderen Seite vernachlässigt von den Eltern und voller Sehnsucht nach der weit entfernten Mutter. Schließlich begehen alle Bewohner des Hauses zusammen mit Paul dessen Geburtstagsfeier – und auch Pauls Vater ist wieder aus der Klinik zurück. Die Mutter erscheint mit Verspätung am Tag darauf: In einem Hotel trifft sie ← 308 | 309 sich mit ihrem Sohn. Auf seine Frage, warum sie sich nicht um ihn kümmere, antwortet sie: „Du weißt, dass ich oft verreist bin, mich nicht um dich kümmern könnte.“ (Härtling 2010, 181) Dem Jungen ist das zu viel, er verlässt sie und geht mit Dr. Schwarzhaupt „nach Hause ins Haus“ (ebd., 182).

Die wichtigsten Themen dieses Kinderromans sind Familie im Allgemeinen und elterliche Verantwortung im Besonderen. Auch die sehr fürsorgliche Hausgemeinschaft kann das Fehlen der Eltern – insbesondere das der Mutter – nicht auffangen.

Paul das Hauskind wird von einem heterodiegetischen Erzähler erzählt, der nahezu durchgehend an die Wahrnehmung des Protagonisten gebunden ist. Durch diese Darstellung erfährt man viel über Pauls Gefühle, die Beweggründe und Gefühle der Mutter bleiben jedoch außerhalb seiner Wahrnehmung und sind nur punktuell und minimal erkennbar.

2.4.2.  Die vernachlässigende Mutter: endgültige und intentionale Abwesenheit

Über die Figur der Mutter erfährt man explizit nur sehr wenig: Sie arbeitet in New York (vgl. ebd., 11) und ist eine gut aussehende Frau (vgl. ebd., 179) mit einer „dunklen, rauen Stimme“ (ebd., 143). Ihre Karriere ist ihr sehr wichtig und sie lebt in Trennung von ihrem Mann. Gelegentlich schreibt sie ihrem Sohn Emails, diese sind sehr kurz und wenig emotional gehalten:

Hallo, mein Paul! New York ist eine tolle Stadt. Sie würde dir bestimmt gefallen, obwohl es keine Stadt für Kinder ist. Wahrscheinlich hat dir Rudi schon gesagt, dass ich noch längere Zeit bleiben muss. Die Arbeit macht mir Spaß. Ich hoffe sehr, du kommst ohne mich zurecht. Ein Kuss von Deiner Mama. (Ebd., 39 f.)

Gleich im zweiten Satz schränkt sie ein, dass New York wohl nicht für Paul geeignet sei, und signalisiert so Ablehnung ihm gegenüber. Paul leidet sehr unter ihrem Fehlen, und er wird zusehends wütender. Im ersten von zwei Telefonaten, die sie mit ihm führt, zeigt sich die Mutter wenig einfühlsam und sagt: „Es geht nicht anders. Aber wir werden auf jeden Fall für dich da sein, wir beide. Du sollst nicht unter unserer Trennung leiden.“ (Ebd., 62) In Anbetracht der Situation des Jungen ist diese Aussage nahezu unverschämt. Als sie dann auch trotz Ankündigung nicht zu seiner Geburtstagsfeier erscheint und auch das falsche Geschenk schickt, ist die Enttäuschung des Jungen besonders groß. Immer wieder wird Paul von ihr enttäuscht, aber schließlich ist er es, der seine Mutter verlässt, nachdem sie ihn bei ihrem Treffen wieder vor den Kopf gestoßen hat: „Du weißt, dass ich oft verreist bin, mich nicht um dich kümmern könnte.“ (Ebd., 181) Paul rennt aus dem Hotelzimmer und wartet draußen auf Doktor Schwarzhaupt. „‚Nach Hause?‘, ← 309 | 310 fragte Paul und Doktor Adam gab gleich die richtige Antwort: ‚Gehen wir nach Hause ins Haus.‘ ‚Ja‘, sagte er, ‚und mein Papa gehört dazu.‘“ (Härtling 2010, 182)

Es lässt sich zusammenfassen, dass die Mutter des Protagonisten in Paul das Hauskind nur sehr wenig determiniert ist, und ihre Abwesenheit als dauerhaft und intentional beschrieben werden kann. Lediglich am Ende der Erzählung ist sie da – um ihrem Sohn zu sagen, dass der Vater das Sorgerecht für ihn bekommen wird. Trotz der sich am Ende abzeichnenden Endgültigkeit ihrer Abwesenheit ist das Ende insofern positiv, als dass Paul in die Geborgenheit der Hausgemeinschaft und die Obhut seines nun genesenden Vaters zurückkehren kann. Durch die enge Bindung der Erzählperspektive an Pauls Wahrnehmung erfährt man nichts über die Beweggründe und Gefühle der Mutter – zugleich jedoch wird eine erhebliche Verletzung des Jungen durch die Handlungen der Mutter manifest. Auch der mütterlichen Abwesenheit in Paul das Hauskind kommt eine unübersehbare gesellschaftskritische Funktion zu: Die Mutter agiert sehr egoistisch und im Zuge der Scheidung wird das Kind von den Eltern vernachlässigt. Die nicht-intentionale Abwesenheit des Vaters ist im Gegensatz zum Verhalten der Mutter nachvollziehbarer und weniger negativ gestaltet. Wie auch die Mütter der Protagonistinnen in Sommersprossen auf den Knien und Die Füchse von Andorra bleibt die Mutter in Paul das Hauskind namenlos.

3.    Fazit

Untersucht wurden vier aktuelle Kinderromane mit abwesenden Mutterfiguren, deren jeweilige Abwesenheit sich hinsichtlich Dauer und Intentionalität jedoch grundlegend unterscheidet: ein Roman mit temporärer und intentionaler Abwesenheit (Sommersprossen auf den Knien), ein Roman mit temporärer und nicht-intentionaler Abwesenheit (Die Füchse von Andorra), ein Roman mit endgültiger und intentionaler Abwesenheit (Paul das Hauskind) und ein Roman mit endgültiger und nicht-intentionaler Abwesenheit (Anni). Als wichtig stellt sich die jeweilige Schlussgestaltung heraus. Besonders im Hinblick auf ein potentielles Erzählerurteil bezüglich der mütterlichen Abwesenheit ist sie von hoher Bedeutung – nur in Paul das Hauskind zeigt sich ein durchgängig negatives Mutterbild, wobei dies ebenfalls der Schlussgestaltung des Romans entspricht. Weiterhin zeigt sich bei den vier untersuchten Romanen eine Unabhängigkeit der erzählerischen Bewertung von der Figurenkonzeption. Drei von vier Werken liefern sehr wenig determinierte Mutterfiguren, lediglich die Mutter in Die Füchse von Andorra wird als Individuum ausgestaltet – und nur von der Mutter in Anni erfährt man den Namen. Dennoch: In allen vier Romanen ist die Figur der Mutter von hoher Bedeutung für die jeweilige Erzählung, ihre Abwesenheit hat für alle Kinder ein ← 310 | 311 hohes Gewicht. Die Funktion der mütterlichen Abwesenheit ist damit in allen vier Fällen zunächst als intern und mimetisch zu bezeichnen. Sowohl in Sommersprossen auf den Knien wie auch in Paul das Hauskind kommt zu dieser internen Funktion jedoch eine externe, gesellschaftskritische Funktion hinzu: In beiden Romanen wird am Fehlen der Mutter zugleich ein gesellschaftliches Phänomen aufgezeigt – und durch die jeweilige Erzählinstanz bewertet. Insgesamt ergibt sich für die vier untersuchten Werke ein insgesamt durchaus komplexes Bild mütterlicher Abwesenheit, und es ist bezeichnend, dass allein im Fall einer intentional und endgültig abwesenden Mutter, also einer Mutter, die sich absolut und willentlich von ihrem Kind abwendet, ein negatives Mutterbild gezeichnet wird.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Baisch, Milena: Anton taucht ab. [Ill.: Elke Kusche.] Weinheim [u. a.]: Beltz & Gelberg 2010.

Boie, Kisten: Mit Kindern redet ja keiner. Hamburg: Oetinger 1990.

Boie, Kirsten: Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein. Stempelbilder von Jutta Bauer. Hamburg: Oetinger 1997.

Boie, Kirsten: Nella Propella. Zeichnungen von Silke Brix-Henker. Hamburg: Oetinger 1994.

Härtling, Peter: Das war der Hirbel. Weinheim [u. a.]: Beltz & Gelberg 1973.

Härtling, Peter: Jette. Roman für Kinder. Weinheim [u. a.]: Beltz & Gelberg 1995.

Härtling, Peter: Paul das Hauskind. Roman für Kinder. Weinheim [u. a.]: Beltz & Gelberg 2010.

Hein, Christoph: Mama ist gegangen. Roman für Kinder. Mit Vignetten von Rotraut Susanne Berner. Weinheim [u. a.]: Beltz & Gelberg 2003.

Kästner, Erich: Das doppelte Lottchen. Illustrationen von Walter Trier. Sonderausg. Hamburg: Dressler 2000. – EA: Zürich: Atrium-Verl. 1949.

Kästner, Erich: Pünktchen und Anton. Illustrationen von Walter Trier. Ungekürzte Ausg., Sonderausg. München: Dt. Taschenbuch-Verl. 2002. – EA: Berlin: Williams 1931.

Lagercrantz, Rose: Mein glückliches Leben. Aus dem Schwed. von Angelika Kutsch. Mit Ill. von Eva Eriksson. Frankfurt a. M.: Moritz-Verl. 2011.

Lembcke, Marjaleena: Die Füchse von Andorra. München: Nagel & Kimche 2010.

Newman, John: Anni. Aus dem Engl. von Anne Braun. Mit Vignetten von Heike Herold. Frankfurt a. M.: Fischer Schatzinsel 2011. ← 311 | 312

Nöstlinger, Christine: Als mein Vater die Mutter der Anna Lachs heiraten wollte. Hamburg: Oetinger 2013.

Opel-Götz, Susann: Außerirdisch ist woanders. Hamburg: Oetinger 2012.

Parr, Maria: Sommersprossen auf den Knien. Mit Ill. von Heike Herold. Aus dem Norweg. von Christel Hildebrandt Hamburg: Dressler 2010.

Richter, Jutta: Hechtsommer. München: Hanser 2004.

Schmitz, Jowi: Olivia. Manchmal kommt das Glück von ganz allein. Aus dem Niederländ. von Bettina Bach. Mit Ill. von Eva Schöffmann-Davidov. München: Hanser 2012.

Spyri, Johanna: Heidis Lehr- und Wanderjahre. 2. Aufl. Würzburg: Arena 1997 (Arena Kinderbuch-Klassiker). – EA u.d.T.: Heidis Lehr- und Wanderjahre. Eine Geschichte für Kinder und auch für Solche, welche die Kinder lieb haben. Gotha: Perthes 1880.

Steinhöfel, Andreas: Rico, Oskar und die Tieferschatten. Mit Bildern von Peter Schössow. Hamburg: Carlsen 2008.

Wölfel, Ursula: Das Miststück. In: Dies.: Die grauen und die grünen Felder. Wahre Geschichten. Mülheim a.d. Ruhr: Anrich 1970, 79–86.

Sekundärliteratur

Armbröster-Groh, Elvira: Der moderne realistische Kinderroman. Frankfurt a. M.: Peter Lang 1997.

Daubert, Hannelore: Moderne Kinderromane. In: Günter Lange (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Ein Handbuch. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2011, 87–105.

Frickel, Daniela: Periphere Personen im Zentrum – Mütter am Rande. In: 1000 und 1 Buch. Das Magazin für Kinder- und Jugendliteratur (2011), H. 4, 14–19.

Kliewer, Annette: „Erwachsene kannst du vergessen!“ Abwesende Eltern und kompetente Kinder im aktuellen Jugendbuch. In: interjuli. Internationale Kinder- und Jugendliteraturforschung (2012), H. 2, 6–21.

Minges, Britta: Patchworkfamilien in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Innsbruck [u. a.]: StudienVerlag 2013.

Stenzel, Gudrun: Kindheitstraum und Kindheitsalptraum. In: Gottfried Mergner/Peter Gottwald/Maria Balg (Hrsg.): Liebe Mutter – böse Mutter: angstmachende Mutterbilder im Kinder- und Jugendbuch; Katalog zur Ausstellung im Rahmen der 15. Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse 1989 im Stadtmuseum Oldenburg. Oldenburg: Bibliotheks- und Informationssystem der Universität 1991, 59–75. ← 312 | 313 →


1     Dieses Phänomen lässt sich auf den zweiten Blick mit Bezug auf die Mutterschaftsideologie des Nationalsozialismus als ‚Scheu‘ interpretieren.

2     Zur Mutter-Tochter-Beziehung in Nella Propella vgl. auch Minges 2013, 103 ff.

3     Frickel bezieht sich vor allem auf Jugendbücher, schließt mit den Erzählungen Jette (1995) von Peter Härtling, Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein (1997) und Mit Kindern redet ja keiner (2005) von Kirsten Boie sowie Mama ist gegangen von Christoph Hein (2003) aber auch vier Kinderromane in ihre Ausführungen ein. Zu einem ähnlichen Ergebnis – allerdings ebenfalls vorrangig auf aktuelle Jugendromane bezogen – kommt auch Annette Kliewer in ihrer Untersuchung über abwesende Eltern (vgl. Kliewer 2012).

4     Allerdings handelt es sich hier – im Unterschied zu den anderen aufgeführten Titeln – nicht um die Mutter des Protagonisten.

5     Auch wenn Pünktchen und Anton mit einer Erstveröffentlichung im Jahre 1931 vor dem in diesem Aufsatz gesteckten Zeitrahmen liegt, soll dieses Beispiel wegen seiner Deutlichkeit hier herangezogen werden.

6     Die Auswahl der Romane erfolgte auf Grundlage der Themenstellung, wobei ‚ausgezeichnete‘ oder positiv rezipierte Werke vorrangig behandelt wurden. Bei zwei der ausgewählten Texte handelt es sich um Übersetzungen: Im Fall von Sommersprossen auf den Knien ist dies auch dem Umstand geschuldet, dass in diesem Roman die zu zeigende intentionale berufliche Abwesenheit besonders sichtbar wird – und zudem noch von der Erzählinstanz positiv bewertet wird. Mit der Auswahl sowohl deutschsprachiger Titel (Die Füchse von Andorra und Paul das Hauskind) als auch Übersetzungen (Sommersprossen auf den Knien und Anni) soll zudem abgebildet werden, dass es sich bei dem untersuchten Gegenstand um ein transnationales Phänomen handelt.

7     Maria Parrs Kinderroman Tonje Glimmerdal wurde 2009 im norwegischen Original bei Det Norske Samlaget (Oslo) veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung erschien 2010 unter dem Titel Sommersprossen auf den Knien im Hamburger Dressler-Verlag. Der von Heike Herold illustrierte Roman hat 256 Seiten und wird vom Verlag für Kinder ab acht Jahren empfohlen. In Norwegen wurde das Werk mit dem Bragepreis ausgezeichnet.

8     Auffallend sind die vielen intertextuellen Verweise in Sommersprossen auf den Knien: zu Johanna Spyris Heidi, zu den nordischen Kinderbuchklassikern Astrid Lindgrens sowie zu dem norwegischen Märchen De tre bukke Bruse (deutscher Titel: Die drei Böcke Bruse). Heidi wird explizit in die Handlung eingeführt: Tonje findet und liest den Roman anfangs bei Gunnvald. Die Geschichte um Gunnvalds Tochter Heidi weist dann auch deutliche Parallelen zu Spyris Roman auf. Rekurrenzen zu Lindgrens Werk finden sich eher sporadisch in Form von Figurenbeschreibungen oder Handlungselementen. So erfährt man beispielsweise über Heidi: „Sie sieht aus wie eine riesige Ronja Räubertochter, findet Tonje.“ (Parr 2010, 118) Auf eine tiefergehende Analyse wird hier allerdings verzichtet; dies ist dem begrenzten Umfang der Untersuchung geschuldet.

9     An dieser Stelle sei auf den Unterschied zu Kästners Das doppelte Lottchen hingewiesen: Die dort umgesetzte berufliche Abwesenheit der Mutter wurde oben in diesem Aufsatz als nicht-intentional herausgestellt.

10   Ob und inwieweit dieses Familienbild tatsächlichen gesellschaftlichen Gegebenheiten entspricht, kann und soll in diesem Beitrag nicht untersucht werden. Relevant ist hier lediglich die Tatsache, dass dieses Mutterbild als ein ‚Idealbild‘ dargestellt wird.

11   Marjaleena Lembckes Die Füchse von Andorra erschien 2010 bei Nagel & Kimche. Der Roman umfasst 128 Seiten und wird vom Verlag für Kinder ab neun Jahren empfohlen.

12   Später klärt sich auf, dass der Vater in Zusammenhang mit dem Thema Depression von der „Büchse der Pandora“ (Lembcke 2010, 103) gesprochen hatte.

13   Der Roman wurde 2010 unter dem Originaltitel Mimi bei Walker Books in London veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung erschien 2011 im Fischer Verlag. Der Roman umfasst 239 Seiten und wird vom Verlag für Kinder ab acht Jahren empfohlen.

14   Paul das Hauskind ist 2010 im Verlag Beltz & Gelberg erschienen. Der Roman hat 182 Seiten und wird vom Verlag für Kinder ab 11 Jahren empfohlen.