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«Die Zeitalter werden besichtigt»

Aktuelle Tendenzen der Kinder- und Jugendliteraturforschung – Festschrift für Otto Brunken

Series:

Edited By Gabriele von Glasenapp, Andre Kagelmann and Felix Giesa

Die Autoren widmen sich drei unterschiedlichen Schwerpunkten der Kinder- und Jugendliteraturforschung: den historischen Aspekten, der kinder- und jugendliterarischen Bildforschung sowie in thematischen und narratologischen Einzelstudien Aspekten aktueller und historischer Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik. Diese Schwerpunkte stecken zugleich die Arbeits- und Forschungsbereiche Otto Brunkens ab, dem dieser Band gewidmet ist. Otto Brunkens Lehr- und Forschungstätigkeit liegt seit rund drei Jahrzehnten maßgeblich auf der gesamten Bandbreite der (historischen) Kinder- und Jugendliteraturforschung sowie der Literaturkritik und den Bildmedien.
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Zwischen Allmacht und Ohnmacht – ein Versuch über die Darstellung von Ritualen als Strategien männlicher Adoleszenz

Thomas Mayerhofer (Bonn)

Zwischen Allmacht und Ohnmacht – ein Versuch über die Darstellung von Ritualen als Strategien männlicher Adoleszenz

Diese Jugendlichen! Sie hängen sinnlos herum, sie betrinken sich sinnlos oder spielen sinnlose Computerspiele! Sinnlos? Unter Gesichtspunkten von Moral, von Leistung und Produktivität zweifellos – unterstellt man scheinbar sinnlosem Verhalten der Heranwachsenden(gruppen) jedoch einen gewissen Ritualcharakter, erscheinen sie plötzlich subjektiv bedeutsam, psychisch funktional und insofern durchaus sinnvoll.

In diesem Beitrag soll am Beispiel von zwei männlichen Protagonisten aktueller Adoleszenzromane – Es bringen (2014) von Verena Güntner und Hikikomori (2012) von Kevin Kuhn – aufgezeigt werden, inwiefern die Analyse von Ritualen bzw. ritualisierten Handlungen zur Analyse der Figurendarstellung beitragen kann, d. h. wie Rituale die Darstellung unterschiedlicher Adoleszenzverläufe begleiten und spiegeln.

Die Analyse der Figuren geht daher folgenden Leitfragen nach: Welche Formen von Ritualen werden dargestellt? Was leisten diese Rituale für den jeweiligen Protagonisten? Wirken sie progressiv oder regressiv auf die Dynamisierung der Figur? Wie wirken Dynamisierungsprozesse der Figur sich umgekehrt auf ihr Verhältnis zu ihren Ritualen aus?

Bei den ausgewählten Texten handelt es sich um zwei avancierte deutschsprachige Romane dieser Dekade die, wie nachfolgend kurz aufgezeigt werden soll, unter dem Begriff des Adoleszenzromans zu fassen sind. Adoleszenz fungiert als Sammelbegriff aller psychischen, physiologischen und sozialen Veränderungen im Zusammenhang mit dem Erwachsenwerden und bezeichnet insofern ein „psychosoziales Phänomen […] moderner Gesellschaften“ (Weinkauff/Glasenapp 2014, 127 f.). Anders als die Pubertät mit ihren körperlichen Veränderungen lässt sich Adoleszenz altermäßig nicht pauschal festlegen bzw. eingrenzen. In unserer gegenwärtigen Gesellschaft mit ihren langen Ausbildungszeiten und ihrem spezifischen Verständnis von Kindheit und Jugend erstreckt sich dieses „psychosoziale Moratorium“ (ebd.) teilweise bis weit ins dritte Lebensjahrzehnt hinein. Neben dieser „Destandardisierung bzw. Entstrukturierung der Jugendphase“ hat sich Adoleszenz stark individualisiert. Christian Bittner fasst die darin begründeten Herausforderungen in Anlehnung an Zimmermann wie folgt zusammen: Die „größere Vielfalt der Optionen“ bringe ← 313 | 314

Entscheidungszwänge mit sich, die bei Jugendlichen zur Verunsicherung führen könnten. Durch Individualisierungsschübe finde keine einheitliche Abfolge von Entwicklungsaufgaben statt, eine standardisierte ‚Normalbiographie‘ sei nicht gewährleistet. Stattdessen kommt es zur Biographisierung, d. h. dass die eigene Biographie selbst gestaltet werden müsste. […] Verlängerte Schul- und Ausbildungszeiten seien gekoppelt an ökonomische Abhängigkeit von den Eltern bei gleichzeitiger Eigenständigkeit in anderen Lebensbereichen. (Bittner 2012, 32 f.)

Diese Veränderungen bedingen auch die Adoleszenzverläufe bzw. -krisen der Protagonisten Till (Hikikomori) und Louis (Es bringen), die ca. 18 bzw. 16 Jahre alt sind.

Auf inhaltlicher bzw. thematischer und narrativer Ebene tragen die beiden ausgewählten Romane Merkmale des Adoleszenzromans: Sie sind komplexe, teils radikal anmutende „Selbstfindungsprozesse der Protagonisten“ unter „Bezugnahme auf die jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten“ unter „Integration moderner Erzähltechniken“ und „subjektiver Erzählformen“. Hinzu kommen – als Kennzeichen der Postmoderne – „ein Spiel mit den herrschenden Normen und Werten“, „[l]ustvolle Konsumerlebnisse, u. a. Medien-, nicht negativ sanktionierte Drogen- sowie sexuelle Erfahrungen“ und die Darstellung von „sogenannten Verhandlungsfamilien“. (Weinkauff/Glasenapp 2014, 132) „Nur sehr am Rande spiel[en] in der gegenwärtigen Adoleszenzliteratur für Jugendliche“ dagegen die Themen Beruf und Arbeit eine Rolle, was mit der o.a. Ausdehnung des adoleszenten Moratoriums zusammenhängt.

Typischerweise wird aus dem Leben der Protagonisten nur ein „kleiner Abschnitt […] in einer Situation des Übergangs“ dargestellt, die mit einer Identitätskrise einhergeht. (Köbler 2005, 203) Diese Krise hängt mit der Infragestellung des Gewohnten und Gegebenen zusammen und versetzt den Adoleszenten in ein Spannungsfeld „zwischen Omnipotenzphantasien und Einzigartigkeitswünschen einerseits und einer tiefen Unsicherheit andererseits.“ (Ebd., 204) In diesem Zusammenhang scheint es m. E. produktiv, den soziologischen Ritualbegriff zur Betrachtung heranzuziehen, denn zu den Funktionen und ‚Leistungen‘ von Ritualen gehört u. a. eben dies: die Empfindung der eigenen Begrenztheit zu kompensieren.

Im Folgenden sollen daher zunächst der Ritualbegriff und dessen Anschlussfähigkeit hinsichtlich einer Analyse von Adoleszenzromanen problematisiert werden, um diese Anschlussfähigkeit dann an zwei Beispielen zu überprüfen und abschließend die Produktivität des hier gewählten Zugriffs auf Literatur zu erörtern.

Der Ritualbegriff und seine Anschlussfähigkeit für die Analyse von Adoleszenzromanen

Der Ritualbegriff ist in unserem alltäglichen Sprachgebrauch schillernd und hinsichtlich seiner Implikationen uneindeutig: Geht es um frühkindliche Bildung, ← 314 | 315 wird immer wieder betont, dass Kinder Rituale brauchen. Geht es um die katholische Kirche, wird kritisch von den überkommenen Ritualen gesprochen. Ritualmorde können sich in der medialen Öffentlichkeit noch größerer Aufmerksamkeit sicher sein als gewöhnliche Morde. Und was wäre das Weihnachtsfest ohne Rituale? Wenn wir von Ritualen sprechen, assoziieren wir Kontinuität, Verbindlichkeit und einen gewissen ‚heiligen Ernst’. In unsrem Alltag ist ‚Ritual’ eine quasisakrale Steigerung der Routine. Die Wurzel liegt im Religiösen:

Das Ritual ist eine in der institutionellen Religion entstandene kulturelle Form der Gestaltung von Lebensentwürfen. Es wirkt auch in nach-religiösen Lebenskontexten weiter, weil es nicht ein spezifisch religiöses, sondern ein allgemeines subjektiv-biografisches und gesellschaftliches Grundparadox bearbeitet – das Paradox von Endlichkeitserfahrung und Unendlichkeitswunsch. (Bosse 2005, 358)

Dieses Paradox entsteht, wie Hans Bosse ausführt, in der Phase der Adoleszenz durch die Erfahrung der grundsätzlichen eigenen Begrenztheit, die trotz der zunehmenden Unabhängigkeit von äußeren Direktiven bestehen bleibt. (Vgl. ebd.) Erlebt sich das Subjekt als der eigenen Begrenztheit ausgeliefert, d. h. scheint diese weder überwindbar noch kompensierbar, kann sich das dadurch entstehende Ohnmachtsgefühl zur Krise steigern. Auf der Grundlage von Fallstudien und qualitativen Interviews mit Angehörigen von Jugendgruppen bzw. -szenen beschreibt Bosse die Funktion von (säkularisierten) Ritualen:

Der Sinn des Rituals […] liegt in seinem Vollzug, durch den das Ohnmachtsgefühl in ein Machtgefühl umgewandelt wird, die Erfahrung des Ausgeliefertseins in eine rituelle Erfahrung der eigenen Wirkmächtigkeit. Das Gefühl der Wirkmächtigkeit resultiert aus der Erfahrung, dass sich die eigene Endlichkeit im (gemeinsamen) rituellen Handeln kontrollieren oder beherrschen lässt. (Bosse 2005, 358)

Doch wie kommt diese existentiell bedeutsame Wirkung zustande? Folgt man Bosse, so hat man in jedem Mitglied eine Wir-Repräsentanz anzunehmen, die ähnlich strukturiert ist wie das Selbst:

In der Wir-Repräsentanz ist genauso das Gemeinsame der Gruppe wie auch das Individuelle ausgedrückt (Ich im Wir). Das Gleiche gilt für das Wir-Gewissen (so sollen wir sein) und das Wir-Ideal (so möchten wir sein), das jeweils eine Ich-Bestimmung enthält (so soll oder möchte ich sein). (Ebd.)

Das Selbst konstituiert sich dabei immer unter Bezug auf die Wir-Repräsentanz, d. h. die Frage „Wer möchte ich sein?“ wird zur Frage „Wer möchte ich in dieser Gruppe sein?“. Die Gruppe bestätigt sich, ihren Inhalt bzw. Zweck sowie das Selbst jedes einzelnen Mitglieds durch die gemeinsam ermöglichte Erfahrung von (Gestaltungs-)Macht der Gruppe. ← 315 | 316

Laut Bosse waren junge Männer in den Adoleszenzritualen „der magisch-rituellen Epoche (und weitgehend auch der monotheistischen Hochkulturen der Vormoderne)“ (Bosse 2005, 348) Objekte ritueller Handlungen. Die Rituale dieser Zeit sind häufig durch Trennung von der Gruppe, Erniedrigung des Adoleszenten und Gewalt, die dieser erleiden muss, geprägt. Daraus folgert Bosse, dass diese Rituale die Funktion erfüllen, die Heranwachsenden, welche potentiell die bestehende Ordnung gefährden, in ihre Schranken zu weisen, sie rituell zu vernichten und als integrierter Teil der männlichen Erwachsenengruppe wiederauferstehen zu lassen. Mit der Moderne verändern sich, so Bosse, zwei Dinge grundlegend: Zum einen säkularisieren sich die Rituale, zum anderen wandeln sich die Adoleszenten von Objekten der Rituale zu Subjekten, welche diese selbst gestalten. Dadurch, dass sie zumeist viel weniger durch äußere Zwänge determiniert sind als frühere Generationen, verschärft sich das o.a. Paradox zwischen Allmachtswunsch und Ohnmachtserfahrung, kann doch das Erleben von Ohnmacht bzw. Begrenztheit nicht den äußeren Zwängen zugeschrieben werden, sondern muss als zum Selbst zugehörig bewältigt werden. „Rituale, vor allem in gleichaltrigen Gruppen, erhalten Attraktivität durch die Aussicht, den Begrenzungen der individuellen Existenz zu entkommen, sie zu relativieren oder zu transformieren.“ (Ebd., 350 f.) Als zumindest formal mit den Anderen gleichgestelltes Mitglied der Peer-Group ist der Einzelne also Subjekt und Objekt der Rituale einer Gruppe. Das korrespondiert mit der gängigen Vorstellung, dass Adoleszente in einer Peer-Group nahezu frei von der Kontrolle durch Erwachsene experimentell Entwürfe ihrer Identität erproben können (vgl. King 2013, 229). Allerdings sind auch solche informellen Gleichaltrigengruppen in der Regel nicht völlig egalitär und die „Übergänge zwischen spielerischem und riskantem Austesten von Grenzen und jene zur Devianz oftmals fließend“ (ebd., 230). Insofern haben auch die in Peer-Groups praktizierten Rituale hinsichtlich der Entwicklung der Adoleszenten progressive und regressive Anteile.

Rituale stellen jedoch nicht nur intragenerationelle Bindungen her bzw. dienen im kollektiven Vollzug der Bewältigung adoleszenter Verunsicherungen, sondern spielen insbesondere in intergenerationeller Hinsicht eine bedeutende Rolle, was sich auch in den beiden hier vorzustellenden Romanen zeigen wird:

In der Moderne, mit ihrer Hervorbringung der Kleinfamilie und ihren potentiellen internen intimen Beziehungen, auch zwischen den Generationen, wird nicht nur die neue Integration des Adoleszenten in die Gesellschaft mit ihren vielfältigen beruflichen, bürgerlichen und politischen Wir-Repräsentanzen komplexer, es tritt auch die Chance und Notwendigkeit einer Ablösung von der kindlichen Familienrepräsentanz, der Aufbau einer nachkindlichen Beziehung zur Herkunftsfamilie und die Chance hinzu, eine eigene Repräsentanz einer eigenen künftigen Familie oder Partnerbeziehung aufzubauen. (Bosse 2005, 353) ← 316 | 317

Im Vordergrund stehen laut Bosse dabei Aspekte des „Kampfes um Anerkennung, der intergenerationellen Rivalität und vor allem der Trennung oder Ablösung“ (Bosse 2005). Dabei lassen sich aus soziologischer Perspektive zwei Ritualtypen unterscheiden, die mit zwei typischen Mustern von Adoleszenzverläufen korrespondieren, wie sie die Soziologie skizziert: dem reflexiven, autonomie-orientierten und dem konventionellen (vgl. ebd., 359). Ersterem entsprechen kreative Rituale, welche die als krisenhaft erlebten, u. U. traumatischen Endlichkeits- und Begrenztheitserfahrungen integrieren und so beherrschbar erscheinen lassen. Letzterem entsprechen Rituale, die auf „eine illusionäre Aufhebung der biografischen Begrenzungen“ abzielen. (Ebd.) In beiden Fällen ist nicht davon auszugehen, dass im Ritual eine bewusste Auseinandersetzung mit der Wir-Repräsentanz der Herkunftsfamilie des Adoleszenten stattfindet.

Die Rituale dienen vielmehr dazu, entweder eine Ersatz- und Gegenwelt für die annullierte Familie zu erschaffen, oder sie fungieren als eine Übergangswelt […]. Diese zeitlich und räumlich begrenzte Übergangswelt kann als sicherer Ort dienen, an dem zum ersten Male ein eigener, kreativer Lebensentwurf ausgebildet werden kann, bei dem der Adoleszente sich als eigener Akteur und das heißt als Subjekt seines Lebensentwurfs ins Spiel bringt. (Ebd.)

Damit kann in der folgenden Analyse der Rituale in den beiden ausgewählten Adoleszenzromanen in intragenerationeller Hinsicht zwischen produktiven und regressiven, in intergenerationeller Hinsicht zwischen kreativen und reaktiven Ritualen unterschieden werden. Um die Produktivität des aus der Soziologie entlehnten Fokus auf die Rituale der Adoleszenten zu überprüfen, wurden zwei Romane ausgewählt, deren Protagonisten sich von ihren sozialen und familiären Bedingungen sowie von ihrem Charakter her deutlich unterscheiden und die stark divergierende Formen von Ritualen ausprägen. In den Einzelanalysen sollen jeweils kurz die Handlung und der Protagonist bzw. Ich-Erzähler vorgestellt werden, im Anschluss daran das familiäre Bedingungsfeld untersucht und die Formen der Rituale dargestellt werden. An die Einordnung dieser Rituale als (intragenerationell) progressiv bzw. regressiv sowie (intergenerationell) kreativ bzw. reaktiv schließt sich ein Fazit über die jeweiligen Wechselwirkungen zwischen Dynamik bzw. Statik der Figur im Zusammenhang mit den praktizierten Ritualen an. Anhand der beiden ausgewählten Romane lässt sich gut die Anschlussfähigkeit des Ritualbegriffs erproben. Während Es bringen von Verena Güntner konventionelle, literarisch zugespitzte, aber im Kern gängige moderne Adoleszenzrituale beinhaltet, sind die Phänomene in Kevin Kuhns Hikikomori vielschichtiger und komplexer, mithin schwieriger einzuordnen. ← 317 | 318

Verena Güntner: Es bringen (2014)

Der sechzehnjährige Louis hat vom Schicksal nicht die besten Karten in die Hand bekommen: Seine Kindheit hat er im Schatten der Plattenbauten mit dem Anhäufen von Gewalterfahrungen gemacht, für die der neue Freund seiner ziemlich jungen Mutter sorgte. Aber Louis hat eine Mutter, die er über alles liebt, und einen besten Freund, den er bewundert. Er hat einen unheimlichen Schlag bei Frauen. Und er hat sein Training. „Wenn du nicht dumm sterben willst, musst du dir Sachen genau anschauen, sie üben, und zwar: bis du sie kannst. […] Ich will nicht dumm sterben.“ (Güntner 2014, 9) Er ist der Trainer und die Mannschaft, so lautet sein Mantra. Was er als Training bezeichnet, sind ritualisierte Praktiken im Sinne von normativ determinierten Verhaltensmustern, denen er sich selbst und nach Möglichkeit auch die Mitglieder seiner Peer-Group unterwirft:

Am Wochenende ist Saufen. Immer. […] Wir haben ein eigenes System, ‚Raufdichten‘ genannt. 1. Bier, 2. Wodka-Red Bull, 3. Kurze. Wir arbeiten uns prozentemäßig hoch, Marco ist für’s Öffnen zuständig. Er reicht jedem von uns ein Bier, und wenn die leer sind, die zweite Runde, dann die dritte. Nach Stufe 1 gehen wir gemeinsam pissen, das ist immer so. Dazu marschieren wir den kleinen Weg durchs Gestrüpp hinter der Esso runter zum Fluss. Ist stimmungsvoller da. Die Bäume der Uferallee stehen in gleichmäßigen Abständen nebeneinander. Jeder hat seinen eigenen Baum, die Aufstellung ist immer gleich. Milan und ich jeweils außen, Marco und die Jungs dazwischen. Wer am längsten pisst, bekommt seinen Anteil vom Alkgeld zurück. (Güntner 2014, 20–27)

Ob es ums Saufen, die Überwindung seiner Höhenangst oder ‚Rotzen’ geht – Louis vergewissert sich in der ritualisierten Wiederholung seiner Selbst und schafft sich so die Illusion von Autonomie und Kontrolle. Seine Handlungen folgen dabei überwiegend1 konventionellen Konzepten prononcierter Männlichkeit und Klischees2, die er zwar perfektioniert, aber kaum reflektiert und die ihn bis in die intimsten Beziehungen hinein bestimmen: ← 318 | 319

Es gibt beim Ficken Fakten, an denen kein Weg vorbeiführt. Erstens: Er muss knallhart sein, ein halbharter Schwanz kommt nicht infrage, dann stimmt was mit der Erregung nicht, die muss überprüft und zur Not muss abgebrochen werden. Zweitens: Stöße müssen immer mitgezählt werden, vom ersten bis zum letzten darf keiner durchrutschen, auch kurz vorm Kommen darf kein Stoß verloren gehen, das ist schwer, sauschwer, muss ich keinem von euch erklären, was kurz vorm Spritzen los ist in der Stube. Drittens: Der erste Stoß muss eine Marke setzen, eine, die zählt, die die Latte hoch hängt. Von der gehst du aus und noch wichtiger: nie wieder zurück! […] Ich fange zum Beispiel immer mit Missionar an, weil ich so die erste Stoßmarke optimal setzen kann. Danach ist der Ablauf jedes Mal anders, bis auf viertens: pro Ficken mindestens fünfmal Stellungswechsel. Wenn du mehr schaffst, super, wenn nicht, sind fünf völlig okay. Alles in allem ist das: der schöne Fickaufbau. (Güntner 2014, 157 ff.)

Diese Rituale sind insgesamt als reaktiv und konventionell zu kennzeichnen, stabilisieren Louis jedoch soweit, dass er sich als optimistischer, selbstbewusster und innerhalb seines sozialen Kontextes erfolgreicher junger Mann konstituieren kann. Das ändert sich schlagartig, als der vier Jahre ältere Milan eine Beziehung mit seiner Mutter beginnt und Louis sich doppelt verraten fühlt. Unbenommen des vertrauten und liebevollen Verhältnisses zwischen Louis und seiner Mutter lösen ihre „quasi-adoleszente[n] Aufbrüche“ und die daraus resultierende Vermischung der Generationengrenzen eine „charakteristische Verlorenheit“ (King 2013, 113) bei Louis aus. Die latente Adoleszenzkrise wird zunehmend unbeherrschbar für ihn.

Während Milan sich aus der Gruppe immer mehr zurückzieht, versucht Louis wenigstens hier die Kontrolle zu behalten, die Führungsrolle einzunehmen und die Rituale aufrechtzuerhalten, die seine Identität bis dahin stabilisiert hatten. Aber es gelingt ihm nicht. Er wird nicht nur beim ‚Wettpissen’ von Marco besiegt, auf den er immer herabgeschaut hat. Zu allem Überfluss sieht er im Suff auf einer Party, wie Jenny, das erste Mädchen, in das er sich ernsthaft verliebt hat, Marco einen ‚Geburtstagsfick’ vor versammelter Mannschaft schenkt (vgl. Güntner 2014, 191–197). Und als er es sofort mit einer Freundin Jennys tun will, um seine heimliche Betroffenheit zu überspielen, bleibt sein Penis „die ganze Zeit ein Toter“ (Güntner 2014, 193). Soziologisch ausgedrückt ist Louis an dem Punkt, an dem „die Peer-Group-Erfahrungen nicht mehr kompensatorisch und innovativ wirken können, sondern (selbst-)destruktive Prozesse und Wiederholungszwänge verstärken.“ (King 2013, 145) An diesem Tiefpunkt angelangt, begibt sich der Protagonist Louis auf eine typische Helden- oder Initiationsreise, die ihn schließlich zur Überwindung seiner Krise befähigt.3 Diese Überwindung spiegelt ← 319 | 320 sich am Schluss des Romans u. a. im weitgehenden Verzicht auf bzw. in der Modifikation der Rituale. Louis unterwirft sich nicht mehr selbstauferlegten Trainings. Er kommuniziert mit einem Mädchen, ohne sie sofort zum Objekt seiner zuvor in der Peer-Group ritualisierten ‚Fickwetten‘ zu machen. Seine neu gewonnene Selbstsicherheit und Autonomie spiegelt sich jedoch am deutlichsten in der Entwicklung eines Rituals, das er und Milan vor ihrem Zerwürfnis und Louis’ Krise gepflegt hatten: Louis hielt für seinen besten Freund Milan immer ein Feuerzeug bereit, um ihm Feuer geben zu können, obwohl er selbst Nichtraucher ist. „Aber ich finde den ganzen Vorgang immer total schön, am meisten, wenn noch andere dabei sind und jeder sehen kann, wie close wir sind, Milan und ich.“ (Güntner 2014, 58) Milan bestätigte dieses Ritual, indem er Louis auch nach Feuer fragte, wenn er selbst welches hatte. Dieses Ritual wird mehrfach im Roman dargestellt:

Milan neben mir dreht.

„Hast du Feuer?“ Er schaut geradeaus.

Ich reiche ihm das Feuerzeug rüber ohne hinzusehen. (Güntner 2014, 143)

Am Ende des Romans hat Louis Milan zwar verziehen, sich aber auch von ihm emanzipiert, was sich in der Aufgabe des Rituals widerspiegelt:

„Hast du Feuer?“ Die Kippe steckt in seinem Mundwinkel.

Sein blasses Gesicht gegenüber meinem, das die Sonne sich die letzten Wochen vorgenommen hat. Ich schüttele den Kopf. Er lächelt, nickt mir zu. Dann greift er in die Tabaktüte, holt ein Feuerzeug raus und zündet sich die Kippe an.

„Bis dann, Chef“, sagt er. (Güntner 2014, 245)

Louis steht am Ende nicht als völlig veränderter, gar ‚geläuterter‘ Mensch da – sein Interesse an Bier und Frauen sowie seine Eitelkeit scheinen ungebrochen – aber er hat sich von den eher regressiven und konventionellen Übergangsritualen, denen er sich unterworfen hatte, befreit und damit an Autonomie gewonnen. Louis musste das ohne die Unterstützung und Lenkung seiner Eltern schaffen. Der Protagonist des zweiten Romans, der hier untersucht werden soll, muss es ebenfalls, wenn auch unter völlig anderen Voraussetzungen.

Kevin Kuhn: Hikikomori (2012)

Till hat einen erfolgreichen Vater, eine erfolgreiche Mutter, eine jüngere Schwester, keine Zulassung zum Abitur, keinen Plan – aber eine Idee. Um den Kopf frei zu kriegen, frei vom Druck, etwas, irgendetwas sein zu müssen und frei vom grenzenlosen Verständnis seiner Eltern, hinter dem sich eine Mischung aus Desinteresse und Dirigismus verbirgt, räumt er sein Zimmer aus. Wo das Bett stand, steht nun „Bett“ auf den Boden geschrieben. Das ist ein Anfang, aber Till will seinen ← 320 | 321 Raum weiter verändern, er beginnt, einen Kokon zu bauen, dessen Zentrum sein Computer bildet – er wird ein Hikikomori.

Er zieht sich zurück, verlässt den Raum immer seltener, meidet die Begegnung mit anderen, auch mit seiner Freundin Kim und seinem Freund Jan, der schließlich sogar ohne ihn auf die geplante Weltreise geht. Till raucht, spielt den Ego-Shooter Medal of Honor, ganze Nächte, Wochen, Monate. Doch er bleibt abhängig von der Welt außerhalb seines Zimmers: von den Nahrungslieferungen seiner Mutter, mit der er über Zettel kommuniziert, die sie sich unter der Tür durchschieben, den Zigaretten, dem Zugang zu Waschmaschine und Dusche.

In Medal of Honor – Allied Assault entwickelt er sich weiter, wird immer besser darin, seine Gegenspieler zu töten. Auch hier ist er minimalistisch: immer derselbe Raum, immer dieselbe Waffe, immer dieselbe Seite. Als es schon lange keine richtigen Gegner mehr für Till alias Apex und sein Team gibt, zu dem auch die Profi-Spieler Das Tapfere Sniperlein und Girl No. 1 gehören, ändert sich etwas. Sie hören von einem neuen Spiel, Minecraft, in dem man seine eigene Welt erschaffen kann, grenzenlos, nach eigenen Vorstellungen, die man mit anderen teilen kann. Till wird zum Schöpfer der Welt O, richtet einen Server ein, der diese Welt 24 Stunden am Tag mit dem versorgt, was sie am Leben hält: Strom und Aufmerksamkeit. Bald wird O, der ebenso künstliche wie paradiesische Ort, in dem es kein Leid, keinen Tod und keine Konflikte gibt, von unzähligen Menschen bevölkert, die sich dort neue Orte und Rollen entwerfen, Freundschaften knüpfen und eine Gemeinschaft bilden.

Gleichzeitig vollzieht Till seinen Rückzug aus der Familie immer radikaler. Als der Strom in Tills Zimmer abgestellt wird, eskaliert die Situation – online und offline. Mit dem offenen Ende bleiben Fragen: Wie künstlich ist das wahre Leben? Wie echt das virtuelle?

Für die hier gewählte Untersuchungsperspektive ist bereits die Ausgangssituation von großem Interesse. Till wird als vermeintlich psychisch labil und potentiell gefährlich vor dem Abitur der Schule verwiesen und verpasst damit die institutionell geregelte Initiation zum Erwachsenendasein, wie sie v. a. von außen, d. h. seitens der Eltern und dem schulischen Umfeld, für ihn vorgesehen schien. Damit bleiben ihm weitere, informellere Rituale verschlossen, wie die geplante Weltreise mit dem Ziel der Selbstfindung bzw. -modellierung. Das Verhältnis zu seiner Herkunftsfamilie wird dominiert von Aspekten des „Kampfes um Anerkennung, der intergenerationellen Rivalität und vor allem der Trennung oder Ablösung“ (Bosse 2005, 353). Tills Eltern erwarten von ihm, dass er die Chancen nutzt, die sie ihm bieten. Er lebt, mit einem Wort Hanno Millesis, „im Fadenkreuz ihrer Fürsorge“ (Millesi 2006, 33). Dabei gestehen sie ihm nahezu jede Form devianten Verhaltens ← 321 | 322 zu, erklären es mit psychoseziererischer Geste gar zur notwendigen Krise, welche Till – wie seine Eltern bereits vor Jahrzehnten – meistern wird, um am Ende ein produktives Mitglied der Gesellschaft und ein vorzeigbarer Sohn zu werden. So doziert Tills Vater gegenüber dessen ehemals bestem Freund Jan über das Ich:

So um 21 muss es kantig werden, sonst lümmelt es das Leben lang wie ein glibberiges Etwas herum, passt sich hier und da an, nimmt mal die, mal jene Form an; und geht dabei verloren, weil es nicht auf das Eigene zurückgreifen kann. Und das Eigene muss das Kantige sein, es muss in den eigenen und in den Augen der anderen weh tun. Das sag ich wirklich aus Erfahrung. (Kuhn 2012, 101)

Diese Form der Enteignung des Kindes, dem Erfolg und Krise als Ergebnisse eigener Wirksamkeit nicht zugestanden werden, verschärft die Rivalität zwischen den Eltern und ihrem Sohn und verhindert gleichzeitig eine Ablösung.

Dass Tills Eltern sein Scheitern zunächst erstaunlich gelassen nehmen, ist aus soziologischer Perspektive nur folgerichtig:

Im Prozess der sozialen Definitionen, Regulationen und Konstruktionen von Jugend geht es i.d.S. um die Absicherung der Privilegien und Machtpositionen von Angehörigen der Erwachsenengeneration. Aus dieser Perspektive sichert sich Macht dadurch, dass die Weitergabe von Privilegien des Erwachsenenstatus möglichst spät erfolgt. […] Aus dieser Perspektive reproduzieren sich privilegierte Positionen über das Maß des in einer Kultur oder innerhalb eines gesellschaftlichen Feldes zur Verfügung stehenden Entwicklungsspielraums. Entscheidend ist es in diesem Sinne nicht, möglichst früh als erwachsen zu gelten, sondern möglichst optimale Bedingungen für die Entwicklung und adoleszente Transformationen zum Erwachsenen zu bekommen oder zu nutzen. (King 2013, 109 f.)

Till darf sich aus Sicht seiner Eltern nahezu jede Entgleisung erlauben, wenn er dadurch in letzter Konsequenz zu einer ebenso lebenstüchtigen und erfolgreichen Existenz heranreift, als die sie selbst sich sehen. Selbst ein Dasein als labiler Exzentriker würde man ihm zugestehen, vorausgesetzt, er würde wenigstens Drehbücher schreiben, d. h. produktiv sein.

Er zieht sich in die einzigen Räume zurück, die seinen Eltern nicht unmittelbar zugänglich sind: sein Zimmer und das Internet. Mit diesem Rückzug beginnt er ein Leben als Hikikomori, ein japanisches Wort für ein dort zuerst beschriebenes Phänomen sozialen Rückzugs von Jugendlichen. Einige der typischerweise als Ursachen für Hikikomorie angenommenen Bedingungen sind Spezifika der japanischen Gesellschaft, aber einige Charakteristika des Verhaltensmusters treffen auch auf westliche Gesellschaften und den Fall der Figur Till zu. So bspw. die Feststellung, dass es sich um ein Problem der Wohlstandsgesellschaft handelt, denn die Familie muss den Hikikomori mit Nahrung und i. d. R. auch aktuellen technischen Geräten wie Computern und Handys ‚versorgen’. Als Symptome ← 322 | 323 gelten ein „pathologischer Rückzug“, eine „reduzierte Kommunikationsfähigkeit“ sowie eine „obsessive Mediennutzung“ (Jodice/Karman 2008, 224).

Till sucht und findet ein alternatives Ritual, das ihn nicht in Konkurrenz zu seinen Eltern bringt und ihm auch nicht ihre Anerkennung sichert, allerdings eine Trennung bzw. Ablösung von den Eltern zum Ziel hat und die Grundfunktion von Ritualen erfüllt, Tills Ohnmachtsgefühl in ein Machtgefühl zu verwandeln, die Kontrolle zurückzuerlangen:

wer sagt denn, dass der mensch eine gemeinschaft braucht? family-brunch und so weiter? er hat doch arme und beine, um alleine in den wald zu ziehen, eine höhle aufzusuchen, oder ein baumhaus, oder ein kellerloch, oder eine nur von waschbären bewohnte insel. vielleicht ist das unsere eigentliche bestimmung. in jedem menschen regt sich irgendwann hass, wenn er andauernd mit jemandem zusammenstößt. und es wird immer enger auf der welt, nicht nur, weil wir von tag zu tag mehr werden. vielmehr, weil wir alles durchdenken, weil alles, was wir erobern wollen, bereits erobert wurde. jeder raum, den wir meinen, als erster zu betreten, ist bereits überbevölkert und seine luft schon lange abgestanden. weißt du, ich probe hier, der letzte mensch zu sein. (Kuhn 2012, 111)

Till bemüht sich zunächst um Reduktion in materieller Hinsicht, verzichtet weitestgehend auf Möbel und Kleidung. In der Zeit, die er in seinem Zimmer verbringt, raucht er, spielt Computer oder beobachtet den Nachbarn am Fenster gegenüber. Er entwickelt dabei Verhaltensmuster, die sich durch die ständige Wiederholung und ihre tagesstrukturierende Funktion zunehmend zu Ritualen verfestigen. So beobachtet er z. B. intensiv die Vögel auf dem Fenstersims oder „wie ein Dönerspieß eingespannt und dann Schicht um Schicht heruntergesäbelt wird“ (Kuhn 2012, 94).

Doch er interagiert auch, denn Tills Rückzug in sein Zimmer bedeutet keineswegs Kommunikationslosigkeit. Der Mann, dessen Fenster seinem Zimmer gegenüberliegt, raucht beispielsweise zur selben Zeit und genauso lang wie er. Mit seinen Mitspielern bei Medal of Honor trifft er sich „stündlich im Schatten der V2-Rakete“ (ebd., 131).

Otaku, wie der Oberbegriff ähnlich gelagerter Phänomene lautet, und insb. Hikikomori vermeiden mit ihrem Rückzug häufig sozialen Stress und umgehen an sie gestellte Leistungsansprüche. Häufig spezialisieren sie sich auf einen Interessensbereich und erwerben darin erstaunliche Kenntnisse. Der Uferlosigkeit des zur Verfügung stehenden Wissens – oder in Tills Fall auch der Chancen und Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung – begegnen sie mit „radikale[r] Beschränkung“ (Jodice/Karman 2008, 228 f.).

Auf diese Art haben Otaku das Sicherheit vermittelnde Gefühl, Kontrolle über wenigstens einen kleinen Teil der Welt zu haben, in dem es ihnen möglich ist, alles zu wissen und auf alles vorbereitet zu sein. Sie schaffen sich Micro-Inseln im Meer der Informationen ← 323 | 324 und zielen auf in sich abgeschlossene Systeme und Vollständigkeit. Durch diese Informationsverarbeitungsstrategie gelingt es ihnen, in einem kleinen Ausschnitt der Welt Kohärenz zu schaffen. (Jodice/Karman 2008, 229)

Zunächst zeigt Till Beim ‚Zocken’ des Ego-Shooters Medal of Honor diese Spezialisierung, spielt immer dasselbe Szenario, immer mit derselben Waffe, bis zu zehn Stunden am Stück. Sein Ritual ist reaktiv und hinsichtlich der Dynamik der Figur nur zu Beginn progressiv. In der exzessiven Fokussierung auf das Computerspiel steckt auch ein regressives Moment. Till reflektiert dies bereits früh und spielt sogar mit dem Gedanken, die ursprünglichen Reisepläne zu verwirklichen: „‚Mir fällt eh nichts Besseres ein. Die Decke kracht mir bald auf den Kopf. Vom ganzen Zocken auch, weißt du?‘ Till deutet mit dem Kopf auf die Bildschirme. ‚Wenn ich so weitermache, mutiere ich noch zum letzten Nerd.‘“ (Kuhn 2012, 108) Doch sein bester Freund hat bereits nicht mehr mit ihm gerechnet und Till bleibt zurück in seinem Zimmer. Danach intensiviert er die Verlagerung seiner Aktivität und seines sozialen Lebens ins Netz noch mehr, erreicht dabei jedoch auch eine neue Qualität. Anders als Soziologen die typische Kommunikation von Hikikomori beschreiben – nämlich als selbstreferentiell, kontext- und inhaltslos (vgl. Jodice/Karman 2008, 230) –, entwickelt sich aus der virtuellen Spielergemeinschaft eine Gemeinschaft von Spielern: „Wir besiegten Clan um Clan und rekrutierten den Nachwuchs. Wir lehrten sie, wie man auch ohne Kills gewinnen konnte, wie der Silent Shot funktio­nierte, wie Liebeskummer, wie die analoge Realität zu überwinden sei.“ (Kuhn 2012, 131) Dennoch bedingt der virtuelle Raum mit seiner Eigengesetzlichkeit einen veränderten Umgang bzw. eine veränderte Anschauung der Welt:

Es ist ihnen gleichgültig, dass ihre Kommunikationspartner virtuelle, nicht authentische Subjektkonstruktionen darstellen, dass Biografien und Wirklichkeiten ständig veränderbare Baustellen sind: Sie unterscheiden nicht zwischen echt und unecht, wahr und falsch, belebt und unbelebt, behandeln Dinge wie Lebewesen und Lebewesen wie Dinge. (Jodice/Karman 2008, 230)

Was hier mit eher kritischem Impetus formuliert wird, ist für Till die Voraussetzung dafür, dass er völlig neue Rituale entwickeln kann, um seine Adoleszenzkrise zu kompensieren. Er wechselt buchstäblich das Programm:

Wir suchten nach Welten, die nicht von irgendjemandem, der uns nicht kannte, entwickelt wurden. Wir wollten selber zu Schöpfern unserer Welten werden! Wir hörten von einem Programm in Beta-Version namens Minecraft, das dem Spieler lediglich Bausteine zur Verfügung stellte, mit denen man alle nur erdenklichen Szenarien konstruieren könnte. Gleich bestellten wir das Programm: Sollte sich Minecraft als das Werkzeug erweisen, nach dem wir lange gesucht hatten? (Kuhn 2012, 131 f.) ← 324 | 325

Für Till und seine Mitspieler, aber auch die wachsende Netzgemeinde, die sich für ihn interessiert, weil sein Nachbar von Gegenüber Tills seltsame Zimmerexistenz nicht nur beobachtet, sondern 24 Stunden am Tag streamt, wird O zur Offenbarung. Nachdem Till eine Weile durch seine Schöpfung gelustwandelt ist, bereitet er die Ankunft der zukünftigen Bewohner vor – und ritualisiert sie gleich:

In der Sekunde, wo sie Gras unter den nackten Füßen spüren, halten die Tiere dieser Welt inne, heben die Köpfe vom Weiden oder unterbrechen ihre Flugbahn, registrieren die Neuankömmlinge. Zudem erschallt vom Baumhaus als Begrüßungssound On Ho! von Andrew Birds Nobel Beast. Jedes Mal, wenn jemand in diese Welt spawned, wird dieser Song ertönen. (Kuhn 2012, 158)

Das programmierte Abbild von Tills Haustier, einem Leguan, wird gar zum Kern einer institutionalisierten Religion:

Es öffnet den Mund und schnalzt ein Irigrginrgringirn. Nur ich weiß, dass es drüben sitzt und auf der Tastatur herumkratzt. Die Neuankömmlinge fappieren und johlen, die ersten versuchen sich in Deutungen. Vorneweg ein Junge mit dem Namen affeohnewaffe, der keine Sekunde von der Seite der Statue weicht, sich sodann an die Seite des Tiers stellt und feierlich spricht: Genug fappiert! Das Tier sagt: Welt O ist abgeerntet. Das Tier will: Erntet euch gegenseitig. Da greifen die Zuhörenden rechts und links nacheinander, ziehen sich gegenseitig die einfache Woll- oder Lederkleidung aus, liebkosen Haut, Münder und die Brüste. Cvxycvxycvxycv unterbricht das Tier die Orgie. Alle Blicke sind affeohnewaffe zugewandt: Genug geerntet! Das Tier sagt: Alle wandern!“ (Kuhn 2012, 163)

Es dauert nicht lange, und das Tier ist „als offizielles Orakel von allen anerkannt, affeohnewaffe als sein weltlicher Vertreter“ (Kuhn 2012, 184). In O kommt Till zur Ruhe, geht umher, freut sich an den kreativen Bauprojekten der emsigen und zahlreichen Bewohner und pflegt einen betont bescheidenen, naturverbundenen Lebensstil, kleidet sich in Felle und bewohnt einen überdimensionalen Broccolibaum.

Als die enervierte Familie Till schließlich ohne Vorwarnung den Strom abstellt, findet das Pixel-Paradies ein jähes Ende. Till verlässt sein Zimmer – symbolträchtigerweise ist es gerade die Silvesternacht – und hinterlässt seiner Freundin Kim einen Brief, in dem er sie einlädt, ihn in O zu suchen.

Das offene Ende lässt keine eindeutige Aussage darüber zu, wie progressiv die neugefundenen Rituale für die Figur wirksam werden. Der Text liefert hierzu widersprüchliche Hinweise. So ist Till gelungen, was seiner scheinbar erfolgreichen Kontrastfigur Jan nicht gelingt. Jan will in der Zukunft Architektur studieren – Till hat bereits eine ganze Welt entworfen. Jan wollte solange unterwegs sein, bis er ein völlig veränderter Mensch geworden ist – wird aber bei seiner Rückkehr sofort erkannt. Till dagegen, der die Wohnung Monate nicht verlassen hat, würde man auf der Straße nicht unbedingt wiedererkennen. Tills Entwicklung scheint zudem mit der Entwicklung der Welt O und der dortigen Gemeinschaft zu korrelieren, ← 325 | 326 wenn Till feststellt, dass er in seinem Zimmer – durch Mikrowelle, Anzapfen der Regenrinne und Konservenvorrat – erstmals vollkommen unabhängig ist und um die gleiche Zeit feststellt, dass O bald ohne ihn existieren können wird. Damit kann auch impliziert sein, dass Till nun auch ohne das Spiel Minecraft als Übergangsritual seine Entwicklungsaufgaben bewältigen kann. Andererseits preist er in seinem Abschiedsbrief an seine Freundin Kim O als die bessere Welt, in der sie sich wiedersehen sollen – womit er den virtuellen Raum vollends transzendiert. Zweifel an einer positiven Prognose lassen sich auch damit begründen, dass Till sich bei der Schöpfung von O letzten Endes an Konzepten bedient, die seine Eltern vorleben. So betreibt seine Mutter – mehr als Selbstverwirklichungsprojekt als zum Broterwerb – den Schauraum: „Das Innere des Menschen müsse sich im Außen der Umgebung spiegeln können, oder mehr noch: Das Außen müsse das im Innern Verborgene hervorrufen, evozieren. ‚Humanize!’ prangt als Leitmotiv über ihrer Wirkungsstätte.“ (Kuhn 2012, 94) Auch Till verfolgt dieses Motto in seinem Zimmer ebenso wie in O. Sein übermächtiger Vater ist Schönheitschirurg, der sich darauf spezialisiert hat, die eigentliche Kontur, den Charakter eines Menschen aus seinem Gesicht zu modellieren. Till perpetuiert dessen Haltung im Grunde, während er sie zu überwinden wähnte. „Das ist gut: Sie spielen und haben Spaß, Spaß in der Gemeinschaft. Und schlagen sich nicht die Köpfe ein oder verbiegen den anderen nach ihren Wünschen, wie sie es draußen gelernt haben“ (Kuhn 2012, 164), bemerkt Till über seine virtuelle Welt – und tut schließlich genau dies: Als Girl No. I und er – oder ihre Avatare – sich ineinander verlieben, wird deutlich, dass Tills Gedanken und Wünsche immer noch um seine Liebe „auf der anderen Seite“, in der Realität kreisen, denen sich auch sein Girl No. I anzupassen hat:

Sie schlägt die Augen auf, als ich mich auf ihren Bauch setze. Keine Angst, sage ich, es wird dir nichts passieren. Sie presst die Lippen zusammen und schließt die Augen wieder. Als wäre ihr Gesicht ein Klumpen Ton, drücke ich meine Daumen in das Fleisch. Sie zuckt, vielleicht vor Schmerzen, vielleicht, weil es sich befreiend anfühlt. Zuerst forme ich ihr Gesicht neu, gebe ihr eine gleichmäßig gewölbte Stirn, die in eine kleine Nase mündet. Zwei schmale Striche graviere ich als Augenbrauen in den Ton. Hautfarbe und Sommersprossen belasse ich, wie sie sind. Die Augen schmücke ich mich fasanfederlangen Wimpern, die mir beim Blinzeln Luft zufächeln sollen. Als Letztes nehme ich ihre Ohren und ziehe sie leicht vom Kopf ab, so dass jeder weiß: Sie soll es sein. […]

Bist Du Kim?, frage ich.

Wenn du willst, Till, dann bin ich deine Kim. (Kuhn 2012, 194 f.)

Vor diesem Hintergrund kann man also darüber streiten, inwiefern Tills Schöpfung seinem eigenen Anspruch und Wunsch nach Abgrenzung von den Eltern genügt. In jedem Fall wirken seine Rituale, insbesondere im letzten Teil, in dem Till O gestaltet, stark dynamisierend auf ihn. Während er zunächst regressive ← 326 | 327 und reaktive Rituale erprobt, die ihn in eine immer drastischere Isolation führen, die er teils forciert, denen er sich aber auch teils ausgesetzt sieht, schafft er es nach und nach, immer progressivere und v. a. kreativere Rituale zu entwickeln. Diese bringen ihn zunehmend wieder in Kontakt mit anderen Menschen. Diese vermeintliche Selbstresozialisierung ist aber eher eine Neusozialisierung, da die neuen Netzbeziehungen anderen Bedingungen und Ausdrucksformen folgen als solche in der physischen Welt.

Fazit

In den beiden vorgestellten Romanen spiegelt sich die Dynamisierung der Protagonisten in den Ritualen, die sie vollziehen bzw. entwickeln. Ausgangspunkt bilden als prekär erlebte Veränderungen im familiären bzw. sozialen Umfeld. Die zunächst reaktiven, teilweise regressiven Rituale dienen der Annullierung der Krise. Mit ihnen kompensieren die Protagonisten zunächst ihre Kränkungen, tragen jedoch auch unbewusst zur Eskalation der Situation bei. Der Wandel der Rituale hin zu produktiven, kreativen und progressiven Handlungsformen steht in einem reziproken Verhältnis zur letzten Endes erfolgreichen Autonomieentwicklung und damit der (teilweisen) Überwindung der Adoleszenzkrise. Es erscheint lohnenswert unter dieser Perspektive weitere Texte in den Blick zu nehmen, um die Bandbreite der dargestellten Rituale zu untersuchen. Insbesondere eine hinsichtlich der Aspekte Gender4 und soziales Milieu5 differenzierende Phänomenologie von Ritualen als Strategien in Adoleszenzkrisen könnte produktive Lesarten hervorbringen. Beide Aspekte wären dann auch unter der Fragestellung zu betrachten, ob die literarischen Darstellungen konventionelle bzw. repressive Verhältnisse stabilisieren oder überwinden. ← 327 | 328

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Güntner, Verena: Es bringen. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2014.

Kuhn, Kevin: Hikikomori. Berlin: Berlin-Verl. 2012.

Millesi, Hanno: Wände aus Papier. Wien: Luftschacht 2006.

Sekundärliteratur

Bittner, Christian: Literarizität und Komplexität der Jugendliteratur zur Jahrtausendwende. Frankfurt a. M.: Lang 2012 (Kinder- und Jugendkultur, -literatur und -medien; 76).

Bosse, Hans: Die Bedeutung moderner Rituale für die Entstehung männlicher Lebensentwürfe. In: Vera King/Karin Flake (Hrsg.): Männliche Adoleszenz. Sozialisation und Bildungsprozesse zwischen Kindheit und Erwachsensein. Frankfurt a. M.: Campus 2005, 341–361.

Jodice, Francesco/Kal Karman: Hikikomori. In: Susanne Knaller (Hrsg.): Realitätskonstruktionen in der zeitgenössischen Kultur. Beiträge zu Literatur, Kunst, Fotografie, Film und zum Alltagsleben. Wien: Böhlau 2008, 221–238.

King, Vera: Die Entstehung des Neuen in der Adoleszenz. Individuation, Generativität und Geschlecht in modernisierten Gesellschaften. 2. Aufl. Wiesbaden: Springer 2013 (Adoleszenzforschung; 1).

Köbler, Verena: Jugend thematisierende Literatur junger AutorInnen. Postadoleszente Identitäten an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert. Frankfurt a. M.: Lang 2005 (Kinder- und Jugendkultur, -literatur und -medien; 37)

Lange, Günter: Erwachsen werden. Jugendliterarische Adoleszenzromane im Deutschunterricht. 2. Aufl. Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren 2004.

Martínez, Matías/Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 9. erw. u. aktual. Aufl. München: Beck 2012.

Nünning, Vera/Ansgar Nünning: Erzähltextanalyse und Gender Studies. Stuttgart: Metzler 2004 (Sammlung Metzler).

Schröder, Achim/Ulrike Leonhardt: Jugendkulturen und Adoleszenz. Verstehende Zugänge zu Jugendlichen in ihren Szenen. Neuwied: Luchterhand 1999.

Weinkauff, Gina/Gabriele von Glasenapp: Kinder- und Jugendliteratur. 2. aktual. Aufl. Paderborn [u. a.]: Schöningh 2014 (UTB, 3345: Schulpädagogik, Literaturwissenschaft; StandardWissen Lehramt). ← 328 | 329 →


1     Eine bemerkenswerte Ausnahme stellen die homoerotischen Anklänge seiner Gefühle für Milan dar, die Louis jedoch nicht öffentlich äußert.

2     Diese Klischees sollten allerdings nicht als Mangel des Romans verstanden werden, sondern korrespondieren durchaus mit der empirischen Wirklichkeit: „Je nachdem, welche sozialen und psychischen Ressourcen für das adoleszente Moratorium zur Verfügung stehen, kann unterschiedlich viel oder wenig Neues oder Konventionelles daraus gemacht werden. Je nach Geschlecht, sozialer oder kultureller Herkunft, je nach geschlechtlicher oder ethnischer Zuschreibung, stehen quantitativ wie qualitativ unterschiedliche Ressourcen und Entwicklungsspielräume zur Verfügung, die entsprechend zu unterschiedlichen Adoleszenzverläufen führen.“ (King 2013, 111)

3     Vgl. hierzu bspw. Lange 2004, 15 f.

4     Nünning/Nünning bezeichnen das Erzählen als eine der kulturellen Praktiken, die „Vorstellungen von ‚Geschlecht‘ nicht nur reflektieren oder inszenieren, sondern auch hervorbringen“ (Nünning/Nünning 2004, 22). Unter dieser Perspektive wäre bspw. die Untersuchung der Rituale von Gruppen interessant, die ihre Attraktivität für Adoleszente u. a. daraus beziehen, „dass im Verschwimmen der Ich-Grenzen die Gruppe zu einem einzigen Männerkörper diffundiert, der dann wie ein Mann handelt“ (King 2013, 267).

5     Schröder/Leonhardt weisen darauf hin, dass die vermeintliche Selbstsozialisation in den Peer-Groups nicht idealisiert werden sollte: Vielmehr scheinen sich die gesellschaftlich erfahrbaren Macht- und Einflussgefälle bis hin zu konkretem Rollenverhalten in den Jugendkulturen auf eigene Art zu reproduzieren“ (Schröder/Leonhardt 1998, 39). Diese Verhältnisse und die konkret praktizierten Rituale sind wiederum – die die beiden hier vorgestellten Texte verdeutlichen – abhängig von „sozialen Konstellationen, Milieus und kulturellen Hintergründen“ (King 2013, 232).