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«Die Zeitalter werden besichtigt»

Aktuelle Tendenzen der Kinder- und Jugendliteraturforschung – Festschrift für Otto Brunken

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Edited By Gabriele von Glasenapp, Andre Kagelmann and Felix Giesa

Die Autoren widmen sich drei unterschiedlichen Schwerpunkten der Kinder- und Jugendliteraturforschung: den historischen Aspekten, der kinder- und jugendliterarischen Bildforschung sowie in thematischen und narratologischen Einzelstudien Aspekten aktueller und historischer Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik. Diese Schwerpunkte stecken zugleich die Arbeits- und Forschungsbereiche Otto Brunkens ab, dem dieser Band gewidmet ist. Otto Brunkens Lehr- und Forschungstätigkeit liegt seit rund drei Jahrzehnten maßgeblich auf der gesamten Bandbreite der (historischen) Kinder- und Jugendliteraturforschung sowie der Literaturkritik und den Bildmedien.
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„Oh, liebe Leser, bleibt einfach dran und lest weiter. Hört zu. Schaut her. Oder legt das Buch beiseite.“ Eine diachrone Betrachtung der LeserInnenanrede und ihrer Funktionen in der erzählenden Kinderliteratur

Gianna Dicke (Köln)

„Oh, liebe Leser, bleibt einfach dran und lest weiter. Hört zu. Schaut her. Oder legt das Buch beiseite.“ Eine diachrone Betrachtung der LeserInnenanrede und ihrer Funktionen in der erzählenden Kinderliteratur

1.    Einleitung

Direkte Leseranreden in Erzähltexten erwecken, wie das im Titel genannte Beispiel von David Almond (2014, 58), den Anschein von Unmittelbarkeit; sie suggerieren Nähe, wo tatsächlich eine große räumlich-zeitliche Distanz zwischen Erzählendem und Rezipienten besteht. Sie sind ein Mittel der Kontaktaufnahme zwischen Erzählinstanz und realen Leserinnen1 und führen diesen das Erzählen als kommunikativen Akt vor Augen. Häufig zu finden sind Leseranreden in der Erzählliteratur des 18. Jahrhunderts und in narrativen Texten für Kinder aller Epochen. Obwohl die Häufung des Phänomens in der erzählenden Kinderliteratur auffällig ist, gibt es bislang keine Forschungsbeiträge, die sich mit der direkten Leseranrede bzw. mit der Form und Funktion der Kommunikation zwischen Erzähler und Adressat auseinandersetzen. Der folgende Beitrag wird sich mit diesem Forschungsdesiderat befassen und die direkten Leseranreden in der erzählenden Kinderliteratur verschiedener Epochen genauer betrachten. Neben der Ausprägung der Leseranreden stehen dabei vor allem ihre Funktionen im Fokus, und zwar sowohl textinterne als auch didaktische und pädagogische Funktionen, die über den Text hinausgehen. Die Grundlage für diese Untersuchung liefern erzähltheoretische Konzepte des (kommunikativen) Verhältnisses zwischen Erzählinstanz und der von ihr adressierten fiktiven bzw. narrativen Instanz. Außerdem soll die direkte Leseranrede von der seltenen Erzählform der Du-Erzählung abgegrenzt werden.2 ← 345 | 346

Den Hauptteil des Beitrags bilden acht exemplarische Analysen sowohl zeitgenössischer als auch historischer kinderliterarischer Texte. Ziel ist es, die direkte Leseranrede in der Kinderliteratur formal zu untersuchen und Unterschiede hinsichtlich der Ausprägung und Funktion in unterschiedlichen Epochen herauszuarbeiten; eine umfassende narratologische Betrachtung wird nicht angestrebt. Die Ergebnisse dieser sollen im Anschluss insbesondere vor dem Hintergrund spezifischer Merkmale/Eigenschaften von Kinderliteratur beleuchtet werden.

2.    Erzähltheoretische Grundlagen

Die Leseranrede, die hier verstanden wird als Kommunikationsakt zwischen einer heterodiegetischen erzählenden Instanz und einer von ihr adressierten Instanz, findet außerhalb der Diegese statt, ist jedoch innerhalb des Erzähltextes angesiedelt, also nicht außertextuell. Schmid nennt diese, der Diegese übergeordnete und ontologisch von ihr verschiedene Ebene, Exegesis (Schmid 2008, 87). Außer als Adressat wurde und wird die vom Erzähler angesprochene Instanz auch als narrativer Leser/Adressat, virtueller Adressat oder, wie von mir im Folgenden, als fiktiver Adressat bezeichnet. Da auch die Konstrukte des impliziten Lesers und des abstrakten Adressaten eng mit der direkten Leseranrede verbunden sind, gilt es daher zunächst, die verschiedenen Konzepte zur Beschreibung bzw. Bestimmung dieser Instanz zu erläutern, wobei die jeweilige Relation zum Begriff Erzähler in den Blick genommen werden soll. Anschließend sollen die gewonnenen Ergebnisse in Bezug zur direkten Leseranrede gesetzt und bei der Entwicklung von Analysekategorien einbezogen werden.

2.1  Die Figuren der Exegese: Erzählinstanz und fiktiver/narrativer Adressat/Leser

Mit Genette unterscheidet man zwischen dem extradiegetischen und dem intradiegetischen Adressaten. Bei ersterem handele es sich um ein „mentales Konstrukt“, wohingegen der intradiegetische Adressat stets eine Figur der Diegese sei. (Genette 2010, 260) Um den extradiegetischen Adressaten zu bezeichnen, benutzt Genette die Begriffe „virtuelle[r] Leser“ und „narrativer Adressat“ (ebd., 255) synonym. Der narrative Adressat sei vom realen Leser zu unterscheiden (wie auch der Erzähler vom realen Autor), wobei sich dieser mit jenem identifizieren könne, d. h. der narrative Adressat stelle eine Identifikationsfigur für den realen Leser dar, (wie der Erzähler für den Autor). Mit dieser Unterscheidung zwischen extra- und intradiegetischem Adressaten gibt Genette einen ersten Impuls zur definitorischen Eingrenzung, der Schmid zunächst folgt, indem er zwischen einem Adressaten der primären Erzählung und einem der sekundären Erzählung unterscheidet. Dann ← 346 | 347 widerspricht er Genette allerdings, indem er die Gleichsetzung von einer Figur der primären (extradiegetischen) Erzählung mit dem Adressaten der sekundären (intradiegetischen) Erzählung als vereinfacht deklariert. Der Adressat sei in jedem Fall eine Vorstellung des jeweiligen Erzählers, egal ob extra- oder intradiegetisch, und keine (reale) Figur oder Person. Der fiktive Adressat des Erzählers bleibt also notwendig stumm, d. h. die Kommunikation zwischen Erzähler und fiktivem Leser ist einseitig, monologisch3. Die direkte Leseranrede allerdings hebt die Präsenz des Adressaten hervor und suggeriert, je nachdem, ob es sich um einen knappen Satz oder einen längeren Abschnitt handelt, eine dialogische Situation, die Schmid als „inszenierten dialogischen Monolog“ (Schmid 2008, 102) bezeichnet. Da der fiktive Adressat keine handelnde Figur der Erzählung ist, sondern ein mentales Konstrukt, ist er nur schwer zu charakterisieren. Hinweise, die eine (wenn auch sehr grobe) Bestimmung des fiktiven Adressaten erlauben, lassen sich jedoch in der Erzählerrede finden. Aleksandra Okopen-Stawinska bemerkt in ihrer Untersuchung der Beziehungen innerhalb der literarischen Kommunikation, dass es sich bei dem Adressaten auf der höchsten Ebene der Erzählung um eine „schweigende Gestalt“ handele, deren Reaktionen allein durch den Erzählerbericht oder das „Verhalten des Narrators“ als explizite oder „implizite Informationen“ vermittelt würden (Okopen-Stawinska 1975, 142). Lahn und Meister sprechen hier von einer „Ausrichtung des Erzählers am Adressaten“ (Lahn/Meister 2008, 97), die es ermöglicht, dessen Vorstellung von seinem Gegenüber zu rekonstruieren.

Auch Janik geht davon aus, dass der narrative Adressat eine „Projektion des Erzählers“ (Janik 1973, 65) ist. Die direkte Anrede dieses narrativen Adressaten ist somit Teil der „bewußte[n] oder unbewußte[n] Manifestation des Erzählers im Erzählten“ (ebd., 17). Im Grunde handelt es sich also um eine Selbstaussage des Erzählers; der narrative Adressat sei entsprechend nur eine Funktion des Erzählers (ebd., 67). Die Repräsentation des narrativen Adressaten unterteilt Janik dem Grad nach in:

a)  nicht repräsentiert (autonome Personenrede);

b)  allgemein repräsentiert (objektive und testimoniale Erzählrede);

c)  konkret repräsentiert (auktoriale Erzählrede: z. B. „lieber Leser“);

d)  Individuell repräsentiert (kann in der autobiographischen Erzählrede der Fall sein) (ebd.). ← 347 | 348

Susan Lanser-Sniader entwickelt eine Typologie des Verhältnisses vom Erzähler zu seinem fiktiven (bzw. narrativen) Adressaten, durch dessen Gestaltung letzterer zugleich näher bestimmt werde. Der Kontakt zwischen Erzähler und Adressat ließe sich auf einer Achse zwischen den Polen „direct (overt)“ und „indirect (covert)“ (Lanser-Sniader 1981, 174) einordnen, wobei der Kontakt als „overt“ bezeichnet wird, wenn der Erzähler mit einer Leserfigur in einen Dialog tritt. Um das Verhältnis zwischen Erzähler und Adressat näher zu bestimmen, führt Lanser-Sniader drei weitere Achsen ein, die sich zwischen den binären Oppositionen: Confidence/Uncertainty, Deference/Contempt und Formality/Intimacy aufspannen. In diesem Zusammenhang stehen auch die Kategorien, die Schmid zur Klassifizierung der Beziehung zwischen Erzähler und Adressat vorschlägt. Aus dem Apell lasse sich erkennen, welche Eigenschaften und Haltungen der Erzähler dem Adressaten unterstellte, die Orientierung hingegen verrate welche Kodes und Normen der Erzähler beim Adressaten voraussetzt. Zum Beispiel wähle der Erzähler eine für den Adressaten verständliche Sprache, was dem realen Rezipienten erlaube, Rückschlüsse auf den Adressaten (und zugleich den Erzähler) zu ziehen. Die Gestaltung des dialogischen Erzählmonologs liefere außerdem Informationen über die Vorstellung des Erzählers vom Adressaten sowie über ihn selbst, seine Eigenschaften und kommunikativen Verhaltensweisen. Die Leseranrede ist ein Teil des dialogischen Erzählmonologs und oft ein Anlass für den Erzähler sich selbst darzustellen. Die direkte Leseranrede ist also eines von vielen Mitteln, durch die der Erzähler bzw. die Erzählerrede die Existenz eines fiktiven Adressaten hervorhebt und diesen zugleich (minimal) charakterisiert. Gleichzeitig übermittelt er dadurch implizit Informationen über sich selbst, was Nünning als Erzeugung von Erzählillusion bezeichnet (vgl. Nünning 2001, 28).

Was die Wahl eines Begriffes angeht, so legt das symbiotische Verhältnis vom Erzähler und seinem Adressaten die Verwendung des Begriffs narrativer oder fiktiver Adressat nahe. Die direkte Verbindung zwischen beiden Instanzen bzw. die konkrete Ausrichtung des Erzählers auf sein Gegenüber, wird im Begriff Adressat deutlicher als im Begriff Leser. Schließlich ist der fiktive Adressat vom abstrakten Adressaten oder impliziten Leser zu unterscheiden. Der von Wolfgang Iser geprägte Terminus impliziter Leser bildet das Pendent zum impliziten Autor4 und ist auf einer (Kommunikations-)Stufe zwischen Erzähler/fiktivem Adressaten und realem Autor/realem Leser angesiedelt. Iser definiert den impliziten Leser als „im Text vorgezeichneten Aktcharakter des Lesens“ (Iser 1972, 9), also als Summe ← 348 | 349 von Textstrukturen und -signalen, die die Rezeption lenken sollen und durch die der Sinn des Textes erst konstruiert wird. Umstritten ist der Begriff deshalb, weil er ein Aussagesubjekt suggeriere, aber lediglich ein „aus der übergreifenden Werkstruktur abgeleitete[s] Konstrukt[e] vom Fluchtpunkt des Lesers“ (Nünning 2004, 146) sei. Schmid argumentiert hingegen für die Notwendigkeit einer solchen Instanz, zieht allerdings den Begriff „abstrakter Adressat“ vor (Schmid 2008, 68). Im Gegensatz zum fiktiven Adressaten handele es sich beim abstrakten Adressaten zugleich um einen vom realen Autor vorgestellten oder postulierten Adressaten und um einen „idealen Rezipienten“ (ebd., 69). Die Äquivalenz von extradiegetischem Adressaten und impliziten Leser, die Genette postuliert, lehnt Schmid also ab.

Aus den dargestellten Überlegungen zum Verhältnis von Erzähler und fiktivem Adressaten in Erzähltexten, lassen sich folgende Schlüsse für die differenzierte Bestimmung der direkten Leseranrede ziehen: Der Adressat eines Werkes, das direkte Leseranreden enthält, kann als allgemein expliziter Adressat beschrieben werden, der Kontakt als offen bzw. direkt. Neben dieser Klassifizierung, die für alle Werke mit direkten Leseranreden gilt, lassen sich auch eine Reihe Kriterien benennen, mit deren Hilfe die konkrete Form der direkten Leseranreden innerhalb eines Werkes analysiert werden kann. Im folgenden Schema, das ich vor dem Hintergrund der dargestellten Forschungsansätze entwickelt habe, sind diese Distinktionskriterien aufgeführt.

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2.2Abgrenzung: Du-Erzählungen

Barbara Korte definiert die Du-Erzählung als „Vermittlung des fiktionalen Geschehens aus der Perspektive eines handelnden Du“ (Korte 1987, 169). Monika Fludernik führt aus, dass die mit Du angeredete Instanz zugleich Adressat und Protagonist der Erzählung sei (Fludernik 1994, 286). Der Unterschied zur direkten Leseranrede liegt also in der Doppelrolle des angeredeten Du. Dennoch führt Korte ein Beispiel an, in dem die Grenze zwischen Leseranrede und Du-Erzählung verschwimmt: In Italo Calvinos Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht wird der fiktive Leser „selbst Hauptfigur einer Handlung und zum eigentlichen Protagonisten.“ (Korte 1987, 180) Es handelt sich bei diesem Phänomen um eine absteigende narrative Metalepse auf Ebene der histoire (s. o.). Gemeinsam ist der Leseranrede in einer Ich- oder Er/Sie-Erzählung und der Du-Erzählung die Funktion, Metafiktion zu erzeugen. Doch während die Leseranrede die Mittelbarkeit und das ‚Gemacht-Sein‘ des fiktionalen Textes hervorhebt, zerstört die Du-Erzählung die Logik der Kommunikationsform Erzählen, indem sie die narratologische Kategorie der Person und die Dichotomie zwischen histoire und discours infrage stellt (vgl. Fludernik 1994, 290).

2.3  Funktionen

Bei der Untersuchung der Funktionen soll zwischen literarischen und nicht-literarischen Funktionen unterschieden werden. Die literarischen Funktionen manifestieren sich im Text und sind somit dort nachweisbar; sie lassen sich in die Gruppen der kommunikationsbezogenen und selbstreferentiellen Funktionen unterteilen. Unter kommunikationsbezogenen Funktionen sollen im Folgenden all jene Funktionen gefasst werden, die konkret aus der Kommunikationssituation zwischen Erzähler und fiktivem Adressaten hervorgehen. Die Bezeichnung selbstreferentielle Funktionen hingegen soll für diejenigen Wirkungsdispositionen verwendet werden, die sich durch eine Bezugnahme des Textes oder von Teilen des Textes auf sich selbst auszeichnen. Beide Funktionsgruppen sind eng miteinander verbunden und die ihnen zugeordneten Funktionen gehen teilweise auseinander hervor. Außerdem sollen didaktische Implikationen in den Blick genommen werden, da belehrende und moralisch-erzieherische Aspekte in der Kinderliteratur seit je her eine beachtliche Rolle spielen. Die diesen Aspekten zugrunde liegenden pädagogischen Konzepte haben sich seit dem 18. Jahrhundert jedoch gewandelt. Es soll daher aufgezeigt werden, inwiefern sich dieser Wandel auch in den didaktischen Funktionen der Leseranreden niederschlägt. ← 350 | 351

2.3.1  Kommunikationsbezogene Funktionen

Nünning nennt vier Arten von Erzähleräußerungen, die einen Bezug zum Adressaten aufweisen und sich also weder auf die erzählte Handlung beziehen noch als allgemeine Reflexionen bezeichnet werden können, sondern auf die Kommunikationssituation selbst referieren. Er fasst sie als „Gruppe der expressiven, phatischen, appellativen und metanarrativen Erzähleräußerungen“ zusammen (Nünning 1989, 86). Die Leseranrede fällt unter die dominant appellativen Erzähleräußerungen, aber auch bei den übrigen drei Aussageformen steht die dialogische Beziehung zwischen Erzähler und Adressat im Vordergrund (ebd., 116). Die appellativen Äußerungen erfüllen die Funktion, den fiktiven Adressaten zu einer bestimmten Rezeptionshaltung aufzufordern. Als „textuelles Gestaltungsmittel“ dient der fiktive Adressat dem realen Leser als Identifikationsfigur, weshalb ihm „für die Rezeptionslenkung realer Rezipienten große Relevanz zukommt“ (ebd., 117). Die direkte Leseranrede steigert somit die Aufmerksamkeit des Rezipienten und ist auf die „Aktivierung seiner kognitiven, emotional-affektiven und imaginativ-visualisierenden Fähigkeiten gerichtet“ (ebd., 119). Sie erfüllt neben der appellativen aber auch eine phatische Funktion, nämlich Kontakt zwischen Erzähler und realem Leser aufzubauen, vermittelt durch den fiktiven Adressaten (vgl. ebd.).

2.3.2  Selbstreferentielle Funktionen

Wie bereits erwähnt, sehen Janik und Schmid im fiktiven Adressaten eine Funktion bzw. ein Attribut des Erzählers (Schmid 2008, 106). Lanser-Sniader geht ausführlicher auf den Zusammenhang zwischen Explizitheit des fiktiven Adressaten und figuraler Ausprägung des Erzählers ein. Sie sieht eine Verbindung zwischen dem Grad der Repräsentation des Adressaten und dem Selbstbewusstsein des Erzählers und hebt hervor, dass ein heterodiegetischer u. U. deutlicher in Erscheinung treten kann als ein autodiegetischer Erzähler, beispielsweise wenn sich das erzählende Ich zugunsten des erlebenden Ichs vollkommen zurücknimmt (Lanser-Sniader 1981, 176). Ein heterodiegetischer, aber selbstbewusster Erzähler, der seine Existenz hervorhebt, indem er in eine direkte Kommunikation mit dem fiktiven Adressat tritt, sagt implizit „Ich“ und erscheint dadurch personalisiert. Die Anrede eines Du impliziert, dass es ein Erzähler-Ich gibt und weist „auf die Anwesenheit einer übergeordneten Erzählinstanz hin“ (Nünning 1989, 47). Die direkte Leseranrede erfüllt also die Funktion, die Explizitheit der Erzählinstanz zu steigern und auf diese Weise Erzählillusion zu erzeugen (ebd., 52 und Nünning 2001, 29f.). ← 351 | 352

Eine erhöhte Erzählillusion wiederum hebt das ‚Gemacht-Sein‘ des Textes hervor, was als Erzeugung von fictio-Metafiktion8 bezeichnet wird. Weiterhin rücke ein narrativer Text mit einem selbstbewussten Erzähler den Erzählakt in den Fokus, was den Text als selbstreflexiv klassifiziere (Lanser-Sniader 1981, 176). Letztendlich führt die direkte Leseranrede also zur Ausprägung von Erzählillusion, wodurch wiederum implizit Metafiktion erzeugt, also die Konstruiertheit und Fiktionalität des Textes pointiert wird. Ob diese Wirkungsdispositionen durch die direkte Leseranrede realisiert werden und mit welcher Intensität, hängt von den in der Tabelle genannten Faktoren ab: je höher die Frequenz, je größer die Quantität und die Divergenz der Leseranrede und je eindringlicher der Ton, desto nachhaltiger wirkt die Metafiktion.

3.    LeserInnenanreden in Erzähltexten für Kinder – Exemplarische diachrone Betrachtungen

Im Folgenden soll anhand der auf Leseranreden fokussierten Analyse (historischer) kinderliterarischer Texte nachgewiesen werden, dass Leseranreden ein überzeitliches Phänomen darstellen, ihre Formen und Funktionen aber dem historischen Wandel unterliegen. Dabei gehe ich von den folgenden Annahmen aus: Laut Martίnez/Scheffel befände sich der Erzähler der Aufklärung in einem „steten Gespräch mit seinen Lesern“9 (Martίnez/Scheffel 2007, 86), während sich in Texten der Romantik häufig personalisierte Leseranreden finden ließen (ebd.). Im literarischen Realismus Fontanes hingegen wirkten fiktiver Adressat und Erzähler „vollkommen abwesend“ (ebd., 87). Auch Iser schreibt in seiner Studie des impliziten Lesers, dass „dem Leser im Roman des 18. Jahrhunderts durch das Gespräch, das der Autor10 mit ihm führte, eine explizite Rolle zugewiesen“ (Iser 1972, 10) worden sei. Im 19. Jahrhundert sei die Leserlenkung hingegen verdeckt angelegt. Im Roman des 20. Jahrhunderts werde der Leser nicht mehr auf eine bestimmte „Herstellung von Konsistenz“ gelenkt, sondern dahingehend aktiviert, seine eigenen Deutungsmuster selbstreflexiv in Frage zu stellen (vgl. ebd., 11). ← 352 | 353

Meine exemplarische Auswahl umfasst je einen Text aus der Epoche der Aufklärung, der Romantik, der Kaiserzeit sowie der Weimarer Republik. Im Anschluss an deren Analyse soll eine vergleichbare Untersuchung von ausgewählten zeitgenössischen Kinderbüchern erfolgen. Ziel ist es dabei, vermutete Unterschiede in der Form und Funktion der direkten Leseranrede nachzuweisen und dadurch zu belegen, dass die didaktische Funktion in den Texten des neuen Jahrtausends zugunsten einer aktiveren Mitgestaltung der jungen LeserInnen ironisch gebrochen wird. Analysiert werden vier Kinderbücher, die zwischen 2000 und 2014 erschienen sind. Aus den genannten Thesen und damit verbundenen Untersuchungszielen ergeben sich für die Analysen drei Kriterien: die Bestimmung des Erzählers, d. h. seine Stellung zum Geschehen und seine Fokalisierung, die Bestimmung der direkten Leseranreden mittels der in der Tabelle dargestellten Kategorien sowie ihrer Funktionen innerhalb des jeweiligen Werkes.

3.1    Christian Felix Weiße: Der Kinderfreund

In Weißes pädagogischer Kinderzeitschrift, die zwischen 1775 und 1782 erschienen ist, wird in Form von Beispielerzählungen vom Leben einer ‚idealen‘ bürgerlichen Familie erzählt. Durch die Lektüre sollen die jungen Leser moralisch geschult und vernunftmäßig gebildet werden. Exemplarisch habe ich zwei Beiträge aus den Jahren 1775 und 1782 untersucht. Der Erzähler dieser Texte („I. bis V. Stück, den 2. bis 16. October 1775“ sowie „Abschied des Kinderfreundes an Seine jungen Leser“) ist als homodiegetisch und nullfokalisiert zu bestimmen. Die Frequenz (19 Anreden auf 36 Seiten) und Quantität der direkten Leseranreden sind sehr hoch. Sie finden sich durchgehend, häufig zu Beginn eines neuen Abschnitts, aber bisweilen auch mitten im Erzählerbericht. Bei den Anreden handelt es sich um indirekte Aufforderungen, Ratschläge, schmeichelnde Floskeln und Erklärungen: „Diese meine Liebe zu euch gewinnt überdies dadurch einen großen Zuwachs, da ich selbst Vater von vier Kindern bin“ (Weiße 1966, 4)11. Der Ton ist immer freundlich, liebevoll zugewandt, teils schmeichelnd und zugleich belehrend: „Noch einmal tausend Dank für Eure Aufmerksamkeit, für eure [sic!] mir so mannichfaltig bewiesene Zärtlichkeit!“ (37). Die literarischen Funktionen dieser Leseranreden lassen sich hauptsächlich der Gruppe der kommunikationsbezogenen Funktionen zuordnen: Erregung und Erhalt von Aufmerksamkeit, Leselenkung und Aufbau einer sympathischen Beziehung. Außerdem ist die di ← 353 | 354 daktische Funktion hier besonders augenfällig: Die Anreden dienen somit auch dazu, den Adressaten offen und direkt hinsichtlich eines moralisch ‚untadeligen‘ Verhaltens und guter Charaktereigenschaften zu belehren:

Keine Arbeit […] die ich jemals […] unternahm, ist mir so leicht, so erquickend gewesen, als diese, und zwar hauptsächlich deswegen, weil ich mir schmeicheln durfte, durch diese kleinen Blätter, wenigstens doch etwas, entweder zur Bildung Eures Verstandes und Herzens, oder auch nur zu Eurer Unterhaltung beigetragen, in Euch gute Entschließungen veranlaßt, oder befestigt, und Liebe zur Tugend und Religion bei Euch befördert zu haben. (33f.)

Außerdem erweckt der Erzähler mittels der zahlreichen direkten Leseranreden Authentizität: „Vielleicht seht Ihr ihn bisweilen auf der Gasse, meine kleinen Freunde!“ (15) und ein hohes Maß an Erzählillusion. Den Leseranreden kommt somit eine, wenn auch nur marginale, fictio-metafiktionale, jedoch keine illusionsbrechende Funktion zu, da die hier suggerierte Authentizität nicht gebrochen wird.

3.2    E.T.A. Hoffmann: Das fremde Kind

Die Erzählanlage dieser Erzählung aus dem Jahr 1817 ist eine ganz andere: Der Erzähler kann als extradiegetisch-heterodiegetisch und nullfokalisiert bestimmt werden. Quantität und Frequenz sowie die Divergenz der Leseranreden können als sehr gering eingestuft werden: es findet sich lediglich eine direkte Leseranrede am Anfang der Erzählung:

Nun, o meine vielgeliebten Leser! Euch allen ist es gewiß schon so gut geworden zur Zeit des fröhlichen Jahrmarks oder doch gewiß zu Weihnachten von den Eltern oder anderen lieben Freunden mit allerlei schmucken Sachen reichlich beschenkt zu werden, Denkt euch, wie ihr vor Freude jauchztet, als blanke Soldaten, Männchen mit Drehorgeln, schön geputzte Puppen, zierliche Gerätschaften, herrliche bunte Bilderbücher u. a. m. um euch lagen und standen! Solche große Freude wie ihr damals, hatten jetzt Felix und Christlieb, denn eine ganz reiche Bescherung der niedlichsten glänzendsten Sachen ging aus den Schachteln hervor. (Hoffmann 2008, 579)

Ähnlichkeiten mit den Leseranreden in Der Kinderfreund lassen sich hinsichtlich des schmeichelnden, freundlichen und zugewandten Tons und der Beziehung zum narrativen Adressaten („meine vielgeliebten Leser“) erkennen. Auch sind die kommunikationsbezogenen Funktionen hier wie bei Weiße besonders deutlich, der Leser soll durch die Ansprache aktiviert werden und sich empathisch in die Geschichte einfühlen („Solche große Freude wie ihr damals“). Didaktische Funktionen lassen sich in der direkten Leseranrede nicht erkennen, obwohl die histoire durchaus eine Lehre bereit hält, die mit dem romantischen Ideal der ← 354 | 355 Naturverbundenheit in Einklang steht: Das Glück liegt nicht in der Anhäufung wissenschaftlicher und technischer Kenntnisse, sondern in der Freiheit der Natur.

3.3    Else Ury: Nesthäkchen und ihre Puppen

Der erste Band aus Else Urys Nesthäkchen-Reihe erschien 1913. Die Erzählung ist extradiegetischen-heterodiegetisch, dominant nullfokalisiert. Zwar enthält das Kinderbuch direkte Leseranreden, doch sind Frequenz und Quantität als gering einzustufen: Lediglich zu Beginn der Erzählung und am Ende werden die fiktiven Adressaten direkt angesprochen. Bei den insgesamt vier direkten Leseranreden handelt es sich um zwei Fragen und zwei Aussagen. Der Ton ist dabei freundlich und obwohl kaum Informationen über die Beziehung zwischen Erzähler und fiktiven Adressaten enthalten, lässt sich sagen, dass die phatische Funktion dominiert. Deutlich wird dies durch die Verwendung des Possessivpronomens „unser“ im Bezug auf die Protagonistin, womit Zugehörigkeit ausgedrückt wird: „Habt ihr schon mal unser Nesthäkchen gesehen?“, „So sieht unser Nesthäkchen aus“ (Ury 1990, 3), „Ja, noch schläft unser Nesthäkchen“ (105). Weiterhin lassen sich kommunikationsbezogene Funktionen wie die Erzeugung von Aufmerksamkeit und Spannung erkennen: „Doch davon erzähle ich euch erst im nächsten Band.“ (105) Selbstreferentielle Funktionen treten in den Hintergrund. Zwar wird das ‚Gemacht-Sein‘ des Textes indirekt thematisiert, allerdings wird die Authentizität des Erzählten versichert: „So sieht unser Nesthäkchen aus, und wenn ihr in Berlin lebt, könnt ihr es jeden Tag mit Fräulein Lena in den Tiergarten gehen sehen.“ (3) Metafiktion und Erzählillusion, die so erzeugt werden, sind aufgrund der Marginalität der Leseranreden eher als gering ausgeprägt einzuschätzen.

3.4    Erich Kästner: Emil und die Detektive

Leseranreden finden sich ausschließlich im ausführlichen Prolog des Kinderbuchklassikers aus dem Jahr 1929, in dem der heterodiegetische, nullfokalisierte Erzähler die fiktive Entstehung der dann folgenden Geschichte erzählt. Obwohl sich die offene Anrede des fiktiven Adressaten dort häuft, sind Frequenz und Quantität der direkten Leseranreden in Emil und die Detektive gering. Es handelt sich bei diesen vor allem um suggestive Aussagen wie „Und auch euch wird’s schon manchmal ähnlich gegangen sein“ (Kästner 2000, 16), deren Ton stets freundlich, aber distanziert ist: „Ich weiß nicht, wie das bei euch zu Hause ist; aber“ (22). Neben kommunikationsbezogenen Funktionen wie Leseraktivierung und Aufmerksamkeitssteigerung wird die selbstreferentielle Funktion deutlich: Die Fiktionalität und Konstruiertheit der Geschichte werden im Prolog explizit thematisiert und durch die Erzählillusion implizit hervorgehoben. Die indirekte ← 355 | 356 Aufforderung an den Adressaten „Vielleicht seid ihr geschickt genug und könnt euch aus den verschiedenen Elementen die Geschichte zusammenstellen, ehe ich sie erzähle?“, erzeugt Metafiktion, die darin enthaltene Aufforderung sich eine Geschichte auszudenken, erfüllt aber zugleich eine didaktische Funktion. Da sich Leseranreden und Erzählillusion auf den Prolog beschränken, bewirken sie keinen nachhaltigen Illusionsbruch.

3.5    Lemony Snicket: Der Reptiliensaal

Der Text ist der zweite Band einer Reihe mit dem Titel „Die schaurige Geschichte von Violet, Sunny und Klaus“. Er wurde unter dem Pseudonym Lemony Snicket veröffentlicht und ist im Jahr 2000 in deutscher Übersetzung erschienen. Bei dem Erzähler, der sich als Chronist der Ereignisse ausgibt, handelt es sich um einen homodiegetischen, dominant nullfokalisierten Erzähler, der am erzählten Geschehen unbeteiligt ist. Hierdurch wird die Authentizitätsfiktion gebrochen, was Metafiktion erzeugt. Der fiktive Adressat wird mit dem persönlichen Du und „lieber Leser“ angeredet, die Frequenz dieser Leseranreden ist mittel bis hoch, ebenso die Quantität, wobei sie sich durch den gesamten Text ziehen. Die Art der direkten Anreden umfasst ein Spektrum von rhetorischen und echten Fragen, Aufforderungen und Erklärungen. Der Ton ist dabei freundlich und zugewandt: der Erzähler spricht keinen ihm bekannten und vertrauten Adressaten an, sondern einen unbekannten Leser, um dessen Identifikation mit den Figuren er sich offen bemüht:

Wie gelähmt von der Tragweite dieses Irrtums würde dir der Mund offen stehen, du würdest immer wieder mit den Augen zwinkern, aber du wärst unfähig, auch nur ein Wort herauszubekommen. So ging es auch den Baudelaire-Kindern. (Snicket 2000, 69f.)

Die Funktionen der Leseranreden lassen sich sowohl als kommunikationsbezogen als auch als selbstreferentiell klassifizieren. Zu nennen sind im Einzelnen die Aktivierung des Rezipienten, die durch zahlreiche Aufforderungen des Erzählers an den fiktiven Adressaten − sich gut zu überlegen, ob er weiterlesen möchte − ausgelöst wird sowie die Lenkung der Rezeption. Außerdem wird Empathie für die Protagonisten hervorgerufen und Erzählillusion erzeugt, wodurch Fiktionalität auf selbstreflexive Weise hervorgehoben wird:

Es tut mir aufrichtig Leid, dass ich dich so in der Luft hängen gelassen habe, aber während ich dabei war, die Geschichte der Baudelaire-Waisen aufzuschreiben, fiel mein Blick zufällig auf die Uhr, und mir wurde klar, dass ich eine Einladung zu einem förmlichen Abendessen bei einer Freundin, Madame diLustro, hatte und nahe daran war, mich zu verspäten. (29) ← 356 | 357

Die Erklärungen erfüllen auch eine didaktische Funktion, diese zeigt sich aber eher indirekt in der Erläuterung literaturwissenschaftlicher Begriffe:

Stell dir vor, du sitzt in einem Restaurant und sagst laut: „Ich kann es kaum abwarten, dass meine Kalbsmedaillons in Marsala serviert werden.“ Gleichzeitig sitzen aber Leute in der Nähe, die wissen, dass das Essen vergiftet ist […]. In so einer Situation könnte man von dramatischer Ironie sprechen. (33f.)

Eng verknüpft mit der didaktischen Funktion ist im Fall der Erläuterung literarischer Phänomene oder Begriffe auch eine selbstreferentielle Funktion. Da diese Erklärungen implizit auf die Konstruiertheit fiktionaler Texte aufmerksam machen, können sie zugleich fictio-metafiktional wirken. Die didaktische Funktion wird dadurch wieder gebrochen: Indem ein erzählerisches Mittel bloßgelegt wird, wird der fiktive Adressat angeregt, die Wahrhaftigkeit des Erzählten und die daran geknüpfte Autorität des Erzählers in Frage zu stellen. Außer diesen sozusagen literaturwissenschaftlichen Erläuterungen, tauchen im Text mitunter auch Erklärungen auf, die sich auf Werkzeuge beziehen: „Dietrich ist […] ein Drahthaken, der wie ein Schlüssel funktioniert“ (138). Die Belehrung wird allerdings durch Mittel der Übertreibung oder Verfremdung ironisch gebrochen, z. B. wenn der Erzähler den fiktiven Adressaten auffordert, niemals an der „elektrischen Vorrichtung herumzufummeln“ und dabei zwei Buchseiten mit der Wiederholung des Wortes ‚nie’ gefüllt sind (135 ff.).

3.6    Philip Ardagh: Die Kuh, die vom Himmel fiel

Auch bei diesem Kinderbuch handelt es sich um einen Band einer Reihe, dessen Erzähler sich als Chronist ausgibt und denselben Namen trägt wie der reale Autor. Es handelt sich demnach auch hier um einen homodiegetischen Erzähler, der scheinbar unbeteiligter Beobachter der Ereignisse, dessen Erzählung aber nullfokalisiert ist. Wie in Der Reptiliensaal verstößt die Erzählanlage somit gegen die erzähllogische Konvention, dass eine Figur der erzählten Welt keinen Einblick in die Gedanken und Gefühle anderer Figuren haben kann, und erzeugt somit Metafiktion. Die Leseranreden in Form von rhetorischen Fragen, Aussagen und Aufforderungen sind ebenfalls durchgehend, ihre Frequenz und Quantität ist mittel bis hoch. Anders als in Der Reptiliensaal ist der Ton hier nicht freundlich, zugewandt und besorgt, sondern neutral, teilweise herablassend und barsch: „Denen von euch, die mich nicht bereits kennen, sei gesagt: IHR SOLLTET EUCH WAS SCHÄMEN!!!!“ (Ardagh 2010, 13) Es entsteht so der Eindruck, dem Erzähler seien seine Adressaten mitunter lästig. Didaktische Funktionen in Form von Erklärungen und Belehrungen, die über das Textverständnis hinausgehen, ← 357 | 358 erfüllen die Leseranreden nicht. Neben kommunikationsbezogenen Funktionen wie Kontakt knüpfen und Aufmerksamkeit erhalten, haben die Leseranreden hier vor allem selbstreflexive und metafiktionale Funktion: Die Erzählillusion hebt die Subjektivität des Erzählens hervor: „Es ist mir egal, wenn du mir nicht glaubst, weil es nämlich wahr ist“ (17). Dass der Erzähler die Authentizität des Erzählten wiederholt behauptet und dabei einen unsachlichen Ton anschlägt, deutet auf dessen Unzuverlässigkeit hin.

3.7    Ellis Weiner: Die Zwick-Zwillinge lösen ein verzwicktes Problem

Auf die Spitze getrieben wird die Unfreundlichkeit des Tons der Leseranreden in Ellis Weiners 2014 erschienenem Kinderbuch. Anders als bei den bereits vorgestellten Texten wird die nullfokalisierte Geschichte von einem heterodiegetischen Erzähler erzählt. Der fiktive Adressat wird persönlich mit „Du“ angesprochen, Frequenz und Quantität der Leseranreden sind hoch bis sehr hoch. Sie finden sich durchgängig und besonders am Ende jeden Kapitels in den „Fragen zum Text“. Daneben sind auch Erklärungen und dialogische Monologe vorhanden, die neben Fragen und Antworten Aufforderungen enthalten. Wie erwähnt, ist der Ton häufig ruppig und unfreundlich, teilweise beleidigt der Erzähler den von ihm angesprochenen Adressaten und beklagt sich häufig über die Strapazen des Erzählens. Neben kommunikationsbezogenen Funktionen wie Kontakt knüpfen und Erzeugung von Empathie („Aber uns ist es aufgefallen, nicht wahr? Und wir wissen, warum die Zwillinge still und bedrückt waren. Sie machten sich Sorgen“ (105)) treten selbstreferentielle Funktionen in den Vordergrund: Die Leseranreden schaffen eine besonders ausgeprägte Erzählillusion und dienen der Reflexion des Schreibprozesses bzw. der Erzähltextproduktion, wodurch fictio-Metafiktion erzeugt wird:

Ja, ich gebe zu, der Satz oben ist nicht besonders gut. Na und?

Du wirst einfach Geduld mit mir haben müssen, liebe Leserin oder lieber Leser. Ich habe so etwas nämlich noch nie gemacht – Geschichten erzählt und Bücher geschrieben für völlig fremde Menschen, die ich, ehrlich gesagt, vielleicht nicht mal besonders nett finde. Ja, dich meine ich. (Weiner 2014, 10)

Nicht thematisiert wird hingegen das Erfinden von Geschichten: Wie bei Snicket und Ardagh wird die Authentizität der Geschichte behauptet, allerdings wird dies weniger eindringlich beteuert, sondern eher indirekt vermittelt: „Ich bin gezwungen, die Geschichte der Zwick-Zwillinge aufzuschreiben.“ (23) Außerdem lassen sich didaktische Funktionen erkennen: Ähnlich wie bei Snicket handelt es sich um Erklärungen technischer Gegenstände oder Operationen: „ Was? Was ist ein Senkel? Du machst wohl Witze, oder? Ein Senkel ist natürlich ein kleiner ← 358 | 359 Klumpen aus einem schweren Metall, der meist die Form einer großen Träne hat.“ (36) und Pseudo-Erläuterungen literarischer Phänomene bzw. Begriffe: „‘Pro-‚ bedeutet ‚vor‘ und ‚-log‘ bedeutet … was immer es bedeutet. Schlag es nach.“ (12) Andererseits werden didaktische Mittel wie die im Schulunterricht gebräuchlichen Fragen zum Textverstehen parodiert. Die auf jedes Kapitel folgenden „Fragen zum Text“ sind häufig redundant oder beziehen sich gar nicht auf das Erzählte: „Wie heißen Adele und Arno, die Zwick-Zwillinge?“ (21) oder „Haben wir uns verstanden?“ (25)

3.8    David Almond: Der Junge, der mit den Piranhas schwamm

Im selben Jahr wie die Zwick-Zwillinge erschien David Almonds Kinderbuch Der Junge, der mit den Piranhas schwamm. Vermittelt durch einen extradiegetischen, heterodiegetischen Erzähler wird die Geschichte der Hauptfigur Stanley Potts aus einer Übersicht erzählt. Die direkten Leseranreden richten sich mal an einen einzelnen fiktiven Adressaten, mal an mehrere. Sie finden sich durchgängig im Text, mit 16 Anreden auf 246 Seiten ist ihre Frequenz als mittelstark zu bezeichnen, ihre Quantität allerdings mittel bis hoch, da sich die Anreden oft über eine halbe bzw. ganze Buchseite erstrecken. Der fiktive Adressat ist so stetig in der Erzählung präsent, der Ton, den der Erzähler ihm gegenüber anschlägt, ist freundlich und einfühlsam. Neben rhetorischen und echten Fragen finden sich unter den Leseranreden vor allem Aufforderungen. Besonders fällt hier die letzte Leseranrede auf, in der die Erzählinstanz den fiktiven Adressaten auffordert, sich das Ende der Geschichte selbst auszudenken:

Es ist eure Entscheidung. Wenn ihr die Geschichte schreiben würdet, was würde als nächstes passieren? […] Wie auch immer ihr euch entscheidet, es ist bloß eine Geschichte. Clarence P. Klapp existiert nur auf den Seiten dieses Buches und an einem verborgenen Ort: eurer Fantasie. (Almond 2014, 242)

Im Hinblick auf die Funktionen der Leseranreden offenbart sich darin eine Dominanz selbstreferentieller Funktionen in Form von fictio- und fictum-Metafiktion. Gleichzeitig erfüllen die direkten Leseranreden eine phatische sowie eine leselenkende Funktion: „Oh, liebe Leser12, bleibt einfach dran und lest weiter. Hört zu. Schaut her. Oder aber legt das Buch beiseite. […] Macht schnell. Oder aber lest weiter.“ (58). Neben der spannungssteigernden Funktion wirkt dies hier auch stark leseraktivierend. ← 359 | 360

4.    Fazit: von der Belehrung zu ihrer ironischen Brechung

Die Analysen haben Unterschiede hinsichtlich der Formen dieser Leseranreden und dem durch sie sichtbaren Verhältnis von Erzählinstanz und fiktiven Adressaten aufgezeigt. Unterschiedliche Tendenzen zwischen historischen und zeitgenössischen kinderliterarischen Texten konnten im Hinblick auf die Funktionen der direkten Leseranreden festgestellt werden. Zum besseren Vergleich sind die Ergebnisse der vier Analysen im Anhang in tabellarischer Form nebeneinander dargestellt.13 Es zeigt sich hier, dass die aufklärerischen Texte von Weiße und Campe gegenüber den übrigen historischen Texten in den Kategorien Frequenz, Quantität, Ort und Art eine Sonderstellung einnehmen. Während die Leseranreden hier sehr dominant sind, stellen sie in den übrigen Texten ein randständiges Phänomen dar, was auch durch die Beschränkung auf Anfang und Ende der Texte deutlich wird. Lediglich in der Kategorie Ton/Beziehung weisen alle untersuchten historischen Texte eine ähnliche Tendenz auf: Die Kommunikation zwischen Erzähler und fiktivem Adressat ist von einem freundlichen, zugewandten Ton geprägt. Demgegenüber zeigen sich die direkten Leseranreden in den analysierten zeitgenössischen Texten durchweg dominant. Im Gegensatz zu den historischen Texten ist hier eine deutliche Varianz hinsichtlich des Tons und der Erzähler-Adressaten-Beziehung erkennbar. Dieser ist mitunter unfreundlich, barsch und sogar beleidigend.

Deutliche Unterschiede zwischen älteren und neuen Texten zeigen sich auch bei der Betrachtung der Funktionen der direkten Leseranreden. Wie aus den Tabellen ersichtlich wird, sind die Leselenkung, die Erzeugung von Erzählillusion und damit verbunden fictio-Metafiktion sowie der Erhalt von Aufmerksamkeit und Spannungsaufbau Funktionen, die den direkten Leseranreden in allen untersuchten Werken zukommen. Außerdem dienen die Leseranreden i. d. R. dazu Kontakt zum Leser zu knüpfen, ihnen kommt also eine phatische Funktion zu. Dies liegt vor allem daran, dass diese Funktionen durch Leseranreden per se erfüllt werden, unabhängig von deren Form. Dennoch zeigen sich auch hier Differenzen hinsichtlich des Grades bzw. der Intensität. So rückt die phatische Funktion bei hoher Frequenz der Leseranreden in den Vordergrund und die Erzählillusion ist dann stärker ausgeprägt, wenn die Anreden mit Selbstauskünften verknüpft werden, was bei allen vier analysierten zeitgenössischen Werken häufig der Fall ist. ← 360 | 361

Von solchen formalen Differenzen abgesehen, zeigen sich Unterschiede in allen drei Funktionen-Gruppen. Zu beobachten ist, dass die Leseraktivierung, verstanden als Aufforderung des Erzählers gegenüber dem fiktiven Adressaten seinen eigenen Rezeptionsvorgang zu reflektieren und an der Konstruktion der Geschichte mitzuwirken, vermehrt in den zeitgenössischen Kinderbüchern zu finden ist. Eine Ausnahme bei den älteren Texten bildet Emil und die Detektive, das auch hinsichtlich der Erzeugung von fictum-Metafiktion eine ‚Vorreiterrolle‘ einzunehmen scheint. Das im Beitragstitel zitierte Beispiel zeigt eine Bezugnahme der neuen auf die tradierten Texte des 18. Jahrhunderts und führt gleichzeitig einen Unterschied vor Auge. „Oh, liebe Leser“ erinnert an historische Texte wie in Weißes Kinderfreund oder an Hoffmanns Das fremde Kind, anschließend aber fordert der Erzähler den Leser auf, sich zu entscheiden, ob er weiterlesen oder das Buch beiseitelegen will: hierin zeigt sich ein verändertes Bild des (kindlichen) Lesers, der nicht mehr nur gehorsam aufnehmen, sondern aktiv mitgestalten soll. Bei Weiße und Ury dienen die Leseranreden auch der Versicherung von Authentizität, ebenso bei den zeitgenössischen Werken von Snicket, Ardagh und Weiner. Allerdings wird diese Funktion bei Snicket und Ardagh ironisch gebrochen, was implizit fictum-Metafiktion erzeugt. Bei Weiner wird die didaktische Funktion der Leseranrede mittels der ironischen Verfremdung parodiert. Bezug genommen wird hier auf Schulbuchtexte, explizit auf Übungen zum Lese-Verstehen. Bei der Gruppe der didaktischen Funktionen fällt weiterhin auf, dass die moralische und handwerklich-technische Unterweisung in den Texten des 18. Jahrhunderts in den neuen Texten (Snicket, Weiner, Ardagh) einer literarischen Unterweisung einerseits und einer naturwissenschaftlich-technischen Belehrung andererseits gewichen ist. Die literarischen Unterweisungen erfüllen eine selbstreflexive Funktion, die wiederum die Authentizität des Erzählten zugunsten einer Hervorhebung des Konstrukt-Charakters der Erzählung untergräbt. Insgesamt ist durch die hohe Frequenz und Quantität verbunden mit dem barschen Ton (Weiner, Ardagh) und/oder der gebrochenen Authentizitätsfunktion (Ardagh, Snicket) sowie der Leseraktivierung (Almond) die Disposition zu einer illusionsbrechenden Wirkung der Leseranreden in den neueren Texten deutlich stärker einzuschätzen.

Abschließend lässt sich feststellen, dass die Analysen die Aussagen von Martίnez/Scheffel und Iser zu Umfang und Art der Leseranreden in den unterschiedlichen Epochen weitgehend bestätigen. Besonders Isers Beobachtung einer erhöhten Leseraktivierung in selbstreflexiven Texten wird durch die Texte von Snicket, Ardagh, Weiner und Almond gestützt: in ihnen allen fungieren die direkten Leseranreden stark metafiktional und illusionsbrechend. Der fiktive Adressat und der sich mit diesem identifizierende reale Leser werden so angeregt, die ← 361 | 362 Fiktionalität des Erzählten zu reflektieren. Indem der Leser sich seiner eigenen Rolle bewusst wird, kann er diese aktiv ausführen, d. h. die Sinnkonstruktion des Textes mitgestalten. Im Gegensatz dazu dominiert in den historischen Texten die leselenkende und Authentizität versichernde Funktion. Es hat sich also gezeigt, dass direkte Leseranreden mittels der Gestaltung des fiktiven Adressaten viele verschiedene Funktionen erfüllen, die von der starken Kontrolle der Rezeption bis zum Aufruf zur aktiven Mitgestaltung des Textes reichen. Unabhängig von den textinternen Funktionen erscheint die direkte Leseranrede auf der Rezeptionsebene vor allem eine pädagogische Funktion zu erfüllen. So verstärkt sie in jedem Fall die Identifikation des realen kindlichen Lesers mit dem fiktiven Adressaten, wodurch dem lesenden Kind eine große Nähe zum Erzähler suggeriert wird. Die Leseranrede verringert also die gefühlte Distanz zwischen Sender und Empfänger und schafft einen sanften Übergang zwischen Vorlesesituation und eigenständigem Leseprozess. Man kann also in Anlehnung an Winnicotts Begriff Übergangsobjekt (Winnicott 1993, 13, 25) hier von einer Kommunikationsform des Übergangs sprechen. ← 362 | 363

Tabelle 2:    Formen der Leseranreden in den analysierten Erzähltexten für Kinder

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Tabelle 3:    Funktionen der direkten Leseranreden in den analysierten Erzähltexten für Kinder

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Literaturverzeichnis

Primärliteratur

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Ardagh, Philip: Geschichten aus Bad Dreckskaff – Die Kuh, die vom Himmel fiel. Aus dem Engl. von Harry Rowohlt. Mit Ill. von Christian Moser. Hamburg: Dressler 2010. – Orig.-Ausg.: Grubtown tales – The year that it rained cows, 2009.

Calvino, Italo: Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Aus dem Ital. von Burkhart Kroeber. München: Hanser 1983. – Orig.-Ausg.: Se una notte d’inverno un viaggiatore, 1979.

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Kästner, Erich: Emil und die Detektive. Ein Roman für Kinder. Ill. von Walter Trier. 144. Aufl. Hamburg: Dressler 2000. – EA 1929.

Snicket, Lemony: Die schaurige Geschichte von Violet, Sunny und Klaus. Bd. 2: Der Reptiliensaal. Aus dem Engl. von Birgitt Kollmann. Weinheim [u. a.]: Beltz & Gelberg 2000. – Orig.-Ausg.: A series of unfortunate events – The reptile room, 1999.

Weiner, Ellis: Die Zwick-Zwillinge lösen ein verzwicktes Problem. Mit Ill. von Jeremy Holmes. Aus dem Engl. von Kattrin Stier. München: Hanser 2014. – Orig.-Ausg.: The Templeton twins have an idea, 2012.

Weiße, Christian Felix: Der Kinderfreund. Ein Wochenblatt. [Auswahl-Repr. d. Ausg.] Reutlingen: Grözinger u. Ensslin, 1818, 4., verb. Aufl. Reutlingen: Ensslin & Laiblin 1966.

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1     Ich verwende abwechselnd die männliche und weibliche Form, meine aber, sofern ich es nicht gesondert kennzeichne, beide Geschlechter.

2     Vgl. zum Phänomen der Leseranrede auch den Beitrag von Benjamin Uhl in diesem Band.

3     Ein Sonderfall entsteht durch eine narrative Metalepse auf Ebene der histoire, die eine Überschreitung der Grenze zwischen den ontologisch getrennten Erzählebenen bezeichnet. Im Fall eines Textes, der solche Metalepsen enthält, wäre eine direkte, dialogische Kommunikation zwischen Erzähler und fiktivem Adressaten darstellbar. Allerdings handelte es sich beim fiktiven Adressaten in dem Fall um eine handelnde Figur.

4     Der Begriff „implied author“ stammt von Wayne C. Booth, der diesen in The Rhethorik of Fiction 1961 einführte.

5     Von einer hohen Frequenz spreche ich bei mindestens einer direkten Leseranrede à zehn Seiten, niedrig ist die Frequenz der direkten Leseranreden, wenn der Text bis zu fünf Anreden insgesamt enthält.

6     Zumeist geht eine hohe Frequenz auch mit einer hohen Quantität einher, möglich ist aber auch, dass sich wenige Leseranreden über eine oder mehrere Seiten erstrecken. Von einer hohen Quantität soll daher dann die Rede sein, wenn die Anreden mindestens zwei Prozent des Textes ausmachen.

7     Die hier aufgeführten Gegensatzpaare sind an Lanser-Sniaders Modell angelehnt.

8     Werner Wolf führt die Unterscheidung von Metafiktion in fictio- und fictum-Metafiktion ein. Fictio-Metafiktion meint dabei Hinweise auf die ‚Gemachtheit‘ bzw. die Künstlichkeit des Textes, während Wolf die Bloßlegung der Erfundenheit des Textes als fictum-Metafiktion bezeichnet (vgl. Wolf 2001, 72).

9     Eine solch hohe Frequenz konnte in den untersuchten Texten nicht festgestellt werden.

10   Der von Iser verwendete Begriff Autor muss entsprechend meiner verwendeten Terminologie durch den innerfiktionalen Begriff Erzähler ersetzt werden.

11   Im Folgenden werde ich die Zitate in den Einzelanalysen nur einmalig mit der Angabe von Autor und Jahreszahl belegen und bei weiteren Zitaten mit der entsprechenden Seitenzahl.

12   Die Anrede erinnert an historische Texte.

13   Die Tabelle 2 enthält Parameter zur Bestimmung der Formen der direkten Leseranreden in den Primärtexten, Tabelle 4 fasst die daraus abgeleiteten Funktionen zusammen.