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Das anwaltliche Mandantengespräch

Linguistische Ergebnisse zum sprachlichen Handeln von Anwalt und Mandant

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Ina Pick

Diese gesprächslinguistische Studie untersucht das anwaltliche Mandantengespräch auf einer breiten Datengrundlage authentischer Gesprächsaufnahmen aus unterschiedlichen Rechtsgebieten und arbeitet typische kommunikative Formen und Probleme heraus. Mandantengespräche gehören zum beruflichen Alltag der meisten Anwälte und Anwältinnen, die Gesprächsführung gilt zudem als eine juristische Schlüsselqualifikation. Mit einem theoretisch und methodisch mehrdimensionalen Zugang werden Gesprächsphasen, kommunikative Aufgaben und verschiedene zentrale sprachliche Handlungsmuster rekonstruiert und miteinander in Bezug gesetzt. Fragebögen und Interviews mit den Beteiligten sowie die Auswertung von Praxisliteratur aus Anwaltssicht ergänzen die Analysen im Sinne einer Angewandten Gesprächsforschung. Die Arbeit wurde mit dem «Förderpreis Sprache und Recht 2014 der Universität Regensburg», dem «Dissertationspreis 2014 der TU Dortmund» sowie dem «Peter-Lang-Nachwuchspreis – Geisteswissenschaften» ausgezeichnet.
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4 Erforschung von Rechtsberatung: Projektaufbau und -ablauf

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4 Erforschung von Rechtsberatung: Projektaufbau und -ablauf

Ziel dieses Kapitels ist es, einen Überblick über den Projektaufbau und -ablauf zu geben. Dazu wird zunächst das Untersuchungsinteresse und die Wahl des Forschungsgegenstandes begründet sowie die Fragestellung(en) entwickelt. Darauf wird die Datengrundlage beschrieben und auf die Aufbereitung des Materials eingegangen. Schließlich wird der gewählte theoretische und methodische Zugang dargestellt und begründet.

4.1 Wahl des Forschungsgegenstandes und Fragestellung

Ausgehend von der Reform des Deutschen Richtergesetzes 2003, nach der Juristen, von denen der mit Abstand größte Teil den Anwaltsberuf ergreift, in ihrer universitären Ausbildung nun (kommunikative) Schlüsselqualifikationen lehren und lernen (vgl. dazu Kapitel 2.1.1) sowie der bislang schwachen Ergebnislage zu anwaltlichen Mandantengesprächen, vor allem im deutschsprachigen Raum, entstand das Forschungsinteresse, das dieser Arbeit zugrunde liegt.

Ziel dieser Arbeit ist es, das anwaltliche Mandantengespräch aus angewandt-sprachwissenschaftlicher Perspektive zu untersuchen. Dabei konzentriere ich mich auf das wichtigste und gleichzeitig häufigste anwaltliche Mandantengespräch: die Erstberatung.10 Dazu gehe ich zunächst für die Datenerhebung und -auswahl davon aus, dass es sich um eine anwaltliche Erstberatung handelt, sobald ein Rechtsanwalt (dessen Zugangsbestimmungen zum Anwaltsberuf berufsrechtlich genau geregelt sind (vgl. Kapitel 2.1.1) zum ersten Mal zur Besprechung face-to-face einer Person gegenübersitzt, die mit einer rechtlichen Fragestellung (vorläufig durch die Person selbst bestimmt) den Anwalt aufsucht und darüber hinaus für dieses Treffen den Rechtsanwalt bezahlt.

Mein Untersuchungsinteresse gilt einer systematischen Beschreibung der kommunikativen Anforderungen und Formen anwaltlicher Erstberatungen.

Dabei ist die untersuchungsleitende Fragestellung, inwiefern ein Beschreibungsinventar gefunden werden kann, das es ermöglicht, anwaltliche Erstgespräche ← 97 | 98 → systematisch, funktional, umfassend und in ihrer institutionellen Spezifik zu erfassen. Daraus ergeben sich verschiedene Teilfragestellungen, die das kommunikative Geschehen im Gespräch jeweils unterschiedlich detailliert in den Fokus nehmen. Zum einen wird nach einer Beschreibung gefragt, die es ermöglicht, den Ablauf und ggf. Typen anwaltlicher Mandantengespräche zu beschreiben. Hier wird auch danach zu fragen sein, inwiefern überhaupt anwaltliche Erstgespräche aus verschiedenen Rechtsgebieten, von verschieden spezialisierten Anwälten aus verschieden großen Kanzleien an verschiedenen Standorten gemeinsam beschrieben werden können bzw. wie hier differenziert werden muss. Zum anderen stellt sich die Frage nach einer funktionalen Beschreibung, die sich an den kommunikativen Aufgaben der Beteiligten orientiert und das Gespräch in seiner Aufgaben- und Handlungsstruktur erfasst. Auf dieser Grundlage soll entsprechend weiter nach den Details kommunikativer Formen und Verfahren gefragt werden, derer sich die Beteiligten bedienen, um die Aufgaben zweckbezogen zu bearbeiten. Dabei werden besonders zentrale kommunikative Aufgaben in ihrer interaktionalen und mentalen Bearbeitung als sprachliche Handlungsmuster beschrieben. Hier wird nach den Bezügen zwischen kommunikativen Aufgaben und sprachlichen Handlungsmustern zu fragen sein und aufzuzeigen sein, welche kommunikativen Aufgaben jeweils eng verzahnt in einem Handlungsmuster von den Beteiligten bearbeitet werden und wie diese Bearbeitung im anwaltlichen Erstgespräch vollzogen wird.

In allen genannten Untersuchungs- und Beschreibungsdimensionen soll auch immer die Frage nach möglichen handlungsstrukturellen Schwierigkeiten und kommunikativen Problemen gestellt werden. Kommunikationsprobleme sollen an jenen Stellen aufgezeigt werden, an denen sie bei der Untersuchung und Beschreibung auffällig werden, um auch auf Anwendungsmöglichkeiten der Untersuchungsergebnisse in der Praxis hinzuweisen. Die Frage nach Schwierigkeiten soll in dieser Arbeit eine nebengeordnete bleiben, der Fokus liegt auf der Deskription der Systematik anwaltlicher Erstgespräche.

4.2 Korpus, Datenerhebung und Datenaufbereitung

Die Suche nach teilnehmenden Anwälten und Anwältinnen fand auf der Basis von Veröffentlichungen ausgewählter Vorergebnisse (Pick 2010, 2009a, 2009b) und Aufrufen zur Teilnahme über verschiedene Rechtsanwaltskammern und den Anwaltverein statt. Dazu wurde zeitgleich eine Website (Pick 2014) eingerichtet, auf der sich interessierte Anwälte näher über das Projekt informieren können. Mit diesem Vorgehen wurde eine große Zahl von Anwälten angesprochen, was sich in der Menge der erhobenen Daten widerspiegelt. Ebenfalls konnten so interessierte und freiwillige Teilnehmende gefunden werden, was das Durchhaltevermögen ← 98 | 99 → und die Erklärungsbereitschaft gegenüber der Mandantenschaft erhöht und damit letztlich zu einer erfolgreicheren Datenerhebung beigetragen hat. Da methodisch auch Feedbackgespräche mit den teilnehmenden Anwälten vorgesehen sind (vgl. Kapitel 4.3.4), sollte der Teilnehmendenkreis interessiert, motiviert und ausdauernd sein, was mit diesem Vorgehen bei der Auswahl der Teilnehmenden gewährleistet werden konnte.

Die Anzahl der möglichen Teilnehmer war grundsätzlich offen, die Datenerhebung wurde für das gesamte Kalenderjahr 2010 angesetzt und durchgeführt, um auch Folgegespräche11 zu den aufgezeichneten Erstberatungen erheben zu können (das entspricht der Zeit, die für eine ausreichend lange Referendarstation beim Anwalt veranschlagt wird, um einen fundierten Einblick in die Praxis zu erhalten, vgl. Kilger 2007: 3).

Die Gesprächsaufnahmen wurden mit einem digitalen Diktiergerät durchgeführt. Auch wenn sich neuere Bestrebungen in der Gesprächsforschung der Erforschung multimodaler Phänomene widmen (Schmitt 2010; Lorenza/Schmitt 2010; Gülich/Mondada 2008: 115ff.), erschienen Audiodaten für das Untersuchungsziel ausreichend, da in der Analyse zunächst die sprachliche Interaktion im Vordergrund stehen soll und grundlegende Formen, Verläufe und Eigenschaften des Gesprächstyps beschrieben werden sollen. Damit hätte der Mehraufwand für Videoaufnahmen nicht im Verhältnis zum Nutzen gestanden. Darüber hinaus war die bessere Handhabbarkeit und Flexibilität von Aufnahmegeräten sowie die Vertrautheit der Anwälte mit der Diktiertechnik ein entscheidendes Kriterium für die Wahl. Denn so war es möglich, dass die Gespräche deutschlandweit erhoben werden konnten, da Aufnahmegeräte, nicht aber Kameras wegen des wesentlich höheren finanziellen Aufwands, bereitgestellt werden konnten und diese von Anwälten teils selbständig bedient werden konnten. Weiter wurde die Hemmschwelle für die Teilnahme bei Anwälten, aber vor allem bei Mandanten bei Aufzeichnung per Video als wesentlich höher vermutet. Auch eine Normalisierung der Situation hätte sich mit Kameras vermutlich schlechter eingestellt (Aufnahmegeräte wurden schnell vergessen, was Mandanten oder Anwälte teils mitteilten, teils dadurch deutlich wurde, dass Papiere darauf abgelegt wurden etc.). ← 99 | 100 →

Für den Ablauf der Datenerhebung wurden verschiedene Möglichkeiten vorgesehen. Entweder war ich bei den Gesprächen in der Kanzlei anwesend, habe den Mandanten das Projekt vorgestellt und das Aufnahmegerät bedient. Alternativ hat der Anwalt die Aufnahme selbständig durchgeführt, teils mit dem eigenen, teils mit einem von mir zur Verfügung gestellten Diktiergerät. Grundsätzlich habe ich nach ein paar wenigen anfänglichen Versuchen auf eine teilnehmende Beobachtung der Gespräche verzichtet, weil sich dies als zu starker Einflussfaktor erwiesen hat. Meine eigenen Erfahrungen haben gezeigt, dass Mandanten mich als Gesprächspartnerin mit einbezogen haben und mir teils ebenfalls Zusammenhänge erläutert haben. Antworten aus Fragebögen, die zum Teil auf eine Verunsicherung durch die Anwesenheit sogar von Rechtsreferendaren verwiesen, bestätigten diesen Eindruck. Auch in der Literatur sind Hinweise darauf zu finden, dass eine teilnehmende Beobachtung (zumindest in diesem Feld) keine sinnvolle Ergänzung zu sein scheint (Heutger 2006: 58).

Neben den Gesprächsaufnahmen wurden Fragebögen12 zu den jeweils aufgenommenen Gesprächen an beide Beteiligte ausgegeben. Die Fragebögen an die Beteiligten wurden nach den Gesprächen entweder mündlich als halbstrukturierte Interviews von mir mit den Beteiligten geführt oder die Bögen wurden schriftlich von den Anwälten und Mandanten bearbeitet. War ich bei den Aufnahmen anwesend, habe ich versucht, möglichst mündlich Interviews mit den Mandanten zu führen, dies war aber aufgrund der Räumlichkeiten nicht immer möglich. Anwälte hatten darüber hinaus die Möglichkeit der gesteuerten Selbstbefragung, das bedeutet, dass sie, anstatt den Fragebogen auszufüllen, ihre Antworten ebenfalls mündlich auf das Diktiergerät aufsprechen konnten. Dies hat sich als sehr praktikabel erwiesen, denn so konnten ausführlichere Antworten elizitiert werden und Anwälte waren bei der Bearbeitung schneller.

Die Vorgehensweise bei der Datenerhebung hat sich also in einem von mir vorgegebenen Rahmen bewegt und wurde jeweils individuell angepasst. Dies hatte vor allem einen Grund: Es sollte möglichst wenig in die Situation und die Abläufe vor Ort eingegriffen werden, um die Situation und damit die Gespräche möglichst wenig zu beeinflussen. Daher wurde es den Anwälten und Anwältinnen überlassen, welche der zur Verfügung stehenden Erhebungsalternativen sie bevorzugten. So konnte der individuelle Kanzleistil auch während der außergewöhnlichen Datenerhebungssituation bestmöglich beibehalten werden. Gleichzeitig wurden aber vor allem die Aufnahmesituation gar nicht variiert (es waren ← 100 | 101 → immer nur Anwalt und Mandant(en) anwesend) sowie die Fragebogenerhebung nur zu einem vertretbaren Maß variiert, da ohnehin offene Fragen gestellt wurden, deren Beantwortung in erster Linie von den Befragten abhing. So konnte letztlich die erhebbare Datenmenge qualitativ, aber auch quantitativ bestmöglich ausgeschöpft werden.

Weitere Daten, die im Laufe der Analyse erhoben wurden, waren Datensitzungen mit teilnehmenden Anwälten und Anwältinnen bzw. teilnehmenden Kanzleien, in denen Kommentare und Feedbacks zu Teilergebnissen mit den Praktikern diskutiert wurden. Diese wurden ebenfalls per Audioaufnahme mitgeschnitten, inventarisiert und ausschnittweise in Form von Wortprotokollen verschriftet.

Das Korpus, das der vorliegenden Arbeit zugrunde liegt, speist sich aus anwaltlichen Erst- und Folgegesprächen, die deutschlandweit (außer Ostdeutschland) erhoben wurden. Insgesamt sind 12 AnwältInnen beteiligt und es liegen 86 Gesprächsaufnahmen mit einer Gesamtlänge von 89 Stunden vor.

Davon sind 69 Erstgespräche und 17 Folgegespräche. Da die Folgegespräche in dieser Arbeit nur am Rande berücksichtigt wurden, beschränkt sich der folgende Überblick über die Daten auf die erhobenen Erstgespräche. Von den 69 erhobenen Erstgesprächen waren insgesamt 59 für die Analyse verwertbar (nicht verwertbar sind z. B. Gespräche mit Mandanten, die nur gebrochen Deutsch sprechen, oder Gespräche mit sehr schlechter Aufnahmequalität). Die folgende Liste (Abb. 3) zeigt die verwertbaren Erstgespräche sortiert nach ihrer Länge (durchschnittliche Länge 1h 4Min). Aus diesen Gesprächen wurden für einzelne Kapitel jeweils Teilkorpora gebildet, die in dieser Arbeit in Ausschnitten als Transkripte diskutierten Gespräche sind zur besseren Orientierung grau unterlegt, alle weiteren Gespräche wurden ebenfalls in die Analyse einbezogen, sie dienten als Hintergrundfolie und zur Absicherung der Ergebnisse, indem sie zu einzelnen Fragen vergleichend einbezogen wurden. In dieser Übersicht wird neben dem Kürzel des Gesprächs auch die Länge und das Rechtsgebiet sowie das Gesprächsthema vermerkt. Darüber hinaus wird verzeichnet, ob Fragebögen von Anwalt oder Mandant vorliegen (FB A, FB M).

Abb. 3: Korpus: alle auswertbaren Erstgespräche

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Alle aufgezeichneten Gespräche sind nach HIAT (Dittmar 2009: 114ff.; Rehbein et al. 2004; Ehlich 1993; Ehlich/Rehbein 1976) verschriftet und liegen sowohl als Transkript wie als Audioaufnahme anonymisiert vor. Die Wahl des Transkriptionssystems begründet sich zum einen durch das Untersuchungsinteresse, bei dem das Augenmerk auf Beschreibungen des gesamten Gesprächsverlaufs liegt und weniger auf lokale sprachlich-kommunikative Phänomene beschränkt ist, für die das alternative, ebenfalls im deutschsprachigen Raum verbreitete Transkriptsionssystem GAT bzw. GAT2 (Dittmar 2009: 130ff.; Selting et al. 2009; Selting et al. 1998) m. E. besser geeignet wäre. Dazu kommt die Partiturschreibweise, die HIAT besonders gegenüber GAT bzw. GAT2 auszeichnet, da es damit möglich ist, vor allem mehrere Sprecher, Kommentare, Nonverbales und Suprasegmentales übersichtlich notieren zu können. Darüber hinaus können meiner Erfahrung nach Praktiker, mit denen im Laufe der Arbeit Ergebnisse diskutiert werden sollen, mit einer nicht-vereinfachten HIAT-Transkription und der Partiturschreibweise gut arbeiten. Die Konventionen wurden nach HIAT umgesetzt, ergänzt wurde ein Äußerungsendzeichen, das für Assertionen mit schwebender oder steigender Intonation am Äußerungsende, die keine Fragen sind, verwendet wurde (vgl. die Übersicht über die verwendeten Transkriptionszeichen im Anhang).

Im Laufe der Arbeit wird an einigen Stellen das Transkript aus Platzgründen auch ohne Partiturschreibung in vereinfachter linearer Fassung wiedergegeben, wenn die zu beschreibenden Ergebnisse der Analyse diese Darstellungsweise erlauben. Hierbei wurden Hörersignale und Überlappungen gekürzt. Sind keine Partiturflächen dargestellt, kann davon ausgegangen werden, dass es sich jeweils um diese vereinfachte Form der Darstellung handelt.

4.3 Theoretischer Rahmen und methodisches Vorgehen

Grundlegend für die Herangehensweise bei der Erforschung von Gesprächen, egal ob aus gesprächs- oder diskursanalytischer Sicht, sind die folgenden Annahmen, auf denen entsprechend auch diese Arbeit basiert (vgl. auch Pick 2011b):

 Die Untersuchung basiert auf authentischen Gesprächsdaten, die möglichst in durch die Forschung unbeeinflussten Situationen erhoben werden.

 Für die Analyse authentischer Gespräche werden die erhobenen Daten detailliert inventarisiert und transkribiert, um überhaupt einer systematischen Untersuchung zugänglich zu sein.

 Sprachliches Handeln vollzieht sich im Gespräch unter der Mitwirkung beider (bzw. aller) Gesprächsbeteiligten gemeinsam in der Interaktion. Das Handeln der Beteiligten bedingt sich entsprechend gegenseitig. Bei gleicher ← 104 | 105 → Konstellation weist es darüber hinaus wiederkehrend vergleichbare Aufgaben und Formen auf.

 Die Analyse nähert sich qualitativ und explorativ in einem zyklischen Prozess dem Material an und beschreibt so Gespräche nicht auf der Grundlage vorhandener Kategorien, sondern aus dem Beobachteten selbst heraus. Andererseits wird aber auf ein aus anderen Analysen bekanntes Inventar von Kategorien und Ergebnissen zurückgegriffen und dieses zur Beschreibung des untersuchten Materials fruchtbar gemacht.

 Ziel der Analyse ist es, das Geschehen in authentischen und entsprechend vielfältigen Gesprächen in einem aus allen Daten gewonnenen abstrahierten Kategoriensystem beschreiben zu können, das systematisch die Merkmale und Besonderheiten des Gesprächstyps herausstellt und so die Generalisierbarkeit der Ergebnisse gewährleistet (Brünner 2009a: 61). Gleichzeitig beinhaltet das Kategoriensystem aber auch die Möglichkeit, die Beschreibung von Spezifika und der Dynamik einzelner Fälle vornehmen zu können. So muss jederzeit der Einzelfall auf der abstrahierten Beschreibung abbildbar und erklärbar sein.

Um sich dem bislang nicht systematisch untersuchten anwaltlichen Erstgespräch zu nähern, wird ein mehrstufiges Analyseverfahren gewählt, das verschiedene Dimensionen und Granularitäten der Beschreibung zulässt und so ein möglichst umfassendes Bild anwaltlicher Erstgespräche entstehen lässt. Dabei wird in dieser Arbeit zunächst der Ablauf anwaltlicher Erstgespräche bestimmt, um einen Überblick sowohl über die empirisch ermittelbaren Phasen als auch über verschiedene Typen anwaltlicher Erstgespräche zu geben, die sich anhand der Phasen und ihrer Konstellationen ermitteln lassen. In der Folge werden die kommunikativen Aufgaben der Beteiligten im Gespräch rekonstruiert und so das Handlungsschema für anwaltliche Erstgespräche entwickelt. Einzelne besonders zentrale und komplexe Aufgaben werden dann weiter in ihren kommunikativen Formen und dem interaktionalen Verlauf der gemeinsamen Bearbeitung beschrieben, indem für diese zentralen Aufgaben jeweils ein kommunikatives Handlungsmuster rekonstruiert wird.

Dieses Beschreibungsinventar soll es ermöglichen, das anwaltliche Erstgespräch möglichst umfassend und in verschiedenen Dimensionen zu beschreiben. Insgesamt ist nicht davon auszugehen, dass sich Gesprächsphasen, kommunikative Aufgaben und Mustergrenzen immer decken, sondern es ist eher zu erwarten, dass verschiedene kommunikative Aufgaben in einem Gefüge bearbeitet werden, das sich in einem Ablaufkomplex mit Rekursionen musterartig beschreiben lässt oder dass verschiedene Aufgaben innerhalb einer Gesprächsphase bearbeitet ← 105 | 106 → werden und umgekehrt (zum Zusammenhang der verschiedenen Beschreibungsdimensionen und einem Überblick der rekonstruierten Kategorien vgl. Kapitel 12.2).

In der Folge sollen die Zugänge jeweils beschrieben sowie ihr theoretischer Hintergrund und das methodische Vorgehen umrissen werden, um darzustellen, wie bei der Analyse der Gespräche entlang der verschiedenen Beschreibungsdimensionen vorgegangen wurde.

4.3.1 Beschreibung des Gesprächsablaufs: Phasen des anwaltlichen Erstgesprächs

Ziel der Bestimmung von Gesprächsphasen anwaltlicher Erstgespräche ist es, einen Überblick über den Ablauf der Gespräche geben zu können. Dies dient in erster Linie dazu, das anwaltliche Erstgespräch, orientiert an sprachlichen Oberflächenmerkmalen zu beschreiben und so zunächst noch sehr allgemein bestimmte Gesprächsabschnitte und deren typische Abfolge generalisieren zu können sowie einen ersten Zugang zum anwaltlichen Erstgespräch zu erschließen. So soll anhand dieser Beschreibung eine Übersicht über anwaltliche Erstgespräche gegeben werden, um auf dieser Basis detailliertere Beschreibungen sprachlichen Handelns vornehmen zu können, die sich anhand der Übersicht über den Ablauf leichter im Gesamtgespräch verorten lassen.

Auf dieser Basis und entlang deren Konstellationen sollen ebenfalls Typen anwaltlicher Erstgespräche herausgearbeitet werden, denen sich die Gespräche im erhobenen Korpus zuordnen lassen.

Deppermann (2008/1999: 35f.) empfiehlt eine Phasengliederung entlang der Parameter „Inhalt/Handlung“ im Rahmen der Inventarisierung für jedes einzelne Gespräch. Auf dieser Basis kann dann vor der Detailanalyse eine Phasenbeschreibung vorgenommen werden (Deppermann 2008/1999: 52). Denn

[w]enn wir wissen, aus welcher übergreifenden Gesprächsphase eine Äußerung stammt, können Besonderheiten ihrer Funktion und Behandlung oft sehr viel leichter und valider erkannt und interpretiert werden. Umgekehrt werden Analysefehler und Übergeneralisierungen vermieden, die dann entstehen, wenn sehr spezifische Umstände nicht berücksichtigt werden, die für die Gestaltung einer Äußerung verantwortlich sind (Deppermann 2008/1999: 52).

Hier soll es nicht darum gehen, die Phasengliederung einzelner Gespräche darzustellen, sondern diese zu abstrahieren und auf der Basis des untersuchten Korpus darzustellen. Entsprechend werden die Bezeichnungen der Phasen relativ unspezifisch sein, um möglichst alle untersuchten Gespräche abbilden zu können, sie werden aber gleichzeitig so differenziert wie möglich sein, um in ← 106 | 107 → ihrem Zusammenspiel als Ablaufbeschreibung des anwaltlichen Erstgesprächs dienen zu können.

Die Phasengliederung in Gesprächseröffnung, Kernphase und Gesprächsabschluss scheint unstrittig, für Gespräche typisch und verhältnismäßig leicht vorzunehmen (vgl. Brinker/Sager 2010/1989: 91ff.; Linke et al. 2004/1991: 318ff.; Spiegel/Spranz-Fogasy 2001a: 1241; Henne/Rehbock 2001/1979: 180f., 258). Diese Beschreibungsdimension wird auch als Makrostruktur bezeichnet (Deppermann 2008/1999: 52; Linke et al. 2004/1991: 318; Kallmeyer 1985: 81). Schwieriger aufgrund der Vielfalt und Komplexität gestaltet sich die Phasierung der Gesprächsmitte oder des Gesprächskerns in Teilphasen. Hier hilft eine Orientierung an der thematischen Entwicklung, der Handlungsentwicklung (die mit der thematischen Entwicklung verbunden sein kann, vgl. Spiegel/Spranz-Fogasy 2001a: 1243) und an sprachlichen Merkmalen wie Gliederungssignalen oder expliziten Markierungen von Phasenübergängen (vgl. Schank 1981a; Quasthoff 1979; für das Englische Schiffrin 1987).

Spiegel/Spranz-Fogasy definieren die Gesprächsphase als

Makrostrukturen von Gesprächen […], in denen schwerpunktmäßig zusammengehörende Aktivitäten durchgeführt werden, welche auf typischerweise vorangegangenen Aktivitäten aufbauen und die typischerweise nachfolgenden Aktivitäten zu Grunde liegen. Auf der allgemeinsten Ebene enthält der Begriff Gesprächsphase die für eine Bezugnahme wesentlichen Komponenten: Einheitlichkeit, Abgrenzbarkeit und Progredienz, die handlungs- und themenbezogen konstituiert sind (Spiegel/Spranz-Fogasy 2001a: 1242).

Aber auch kleinere Einheiten innerhalb dieser größeren Einheiten werden zuweilen als Phasen bezeichnet. So teilen z. B. Mondada/Schmitt (2010: 21) die Aktivitäten bei einer Ankunft von Gästen im Rahmen der Gesprächseröffnung ebenfalls in „Phasen“. Grießhaber (2001: 84) unterscheidet thematische/ funktionale Phasen von Musterphasen und zeigt, dass sich diese nicht oder nur teilweise decken. In dem von ihm gegebenen Beispiel zu Einstellungsgesprächen sind einzelne Phasen teilweise gar nicht, teilweise mehrfach mit Muster(phase)n sprachlicher Handlungsmuster belegt. Gesprächsphasen sind also mit sprachlichen Handlungsmustern und kommunikativen Aufgaben verbunden, nicht aber deckungsgleich (vgl. Grießhaber 2001: 83). Weiter werden sie sich nicht oder teilweise nicht mit dem Handlungsschema, also der Aufgabenstruktur der Gesprächsteilnehmerinnen decken (vgl. Pothmann 1997: 214ff., vgl. Kapitel 6). Dazu kommt, dass Gesprächsphasen nie so klar abgegrenzt und linear aufeinander folgend im Gespräch vorkommen werden, wie das Ablaufmodell suggerieren mag, u. a. weil Gesprächsteilnehmer sowohl gleichzeitig unterschiedliche Phasen bearbeiten können als auch gemeinsam mehrere Phasen parallel ← 107 | 108 → bearbeitet werden können (Spiegel/Spranz-Fogasy 2001a: 1242; Pothmann 1997: 50f.). Dennoch dient ein Überblick über den Ablauf auf Basis der Gesprächsphasen der Orientierung über das Geschehen und ist ein Beschreibungsinstrumentarium, mit dessen Hilfe ein erster Zugang zur Beschreibung und Strukturierung von Einzelfällen möglich wird (zu einer Diskussion verschiedener Phasenmodelle auch zum Mandantengespräch aus Sicht von Anwälten vgl. Kapitel 5).

4.3.2 Rekonstruktion des Handlungsschemas: Kommunikative Aufgaben im anwaltlichen Erstgespräch

Ziel der Entwicklung eines Handlungsschemas für anwaltliche Erstgespräche ist es, einen funktionalen Überblick über die Gespräche zu geben. Hier wird nicht mehr nach einer „starren“ linearen Ablaufbeschreibung gefragt, sondern die Beschreibung orientiert sich an einem als flexibel angenommenen, zweckgerichteten und interaktiven Handeln der Beteiligten. Es steht das kommunikative Handeln der Interaktanten und weniger die Oberflächenstruktur der Gespräche im Vordergrund. Beschrieben wird, welche kommunikativen Aufgaben sie jeweils zu erfüllen haben, wenn sie ein anwaltliches Mandantengespräch in situ gemeinsam herstellen.

„Das Handlungsschema expliziert intuitives Handlungswissen“ (Fiehler 2009a: 1237). Gleichzeitig erlaubt es ein Handlungsschema, das Gesprächsgeschehen im Gesamten zu beschreiben und zu überblicken und macht so das Mandantengespräch mit Handlungsschemata anderer (beispielsweise verwandter) Gesprächstypen vergleichbar. Es ist ein flexibleres und an der Handlungslogik orientiertes Modell (Spiegel/Spranz-Fogasy 2001b: 245), das das komplexe Geschehen treffender wiedergeben kann, als es allein mit einer Ablaufbeschreibung möglich wäre (vgl. Pothmann 1997: 57f.). Denn „[d]ie Rekonstruktion des Handlungsschemas erlaubt eine genaue Beschreibung der Varianz und Funktion des interaktiven sprachlichen Handlungsvollzugs gänzlich unterschiedlicher Gespräche eines Interaktionstyps“ (Spiegel/Spranz-Fogasy 2001b: 246f.). Dazu kommt, dass man mit den kommunikativen Aufgaben flexiblere Beschreibungsmöglichkeiten des sprachlichen Handelns der Beteiligten im Gesprächs hat, die es erlauben, auch zu zeigen, wenn eine (Teil-)Aufgabe an verschiedenen Stellen im Gespräch bearbeitet wird, Aufgaben parallel bearbeitet werden oder gar die Beteiligten gleichzeitig verschiedene Aufgaben bearbeiten.

Kommunikative Aufgaben sind – in einer logischen und hierarchischen Abfolgereihung – die Komponenten des Handlungsschemas, „die zur Realisierung des Zweckes des Gesprächstyps von den Beteiligten gemeinsam bearbeitet werden müssen“ (Fiehler et al. 2002: 134; vgl. auch Fiehler 2009a: 1237ff.; ← 108 | 109 → Nothdurft 1995a: 13; Nothdurft/Spranz-Fogasy 1991: 225). Quasthoff spricht in diesem Zusammenhang auch von „Jobs“ (vgl. Quasthoff 2001: 1302). Kallmeyer (1985: 92) spricht für die einzelnen Komponenten, die selbst wiederum aus Teilkomponenten oder Teilaufgaben bestehen, von „relativ komplexen Aufgaben, die nicht in allen Fällen in all ihren Aspekten bzw. Teilkomponenten relevant werden und dementsprechend manifest zu bearbeitet sind, die aber doch als logisch notwendige Teilschritte nachzuweisen sind“. Überlagerungen verschiedener Aufgaben und eine schrittweise Bearbeitung zentraler Aufgaben im Gespräch bezeichnet Kallmeyer (1985: 96) als „normal erwartbar“.

Das Handlungsschema besteht also aus einer Menge an kommunikativen Aufgaben und Teilaufgaben, die als Ergebnis einer empirischen Analyse entlang und auf der Basis eines breiteren Korpus für einen Gesprächstyp rekonstruiert werden können (zum Verfahren vgl. Fiehler 2009a; Deppermann 2008/1999: 79ff.; Spranz-Fogasy 2005: 20ff.; Fiehler et al. 2002: 134; Spiegel/Spranz-Fogasy 2001a: 1245, 2001b: 246f.; Kallmeyer 1985: 91; Kallmeyer/Schütze 1976). Das Handlungsschema enthält „Angaben über konstitutive Bestandteile der komplexen Handlung […] (‚was dazu gehört‘), Angaben über die logische Struktur der Handlungsentwicklung (‚was wann kommt‘) und Angaben über die unerläßliche Beteiligungsvoraussetzungen der Beteiligten (‚was man dazu braucht‘) […]“. (Nothdurft/Spranz-Fogasy 1991: 223ff.; ähnlich in Spranz-Fogasy 2005: 20). Es wird davon ausgegangen, dass die Aufgaben gemeinsam von den Beteiligten bearbeitet werden, dennoch sind einzelne Beteiligte an der Bearbeitung stärker beteiligt und ihnen kommt die primäre Bearbeitung zu (vgl. Fiehler 2009a: 1237). Daher werden bei der Darstellung des Inventars an kommunikativen Aufgaben auch die für die Bearbeitung primär zuständigen Beteiligten vermerkt.

Es wird davon ausgegangen, dass die Beteiligten sich flexibel an dem zugrunde liegenden Handlungsschema orientieren und sich ihre Orientierung daran sowie ihre jeweiligen Aktivitäten gegenseitig verdeutlichen (Kallmeyer 1985: 88). Umgekehrt gilt aber entsprechend, dass der Handlungszusammenhang durch die Äußerungen erst erkennbar gemacht wird (Kallmeyer 1985: 112). So können Äußerungen durchaus auch erst nachträglich im Gespräch als die Bearbeitung bestimmter kommunikativer Aufgaben erschlossen werden (zur Diskussion verschiedener Handlungsschemata zu Beratungsgesprächen vgl. Kapitel 6.2).

Seine theoretischen Wurzeln hat die Analyse von Handlungsschemata in der Konversations- bzw. Gesprächsanalyse. Für die Konversationsanalyse (KA) typisch ist eine Orientierung an dem im Gespräch Beobachtbaren möglichst ohne ein theoretisches Vorverständnis, denn eine Methodologie oder theoretische Hintergründe liefert die Konversationsanalyse nicht direkt, sondern man ← 109 | 110 → findet methodische Prinzipien zur Analyse von Gesprächen (vgl. Day/Wagner 2010: 40ff.; Bergmann 2009; Gülich/Mondada 2008: 17f.; Hutchby/Wooffitt 2008; Kallmeyer 2005: 1215; Arminen 2005: 11ff.; Günthner 2000: 24; Sacks 1984). Die Analyse kommt also mit dem Gesprächsmaterial selbst aus. Hier wird entsprechend Institution meist als außersprachlicher, gesellschaftlich geprägter Einflussfaktor für Gespräche betrachtet (vgl. Gülich 1981: 420). Der Kontext wird daher ausschließlich am Material rekonstruiert und lediglich jene Hintergründe in die Analyse einbezogen, die sich die Beteiligten gegenseitig und ebenso der Analytikerin anzeigen (display). „Entsprechend ihrer Konzeption […] behandelt die KA aber im Gegensatz zu anderen Ansätzen kontextuelle Faktoren […] nicht als eine Voraussetzung, die das Handeln der Teilnehmer bestimmt, sondern als Resultat einer nachweisbaren Ausrichtung der Teilnehmer darauf […] und damit als Gegenstand der Analyse“ (Gülich/Mondada 2008: 20, Herv.i.O.). Dies findet seinen Ausdruck zum Beispiel in der Kapitelüberschrift „Talking Social Institutions into Being“ (Heritage/Clayman 2010: 20).

In der deutschsprachigen Tradition der Gesprächsforschung, die sich aus der amerikanischen Conversation Analysis (CA) weiterentwickelt hat (Kallmeyer/Schütze 1976, 1977; später ergänzend Kallmeyer 1985), wird dies allerdings weniger strikt gesehen (vgl. Deppermann 2008/1999: 86ff.; Spiegel/Spranz- Fogasy 2001b: 246; Hoffmann 2001: 1542; Nothdurft/Spranz-Fogasy 1991: 224). Deppermann räumt ein:

Die ethnographische Ergänzung besteht darin, dass forscherseitige Kenntnisse des professionellen Handlungsfeldes, die auf teilnehmender Beobachtung, Experteninterviews, feldbezogenem Wissen über die fachliche Ausbildung und die berufliche Sozialisation der Akteure und auf früheren eigenen Gesprächsanalysen zum gleichen Handlungsfeld beruhen, im Rahmen der Konversationsanalyse fruchtbar gemacht werden. […] Diese ethnographische Ergänzung erscheint uns unerlässlich, wenn man es mit Handlungsfeldern zu tun hat, die sich durch die Ausbildung hochgradig spezifischer interaktiver Routinen und entsprechender Gesprächskulturen aufgrund von Fachlichkeit, Institutionalität und/oder interaktionsgeschichtlich gegründeter Emergenz auszeichnen (Deppermann 2010: 14f.).

Auch schon Kallmeyer/Schütze (1976: 5) beziehen von Anfang an die Analyse institutioneller Kommunikation explizit in ihr Programm ein. Dazu schreibt Kallmeyer an anderer Stelle:

Auch wenn man sich jeweils nur mit Ausschnitten der beruflichen Kommunikationspraxis beschäftigt, muß man sich eine Vorstellung von der weitläufigen Verzahnung beruflicher beziehungsweise institutioneller Vorgänge machen, um zu begreifen, wo und wie sprachliches Verhalten geprägt, legitimiert und vermittelt wird und wie diese Prozesse auf die jeweiligen Kommunikationsvorgänge einwirken (Kallmeyer 1983: 151). ← 110 | 111 →

4.3.3 Rekonstruktion sprachlicher Handlungsmuster im anwaltlichen Erstgespräch

Ziel der handlungstheoretischen Beschreibung ist es, die Bearbeitungsformen einzelner kommunikativer Aufgaben und Aufgabenkomplexe zu beschreiben. Dazu wird nicht mehr das Gesamtgespräch in den Blick genommen, sondern die Bearbeitung zentraler kommunikativer Aufgaben durch die Beteiligten. Damit kann die Tiefe des Gesprächsgeschehens untersucht werden. Denn es wird nicht nur das verbale und interaktionale Handeln der Beteiligten rekonstruiert und aufeinander bezogen, sondern es wird ebenso das für das Zustandekommen der kommunikativen Formen grundlegende mentale Handeln der Beteiligten rekonstruiert. So können Rekursionen, die im verbalen Handeln sichtbar werden, sowie Entscheidungsprozesse einbezogen und einer Erklärung zugeführt werden. Für die handlungstheoretische Beschreibung werden in dieser Arbeit besonders zentrale und komplexe kommunikative Aufgaben herausgegriffen und ihre Formen der Bearbeitung rekonstruiert.

Bei der Erarbeitung der Handlungsmuster im anwaltlichen Erstgespräch orientiere ich mich an den für Handlungsprozesse allgemein erarbeiteten theoretischen Grundlagen, die den Handlungsprozess in seinen Stadien rekonstruieren (Rehbein 1977). Die Stadien eines Planbildungsprozesses und die Formen des gemeinsamen kommunikativen Durchlaufens, hier als kollektives oder kooperatives Planen, werden für das Mandantengespräch, wenn zur Analyse der sprachlichen Handlungsmuster nützlich, fruchtbar gemacht.

Sprachliche Handlungsmuster sind gesellschaftlich ausgearbeitete Handlungsformen und -verläufe für bestimmte gesellschaftliche Standardkonstellationen, die sich aufgrund wiederkehrender Bearbeitung institutioneller Zwecke herausgebildet haben.

Die Formen sprachlicher Handlungen nennen wir sprachliche Handlungsmuster. Sprachliche Handlungsmuster, oder abkürzend gesagt Muster, sind also die Formen von standardisierten Handlungsmöglichkeiten, die im konkreten Handeln aktualisiert und realisiert werden. Die Handelnden verwirklichen in ihrem Handeln diese Zwecke. Die einzelnen Muster bilden Potentiale für die Realisierung von Zwecken, derer sich die Handelnden bedienen. Jedes Muster ist auf einen spezifischen Zweck bezogen und wird durch diesen Zweck strukturiert. Dieser Zusammenhang kann abkürzend auch so benannt werden: das Muster hat einen Zweck; auf ihn ist es funktional bezogen (Ehlich/Rehbein 1979: 250 Herv.i.O.)

Sprachliche Handlungsmuster bilden systematisch auch mentale Handlungen der Beteiligten ab (im Fall institutioneller Kommunikation als Agent und Klient in den Rollen Sprecher und Hörer). Handlungsmuster oder Praxeogramme sind ← 111 | 112 → aus sog. Pragmemen (Ehlich/Rehbein 1986, 1972) zusammengesetzt – mentalen und (inter-)aktionalen – in denen sich die Handlungen systematisch entlang ihrer Musterpositionen abbilden lassen. Handlungsmuster bilden Handlungspotenziale der Beteiligten ab, die auf der sprachlichen Oberfläche in der Regel nicht eins zu eins realisiert werden. Durch die Verbindungen der Musterpositionen werden mögliche Durchgänge durch das Muster abgebildet. Damit ist es möglich, auch die rekursiven Handlungen, die kennzeichnend für kommunikative Interaktion sind, abbilden und erklären zu können. Die Suggestion eines linearen Gesprächsverlauf (wie sie bspw. durch die Abbildung von Handlungsschemata, stärker noch Ablaufmodellen, entsteht) verschwindet damit. Sprachliche Handlungsmuster müssen nicht von den Beteiligten in jedem Gespräch vollständig durchlaufen werden, es können Positionen ausgelassen werden oder andere Handlungsmuster (z. B. Frage-Antwort, aber auch größere) eingebettet sein (vgl. Redder 2010; Bührig 2005; Grießhaber 2001: 77; Ehlich/Rehbein 1986, 1979).

Zu betonen ist, daß es sich hierbei sowohl um Konventionen handelt in dem Sinn, daß an einer bestimmten Diskursstelle eine Frage gestellt oder ein Einwand gemacht werden kann als auch um Konventionen in dem Sinn, daß eine Äußerung innerhalb eines laufenden Musters als Einwand verstanden wird, obwohl eine Antwort auf eine Frage innerhalb eines anderen laufenden Musters erwartbar ist. Ansonsten wären Ambiguitäten für die Handelnden nicht auflösbar. Sie interpretieren Äußerungen relativ zu möglichen zugrundeliegenden Handlungsmustern (Koerfer 2013/1994: 223, Herv. i.O.).

Da mit den sprachlichen Handlungsmustern Handlungspotenziale beschrieben werden, die die Möglichkeiten, die sich den Beteiligten bei der Bearbeitung eines bestimmten Zwecks in einem bestimmten institutionellen Zusammenhang eröffnen, abbilden, können damit auch kommunikative Probleme aufgedeckt und erklärt werden. Dies betrifft vor allem Probleme, die durch bruchstückhafte oder nicht dem Musterverlauf folgende Realisierungen entstehen (zur Diskussion verschiedener für diese Arbeit fruchtbar gemachten Handlungsmuster, vgl. die Kapitel in den Teilen C3 und C4).

Die Entwicklung von sprachlichen Handlungsmustern basiert theoretisch auf der Perspektive der funktional-pragmatischen Diskursanalyse (vgl. Weber/Becker-Mrotzek 2012; Redder 2010; Grießhaber 2001; ten Thije 2001; Brünner/Graefen 1994; Ehlich/Rehbein 1986, 1972), die maßgeblich aus der Weiterentwicklung der Sprechakttheorie (vgl. Searle 1969; Austin 1975) und der Bühlerschen Sprachtheorie (Bühler 1999/1934) aus der Psychologie entstanden ist (Ehlich/Rehbein 1986, 1972; Redder 1983; Maas/Wunderlich 1972). Für einen Überblick zum Stand der Forschung vgl. Redder (2010). Die funktional-pragmatische Diskursanalyse geht davon aus, dass sich sprachliches Handeln ← 112 | 113 → als soziales Handeln in einer Wechselbeziehung zwischen individuellem und gesellschaftlichem Handeln zweckgerichtet ausbildet. Zur Konzeption der funktionalen Pragmatik gehört es, „Institutionen, das institutionelle Handeln und das speziell sprachliche Handeln in Institutionen in seinem gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang systematisch darzustellen“ (Ehlich/Rehbein 1980: 343).

Die gesellschaftliche Praxis geschieht weithin in den Formen der gesellschaftlichen Institutionen. Deren Herausbildung bestimmt Möglichkeiten und Grenzen dessen, was kommunikativ geschehen kann – wie ihre Veränderung als Ergebnis kommunikativer Prozesse geschieht. Institutionen haben unterschiedliche Anteile von sprachlichen, allgemein: von kommunikativen Aspekten. Von geradezu ‚versprachlichten‘ Institutionen wie etwa der Schule bis hin zu ausgesprochen spracharmen wie etwa Produktionsstätten oder auch, z.B., Gefängnissen gilt jedoch, daß Kommunikation für Institutionen wesentlich ist. Eine nicht-kommunikative Institution scheint schwer vorstellbar (Ehlich 1992: 48f.).

Institutionen sind hier also nicht als „äußerliche Einrichtungen“ aufzufassen, sondern als „spezifische, gesellschaftlich ausgearbeitete Systeme von Verhältnissen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Fraktionen“ (Ehlich/Rehbein 1977: 37). Aus Sicht der funktionalen Pragmatik ist die Analyse institutioneller Kommunikation nicht ohne eine „theoretische Vorklärung“ der gesellschaftlichen Zwecke des zu untersuchenden Diskurses und eine „systematische Aufarbeitung vorhandenen Wissens“ durchführbar (Grießhaber 2001: 81). Denn Institutionen werden als Ergebnisse wiederkehrender gesellschaftlicher Anforderungen (wiederkehrende individuelle Ziele, die in wiederkehrenden Konstellationen Standardlösungen zu ihrer Bearbeitung herausbilden) gesehen, die durch ihren (gesamtgesellschaftlichen) Zweck bestimmt sind. So bildet sich sprachliches Handeln in Institutionen in (wiederkehrenden) sprachlichen Handlungsmustern aus, die dazu dienen, die jeweiligen Zwecke zu bearbeiten. In der funktionalen Pragmatik werden neben dem gesellschaftlichen Zweck auch sprachinterne Zwecke unterschieden, die mittels sprachlicher Prozeduren erfasst werden (Ehlich 1991/1986; Ehlich 2007). „Institutionen [sind] Formen des gesellschaftlichen Verkehrs zur Bearbeitung gesellschaftlicher Zwecke […]. Welche Formen des sprachlichen Handelns diese Erfordernisse im Einzelnen ausbilden, ist sowohl nach den aktuellen Zwecken wie nach der jeweiligen Geschichte der Institution unterschiedlich“ (Ehlich/Rehbein 1980: 338). Für das Verhältnis von Ratgeben und Beratung bedeutet das: „In Beratungen ist das sprachliche Muster des Ratgebens für spezifische gesellschaftliche Zwecke institutionalisiert“ (Rehbein 1985: 350; vgl. auch Becker-Mrotzek 1992b: 241, Beratung bezeichnet er mit Ehlich/Rehbein 1980: 342 als Institut).

Kommunikatives Handeln geschieht in einem Handlungsraum (Rehbein 1977: 12ff.; Ehlich/Rehbein 1994/1979: 319f.), „der ein spezifisches Ensemble ← 113 | 114 → von voraussetzenden Bestimmungen des Handelns umfaßt“ (Bührig 1996: 7), das in dieser bestimmten Konstellation ein bestimmtes Handlungspotenzial entfalten kann (Rehbein 1977: 265ff.). „Sprachliche Handlungen eröffnen den Handelnden Handlungswege zur Veränderung der Wirklichkeit“ (Trautmann 2004: 59). Dies gilt für Muster wie Frage-Antwort (vgl. Redder 2010: 137; Bührig 2005: 148f.; Ehlich/Rehbein 1979: 266) und ebenfalls für das Ratgeben, in dem eine Entscheidungsunfähigkeit in eine Verengung der Alternativen und damit eine Entscheidungsfähigkeit überführt wird (Rehbein 1977: 322ff.). Die funktionale Pragmatik geht davon aus, dass in gesellschaftlichen Institutionen sprachliche Handlungsmuster, die aus dem Alltag bekannt sind, z. T. verändert oder gar gebrochen werden (Ehlich/Rehbein 1986: 1f., 26, 1977: 68; Wunderlich 1972: 38; zur Kritik vgl. Weber/Becker-Mrotzek 2012 und die dort angeführte Literatur; Pick 2011a). In Institutionen agieren Klienten und Agenten der jeweiligen Institutionen miteinander (Ehlich/Rehbein 1994/1979: 319). Diese unterscheiden sich in ihrem Institutions- und Musterwissen (Ehlich/Rehbein 1977: 39ff.) und ihren Handlungsmöglichkeiten (Ehlich/Rehbein 1980: 343).

4.3.4 Triangulation der Daten: Fragebögen und Ergebnisfeedback aus der Praxis

Neben der Beschreibung der Gespräche entlang des oben skizzierten Analyserahmens werden die daraus gewonnenen Ergebnisse anhand der Aussagen aus den Fragebögen und in Datensitzungen mit den teilnehmenden Anwälten einer regelmäßigen kritischen Überprüfung unterzogen.

Die Auswertung der Fragebögen erfolgt nicht nach quantitativen Methoden, sondern dient der Beurteilung des jeweils dazu gehörenden Gesprächs oder als erster Anhaltspunkt für die Entwicklung von interessanten Fragestellungen. In Kategorien aus Kundenzufriedenheitsmessungen gesprochen, handelt es sich also um ein „ereignisbezogenes Verfahren“ (Beutin 2008: 128), das auf die „Wahrnehmung und psychische[n] Verarbeitung der Ereignisse während des Dienstleistungsprozesses“ abzielt (Kaiser 2002: 107). Aufgrund des explorativen Zugang sollte die Reaktionsmöglichkeit der Befragten möglichst offen gehalten werden, um nicht im Vorfeld durch eigene Annahmen zu stark zu beeinflussen (Atteslander 2006: 134). Entsprechend wurden fast ausschließlich offene Fragen gewählt. „Ihr [= offene Fragen, I.P.] Vorteil ist, dass man damit individuelle und detaillierte Wünsche, Trends und Probleme der Kunden erfassen kann“ (Beutin 2008: 143). Die Auswahl der Fragen orientiert sich einerseits an Erhebungen zur Kundenzufriedenheit (Confirmation/ Disconfirmation Paradigm, vgl. Homburg/Stock-Homburg 2008: 20; Meyer/Oppermann 1999: 476) und der subjektiven ← 114 | 115 → Zufriedenheit, (vgl. Beutin 2008: 131), an Erhebungen speziell zur Mandantenzufriedenheit (vgl. von Rosenstiel/Neumann 1999; Hommerich/Kilian 2007: 155ff.; Kundenmonitor Deutschland 2008), auch auf der Basis von ISO-Normen (Bayrisches Staatsministerium für Wirtschaft 2004; vgl. dazu auch Oberlander 2006; Thon 2005; Vorbrugg 2000) sowie an vorliegenden Ergebnissen zu Mandantengesprächen.

Die Reihenfolge der Fragen wurde einerseits von unstrukturiert zu strukturiert sortiert, damit der erste affektive Eindruck der Mandanten aufgenommen werden konnte (Flick 2007: 196); es wurden die Bewertung des Gesprächs zu Beginn abgefragt, damit die weiteren Fragen unbeschwert beantwortet werden konnten (Fuchs/Klenk 2008: 450), und es wurde versucht, mit der ersten Frage für die Teilnahme zu motivieren (Schnell et al. 2005: 343). Die Fragebögen wurden nach Möglichkeit noch in der Kanzlei – aufgrund einer möglichen Verzerrung durch sozial erwünschte Antworten aber an einem vom Anwalt getrennten Ort – ausgefüllt oder es wurde dem Mandanten ein frankierter Rückumschlag mit der Adresse der Forscherin ausgehändigt, wovon ebenfalls häufig Gebrauch gemacht wurde. Ausschnitte aus den Fragebögen werden jeweils an verschiedenen Stellen der Arbeit einfließen, um den beschreibenden, distanzierten und wissenschaftlichen Blick auf die Daten, um die subjektive Perspektive der Beteiligten zu ergänzen. Damit kann sich einer intersubjektiv validierten Analyse möglichst gut angenähert werden.

Eine weitere Grundlage zur Validierung der Ergebnisse sind regelmäßige Datensitzungen mit den teilnehmenden Praktikern und Praktikerinnen. Hier werden in Einzelgesprächen oder unter der Anwesenheit mehrerer Kanzleikollegen anhand von Audio- und Transkriptbeispielen Teilergebnisse der Analyse diskutiert und mit dem Erfahrungs- und Handlungswissen der Anwälte konfrontiert. Dabei werden nicht nur die Ergebnisse selbst einer kritischen Prüfung unterzogen und Kommentare und Feedback dazu eingeholt, sondern so kann auch das professionelle Handlungswissen der Anwälte elizitiert werden, das eine wichtige Grundlage für die Erklärung des sprachlichen Handelns darstellt (vgl. Hoffmann 1981: 278). Die Feedbackgespräche werden jeweils als Audioaufnahmen mitgeschnitten. Zitate (bezeichnet als Interview mit einem teilnehmenden Anwalt) fließen an verschiedenen Stellen ebenso in die Arbeit ein wie die Ergebnisse der Fragebögen.

Mit diesem Vorgehen soll das sprachliche Handeln im anwaltlichen Erstgespräch in möglichst verschiedenen Dimensionen beschrieben werden und so eine umfassende und gleichzeitig detaillierte Darstellung des Geschehens ermöglichen. Mit der engen Zusammenarbeit mit den teilnehmenden Anwälten und Anwältinnen ist gleichzeitig ein Weg gefunden worden, die vielfach ← 115 | 116 → geforderte „Verbindung zwischen Linguistik und beruflicher Praxis“ (Niemeier/ Diekmannshenke 2008: 8) zu realisieren, was nicht zuletzt im Hinblick auf eine mögliche Anwendung der Ergebnisse, für die die Arbeit die Basis legen soll, elementar zu sein scheint.

10 In dieser Arbeit wird aus stilistischen Gründen nicht ausschließlich der Begriff „anwaltliche Erstberatung“ verwendet, sondern es wird mit anwaltliches Erstgespräch, anwaltliches Mandantengespräch oder Mandantengespräch variiert. All diese Begriffe bezeichnen in dieser Arbeit immer die anwaltliche Erstberatung, wie sie hier definiert ist.

11 Folgegespräche wurden erhoben, weil diese zum einen nicht von vornherein aus der Analyse ausgeschlossen werden sollten, zum anderen lassen sich hier die Entwicklungen der Erstgespräche verfolgen und beobachten, wie sich bestimmte Aspekte weiterentwickelt haben. Dies ist an den entsprechenden Stellen in die Arbeit eingeflossen.

12 Die Fragebögen zum Erstgespräch für Anwalt und Mandant sind im Anhang vollständig abgedruckt.