Show Less
Open access

Das anwaltliche Mandantengespräch

Linguistische Ergebnisse zum sprachlichen Handeln von Anwalt und Mandant

Series:

Ina Pick

Diese gesprächslinguistische Studie untersucht das anwaltliche Mandantengespräch auf einer breiten Datengrundlage authentischer Gesprächsaufnahmen aus unterschiedlichen Rechtsgebieten und arbeitet typische kommunikative Formen und Probleme heraus. Mandantengespräche gehören zum beruflichen Alltag der meisten Anwälte und Anwältinnen, die Gesprächsführung gilt zudem als eine juristische Schlüsselqualifikation. Mit einem theoretisch und methodisch mehrdimensionalen Zugang werden Gesprächsphasen, kommunikative Aufgaben und verschiedene zentrale sprachliche Handlungsmuster rekonstruiert und miteinander in Bezug gesetzt. Fragebögen und Interviews mit den Beteiligten sowie die Auswertung von Praxisliteratur aus Anwaltssicht ergänzen die Analysen im Sinne einer Angewandten Gesprächsforschung. Die Arbeit wurde mit dem «Förderpreis Sprache und Recht 2014 der Universität Regensburg», dem «Dissertationspreis 2014 der TU Dortmund» sowie dem «Peter-Lang-Nachwuchspreis – Geisteswissenschaften» ausgezeichnet.
Show Summary Details
Open access

5 Ablauf und Typen anwaltlicher Erstgespräche

| 125 →

5 Ablauf und Typen anwaltlicher Erstgespräche

5.1 Fragestellung und Ziel des Kapitels

Im folgenden Kapitel soll ein Überblick über anwaltliche Erstgespräche gegeben werden, indem eine Phasierung der Gespräche vorgenommen wird und eine Ablaufbeschreibung gegeben wird. Eine Ablaufbeschreibung orientiert sich an sprachlichen Merkmalen wie Gliederungssignalen, thematischen Wechseln, längeren Pausen etc. und untersucht das Gespräch in seinen Phasen. „Gliederungs- oder Phasenstrukturen machen Aussagen darüber, in welche formal abgrenzbaren Teile eine Kommunikation zerlegt werden kann; dabei wird die betreffende Struktur u. a. durch sogenannte Gliederungssignale konstituiert“ (Metzing/Kindt 2001: 1101).

Die Ablaufbeschreibung dient zum einen einer ersten Bestimmung des sprachlichen Handelns im anwaltlichen Erstgespräch und gibt einen breiten Einblick in das untersuchte Korpus. Sie bildet aber zum anderen ebenfalls die Grundlage der weiteren Analysen. So wird im folgenden Kapitel 6 ein Handlungsschema von anwaltlichen Erstgesprächen entwickelt, das weniger entlang sprachlicher Oberflächenmerkmale und der Sukzession von Gesprächen orientiert ist, sondern stärker das Handeln der Beteiligten funktional untersucht. Ein Handlungsschema weist eine bestimmte Verbundenheit mit der Ablaufbeschreibung auf, da einige Schemakomponenten typischerweise in bestimmten Gesprächsphasen bearbeitet werden, die Beschreibungsdimensionen sind aber nicht identisch. Darüber hinaus ist eine Verortung einzelner Gesprächsausschnitte zu der Phase, der sie jeweils entnommen wurden, bei der Untersuchung kommunikativer Aufgaben relevant, um deren Funktion und Zweck fundiert interpretieren zu können. Legt man neben die Beschreibung des Ablaufs und des Handlungsschemas auch die sprachlichen Handlungsmuster (vgl. den Abschnitt C3), die die Bearbeitung einzelner kommunikativer Aufgaben oder Aufgabenkomplexe in ihrem mentalen und interaktionalen Verlauf beschreiben, und kontrastiert Mustergrenzen mit Gesprächsphasen und Schemakomponenten, entwickelt sich ein umfassendes Bild des sprachlichen Handelns im anwaltlichen Erstgespräch (vgl. Kapitel 12).

Neben der Beschreibung des Gesprächsablaufs soll in diesem Kapitel ebenfalls ein Überblick über verschiedene Typen anwaltlicher Erstgespräche gegeben werden. Die Typen werden bestimmt einerseits auf der Basis der Ablaufbeschreibung und ihrer jeweiligen Spezifika innerhalb der kommunikativen Gestaltung der ← 125 | 126 → Gesprächsphasen, andererseits liegt den verschiedenen Typen eine je eigene Konstellation zugrunde, die ebenfalls in diesem Kapitel beschrieben wird. Damit wird auch die Frage aufgeworfen, inwiefern das heterogene Korpus und die Gespräche aus verschiedensten Rechtsgebieten (vgl. Kapitel 4.2) so vergleichbar sind, dass sie als „anwaltliches Erstgespräch“ zusammenfassend untersucht werden können.

Mit diesen Analysen des Ablaufs und der Typen anwaltlicher Erstgespräche soll ein möglichst breiter Einblick in das untersuchte Korpus gegeben werden, indem möglichst verschiedene Gesprächsausschnitte mit verschiedenen Anwälten und aus unterschiedlichen Rechtsgebieten präsentiert werden. Entsprechend ist dieses Kapitel ergebnisorientiert aufgebaut, das heißt, es können aufgrund der Vielfalt des untersuchten Materials die Phasen nicht anhand einzelner Gespräche sukzessive entwickelt werden, sondern es werden die Phasen und Typen sowie ihre Beschreibungen als Ergebnisse der Analysen des Korpus im Überblick und anhand von Gesprächsbelegen gegeben.

In diesem Kapitel sind also folgende Fragen zu beantworten: Aus welchen Gesprächsphasen setzen sich anwaltliche Erstgespräche zusammen? Welchen typischen Ablauf weisen die Gespräche auf der Basis ihrer Phasen auf? Welche Typen anwaltlicher Erstgespräche lassen sich auf der Grundlage ihrer Konstellation und dem Geschehen innerhalb einzelner Gesprächsphasen unterscheiden?

5.2 Typen anwaltlicher Erstgespräche und ihre Konstellationen

Betrachtet man die Zahl der in Deutschland tätigen Rechtsanwälte, deren unterschiedliche Organisationsstruktur, die verschiedenen Rechtsgebiete und Möglichkeiten der Spezialisierung als Fachanwälte, aber auch die unterschiedliche Mandantenstruktur, von deren Vielfalt das vorliegende zu untersuchende Gesprächskorpus einen Ausschnitt abbildet, so stellt sich die Frage, inwiefern überhaupt das anwaltliche Erstgespräch als solches untersucht werden kann.

Dazu sollen hier zunächst die den Gesprächen zugrunde liegenden Konstellationen betrachtet werden und auf dieser Basis eine Typisierung der Gespräche vorgenommen werden, die dann anhand der Gesprächsphasen, die unmittelbar durch die Konstellation beeinflusst sind, weiter ausdifferenziert werden. So kann auf der Basis der Konstellation sowie dem Geschehen im Gespräch ermittelt werden, inwiefern anwaltliche Erstgespräche homogen genug sind, um einen gemeinsamen Untersuchungsgegenstand auszubilden bzw. wo jeweils Spezifika einzelner Typen liegen, die auch bei den weiteren Analysen berücksichtigt werden sollten.

Das mir vorliegende Material unterscheidet auf der Basis der Konstellation sowie Spezifika innerhalb der Gesprächsphasen drei Typen von Mandantengesprächen. Die Typen bezeichne ich als ← 126 | 127 →

a) die sachverhaltsbegutachtende Rechtsberatung,

b) die rechtsgestaltende Rechtsberatung sowie

c) die bearbeitungsverwerfende Rechtsberatung.

Den mit Abstand größten Teil des Korpus macht der Typ der sachverhaltsbegutachtenden Rechtsberatung13 aus. Hier werden bestehende Probleme des Mandanten reaktiv bearbeitet und Lösungsmöglichkeiten für eine vom Mandanten als nachteilig bewertete Situation gesucht. Dabei können Lösungsmöglichkeiten sowohl gerichtliche wie außergerichtliche Schritte beinhalten, die im Normalfall durch den Anwalt vertretend bearbeitetet werden. Hier sind beispielsweise Problemfelder wie die Überprüfung einer Beurteilung im Verwaltungsrecht, die Prüfung von Unterhaltsansprüchen bei einer Scheidung oder die Prüfung einer Kündigung eines Arbeitsverhältnisses im Arbeitsrecht betroffen. Auch das Strafrecht ist, soweit dies anhand der Daten bestimmt werden kann, sachverhaltsbegutachtend. In der sachverhaltsbegutachtenden Beratung stehen im prototypischen Fall Anwalt und Mandant gemeinsam einer Gegenseite gegenüber.

Die rechtsgestaltende Rechtsberatung14 bezieht sich auf erwartete oder erwartbare Probleme in der Zukunft, für deren Verhinderung eine rechtliche Regelung getroffen werden soll. Für die zu findende Lösung muss darüber hinaus gegeben sein, dass sie über die gesetzlich vorgesehenen hinausgeht oder davon abweicht, da eine Regelung ansonsten nicht notwendig würde. Hier besteht zum Zeitpunkt der Rechtsberatung (noch) kein Problem, sondern es werden künftige (potenziell problematische) Sachverhalte diskutiert, für deren Eintreten bzw. zu deren Verhinderung Regelungen getroffen werden sollen. Diese Art der Rechtsberatung betrifft maßgeblich die Gestaltung von Verträgen in den verschiedenen Rechtsgebieten bzw. die Vorbereitungen zu Vertragsverhandlungen. Eine gerichtliche Auseinandersetzung ist hier nicht von vornherein vorgesehen. In der rechtsgestaltenden Beratung werden entweder die beteiligten Vertragspartner gemeinschaftlich von einem Anwalt beraten, sodass alle Beteiligten bereits im Erstgespräch gemeinsam die Regelungen diskutieren. Ein anderer Fall in der gestaltenden Beratung kann sein, dass beide Vertragspartner anwaltlich vertreten sind. In diesem Fall findet das Erstgespräch allein zwischen dem Anwalt und einem Vertragspartner statt. Es gibt keine Gegenseite (wie sie bei der sachverhaltsbegutachtenden Beratung existiert), sondern die andere Partei ist der Partner des Mandanten. Für die gestaltende Rechtsberatung ist typisch, dass kooperativ oder konfrontativ Partner gemeinsam Regelungen für ← 127 | 128 → ihr/e Zusammenarbeit/-leben treffen und die Beteiligten sich nicht als Gegner betrachten.

Die Unterscheidung der Typen a) und b) findet sich auch in der rechtspraktischen Literatur. So deckt sich diese Einteilung mit den Feldern, auf denen nach Heussen (1999: 137) anwaltliche Arbeit stattfindet: „Vorsorgende Beratung, wie rechtliche Probleme vermieden werden können, Risikoprognosen“ und „[d]ie Unterstützung des Mandanten, wenn Krisen bewältigt werden müssen“. Kilian (2008: 10) trifft eine ähnliche Unterscheidung in proaktiv und reaktiv zu lösende Probleme.

Die bearbeitungsverwerfende Rechtsberatung15 fasst jene Fälle zusammen, in denen sich im Rahmen der rechtlichen Begutachtung herausstellt, dass eine weitere rechtliche Bearbeitung das Ziel des Mandanten nicht erreichen kann. Die bearbeitungsverwerfende Rechtsberatung ist mit jenen der sachverhaltsbegutachtenden und gestaltenden Beratungen bis zu einem bestimmten Punkt im Gespräch ähnlich, da sich das Ziel des Mandanten erst im Laufe der Beratung als nicht juristisch bearbeitbar herausstellt. Dieser Typ der Rechtsberatung unterscheidet sich maßgeblich erst ab der Sachverhaltsbegutachtung von den anderen Typen anwaltlicher Erstgespräche, da erst nach der anwaltlichen Bewertung festgestellt wird, dass der Sachverhalt nicht (erfolgreich) rechtlich bearbeitet werden kann. Entsprechend wird die Feststellung der Erfolglosigkeit der Bearbeitung vom Anwalt – und in der Regel gegen die Erwartungen des Mandanten – getroffen.

Dass ein Sachverhalt nicht erfolgreich bearbeitet werden kann, kann verschiedene Gründe haben: Es kann sein,

 dass der Mandant entweder keine Ansprüche hat oder diese nicht genügend beweisbar sind (im Falle einer Klage diese also keine Erfolgsaussichten hat);

 dass er Ansprüche gehabt hat, die nicht mehr vollstreckbar sind;

 dass er rechtlich Ansprüche hat, die praktisch nicht vollstreckbar sind und sich damit eine Bearbeitung ökonomisch nicht rechnet (eine gewonnene Klage also nicht zum Ziel verhilft, dafür oft bemüht ist der Spruch „Einen Titel, den man sich an die Wand nageln kann“);

 dass er Ansprüche haben wird, die aber noch nicht bearbeitbar/ durchsetzbar sind (die Umstände für eine Zulassung einer Klage noch nicht gegeben sind);

 dass er Regelungen treffen möchte, die der Rechtsordnung entgegenstehen oder ökonomisch unsinnig sind (sittenwidrige Vertragsregelungen, zu risikoreiche Vertragsregelungen etc.). ← 128 | 129 →

Bei diesem Typ der Rechtsberatung stehen Anwalt und Mandant im Gegensatz zu den beiden anderen Typen einer potenziellen Gegenseite oder einem potenziellen Partner gegenüber (in Abb. 4 durch die Einklammerung kenntlich gemacht), da eine weitere Bearbeitung nicht stattfindet. Somit bleibt die Position der Gegenseite bzw. des Partners nicht besetzt, vor allem im Falle einer potenziellen Gegenseite ist es möglich, dass diese sogar nie von ihrer Position als Gegenseite Kenntnis nimmt.

Dieser Typ ist bis zur anwaltlichen Begutachtung einem der beiden anderen Typen a) und b) sehr ähnlich, weshalb man davon ausgehen könnte, dass es sich dabei um einen Subtyp der beiden anderen Typen a) und b) handelt. Betrachtet man allerdings die institutionellen Zwecke der drei Typen, so muss festgestellt werden, dass diese sich unterscheiden. Hier kommen auch die verschiedenen Rollen des Rechtsanwalts zum Tragen. Der Rechtsanwalt hat in seiner Stellung als Vermittler zwischen dem Rechtssystem und der Gesellschaft (vgl. Kapitel 2.1.1) eine wichtige Filterfunktion. Denn er ist in seiner Rolle als Organ der Rechtspflege angehalten, nur bearbeitbare Fälle überhaupt in das Rechtssystem einzubringen und damit gleichzeitig das Rechtssystem vor der Bearbeitung aussichtsloser Fälle zu schützen. Ebenso ist er in seiner Rolle als einseitiger Interessenvertreter dem Mandanten als Rechtslaien gegenüber verpflichtet, ihn vor einer rechtlichen Auseinandersetzung ohne Erfolgsaussichten zu bewahren. Diese Rollen schlagen sich je nach der Begutachtung des Sachverhalts des Mandanten auch in den Gesprächen selbst nieder. Beim Typ der verwerfenden Beratung unterscheidet sich also der Zweck dahingehend, dass hier gerade das Einleiten einer rechtlichen Bearbeitung sowohl im Interesse des Mandanten als auch des Rechtssystems verhindert werden soll. Entsprechend ist der Zweck also ein weiteres Kriterium der Unterscheidung der Typen anwaltlicher Erstgespräche.

Neben dem Zweck ist weiter die Fallkonstitution maßgebend. Während die Sachverhalte in den beiden Typen a) und b) das Potenzial haben, Fälle werden zu können, scheitert der Typ c) an der Fallkonstitution. Denn „Fälle werden als Einheit des Wissens durch kollektive Bearbeitung einer initialen Problemkonstellation aufgebaut, sie wird durchgearbeitet in einem institutionellen Prozess, abgeschlossen unter einer spezifischen Beurteilung, die ihnen ihre finale Gestalt gibt und sie in die Institutionsgeschichte, die auch Fallgeschichte ist, eingliedert“ (Hoffmann 2014: 287).

Aber auch darüber hinaus gibt es Gründe, die hier die Annahme eines eigenen Typs anwaltlicher Erstgespräche rechtfertigen. Denn hier ist nicht allein die Konstellation für diese ausschlaggebend, sondern auch das Gesprächsgeschehen selbst (das natürlich mit der Konstellation eng verknüpft ist). Wie sich in der ← 129 | 130 → Beschreibung der Phasen und ihrer Spezifika für die Typen herausstellen wird, weist der Typ c) spätestens ab der anwaltlichen Begutachtung einige Spezifika auf, die es rechtfertigen, hier drei Typen anwaltlicher Erstgespräche zu unterscheiden (zu einer detaillierten Differenzierung der Typen anhand des Gesprächsgeschehens vgl. Kapitel 5.4). Denn bei der Begutachtung wird die Bearbeitung als nicht erfolgreich möglich festgestellt und verbalisiert, womit sich die verschiedene Konstellation im Gespräch manifestiert. Betrachtet man also auch die Gesprächsphasen bezogen auf die Differenzierung verschiedener Gesprächstypen, muss Typ c) klar als eigenständiger Gesprächstyp behandelt werden (vgl. Kapitel 5.4).

In der folgenden Übersicht sind die drei Typen anwaltlicher Erstgespräche noch einmal im Überblick entlang der Unterscheidungskriterien ihrer Konstellationen dargestellt.

Abb. 4: Die Typen anwaltlicher Erstgespräche differenziert nach ihrer Konstellation

Illustration

← 130 | 131 →

Die Tabelle (Abb. 4) zeigt die drei Typen anwaltlicher Erstgespräche. In der Gesprächspraxis sind neben den typischen Ausprägungen auch eine Reihe von Mischtypen zu beobachten. Mischtypen zwischen sachverhaltsbegutachtender und gestaltender Beratung entstehen zum Beispiel, wenn eine Situation bereits vorliegt, bei der der Mandant Ansprüche geltend machen kann und gleichzeitig eine vertragliche Regelung in der gleichen Personenkonstellation gestaltet werden soll – der Vertragspartner ist also zusätzlich in bestimmten Fragen auch Gegenseite (z. B. bei einer Scheidung, bei der Überarbeitung eines Beschlusses, bei der Auflösung einer Gesellschaft etc.). Ebenfalls können Mischtypen mit der verwerfenden Beratung entstehen, wenn Teile des Problems bearbeitbar sind oder sich verschiedene zu bearbeitende bzw. nicht bearbeitende Ziele aus einem Fall ergeben (z. B. finanziellen vs. emotionalen Ausgleich für den Mandanten). Hier sind eine Reihe weiterer Mischtypen vorstellbar.

5.3 Entwicklung einer Ablaufbeschreibung für das anwaltliche Erstgespräch

Auf der Basis der Analysen des vorliegenden Korpus hat sich eine Ablaufbeschreibung anwaltlicher Erstgespräche ergeben, die sich aus verschiedenen Gesprächsphasen zusammensetzt. Diese soll in der Folge beschrieben werden. Dazu werden jeweils die Phasen und ihre Merkmale beschrieben und mit Gesprächsausschnitten aus verschiedenen anwaltlichen Erstgesprächen belegt. Ebenfalls wird Bezug zu den Typen anwaltlicher Erstgespräche genommen und jeweils ihre Besonderheiten bei der kommunikativen Gestaltung der entsprechenden Phasen gegenüber gestellt.

Um die Ablaufbeschreibung in Bezug zu anderen Ablaufbeschreibungen für Beratungsgespräche setzen zu können, soll hier zuvor ein kurzer Überblick über Phasen von Beratungsgesprächen gegeben werden, die linguistisch ermittelt wurden (zur Definition von Gesprächsphasen und dem methodischen Vorgehen bei der Analyse vgl. auch Kapitel 4.3). Hier liegen nicht besonders viele Ablaufbeschreibungen vor, da viele Analysen von Beratungsgesprächen sich anderer Analyseinstrumentarien bedienen (vgl. vor allem Kapitel 6), daher sind hier auch einige ältere Ergebnisse interessant.

Ein Sequenzmuster für Ratschläge erarbeitet Wunderlich (1981) an dem gleichen Gesprächsbeispiel eines privaten Beratungsgesprächs zwischen Bekannten, das in verschiedenen sprachwissenschaftlichen Projekten und weiteren Aufsätzen untersucht wurde (z. B. Nothdurft/Reitemeier/Schröder 1994; Kallmeyer 2000; komplett veröffentlicht ist es in Schröder 1995). Die Bezeichnung „Sequenzmuster“ meint dabei „eine charakteristische Abfolgestruktur von ← 131 | 132 → Gesprächseinheiten“ (Wunderlich 1981: 2). Diese Abfolgestruktur untergliedert er in drei Phasen und erarbeitet obligatorische und optionale „Strukturelemente“, die er jeweils den Initiativen der Beteiligten zuordnet. Phase I beinhaltet die Gesprächseinleitung, die Themeneinleitung und die Ratfrage. Phase II besteht aus dem Ratschlag, der Reaktion auf den Ratschlag und der Übernahme, Phase III beinhaltet die Themenabschluss-Initiative, die Gesprächsabschluss-Initiative und den Gesprächsabschluss, hinzu kommen die optionalen Strukturelemente, die vor allem bezogen auf den Rat in Phase II dem Ziel der Vorbereitung des Ratschlags bis zur Übernahmefähigkeit dienen (Nachfragen, Modifizieren, Begründen etc.) (vgl. Wunderlich 1981: 28). Dieses Modell unterscheidet also neben gesprächseröffnenden und -ab­schließenden Handlungen vor allem den Ratschlag, die Reaktion darauf und die Übernahme. Das Ablaufmodell Schanks (1979; 1981b) zeigt folgende Phasen oder Teilziele für Kurzberatungen: PE (die Problemexplikation durch den Ratsuchenden); PLR (Darstellung der Person und Lage des Ratsuchenden); RS (gemeinsames Suchen und Erstellen des Handlungsplans für den Ratsuchenden); AK (die Prüfung der Praktikabilität und Akzeptabilität des Ratsuchenden für den entwickelten Handlungsplan) (vgl. Schank 1979: 178). Schanks Phasen 2-4 entsprechen Wunderlichs Phase II, wobei Wunderlich nicht explizit von dem Entwickeln eines Handlungsplans, sondern von einem Ratschlag spricht. Hier spiegelt sich sicherlich das unterschiedliche den Untersuchungen zugrunde liegende Material wider. Schank stellt fest, dass diese Reihenfolge sukzessive eingehalten werden muss, da sonst zu einem späteren Zeitpunkt im Verlauf auf frühere Aufgaben zurückgekommen werden muss, um die Bearbeitung fortzusetzen. Dennoch müssen nicht alle Schritte explizit vollzogen werden. Das Phasenmodell Boettchers (2004b: 187ff.; 2004a: 116ff.) für Ratschlaggespräche besteht aus der Problempräsentation und Anliegensformulierung von RS, der Sicherung des Problemverstehens durch RG, der Entwicklung und Übernahme von Lösungsangeboten. In diesem Phasenmodell wird im Gegensatz zu den älteren Modellen die Anliegensformulierung anstelle Wunderlichs Ratfrage aufgenommen, was möglicherweise der Erkenntnis Rechnung trägt, dass eine Ratfrage nicht vorkommen muss und Klientenziele sich auch in von Boettcher sogenannten „Ratschlaggesprächen“ über eine bloße Ratfrage hinausbewegen. Becker-Mrotzek (2001: 1522ff.) konstatiert für behördliche Beratungsgespräche am Beispiel der Arbeitsberatung vier Phasen: die „Anliegensklärung“, in der der „Berater eine Vorstellung von den biographischen Problemen und Plänen der Klienten entwickelt“ (Becker-Mrotzek 2001: 1523); die „Anliegensthematisierung“, die vom Berater vor allem zur Übereinstimmung der Einschätzung des Klienten mit seiner eigenen initiiert wird, die „Lösungsbildung“, die handlungsschematisch Lösungswege aufzeigt und die „Planbildung“, in der ← 132 | 133 → Details der künftigen Maßnahme geplant werden. Auch Becker-Mrotzek geht also von einem Anliegen aus, das in Form eines Handlungsplans bearbeitet wird.

Insgesamt zeigen alle diese Ablaufbeschreibungen von Beratungsgesprächen grundsätzlich vergleichbare Phasen auf. Zusammenfassend sind dies folgende: eine Phase, in der ein Problem benannt wird, für das ein Rat oder Plan angefordert wird (Anliegen); eine Phase, in der das Problem durch den Berater zugespitzt wird; eine Phase mit gemeinsamem schleifenförmigen Suchprozess und eine Lösungsphase, in der die Lösung oder der Plan geprüft und angenommen wird. Im Vergleich zum anwaltlichen Erstgespräch und dem in diesem Kapitel entwickelten Ablaufmodell lassen sich diese Phasen grundsätzlich ebenfalls bestätigen, aber in Bezug auf die hier untersuchte spezifische institutionelle Beratungssituation weiter ausdifferenzieren.

Die Phasenbeschreibung anwaltlicher Erstgespräche ist in einem zyklischen Analyseprozess entstanden, indem zunächst auf der Basis eines kleinen Teilkorpus aus Gesprächen der verschiedenen Typen ein erstes Phasenmodell entwickelt wurde. Dieses wurde sukzessive mit weiteren Gesprächen des Korpus konfrontiert und entsprechend so verändert, dass es den Ablauf aller Gespräche so detailliert wie möglich wiedergeben kann, gleichzeitig aber auch Kategorien aufweist, die verallgemeinerbar genug sind, alle Gespräche darunter vereinen zu können (vgl. auch die verwendeten Bezeichnungen in den beschriebenen Phasenmodellen, hier werden ähnlich weite Bezeichnungen gewählt). Zur Unterscheidung von Phasen im anwaltlichen Erstgespräch wurden maßgeblich folgende sprachliche Merkmale zugrunde gelegt:

 Gliederungssignale

 längere Pausen

 thematische Veränderungen

 ein Wechsel der Handlungsentwicklung

 explizite Benennung und Einleitung neuer Gesprächsabschnitte

 ein Wechsel der Funktion einzelner Gesprächsabschnitte

 ein Wechsel in den nonverbalen Aktivitäten der Beteiligten

 ein Wechsel des primären Sprechers (vor allem nach längeren Sequenzen).

Ausschlaggebend für die Konstitution einer Phase ist in der Regel nicht eines der Merkmale alleine, sondern ein Merkmalsbündel, das zusammengenommen genügend Hinweise auf einen Phasenwechsel liefern kann.

Generell ist, wie in Kapitel 4.3.1 bereits beschrieben, eine Phasengliederung von Gesprächen aus verschiedenen Gründen kritisch zu betrachten, vor allem, weil sie eine Linearität suggeriert, die sich praktisch in keinem Gespräch finden lässt. Darüber hinaus gibt es zudem auch einige klassifikatorische Schwierigkeiten ← 133 | 134 → bei der Phasenbestimmung. Problematisch ist, dass sich nicht alle Gesprächsabschnitte eindeutig einer Phase zuordnen lassen, da entweder die Beteiligten parallel mehrere oder gleichzeitig unterschiedliche Phasen bearbeiten. Weiter können gleiche kommunikative Handlungen verschiedene Funktionen erfüllen und damit verschiedenen Phasen zugeordnet werden, die aber mit einer Analyse nach formalen und inhaltlichen Kriterien schwer zu fassen sind und damit auch immer eine funktionale Analyse zumindest ansatzweise bei Bestimmung von Phasen und Zuordnung von Gesprächsabschnitten dazu mit einfließen muss.

Der hier beschriebene Ablauf kann also lediglich eine Abstraktion des tatsächlichen Geschehens sein, die darüber hinaus, würde man sie für sich betrachten, auch eine starke Verkürzung des Gesamtgeschehens darstellt. Dennoch erfüllt sie den Zweck einer ersten Orientierung über die Gespräche und das Korpus und eignet sich daher dazu, den typischen Ablauf des anwaltlichen Erstgespräches aufzuzeigen.

Bei der Beschreibung des Ablaufmodells wurde bewusst auf eine Zuordnung zu den Beteiligten und eine Bestimmung desjenigen, der für die primäre Bearbeitung einer Phase zuständig ist, verzichtet. Denn diese Beschreibungsdimension ist so grobkörnig, dass eine Zuordnung von Phasen und einzelnen Beteiligten kaum möglich ist. Dazu kommt, dass die Beschreibung des Gesprächsablaufs primär auf die Gesprächssukzession selbst fokussiert, während z. B. die Beschreibung der kommunikativen Aufgaben primär von dem Handeln der Beteiligten ausgeht, das sich im Gespräch zyklisch entfaltet und dieses gestaltet, weshalb hier eine Zuordnung von kommunikativen Aufgaben und Beteiligten sinnvoll ist (vgl. Kapitel 6). Im Fall der Ablaufbeschreibung, dessen Sukzession zwar vom Handeln der Beteiligten vorangetrieben wird, kann m.E. davon ausgegangen werden, dass die Beteiligten das Gespräch gemeinsam in ihrem Ablauf bestimmen und entsprechend die Phasen gemeinsam bearbeiten. Hier wird es zwar häufig der Anwalt sein, der Phasen einleitet, weil er als Experte einen Gesprächsplan verfolgt, den er darüber hinaus aufgrund seiner Position überwiegend steuert, was dazu führt, dass die Beispiele in Kapitel 5.4 häufig das Handeln des Anwalts demonstrieren werden. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Phasen in ihrem weiteren Verlauf grundsätzlich von beiden Beteiligten bearbeitet werden.

Die Phasen und ihre Spezifika werden in den folgenden Kapiteln jeweils ausführlich anhand von Gesprächsbeispielen belegt und beschrieben sowie für die drei Gesprächstypen anwaltlicher Erstgespräche differenziert. Dabei beschränke ich mich auf die Beschreibung der Kernphasen, da für die Gesprächseröffnung und den -abschluss weder Differenzierungen innerhalb der Typen zu erwarten sind noch dadurch Differenzierungen beim Vergleich zu Ablaufmodellen anderer Gespräche zu erwarten sind. Für eine Beschreibung des kommunikativen Geschehens in Gesprächseröffnungen und -abschlüssen vgl. die Kapitel 6.3.1 und 6.3.9. ← 134 | 135 →

5.4 Gesprächsphasen im anwaltlichen Erstgespräch

In der folgenden Detailbeschreibung der Kernphasen verwende ich jeweils ein Beispiel für die verschiedenen Typen und zeige hier besonders den Beginn der jeweiligen Phase anhand eines Gesprächsausschnittes. Wenngleich auch viel dafür spricht, nur drei Gespräche auszuwählen und diese sukzessive zu vergleichen, sollen hier Beispiele quer durch das Korpus ausgewählt werden, um einen Einblick in das Gesamtkorpus und dessen Varianz zu geben.

Die folgenden Kapitel sind so aufgebaut, dass zuerst eine generelle Beschreibung der Phasen gegeben wird, die in der Folge mit Gesprächsbeispielen belegt wird. Daraufhin werden die Spezifika der Typen anwaltlicher Erstgespräche bei der Bearbeitung der jeweiligen Phase beschrieben und im Anschluss tabellarisch zusammengefasst. Dieser Aufbau ist der ergebnisorientierten Darstellungsweise geschuldet. Auch wenn diese Darstellungsweise zunächst Gegenteiliges suggeriert, sei hier nochmals explizit betont, dass alle Beschreibungen auf den Analysen der Gespräche basieren und Ergebnisse dieser Analysen zusammenfassen.

5.4.1 Themeneinführung

Die Themeneinführung wird in institutionellen Gesprächen meist mit der Eröffnungsinitiative des Anwalts eingeleitet und kann in ihrer Länge abhängig vom Einschreiten des Anwalts mit Nachfragen stark variieren. In dieser Phase wird das Thema vom Mandanten eingeführt sowie die Handlungsorientierung implizit oder explizit genannt. Die Handlungsorientierung bezeichnet verschiedene noch weiter zu differenzierende Ausrichtungen auf eine mögliche Lösung des Mandanten: das Handlungsziel und das Gesprächsziel (vgl. die Kapitel 6.3.3 und 7.3.6.).

Diese Phase korrespondiert mit der Phase der Explizierung des Ratsucherproblems (Schank 1981b) oder der Themeneinleitung und Ratfrage (Wunderlich 1981). Ich bevorzuge an dieser Stelle die Bezeichnung Themeneinführung, da im Mandantengespräch mehr als nur das Problem geschildert oder eine Ratfrage gestellt wird. Problemdarstellung und Ratfrage sind hier ein Bestandteil der Sachverhaltsdarstellung neben anderen (vgl. Kapitel 7 und Pick 2010).

Die Handlungsorientierung, die ebenfalls mit der Ratfrage (Wunderlich 1981) oder der Anliegensformulierung (Boettcher 2004a, 2004b, vgl. auch Becker-Mrotzek/Brünner 2007) korrespondiert, ist für das Mandantengespräch nicht als eigenständige Phase, sondern zur Themeneinführung gehörend aufgeführt, obwohl sie in einigen Fällen mit Gliederungssignalen oder einer metakommunikativen Einleitung als eigene Phase markiert und auch von Anwalt explizit erfragt werden kann. Im Mandantengespräch ist die Darstellung der Handlungsorientierung aber inhaltlich typischerweise wenig ← 135 | 136 → spezifisch (vgl. verschiedene sprachliche Formen Kapitel 6.3.3). Hier werden eher Lösungsrichtungen vom Mandanten implizit während der Sachverhaltsdarstellung eingestreut, aus denen die Handlungsorientierung des Mandanten ersichtlich werden kann, was ebenfalls die Abgrenzung als eigene Phase nicht rechtfertigen würde. Da die Handlungsorientierung sich also selten ausschließlich in der expliziten Anliegensformulierung oder Ratfrage findet, sondern typischerweise implizit bearbeitet wird, ist sie hier der Themeneinführung zugeordnet (vgl. auch Kapitel 7).

Illustration

← 136 | 137 →

Illustration

← 137 | 138 →

Die Typen anwaltlicher Erstgespräche unterscheiden sich in dieser Phase vor allem durch die zeitliche Verortung des zu besprechenden Sachverhaltes. Während in der sachverhaltsbegutachtenden Beratung die zu begutachtenden Sachverhalte in der Vergangenheit begonnen haben („es ist etwas passiert“), liegt bei der gestaltenden Beratung die zu besprechende Situation in der Zukunft („was könnte alles passieren?“). In der sachverhaltsbegutachtenden Beratung besteht das Problem für den Mandanten bereits, in der gestaltenden Beratung dagegen versucht er einem möglicherweise in der Zukunft entstehenden Problem im Vorfeld zu begegnen. Folglich besteht dieser Sachverhalt neben einer vergleichsweise kurzen Schilderung der Ausgangssituation aus Optionen, die eintreten könnten. Der Typ der verwerfenden Beratung kann beide zeitlichen Verortungen des Sachverhalts aufweisen. Bei der sachverhaltsbegutachtenden Beratung kommt es entsprechend auf die genaue Darstellung der geschehenen Ereignisse an und diese sind weder potenziell noch optional, sondern real bereits eingetreten. Dagegen ist in der gestaltenden Beratung ebenfalls eine genaue Darstellung der bereits bestehenden Ausgangssituation gefragt, hier sind beim Verbalisieren möglicherweise eintretender zukünftiger Situationen Spekulationen aber erlaubt bzw. notwendig.

In sachverhaltsbegutachtenden Beratungen sind eher inhaltliche vorgreifende Typisierungen erwartbar, die sich auf den Sachverhalt beziehen. In gestaltenden Beratungen nennen Mandanten typischerweise verfahrensbezogene Typisierungen, womöglich weil die Form „Vertrag erstellen“ relativ weit verbreitet ist.

Da mit der Themeneinführung bereits die Handlungsorientierung der Mandanten verbalisiert werden kann, kann sich schon in dieser Phase in der verwerfenden Beratung für den Anwalt die Nichtbearbeitbarkeit des Sachverhalts andeuten. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Mandanten bereits Ziele benennen, die juristisch nicht bearbeitbar sind. Es müssen aber zunächst noch keine Unterschiede zur sachverhaltsbegutachtenden oder gestaltenden Beratung in Erscheinung treten, da Handlungsorientierungen zum einen nicht immer genannt werden oder diese zum anderen sich erst im Laufe des Gesprächs als nicht bearbeitbar herausstellen können. ← 138 | 139 →

Spezifika der Typen in der Gesprächsphase
SachverhaltsbegutachtendGestaltendVerwerfend
Der problematische Sachverhalt liegt in der Vergangenheit.Der potenziell problematische Sachverhalt liegt in der Zukunft.Der problematische Sachverhalt liegt in der Vergangenheit oder (potenziell) in der Zukunft.
Es ist eine Darstellung der Geschehnisse gefragt, die zutreffend und vollständig ist.Über eine zutreffendene und vollständige Darstellung hinaus wird der Fokus stärker auf Handlungsentwicklungen gelegt.Je nach Verortung des problematischen Sachverhalts: vollständige und zutreffende Darstellung der Geschehnisse oder stärkerer Fokus auf hypothetische Handlungsentwicklungen.
Inhaltliche Typisierung ist eher erwartbar.Verfahrensbezogene Typisierung (Vertrag) ist eher erwartbar.Es kann bereits in dieser Phase erkannt werden, dass die Handlungsorientierung keine erfolgversprechende rechtliche Bearbeitungsmöglichkeit birgt.

5.4.2 Themenexploration und -zuspitzung

Mit Themenexploration und -zuspitzung wird die Phase bezeichnet, die durch weiterführende oder vertiefende Fragen des Anwalts eingeleitet wird, häufig auch Sachverhaltsexploration genannt. Es wird hier das Wissen um den Sachverhalt, in den das zu bearbeitende Problem oder Thema eingebettet ist, entsprechend erweitert. Der Anwalt beginnt bereits zu diesem Zeitpunkt, mental eine oder mehrere zu bearbeitende juristische Fragestellungen herauszuarbeiten (vgl. Kapitel 8) und verschafft sich während der Phase der Themenexploration und -zuspitzung Informationen über jene Teile des partikularen Erlebnis- und Beobachtungswissens des Mandanten, das zur Komplettierung seines Bildes über den Lebenssachverhalt des Mandanten noch fehlt, um es tragfähig in juristische Kategorien übertragen zu können.

Wunderlich (1981) integriert diese Phase als „Nachfragen und Ergänzungen“ und bezeichnet sie als optionale Tätigkeit des Ratgebers. Im Mandantengespräch ← 139 | 140 → ist dies keine optionale Phase, sondern ist in jedem Gespräch zu beobachten und dient dazu, die Darstellung des Mandanten so zu ergänzen, dass der Sachverhalt in einen juristisch bearbeitbaren Sachverhalt transformiert werden kann, um ihn dem Rechtssystem zugänglich machen zu können (vgl. Kapitel 6, vgl. auch das Eingangszitat des Anwalts in Kapitel 1). Daher dient diese Phase im Mandantengespräch zwar auch, aber nicht ausschließlich der Sicherung des Problemverstehens, das Boettcher (2004b: 187ff.; 2004a: 116ff.) für diese Phase hervorhebt. Im Mandantengespräch wird das Problem in dieser Phase im Sinne einer institutionellen Zuspitzung erst herausgearbeitet (vgl. Kapitel 8). Ebenso geht die Themenexploration und -zuspitzung im Mandantengespräch aus diesem Grund über Schanks Phase der PLR („Erfassung der Lage und Person des Ratsuchers“) hinaus (Schank 1981b: 184).

Die Themenexploration und -zuspitzung kann dadurch erfolgen, dass der Anwalt Themen des Mandanten aufgreift und genauer nachfragt. Entsprechend wurde auch die Bezeichnung Themenzuspitzung gewählt, da hier eine Fokussierung des Anwalts auf bestimmte Themen erfolgt und davon ausgegangen werden muss, dass es sich um bestimmte, für die Weiterverarbeitung im juristischen Handlungszusammenhang relevante Themenstellungen handelt. In diesem Zusammenhang sind ebenfalls Relevanzrückstufungen von Mandantenäußerungen zu beobachten, die auch zur Themenzuspitzung beitragen, indem sie den Sachverhalt nach institutionellen Gesichtspunkten gewichten.

Eine andere Möglichkeit der Themenexploration und -zuspitzung ist das Lesen oder Durchsehen der Unterlagen, die Mandanten zur Besprechung mitgebracht haben. Auch hier zeigt sich der Sachverhalt, z. T. in Form von Beweisen (Gehaltsabrechnungen, Ehevertrag etc.), z. T. bereits in transformierter Form (Bescheide, Strafanzeigen etc.). Auch diese liest der Anwalt vor dem Hintergrund des entstehenden Bildes über den Sachverhalt und möglicher zu prüfender Ansprüche und selektiert entsprechend die relevanten Inhalte.

← 140 | 141 →

Illustration

← 141 | 142 →

Illustration

← 142 | 143 →

Besonderheiten der Typen finden sich hier erneut vor allem zwischen der gestaltenden Beratung und der sachverhaltsbegutachtenden Beratung. In der gestaltenden Beratung werden stärker mögliche Handlungsoptionen, aber auch die Zielsetzung der Mandanten thematisiert. Diese werden vom Anwalt hier typischerweise ausführlicher erfragt, da eine vertragliche Regelung stärker vom Willen der Beteiligten geprägt ist als die juristische Bearbeitung eines bereits vorhandenen Sachverhalts. Dazu kommt, dass der Anwalt selbst hier stärker neue Themen einbringt, die gegebenenfalls für die Gestaltung eine Rolle spielen könnten. Diese Themen bringt er zwar auch in die sachverhaltsbegutachtende Beratung ein, allerdings liegt das Hauptaugenmerk dort stärker auf einer vertiefenden Exploration der zu bearbeitenden Situation, in der sich die Bearbeitungsrichtung zuspitzt und die zu prüfenden Ansprüche weiter eingeschränkt werden. Bei der verwerfenden Beratung kann sich in dieser Phase bereits andeuten, dass das Problem nicht bearbeitbar ist, wenn Sachverhaltsbestandteile vom Anwalt durch Fragen oder Zusammenfassungen fokussiert werden, die auf die Nichtbearbeitbarkeit hindeuten. Das ist aber nicht immer der Fall, da eine Bearbeitbarkeit zunächst in jedem Gespräch von den Beteiligten vorausgesetzt wird.

Spezifika der Typen in der Gesprächsphase
SachverhaltsbegutachtendGestaltendVerwerfend
Bearbeitungsrichtung spitzt sich zu, denn die Auswahl der zu prüfenden Ansprüche werden hier weiter eingeschränkt und die Umstände des Sachverhalts weiter aufgeklärt.Zielsetzung der Mandanten ist ausführlicher als in den anderen Typen Teil der Exploration.

Das Ziel ist weniger stark durch den Sachverhalt (und mögliche sich daraus ergebende Ansprüche bestimmt), sondern stärker durch den Willen der Parteien.
Anwalt kann bereits jene Sachverhaltsbestandteile fokussieren, die ausschlaggebend für eine Verwerfung sind, dies setzt aber voraus, dass er die Nichtbearbeitbarkeit des Problems bereits in dieser Phase erkennt.
Verschiedene Relevantsetzungen bestimmter Themen von Anwalt und Mandant deuten sich an.Verschiedene Relevantsetzungen bestimmter Themen von Anwalt und Mandant deuten sich an.Verschiedene Relevantsetzungen bestimmter Themen von Anwalt und Mandant deuten sich an. ← 143 | 144 →

5.4.3 Aufklären über die Rechtslage

Auf die Themenexploration und -zuspitzung folgt nun im anwaltlichen Mandantengespräch das Besprechen der Lage, in der der Mandant sich aus rechtlicher Sicht befindet. Dazu klärt der Anwalt den Mandanten über seine rechtliche Bewertung des Sachverhalts auf.

Das Aufklären über die Rechtslage ist gekennzeichnet durch die Einordnung des Gehörten in juristische Kategorien und ein Einfügen des Sachverhaltes in die juristische Welt und geht mit einer rechtlichen Bewertung einher (vgl. Kapitel 8). Diese muss nicht immer verbalisiert werden, eine rechtliche Begutachtung kann ausschließlich mental vorgenommen werden und nicht einmal das Ergebnis wird dem Mandanten in allen Gesprächen explizit mitgeteilt werden. Dennoch finden sich in allen Gesprächen zumindest Hinweise auf eine vorangegangene Begutachtung, sei es durch die Vermittlung von Fachwissen, die sich auf eine vorangegangene (nicht verbalisierte) Begutachtung bezieht oder durch Handlungspläne, die eine Begutachtung voraussetzen und implizieren.

Diese Phase ist typisch und konstitutiv für das anwaltliche Mandantengespräch. Hier wird eine der anwaltlichen Kernaufgaben manifest: Die rechtliche Begutachtung eines lebensweltlichen Sachverhaltes und das damit einhergehende Prüfen von Ansprüchen des Mandanten, um den Weg für eine weitere Bearbeitung zu ebnen (vgl. Kapitel 8). Obwohl in dieser Phase die wichtigsten Weichen für die Beratung gestellt werden, findet sie sich nicht in den oben angeführten linguistischen Phasenmodellen (Schank oder Boettcher nennen ausschließlich die Handlungsplanung, Wunderlich den Ratschlag). Die Sachverhaltsbegutachtung hingegen besteht nicht oder nicht überwiegend aus einem Ratschlag und ist nicht zu verwechseln mit der Handlungsplanung, die daran anschließt, sondern beinhaltet eine Bewertung des Sachverhalts vor dem Hintergrund der juristischen Bewertungskategorien und Handlungsmöglichkeiten.

Da diese Phase ein wichtiger Kern des Mandantengesprächs ist sowie für die Klassifikation der verschiedenen Typen eine Rolle spielt, wird sie hier als eigene Phase behandelt. Auch in den juristischen Phasengliederungen spielt diese Phase im Gegensatz zu den linguistischen Modellen eine Rolle. König/Weth (König/Weth 2004b: 25f.) nennen ausdrücklich die „Klärung der rechtlichen Lage“ als Bestandteil des Mandantengesprächs: „In der Regel werden hier auch Fragen zu erörtern sein, von denen der Mandant (von sich aus) nicht weiß, dass sie wichtig sind.“ Auch Kilian nennt unter der Phase „Antworten“ die rechtliche Bewertung: „In der Phase 3 ist es an dem Rechtsanwalt, dass sich diese Gedanken kristallisieren und in einer dem Mandanten kommunizierten vorläufigen Bewertung niederschlagen“ (Kilian 2008: 34). ← 144 | 145 →

Illustration

← 145 | 146 →

Illustration

← 146 | 147 →

Illustration

Hier finden sich Besonderheiten und Unterscheidungsmerkmale für alle Typen, was sicherlich auch die besondere Bedeutung dieser Phase für das Mandantengespräch begründet. In der sachverhaltsbegutachtenden Beratung bestätigt das Ergebnis der Anspruchsprüfung und rechtlichen Begutachtung durch den Anwalt eine mögliche und erfolgversprechende rechtliche Bearbeitung des Problems. Hier wird der Fokus dann zügig auf die Handlungsplanung verlagert. In aller Regel wird die Phase der Aufklärung über die Rechtslage expandierter, je weniger sich das Ergebnis mit den Erwartungen des Mandanten deckt.

In der gestaltenden Beratung werden die Mandanten einerseits über ihre gegenwärtige Lage aufgeklärt, die z. B. im Fall eines Ehevertrages bereits bestimmte bestehende gesetzliche Vertragsfolgen betreffen würde. Weiter werden hier aber verstärkt hypothetische Sachverhalte in der Zukunft begutachtet, für die Regelungen getroffen werden sollen. Dazu können Sachverhalte in der Zukunft nur unter dem Wissen und der Rechtslage der Gegenwart begutachtet werden. Ebenfalls ist die Themenwahl der hypothetisch zu begutachtenden Sachverhalte hier stärker vom Anwalt mitbestimmt, da die Sachverhalte im Vergleich zur begutachtenden Beratung breiter und weniger fallspezifisch sind.

In dieser Phase findet sich vor allem für den Typ verwerfend ein großer Unterschied zu den anderen Typen, denn hier wird das Ergebnis der Anspruchsprüfung negativ ausfallen und die Erwartungen des Mandanten enttäuscht, der mit dem Besuch des Anwalts zunächst von einer Bearbeitungsmöglichkeit ausgeht. Damit kann eine intensivere Wissensvermittlung zur Begründung einhergehen. Darüber hinaus werden hier auch die Weichen für das weitere Gespräch gestellt, denn die Besprechung der rechtlichen Weiterbearbeitung des vom Mandanten angestrebten Ziels ist nun nicht mehr möglich. ← 147 | 148 →

Spezifika der Typen in der Gesprächsphase
SachverhaltsbegutachtendGestaltendVerwerfend
Ergebnis der Anspruchsprüfung positiv und Begutachtung des Sachverhalts = positiv, Ziele umsetzbar.Begutachtung der aktuellen Lage und hypothetischer (und typischer Standard-) Sachverhalte in der Zukunft = positiv, Ziele umsetzbar, auch der Anwalt bringt zukünftige Sachverhalte ein, die begutachtet werden können.Ergebnis der Anspruchsprüfung und Begutachtung des Sachverhalts = negativ oder Ansprüche nicht durchsetzbar,

oder Ziele rechtlich/vertraglich nicht umsetzbar. Besprechung der juristischen Möglichkeiten zur Erreichung der Ziele der Mandanten ist nicht mehr möglich.
Kann mit Wissensvermittlung zur Erläuterung der Begutachtung einhergehen, kann schnell und fragmentarisch bearbeitet werden.Wissensvermittlung über die Rechtslage der Gegenwart, häufig angewendet auf hypothetische Sachverhalte in der Zukunft.Aufgrund enttäuschter Erwartungen des Mandanten kann eine intensivere Wissensvermittlung zur Begründung der nicht möglichen/nicht erfolgreichen Weiterbearbeitung erfolgen.

5.4.4 Besprechen von (juristischen) Handlungsmöglichkeiten

Das Besprechen von (juristischen) Handlungsmöglichkeiten schließt an das Aufklären über die Rechtslage an und behandelt das weitere Vorgehen, primär jenes in der Rechtswelt. Hier wird besprochen, welche weiteren Schritte möglich sind (vgl. die Phase der Lösungsbildung Becker-Mrotzek 2001: 1523, vgl. Kapitel 9). Vor allem der Anwalt wird eine Handlungsplanung für Maßnahmen innerhalb der Rechtswelt entwickeln, aber auch Mandanten können Vorschläge einbringen. Diese werden dann jeweils vom Anwalt unter rechtlichen Gesichtspunkten bewertet. Eine Entscheidung über die Durchführung bleibt beim Mandanten. Da Anwälte nicht nur Berater sind, sondern auch einseitige Interessenvertreter ihrer Mandanten, deutet sich in dieser Phase bereits an, wie eine Vertretung durch den Anwalt ausgestaltet sein könnte, denn ein Handlungsplan in der Rechtswelt kann (in manchen Fällen auch muss) von einem Anwalt stellvertretend für den Mandanten ausgeführt werden. Das Angebot zu einer Vertretung wird beim Besprechen von Handlungsmöglichkeiten allerdings typischerweise nicht explizit verbalisiert (vgl. dazu 11).

Diese Phase findet sich in allen Strukturmodellen, wie oben bereits gezeigt bei Wunderlich als Ratschlag, bei Schank als Entwerfen eines Handlungsplans, ← 148 | 149 → bei Boettcher als Entwicklung von Lösungsangeboten. Auch in den juristischen Modellen ist die Handlungsplanung enthalten: Bei König/Weth (König/Weth 2004b: 27ff.) als eigene Lösungsphase, bei Kilian (2008: 36) als „Aktionsplan“ unter dem Oberbegriff „Antworten“.

Die Handlungsplanung kann sich im anwaltlichen Mandantengespräch nicht nur auf die juristische Weiterbearbeitung beschränken, sondern kann auch das weitere Handeln des Mandanten in der Lebenswelt beinhalten, sei es parallel zur rechtlichen Bearbeitung (Überweisungen tätigen, Gegenseite ansprechen etc.) oder alternativ zur rechtlichen Bearbeitung. Alternativen werden maßgeblich bei verwerfenden Beratungen besprochen, da hier keine weitere Bearbeitung in der Rechtswelt möglich ist.

Illustration

← 149 | 150 →

Illustration

← 150 | 151 →

Illustration

Als Besonderheiten der jeweiligen Typen anwaltlicher Erstgespräche finden sich folgende. In der sachverhaltsbegutachtenden Rechtsberatung wird bei der Besprechung von Handlungsmöglichkeiten auf jene innerhalb des Rechtssystems fokussiert, da der Mandant bereits aus diesem Grund den Anwalt überhaupt aufgesucht hatte. Damit muss aber nicht immer eine gerichtliche Konfliktbeilegung betroffen sein, rechtliche Handlungsmöglichkeiten können auch ein Anwaltsbrief oder eine Verhandlung mit der Gegenseite unter Beteiligung des Anwalts bzw. der Anwälte beider Seiten sein. Daneben ist das Besprechen lebensweltlicher Handlungsmöglichkeiten ebenfalls möglich.

In der gestaltenden Beratung werden hier mögliche konkrete Umsetzungen in rechtliche/ vertragliche Form der als relevant ermittelten Themen behandelt sowie Implikationen und Vor- und Nachteile gewisser Gestaltungsmöglichkeiten vom Anwalt aufgezeigt.

In der verwerfenden Beratung stellt sich heraus, dass der vom Mandanten angestrebte Handlungsplan nicht umsetzbar sein wird. Daher wird in dieser Phase eine hypothetische rechtliche Bearbeitung des Problems mit anschließender Verwerfung aufgrund der nicht vorhandenen Erfolgsaussichten und/ oder eine lebensweltliche Handlungsplanung ohne anwaltliche Vertretung besprochen. ← 151 | 152 →

Spezifika der Typen in der Gesprächsphase
SachverhaltsbegutachtendGestaltendVerwerfend
Entwicklung von juristischen Handlungsmöglichkeiten zur Weiterbearbeitung des Problems in der Rechtswelt.Aufzeigen verschiedener rechtlicher/vertraglicher Gestaltungsmöglichkeiten und deren Implikationen sowie Vor- und Nachteilen.Vom Mandanten angestrebter Handlungsplan stellt sich als mit rechtlichen Mitteln nicht bearbeitbar heraus, hypothetisches Vorgehen in der Rechtswelt kann besprochen werden, um dessen Erfolglosigkeit aufzuzeigen.
Auch Handlungsplanung in der Lebenswelt neben der Vertretung durch den Anwalt kann besprochen werden. Handlungsplanung in der Lebenswelt kann hier alternativ fokussiert werden.

5.4.5 Kosten(-übernahme) besprechen

Sind die Handlungsmöglichkeiten besprochen, folgt als nächste Gesprächsphase das Besprechen der Kosten(-übernahme). Diese Phase kann durch den Anwalt oder den Mandanten eingeleitet werden. Das Thema ist für beide Beteiligte ein eher dispräferiertes (vgl. Kapitel 10), entsprechend wird diese Phase typischerweise mit vielen Verzögerungsmarkern und Gliederungssignalen eingeleitet. Typischerweise findet sich besonders für diese Phase auch häufig eine explizite Ankündigung.

Die Benennung der Phase mit Kosten(-übernahme) besprechen deutet bereits darauf hin, dass hier nicht immer die tatsächlich anfallenden Kosten besprochen werden, sondern dies auch durch die Besprechung der Kostenübernahme durch eine Rechtsschutzversicherung ersetzt werden kann.

Hier werden sowohl die Kosten für die Erstberatung als auch die Kosten für die weitere Bearbeitung besprochen, falls diese stattfindet.

Illustration

← 152 | 153 →

Illustration

Für die Typen anwaltlicher Erstgespräche lässt sich die Besprechung der Kosten für die Erstberatung in dieser Phase nicht differenzieren, da diese für alle Typen gleich abgerechnet wird und in jedem der drei Typen anfällt. Kosten für die weitere Bearbeitung werden nur in den Fällen der sachverhaltsbegutachtenden und gestaltenden Beratung angesprochen, in denen eine Weiterarbeit möglich bzw. vom Mandanten erwogen wird.

Spezifika der Typen in der Gesprächsphase
SachverhaltsbegutachtendGestaltendVerwerfend
Besprechung der Kosten für das Erstgespräch und die Weiterbearbeitung möglich.Besprechung der Kosten für das Erstgespräch und die Weiterbearbeitung möglich.Besprechung nur der Kosten für das Erstgespräch.

5.4.6 Formalitäten abwickeln

Als letzter Schritt vor dem Gesprächsabschluss findet das Abwickeln der Formalitäten statt. Diese Phase wird typischerweise eingeleitet, indem sie explizit benannt und angekündigt wird. Darüber hinaus findet hier ein Wechsel der nonverbalen Aktivitäten der Beteiligten statt, da einerseits Vereinbarungen ← 153 | 154 → unterschrieben werden, andererseits Unterlagen sortiert und teilweise vom Anwalt kopiert werden.

Zu unterschreibende Vereinbarungen sind regelmäßig Vollmachten oder Vergütungsvereinbarungen, beide sind aber nicht obligatorisch im Mandantengespräch. Denn auch wenn ein Mandat zustande kommt, lassen sich nicht alle Anwälte Vollmachten unterzeichnen, da eine Beauftragung auch mündlich erfolgen kann und Vollmachten ihren Zweck vor allem in der Vertretung nach außen (vor Behörden etc.) erfüllen. Entsprechend können auch Gespräche vorkommen, in denen die Phase nicht bearbeitet wird, wenn weder Unterlagen vorliegen, die kopiert oder geordnet werden müssen, noch Vereinbarungen unterzeichnet werden. Die in dieser Phase anfallenden Aufgaben werden allerdings teilweise auch bereits vor Beginn des Gesprächs an die Mitarbeiter ausgelagert, sodass sie auch aus diesem Grund im Gespräch wegfallen können.

In dieser Phase kommen auch die Projektteilnahme zur vorliegenden Arbeit und die Aufnahmesituation ebenfalls meist erneut zur Sprache, hier wird oft die Einverständniserklärung zur Unterschrift vorgelegt und der Fragebogen überreicht.

Diese Phase ist typischerweise relativ kurz, wird aber strukturell klar als eigene Phase abgegrenzt und ist offenbar für Anwälte auch als solche geläufig (vgl. Interview mit einer teilnehmenden Anwältin, Kapitel 5.6 und Kilian 2008: 39 unter dem Stichwort „Organisieren“). Die kurze Dauer der Phase zeigt auch an, dass Unterlagen und Vereinbarungen selten ausführlich besprochen werden. Obwohl auch Anwälte zu beobachten sind, die dem Mandanten Informationen anbieten, ist weder ein intensives Nachfragen von Seiten der Mandanten zu beobachten noch ausführliche Erläuterungen des Anwalts. Die genauen Vertragsinhalte scheinen also zumindest im Erstgespräch für Mandanten nicht von besonderem Interesse zu sein. Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass sich damit Probleme im Anschluss an das Gespräch ergeben (z. B. weil die Rechnung höher als erwartet ausgefallen ist etc.).

Illustration

← 154 | 155 →

Illustration

← 155 | 156 →

Illustration

← 156 | 157 →

Besonderheiten für die Typen anwaltlicher Erstgespräche finden sich hier lediglich durch die Auswahl der in Frage kommenden Unterlagen. Da es in der sachverhaltsbegutachtenden Beratung zu einer Vertretung gegenüber Dritten kommen kann, kommt hier das Unterzeichnen einer Vollmacht eher in Betracht, während dies bei den anderen Typen weniger der Fall ist. Vor allem in der verwerfenden Beratung werden seltener Vereinbarungen unterzeichnet.

Das Kopieren von Unterlagen spielt in allen Typen eine Rolle, in der sachverhaltsbegutachtenden und gestaltenden Beratung für die weitere Bearbeitung des Falles, in der nicht bearbeitenden Beratung werden Unterlagen für den Fall kopiert, dass sich die Rechtslage ändert und sich damit für den Mandanten dann doch Chancen zu einer Bearbeitung ergeben oder der Mandant in einer verwandten Angelegenheit wiederkommt.

Spezifika der Typen in der Gesprächsphase
SachverhaltsbegutachtendGestaltendVerwerfend
Vollmacht;

Vergütungsvereinbarung;

Unterlagen kopieren.
Vergütungsvereinbarung;

Unterlagen kopieren.
Vergütungsvereinbarung (Erstgespräch);

Unterlagen kopieren.

5.5 Zusammenfassung der Ergebnisse

Im vorliegenden Kapitel wurden die Phasen anwaltlicher Erstgespräche bestimmt und anhand dieser eine Ablaufbeschreibung der Gespräche gegeben. Folgender typischer Ablauf konnte für anwaltliche Erstgespräche entlang der Gespräch­sphasen herausgearbeitet werden (Abb. 5).

Die für das anwaltliche Erstgespräch ermittelten Phasen wurden jeweils anhand von Gesprächsbeispielen beschrieben, womit gleichzeitig ein Einblick in das vorliegende Korpus gegeben werden konnte.

Darüber hinaus wurden in diesem Kapitel die drei Typen anwaltlicher Erstgespräche ermittelt, die sich zum einen aufgrund ihrer Konstellation unterscheiden lassen, zum anderen aufgrund der Spezifika bei der Realisierung der einzelnen Gesprächsphasen. Die Typen sind die sachverhaltsbegutachtende, die gestaltende und die verwerfende Beratung.

Die hier ermittelten Phasen treten in allen Typen der untersuchten Erstgespräche auf, weisen innerhalb dieses gemeinsamen Gesprächsablaufs aber Besonderheiten auf, mit denen sie voneinander abgrenzbar werden. Diese wurden jeweils bei den Phasenbeschreibungen dargestellt. ← 157 | 158 →

Abb. 5: Ablauf anwaltlicher Erstgespräche anhand ihrer Phasen

Illustration

Mit diesen Ergebnissen zeigt sich, dass die Vergleichbarkeit aller vorliegenden anwaltlichen Erstgespräche im Korpus insofern gegeben ist, als alle Gespräche eine gemeinsame Phasenstruktur aufweisen. Unterschiede, die sich durch bestimmte Rechtsgebiete oder die Konstellationen der Typen ergeben, zeigen sich nur innerhalb der Phasen, sie bestimmen also nicht maßgeblich das Gespräch und seinen Verlauf. Daher ist es für die Untersuchung im weiteren Verlauf der Arbeit sinnvoll und dem Material entsprechend, die anwaltliche Erstberatung anhand aller Typen gleichzeitig weiterzubearbeiten und nicht etwa Studien für die Typen einzeln und getrennt voneinander vorzunehmen. Entsprechend werde ich das anwaltliche Erstgespräch als solches untersuchen und jeweils auf die Spezifika der Typen, wo es notwendig ist, gesondert hinweisen.

Die Ablaufbeschreibung und Bestimmung der Phasen soll nicht nur einen ersten Zugang zum Material schaffen, sondern bildet gleichzeitig die Grundlage ← 158 | 159 → für die weiteren Analysen entlang der anderen Beschreibungsdimensionen. Eine Gegenüberstellung der Ergebnisse enlang der verschiedenen Beschreibungsdimensionen wird einen tieferen Einblick in das Geschehen und das Handeln der Beteiligten im anwaltlichen Erstgespräch liefern (vgl. Kapitel 12.2).

5.6 Gesprächsablauf und Sicht der Praxis

Gesprächsphasen sind eine Dimension zur Beschreibung von Gesprächen, die auch außerhalb der Linguistik Anwendung gefunden zu haben scheinen, denn in den meisten Praxisratgebern für anwaltliche Mandantengespräche wird Bezug zu einer Phasierung dieser Gespräche genommen. Darüber hinaus ist es auch in Gesprächen mit teilnehmenden AnwältInnen leicht gefallen, eine Phasenbestimmung ihrer Gespräche zu elizitieren. Daher soll hier die Sicht der Praxis dargestellt und mit den hier erarbeiteten Ergebnissen verglichen werden.

Eine teilnehmende Anwältin beschreibt die Phasierung ihrer Gespräche wie folgt:

Ich hol die [Mandanten, I.P.] immer aus dem Wartezimmer, mach kurz n bisschen Hallo-Geplänkel. Dann setz ich die hin, dann sag ich meistens irgend so n Satz wie ‚Grob weiß ich ja schon worums geht, weil ich schon ne Telefonnotiz gelesen habe‘. Und dann kommt immer diese Erzählen-Sie-mal-Phase. Dann reden die ne Zeit lang und dann fang ich irgendwann an mit Fragen einzuhaken. Und dann kommt diese Phase des Dialogs, wo ich anfange, das Problem rauszufiltern – es sei denn, die sagen schon gleich ‚Ich möchte gegen die dienstliche Beurteilung vorgehen‘. Das ist der größte Teil des Gesprächs. Dann kommt zum Schluss die Phase, wo ich die Rechnung zücke und Unterschriften und Vollmachten und sowas mache. Und dann kommt so n bisschen wieder Geplänkel zum Abschied (Interview mit einer teilnehmenden Anwältin, November 2011).

Auffällig ist, dass sie zweimal auf das Geplänkel zu Beginn und am Ende hinweist, aber weder das Aufklären über die Rechtslage noch das Besprechen von Handlungsmöglichkeiten erwähnt, die gemeinsam den wichtigsten Kern des anwaltlichen Erstgesprächs bilden. Offenbar trennt diese Anwältin zwischen kommunikativen (Erzählen-Sie-mal-Phase, Phase des Dialogs) und juristischen Tätigkeiten (die sie im Rahmen der Gesprächsphasen nicht benennt), was auch ihren Fokus auf das Geplänkel bei der Beschreibung der Gesprächsphasen erklären würde.

Aber auch in der Praxisliteratur finden sich einige Phasenmodelle anwaltlicher Erstgespräche. Kilian (2008: 27, vgl. auch Sherr 1986) nennt vier Phasen des Mandantengesprächs: „Zuhören, Fragen, Antworten, Organisieren“. König/ Weth (2004b: 8ff.) nennen ebenfalls vier Phasen des Mandantengesprächs: Orientierungsphase, Klärungsphase, Lösungsphase und Abschlussphase. Das ← 159 | 160 → Juraforum (2013) bestimmt hingegen fünf Kernphasen sowie Begrüßungs- und Schlussphase, die sowohl in ihrer Reihenfolge als auch bezogen auf die praktischen Tipps jenen von Klinge/Klinge (1998: 21ff.) sehr stark ähneln: „Begrüßungsphase, Informationsphase/Orientierungsphase, juristische Klärungsphase, Interessenerkundung, Konfliktlösungsphase, Vergütungsinformation, Schlussphase“.

Vergleicht man die Phasierung von Kilian (2008), König/Weth (2004b) und dem Juraforum (2013), stellt sich heraus, dass alle innerhalb der Kernphasen eine Phase bestimmen, die mit der hier analysierten Themeneinführung korrespondiert. Das „Erzählen“ des Mandanten scheint also in allen Ratgebern der empfohlene Einstieg in das Mandantengespräch. Dies ist auch empirisch zu beobachten.

Erstaunlicherweise nennen nicht alle Autoren eine Nachfragephase durch den Anwalt, diese würde mit der hier ermittelten Themenexploration und -zuspitzung korrespondieren. Bei Kilian ist das anwaltliche Fragen sehr präsent als eigene Phase „Fragen“ markiert, König/Weth nennen zwar das Nachfragen des Anwalts an einer Stelle (König/Weth 2004b: 26), bei ihnen steht allerdings die Darstellung des Mandanten im Vordergrund. In der Darstellung des Juraforums fällt eine Nachfragephase des Anwalts ganz weg, hier wird nach der Darstellung des Sachverhalts durch den Mandanten sofort zur rechtlichen Klärung übergegangen (ebenso bei Klinge/Klinge 1998). Dieser Befund ist erstaunlich, da die Phase Themenexploration und -zuspitzung ausnahmslos in jedem Mandantengespräch des vorliegenden Korpus zu beobachten ist und darüber hinaus die wichtige Funktion der Zuspitzung und Fokussierung des Sachverhaltes für die institutionelle Bearbeitung enthält. Daher scheinen mir die Darstellungen, die diese Phase verkürzen oder gar weglassen, weder sinnvoll als Ratschlag, bedenkt man die Funktion der Phase im Bezug zum Zweck des Gesprächs, noch entsprechen sie der Realität eines anwaltlichen Erstgesprächs.

Eine rechtliche Klärungsphase hingegen ist bei allen Autoren vorgesehen. Dies ist einerseits mit ihrer Relevanz für das Mandantengespräch zu begründen, andererseits mit dem Fokus der Autoren der anwaltlichen Ratgeber, die selbst Juristen und zumeist Anwälte sind und entsprechend die Relevanz dieser Phase berücksichtigen. Wie hier gezeigt werden konnte, wird allerdings das Ergebnis der rechtlichen Begutachtung häufig nicht explizit und nicht ausführlich mitgeteilt (vgl. auch Kapitel 8). Die Ratgeber suggerieren bei ihren Beschreibungen dieser Phase aber eine Ausführlichkeit und Explizitheit im Handeln des Anwalts, die sich empirisch so nicht feststellen lassen. Ausführlichkeit und Explizitheit sind als Empfehlungen sicherlich zu unterstreichen, decken sich aber in vielen Fällen (noch) nicht mit der Gesprächsrealität. Darüber hinaus wird in keinem ← 160 | 161 → Ratgeber auf die Spezifika der verschiedenen Typen hingewiesen, die in dieser Phase eine wichtige Rolle spielen.

Unterschiede bestehen auch in Bezug auf die Zielklärung, die hier empirisch nicht als eigene Gesprächsphase ermittelt werden konnte. König/Weth unterscheiden zwischen dem Handlungsziel und dem Beratungsziel und stellen die Zielklärung an den Beginn des Mandantengesprächs (König/Weth 2004b: 15). Damit geben sie der Zielklärung eine sehr exponierte Position, später nehmen sie diese aber wieder etwas zurück, indem sie eine Klärung zu Beginn des Gesprächs hauptsächlich für das Beratungsziel empfehlen und das Klären des Handlungsziels erst der Lösungsphase zuordnen (König/Weth 2004b: 29f.). Das Juraforum (2013: 2) und Klinge/Klinge (1998: 26f.) empfehlen ebenfalls, das Ziel nach der rechtlichen Klärung zu besprechen. Diese Empfehlung erweist sich empirisch als unsinnig, da bereits die rechtliche Begutachtung maßgeblich auf dem Ziel des Mandanten aufbaut (vgl. Kapitel 8). Nur Kilian weist auf die Problematik hin, dass Mandanten gar nicht in der Lage sein werden, Ziele genau zu bestimmen, da sie nicht wissen, welche Ziele erreichbar sind (Kilian 2008: 32f.). Dies deckt sich mit den empirischen Befunden, dass Mandanten ihr Ziel meist vage oder implizit formulieren.

Die Phase Besprechen von (juristischen) Handlungsmöglichkeiten wird ebenfalls in allen Ratgebern genannt. Deutlich wird vor allem bei Kilian, dass die Phase der Lösungsentwicklung offenbar allein dem Anwalt obliegt (erkennbar an der Überschrift „Antworten“, an anderer Stelle ist die Rede davon, dass der Anwalt dem Mandanten „Vorschläge unterbreiten“ muss (Kilian 2008: 36). Hier unterscheiden sich die anderen Ratgeber, die explizit gemeinsam mit dem Mandanten Lösungen entwickeln. Wie sich empirisch gezeigt hat, lässt sich in der Praxis beides nur teilweise bestätigen. Grundsätzlich sind es die Beteiligten gemeinsam, die Lösungen besprechen, dennoch kommt dem Anwalt die maßgebliche Rolle zu, Handlungsmöglichkeiten einzubringen und vor allem auch, diese rechtlich zu bewerten. Auch hier ergeben sich Spezifika für die verschiedenen Typen, die in den Ratgebern nicht berücksichtigt werden.

Erstaunlich ist, dass das Besprechen der Kosten nur von Juraforum und Klinge/Klinge als eigene Phase gesehen wird, obwohl sich diese empirisch klar abgrenzen lässt. Kilian nennt das Besprechen der Kosten, ordnet es aber der Phase „Antworten“ unter, bei König/Weth spielt das Thema keine Rolle. Hier zeigt sich also eine große Spanne im Vergleich der Ratgeber, die die Ambiguität widerspiegelt, mit der das Thema häufig bearbeitet wird.

Die Phase Formalitäten abwickeln findet sich ebenfalls in den Ratgebern wenig. Kilian weist zwar auf die Notwendigkeit einer Vollmacht hin (Kilian 2008: 39), eine eigene Gesprächsphase sieht er dafür nicht vor. König/Weth ← 161 | 162 → nennen lediglich das Absichern der Ergebnisse durch Kontrakte (König/Weth 2004b: 38), gehen aber darauf nicht weiter ein. In den anderen Ratgebern werden die Formalitäten nicht erwähnt. Möglicherweise ist dies für Anwälte bereits keine Tätigkeit mehr, die sie als zum Erstgespräch gehörend zählen, worauf auch ihr geringes kommunikatives Engagement, das in dieser Phase empirisch zu beobachten ist, hindeutet.

Es findet sich in allen Ratgebern eine Schlussphase, die interessanterweise im Gegensatz zur Eröffnungsphase immer genannt wird und teils sehr expandiert wird. So empfiehlt das Juraforum ebenso wie Klinge/Klinge in der Schlussphase die Zusammenfassung der Ergebnisse zu diktieren (JuraForum 2013: 2), weiter werden hier in allen Ratgebern nächste Schritt besprochen und Aufgaben verteilt. Es wird also in allen Ratgebern davon ausgegangen, dass ein Problem bearbeitbar ist und es zu einer Beauftragung des Anwalts kommt. Auch hier werden verschiedene Typen nicht unterschieden.

Insgesamt sticht neben den genannten Punkten ein weiterer besonders hervor: Es fehlt sowohl in den Praxisratgebern als auch in der hier empirisch erarbeiteten Phasierung eine Phase der Akquise, also eine Phase, in der der Anwalt als Dienstleister sein weiteres Tätigwerden anbietet und er dafür vom Mandanten beauftragt wird bzw. werden will. Dies erstaunt, da doch das Resultat eines Erstgespräches häufig die anwaltliche Beauftragung ist. Dieses Fehlen als Phase soll allerdings nicht suggerieren, dass eine Akquisetätigkeit im Mandantengespräch nicht zu beobachten wäre – das Gegenteil ist der Fall. Dennoch lässt sie sich empirisch als Phase nicht herausarbeiten, was zum einen mit dem theoretischen Konzept der Phase in Verbindung steht, mit dem auf der sprachlichen Oberfläche voneinander abgrenzbare Einheiten als Phase bestimmt werden können. Zum anderen liegt hier aber auch eine Spezifik des Mandantengesprächs vor, die es aufgrund der verschiedenen Rollen des Anwalts, die er gleichzeitig ausfüllt, nicht notwendig macht, eine Akquisephase gesondert zu markieren (vgl. ausführlich dazu Kapitel 11).

13 In dieser Arbeit teilweise auch als „begutachtende Beratung“ abgekürzt.

14 In dieser Arbeit teilweise auch als „gestaltende Beratung“ abgekürzt.

15 In dieser Arbeit teilweise auch als „verwerfende Beratung“ abgekürzt.

16 Die grau unterlegten Zitate aus den Transkripten dienen der besseren Orientierung, teilweise sind aus Platzgründen nur die Anfänge der Äußerungen zititert, auf die Bezug genommen wird. In diesen Fällen finden sich hinter dem Zitat Auslassungspunkte (…). Mit dieser Schreibweise soll angezeigt werden, dass die betreffende Äußerung über den zitierten Teil hinausgeht, gleichzeitig soll so eine Verwechslung mit Abbrüchen innerhalb von transkribierten Äußerungen vermieden werden, die innerhalb der Zitate, ebenfalls mit Auslassungspunkten („…“) vermerkt wären.