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Das anwaltliche Mandantengespräch

Linguistische Ergebnisse zum sprachlichen Handeln von Anwalt und Mandant

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Ina Pick

Diese gesprächslinguistische Studie untersucht das anwaltliche Mandantengespräch auf einer breiten Datengrundlage authentischer Gesprächsaufnahmen aus unterschiedlichen Rechtsgebieten und arbeitet typische kommunikative Formen und Probleme heraus. Mandantengespräche gehören zum beruflichen Alltag der meisten Anwälte und Anwältinnen, die Gesprächsführung gilt zudem als eine juristische Schlüsselqualifikation. Mit einem theoretisch und methodisch mehrdimensionalen Zugang werden Gesprächsphasen, kommunikative Aufgaben und verschiedene zentrale sprachliche Handlungsmuster rekonstruiert und miteinander in Bezug gesetzt. Fragebögen und Interviews mit den Beteiligten sowie die Auswertung von Praxisliteratur aus Anwaltssicht ergänzen die Analysen im Sinne einer Angewandten Gesprächsforschung. Die Arbeit wurde mit dem «Förderpreis Sprache und Recht 2014 der Universität Regensburg», dem «Dissertationspreis 2014 der TU Dortmund» sowie dem «Peter-Lang-Nachwuchspreis – Geisteswissenschaften» ausgezeichnet.
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6 Das Handlungsschema anwaltlicher Erstgespräche

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6 Das Handlungsschema anwaltlicher Erstgespräche

6.1 Fragestellung und Ziel des Kapitels

Nachdem im vorigen Kapitel der Ablauf und die Phasen anwaltlicher Erstgespräche bestimmt sowie die verschiedenen Typen herausgearbeitet wurden, sollen in diesem Kapitel die kommunikativen Aufgaben der Beteiligten und damit das Handlungsschema für das anwaltliche Erstgespräch rekonstruiert werden.

Die Beschreibung des Gesprächs anhand kommunikativer Aufgaben gibt einen funktionalen Zugang zum Handeln der Beteiligten (vgl. auch Kapitel 4.3.2) und ist dazu geeignet, das gesamte sprachliche Handeln der Beteiligten innerhalb eines Gesprächstyps zu erfassen. Hier liegt im Gegensatz zur Beschreibung der Phasen ein detaillierteres und differenzierteres Beschreibungsinstrumentarium vor, das es erlaubt, die Dynamik des sprachlichen Handelns und seine Varianz zu beschreiben. Entsprechend ist nicht zu erwarten, dass sich alle Schemakomponenten mit den Phasen decken. Die beiden Phasen, bei denen dies zu erwarten ist, sind die Gesprächseröffnung und der Gesprächsabschluss. Denn hier liegen sowohl funktional vom restlichen Gesprächsgeschehen klar zu unterscheidende Schemakomponenten vor als auch auf der sprachlichen Oberfläche klar markierte selbständige Gesprächsphasen. Im Gesprächskern hingegen ist diese klare Zuordenbarkeit von Phasen und Schemakomponenten bereits nicht mehr gegeben, weshalb hier gerade die Beschreibung des Gesprächsgeschehens entlang dieser beiden Beschreibungsdimensionen aufschlussreich ist (vgl. Kapitel 12.2).

Auf der Basis der kommunikativen Aufgaben sollen verschiedene sprachliche Handlungsmuster rekonstruiert werden, die die Bearbeitung einzelner kommunikativer Aufgaben bzw. Aufgabenkomplexe in ihrer interaktionalen und mentalen Bearbeitung und den dafür zur Verfügung stehenden Formen als Handlungspotenziale beschreiben. Erst dieser mehrdimensionale Zugang und der Bezug der verschiedenen Beschreibungsdimensionen zueinander schafft wichtige Einblicke in ein tieferes Verständnis des Handelns im anwaltlichen Erstgespräch und trägt nicht zuletzt dazu bei, auch typische Problemstellen im Mandantengespräch aufzuspüren (vgl. Kapitel 12.2). Darüber hinaus wird mit diesem Vorgehen theoretisch und methodisch eine Verbindung zwischen kommunikativen Aufgaben und sprachlichen Handlungsmustern hergestellt, mit der Aufschlüsse über den Zusammenhang beider Beschreibungsdimensionen gewonnen werden können. ← 165 | 166 →

Neben der Verbindung kommunikativer Aufgaben mit den anderen innerhalb dieser Arbeit gewählten Beschreibungsdimensionen und deren Nutzen dient die Entwicklung des Handlungsschemas für das anwaltliche Erstgespräch auch dazu, das sprachliche Handeln hier mit jenem in anderen (Beratungs-)Gesprächen, für die bereits Handlungsschemata vorliegen, vergleichen zu können.

Folgende Fragen sind also in diesem Kapitel zu beantworten: Welche kommunikativen Aufgaben müssen die Beteiligten in einem anwaltlichen Erstgespräch bearbeiten? Zu welchen Schemakomponenten lassen sich diese Aufgaben jeweils zusammenfassen? Welchem Beteiligten ist die Bearbeitung welcher kommunikativer Aufgaben zugeordnet?

6.2 Entwicklung eines Handlungsschemas für das anwaltliche Erstgespräch

Als Ergebnis der empirischen Analysen konnten spezifische kommunikative Aufgaben ermittelt werden, die in diesem Kapitel anhand von Gesprächsausschnitten beschrieben werden. Eine sukzessive Entwicklung des Handlungsschemas entlang verschiedener Gespräche ist aufgrund der Materialfülle und -vielfalt im Rahmen der Darstellung in diesem Kapitel nicht möglich, daher muss und wird die vorliegende Beschreibung kommunikativer Aufgaben im anwaltlichen Erstgespräch eine ergebnisorientierte sein.

Bevor das Vorgehen bei der Entwicklung des Handlungsschemas und dessen Komponenten für das anwaltliche Erstgespräch beschrieben wird, soll zunächst ein Überblick über bestehende Handlungsschemata zu Beratungsgesprächen gegeben werden und diese aufeinander bezogen und gegeneinander gestellt werden, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzuzeigen und zu diskutieren (vgl. zur Definition von kommunikativen Aufgaben und dem methodischen Vorgehen bei der Analyse auch Kapitel 4.3.2). Denn gerade der Vergleich verschiedener Handlungsschemata zu Beratungsgesprächen gibt bereits wichtige Aufschlüsse über deren Entstehen und über den Einfluss interpretativer Spielräume, die zunächst offen gelegt werden müssen, um die Entstehung der Kategorien bei der Entwicklung des Handlungsschemas möglichst methodisch reflektiert gestalten zu können.

Für das Beraten entwickelt Kallmeyer (1985: 91) folgenden Bestand an kommunikativen Aufgaben: „Problempräsentation (RS); Entwicklung einer Problemsicht (RG); Festlegung des Bearbeitungsgegenstandes (RG + RS); Lösungsentwicklung (RG); Lösungsverarbeitung (RS); Vorbereiten der Realisierung (RS + RG)“ (für eine Übersicht über die Teilkomponenten vgl. Kallmeyer 1985: 92f.). Das folgende Handlungsschema stammt ebenfalls von ← 166 | 167 → Kallmeyer, wurde aber einige Jahre später publiziert (Kallmeyer 2000: 237f.) und leicht modifiziert:

Etablierung von Beratungsbedürftigkeit und Instanzeinsetzung

Problempräsentation

Entwicklung einer Problemsicht

Redefinition des Problems und Festlegung des Beratungsgegenstandes

Lösungsentwicklung

Verarbeiten des Lösungsangebots

Vorbereitung der Realisierung

Entlastung und Honorierung

Im Vergleich zum älteren Schema von 1985 fällt auf, dass die Zuordnung der Aufgaben zu den Beteiligten nicht mehr bei jeder Schemakomponente vorgenommen wird, obwohl Kallmeyer nach wie vor den Beteiligten die Aufgaben „im Sinne einer primären Zuständigkeit“ zuschreibt (Kallmeyer 2000: 237). Weiter wurde die Redefinition des Problems (2000) nicht mehr der Entwicklung einer Problemsicht, sondern der Festlegung des Beratungsgegenstandes zugeordnet. Dazu kommt, dass Kallmeyer (1985) die „Aufgabenstruktur der Problembearbeitung“ (ebd.) präsentiert und die Instanzeinsetzung sowie die Entlastung und Honorierung als „Aufgaben, die mit dem Kernschema verbunden sind“ (Kallmeyer 1985: 91) bezeichnet, diese aber nicht der Problembearbeitung, also dem Kern, zuordnet. Kallmeyer (2000) nimmt nun diese Komponenten in den „Bestand von Aufgaben auf, an denen sich die Beteiligten in Beratungssituationen orientieren“ (Kallmeyer 2000: 237) und diskutiert hier auch die Möglichkeit der institutionellen Vorstrukturierung, die er 1985 nicht (explizit) behandelt. Eben aufgrund dieser Besonderheiten, die sich gerade zu Gesprächsbeginn manifestieren, halte ich die Komponenten Eröffnung und Beendigung, denen Kallmeyer (Kallmeyer 1985: 91) nur „eine gewisse Affinität“ zur Instanzeinsetzung und Entlastung und Honorierung zuschreibt, für nicht verzichtbar. Ähnlich sehen dies Nothdurft/Reitemeier/Schröder, die die folgende Bestandteile einer „idealtypischen Abfolgestruktur“ für Beratungsgespräche (Nothdurft et al. 1994: 10) nennen:

Situationseröffnung mit Instanzeinsetzung

Problempräsentation

Entwicklung einer Problemsicht

Lösungsentwicklung und Lösungsverarbeitung

Situationsauflösung

Für seine Untersuchung zur Migrationsberatung verkürzt Reitemeier (2010: 125) dieses Ablaufschema weiter um die Komponente „Entwicklung einer Problemsicht“. ← 167 | 168 → Diese fällt hier ersatzlos und kommentarlos weg, die anderen Komponenten übernimmt er aber auch 2010, ebenso wie sie 1994 entwickelt wurden. Im Vergleich zum Handlungsschema Kallmeyers zeigen sich bei Nothdurft/Reitemeier/Schröder (1994) ähnliche Komponenten, die allerdings weniger stark ausdifferenziert werden. So fassen die Autoren die Instanzeinsetzung mit der Situationseröffnung zusammen, die bei Kallmeyer getrennt werden. Ebenfalls wird die Redefinition des Problems und das Festlegen des Beratungsgegenstandes bei Nothdurft/Reitemeier/Schröder (1994: 10) nicht als eigene Schemakomponente behandelt, sondern geht im Entwickeln einer Problemsicht auf. Darüber hinaus sind die Lösungsentwicklung und -verarbeitung zusammengefasst und die Vorbereitung der Realisierung wird nicht genannt. Mit der Situationsauflösung fällt die bei Kallmeyer eigenständige Entlastung und Honorierung zusammen.

Es zeigt sich also kein grundlegend anders beobachteter Aufbau von Beratungsgesprächen (zumal die Autoren sich an dem Projektbericht Kallmeyers orientieren, vgl. Nothdurft et al. 1994: 10), doch aber eine unterschiedliche Kategorisierung und Zusammenfassung des Geschehens. Neben der Frage, welche Bestandteile zur Gesprächseröffnung und zum -abschluss gehören, ist interessant, dass und wie sich die Verteilung und Zusammensetzung der anderen kommunikativen Aufgaben in den beiden Handlungsschemata unterscheiden. Hier fällt auf, dass die Komponente Redefinition des Problems, die auch Kallmeyer (2000: 237) als „nur teilweise […] manifeste[n] Schritt“ und häufig „anhand der ersten Schritte der Lösungsentwicklung erschließbar“ beschreibt, keine eigene Komponente des Handlungsschemas bei Nothdurft/Reitemeier/Schröder (1994) darstellt, ebenso wie bei Kallmeyer (1985: 91f.).

An diesem Beispiel lassen sich zwei generelle Schwierigkeiten bei der Erstellung von Handlungsschemata zeigen. Zum einen stellt sich die Frage, welche kommunikativen Aufgaben zu Schemakomponenten werden (können), gerade wenn ihre Realisierung nicht immer manifest beobachtbar ist. Zum anderen die Frage – und dies trifft dann die Fälle, in denen sie nicht als eigene Komponenten behandelt werden – welchen Komponenten werden sie dann als Teilaufgaben zugeordnet?

Ähnliches lässt sich für die Lösungsentwicklung und -verarbeitung konstatieren: Wo Kallmeyer drei eigenständige Aufgaben feststellt (die beiden genannten und die Vorbereitung der Realisierung), nehmen Nothdurft/Reitemeier/ Schröder eine an (Lösungsentwicklung und Lösungsverarbeitung). Hier zeigt sich bei Norhdurft/Reitemeier/Schröder m. E. stärker die Orientierung an einer Phasierung entlang der Gesprächsoberfläche eines Beratungsgesprächs, weil gerade die Lösungsentwicklung und die -verarbeitung in einem schleifenbildenden Teil des Beratungsgesprächs stattfinden, die als eigene ← 168 | 169 → Aufgaben zwar analytisch zu trennen sind, sich aber nicht als eigene Phasen manifestieren. „Typischerweise reagiert RS im Verlauf der Lösungsentwicklung mit Verarbeitungsmanifestationen wie Ergänzungen zur Problemdarstellung oder Hinweisen auf Akzeptationskriterien“ (Kallmeyer 2000: 238). Dennoch finden sich hier – und da folge ich der Darstellung Kallmeyers – verschiedene kommunikative Aufgaben, die trotz der Verwicklung auf der sprachlichen Oberfläche für die Analyse sinnvollerweise getrennt werden sollten. Dazu kommt, dass auch die Zuordnung der Aufgaben zu einem der Beteiligten (vgl. Kallmeyer 2000, stärker noch Kallmeyer 1985) sinnvollerweise zu einer Trennung der Aufgaben Lösungsentwicklung und -verarbeitung führen muss.

Wie sich bereits aus dem Vergleich der bestehenden Handlungsschemata ergibt, ist die Zuordnung kommunikativer Aufgaben zu Schemakomponenten nicht immer eindeutig. Ich bezeichne jene Bündel an kommunikativen Aufgaben als Schemakomponenten, die sich funktional zu einem gemeinsam zu bearbeitenden Aufgabenkomplex zusammenfassen lassen (vgl. auch Kallmeyer 2000, der von einem „Bestand von Handlungsaufgaben“ Kallmeyer 2000: 237 spricht, die er „Komponenten“ zuordnet Kallmeyer 2000: 238). Entsprechend bezeichne ich jene funktionalen Einheiten als Schemakomponenten, die der Bearbeitung durch beide Beteiligten gemeinsam zugeordnet werden.17 Diesen Schemakomponenten ordne ich jeweils kommunikative Aufgaben zu, für deren Bearbeitung differenziert die einzelnen Beteiligten genannt werden. Diese kommunikativen Aufgaben könnten noch weiter in Teilaufgaben zerlegt werden, die dann aber entweder thematisch differenzieren würden (vgl. z. B. Pothmann 1997: 79, der als Teilaufgaben Schuhtypwahl, Farbwahl oder Fabrikatwahl angibt) oder verschiedene Realisierungsformen (z. B. die Form der Eröffnungsinitiative etc.) unterscheiden würde, was m. E. nicht mehr den Kern des theoretischen Konzepts einer kommunikativen (Teil-)Aufgabe trifft. Diese verschiedenen sprachlichen Realisierungsformen einzelner kommunikati ver Aufgaben können hier nicht systematisch aufgeführt werden, es werden aber in Verbindung mit der Beschreibung der Aufgaben jeweils auch verschiedene Realisierungsformen genannt, deren Liste aber nicht als abschließend zu betrachten ist. Die Realisierungen der kommunikativen Aufgaben als sprachliche ← 169 | 170 → Handlungsmuster und damit ihre interaktionale Bearbeitung wird in den entsprechenden Kapiteln in Teil C3 beschrieben.

Das Handlungsschema zum anwaltlichen Erstgespräch ist auf der Basis eines zyklischen Analyseprozesses entstanden, indem zunächst in kritischer Reflexion bekannte Handlungsschemata zu Beratungsgesprächen und drei Gespräche aus dem untersuchten Korpus (je eines pro Typ, vgl. Kapitel 5.2) miteinander konfrontiert wurden und so ein erster Entwurf kommunikativer Aufgaben entwickelt wurde. Dieser wurde dann mit weiteren Gesprächen konfrontiert, ergänzt und immer wieder verändert, bis damit entsprechend das Geschehen in den Gesprächen so abstrahieren werden konnte, dass auch „neue“ Gespräche sich problemlos mit diesen Schemakomponenten beschreiben ließen. Damit war der angestrebte Grad an theoretischer Sättigung erreicht. Gleichzeitig ist das Handlungsschema nun entsprechend auf der einen Seite so abstrakt wie nötig, dass es alle bisher von mir untersuchten Gespräche abbilden kann und auf der anderen Seite so differenziert wie möglich, um alle Spezifika des anwaltlichen Erstgesprächs herausstellen zu können.

Ein Gesamtüberblick über alle Komponenten mit den ihnen zugeordneten kommunikativen Aufgaben findet sich zusammenfassend am Ende des Kapitels. Hier wird nun zunächst ein Überblick über die für das anwaltliche Erstgespräch rekonstruierten Schemakomponenten gegeben (Abb. 6), die in der Folge mit den kommunikativen Aufgaben der Beteiligten weiter ausdifferenziert und anhand von Gesprächsausschnitten belegt werden.

Abb. 6: Schemakomponenten des anwaltlichen Erstgesprächs

Gesprächseröffnung (A+M)

Sachverhaltsklärung (A+M)

Ziel- und Auftragsklärung (A+M)

Begutachtung der Lage des Mandanten (A)

Wissens(v)ermittlung (A+M)

Handlungsmöglichkeiten entwerfen (A+M)

Verarbeitung der Lage in der Rechtswelt und der Handlungsmöglichkeiten (M+A)

(Ver-)Kaufen der Handlungsumsetzung (A+M)

Gesprächsabschluss (A+M)

6.3 Kommunikative Aufgaben im anwaltlichen Erstgespräch

6.3.1 Gesprächseröffnung

Der Gesprächseröffnung geht in den anwaltlichen Mandantengesprächen – ebenso wie in den meisten anderen institutionellen Gesprächen – bereits ein Kontakt mit ← 170 | 171 → der Institution voraus, weil Klienten Termine vereinbaren oder bereits Unterlagen geschickt haben. Dies hat einen Einfluss auf die kommunikativen Aufgaben in der Gesprächseröffnung, denn die Beteiligten können sich bereits im Vorfeld auf eine bestimmte kommende Situation einstellen. Wie der Patient auf dem Weg zum Arzt sein „Patient-Sein“ beginnt (Lorenza/Schmitt 2010: 15), so beginnt der Mandant sein Mandant-Sein und „wechselseitig unbekannte Personen [werden dabei] in unbekannte-aber-kontextuell-identifizierbare Personen transformiert“ (Bergmann 1980 zit.n. Reitemeier 1994: 233). Entsprechend ist die Etablierung von Beratungsbedürftigkeit und Instanzeinsetzung (Kallmeyer 2000: 237) zwar für das Zustandekommen des Mandantengesprächs grundlegend, diese Aufgabe ist aber bereits vor dem ersten face-to-face-Kontakt zwischen Anwalt und Mandant bearbeitet worden.18 Auch Kallmeyer beschreibt, dass „abhängig von der Einbettung in ein Beratungsverhältnis“ eine Abkürzung dieser Aufgabe möglich ist (Kallmeyer 2000: 237). Die Bezeichnung Gesprächseröffnung ist hier mit der Bezeichnung der Phase (vgl. Kapitel 5) identisch. Entsprechendes gilt für den Gesprächsabschluss. Die identische Bezeichnung für Phase und Schemakomponente wurde an dieser Stelle gewählt, da die Bearbeitung der kommunikativen Aufgaben von Gesprächseröffnung und Gesprächsabschluss sich in den ebenso benannten Phasen finden. In den anderen Phasen kann hingegen nicht immer genau die Bearbeitung bestimmter Schemakomponenten beobachtet werden (vgl. Kapitel 12.2), weshalb hier die Bezeichnungen von Phasen und Schemakomponenten divergieren.

Im anwaltlichen Erstgespräch als institutionelle Beratungssituation stellen sich den Beteiligten folgende kommunikative Aufgaben in der Gesprächseröffnung:

Gesprächseröffnung (A+M)

Begrüßung und Gesprächskontakt herstellen (A+M)

Situieren (A)

Eröffnungsinitiative verbalisieren (A)

Begrüßung und Gesprächskontakt herstellen sind als Aufgaben grundlegend für den Beginn einer Interaktion, vor allem zur Etablierung der Rollen und der Beziehung. Sie dient der Herstellung der Interaktionsbeziehung sowie dem gegenseitigen Signalisieren der Gesprächsbereitschaft (Spranz-Fogasy 2005: 21). ← 171 | 172 → In den meisten Aufnahmen wir das Aufnahmegerät erst danach eingeschaltet, weil hier zunächst das Einverständnis für die Aufnahme eingeholt werden musste und das Gerät erst nach Einwilligung des Mandanten eingeschaltet werden konnte. Dazu kommt, dass es nicht unüblich ist, dass Anwälte ihre Mandanten persönlich im Wartezimmer abholen und in das Besprechungszimmer oder ihr Büro bitten.

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In diesem Beispiel ist auch das Situieren (vgl. Nowak 2010: 233, von Nowak als Situierung bezeichnet) zu beobachten, das sich vor allem auf die Positionierung der Teilnehmenden im Raum oder die Verbalisierung der Rahmenbedingungen (Notizen durch den Anwalt, Aufnahmegerät etc.) bezieht, die aber auch „die grundlegende Öffnung des Gesprächs […] bzw. das emotionale Willkommen-Heißen“ (ebd.) beinhaltet und somit für den Aufbau der Beziehung eine ← 172 | 173 → entscheidende Rolle spielt. Hier werden auch die sozialen Rollen der Beteiligten in Bezug zueinander gesetzt und aktualisiert.

Das Situieren im Sinne einer Positionierung der Beteiligten findet im Beispiel MP_XF_1 in Fl. 1f. statt, die Mandantin wird gebeten Platz zu nehmen. Durch die kurze Rückfrage (Fl. 2 „Egal wo?“) zeigt die Mandantin an, dass Sie sich als Gast und Klientin den etwaigen Vorgaben des Anwalts unterordnet. Darüber hinaus ist in diesem Beispiel zu beobachten, dass der Anwalt die Mandantin über eine mögliche Störung des Gesprächs informiert (Fl. 2ff.), was ebenfalls als Teil des Situierens zu interpretieren ist, da hier die Rahmenbedingungen verbal oder durch die räumlichen Gegebenheiten festgelegt werden. Hier ist es aufgrund seiner Rolle der Anwalt, der sowohl von der Mandantin gefragt wird, wo sie Platz nehmen soll, als auch selbst die vorauszusehende Störung im Gespräch ankündigt. Das hier zu beobachtende Situieren schafft allerdings weder ein emotionales Willkommen-Heißen oder eine grundlegende Öffnung für das Gespräch, wenn man die Überraschung oder Dispräferenz markierende tonale Struktur der Hörerrückmeldung der Mandantin beachtet (Fl. 7).

Ein anderes Beispiel für ein Situieren findet sich auch im folgenden Ausschnitt.

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Obwohl Anwalt und Mandant das Situieren gemeinsam vollziehen, ist diese Aufgabe dem Anwalt als vorrangigem Bearbeiter zugeordnet. Der Grund ist, dass Mandanten hier in der Regel keine Mitbestimmung in Anspruch nehmen, anders als z. B. im Coaching (vgl. Graf In Vorb.), wo Klienten sich teilweise stark ← 173 | 174 → am Situieren beteiligen. Dies zeigt einmal mehr die große Verantwortung des Anwalts bei der Bearbeitung dieser Aufgabe.

Eine weitere kommunikative Aufgabe, die vor allem aufgrund der Institutionalität und der damit verbundenen sozialen Rollen besteht, ist die Eröffnungsinitiative durch den Anwalt. Die Eröffnungsinitiative dient der Hinführung zur Sachverhaltsklärung und somit dem Ausstieg aus der Gesprächseröffnung.19 Besonders der Grad ihrer Offenheit wird als grundlegend dafür eingeschätzt, ob und wie ausführlich das Anliegen der Klienten zur Sprache kommen kann (Nowak 2010: 242).

Als eine Möglichkeit, die Eröffnungsinitiative kommunikativ einzuleiten, lässt sich im Mandantengespräch eine vorgreifende Thematisierung durch den Anwalt beobachten. Denn Anwälte sind zumindest oberflächlich oder stichwortartig über das Thema des Klienten informiert, da sie zuvor teilweise selbst mit dem Mandanten telefoniert haben oder auf eine Telefonnotiz ihrer Mitarbeiter zurückgreifen können. Vorgreifende Thematisierung ist als Terminus abgeleitet von „vorgreifende Typisierung“ (Becker-Mrotzek/Brünner 2007: 668) des Themas durch den Klienten bei der Anliegensformulierung. Vorgreifende Thematisierung bezeichnet das Einführen des Themas des Mandanten noch in der Gesprächseröffnung durch den Anwalt (vgl. im folgenden Beispiel IP_IG_1 Fl. 2–7).

Ähnlich der vorgreifenden Thematisierung wird in medizinischen Anamnesegesprächen eine Eröffnungsinitiative als Entscheidungsfrage beobachtet (Spranz-Fogasy 2005: 25). Hier führt der Arzt durch eine Vermutung oder Vorinformation das Thema des Patienten mit seinem Eröffnungszug ein, z. B „Sie kommen wegen Ihrer Rückenbeschwerden?“ (a.a.O.: 26). Für das Erstgespräch beim Anwalt kann eine vorgreifende Thematisierung nicht als eigene kommunikative Aufgabe klassifiziert werden, da sie für die Eröffnung des Gesprächs nicht konstitutiv ist und auch ohne negative Folgen weggelassen werden kann (und in vielen Gesprächen auch weggelassen wird). Daher betrachte ich die vorgreifende Thematisierung als Erweiterung der Eröffnungsinitiative, da diese auch neben der vorgreifenden Thematisierung realisiert wird oder aber durch diese ersetzt wird. ← 174 | 175 →

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Die vorgreifende Thematisierung hat zwei Hauptfunktionen für das Gespräch. Zum einen schafft sie die Brücke zwischen zwei sich nur in ihren Rollen bekannten Personen, von denen eine, der Mandant, aber bereits Kontakt mit der Kanzlei und damit ja indirekt bereits mit dem Anwalt hatte, und hier schon Informationen über das zu besprechende Thema gegeben hat. Damit wird einerseits das gemeinsame Wissen aktualisiert, andererseits kann so demonstriert werden, dass der Informationsfluss in der Kanzlei funktioniert, was für die eventuell künftige Weiterarbeit Vertrauen schaffen kann. Die zweite Funktion ist, dass der Anwalt mit der vorgreifenden Thematisierung die folgende Sachverhaltsdarstellung des Mandanten vorbereiten kann, die er teilweise in Verbindung mit der Eröffnungsinitiative kommunikativ anfordert. Dadurch dass er bereits früh die Stichworte nennt, kann er nicht nur die thematische Richtung angeben, sondern kann darüber hinaus anzeigen, dass im Kern bei der folgenden Besprechung eine sachliche Darstellung gefragt ist und kann so den Mandanten bereits auf das Kommende einstimmen.

Problematisch kann dieses Verfahren allerdings werden, wenn der Anwalt die vorgreifende Thematisierung überstrapaziert und damit selbst eine Darstellung des Sachverhalts vornimmt, ohne den Mandanten einzubeziehen. Das folgende Beispiel aus dem Beamtenrecht zeigt eine vorgreifende Thematisierung, die durch den Anwalt dysfunktionalisiert verwendet wird.

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Insgesamt kann die Eröffnungsinitiative mit verschiedenen sprachlichen Mitteln realisiert werden (vgl. Spranz-Fogasy 2005: 26). Einige Beispiele finden sich in den hier untersuchten Transkripten: als eine inhaltliche Aufforderung (IP_IG_1 Fl. 7 „Da helfen Sie mir am besten“) oder als eine implizite Aufforderung mittels vorgreifender Thematisierung (BT_TD_1Fl. 4f. …„aber ääh viel mehr erinner ich auch nicht“). In anderen Gesprächen finden sich auch offene Fragen (QP_GV_1 „Frau Klaus, was kann ich für Sie tun?“), inhaltliche Fragen (BT_KV_1 „Gut. Was • • • machen Sie da und was ist das Problem?“) oder ein verbales Sich-zur-Verfügung-Stellen (SO_EV_1 „Okay ((1s)) legen Sie los. Sprechen Sie quasi ganz frei und unbefangen, ja?“).

Neben den genannten kommunikativen Aufgaben findet sich in der Literatur zur Arzt-Patient-Kommunikation häufig ein Hinweis auf eine weitere Aufgabe, die globale Orientierung über den Gesprächsverlauf (vgl. Nowak 2010: 233; Lalouschek 2009: 152, 2005b: 62). Eine globale Orientierung würde – wenn sie vollständig ausgeführt wäre – einen Überblick über Zweck und Verlauf des gesamten Gesprächs sowie über die kommunikativen Erwartungen geben und sich damit „ganz unmittelbar in der ‚Ökonomisierung‘ des Gesprächsverlaufs nieder[schlagen]“ (Lalouschek 2005b: 63). Da sich aber in keinem der untersuchten Mandantengespräche eine globale Orientierung beobachten lässt, muss davon ausgegangen werden, dass sie als kommunikative Aufgabe für das anwaltliche Erstgespräch nicht konstitutiv ist, auch wenn sie im Sinne der Gesprächsökonomie sicherlich sinnvoll zu ergänzen wäre.

6.3.2 Sachverhaltsklärung

Mit der Eröffnungsinitiative wird die Sachverhaltsklärung eingeleitet. Der Terminus Sachverhaltsklärung ist in Anlehnung an den juristischen Begriff „Sachverhaltsaufklärung“ (Kilian 2008: 11f.), der die Ermittlung des Sachverhalts ← 178 | 179 → im Erstgespräch bezeichnet, und an die „Anliegensklärung“ (Becker-Mrotzek/Brünner 2007) gebildet worden. Im anwaltlichen Erstgespräch kann der Sachverhalt allerdings einerseits meist noch nicht vollständig aufgeklärt werden, wenn nicht alle Informationen oder Unterlagen bereits vorliegen, andererseits findet hier aber auch umgekehrt eine Klärung statt, welche Teile davon überhaupt in die juristische Bearbeitung eingehen (können).

Die Schemakomponente Sachverhaltsklärung besteht aus folgenden kommunikativen Aufgaben der Beteiligten:

Sachverhaltsklärung (A+M)

Sachverhalt einbringen (M)

Unterlagen einbringen (M)

Unterlagen und daraus gewonnene Informationen integrieren (A)

(Fehlende) Sachverhaltsbestandteile ermitteln (A)

Bearbeitungsstand in der Rechtswelt ermitteln (A)

Beweise sichern (A)

Das Einbringen des Sachverhalts ist aus vielen Untersuchungen institutioneller Kommunikation bekannt. Vor allem für das Darstellen und Ermitteln von Beschwerden bzw. der Anamnese oder Exploration des Problems in der Arzt-Patient-Kommunikation liegen zahlreiche Untersuchungen vor (Nowak 2010; Menz et al. 2008; Lalouschek 2002b; Löning 2001; Rehbein 1993; Rehbein/Löning 1995), zur Sachverhaltsdarstellung des Mandanten im anwaltlichen Erstgespräch vgl. ausführlich Kapitel 7). Das folgende Beispiel zeigt den Beginn des Einbringens des Sachverhalts

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Wenngleich Kallmeyer (2000) sowie Nothdurft/Reitemeier/Schröder (1994) in diesem Zusammenhang von Problempräsentation sprechen, scheint diese Bezeichnung für die Mandantengespräche weniger zutreffend. Der Mandant formuliert zwar auch während der Sachverhaltsklärung in der Regel sein Problem (vgl. Kapitel 7), er wird darüber hinaus aber auch andere Komponenten seines Sachverhalts verbalisieren. Gleiches gilt für den Anwalt, der ebenfalls nicht mit der Problemdarstellung allein arbeiten kann. Vielmehr benötigt auch er den Sachverhalt, also auch Umstände, weitere Beteiligte und vor allem das Ziel, um daraus eine zu bearbeitende Fragestellung entwickeln zu können (vgl. Kapitel 8). Entsprechend ist es für anwaltliche Erstgespräche hier treffender von einer Sachverhaltsklärung als von einer Problempräsentation zu sprechen. Es wird also insgesamt stärker neben der Präsentation eines Problems auch auf die Darstellung der Lage des Mandanten und eine Gesamtbetrachtung des Sachverhalts abgezielt.

Betrachtet man in diesem Zusammenhang die Vorbereitung der Anwälte auf diese Schemakomponente durch das Studium, so ist festzustellen, dass universitäre Klausuren in der Ausbildung der Juristen in aller Regel auf einem bereits aufgeklärten Sachverhalt aufbauen. Gründe dafür sind wohl zum einen die Orientierung des Studiums am Richteramt (Gerichte müssen häufig zur Aufklärung des Sachverhalts nicht beitragen: Beibringungs- oder auch Dispositionsmaxime im Zivilprozess, aber Offizialprinzip im Strafrecht, vgl. Creifelds/Weber 2007: 846; 1244). Zum anderen liegt der Schwerpunkt des Studiums nach wie vor auf der juristischen Falllösung oder -begutachtung, die aufbauend auf einem vorgegebenen Sachverhalt in den meisten Fällen Prüfungsgegenstand ist. Diese universitäre Vorbereitung scheint also die kommunikative Realität nicht abzubilden, die die angehenden Anwälte im Mandantengespräch erwartet.

Im Mandantengespräch ist es nicht unüblich, dass oft bereits beim ersten Gespräch Unterlagen vorliegen, die Mandanten in der Regel mitbringen oder dem Anwalt im Vorfeld zuschicken. Diese dienen dem Anwalt als wichtige und aufschlussreiche Quelle über den Sachverhalt, da er sich hier einen Überblick über den Bearbeitungsstand in der Rechtswelt verschaffen kann, belastbare bzw. beweisbare Aussagen vorfindet, er sich ein Bild der Haltung und Sichtweise der Gegenseite machen kann oder er wichtige Informationen schnell und ← 180 | 181 → zielgerichtet herausgreifen kann (z.B. IP_AJ_1 „((1,3s)) Ähm also ich weiß nicht wie Sie das wahrgenommen haben. Aber ich • kenn solche Schreiben auch aus anderen Akten. • • Und • • ich weiß, dass das ein böses Wort ist, aber • ähm ((1s)) solche Schreiben bekommen in der Regel Adressaten, die von der Verwaltung als Querulanten wahrgenommen werden“). Daher ist es sowohl Aufgabe des Anwalts als auch des Mandanten, die mitgebrachten Unterlagen kommunikativ einzubinden. Für den Mandanten besteht die Aufgabe darin, eine Verbindung zwischen dem verbal dargestellten Sachverhalt und den Unterlagen, die z. T. eine lange Chronologie aufzeigen, herzustellen. Diese Aufgabe bezieht sich im Gegensatz zu Sachverhalt einbringen auf sprachliche Handlungen, die den Transfer von Inhalten schriftlicher Dokumenter im Rahmen der mündlichen Gesprächssukzession gewährleisten. Der Anwalt hingegen hat die Aufgabe, die Unterlagen sowie die daraus gewonnenen Informationen in das weitere Gespräch zu integrieren. Das kann bis hin zum (Teil-)Revidieren der Sichtweise des Mandanten auf den Sachverhalt führen.

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Beim Ermitteln (fehlender) SV-Bestandteile, einer kommunikativen Aufgabe, die dem Anwalt zukommt, werden die vom Mandanten noch nicht genannten Informationen zu seinem Sachverhalt, die dem Anwalt aber für das Verständnis und die weitere Bearbeitung noch fehlen, ermittelt. Dabei zeigen sich in der Regel die institutionellen Relevantsetzungen (z. B. Fristen) und das professionelle Wissen des Anwalts, auf dessen Basis die Ermittlung stattfindet (vgl. Kapitel 8.3).

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Fehlende Sachverhaltsbestandteile zu ermitteln kann aber nicht nur durch Fragen realisiert werden, sondern wird auch in anderer Form verbalisiert oder ohne Verbalisierung mental bewerkstelligt und ist dann unter dem Stichwort (aktives) Zuhören bekannt (Spranz-Fogasy 2005: 27ff.). Nowak (Nowak 2010: 252f.) nennt unter der Bezeichnung (Nicht-)Zuhören verschiedene Möglichkeiten wie Rück- meldesignale, begleitende Kommentare oder Nachfragen (vgl. auch die Formen der unterstützenden Unterbrechungen Menz et al. 2008: 146). Das aktive Zuhören ist auch in der Praxisliteratur empfohlen (Kilian 2008: 30; König/Weth 2004a: 25).

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Eine weitere Aufgabe des Anwalts ist es, den Bearbeitungsstand in der Rechtswelt zu ermitteln. Diese Aufgabe bewerkstelligen Anwälte in der Regel durch die Durchsicht der Unterlagen oder durch das Erfragen des Standes der Bearbeitung. Damit schaffen sie eine wichtige Voraussetzung dafür, den Fall weiterbearbeiten zu können und nicht einerseits Schritte zu wiederholen und andererseits wichtige Sachverhaltsbestandteile (wie z. B. ein bereits ergangenes Urteil oder Schreiben) zu vernachlässigen.

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Eine Besonderheit ist, dass Informationen für die Bearbeitung im juristischen System in der Regel nur dann von Bedeutung sind, wenn sie beweisbar sind. Entsprechend ist es eine weitere kommunikative Aufgabe des Anwalts, Beweise zu sichern. Im Mandantengespräch lassen sich verschiedenste Formen der Beweissicherung beobachten: Die Mandanten werden zur Archivierung der Unterlagen angehalten (BT_TD), in aller Regel kopieren aber auch Anwälte relevante Unterlagen (FO_GP), es werden Zeugen gesucht (QB_NB, hier nicht als Beispiel), es wird überlegt, wie man Behauptungen belegen kann (GS_KV, hier nicht als Beispiel), es werden Zeugen bereits im Mandantengespräch angeschrieben und um eine Bestätigung des Sachverhalts gebeten (BT_TD, hier nicht als Beispiel ) etc.

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Beim Sichern der Beweise können Probleme auftreten, weil Mandanten einerseits die Wichtigkeit von Beweisen in der Rechtswelt nicht bewusst ist oder weil sie keine Notwendigkeit sehen, Dinge zu beweisen, die sie selbst erlebt haben. Dies zeigt das folgende Beispiel.

Zu Beginn des Gesprächs bei der Sachverhaltsklärung:

A:
• • Haben Sie ihr • in bar gegeben?

M: In bar.

A: Und dieses Büchlein oder die Quittung haben Sie das noch?

M: • • Das müsste normalerweise meine Tante haben, bei den Papieren. Die hat nämlich sämtliche Unterla/äh Unterlagen von meiner Mutter mitgeholt.

A: Das heißt also jetzt • direkt nen Beweis, dass sie s bekommen hat, haben Sie in schriftlicher Form nicht.

M: Anders nicht.

Gegen Ende des Gesprächs:

A:
Sie verstehen mich nicht, oder wollen mich nicht verstehen.

M: ((lacht))

A: Wir müssen doch beweisen, • • dass es zurück gegangen ist.

M: Jaja.

GS_KV_1: Scheitern des Sicherns von Beweisen (vereinfachte Darstellung des Transkripts)

In diesem Beispiel bemerkt der Anwalt schon relativ früh, dass Beweise für den vom Mandanten eingebrachten Sachverhalt notwendig werden, und erfragt, inwiefern diese vorliegen. Allerdings gelingt es dem Anwalt im gesamten Gespräch nicht, den Mandanten darüber angemessen aufzuklären und ihn zur Mitarbeit zu bewegen. Denn noch kurz vor Ende des Gesprächs wird deutlich, dass der Mandant noch immer davon ausgeht, der Sachverhalt sei nicht strittig. Dies scheint ein häufiges Problem zu sein, wie der teilnehmende Anwalt im Fragebogen zu diesem Gespräch mitteilt, vgl. auch Klinge/Klinge (1998: 54ff.).

6.3.3 Ziel- und Auftragsklärung

Die Schemakomponente Ziel- und Auftragsklärung bildet einen wichtigen Kern für die inhaltliche Sachverhaltsbearbeitung (vgl. Kilian 2008: 4f.), dennoch ist sie eine der Schemakomponenten, deren kommunikative Aufgaben typischerweise implizit oder verkürzt bearbeitet werden (vgl. Kapitel 5). Dazu kommt, dass sie besonders problemanfällig zu sein scheint. Die kommunikativen Aufgaben dieser Schemakomponente sind:

Ziel- und Auftragsklärung (A+M)

Gesprächsziel darstellen (M)

Auftrag für das Gespräch klären (A)

Handlungsziel darstellen (M)

Handlungsziel ermitteln (A)

Weitere mögliche Handlungsziele einbringen (A) ← 186 | 187 →

Die Schemakomponente Ziel- und Auftragsklärung findet sich in der Literatur unter dem Begriff Anliegensklärung (Becker-Mrotzek/Brünner 2007). Dass diese Bezeichnung für das anwaltliche Mandantengespräch nicht passend zu adaptieren ist, habe ich in (Pick 2010) und (Pick 2009a) dargelegt. Entsprechend wähle ich für die Bezeichnung dieser Schemakomponente die Bestandteile, die auch im Begriff Anliegen enthalten sind: das Ziel und der Auftrag.

Eine kommunikative Aufgabe des Mandanten ist es, sein Gesprächsziel darzustellen. Damit legt er fest, was er gemeinsam mit dem Anwalt im Rahmen des Mandantengesprächs bearbeiten oder erreichen möchte.

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Korrespondierend damit besteht die Aufgabe des Anwalts darin, den Auftrag für das Gespräch zu klären, denn genau das Gesprächsziel des Mandanten ist sein Auftrag für das Gespräch. Das Klären des Auftrags bietet den Vorteil, dass am Ende des Gesprächs die Überprüfung des Erreichens des Ziels leichter fällt und die Beteiligten so auch das Gespräch evaluieren könn(t)en, was allerdings in keinem der untersuchten Gespräche zu beobachten ist.

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Neben dem Gesprächsziel muss ebenfalls das Handlungsziel im Erstgespräch geklärt werden. Es kann entweder vom Mandanten dargestellt oder vom Anwalt ermittelt werden. Das Handlungsziel kann in der Regel nicht bereits zu Beginn des Gesprächs geklärt werden, da sich das Handlungsziel unter anderem erst aus den Informationen im Gespräch ergeben soll. Denn das Handlungsziel legt fest, was in der Sache das Ergebnis sein sollte. Während das Gesprächsziel bereits möglichst früh geklärt wird bzw. geklärt werden kann, kann das Handlungsziel an mehreren Stellen im Gespräch thematisiert werden und sich sogar über die Dauer des gesamten Gesprächs verändern. Auch wenn dies der Fall ist, kommen Mandanten bereits mit einem Handlungsziel in das Gespräch, das sie unabhängig von einer juristischen Bearbeitungsmöglichkeit auch bereits zu Beginn benennen können und das ebenfalls bereits früh vom Anwalt ermittelt werden kann. Damit ist das Handlungsziel des Mandanten zum einen dem Gespräch vorgängig, es kann sich aber im Laufe des Gesprächs verändern, sodass es gleichzeitig Resultat des Gesprächs sein kann.

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Neben dem Ermitteln der Ziele des Mandanten ist es auch die Aufgabe des Anwalts, weitere mögliche Handlungsziele einzubringen, die juristisch erreichbar wären oder vom Anwalt als sinnvoll erachtet werden, die der Mandant aus seiner Perspektive aber noch nicht ins Blickfeld genommen hat.

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Diese Schemakomponente weist verschiedene typische Probleme bei ihrer Bearbeitung auf, die in der Folge beschrieben werden sollen.

Das Einbringen weiterer möglicher Handlungsziele wird kommunikativ nicht immer klar vom Ermitteln der Ziele des Mandanten getrennt. Dieses Vorgehen birgt die Gefahr, dem Mandanten Ziele ‚in den Mund zu legen‘. Dies ist im folgenden Beispiel der Fall.

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Weiter ist es im anwaltlichen Erstgespräch typischerweise zu beobachten, dass die kommunikativen Aufgaben der Ziel- und Auftragsklärung nur vage oder unvollständig kommunikativ bearbeitet werden. Häufig verwenden Mandanten für die Darstellung ihrer Ziele Formen von Anliegensübertragungen (vgl. Pick 2010) wie „• • Äähm • • ja und äh warum ich da bin, ich würde mich einfach mal gern beraten lassen, ähm wie ich vorgehen soll.“ (LO_MB_1), „((1,3s)) Also ich komm alleine nicht mehr klar, dat is…“ (IP_OF_1), „Ääh: „Jetzt nehmen wir einfach mal • ne anwaltliche Beratung in Anspruch, um • • für uns • • n paar offene Fragen zu klären ((ea)) und einfach zu kucken, • äh • ja wie kommen wir aus der Kiste wieder raus?“.“ (SO_EV_1). Damit wird weder zwischen Gesprächs- und Handlungsziel ← 190 | 191 → differenziert, noch werden die Ziele inhaltlich deutlich. Häufig werden die Ziele dann im Anschluss nicht von den Anwälten ermittelt, sondern es werden Ziele angenommen, die juristisch möglich und naheliegend sind. Problematisch wird vor allem, wenn sich die Ziele des Mandanten nicht mit den vom Anwalt angenommenen decken (vgl. Pick 2009b, vgl. Kapitel 8). Dass Mandanten ihre Ziele häufig nicht explizit nennen, scheint keine neue Erkenntnis, dennoch ist sie nach wie vor aktuell „Clients typically do not specify what they want their lawyers to do or how they want their lawyers to behave“ (Sarat/Felstiner 1995: 57).

Ebenfalls reicht es aber nicht aus, das Gesprächs- oder Handlungsziel lediglich zu erfragen, denn es kann sein, dass der Mandant darauf nicht mit seinem Ziel antwortet, wie das folgende Beispiel zeigt.

A (w): ((8s)) Oder was ist das, was Sie, was Sie… Was, was ist Ihr Plan oder was ist Ihr Ziel, was Sie sich hier heute von mir erhofft haben • • oder erhoffen immer noch?

M (m): Ja, dass do i amoil… I, i hob/i kenn die, die gesetzliche Regelung ned, wie des aufgestellt ist und so weiter genau, ned? Weil wenn ihr heut sog, du i hob heut a zehn Joahr a eheähnliche Be/Gemeinschaft geführt, dann, dann kann des ned sein, dass i heit äh mit null rausgeh.

A (w): ((1,7s)) Hmhm̄ Aber den Re/den Rechtsgrundsatz gibt s nicht.

QP_QS_1: Gescheiterte Zielklärung (vereinfachte Darstellung des Transkripts)

Hier erfragt die Anwältin zwar das Ziel des Mandanten, dieser antwortet darauf aber nicht damit, dass er sein Ziel nennt, sondern zunächst sein juristisches Unwissen betont. Daraufhin verbalisiert er sein Laienwissen über rechtliche Zusammenhänge (vgl. Kapitel 7.3.3), nennt aber nach wie vor nicht sein Ziel. Die Anwältin ermittelt in der Folge das Ziel nicht genauer, sondern geht zu einer rechtlichen Betrachtung über, die sie darüber hinaus fachsprachlich formuliert und nicht auf den Wissensstand des Mandanten zuschneidet. Hier zeigt sich, dass allein das Fragen nach dem Ziel nicht immer ausreicht, hier wäre ein genaueres Nachfragen notwendig gewesen, um das Ziel des Mandanten zu ermitteln.

6.3.4 Begutachtung der Lage des Mandanten

Da Rechtswelt und Lebenswelt im Mandantengespräch aufeinander bezogen werden, indem Sachverhalte oder Standardkonstellationen aus der Lebenswelt in der Rechtswelt inklusive ihrer Handlungsfolgen abstrahiert abgebildet werden (in Normen, Urteilen etc.), ist es die Aufgabe des Anwalts, hier eine Passung herzustellen, juristisch gesprochen den Sachverhalt unter den entsprechenden Tatbestand zu subsumieren (vgl. „Rechtsanwendung“ Creifelds/Weber 2007: 935). Die Begutachtung der Lage des Mandanten ist die „juristische Arbeit“ eines Anwalts und setzt sich aus zwei kommunikativen Aufgaben zusammen (vgl. vor allem auch zur mentalen Bearbeitung Kapitel 8). Zum einen wird der Sachverhalt in eine zu prüfende juristische Fragestellung transformiert, zum anderen wird diese Frage juristisch bearbeitet und das Ergebnis verbalisiert. Der Terminus „Begutachtung“ ← 191 | 192 → soll hier nicht mit schriftlichen Handlungsformen, die in der Rechtswelt existieren und als Gutachten bezeichnet werden, verwechselt werden. Im Rahmen dieser Arbeit wird mit dem Begriff die mündliche Form der Begutachtung eines Sachverhalts bezeichnet. Diese wird im anwaltlichen Erstgespräch nicht so elaboriert ausfallen, wie es ein schriftliches Gutachten sein müsste und erfüllt im Rahmen des Gesprächs einen anderen Zweck (vgl. Kapitel 8). Neben der Abgrenzung zur schriftlichen Handlungsform des Gutachtens kontrastiert die Bezeichnung Begutachtung als Aufgabe des Rechtsanwalts mit der des Richters, der (be)urteilt.

Diese Schemakomponente besteht ausschließlich aus kommunikativen Aufgaben des Anwalts:

Begutachtung der Lage des Mandanten (A)

Sachverhalt transformieren (A)

Ergebnis vermitteln (A)

Eine Aufgabe des Anwalts ist es, den Sachverhalt des Mandanten so zu transformieren, dass er juristisch bearbeitbar wird. Das bedeutet, dass er jene Informationen, die rechtlich verwertbar sind, relevant setzen wird und andere in den Hintergrund treten. Bei der Transformation wird der Sachverhalt mental und verbal redefiniert, indem der Sachverhalt in Verbindung mit dem Ziel auf eine juristisch zu begutachtende Frage zugespitzt wird („Hat der Mandant Ansprüche auf…?“, vgl. Kapitel 8), die in der Folge vom Anwalt vor dem Hintergrund seines professionellen Wissens bearbeitet und beantwortet wird. Diese Redefinition beobachtet auch Kallmeyer für andere Beratungsgespräche „RG entwickelt eine eigene Problemsicht (u. a. durch eine aktive Feststellung des Sachverhalts über die Darstellung von RS hinaus) und redefiniert das Problem“ (Kallmeyer 2000: 236). Ist der Sachverhalt transformiert, vermittelt der Anwalt dem Mandanten das Ergebnis seiner juristischen Begutachtung als Einschätzung.

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6.3.5 Wissens(v)ermittlung

Die Wissens(v)ermittlung ist eine gesprächsübergreifende kommunikative Aufgabe, besonders in einer Experte-Laie-Kommunikation, in der der Experte eben wegen seines professionellen Wissensvorsprunges aufgesucht wird. Vor allem die Vermittlung von Fachwissen (A) ist nicht immer eindeutig von der Begutachtung der Lage des Mandanten zu trennen, denn die Begutachtung basiert ebenfalls auf professionellem Wissen, das hier bezogen auf den Sachverhalt vermittelt wird. Darin aber genau besteht analytisch der Unterschied zur Wissensvermittlung: Die Sachverhaltsbegutachtung bezieht sich auf den konkreten Fall und vermittelt das spezifisch zu erwartende Ergebnis. Die Wissensvermittlung hingegen ist allgemein und gibt rechtliches Wissen wieder, das zwar thematisch mit dem Sachverhalt des Mandanten in Beziehung steht, nicht aber direkt darauf angewendet wird.

Da die Wissensvermittlung (ohne Anwendung auf den konkreten Sachverhalt) im Mandantengespräch sehr häufig zu beobachten ist und vor allem gegenüber der Sachverhaltsbegutachtung abzugrenzen ist, die ebenfalls wissensvermittelnde Bestandteile aufweist, rechtfertigt dies die Schemakomponente Wissens(v)ermittlung. Ihre Funktion ist es, dem Mandanten weitere Einblicke in seine Lage zu geben und ihn so bei seiner Verortung in der Rechtswelt und der Übernahme der anwaltlichen Einschätzung zu unterstützen, darüber hinaus kann so gezielt Sachverhaltswissen des Mandanten angefordert werden. Die Wissens(v)ermittlung beinhaltet folgende kommunikativen Aufgaben der Beteiligten:

Wissens(v)ermittlung (A + M)

Juristischen Wissensstand des Mandanten (v)ermitteln (A+M)

Fachwissen vermitteln und informieren (A)

Im Rahmen der Wissens(v)ermittlung ist es nicht nur Aufgabe des Anwalts, Fachwissen zu vermitteln und zu informieren, sondern auch, zunächst den juristischen Wissensstand des Mandanten zu ermitteln, um daran anknüpfen zu können. Denn „[d]ie Wissensvermittlung an Laien hat also deren vorhandenes Wissen und Verständnisniveau zu beachten. Nur wenn die Verständlichkeit des Gesagten damit korrespondiert, werden Verstehen und Verständigung erreicht“ (Brünner 2009b: 174, vgl. auch Palm 2001: 353ff.). Das Vermitteln seines juristischen Wissensstandes ist wiederum Aufgabe des Mandanten, wenngleich man weniger davon ausgehen kann, dass der Mandant seinen Wissensstand umfassend und zusammengefasst darstellen wird, sondern seinen Wissensstand an verschiedenen Stellen zum Ausdruck bringen wird. Vermittelt der Mandant sein Wissen, werden häufig laienhafte Annahmen des Mandanten verbalisiert, ← 194 | 195 → die gerade ein Nichtwissen juristischer Zusammenhänge offenbaren (vgl. dazu vor allem auch Kapitel 7.3.3). Auch damit vermittelt der Mandant seinen juristischen Wissensstand und der Anwalt kann gezielt daran anknüpfen. Dieses Anknüpfen besteht darin, dem Mandanten Fachwissen zu vermitteln und ihn zu informieren. Diese kommunikative Aufgabe zielt wie oben beschrieben auf die Vermittlung sachverhaltsbezogenen, aber noch nicht darauf angewandten Wissens. Dies betrifft unter anderem Wissen über juristische Begriffe oder Verfahren, historische Entwicklungen bestimmter Normen, Wissen über den Anwaltsberuf und berufsrechtliche Beschränkungen etc.

Ein Beispiel für die (V)Ermittlung des juristischen Wissensstandes des Mandanten und die anschließende Vermittlung von Fachwissen ist das Folgende.

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Ein weiteres Beispiel zur Bearbeitung der kommunikativen Aufgabe Fachwissen vermitteln und informieren ist das folgende. Das Beispiel zeigt, dass es sich dabei um nicht auf den Sachverhalt angewendetes Wissen handelt, sondern die Lage des Mandanten allgemein in der Rechtswelt verortet. Dies kann nicht nur dazu führen, dass der Mandant seine Lage besser einschätzen und verstehen kann, sondern ebenso dazu, dass er fehlendes Sachverhaltswissen erkennt und einbringt. Dies zeigt das folgende Beispiel.

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6.3.6 Handlungsmöglichkeiten entwerfen

Das Entwerfen von Handlungsmöglichkeiten ist eine für Beratungsgespräche typische und zentrale Aufgabe. Kallmeyer (2000: 238) benennt diese Schemakomponente als „Lösungsentwicklung“ analog zur „Problempräsentation“ (a.a.O.: 237). Für die Lösungsentwicklung nennt er als besonders häufige Formel „ich an deiner Stelle würde x tun“ (Kallmeyer 2000: 234). Im Mandantengespräch geht es, wie bereits ausgeführt, um die Besprechung des Sachverhaltes, der vor dem Hintergrund des Rechtssystems rechtlich bewertet wird. Daher wurde anstelle der Bezeichnung Problempräsentation für das Mandantengespräch die Sachverhaltsklärung eingeführt (vgl. Kapitel 6.3.2). Der Anwalt zeigt also dem Mandanten seine Position und ebenfalls seine daraus entstehenden Handlungsmöglichkeiten, vor allem in der Rechtswelt, auf. Entsprechend trifft die Bezeichnung Lösungsentwicklung ebenfalls das Geschehen im Mandantengespräch nur teilweise. Zum einen weil die ‚Lösung‘ mitunter darin bestehen kann, rechtlich keine Lösung anstreben zu können (vgl. Kapitel 5). Weitere Anstrengungen zur Lösungsentwicklung sind im Mandantengespräch dann nicht unbedingt erforderlich. Zum anderen aber auch, weil der Begriff Problemlösung in der Rechtswelt treffender mit Problem- oder Konfliktbeilegung beschrieben wäre, da hier Konflikte zwar bearbeitet werden, indem eine Entscheidung herbeigeführt wird, diese aber nicht immer mit einer Lösung des Problems für den einzelnen Beteiligten einhergehen muss. Entsprechend liegt der Fokus im Mandantengespräch also auf dem Einbringen von Handlungsmöglichkeiten und deren Bewertung.

Die Schemakomponente Handlungsmöglichkeiten entwerfen setzt sich aus folgenden kommunikativen Aufgaben zusammen:

Handlungsmöglichkeiten entwerfen (A+M)

Handlungsmöglichkeiten einbringen (A+M)

Handlungsmöglichkeiten bewerten (A) ← 197 | 198 →

Das Einbringen von Handlungsmöglichkeiten bezeichnet im Mandantengespräch Möglichkeiten des weiteren Vorgehens, die sich auf der Basis der Begutachtung der Sachverhaltslage ergeben können (vgl. Kapitel 9). Auch in verwerfenden Beratungen findet das Einbringen von Handlungsmöglichkeiten statt, obwohl gerade hier das Ergebnis ist, keine Handlungsmöglichkeiten zu verfolgen. Dass die Aufgabe hier dennoch bearbeitet wird, zeigt ihre Wichtigkeit für das anwaltliche Erstgespräch. Im Fall einer verwerfenden Beratung werden Handlungsmöglichkeiten hypothetisch eingebracht, das bedeutet, dass Möglichkeiten eingebracht werden, gleichzeitig aber deren Erfolglosigkeit demonstriert wird, um sie in der Folge zu verwerfen. Alternativ oder zusätzlich werden lebensweltliche Handlungsmöglichkeiten besprochen (vgl. Kapitel 5.4.4).

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Beim Entwerfen von Handlungsmöglichkeiten ist es ebenfalls Aufgabe der Mandanten, Handlungsmöglichkeiten einzubringen. Da Mandanten aber nicht in der Lage sind, Handlungsmöglichkeiten rechtlich zu bewerten, weshalb sie ja den Anwalt aufsuchen, werden sie diese in der Regel eher zur Disposition stellen und dem Anwalt die Bewertung und entsprechend die Entscheidung über die Tragfähigkeit der Handlungsmöglichkeit überlassen. Dies zeigt das folgende Beispiel.

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Wie sich in den diskutierten Beispielen gezeigt hat, ist neben dem Einbringen von Handlungsmöglichkeiten das Bewerten von Handlungsmöglichkeiten eine kommunikative Aufgabe. Diese kommunikative Aufgabe ist, obwohl auch Mandanten bewertende Aktivitäten in Bezug auf Handlungsmöglichkeiten zeigen, primär dem Anwalt zugeschrieben, denn im Mandantengespräch ist der Kern der Bewertung von Handlungsmöglichkeiten auf die Rechtswelt gerichtet. Genau wegen dieser rechtlichen Bewertung suchen Mandanten den Anwalt auf. Bewertungen, die Mandanten einbringen, führen dazu, dass der Anwalt Handlungsmöglichkeiten weiter ausführt oder Alternativen entwickelt. Ebenfalls wird der Anwalt von Mandanten eingebrachte Handlungsmöglichkeiten bewerten, indem er diese verwirft oder aufnimmt und weiter ausbaut (vgl. das Beispiel SO_EV_1). Häufig wird die anwaltliche Bewertung auch explizit von Mandanten eingefordert (vgl. zum Bewerten von Handlungsmöglichkeiten vgl. Kapitel 9).

Diese rechtliche Bewertung, die primär dem Anwalt zugeordnet ist, ist nicht zu verwechseln mit der Tatsache, dass es letztendlich die Mandanten sind, die in ihrem Sachverhalt über das weitere Vorgehen entscheiden. Damit bewerten sie wiederum die vom Anwalt eingebrachten Handlungsmöglichkeiten und seine Bewertung in Bezug zu ihrer lebensweltlichen Lage. Diese Bewertung und damit eine Entscheidung für oder gegen eine Umsetzung der Handlungsmöglichkeiten, findet im Rahmen der Schemakomponente Verarbeitung statt (vgl. Kapitel 6.3.7).

Das folgende Beispiel zeigt eine typische Form einer anwaltlichen Bewertung der eingebrachten Handlungsmöglichkeit. ← 200 | 201 →

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6.3.7 Verarbeitung der Lage in der Rechtswelt und der Handlungsmöglichkeiten

Die Verarbeitung der Lage in der Rechtswelt und der Handlungsmöglichkeiten ist unter verschiedenen Bezeichnungen beschrieben worden und eine für die Beratung typische und wichtige Aufgabe (vgl. auch Brünner 2011: 496). Bezeichnungen für diese Schemakomponente und ihrer Aufgaben sind: „Verarbeitung des Lösungsangebots“ und „Mentales Enaktieren“ (Kallmeyer 2000: 238); „Übernahme“ (Wunderlich 1981: 25f.); „Akzeptationshandlung“ (Schank 1981b: 184); „Lösungsverarbeitung“ oder „Ratifizieren des Vorschlags durch den Ratsuchenden (Nothdurft et al. 1994: 13); Übernahme des ärztlichen Wissens“ und „Beipflichten“ (Rehbein 1985: 359ff.). Im Mandantengespräch findet eine rechtliche Begutachtung und eine Handlungsplanung statt, was dazu führt, dass der Mandant eine doppelte Verarbeitung vollziehen muss: Zunächst muss er die Transformation seines Sachverhaltes in die Rechtswelt, die Relevanzen verschiebt oder Ziele unerreichbar werden lässt, verarbeiten und dann die Handlungsmöglichkeiten darauf beziehen und für seine Lage bewerten. Folgende kommunikative Aufgaben sind dabei zu bearbeiten:

Verarbeitung der Lage in der Rechtswelt und der Handlungsmöglichkeiten (M+A)

Lage in der Rechtswelt und Handlungsmöglichkeiten bewerten (M)

Entscheidung über die Ausführung der Handlungsmöglichkeiten mitteilen (M)

Verarbeitungshilfe geben (A)

Die Verarbeitung ist eine Konfrontation mit eigenen Annahmen und ein Abgleich mit dem übergeordneten Handlungsprozess des Mandanten. Bei dieser Schemakomponente stehen Handlungen des Mandanten im Vordergrund. Hier bewertet der Mandant nun seine Lage in der Rechtswelt und die ← 201 | 202 → Handlungsmöglichkeiten, die der Anwalt bereits zuvor einer positiven rechtlichen Bewertung unterzogen hatte (vgl. Kapitel 6.3.6).

Diese mandantenseitige Bewertung führt dann in der Regel zu einer Entscheidung über die Ausführung der Handlungsmöglichkeiten, also einer Annahme oder einem Verwerfen der Handlungsmöglichkeiten, die der Mandant dem Anwalt im Rahmen dieser Aufgabe mitteilt. Sie ist entsprechend eng mit seiner Bewertung der Lage und der Handlungsmöglichkeiten verknüpft (vgl. auch die „Akzeptationsentscheidung“ bei Kallmeyer 2000: 238 sowie die weitere bereits genannte Literatur zu Verarbeitungshandlungen). Eine weitere Möglichkeit der Bearbeitung dieser Aufgabe im Mandantengespräch wäre das Verzögern, also das Herausschieben der Entscheidung oder das Mitteilen eines Nichtmitteilens der Entscheidung (vgl. Kapitel 9).

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← 202 | 203 →

Eine Bewertung kann ebenfalls negativ ausfallen, gleichzeitig aber die Annahme der Handlungsmöglichkeit beinhalten. Dies ist dann der Fall, wenn Mandanten bei der Konfrontation ihres übergeordneten Handlungsprozesses mit dem Ergebnis der anwaltlichen Bewertung von Handlungsmöglichkeiten feststellen, dass sie selbst ein anderes Ergebnis bevorzugt hätten. Haben sie aber im Laufe des Mandantengesprächs die Begutachtung und Entwicklung von Handlungsmöglichkeiten bereits in ihren übergeordneten Handlungsprozess integriert, können sie auch eine von ihnen vormals als dispräferierte Handlungsmöglichkeit bewertete Option akzeptieren, weil sie sie inzwischen einer veränderten Bewertung unterzogen haben. Dies ist häufig in verwerfenden Beratungen der Fall, in denen Mandanten ursprünglich mit der Annahme den Anwalt aufsuchen, ihre Situation verändern zu können, dieser aber die Lage anders einschätzt und von dem Versuch der Veränderung abrät. Das zeigt folgendes Beispiel.

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In Verbindung mit der Bewertung des Mandanten und zur Unterstützung kann der Anwalt eine Verarbeitungshilfe geben. Dazu kann der Anwalt entweder auf verarbeitende Aktivitäten des Mandanten eingehen und diese bestätigen und bestärken oder er kann selbst das Ergebnis mit der Situation des Mandanten in ← 203 | 204 → Verbindung bringen (z. B. indem er positive Folgen für den Mandanten hervorhebt, mit ähnlichen Fällen vergleicht oder sich auf die Seite der Gegenseite stellt und deren Sichtweise als verständlich darstellt, vgl. zu diesen Möglichkeiten der Verarbeitungshilfe Kapitel 9). Eine weitere Möglichkeit, einer Verarbeitungshilfe ist, die Verarbeitung des Mandanten anzuregen, wie das folgende Beispiel zeigt.

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6.3.8 (Ver-)Kaufen der Handlungsumsetzung

Da der Anwalt auch Dienstleister ist und seine Tätigkeit dem Mandanten in Rechnung stellt, besteht eine Aufgabe darin, die Umsetzung der im Mandantengespräch entwickelten Handlungsmöglichkeiten zu (ver-)kaufen, mit anderen Worten: das Mandat zu bekommen (aus Sicht des Anwalts) bzw. den Anwalt zu beauftragen (aus Sicht des Mandanten). Diese Schemakomponente bezieht sich also auf den Dienstleistungscharakter der anwaltlichen Tätigkeit. Eine Umsetzung von Handlungsmöglichkeiten z. B. durch den Mandanten selbst wird im Rahmen dieser Schemakomponente nicht bearbeitet, sondern wird im Rahmen des Entwerfens von Handlungsmöglichkeiten und der Verarbeitung bewerkstelligt (vgl. die Kapitel 6.3.6 und 6.3.7). Zu dieser Schemakomponente gehören die folgenden kommunikativen Aufgaben:

(Ver-)kaufen der Handlungsumsetzung (A+M)

Vertretungsübertragung vorbereiten (A)

Angebot unterbreiten (A)

Anwalt (nicht) beauftragen (M)

Kosten(-übernahme) besprechen (A+M)

Unterlagen und Formalitäten bearbeiten (A+M) ← 204 | 205 →

Unter Vertretungsübertragung vorbereiten fallen alle kommunikativen Handlungen, die darauf abzielen, den Mandanten zunächst generell als Kunden zu gewinnen, ohne explizit ein Angebot zu unterbreiten. Um diese Aufgabe zu bearbeiten, hat der Anwalt verschiedene Möglichkeiten, die hier aufgrund ihrer großen Varianz summarisch genannt und belegt werden sollen: Er kann den Mandanten als Kunden etablieren, indem z. B. der Anwalt von allen künftigen Aufgaben in der ersten Person Plural spricht, ohne eine Beauftragung abgewartet zu haben (BT_KV_1 „dann/ dass wir da mal schnell telefonieren, ob ääh wir da was machen. Ne? • • Februar und März wiederum • haben wir ääh Zeit.“); der Anwalt dem Mandanten bereits Arbeitsaufträge für die Weiterbearbeitung erteilt, ohne dass ein Mandat bereits besteht (FO_GP_1 „Da wird nicht viel kommen, aber wenn es kommt, brauch ich das, weil das ist Ihr Schaden gegenüber der [Gegenseite].“), der Anwalt persönliche Daten des Mandanten aufnimmt und so kommunikativ eine Basis für einen langfristigen Geschäftskontakt etabliert (HP_TZ_1 „Irgendwo nen Geburtsdatum? Steht hier gar nicht ne? [Mandant nennt sein Geburtsdatum] Ja? Okay, dann wo wir gerad mal dabei sind, Telefonnummer?“). Weiter gehören dazu verschiedene Mittel der Kompetenzdemonstration, wie Hinweis auf gewonnene Verfahren in ähnlichen Fällen (PC_CS_1 „Ich hab also schon • auch solche Verfahren wegen Herausschiebung der Altersgrenze auch gewonnen.“), das Anzeigen einer Vertrautheit mit der Lage des Mandanten durch Hintergrundwissen aus seinem Berufsfeld oder seiner privaten Situation (SO_EV_1 „So schön, das alles so • • zu hören, dass das immer… Wir sind jetzt/ haben uns jetzt auch grade ne Wohnung gekauft, bei uns läuft das alles auch so ähnlich, ne? Mit ((ea)) Risikolebensversicherung und muss ma ja irgendwie, ne? Muss ma dran denken, ge?“) oder durch Insiderwissen aus der Rechtswelt (BT_KV_1 „• Ist fast das schnellste Gericht, was ich kenne, das ist • gar nicht so gut, jetzt hier bei uns, für unsere Zwecke, aber gut, kann ich nicht ändern. • • Äh gibt s sechs Richter, vier Männer, zwei Frauen, die vier Rich/ äh vier Männer sind alle gut, die zwei Frauen sind beide blöd, aber das • können wir auch nicht äh ändern, Wir • werden sehen, wo wir landen.“). Dies sind lediglich Beispiele, viele weitere Realisierungsmöglichkeiten sind denkbar, da die Bearbeitung dieser kommunikativen Aufgabe eine große Bandbreite aufweist. Ein teilnehmender Anwalt bestätigt die Varianz und auch die Funktion der Vorbereitung einer Vertretungsübertragung:

Ich weiß das aus meinen Gesprächen: Es gibt so Marketingblöcke. […] Das gibt es in unterschiedlicher Gestalt. Manche Gespräche, da merke ich zum Beispiel, dass ich ganz oft von Parallelfällen erzähle, wo ich nicht genau weiß, w/ also ich kann es dann auch selber nicht so genau erklären… Manchmal ist das ne Rechtfertigung. […] Ich weiß aber, dass ich das selber auch ganz gezielt einsetze, manchmal wirklich nur, um ← 205 | 206 → zu sagen: ‚Wir hatten nahezu exakt Ihren Fall schon mal und da kann ich drauf zurückgreifen.‘ Und manchmal auch tatsächlich nur, um zu zeigen, ‚Sie sind in einer großartigen Kanzlei‘. […] Also das ist dann wirklich eigentlich nur Marketing (Interview mit einem teilnehmenden Anwalt, November 2011, 1:51:21).

Das Unterbreiten eines Angebots und die Beauftragung des Anwalts bzw. die Nichtbeauftragung sind kommunikative Aufgaben, die im anwaltlichen Erstgespräch selten explizit anhand einzelner Äußerungen zu beobachten sind. Da aber dennoch Anwälte in der Regel auf der Basis des Erstgesprächs die Bearbeitung des Falles beginnen, müssen diese Aufgaben hier von den Beteiligten bearbeitet werden und können daher als kommunikative Aufgaben dieser Schemakomponente zugeordnet werden (vgl. zur Bearbeitung dieser kommunikativen Aufgaben das Kapitel 11).

Ebenfalls im Rahmen der Dienstleistungsbeziehung wird im anwaltlichen Erstgespräch die Kosten(-übernahme) besprochen. Hier können Themen Kosten für das Verfahren, Kosten für die anwaltliche Vertretung oder Kosten für die Erstberatung sein, daneben können hier optional auch die Bedingungen der Bezahlung besprochen werden. Da viele Mandanten rechtsschutzversichert sind, wird das Besprechen der Kosten in einigen Fällen auch durch das Besprechen der Kostenübernahme ersetzt oder zunächst die Kosten und in der Folge die Übernahme besprochen.

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Die Kosten werden in der Regel mit hohem kommunikativem Aufwand von Seiten des Anwalts eingeführt. Mandanten reagieren darauf häufig kurz ← 206 | 207 → und verhandeln wenig. Beides zeigt die Dispräferenz des Themas auf beiden Seiten an.

Das folgende Beispiel zeigt das Besprechen der Kosten, das hier nicht wie sonst häufig am Ende des Gesprächs, sondern relativ unvermittelt in der Mitte des Gesprächs von der Anwältin initiiert wird.

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← 207 | 208 →

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Neben dem Besprechen der Beauftragung kommt die Dienstleistungsbeziehung im Mandantengespräch auch dadurch zum Tragen, dass Unterlagen und Formalitäten bearbeitet werden, die diese schriftlich fixieren. Die üblichen Unterlagen, die im Rahmen des anwaltlichen Erstgesprächs bearbeitet werden können, sind eine Vollmacht (bei Beauftragung) und eine Vergütungsvereinbarung (bei Beauftragung, aber auch bereits für das Erstgespräch). Häufig geht dies einher mit dem Kopieren von Unterlagen zur Mandatsbearbeitung.

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← 208 | 209 →

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← 209 | 210 →

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Unterlagen und Formalitäten werden häufig am Ende des Gesprächs vor dem Gesprächsabschluss besprochen. In diesen Fällen haben sie neben der Besiegelung der Dienstleistungsbeziehung die weitere Funktion, das Gesprächsende einzuleiten. Dabei wird einerseits durch den Wechsel der Aktivitäten (kopieren, unterschreiben etc.) und durch die thematische Fixierung auf Formalien und damit gleichzeitig nicht mehr auf Sachverhaltsinhalte, der Rückbezug zu inhaltlichen Fragen erschwert und so zum Gesprächsabschluss übergeleitet.

6.3.9 Gesprächsabschluss

Der Gesprächsabschluss ist in den Mandantengesprächen oftmals sehr kurz und es geschieht nicht selten, dass Mandanten und Anwalt sich währenddessen bereits zur Tür bewegen und entsprechend das Gespräch „ausläuft“. Ein Grund dafür könnte sein, dass zuvor durch das Bearbeiten der Formalitäten bereits ein Aktivitätswechsel und damit ein Abschluss der Beratung im engeren Sinne vollzogen wurde (vgl. Kapitel 6.3.8). Im Gesprächsabschluss finden sich folgende kommunikative Aufgaben:

Gesprächsabschluss (A+M)

Ergebnis(se) zusammenfassen (A)

Weitere Zusammenarbeit bestimmen (A+M)

Verabschiedung (A+M)

Das Ergebnis(se) zusammenzufassen ist eine kommunikative Aufgabe des Gesprächsabschlusses, deren Bearbeitung nur in den wenigsten der vorliegenden Gespräche ausführlich und umfassend realisiert wird. Meist wird lediglich die Empfehlung an den Mandanten noch einmal wiederholt, im Rahmen des Ausblicks auf die weitere Bearbeitung durch den Anwalt das Ergebnis zusammengefasst oder mit der Bestimmung der weiteren Zusammenarbeit thematisiert. Eine weitere Aufgabe im Gesprächsabschluss ist die Bestimmung der weiteren Zusammenarbeit. Dabei werden Arbeitsaufträge an die Beteiligten ← 210 | 211 → vergeben, ein neuer Termin vereinbart, sich über den nächsten Kontakt verständigt etc. In den Gesprächen ist zu beobachten, dass die Zusammenfassung der Ergebnisse in Verbindung mit der Bestimmung der weiteren Zusammenarbeit verbalisiert wird, teilweise auch ineinander verschachtelt. Ein Grund dafür wird sein, dass das Ergebnis häufig die weitere Bearbeitung durch den Anwalt ist, der beim Benennen seiner weiteren Aufgaben gleichzeitig das Ergebnis zusammenfasst. Das zeigt das folgende Beispiel.

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← 211 | 212 →

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Auch in den Fällen, in denen zunächst keine weitere Bearbeitung stattfindet, werden die Ergebnisse zusammengefasst und der Anwalt hat hier die Möglichkeit im Rahmen der Bestimmung der weiteren Zusammenarbeit sein Angebot für eine mögliche zukünftige Beauftragung zu platzieren. Dies zeigt das folgende Beispiel.

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← 212 | 213 →

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Die Zusammenfassung der Ergebnisse kann durch das Anbieten einer Nachfragemöglichkeit (vgl. Nowak 2010) unterstützt werden. Dies wird allerdings von den Anwälten in meinem Korpus eher selten realisiert. Ein Beispiel dafür ist das folgende

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Das Ende des Gesprächsabschlusses bildet die Verabschiedung, in vielen Fällen haben sich die Beteiligten bis zur Verabschiedung bereits aus dem Besprechungsraum herausbewegt oder befinden sich auf dem Weg zur Tür. Neben dem Austausch von Grußformeln, manchmal expandiert durch gegenseitige Wünsche oder einen homileïschen Diskurs, lässt sich im anwaltlichen Erstgespräch beobachten, dass sich die Beteiligten gegenseitig danken. Damit werden auch in der Verabschiedung die Doppelrollen der Beteiligten deutlich: Ratsuchender und Ratgeber; Kunde und Verkäufer (vgl. Kapitel 11). Ein Beispiel für eine Verabschiedung mit gegenseitigem Dank ist das folgende: ← 213 | 214 →

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6.4 Zusammenfassung: Das Handlungsschema anwaltlicher Erstgespräche

In diesem Kapitel wurden die zu bearbeitenden kommunikativen Aufgaben der Beteiligten und damit das Handlungsschema anwaltlicher Erstgespräche rekonstruiert. ← 214 | 215 →

Ein Handlungsschema ist ein an den Aufgaben der Beteiligten orientiertes Beschreibungsinstrumentarium, das das Handeln der Beteiligten vor allem funktional erfasst und erschließt. Entsprechend ist es im Gegensatz zu den in Kapitel 5 beschriebenen Phasen nicht als eine Ablaufbeschreibung des Gesprächsverlaufs zu verstehen, sondern als ein Bündel kommunikativer Handlungen (Aufgaben), die die Beteiligten im anwaltlichen Erstgespräch gemeinsam vollziehen (müssen).

Die Darstellung des Handlungsschemas und die Anordnung seiner Komponenten folgen einer bestimmten Abfolgelogik, es ist aber nicht als starres, lineares Modell zu verstehen. Einige Komponenten sind stärker an vorausgehende oder nachfolgende Aufgaben gebunden (Sachverhaltsklärung und Begutachtung der Lage; Handlungsoptionen entwerfen und Verarbeitung), andere sind freier zu platzieren (Wissens(v)ermittlung; Handlungsumsetzung (ver-)kaufen), vgl. zu der engeren Verzahnung bestimmter Aufgabenkomplexe bei der interaktionalen Bearbeitung die Handlungsmuster die Kapitel in C3. Grundsätzlich sind alle kommunikativen Aufgaben (mit Ausnahme der Begrüßung und Verabschiedung) frei im Gespräch platzierbar und werden in der Regel in mehreren Anläufen verteilt über das Gespräch oder in Schleifen innerhalb eines Gesprächsabschnittes bearbeitet.

Eine Verbindung zu den in Kapitel 5 beschriebenen Phasen besteht insofern, als bestimmte Aufgaben eine Affinität zur Bearbeitung in bestimmten Phasen aufweisen (vgl. Kapitel 12.2). Dennoch sind Gesprächsphasen und kommunikative Aufgaben oder Schemakomponenten aus den genannten Gründen nicht identisch und nicht zu verwechseln, was entsprechend ebenfalls durch ihre verschiedenen Bezeichnungen deutlich wird.

Abschließend soll nun zusammenfassend das komplette Handlungsschema für das anwaltliche Erstgespräch ergebnisorientiert und in einem Überblick dargestellt werden. Hier sind die Schemakomponenten, deren Bearbeitung den Beteiligten gemeinsam zukommt, dargestellt, sowie die jeweils dazugehörenden kommunikativen Aufgaben mit der Verzeichnung der primären Bearbeitung verteilt auf die Beteiligten.

Das Handlungsschema anwaltlicher Erstgespräche

Gesprächseröffnung (A+M)


Begrüßung und Gesprächskontakt herstellen (A+M)

Situieren (A)

Eröffnungsinitiative verbalisieren (A) ← 215 | 216 →

Sachverhaltsklärung (A+M)

Sachverhalt einbringen (M)

Unterlagen einbringen (M)

Unterlagen und daraus gewonnene Informationen integrieren (A)

(Fehlende) Sachverhaltsbestandteile ermitteln (A)

Bearbeitungsstand in der Rechtswelt ermitteln (A)

Beweise sichern (A)

Ziel- und Auftragsklärung (A+M)

Gesprächsziel darstellen (M)

Auftrag für das Gespräch klären (A)

Handlungsziel darstellen (M)

Handlungsziel ermitteln (A)

Weitere mögliche Handlungsziele einbringen (A)

Begutachtung der Lage des Mandanten (A)

Sachverhalt transformieren (A)

Ergebnis vermitteln (A)

Wissens(v)ermittlung (A+M)

Juristischen Wissensstand des Mandanten (v)ermitteln (A+M)

Fachwissen vermitteln und informieren (A)

Handlungsmöglichkeiten entwerfen (A+M)

Handlungsmöglichkeiten einbringen (A+M)

Handlungsmöglichkeiten bewerten (A)

Verarbeitung der Lage in der Rechtswelt und der Handlungsmöglichkeiten (M+A)

Lage in der Rechtswelt und Handlungsmöglichkeiten bewerten (M)

Entscheidung über die Ausführung der Handlungsmöglichkeiten mitteilen (M)

Verarbeitungshilfe geben (A)

(Ver-)Kaufen der Handlungsumsetzung (A+M)

Vertretungsübertragung vorbereiten (A)

Angebot unterbreiten (A)

Anwalt (nicht) beauftragen (M)

Kosten(-übernahme) besprechen (A+M)

Unterlagen und Formalitäten bearbeiten (A+M)

Gesprächsabschluss (A+M)

Ergebnis(se) zusammenfassen (A)

Weitere Zusammenarbeit bestimmen (A+M)

Verabschiedung (A+M)

Auf der Grundlage des erarbeiteten Handlungsschemas und der kommunikativen Aufgaben sollen in den folgenden Kapiteln besonders zentrale und komplexe kommunikative Aufgaben in ihrer interaktionalen und mentalen Bearbeitung als sprachliche Handlungsmuster rekonstruiert werden. Hier ← 216 | 217 → werden die Schemakomponenten oder Aufgaben Sachverhalt einbringen, Begutachtung der Lage des Mandanten, Handlungsmöglichkeiten entwerfen, Kosten(-übernahme) besprechen sowie Angebot unterbreiten und Anwalt (nicht) beauftragen ausgewählt. Dabei werden auch die weiteren kommunikativen Aufgaben genannt, die bei einem Musterdurchlauf bearbeitet werden. Eine Begründung für die Auswahl der als Handlungsmuster untersuchten Aufgaben wird jeweils zu Beginn der entsprechenden Kapitel gegeben.

17 Hier besteht eine Ausnahme: Die Begutachtung der Lage des Mandanten ist eine funktional eigenständige Schemakomponente, die ausschließlich kommunikative Aufgaben beinhaltet, die dem Anwalt zugeordnet sind und entsprechend auch als Schemakomponente dem Anwalt zugeordnet wird.

18 Lalouschek (2002a: 90) verwendet die Bezeichnung Gesprächsanfang für Handlungen „vor dem eigentlichen Beginn des Gesprächs“.

19 Nowak (2010: 232) trennt die Eröffnungsinitiative als eigene Komponente ab, weil diese „als eigenständige zentrale Weichenstellung für die folgende Interaktion gesehen wird.“