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Triangulation in der Fremdsprachenforschung

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Edited By Daniela Elsner and Britta Viebrock

Fremdsprachenlernen und Fremdsprachenunterricht sind facettenreiche Forschungsgegenstände, deren Untersuchung ein komplexes Design verlangt. Um ein multidimensionales Bild der ablaufenden Prozesse zu erhalten, werden in der fremdsprachlichen Unterrichtsforschung immer häufiger rekonstruktive und interpretative Verfahren mit standardisierten quantitativen Methoden verbunden. Methoden-, Theorie-, Daten- oder Beobachtertriangulation werden zur Überprüfung von Forschungsergebnissen sowie zur Erweiterung von Erkenntnismöglichkeiten eingesetzt. Die Beiträge in diesem Band zeigen die unterschiedlichen Dimensionen des Triangulationskonzepts, seine theoretischen Grundlagen sowie praktische Anwendungen. Sie sind im Anschluss an die zweite forschungsmethodische Sommerschule der Deutschen Gesellschaft für Fremdsprachenforschung (DGFF) entstanden.
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Einleitung: Triangulation in der Fremdsprachenforschung

← 6 | 7 →Einleitung: Triangulation in der Fremdsprachenforschung

Daniela Elsner / Britta Viebrock

Der Weg zu neuen Modellen und Konzepten im Fremdsprachenunterricht erschließt sich im Optimalfall über eine Verzahnung theoretischer Analysen, systematischer Beobachtungen und empirischer Untersuchungen im Praxisfeld. Dabei stellt sich für alle drei Herangehensweisen die Frage nach geeigneten Methoden, die den jeweiligen Gegenstand in angemessener Art und Weise beleuchten können. Gerade in Deutschland zeichnete sich im Kontext empirischer Herangehensweisen lange Zeit die Tendenz ab, qualitative und quantitative Erhebungsmethoden strikt voneinander zu trennen. In jüngster Zeit lassen sich jedoch immer häufiger Arbeiten finden, welche die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Forschungsparadigmen überwinden und im Sinne einer Methoden-, Theorie-, Daten- oder Beobachtertriangulation die Vorteile unterschiedlicher Herangehensweisen durch integrative Verfahren vereinen. Dieser einleitende Beitrag gibt einen kurzen Überblick über traditionelle und jüngere Sichtweisen diesbezüglich sowie eine Vorschau auf die in diesem Band vereinten Beiträge, die sich mit dem Thema Triangulation in der Fremdsprachenforschung theoretisch auseinandersetzen oder diese praktisch anwenden.

1. Die Wahl der Methode: Qualitativ, quantitativ oder beides?

Methodology is one of the most basic questions for any discipline dealing with human interaction. Language learning and the acquisition of the rules for appropriate speech behavior are no exception. The questions of what constitutes data and how we treat data are fundamental to the entire enterprise of explaining and describing the acquisition of a second language. (Wolfson 1986: 689)

Die Festlegung des methodischen Vorgehens wird auch in der fremdsprachendidaktischen Forschung primär von der Ontologie der jeweiligen Fragestellung bestimmt. So verweist Grotjahn (2003: 493) darauf, dass Forschungsmethoden dem jeweiligen Gegenstand angemessen sein sollen. Der Forschungsgegenstand „Fremdsprachenunterricht“ weist dabei – in Abgrenzung zu anderen Forschungsbereichen – eine Reihe von spezifischen Aspekten auf, welche vom Forscher1 ← 7 | 8 →berücksichtigt werden müssen. So zeigen die fremdsprachlichen Interaktionen im Unterricht ganz besondere Eigenschaften, wie z.B. ein hoher Sprechanteil der Lehrkräfte, häufige Fehlerkorrektur, Code-Switching etc. auf, die in dieser Art in anderen Forschungsfeldern nicht wiederzufinden sind und deren wissenschaftliche Analyse eine sorgsame Auswahl einer oder mehrerer Forschungsmethoden bedarf.

In der Sozialforschung konkurrieren eine Vielzahl von miteinander nicht oder lediglich partiell kompatiblen Theorien zur Methodologie, welche auch in die fremdsprachliche Unterrichtsforschung Eingang finden. Die Unterscheidung von qualitativer und quantitativer bzw. rekonstruktiver und Hypothesen testender Forschung (Bonnet 2009) scheint dabei eine übergeordnete Rolle zu spielen: Während das qualitative Forschungsparadigma eine holistische Betrachtung der Realität zugrunde legt, indem alle sich möglicherweise auf den Forschungsgegenstand auswirkenden Einflussfaktoren mit einbezogen werden, wird in quantitativen Ansätzen versucht, die Anzahl dieser Faktoren möglichst gering zu halten und den Untersuchungsgegenstand weitgehend zu kontrollieren. Die schriftliche bzw. mündliche Datenerhebung findet dabei mittels ausgewählter Instrumente in einmaligen „Überprüfungssituationen“ statt. Quantitative Forschungsdesigns überprüfen vorab formulierte Hypothesen mittels einer großen Anzahl an Probanden. Qualitative Untersuchungen sind dagegen Hypothesen generierend, explorativ, rekonstruktiv und häufig in Longitudinalstudien angelegt. In der quantitativen Forschung wird der Unabhängigkeit des Beobachters vom Forschungsgegenstand ein zentraler Stellenwert eingeräumt. Qualitative Forschung greift dagegen auf die methodisch kontrollierte, subjektive Wahrnehmung des Forschers als Bestandteil der Erkenntnisgewinnung zurück (vgl. z.B. Flick et al. 2003: 24f.).

Jenseits der Debatten, in denen sich beide Forschungsrichtungen wechselseitig die wissenschaftliche Legitimation absprechen, muss vom Forscher zunächst überlegt werden, für welche Fragestellung und für welchen Forschungsgegenstand qualitative oder quantitative Forschung jeweils angemessener erscheint. Quantitative Methoden messen zählbare Eigenschaften. Die häufigsten Methoden der quantitativen Datenerhebung sind die Befragung, die Beobachtung, das Experiment, physiologische Messungen sowie der Test (vgl. Bortz/Döring 2002). Quantitative Verfahren sind für ihre vergleichend-statistische Auswertung auf ein hohes Maß an Standardisierung der Datenerhebung angewiesen. Der Vorteil ← 8 | 9 →quantitativer Methoden liegt darin, dass sich die Messergebnisse mit algebraischen (Addition, Multiplikation) beziehungsweise den darauf basierenden stochastischen Methoden (Mittelwert, Varianz, etc.) weiterverarbeiten lassen. So ist es möglich, statistische Tests durchzuführen und Hypothesen zu prüfen sowie deren Signifikanz zu berechnen. Explorativ lassen sich Daten zudem mittels Faktorenanalyse oder Clusteranalyse auswerten (vgl. Elsner/Wildemann 2010).

Lange Zeit stand die qualitative Sozialforschung den Erhebungsmethoden der quantitativen Forschung sehr kritisch gegenüber. Insbesondere die Künstlichkeit der Erhebungssituation, eine mangelnde Offenheit und die Nichtberücksichtigung sozialer Phänomene wurden als Defizite standardisierter Verfahren angesehen. Qualitative Forschung versucht hingegen, Soziales tiefgründiger zu erforschen und nicht direkt sichtbare Sinnstrukturen herauszuarbeiten. Die damit einhergehenden Verfahren lassen sich stärker dem Einzelfall anpassen und sind damit in Bezug auf die Erhebung individueller Verläufe wesentlich flexibler. Zu den häufigsten qualitativen Methoden der Datenerhebung zählen die schriftliche und mündliche Befragung sowie die qualitative Beobachtung. Qualitative Verfahren sind immer dort zu empfehlen, wo es um die Erschließung eines bisher wenig erforschten Wirklichkeitsbereichs mithilfe von sensibilisierenden Konzepten geht (vgl. Flick et al. 2003: 25).

Obwohl insbesondere in der deutschen Forschungslandschaft lange Zeit eine starke Tendenz vorherrschte, qualitative und quantitative Methoden zwei unterschiedlichen Paradigmen zuzuordnen (vgl. z.B. Kelle/Erzberger 2003: 299), scheint sich die Grenze zwischen diesen beiden Methoden mittlerweile aufzulösen. So versuchen zahlreiche Arbeiten methodologische und methodische Grundlagen für eine Integration beider Ansätze zu entwickeln. Sie verfolgen dabei im Wesentlichen zwei Zielvorstellungen: (a) eine Perspektivenerweiterung oder (b) eine Ergebnisvalidierung. Während das Ziel einer Perspektivenerweiterung grundsätzlich mit der Forderung nach der Gegenstandsangemessenheit der Methode vereinbar ist, lassen sich bezüglich der Methodenintegration als Validierungsstrategie auch kritische Positionen finden:

Der Gegenstand nimmt […] unterschiedliche Gestalt an, je nachdem ob er in Form eines Beobachtungsprotokolls, eines Transkriptes oder eines aufgezeichneten Interviews vorliegt, was darauf hindeutet, dass eine durchgängige Gegenstandskonstruktion durch die jeweilige Spezifik der Methode entsteht. (Helsper et al. 2001: 257)

Diese Sichtweise beinhalte zugleich eine fundamentale Kritik an Verfahren, bei denen Ergebnisse, die mithilfe einer Forschungsmethode erzeugt werden, durch solche, die mithilfe einer anderen hervorgebracht werden, validiert werden. Im strengen Sinne werden hierbei niemals die gleichen Gestalten des Gegenstands zueinander in Beziehung gesetzt (vgl. Viebrock 2007: 34f.). Teilt man diese Kritik, ← 9 | 10 →ist die Zielvorstellung der Ergebnisvalidierung ausgeschlossen. Der Wert eines integrativen Verfahrens zur Perspektivenerweiterung bleibt von der Kritik allerdings unbenommen.

2. Beispiele methodischer Triangulation im Kontext fremdsprachlicher Unterrichtsforschung

Die kombinierte Verwendung zweier oder mehrerer Methoden wird im Kontext der empirischen Sozial- und Geisteswissenschaften als integrativer Ansatz (Seipel/Rieker 2003), mixed methods approach (Jick 1979) oder Triangulation (Flick 2011) bezeichnet. In Anlehnung an Denzin (1970) und andere lassen sich folgende vier Formen der Triangulation unterscheiden:

Datentriangulation: Kombination und Nutzung mehrerer Datenquellen, die zu unterschiedlichen Zeiten und Orten sowie an verschiedenen Personen erhoben werden.

Beobachtertriangulation: Datenerhebung und -analyse verschiedene Forscher bzw. Beobachter, um möglichen subjektiven Einflüssen in der Interpretation entgegenzuwirken.

Theorie-Triangulation: Anwendung unterschiedlicher Theorien auf denselben Forschungsgegenstand.

Methodentriangulation: Diese kann sowohl in Form der Verwendung verschiedener Skalierungsverfahren innerhalb einer Methode bzw. eines Messinstruments (within-method) erfolgen, als auch im Einsatz verschiedener Methoden bei der Datengewinnung zu einem Untersuchungsgegenstand bestehen (between-method).

Das generelle Anliegen dieser Forschungsvarianten besteht darin, die besonderen Stärken und Potenziale der gewählten Methoden bzw. Daten in gegenseitiger Ergänzung nutzbar zu machen und die Schwächen zu kompensieren: „Dabei verlagert sich insgesamt der Fokus von der ursprünglichen Orientierung an der Überprüfung von Ergebnissen […] zugunsten einer stärkeren Betonung der systematischen Erweiterung der Erkenntnismöglichkeiten“ (Flick 2011: 26).

Das hierzu, nicht nur im Kontext der Unterrichtsforschung, häufig eingesetzte, klassische Phasenmodell einer sequenziellen Verbindung von qualitativen und quantitativen Methoden ist üblicherweise mit der Ambition verbunden, in einem ersten Schritt das Potenzial qualitativer Verfahren für die Exploration des Untersuchungsfelds und die Entwicklung von Instrumenten bzw. Hypothesen zu nutzen, um dann in einem zweiten Schritt mithilfe quantitativer Methoden präzise Messungen durchzuführen und auf der Grundlage einer umfangreicheren ← 10 | 11 →Datenbasis geeignete statistische Analysen vorzunehmen (vgl. Barton/Lazarsfeld 1979, Kelle/Erzberger 2003).

In der fremdsprachlichen Unterrichtsforschung werden immer häufiger interpretative qualitative Verfahren mit standardisierten quantitativen Methoden zu gemeinsamen Untersuchungsdesigns verbunden in der Hoffnung, ein multidimensionales Bild der im Unterricht ablaufenden Prozesse zu erhalten und diese langfristig verändern zu können. Forschung geschieht somit nicht zum Selbstzweck, sondern findet stets zweckgerichtet statt. So versuchte die 2006 abgeschlossene DESI-Studie (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung – DIPF 2006) ebenso wie die im Jahr 2009 veröffentlichte EVENING-Studie (Engel et al. 2009) oder die vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) bundesweit durchgeführte Ländervergleichsstudie (vgl. Köller et al. 2010), mit variierenden Forschungsmethoden unterrichtliche Bedingungsfaktoren für sprachliche und kulturelle Lernfortschritte zu identifizieren. Die Auswertung erfolgte sowohl auf der Basis der im Sinne der Methodentriangulation erhobenen Ergebnisse von standardisierten Leistungstests und/oder Unterrichtsbeobachtungen in Form von Videografien als auch auf der Grundlage von Befragungen aller am Unterricht Beteiligten. Darüber hinaus wurden die bundesweiten Erhebungen sprachlicher Leistungen im Deutschen (als Muttersprache) und im Englischen (als Fremdsprache) (DESI und Ländervergleich) ebenso wie die bundeslandinterne EVENING-Evaluation interdisziplinär angelegt (Fachdidaktiker, Soziologen, Pädagogen, Psychologen); man setzte somit nicht nur auf theoretische und methodische Triangulation, sondern auch auf Forscher- bzw. Beobachtertriangulation. Langfristiges Ziel dieser kaleidoskopartigen Bestandsaufnahmen ist es, die Lernbedingungen und somit die Qualität des fremdsprachlichen Unterrichts auf allen Ebenen zu verbessern.

3. Zum Aufbau und zu den Beiträgen dieses Bandes

Die Beiträge in diesem Band bilden die unterschiedlichen Dimensionen des Triangulationskonzepts aus der Perspektive der Fremdsprachenforschung ab. Sie sind im Anschluss an die zweite forschungsmethodische Sommerschule der Deutschen Gesellschaft für Fremdsprachenforschung (DGFF) ausgearbeitet worden. Die fundierte methodische Ausbildung von Nachwuchsforscherinnen und -forschern gehört zu den zentralen Zielsetzungen der DGFF, die mit der Sommerschule zu diesem Zweck ein spezifisches Förderprogramm aufgelegt hat. Den Überblicksbeiträgen etablierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben wir jeweils einen Anwendungsbeitrag zur Seite gestellt, in dem eine Nachwuchsforscherin bzw. ein Nachwuchsforscher ihr bzw. sein laufendes ← 11 | 12 →Forschungsprojekt, d.h. Fragen des Designs, methodische Entscheidungen und erste Ergebnisse diskutiert.

In Anlehnung an die weit verbreitete Reklame eines bekannten Einrichtungshauses, das mit seinen Möbeln nicht nur zweckmäßige und alltagstaugliche Gegenstände, sondern ein umfassendes, modernes Lebensgefühl verkaufen will, stellt Julia Settinieri in ihrem Beitrag „Forschst Du noch, oder triangulierst Du schon?“ einleitend Überlegungen an, ob Triangulation in der Fremdsprachenforschung bereits unverzichtbar ist, wenigstens aber zum guten Ton gehört. In ihrem Überblicksbeitrag zeichnet sie die Genese des Konzepts und seiner unterschiedlichen Ausprägungen nach. Sie zeigt anhand spezifischer Beispiele aus der Fremdsprachenforschung auf, in welcher Weise sich Triangulationsstrategien innerhalb eines Forschungsparadigmas oder übergreifend sinnvoll einsetzen lassen, berücksichtigt allerdings auch die Frage, inwieweit es sich dabei um eine kritisch zu reflektierende „Modeerscheinung“ handelt.

Sonja Brunsmeier diskutiert in ihrem Praxisbeitrag ein auf Triangulation basierendes Forschungsdesign zur Frage, wie sich die Entwicklung der in den Bildungsstandards verankerten Interkulturellen Kommunikativen Kompetenz (in Anlehnung an Byram 1997) im Englischunterricht der Grundschule untersuchen lässt. Während das Konzept für die weiterführenden Schulen bereits ausgearbeitet ist und Eingang in Forschungsarbeiten gefunden hat (z.B. im Rahmen der DESI-Studie durch Göbel 2007), sind für das frühe Fremdsprachenlernen noch konzeptionelle und methodische Überlegungen zur Anbahnung von IKK zu leisten, entsprechende Aufgaben zu entwickeln und einer empirischen Überprüfung zu unterziehen. Mithilfe eines komplexen Designs versucht Sonja Brunsmeier, die Perspektiven der unterschiedlichen Akteure zu erhellen.

Die videogestützte Unterrichtsforschung steht im Zentrum des Beitrags von Johannes Appel und Udo Rauin, die sich die neueren technischen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung des methodischen Repertoires zur Erforschung von Lehr- und Lernprozessen zunutze machen. Neben einem Überblick über die Grundsätze videographischer Verfahren in der Unterrichtsforschung werden Datenbeispiele aus einem Forschungsprojekt zur Schülerbeteiligung und zum Engagement im Englischunterricht vorgestellt, um die Analyseschritte (Rating bzw. Kodierung) zu unterschiedlichen Aspekten (Qualität des Unterrichts, Sprechanteile, unterrichtliche Sozialformen, Beteiligungsverhalten) transparent zu machen. Die Autoren zeigen auf, dass sich Videodaten insbesondere zur Datentriangulation und zur Methodentriangulation (within-method) eignen.

Im zugehörigen Praxisbeitrag zeigt Heidi Seifert sehr überzeugend, wie sich „Videografie als Instrument zur Erforschung von Interaktionsprozessen im Elementarbereich“ einsetzen lässt und welche spezifischen Planungsschritte dafür ← 12 | 13 →nötig sind. In einer bilingualen (deutsch-englischen) Kindertagesstätte untersucht die Verfasserin die sprachlichen Besonderheiten der Erzieherin-Kind-Interaktionen und diskutiert Aspekte der Vorbereitung und Durchführung der Datenerhebung. Im Mittelpunkt der Ausführungen stehen die Entwicklung und Reflexion eines geeigneten Aufnahmekonzepts ebenso wie datenrechtliche Überlegungen. Erste Ausblicke auf den Analyseprozess werden darüber hinaus gegeben.

Wie sich die Strategie der Triangulation mithilfe qualitativer Forschungssoftware verfolgen und unterstützen lässt, ist Thema des Grundsatzbeitrags von Claus Stefer. Anhand der Software MAXQDA 11 erörtert der Verfasser mit großem Praxisbezug das Potenzial moderner Analyseprogramme, große Datenmengen systematisch zu verwalten und unterschiedliche Forschungsmethoden zu integrieren. Nach der Darstellung einiger Grundsatzüberlegungen zur Triangulation erläutert der Verfasser einzelne Verfahrensschritte (Codierungen, Verteilungshäufigkeiten von Variablen, Joint Displays, Intercoder-Übereinstimmung) und ihre Umsetzung in der Software. Zahlreiche Screenshots illustrieren die Arbeitsweise des Programms.

Der zugehörige Praxisbeitrag „‘Are you good at reading?’ Zur Diagnosekompetenz von Englischlehrkräften“ von Laura Armbrust verdeutlicht, wie die qualitative Inhaltsanalyse sowie die Auswertungssoftware in einem fremdsprachendidaktischen Forschungsvorhaben zur Anwendung kommen. Insbesondere die wenig zufriedenstellenden Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler in den großen Bildungsstudien haben die diagnostischen Kompetenzen der Lehrkräfte auch mit Blick auf die rezeptiven Fertigkeiten in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Anhand der Daten einer fokussierten Interviewstudie, die von der Verfasserin als within-method Triangulation konzipiert wird, werden systematisch die Verfahrensschritte des Auswertungsprozesses aufgezeigt.

Der Grundsatzbeitrag „Analyse qualitativer und quantitativer Befragungsdaten mit SPSS“ von Astrid Jurecka nähert sich dem Thema Triangulation aus der Perspektive zweier prototypischer Methoden zur Befragung: dem Interview und dem Fragebogen. Die erstgenannte wird üblicherweise dem qualitativen Paradigma zugeordnet, die letztgenannte dem quantitativen. Neben einer Darstellung der klassischen Verwendungsformen beider Methoden richtet die Verfasserin ihren Blick insbesondere auf die Möglichkeiten der Quantifizierung qualitativer Daten. Anhand von Beispielen aus der Fremdsprachenforschung zeigt sie zudem auf, welche Berechnungen mit diesen Daten mittels der Software SPSS möglich sind.

Der zugehörige Praxisbeitrag von Sara Dallinger und Kathrin Jonkmann stellt eine Längsschnittstudie zum bilingualen (deutsch-englischen) Geschichtsunterricht vor: „Competencies and Motivation in the Bilingual History Classroom (COMBIH)“, in der zu zwei Messzeitpunkten quantitativ orientierte ← 13 | 14 →Erhebungsinstrumente (Kompetenztests, Fragebögen) eingesetzt werden. Im Zentrum der Überlegungen der Verfasserinnen steht die Frage, welche triangulativen Optionen sich aus ihren Datensätzen ergeben. Sie zeigen, wie sich mithilfe von Forscher- und insbesondere Datentriangulation sowohl die Strategie der Validierung als auch die Strategie der Perspektivenerweiterung verfolgen lässt.

Der abschließende Beitrag von Karin Aguado zeigt die Grenzen von Triangulationsstrategien auf und weist auf zahlreiche kritische Punkte hin, die es bei der Planung und Durchführung von triangulativ angelegten Forschungsvorhaben abzuwägen gilt. Im Zentrum der Argumentation dieses Beitrags steht die Annahme, dass das methodische Design eines jeden Forschungsprojekts zunächst aus der Gegenstandsangemessenheit der gewählten Methode(n) zu begründen ist. Diese wird nicht per defintionem durch den Ansatz der Triangulation erhöht, welcher auch nach Ansicht von Karin Aguado gelegentlich Gefahr läuft, zu einer „Modeerscheinung“ zu degenerieren. Allerdings liegen in den Anforderungen, die eine fundierte Triangulationsstrategie mit sich bringt, gerade für die Fremdsprachenforschung besondere Potenziale, kooperative Vorhaben umzusetzen und kollektive Datenbanken anzulegen, welche von einer größeren Anzahl von Forscherinnen und Forschern systematisch genutzt werden können und somit einen deutlich sichtbareren Beitrag zur Entwicklung der Forschungsleistungen der Disziplin liefern.

Mit dem abschließenden Beitrag, der gezielt auch eine kritische Sicht der zuvor recht positiv dargestellten Potenziale von Triangulation aufgreift, wird der Band in seinen unterschiedlichen Perspektiven abgerundet: Neben den Möglichkeiten, die mit der Triangulation verbunden sind, den Ausprägungen, mit denen sie umgesetzt werden kann, den Ansprüchen, denen sie genügen muss, den praktischen Entscheidungen, die zu erwägen sind, werden auch Schwierigkeiten und Einschränkungen nicht verschwiegen. Mit dieser Ausrichtung verbinden wir die Hoffnung, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie insbesondere Nachwuchskräften einen differenzierten Reflexionsrahmen zur Verfügung zu stellen, der für die Planung neuer Forschungsdesigns zahlreiche Argumente zur Verfügung stellt.

Literatur

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Göbel, Kerstin (2007). Qualität im interkulturellen Englischunterricht – eine Videostudie. Münster: Waxmann.

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← 15 | 16 →Kelle, Udo / Erzberger, Christian (2003). Quantitative und Qualitative Methoden – kein Gegensatz. In: Flick, Uwe / Kardorff von Ernst / Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. 2. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 299-309.

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Seipel, Christian / Rieker, Peter (2003). Integrative Sozialforschung. Konzepte und Methoden der qualitativen und quantitativen empirischen Forschung. Weinheim/München: Juventa.

Viebrock, Britta (2007). Bilingualer Erdkundeunterricht. Subjektive didaktische Theorien von Lehrerinnen und Lehrern. Frankfurt/Main: Lang.

Wolfson, Nessa (1986). Research methodology and the question of validity. TESOL Quarterly 20/4, 689-699.

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1 In den Beiträgen dieses Bandes werden maskuline und feminine Formen in unterschiedlicher Weise verwendet. Unter der Voraussetzung, dass jeweils beide Geschlechter gemeint sind, haben wir uns entschieden, diese Vielfalt bestehen zu lassen. Wir fühlen uns den Leitprinzipien des gender mainstreaming verpflichtet, sehen sie jedoch nicht notwendigerweise dadurch eingelöst, dass jeder maskulinen Form noch ein „/-innen“ beigefügt wird.