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Die Landesheil- und Pflegeanstalt Tiegenhof

Die nationalsozialistische "Euthanasie</I> in Polen während des Zweiten Weltkrieges

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Enno Schwanke

Die Studie beleuchtet in ihrer Analyse die Geschehnisse an der einstigen polnischen Anstalt Dziekanka, die ab 1939 mit der Einnahme durch die deutsche Wehrmacht in Tiegenhof umbenannt und zunehmend zu einer Tötungsanstalt umfunktioniert wurde. Auf Grundlage von Zeugenaussagen und Strafermittlungsakten aus dem Bundesarchiv Ludwigsburg werden die Geschehnisse in Tiegenhof von 1939 bis 1945 rekonstruiert und gleichzeitig ein Schlaglicht auf die Anfänge der nationalsozialistischen Euthanasie geworfen. Die Studie weist nach, dass der frühe Patientenmord im Reichsgau Wartheland wesentlich durch das gaueigene SS-Sonderkommando Lange, eine eigene Euthanasie-Zentrale und den überzeugten Nationalsozialisten und Reichsstatthalter Arthur Greiser bedingt war.
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2. „lebensunwertes Leben“ – Die Entstehung eines Diskurses und dessen praktische Umsetzung

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2. „lebensunwertes Leben“ – Die Entstehung eines Diskurses und dessen praktische Umsetzung

Es ist entscheidend einen Blick auf die ideologischen Grundlagen der späteren nationalsozialistischen Vernichtungsaktionen gegen psychisch, körperlich und geistig kranke oder als krank deklarierte Menschen zu werfen. Schließlich entstand die mörderische Umsetzung der „Euthanasie“ nicht von einem Tag auf den anderen, sondern war Bestandteil einer Gesellschaft, die sich bereits seit Jahrzehnten mit der „Problematik“ angeblich „minderwertiger“ Gesellschaftsmitglieder auseinandersetzte.68

Wesentlicher Dreh- und Angelpunkt ist das im 19. Jahrhundert aufkommende Interesse an Naturwissenschaften und die zunehmende Verknüpfung von biologischen Phänomenen und Gesetzmäßigkeiten mit den neuen gesellschaftlichen Lebensbedingungen, wie Industrialisierung, Urbanisierung, Pauperisierung und Verwissenschaftlichung. Während bis dato die Glaubensgewissheit von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und das sakrosankte Recht auf Leben vorherrschte, änderte sich mit dem Triumphzug der rationalistischen Aufklärung und der positivistischen Naturwissenschaften das etablierte Menschenbild. Zugleich relativierte die Tendenz einer vorrangig biologischen Betrachtung des Menschen die einstige Sonderstellung und subsumierte ihn unter die Zwangsläufigkeit naturwissenschaftlicher Beobachtungen.69 Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts waren es insbesondere Mediziner, Naturforscher und Anthropologen, die die Ungleichheit des Menschen propagierten. Sie alle fanden mehr oder minder ihre Antworten in „Theorien wie der des Malthusianismus, des Lamarckismus, der Deszendenztheorie, ihrer Adaption auf die Bedingungen des sozialen Lebens sowie der ← 27 | 28 → Rassenlehre in gesellschaftspolitischer Perspektive.“70 Ein wesentliches Leitmotiv war dabei der utopische Wunsch nach Vervollkommnung einer Art, oder aber, wie Habermas es kritisch benennt „einem unspezifischen Streben nach Höherentwicklung“71 und...

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