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Die Landesheil- und Pflegeanstalt Tiegenhof

Die nationalsozialistische "Euthanasie</I> in Polen während des Zweiten Weltkrieges

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Enno Schwanke

Die Studie beleuchtet in ihrer Analyse die Geschehnisse an der einstigen polnischen Anstalt Dziekanka, die ab 1939 mit der Einnahme durch die deutsche Wehrmacht in Tiegenhof umbenannt und zunehmend zu einer Tötungsanstalt umfunktioniert wurde. Auf Grundlage von Zeugenaussagen und Strafermittlungsakten aus dem Bundesarchiv Ludwigsburg werden die Geschehnisse in Tiegenhof von 1939 bis 1945 rekonstruiert und gleichzeitig ein Schlaglicht auf die Anfänge der nationalsozialistischen Euthanasie geworfen. Die Studie weist nach, dass der frühe Patientenmord im Reichsgau Wartheland wesentlich durch das gaueigene SS-Sonderkommando Lange, eine eigene Euthanasie-Zentrale und den überzeugten Nationalsozialisten und Reichsstatthalter Arthur Greiser bedingt war.
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6. Fazit

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6. Fazit

Im Gegensatz zu anderen Opfern nationalsozialistischer Gewaltverbrechen waren Geisteskranke und Menschen mit Behinderung schon sehr früh zur Tötung ausersehen. Prägend dabei war vor allem die biologistisch-rassistische Utopie eines gesunden, von allen Schwächen befreiten „Volkskörpers“. Die ideologischen Grundlagen hierfür waren bereits zu Beginn der Jahrhundertwende existent und erfuhren durch den Ersten Weltkrieg eine nicht unwesentliche Konjunktur. Während die Ideen zur radikalen Ausgrenzung „Minderwertiger“ durch den parlamentarischen Sieg der NSDAP 1933 zunehmend in den Bereich des Möglichen rückten, entwickelte sich die Psychiatrie in Polen zu einem der fortschrittlichsten Bereiche innerhalb der medizinischen Versorgung. Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 brach mit diesen Prinzipien, denn der Krieg bot die ideale Gelegenheit für den ideologisch motivierten Vorsatz der Krankenvernichtung. Der Krieg als „Volkstumskampf“ ausgeschrieben, richtete sich dabei nicht primär gegen den militärischen Gegner, sondern gegen die gesamte polnische Bevölkerung. In diesem Sinne waren polnische Anstaltsinsassen in doppelter Hinsicht vom rassistischen Weltbild der Besatzer betroffen. Mit der Bildung des Reichsgau Posen am 26. Oktober 1939 fielen fortan alle ehemaligen polnischen Pflegeanstalten in den Einflussbereich des im „Volkstumskampf“ erprobten Gauleiters Greiser. Zugleich formten sich innerhalb der entstehenden Gauselbstverwaltung erstmalig Strukturen, die die Vernichtung von „lebensunwerten Leben“ eigenverantwortlich vollzogen. So bildete sich unter dem Leiter Dr. Hans Friemert des Dezernates „Gesundheitswesen“ eine regelrechte Koordinierungs- und Tarnungsstelle des Krankenmordes. Die Untersuchung hat gezeigt, in welchem Maße die Gauselbstverwaltung die eigenständige Organisation und Durchführung der Patiententötungen...

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