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Die tiefenpsychologische Krankengeschichte zwischen Wissenschafts- und Weltanschauungsliteratur (1905–1952)

Eine gattungstheoretische und -historische Untersuchung

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Simone Holz

Der Band stellt erstmals eine Gattungstheorie und -historie der «tiefenpsychologischen Krankengeschichte» bereit. Konkret leistet er viererlei: Erstens liefert er durch die Darreichung eines Gattungsmodells ebenjener Untergattung der Großgattung «Krankengeschichte» einen Beitrag zur Gattungstheorie. Zweitens gewinnt er dadurch einen unkonventionellen Zugang zur Literaturgeschichtsschreibung, dass er eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen beleuchtet, die als solche gewiss nicht zum klassischen Literaturkanon gehören. Drittens versteht er sich insofern als wissenschaftshistorische Untersuchung, als er die Historie der tiefenpsychologischen Krankengeschichte als «literarisch-soziale Institution» in eine Art Dialog mit der Historie der Tiefenpsychologie als «außerliterarisch-soziale Institution» treten lässt. Und viertens schließlich stellt er einen Beitrag zur Wissenschaftsrhetorik dar.
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3 Vorklänge: Zur Genese des ärztlichen Tiefblicks

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Die Psychoanalyse ist sozusagen mit dem zwanzigsten Jahrhundert geboren; die Veröffentlichung, mit welcher sie als etwas Neues vor die Welt tritt, meine »Traumdeutung«, trägt die Jahreszahl 1900. Aber sie ist, wie selbstverständlich, nicht aus dem Stein gesprungen oder vom Himmel gefallen, sie knüpft an Älteres an, das sie fortsetzt, sie geht aus Anregungen hervor, die sie verarbeitet. So muss ihre Geschichte mit der Schilderung der Einflüsse beginnen, die für ihre Entstehung maßgebend waren, und darf auch der Zeiten und Zustände vor ihrer Schöpfung nicht vergessen (GW XIII: 405).

Mit diesen Eingangsworten erinnert das textinterne Ich der erstmals im Jahre 1928 publizierten Freud’schen Schrift »Kurzer Abriss der Psychoanalyse« nachdrücklich an die Zeit vor der Entstehung der »Psychoanalyse«, die – so lässt sich sagen – den endgültigen Übergang zur Ära der Tiefenpsychologie markiert. Und was sich hier auf die gesamte »Schöpfung« bezieht, darf ebenfalls für gewisse einzelne Textkreationen gelten, die vornehmlich dem Seelenleben einer für psychisch indisponiert erklärten historischen Person gewidmet sind. Bevor also die tiefenpsychologische Krankengeschichte ins Zentrum der Betrachtung gerückt werden soll, ist erst einmal ein Blick zurück ins 19. Jahrhundert angezeigt. Dafür mag eine Bemerkung aus Henry Ellenbergers bis heute unübertroffener Studie zur Entdeckung des Unbewußten als Anhaltspunkt dienen, welche die Entwicklungsgeschichte der Tiefenpsychologie sehr prägnant zusammenfasst:

Historisch stammt die moderne dynamische Psychotherapie von der primitiven Heilkunst ab, und es läßt sich beweisen, da...

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