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Die tiefenpsychologische Krankengeschichte zwischen Wissenschafts- und Weltanschauungsliteratur (1905–1952)

Eine gattungstheoretische und -historische Untersuchung

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Simone Holz

Der Band stellt erstmals eine Gattungstheorie und -historie der «tiefenpsychologischen Krankengeschichte» bereit. Konkret leistet er viererlei: Erstens liefert er durch die Darreichung eines Gattungsmodells ebenjener Untergattung der Großgattung «Krankengeschichte» einen Beitrag zur Gattungstheorie. Zweitens gewinnt er dadurch einen unkonventionellen Zugang zur Literaturgeschichtsschreibung, dass er eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen beleuchtet, die als solche gewiss nicht zum klassischen Literaturkanon gehören. Drittens versteht er sich insofern als wissenschaftshistorische Untersuchung, als er die Historie der tiefenpsychologischen Krankengeschichte als «literarisch-soziale Institution» in eine Art Dialog mit der Historie der Tiefenpsychologie als «außerliterarisch-soziale Institution» treten lässt. Und viertens schließlich stellt er einen Beitrag zur Wissenschaftsrhetorik dar.
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5 Eine individualpsychologische Lossagung: Alfred Adlers Die Kunst, eine Lebens- und Krankengeschichte zu lesen (1928)

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Dies Streben Adlers nach einem Platz an der Sonne hat indes auch eine Folge gehabt, welche die Psychoanalyse als wohltätig empfinden muß. Als ich nach dem Hervortreten der unvereinbaren wissenschaftlichen Gegensätze Adler zum Ausscheiden aus der Redaktion des Zentralblattes veranlaßte, verließ er auch die Vereinigung und gründete einen neuen Verein, der sich zuerst den geschmackvollen Namen »Verein für freie Psychoanalyse« beilegte. Allein die Menschen draußen, die der Analyse ferne stehen, sind offenbar so wenig geschickt, die Differenzen in den Anschauungen zweier Psychoanalytiker zu würdigen, wie wir Europäer, die Nuancen zu erkennen, welche zwei Chinesengesichter voneinander unterscheiden. Die »freie« Psychoanalyse blieb im Schatten der »offiziellen«, »orthodoxen« und wurde nur als Anhang an dieselbe abgehandelt. Da tat Adler den dankenswerten Schritt, die Verbindung mit der Psychoanalyse völlig zu lösen und seine Lehre als »Individualpsychologie« von ihr abzusondern. Es ist soviel Platz auf Gottes Erde und es ist gewiß berechtigt, daß sich jeder, der es vermag, ungehemmt auf ihr herumtummle, aber es ist nicht wünschenswert, daß man unter einem Dach zusammenwohnen bleibe, wenn man sich nicht mehr versteht und nicht mehr verträgt. Die »Individualpsychologie« Adlers ist jetzt eine der vielen psychologischen Richtungen, welche der Psychoanalyse gegnerisch sind (GW X: 95f.).

Genau wie das Eingangszitat des letzten Kapitels entstammen vorstehende Worte der berühmt-berüchtigten Schrift »Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung«, deren Original in dem anno 1914 erschienenen Nachtragsband des Jahrbuchs für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen enthalten ist. W...

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