Sprache der Generationen
2., aktualisierte Auflage
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Copyright
- Autorenangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Inhalt
- Vorwort zur 2. Auflage
- Sprache und Generation Eine soziolinguistische Perspektive auf Sprachgebrauch: Eva Neuland
- 1. Sprache und (Lebens)Alter
- 1.1 Kindersprache
- Sprachentwicklung
- Eltern-Kind-Kommunikation
- 1.2 Jugendsprache
- Jugendsprache und Erwachsenensprache
- Kommunikation in Jugendgruppen
- Doing Youth
- 1.3 Alterssprache
- Sprachgebrauch im Alter
- Kommunikation mit Älteren
- Alterskonstruktionen
- 2. Sprachgebrauch und Lebenslauf
- 2.1 Sprachliche Sozialisation
- 2.2 Sprachbiographie
- 3. Sprache und Generation
- 3.1 Dimensionen des Generationsbegriffs
- Gesellschaft
- Familie
- Generationsbeziehungen
- 3.2 Soziolinguistische Arbeitsfelder
- 3.2.1 Der gesellschaftliche Generationsbegriff in Sprachgeschichte und Sprachwandel
- 3.2.2 Der familiale Generationsbegriff in Sprachentwicklung und Sprachsozialisation
- 3.2.3 Der relationale Generationsbegriff in der intergenerationellen Kommunikation
- 3.2.4 Generationen als soziale Stereotype in Diskursanalyse und Sprachkritik
- Literatur
- I. Soziologische und psychologische Aspekte von Alter, Lebenslauf, Generation
- Generation und Wissenstraditionen in den Bildungswissenschaften: Rita Braches-Chyrek
- 1. Generation und Wissenstraditionen in den Bildungswissenschaften
- 1.1 Begriffsgeschichte
- 1.2 Disziplingeschichtliche Markierungen
- 2. Generation als relationales Konzept
- 3. Das Konzept der Generation in der empirischen Bildungsforschung
- 4. Asymmetrische oder diachronische Generationenbeziehungen?
- 5. Generationale Ordnung
- Literatur
- Absolute, relationale und historische Generationenbegriffe in der Sprachwissenschaft: Perspektiven ihrer Verwendung: Annette Gerstenberg
- 1. Einleitung
- 1.1 Drei Bedeutungen von Generation in der Sprachwissenschaft
- 1.2 Fragestellungen
- 2. Absolute Verwendung: Generation ‚Altersgruppe‘
- 3. Die relationale Chronologie der Migrations(familien)generationen
- 4. Historisch-soziologische Generationsbegriffe
- 5. Perspektiven sprachwissenschaftlicher Generationsstudien
- 5.1 Gesellschaftliche Wahrnehmung und Konturierung von Generationen
- 5.2 Sozialisationskontexte
- 5.3 Einstellungen
- 6. Ausblick
- Literatur
- Die Generation der Selbst-Orientierten und ihre vielfältigen Grenzen: Doris Bühler-Niederberger / Alexandra König
- 1. Jugend als soziologische Kategorie – verwoben mit anderen Kategorien
- 2. Theoretische Perspektive und Datenmaterial unserer Argumentation
- 3. Selbst-Projekt als generationale Erfahrung der Gemeinsamkeit und Differenz
- 4. Felder und ihre Grenzen
- a) Das Handwerk: generationales Unterstellungsverhältnis mit stark persönlicher Prägung.
- b) Das Feld der Universität: universalistisch codiertes Generationenverhältnis
- c) Das Feld der Kunst: Einmaligkeit als Enklave jenseits generationaler Grenzen
- d) Das Feld des HipHops: strategisch begrenzter Affront
- 5. Fazit
- Literatur
- Psycholinguistische Erkenntnisse zur Sprache im Alter: Bettina Lindorfer
- 1. Sprache im Alter
- 1.1. Sprache
- 1.2. Alter
- 2. Die psycholinguistische Perspektive
- 3. Sprachverarbeitung im Alter
- 4. Kognition
- 4.1. Kognition im höheren Lebensalter
- 4.1.1. Arbeitsgedächtnis
- 4.1.2. Inhibition
- 4.1.3. (Neurobiologische) Plastizität
- 5. Ausblick und Kritik: Sprachverarbeitung im höheren Lebensalter
- Literatur
- II. Kommunikation zwischen den Generationen
- Das Beziehungsgefüge zwischen den Generationen und sein Einfluss auf die intergenerationelle Kommunikation: Reinhard Fiehler
- 1. Das Beziehungsgefüge zwischen den Generationen
- 2. Bestandsaufnahme der Kommunikation zwischen den Generationen
- 3. Besonderheiten der Kommunikation im Alter: Kommunikationsinhalte, Kommunikationsstile und Kommunikationsnormen
- 4. Probleme der Kommunikation zwischen den Generationen
- 4.1 Kategoriale Behandlung, kommunikatives Präjudiz und patronisierendes Sprechen
- 4.2 Sensorisch-motorische, psychische und kognitive Beeinträchtigungen im Alter
- 5. Möglichkeiten der Erleichterung und Verbesserung der Kommunikation zwischen den Generationen
- Literatur
- Familiale Kommunikation als Spracherwerbsressource: Das Beispiel argumentativer Kompetenzen: Uta Quasthoff / Antje Krah
- 1. Einführung
- 2. Familiale Muster als Erwerbskontext
- 3. Daten
- 4. Muster familialer Argumentation
- 4.1 Fordern und Unterstützen
- 4.2. Übernehmen
- 5. Varianz interaktiver Muster zwischen den Generationen und Kompetenz des Kindes
- Literatur
- Liebeserklärungen zwischen Ernsthaftigkeit und Fiktionalisierung. Inszenierung von Leidenschaft in schriftlichen Liebesbotschaften von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen: Eva Lia Wyss
- 1. Liebesbriefe und -zettelchen von Kindern
- Kindlich universelle Emotionalität
- 2. Steigende Komplexität der Liebeskommunikation in der Adoleszenz
- Schreiben schafft Kontinuität
- 3. Übergänge zwischen jugendlichem und erwachsenen Gefühlsausdruck
- Prägnante Geräusche: Liebes-Sprachmusik
- 4. Kristallisationen der Kindlichkeit bei Erwachsenen
- Kosenamen – Verkleinerungsformen
- Inszenierung von Kindlichkeit
- 5. Fiktionalisierung, ‚verkehrte Welt‘ und Sprachlosigkeit der Liebe
- Literatur
- ‚Zwei-Welten-Texte‘ Verständigung zwischen den Generationen im Deutschunterricht: Hanne Steffin-Özlük
- 1. Einleitung
- 2. Intergenerationelle Kommunikation als Thema im Deutschunterricht
- 3. ‚Zwei-Welten-Texte‘ in Lehrwerken für den Deutschunterricht
- 3.1 Das Problem der Künstlichkeit in konstruierten Beispieltexten
- 3.2 Analysen ausgewählter neuerer Lehrwerke
- 4. Ausblick
- Literatur
- III. Generationen in der Sprachgeschichte
- Wortkampf der Generationen Zum Dialog zwischen Vater und Sohn im ‚Hildebrandslied’: Meinolf Schumacher
- 1. Generation Studies und Mediävistik
- 2. Wortkampf ‚zwischen zwei Heeren‘
- 3. ‚Ageismus’ im Frühmittelalter?
- 4. Junge Helden – alte Helden
- 5. Der Preis der Jugendlichkeitsideologie
- Literatur
- 1945 – Der Schulddiskurs als Generationenphänomen: Heidrun Kämper
- 1. Einführung
- 2. Gegenstand
- 3. Generation als „Erfahrungsgemeinschaft“ (Karl Mannheim)
- 4. Perspektiven des Generationendiskurses: Zeitreflexionen und Schuldbewertungen
- 5. Fazit
- Primärliteratur
- Sekundärliteratur
- Der Sprachgebrauch der ‚1968er‘: Antirituale und Informalisierung: Joachim Scharloth
- 1. Gibt es eine ‚68er-Generation‘?
- 2. Antirituale und Rituale des Protests: Verbale Interaktion in der 68er-Bewegung
- 3. Kommunikationsstile in der 68er-Bewegung und danach
- 4. Informalisierung
- 5. Fazit
- Literatur
- Der politische Umbruch von 1989 aus dem Blickwinkel verschiedener Generationen in Sprachbiografien: Ulla Fix / Sophia Schleichardt
- 1. Einleitung
- 2. Kulturschock ‚Wende‘ und Sprachgebrauch
- 3. Diskursthema und Diskursbeteiligte
- 4. Das Sprachbiografien-Projekt
- 5. Zwei Phasen des Sprachbiografien-Projekts
- 6. Zur ersten Phase: 1994-1996
- 7. Zur zweiten Phase: 2008-2009
- 8. Resümee
- Literatur
- IV. Generation und Sprachwandel
- Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in der deutschen Sprache: Dieter Cherubim
- 1. Das Konzept der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
- 2. Ungleichzeitigkeit und Zeitmarkierung in den Sprachen
- 3. Historische Tiefe in der deutschen Sprache
- 4. Entstehung und Weitergabe historischen Sprachwissens
- 5. Zur Wiederbelebung und Nutzung älteren Sprachguts
- 6. Sammlungen von Archaismen und Wörterbücher
- Literatur
- Jugendsprache und Sprachwandel: Sprachkreativität, Varietätengenese, Varietätentransition und Generationenidentität: Klaus Zimmermann
- 1. Theoretische Vorbemerkung
- 2. Sprachwandel innerhalb der Jugendsprache
- 2.1 Charakter und normabweichende Funktion der jugendsprachlichen Innovation
- 2.2 Sprachkreativität als Keimzelle des Sprachwandels
- 2.3 Genesesituation
- 3. Diffusion
- 4. Dimensionen der Verbreitung
- 4.1 Varietätenbegrenzung und Generationenidentität
- 4.2 Gebrauchsdauer und Binnenvarietätenwandel
- 4.3 Transgression der Varietätengrenzen
- 4.4 Der Übergang von der Jugendsprache zur Erwachsenensprache: Von der Normdurchbrechung zur Normakzeptanz
- 5. Varietätengenese und Wandel im Diasystem
- Literatur
- Junge als Anders-Sprecher? Zur Teilhabe junger Sprecher an lokalen Spracheigentümlichkeiten: Helen Christen
- 1. Jugendsprache und Sprachwandel
- 2. Anlage der empirischen Untersuchung
- 3. Fragestellung und Auswahl der Variablen
- 4. Die Realisierung der Variablen
- 4.1 Gleich- und Anders-Sprechen bei lautlichen Variablen
- 4.2 Gleich-Sprechen bei einer morphosyntaktischen Variable
- 4.3 Gleich- und Anders-Sprechen bei lexikalischen Variablen
- 5. Diskussion der Ergebnisse
- Literatur
- Anhang
- Mediennutzung heutiger Jugendlicher – Generation Facebook?: Sarah Brommer / Christa Dürscheid
- 1. Soziale Netzwerke
- 2. Aktuelle Daten zur Mediennutzung
- 2.1 Mediennutzung Jugendlicher in Deutschland
- 2.2 Mediennutzung Jugendlicher in der Schweiz
- 2.3 Generation Facebook?
- 3. Schreiben auf der Kommunikationsplattform Facebook
- 3.1 Eins-zu-Viele-Kommunikation auf Facebook
- 3.2 Eins-zu-Eins-Kommunikation auf Facebook
- 4. Facebook – eine Bühne der Selbstdarstellung?
- 4.1 Selbstdarstellung auf Facebook
- 4.2 Facebook als Mittel zur Kontaktpflege und Alltagsorganisation
- 5. Soziale Netzwerke und Sprachwandel
- Literatur
- Sprachliche ‚Mudes‘ – Wie sich unsere sprachlichen Repertoires über die Lebenszyklen hinweg verändern: Joan Pujolar
- 1. Zweisprachigkeit entlang des Lebenszyklus
- 2. Die ‚Neuen Sprecher‘ des Katalanischen
- 3. Sprachliche ‚Mudes‘
- 4. Sprachliche Wendepunkte
- 4.1 Die Grundschulmuda
- 4.2 Die Sekundarschulmuda
- 4.3 Die Universitätsmuda
- 4.4 Die Arbeitsplatzmuda
- 4.5 Mudes bei der neuen Familie
- 5. Schlussfolgerungen
- Literatur
- V. Sprachliche und mediale Konstruktionen von Lebensalter
- Generationenbilder in den Medien – Konstruktionen, Inszenierungen und Sprachbilder: Caja Thimm
- 1. Mediale Altersbilder in der Forschung
- 2. Mediale Altersbilder – vom negativen zum (über)positiven Stereotyp?
- 3. Wertewandel des Alters - Neue sprachliche und visuelle Inszenierungen
- 4. Ausdifferenzierung von Altersbildern
- Literatur
- Alt und Jung: Vom Wandel der Generationsbilder in der Werbung: Eva Neuland
- 1. Zur Einführung: Alter, Sprache und Werbung
- 1.1 Altersbilder und Generationsstereotypen in der Werbung: Werbesoziologische Perspektiven
- 1.2 Sprachgebrauch und Lebensalter in der Werbung: Linguistische Perspektiven
- 2. Entdeckung der Jüngeren in der Werbung
- 2.1 Jugendgenerationen in der Werbung: Zwischen Konsum und Protest
- 2.2 Jugendsprache und ihre medialen Konstruktionen
- 2.3 Verwendungen und Wirkungen jugendsprachlicher Elemente
- 3. Die Entdeckung der Älteren in der Werbung
- 3.1 Von den ‚unsichtbaren‘ zu den ‚defizitären Alten‘: Beschönigung von Alter als Problem und Verlust
- 3.2 Die Entdeckung der ‚jungen Alten‘: Inszenierung von Alter als Erlebnis und Gewinn
- 3.3 Zur Bedeutung von Alterssprachen
- 4. Generationsverhältnisse im Wandel?
- Literatur
- Noch nicht in die Jahre gekommen… Altersdiskriminierung als Gegenstand der Sprachkritik: Petra Balsliemke
- 1. Einleitung
- 1.1 Altern aus multidisziplinärer Sicht
- 1.2 Die Ageism-Forschung
- 2. Ausgewählte Aspekte der Sprachkritik
- 2.1 Die linguistische Sprachkritik
- 2.2 Political Correctness (PC)
- 3. Das Lexem alt im deutschen Wortschatz
- 3.1 Phraseologismen mit der Konstituente alt
- 3.2 Alter in der Parömiologie des Deutschen
- 3.3 Die Antithese alt versus jung in deutschen Sprichwörtern
- 4. Ausdrücke für die ältere Generation im aktuellen Sprachgebrauch
- 4.1 Bezeichnungen für ältere Menschen in Szene-Wörterbüchern zur Jugendsprache
- 4.2 Auswertung der Einträge von Online-Wörterbüchern zur Jugendsprache
- 5. Sprachsensibilisierung des öffentlichen Sprachbewusstseins
- Literatur
- Das Altersbild in den Programmen politischer Parteien: Karl Heinz Ramers
- 1. Zielsetzung
- 2. Textsorte ‚Parteiprogramme‘
- 2.1 Zielgruppen
- 2.2 Textsortencharakteristik
- 2.3 Ziele der Programme
- 3. Korpora
- 4. Textanalyse
- 4.1 Themenfelder
- 4.2 Das Wortfeld „alt“
- 4.3 Die Themenfelder demografischer Wandel und Alter und Pflege
- 4.3.1 Demografischer Wandel
- 4.3.2 Alter und Pflege
- 4.4 Fazit
- 5. Ausblick
- Literatur
- Internetnachweise
- Entdramatisierung der Generationenkonflikte. Zwischen Gleichheit und Depression in All-Age-und Adoleszenzromanen: Carsten Gansel
- 1. Von der Macht der Zeichen oder: Die feinen Unterschiede
- 2. Zu Aspekten der literarischen Inszenierung von Generationsbeziehungen im Adoleszenzroman – aktuelle Trends zwischen Realismus und Phantastik
- 3. Generationenbeziehungen literarisch – ein Blick zurück ins frühe 20. Jahrhundert
- 4. Postmoderne Generationenbeziehungen – asymmetrische Kommunikation umgekehrt?
- 5. „Der Rest im mir egal“ – postmoderne Verhandlungsfamilien und ihre Folgen
- Literatur
- Autorinnen und Autoren
Generation und Wissenstraditionen in den Bildungswissenschaften
Rita Braches-Chyrek
1.Generation und Wissenstraditionen in den Bildungswissenschaften
Der Begriff Generation erfüllt in den Wissenstraditionen der Bildungswissenschaften zwei zentrale Funktionen, zum einen geht es darum die Wissensgenerierung zu erforschen und zu erklären, also die Erzeugung und den Einsatz von Wissen zu einem bestimmten Zweck, zum anderen soll die Strukturierung von Wissen analysiert werden. Der Wissensgenerierung liegt ein handlungstheoretischer Generationenbegriff zugrunde, der individuelle und kollektive Wahrnehmungs- und Deutungsmuster beschreibt. Er setzt voraus, dass mit Generation ein klarer Inhalt beschrieben werden kann, oder dass sich dieser aus dem jeweiligen Kontext – Sozialisationserfahrungen, geteilte Erlebniswelten, die Selbstidentifikation mit einer beschriebenen Generation – erschließt (Krauss 1987, 105). Hier ist zu fragen, ob die Erfahrungen und Erlebnisse, die zu Generationenzusammenhängen geführt haben, sich schon in den Kindes- und Jugendphasen verdichten oder auch noch im Erwachsenenalter ausgeformt werden können. Außerdem ist zu klären, inwiefern kollektive Deutungsmuster die Lebensspanne einer Generation beeinflussen können.
Die Strukturierung von Wissen hingegen unterliegt dem epochalen Wandel historischer Erfahrungen und Erkenntnisse. Immer, wenn der Wirklichkeitsgehalt vergangener Ereignisse und Strukturen über das Erfahrungswissen ehemaliger Generationen hinausgeht, verändert sich auch das generationale Verhalten (vgl. Koselleck 1989, 146f.). Mit gesellschaftlich gesetzten Altersaufteilungen wird versucht das Verhältnis und die Grenzen zwischen den Generationen zu determinieren. Die dadurch produzierte gesellschaftliche Ordnung dient der Legitimation von Macht- und Herrschaftsverhältnissen, wie der Widerstreit zwischen historischen, pädagogischen und politischen Programmen zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigt. Es gilt also nicht zu analysieren,
„ob es so etwas wie Generation und Generationen gibt, [....] sondern mit welchem Interesse und in welcher Weise ihr Vorhandensein jeweils deklariert oder konstruiert wird“ (Parnes/Vedder/Willer 2008, 20; 83; vgl. Kauss 1987, 107).
Insbesondere in den gesellschaftlichen Bereichen der Erziehung und Bildung wurde durch das Generationenkonzept eine Trennung und Entgegensetzung von Alt und Jung eingeführt und damit ein Konkurrenzprinzip erschaffen, das sich in ← 35 | 36 → Familienkonstruktionen und flankierend dazu im bürgerlichen (Erb-)Recht manifestierte. Das Generationenkonzept stellt dabei eine gesellschaftliche Form der Kulturvermittlung von Älteren zu Jüngeren dar, die sich in der Vermittlung von Individuum und Gemeinschaft konkretisieren konnte (Schleiermacher 2000a, 9f.), dessen Begriffsgeschichte, Relevanz und gesellschaftliche Funktionszusammenhänge im Folgenden entfaltet werden sollen.
1.1Begriffsgeschichte
Der Begriff Generation ist ein übersetztes Wort1 und bis heute von unterschiedlichen Bedeutungen geprägt. Mit dem Begriff Generation werden Zeitgenossenschaften, Entwicklungsstufen und Geschlechterfolgen im Kontext von Gesellschafts- und Familienverhältnissen beschrieben (Strich 1960, 9f.). Die Geschichte des Wortes, des Begriffes und der Metapher Generation ist selbst ein genealogischer, generativer Vorgang. Das Wort Generation hat seinen Ursprung in der lateinischen, griechischen und hebräischen und später französischen Sprache und war bis in das 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum ein Fremdwort. Es wurde übersetzt mit den Begriffen Geschlecht, Menschenalter, Zeugung oder Erzeugung. Erst im 20. Jahrhundert bezeichnete Generation die Nachkommenschaft, also die Gesamtheit aller um dieselbe Zeit geborenen Menschen einer Entwicklungsstufe (Parnes/Vedder/Willer 2008, 25f.). Seit Beginn des 21. Jahrhunderts werden technische Produktreihen durch den Begriff Generation gekennzeichnet, wie beispielsweise in der Informationstechnologie. Die Rekonstruktion der Begriffsgeschichte Generation zeigt also erstens ein Phänomen der Anderssprachigkeit und zweitens die Möglichkeiten ein fremdsprachiges Wort zu übersetzten und in die Sprache – später auch die Alltagssprache – einzupflegen. Dementsprechend kann festgehalten werden, dass Wortgeschichte in der Rekonstruktion und Interpretation entsteht, durch sprachliche Akte, Markierungen und Abstufungen der vormals komplexen Wortverbindungen. Erst die Beschäftigung mit der Wort- und Begriffsgeschichte offenbart die Mechanismen der Übertragungs- und Metapherngeschichte in einer Gesellschaft. Diese Auseinandersetzung mit den einzelsprachlichen Zusammenhängen von Generation weist auf Doppeldeutigkeiten hin, die mit den Begriffen Generativität und Gattung, Synchronie und Diachronie, Zeugung und Abstammung, Gleichzeitigkeit und Nachzeitigkeit umschrieben werden können (vgl. Parnes/Vedder/Willer 2008, 39). Insbesondere im Kontext von Bildung und Erziehung zeigt sich, dass mit der Dauer, dem Wandel und der Neuheit des Generationenbegriffes sowohl ← 36 | 37 → vergangene Tatbestände, Zusammenhänge als auch Prozesse beschrieben werden (Kosellek 1989, 109f.).
1.2Disziplingeschichtliche Markierungen
In den gesellschaftlichen Bereichen der Erziehung und Bildung wurde mit dem Konzept der Generation eine Austauschbeziehung beschrieben, in der Wissen als wechselseitige Erkenntnis und Beförderung von Mensch und Menschheit weitergegeben wird (Lessing 1780). Dabei stehen nicht die einzelnen Akteure im Mittelpunkt des Erziehungsprozesses sondern die Generation. In der Kant’schen Vorlesungsreihe zur Pädagogik wird Erziehung als Kunst beschrieben
„[…] deren Ausübung durch viele Generationen vervollkommnet werden muß. Jede Generation, versehen mit den Kenntnissen der vorhergehenden, kann immer mehr eine Erziehung zu Stande bringen, die alle Naturanlagen des Menschen proportionierlich und zweckmäßig entwickelt, und so die ganze Menschengattung zu ihrer Bestimmung führt“ (1803, 14).
Erziehung wird zum Bindeglied zwischen den Generationen. Kant ist jedoch auch der Auffassung, dass die natürliche Weitergabe von Wissen von Generation zu Generation der professionellen pädagogischen Einflussnahme bedarf, um die Individuen zielgerichtet zum Guten zu erziehen. Sie sollen befähigt werden unter den Bedingungen ihres Verstandes Natur und Geschichte wahrzunehmen, damit sie sich zur Natur und Geschichte ins Verhältnis setzten können. Geschichte entsteht nach Kant erst dann, wenn der Mensch handelt und wenn er sich zum gesellschaftlichen Geschehen – wie auch zum Überlieferten – ins Verhältnis setzt. Geschichte ist also immer an Freiheit gebunden und auf diese Freiheit gründet sich die Bildsamkeit des Menschen. Bildung ist hier in der Abgrenzung zur Erziehung eine Theorie der Aufklärung des ganzen Menschen, die von Generation zu Generation weitergetragen werden soll:
„Kurz er soll nicht Gedanken sondern denken lernen; man soll ihn nicht tragen sondern leiten, wenn man will, dass er in Zukunft von sich selbsten zu gehen geschickt sein soll“ (Kant 1883, 290).
Die hier formulierte Eigenständigkeit und Reflexivität als Ziel von Erziehungstätigkeit, als innere und äußere Aneignung und Vermittlung von Urteilsfähigkeit, theoretischer und praktischer Kenntnisse, als zielbestimmter Prozess des inneren Selbstbildens, kann und soll durch jede Generation neu umgesetzt, verändert und weiterentwickelt werden. Schleiermacher entwickelte diese Gedanken weiter zu einer Theorie der Pädagogik, die ← 37 | 38 →
„[…] von dem Verhältnisse der älteren Generation zur jüngeren ausgehend sich die Frage stellt: Was will denn eigentlich die ältere mit der jüngeren Generation? Wie wird die Tätigkeit dem Zweck, wie das Resultat der Tätigkeit entsprechen? Auf dieser Grundlage des Verhältnisses der älteren zur jüngeren Generation, was der einen in Beziehung auf die andere obliegt, bauen wir alles, was in das Gebiet dieser Theorie fällt“ (2000a, 9).
Verwoben mit den Kernfragen der systematischen Pädagogik rahmt diese Konzeption von Generation die wissenschaftliche Pädagogik, indem sie die gesellschaftlichen Formen der Kultur- und Wissensvermittlung der älteren an die jüngere Generation beschreibt. Pädagogik konstituiert sich seit den theoretischen Erkenntnissen Schleiermachers eher als eine handlungsorientierte Disziplin, die der Aufklärung und Unterstützung von gelingender Praxis durch Bildung dient (2000, IX). Schleiermachers Überlegungen leiteten den Beginn professioneller erziehungswissenschaftlicher Ausdrucksformen, Konzepte und Theorien ein – wie sie sich bspw. bei Diltheys Analysen zur Erziehungswirklichkeit, in der Kindergartenpädagogik bei Pestalozzi und Fröbel oder in der Schul- und Reformpädagogik, bei Herbart, Peterson und Montessori wieder finden – und dazu führten, dass die Institutionalisierung von Kindheit und Jugend in Form einer Pädagogisierung intergenerationaler Verhältnisse durchgesetzt werden konnte.
2.Generation als relationales Konzept
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es Karl Mannheim in einer wissenssoziologischen Analyse und Kritik der vielfältigen generationalen Diskurse den Begriff der Generation auf wenige elementare Positionen einzugrenzen, um eine „formal-soziologische Klärung der Unterschiede“ zu ermöglichen (Mannheim 1964, 553). Theoretisch gerahmt durch die Definition von Gesellschaft als historisch-sozialer Raum, konnte er die Begriffe Generationslagerung, Generationszusammenhang und Generationseinheit definieren und in Beziehung setzen (vgl. Braches-Chyrek 2011, 33 f.; Braches-Chyrek 2010). Als Generationslagerung wird in einer festgelegten historischen Epoche die Zugehörigkeit von Individuen zu einer bestimmten Lebensgemeinschaft definiert, die sich in gemeinsamen Verhaltens-, Gefühls-, und Denkweisen konkretisieren. Der Generationenzusammenhang beschreibt die reale Verbindung zwischen den Individuen. Karl Mannheim konstatiert hier einen gemeinsamen „sozialen und geistigen Gehalt“ in den Beziehungen der einzelnen Akteure, eine einheitliche Orientierung und Partizipation an den geistigen Strömungen in einer gesellschaftlichen Entwicklungsperiode. Mit der Generationeneinheit werden die Sozialisationsbedingungen der Individuen in einer sozialen Gruppe expliziert und ihre Reaktionen auf die Probleme in einer bestimmten Epoche als auch ihre Verarbeitungsmöglich ← 38 | 39 → keiten beschrieben, gleichzeitig bestimmen homogene Leitgedanken und Interessen der sozialen Gruppe die Intensität ihrer Beziehungen (Mannheim 1964, 509f.). Diese durch Karl Mannheim begonnene funktionale Verwendung von Generation als metahistorischer Begriff, als historiographische Einheit und als biologische Kategorie lässt sich bis heute in den unterschiedlichen Deutungsmustern, geschichtlichen Rhythmen und dem Bestreben Ordnungskategorien bzw. generelle Gesetze zu entwickeln, nachzeichnen (vgl. Mannheim 1964, 511; Krauss 1983, 97 f.; Dilthey 1992, 79f.). Trotz des hohen Erkenntnispotentials der grundsätzlichen theoretischen Annahmen von Karl Mannheim ergeben sich Schwierigkeiten bei der erziehungswissenschaftlichen und historiografischen Anwendung der Kategorie Generation, da die Identifikation von historischen Generationen den Gegensatz von Gleichzeitigkeit und Nachzeitigkeit unberücksichtigt lässt und stratifikatorische soziale Differenzierungen und Mobilisierungen analytisch nicht erfasst. Erst wenn Generation als relationales Konzept aufgefasst wird, können diese Unterscheidungsmerkmale analysiert werden2. Es bleibt zu klären, ob die empirische Bildungsforschung im Kontext von Längsschnittanalysen, multiperspektivischen und multimethodischen Vorgehensweisen hier eine Perspektive bietet, die generationalen Klassifizierungsschemata, die in die Vermittlungsmöglichkeiten von Gesellschaftsverhältnissen und Erziehungsprozessen eingelassen sind, herauszuarbeiten.
3.Das Konzept der Generation in der empirischen Bildungsforschung
In der empirischen Bildungsforschung dient das Konzept der Generation dazu, eine bestimmte ‚Zeiterfahrung‘ zu beschreiben, die gleichfalls mit Fortschritt, Innovation und Beschleunigung verknüpft wird sowie als ‚Naturerfahrung‘ in den Kontext geschichtlicher Ereignisse eingebunden werden kann, wie beispielsweise in Untersuchungen zu den ‚Halbstarken‘, der ‚Baby-Boom-Generation‘, den ‚68ern‘ oder der ‚Generation X bzw. Y‘ (vgl. Parnes/Vedder/Willer 2008, 25; vgl. Kohli 2009, 232). Die hier verwendeten modernen Generationenbegriffe weisen ambivalente Ausprägungen im genealogischen Denken und Wissen auf, die sich zwischen den Polen von Entstehung und Entstandenem, Zeugung und Erzeugtem bewegen (Parnes/Vedder/Willer 2008, 41). Im Kontext der Begriffe Herkunft und Ähnlichkeit wird ein doppeltes genealogisches Interesse analysiert, das sich gleichzeitig in zwei idealtypischen Konstruktionsweisen von Zeitlichkeit im Generationenkonzept widerspiegelt. Zum einen werden Generationen i. S. einer Zeitgenossenschaft analysiert, die nicht ← 39 | 40 → nur eine natürliche Gegebenheit und ein hinzunehmendes Schicksal ist, sondern auch eine Pflicht und Bestimmung, eine geistige Forderung, deren Verwirklichung das Angesicht der Welt verwandeln könnte (Strich 1960, 9f.). Mit Generation wird hier also eine kohärente Altersgruppe beschrieben, die in der tätigen Zusammenwirkung, der wirklichen Begegnung, im Gedankenaustausch und im gemeinsamen Gespräch ein gleiches Ziel verbindet. Ihre Erfahrungen, Denkweisen, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster sozialer Wirklichkeit, deren Verarbeitungsformen und Subjektivitätsvorstellungen sind Gegenstand der empirischen Bildungsforschung. Generation wird zu einer Ordnungskategorie, mit der Selbst- und Fremdbeschreibungen erfasst und analysiert werden sollen (Kraul/Merkens 2011, 53f.). Zum anderen geht es um die Strukturierung von Wissen und Denktraditionen in den Bildungswissenschaften, die sich in Generationenverhältnissen widerspiegeln. Dabei steht die Analyse des Verhältnisses von Gesellschaftssystem und Erziehung, deren Organisationen, Mittel und Ideologien im Vordergrund. Das Hauptaugenmerk liegt also auf der Erziehung, der gesellschaftliche wie individuelle Bedeutung zukommt. Insbesondere die quantitative Bildungsforschung hat sich auf die Erforschung von Problemen, die aus dem Generationszusammenhang entstehen, konzentriert. In der Mehrzahl der bisher durchgeführten Querschnittsuntersuchungen – zu nennen sind beispielsweise die Shell-Jugendstudien, das Kinderpanel oder die World Vision Studien – geht es darum, durchschnittliche Akteure, die eine „Generation“ bilden, zu identifizieren und gemeinsame Merkmale, eine einheitliche Orientierung und Partizipation an den geistigen Strömungen in einer gesellschaftlichen Entwicklungsperiode herauszuarbeiten (vgl. Mannheim 1964). In diesen Kohortenstudien werden auf der Meso- bzw. Makroebene die Generationenverhältnisse, die sich in den sozialen Differenzierungen der Klassenlagen, Geschlechterzugehörigkeiten und Ethnizität zeigen, beschrieben.
In der qualitativen Bildungsforschung wird die Mikroebene der Generationenbeziehungen – Binnenperspektiven in Familien und Generationenkonflikte – untersucht (vgl. Chisholm 2005; Kraul/Merkens 2011, 53f.). Es interessieren die Sozialisationsbedingungen der Individuen in den Generationeneinheiten. In einer sozialen Gruppe werden ihre Reaktionen auf die Probleme in einer bestimmten Epoche als auch ihre Verarbeitungsmöglichkeiten expliziert, die durch homogene Leitgedanken und Interessen sowie der Intensität der Beziehungen innerhalb der sozialen Gruppen bestimmt werden (Mannheim 1964, 509f.). Im Kontext der Herausarbeitung von Subjektivitätsvorstellungen können Vermittlungsmöglichkeiten von Gesellschaftsverhältnissen und Erziehungsprozessen, die sich in den Beziehungen zwischen den Generationen, in den sozialen und zeitlichen Positionierungen zu einer Generation offenbaren, dargestellt werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Tradierung beziehungsweise die Transmissi ← 40 | 41 → on von Wissen, Werten und Einstellungen, Erfahrungen und Verarbeitungsmustern – geformt durch die Koppelung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg (vgl. Fend 2009, 83). Die Frage, unter welchen Bedingungen generationale Begrenzungen und Mobilisierungen als auch die Beziehungen von Generationen zu anderen gesellschaftlichen Wirkungs- und Erfahrungsbereichen konkretisiert werden können, stellt sich nach wie vor, wie die Diskussionen um Generationenkonflikte – als Modus ethnischer Identität, als Topos von Alters- und Geschlechterdifferenzen – zeigen (vgl. Braches-Chyrek 2011).
4.Asymmetrische oder diachronische Generationenbeziehungen?
Theoretisch und politisch modernisiert wurde das Generationenkonzept durch die Konstruktion von Generationenbeziehungen als Kontinuitäts- und Konfliktmodell. Verdichtet in den Diskursen zum ‚generation gap‘ werden Geschlechter- als auch Altersdifferenzen sowie Konflikte zwischen den Kulturen und Klassen analysiert (Mead 1972; Kohli 2009; Armrhein/Schüler 2005). Ungleiche Machtverhältnisse führen zu tiefen Divergenzen zwischen den Generationen, sie stellen „[…] eine überwindbare Spaltung zwischen zwei Gruppen, die nicht dieselben Werke, ästhetischen Kriterien oder Technologien teilen […]“ (Parnes/Vedder/Willer 2008, 260) dar. Die vorwiegend in westlichen Kulturen getroffene Feststellung, dass es eine grundlegende Asymmetrie von Macht und Autorität in den Interaktionen zwischen den unterschiedlichen Altersgruppen gibt, schreibt den altersheterogenen Beziehungen eine wichtige Funktion für die Übermittlung des sozialen Erbes und die Aufrechterhaltung der sozialen Kontinuität von Gesellschaften zu. Shmuel Noah Eisenstadt kritisierte in seinen theoretischen Ausführungen zum Verhältnis der Generationen den eurozentrischen Blick auf Generationenkonflikte und diskutierte unterschiedliche Möglichkeiten, wie Gesellschaften diese Konflikte lösen können (1971). Dabei spielt die Familie eine besondere Rolle, da sie der
„[…] bevorzugte Ort[e] der Akkumulation von Kapital aller Sorten und seiner Weitergabe von Generation zu Generation [ist R.B-C.]: Sie wahrt ihre Einheit für die Weitergabe und durch die Weitergabe, um weitergeben zu können und weil sie weitergeben kann. Sie ist das wichtigste Subjekt der Reproduktionsstrategien“ (Bourdieu 1998, 132; vgl. Bourdieu 1987, 241f.).
Erst die besonderen Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder haben und die gleichzeitig damit verbundene Notwendigkeit der Kinder, auf die Erwartungen zu reagieren, lassen Generationenkonflikte entstehen. Zugleich wird dem Vater eine unbewusste Haltung und Verpflichtung zugeschrieben, der Träger der Idee der Generation zu sein. Bis heute sind die erbrechtlichen Regelungen im Bürger ← 41 | 42 → lichen Gesetzbuch – deren Ursprünge auf die Verschmelzung germanischer und römischer Traditionen zurückgehen – eng mit dem Topos von Familiensolidarität verknüpft (vgl. Preuß 2009, 197). Die Abstammungslinie entscheidet über die Weitergabe von symbolischem, kulturellem, sozialem und ökonomischem Kapital in den Familien, die emotionale und expressive Bindung von Kindern an ihre Eltern spielt eine eher nachgeordnete Rolle. Das Generationenkonzept wird zur symbolischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Zuschreibungskategorie (vgl. Sünker/Bühler-Niederberger 2006). Im Bildungssystem zeigt sich die Wirksamkeit dieser Legitimationsarbeit. Die strukturelle Dequalifizierung ganzer Generationen durch die inflationäre Entwertung der Bildungstitel werden als Generationenkonflikte erlebt, obwohl es Konflikte um Segregierungsstrategien und Altersgrenzen sind (vgl. Hamburger 2011, 93). Es geht „[…] um die Grenzen zwischen den Altern, deren Objekt die Weitergabe der Macht und der Privilegien an die nächste Generation ist“ (Bourdieu 1993, 146).
Die Konstruktion von Generationenbeziehungen als Kontinuitätsmodell geht demgegenüber von der Annahme aus, dass Generationenbeziehungen in Familien für die Individuen eine umfassende Bedeutung aufgrund von prägenden und stark bindenden Erfahrungen – in den i.d.R. lebenslangen Beziehungen – haben. Dabei prägen normative, weitgehend diachrone Erwartungen der Reziprozität und Solidarität die innerfamilialen Beziehungen, sie dienen für die eigene identitäre Verankerung als symbolischer Horizont (Kohli 2009, 232). Die stetige Aktualität der Generationenbeziehungen zeigt in einer historischen Reflexion, dass sich die privaten Lebensformen stark verändert haben, deshalb müssen Fragen nach dem Zusammenhang von Familie und Generationenbeziehung im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen immer wieder neu gestellt werden. Die Ergebnisse der neueren – vielfach interdisziplinär ausgerichteten – familienwissenschaftlichen Forschung lassen sowohl eine konzeptuelle wie auch semiotisch-semantische und strukturelle Erweiterung von Familien erkennen (vgl. Lange/Lettke 2007). Hier wird das Generationenkonzept genutzt um durch ein erweitertes Verständnis von Familie einen reflektierteren Umgang mit Begriffen, Sachverhalten und Forschungsergebnissen in wissenschaftstheoretischen Diskursen zu ermöglichen. Eckard Voland hat beispielsweise in einer evolutionsbiologischen Analyse im Kontext zweier Hypothesen – der ‚embodied capital hypothesis‘ und der ‚Großmutterhypothese‘ – festgestellt, dass vorrangig das weibliche Geschlecht für die evolutionäre Verlängerung der Lebensspanne verantwortlich ist (2009, 31f.). Durch diese Analysen der generativen familialen Praxen, der deskriptiven und theoretischen Betrachtung von Transmissionsprozessen in Familien konnten hohe Kontinuitäten im Hinblick auf Werthaltungen und Weltorientierungen und der intensiven Förderung der Bildungslaufbahn wie auch kultureller Orientierungen herausgearbeitet werden (Lange/Lettke 2007). ← 42 | 43 → Ausgehend von der Annahme, dass erst das Verständnis von Erziehung und Bildung als Dialog der Generationen zur wechselseitigen Anerkennung der beteiligten Akteure führt, macht neue Aushandlungsprozesse in Bezug auf unterschiedliche Lebensperspektiven möglich. Folgende Positionen können zusammengefasst werden (vgl. Brumlik 1995; Ecarius 2008; Liegle 2009).
•Die sozialen Logiken der Erziehungsprozesse von Vermittlung und Aneignung bilden eine spannungsreiche Einheit, die sich insbesondere darin offenbart, dass kein kausaler Zusammenhang zwischen Absicht und Erfolg hergestellt werden kann. Die Wirkung von Erziehung und Bildung ist immer offen, was zum einen zeigt, dass Erziehungserfolg nicht kalkulierbar ist, zum anderen werden Veränderungen von Traditionen und kulturellem Erbe möglich. Durch Prozesse der Übernahme von Wissen, Verhaltensweisen, Werten, Einstellungen und Verarbeitungsmustern wird das Übernommene selbst verändert. Die Bezugsrahmen der Identitätsbildung werden erweitert und weiter ausgedeutet und ermöglichen die Herausbildung von kritischen und konstruktiven Perspektiven (Mead 1987, 221 und 241f.).
•Die bisher analysierten Konstruktionsprozesse von Generationenbeziehungen als Kontinuitäts- und Konfliktmodelle lassen im Kontext zunehmender Schrumpfung und Erweiterung von Familien (dem Auseinanderfallen von Partnerschaft und Elternschaft) als auch Generationenfolgen (Anstieg der Zahl gleichzeitig lebender Generationen) eher auf neue Dynamiken und Heterogenitäten schließen, deren allgemeingültiger Gehalt jedoch in empirischen Untersuchungen überprüft werden muss (vgl. Lange/Lettke 2007, 14f.).
•Der fortschreitenden Institutionalisierung und Pädagogisierung intergenerationaler Verhältnisse liegt ein dynamisches Spannungsverhältnis zugrunde, dass eine Relativierung altersbezogener Zugehörigkeitsordnungen und damit eben auch der pädagogischen Generationenverhältnisse möglich werden lässt (Brumlik 1995).
•Wohlfahrtsstaatliche Leistungen und familiäre Transferleistungen bestimmen die Rahmenbedingungen für die Generationenbeziehungen, sie werden zum Fokus gemeinsamer Interessen und damit zur Basis kollektiver Mobilisierung und/oder Integration (Kohli 2009, 235; vgl. Blome/Keck/Alber 2008; Hamburger 2011).
Dementsprechend sind die Konstruktionen von Generationenbeziehungen als Kontinuitäts- und Konfliktmodell unmittelbar eingelassen in die Frage nach Generationengerechtigkeit (Brumlik 1995; Kohli 2009). Generationendifferenzen gehen mit anderen Dimensionen sozialer Ungleichheit einher, daher kann der ← 43 | 44 → Generationenbegriff in gesellschaftlichen wie auch in familialen Kontexten nur als machtbezogene Relation gedeutet werden.
5.Generationale Ordnung
Das Generationenkonzept ist in den Bildungswissenschaften eine verbreitete Zuschreibungskategorie, mit der Kontinuitäten und Veränderungen in Gesellschaften analysiert werden können. Es dient als symbolischer und historischer Bezugsrahmen für individuelle Biographien und Sozialisationsprozesse wie auch zur Strukturierung von Wissen und damit eben auch der Legitimation von Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Da das Zusammenspiel von sozialen Lagen, Weltanschauungen und alltäglichen Handlungen auf gesellschaftliche Verhältnisse strukturierend einwirkt, müssen Prozesse der generationalen Ordnung auf der Makroebene identifiziert werden, um die strukturellen Diskrepanzen zwischen den individuellen und gesellschaftlichen Potentialen beschreiben zu können. Zentral ist die Frage, welchen Anteil die gesellschaftlichen Akteure selbst an der Transmission von strukturellen und strukturierenden Phänomenen haben, d.h. inwieweit die Individuen von strukturierenden Formen, Kulturen, Räumen, sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhängen und (Gesellschafts-) Politiken geprägt sind. Was im gelebten Alltag der Individuen beobachtet wird, soll in Bezug auf gesamtgesellschaftliche Ordnungen gesetzt werden. Soziale Strukturen und soziale Prozesse müssen dementsprechend auf der Makroebene identifiziert werden, um die gemeinsam vereinheitlichenden Merkmale, die in das Alltagsleben und die Lebensbedingungen der Individuen hineinwirken, bestimmen und im Wechselspiel zu anderen sozialen Strukturen analysieren zu können (vgl. Alanen 2005).
Details
- Seiten
- 440
- Erscheinungsjahr
- 2015
- ISBN (Hardcover)
- 9783631651445
- ISBN (PDF)
- 9783653043228
- ISBN (MOBI)
- 9783653986617
- ISBN (ePUB)
- 9783653986624
- DOI
- 10.3726/978-3-653-04322-8
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2014 (Dezember)
- Schlagworte
- Sprachbiographie Sprachgebrauch Jugendsprache Alterssprache Sprachwandel
- Erschienen
- Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 440 S., 20 s/w Abb., 16 Tab.
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