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Die Entstehung des modernen Erziehungsdenkens aus der europäischen Expansion

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Susanne Spieker

Die erziehungshistorische Forschung richtet ihre Analysen meist auf den Nationalstaat des 19. und 20. Jahrhunderts. Wird ihr Narrativ näher beleuchtet, zeigt sich eine Gründungserzählung, die den eigenen Forschungsbereich als Teil Europas und des Westens konstruiert. Die Autorin veranschaulicht mit zwei Studien zur Frühen Neuzeit den Beitrag der europäischen Expansion zur Herausbildung modernen Erziehungsdenkens: Bernardino de Sahagún (1499-1590) und John Locke (1632-1704) waren auf je unterschiedliche Weise an der Kolonialisierung Amerikas beteiligt. Neuere Ideengeschichte und Globalgeschichte leiten die Untersuchung; umfassend berücksichtigt werden zeitgenössische Kontexte und globale Verflechtungen. Spiekers Analyse führt im Ergebnis zu einer neuen Erzählung über Erziehung in der Moderne.
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3. Erziehungsdenken in der spanischen Expansion – Bernardino de Sahagúns Historia general

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Dem lange bedeutsamen Entdeckungsparadigma zufolge löst sich das Denken in der Frühen Neuzeit unwiederbringlich vom Althergebrachten; die neue Weltregion mit ihren Bewohnern wurde für viele zum „Musterfall für die Herausforderung durch das Fremde und Unbekannte“ (Burghartz 2004, 183). Das resultierende „Fortschrittsmodell“ (ebd.) begründete über lange Zeit hinweg die radikale Wende vom alten zum neuen Denken, trennte ein finsteres Mittelalter von einer strahlenden Neuzeit. Das Modell des Fortschritts zeigte sich, so Burghartz, schon beim Engländer Francis Bacon, der die Bedeutung von Erfahrung und Empirie hervorhob und sie für ausreichend hielt, die Welt zu erklären. Der Zusammenhang von Empirie und Imperium (Brendecke) findet sich aber nicht, wie gemeinhin angenommen, erst in der frühen Phase der englischen Expansion begründet, sondern hatte ihre Vorläufer in Spanien. England „sah zu Spanien auf und hatte begonnen, Spaniens Vorgehen in der Neuen Welt intensiv zu beobachten und teilweise zu kopieren“ (Brendecke 2009, 11). Dies trifft auch für Bacon zu. Schon das Titelbild zur Instauratio Magna (London, 1620) nimmt auf das Wappen Karls V. Bezug und die Einwohner New Atlantis’ kommunizieren in Spanisch (vgl. ebd.). Ein Blick in die frühe Phase der spanischen Kolonialzeit lohnt sich daher im Hinblick auf mögliche Vorläufer moderner empirischer Forschung und auf das in diesem Zusammenhang diskutierte Erziehungsdenken. Der Blick auf die Quellenschriften dieser Übergangszeit offenbart einen komplexen Prozess, der über die einfache Abkehr von überkommenen Denkmustern hinausgeht. Vielmehr bestand eine vielschichtige Wechselwirkung zwischen neuem und altem Wissen....

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