Show Less
Restricted access

Laboratorium der Moderne. Ideenzirkulation im Wilhelminischen Reich- Laboratoire de la modernité. Circulation des idées à l'ère wilhelminienne

Series:

Uwe Puschner, Christina Stange-Fayos and Katja Wimmer

Der Kaiser und seine Untertanen suggerieren vordergründig eine Uniformität der wilhelminischen Gesellschaft mit einer charakteristischen Leitkultur. Bei näherem Hinsehen erweist sich die wilhelminische Gesellschaft jedoch als ebenso hochgradig fragmentiert wie vielgestaltig und dynamisch. Gegenkulturen bestanden in nahezu allen gesellschaftlichen Milieus, vor allem aber im Bildungsbürgertum. Leitkultur und Gegenkulturen stehen im wilhelminischen Zeitalter und darüber hinaus in vielfältigen Wechselbeziehungen: sie agieren gegen- und miteinander. Gegenkulturelles Denken kann sich in der Leitkultur wenn nicht unbedingt etablieren, so doch zumindest Aufmerksamkeit gewinnen, mitunter auch Raum schaffen und die Leitkultur verändern. Sichtbar werden gleichermaßen wechselseitige Austausch- und Veränderungsprozesse. Vor dem Hintergrund der wilhelminischen Epoche als vielgestaltiger dynamischer Umbruchzeit wirkten die behandelten Phänomene graduell unterschiedlich in die Gesellschaft zurück und konnten mitunter noch im Wilhelminischen Reich oder in der Folgezeit Teil des mainstreams werden. Anhand dieser Beobachtungen sowie des Titels ordnet der Sammelband die wilhelminische Zeit in den weiteren historischen Kontext der Epoche der Klassischen Moderne ein.
L’empereur et ses sujets font surgir l’image d’une culture unique et uniforme de la société wilhelminienne. Cependant, à y regarder de plus près, cette société possède des visages variés, elle s’avère être hautement fragmentée et elle est traversée par des dynamiques multiples. Dans presque tous les milieux, mais en particulier dans la bourgeoisie intellectuelle, se développent des contre-cultures. A l’époque wilhelminienne, les contre-cultures traduisent les conflits avec la culture dominante à laquelle elles tentent d’opposer leur point de vue. Il en ressort une interaction riche de tensions, d’échanges, se déclinant tantôt sur le mode de la confrontation, tantôt sur le mode de la coopération : si la pensée des contre-cultures ne parvient pas forcément à s’imposer, elle n’en réussit pas moins à attirer l’attention, à créer un nouvel espace, voire à modifier la culture dominante. Des processus d’échange et de transformation réciproques caractérisent cette époque en plein bouleversement. Les phénomènes analysés ont eu des répercussions sur la société et ont pu devenir partie intégrante du mainstream, que ce soit pendant l’ère wilhelminienne à proprement parler ou pendant les périodes postérieures. Ce sont ces considérations dont le titre de ce volume tient compte, notamment afin de mettre en relation l’époque wilhelminienne avec la problématique de la modernité classique.
Show Summary Details
Restricted access

Vorwort

Extract



„Nie hat eine Epoche mit größerem Recht den Namen ihres Monarchen geführt“, resümierte Walther Rathenau in seiner scharfsichtigen – wie es im Untertitel heißt – „Betrachtung“ Der Kaiser aus dem Jahr 1919. Er sprach von der „Wilhelminischen Epoche“, die – im Urteil Rathenaus – „mehr am Kaiser verschuldet [hat] als der Monarch an ihr.“1 Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendete Heinrich Mann seinen gesellschaftskritischen Epochenroman Der Untertan. Dieser prägte und prägt immer noch in der deutschen und außerdeutschen Öffentlichkeit maßgeblich die Vorstellungen und Urteile über das Vierteljahrhundert nach dem Ende der Ära Bismarck von 1890 bis 1914/18, von der Wilhelminischen Epoche. Der Kaiser und sein(e) Untertan(en) suggerieren vordergründig eine Uniformität der wilhelminischen Gesellschaft. Bei näherem Hinsehen erweisen sich Epoche und Gesellschaft jedoch als ebenso hochgradig fragmentiert wie vielgestaltig und nicht zuletzt von spannungs- und konfliktreichen dynamischen Veränderungsprozessen gekennzeichnet. Die Zeitgenossen nahmen diese sensibel war, wenn sie in einem vielstimmigen Chor die Unbehaglichkeit ihres „Zeitalter[s]“ thematisierten2 oder sich mit Hermann Conradi als „Uebergangsmenschen“ verstanden.3



Die Berliner Straßenszene aus dem Jahr 1907, der amüsiert dreinblickende Polizist mit Pickelhaube und der schnellen Schrittes vorbeieilende langhaarige und bärtige „Naturmensch“ in zeittypischer Reformkleidung, fängt die Parallelitäten der epochalen Vielfalt in ihrer Gegenläufigkeit eindringlich ein. ← 7 | 8 →

Hieraus resultierten eine exorbitante Ideenproduktion und -zirkulation und damit verbunden in ihrer Struktur und in ihren Anliegen vielgestaltige Such- und Reformbewegungen und...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.