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Erzähler – Text – Leser in Ovids "Metamorphosen

Henning Horstmann

Wer erzählt die Metamorphosen? Gibt es nur einen Erzähler? Muss man überhaupt zwischen Autor und Erzähler trennen? Und ist die Haltung des Erzählers nun distanziert-ironisch oder fromm-naiv? Die vorliegende Arbeit liefert mittels aktueller narratologischer und rezeptionsästhetischer Analyseverfahren eine Typologie der primären Erzählerfigur von Ovids Epos. Zudem zeigt sie anhand detaillierter Textinterpretationen, wie inkonsistent Ovid seinen Erzähler konstruiert hat. Im Ergebnis wird die Neuartigkeit von Ovids Erzählanlage gegenüber tradierten Formen epischen Erzählens deutlich: Seine Erzählerfigur ist schillernder und präsenter, zudem oftmals keineswegs allwissend und objektiv – und vor allem fehlt ihr vielfach die eigentlich zukommende Zuverlässigkeit und Autorität.
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A. Formale Merkmale von Erzähler und Erzählillusion: Kommunikation zwischen Erzähler, Adressat und Rezipient

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Geschehensillusion und Erzählillusion

Dass fiktionale Literatur überhaupt eine Wirkung auf den Rezipienten ausüben kann, liegt vor allem an einer erfolgreichen Illusionsstiftung:112 Das eigentlich fiktive Geschehen imitiert reale Welten und reale Handlungszusammenhänge, knüpft damit scheinbar direkt an die Lebenswirklichkeit oder das Wissen des realen Rezipienten an und erscheint somit unmittelbar zugängig (Primärillusion). Die moderne Erzähltheorie hat allerdings herausgestellt, dass das Eintauchen in eine fiktive Welt – verstanden als das kognitive Sich-Hineinversetzen des Rezipienten in eine Erzählung – viel mehr noch als durch eine hervorgerufene Geschehensillusion ganz entscheidend durch den Aufbau einer Erzählillusion gefördert wird (Sekundärillusion). Wenn ein literarischer Erzähltext demnach die Assoziation eines natürlichen, aus der eigenen Erfahrungswelt bekannten Erzählaktes hervorruft, kann dies wesentlich die Aufnahmebereitschaft des Rezipienten erhöhen und ihm den Zugang zu einem fiktiven Text erleichtern. Allerdings ist eine markant hervortretende Erzählillusion umgekehrt auch in der Lage, die eigentliche Geschehensillusion – gewissermaßen also den sich abspielenden ‚Film im Kopf‘ – massiv zu stören, etwa wenn der reale Rezipient durch permanente Einwürfe und Kommentare des Erzählers abgelenkt wird. Die konkrete Wirkung einer solchen Erzählillusion ist dabei abhängig von den spezifischen ästhetischen und theoretischen Prinzipien und Vorlieben eines bestimmten Rezipientenkreises zu einer bestimmten Zeit und deshalb nicht absolut zu benennen. In allgemeinerer Hinsicht lässt sich das Phänomen der Erzählillusion jedoch danach klassifizieren, ob diese den Aufbau der primären Geschehensillusion eher fördert, hemmt oder...

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