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Morgenland und Moderne

Orient-Diskurse in der deutschsprachigen Literatur von 1890 bis zur Gegenwart

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Axel Dunker and Michael Hofmann

Die Ereignisse nach dem 11. September 2001 und die jüngsten gesellschaftlichen Umbrüche im Nahen Osten, der Irak-Krieg, der Bürgerkrieg in Syrien, der fortdauernde Konflikt in Afghanistan, aber auch die interkulturellen Probleme innerhalb Deutschlands machen deutlich, wie wichtig die Bilder und Vorstellungen sind, die sich der «Westen» vom traditionell auf den Begriff des «Orients» gebrachten Nahen und Mittleren Osten macht. Die Beiträge dieses Bandes geben Aufschlüsse über das Verhältnis von Identität und Alterität, von Selbst- und Fremdbildern im Verhältnis der deutschen Kultur und Gesellschaft zum «Orient».
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Herbert Uerlings: Abraham und das Opfer der Kultur. Zur Kritik einer orientalischen Meistererzählung in Michael Roes’ Jizchak

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Der Abraham-Mythos, dessen Wurzeln 4000 Jahre zurückreichen, ist eine der ältesten immer noch virulenten Meistererzählungen überhaupt. Der Mythos vom Halbnomaden, der von Mesopotamien nach Kanaan zieht und dort seine polytheistische auf eine monotheistische und monolatrische Religionsform umstellt, erzählt vom Ursprung der Kultur, aller Kultur, im Orient.1 Daran ist mindestens so viel wahr, dass es bis heute keinen zweiten Mythos gibt, der für so große Teile der Weltbevölkerung identitätsstiftende Funktion hat, also als Meistererzählung in Kraft ist.

Im Kern handelt sie vom Zusammenhang von Opfer und Kulturgründung: Durch Abrahams Bereitschaft, den eigenen Sohn zu opfern, wird der Bund mit Gott bekräftigt und damit das Gründungsversprechen von Land, Volk und Völkern – also die Einbindung aller anderen Völker in den für das auserwählte eigene Volk vorgesehenen Heilsplan. Kultur beruht hier auf dem Tausch von Opfer gegen Heil: Die Bereitschaft, den Sohn zu opfern, ist Bedingung für dessen Verschonung, die Anerkennung des Gesetzes ist Voraussetzung für die Gerechtigkeit. Zwischen Voraussetzung und Erfüllung liegt jedoch ein Abgrund, der um so größer wird, je weniger man die religiöse Selbstbeschreibung teilt: der Schrecken, der von dieser Erzählung, genauer von der Zumutung dieses Gottes ausgeht und zunächst zum Schrecken Abrahams wird und dann zu dem Isaaks, der im Vater seinen Mörder erkennt. Das ist gewissermaßen die orientalische Urszene dieser Kulturtheorie: der Bedingungszusammenhang von Gesetz, Gerechtigkeit und Schrecken.

Hegel hat das...

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