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Sekundäre Prädikation und Informationsstruktur

Fokus und Informationsstatus bei spanischen Depiktiven

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Steffen Heidinger

Dieses Buch beschreibt die informationsstrukturellen Eigenschaften spanischer Depiktive (z.B. cansado in Juan llegó cansado a casa). Anhand von Experimenten und einer Korpusstudie beantwortet es die wichtigsten empirischen Fragen zu Fokus und Informationsstatus (Wie beeinflusst die Fokussierung die syntaktische Position der Depiktive? Drücken Depiktive immer neue Information aus? etc.). Weiterführende Fragen, die sich aus den Resultaten ergeben, werden ebenfalls behandelt (Welche Beziehung besteht zwischen Frequenz und Akzeptabilität im Bereich der Fokus-Syntax-Schnittstelle? Warum unterscheiden sich syntaktische Funktionen in ihrer Fokusaffinität? etc.). Zusammen mit dem einführenden Literaturüberblick ergibt dies eine umfassende informationsstrukturelle Beschreibung spanischer Depiktive.

 

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1  Einleitung

Die vorliegende Arbeit behandelt die informationsstrukturellen Eigenschaften spanischer Depiktive. Der Begriff Depiktiv bezeichnet dabei Konstituenten wie encantado in (1.1), das den Zustand des Subjekts Claudio während des vom Verb bezeichneten Ereignisses beschreibt.

(1.1)     Claudio aceptó encantado su misión.

            (Alfaya 1991; CREA; meine Hervorhebung)

Spanische Depiktive weisen eine Reihe von Merkmalen auf, die mit der Informationsstruktur in Zusammenhang stehen und die eine Untersuchung der informationsstrukturellen Eigenschaften von Depiktiven nahelegen. Diese Merkmale werden nachfolgend kurz skizziert und in Abschnitt 2.1 und Kapitel 3 ausführlich beschrieben.

Depiktive sind im Spanischen syntaktisch mobil. Für Satz (1.1) ist u.a. die alternative Abfolge in (1.2) möglich, in der das Depiktiv dem direkten Objekt folgt.

(1.2)     Claudio aceptó su misión encantado.

Da im Spanischen eine enge Beziehung zwischen Informationsstruktur und Wortstellung besteht, kann die syntaktische Position von Depiktiven ohne die Berücksichtigung der Informationsstruktur nicht zufriedenstellend beschrieben werden.

Depiktive können im Spanischen sowohl in den Kernsatz integriert (vgl. (1.1) und (1.2)) als auch vom Kernsatz detachiert (vgl. (1.3)) vorkommen.

(1.3)     Claudio aceptó su misión, encantado.

Detachierungen werden in der Literatur – ebenso wie andere Herausstellungskonstruktionen (z.B. die Dislokation) – als informationsstrukturell relevant eingestuft.

Depiktive tragen mit ihrer an das verbale Ereignis gebundenen Prädikation eine sehr spezifische Information zur Ereignisbeschreibung bei: Sie beschreiben nicht nur einen Zustand eines Ereignisbeteiligten, sondern einen Zustand, der an das betreffende Ereignis gebunden ist. Sie zählen deshalb innerhalb des Satzes zu den Fokuskandidaten.

Depiktive können anhand ihrer semantischen Beziehung zum verbalen Ereignis in zirkumstantiale und nichtzirkumstantiale Depiktive unterteilt werden. Bei zirkumstantialen Depiktiven kommt zur zeitlichen Überlappung zwischen verbaler und depiktiver Prädikation noch eine logisch-semantische Relation hinzu. In (1.4) beschreibt das Depiktiv húmedas (bzw. die Prädikation húmedas (estas telas)) die Bedingung für die primäre Prädikation se limpian bien (estas telas).

(1.4)     Estas telas se limpian bien húmedas.

            (Martínez Linares 2003: 439; meine Hervorhebung) ← 1 | 2 →

Wie der Unterschied zwischen detachierten und integrierten Depiktiven wird auch jener zwischen zirkumstantialen und nichtzirkumstantialen Depiktiven in der Literatur mit informationsstrukturellen Unterschieden in Verbindung gebracht.

Depiktive sind Prädikate. Da strittig ist, ob prädikative Ausdrücke überhaupt Diskursentitäten bezeichnen, stellt sich die Frage, ob prädikative Ausdrücke in gleicher Weise über Informationsstatus verfügen wie nominale (und referentielle) Ausdrücke.

Depiktive können als lexikalische Form (vgl. encantado in (1.1)) oder als Proform vorkommen (vgl. así in (1.5), das den von triste ausgedrückten bzw. von engordar evozierten Zustand aufnimmt).

(1.5)     (a) Te he visto hablando con mi hijo. Tengo miedo de lo que tú puedas decirle ... Está triste hace tiempo y no querría verle así. ¿De qué le hablaste?

            (Ortega 1996; CREA; meine Hervorhebung)

            (b) En julio, volvió la doctora Waters, de Bristol. Ann había engordado aún más desde su última visita, de modo que el horror de la inspectora al verla así, fue manifiesto.

            (Pardo de Santayana 2001; CREA; meine Hervorhebung)

Im nominalen Bereich ist der Unterschied zwischen lexikalischer und pronominaler Form informationsstrukturell relevant. Ich nehme an, dass dies auch für den Unterschied zwischen lexikalischer Form und Proform bei Depiktiven gilt.

Spanische Depiktive weisen demnach eine Reihe von Merkmalen auf, die eine Untersuchung ihrer informationsstrukturellen Eigenschaften nahelegen. Sowohl die Depiktive als auch die Informationsstruktur sind ausführlich behandelte Themen innerhalb der sprachwissenschaftlichen Forschung zum Spanischen (vgl. Abschnitte 2.1 und 2.2). Für die informationsstrukturellen Eigenschaften spanischer Depiktive, d.h. die Schnittmenge der beiden Bereiche Depiktiv und Informationsstruktur, gilt dies jedoch nicht. Obwohl in der Literatur immer wieder auf informationsstrukturelle Eigenschaften spanischer Depiktive hingewiesen wird (vgl. Kapitel 3 für eine genaue Darstellung), fehlt eine systematische und empirisch fundierte Beschreibung dieser Eigenschaften. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, eine solche systematische und empirisch fundierte Beschreibung zu geben. Mit dem Informationsstatus und der Fokus-Hintergrund-Gliederung berücksichtige ich dabei zwei der drei Ebenen der Informationsstruktur (vgl. Abschnitt 2.2.1). Zusätzlich berücksichtige ich mit der Fokusaffinität und dem Diskursprofil zwei Phänomene, die mit der Fokus-Hintergrund-Gliederung (im Fall der Fokusaffinität) bzw. mit dem Informationsstatus (im Fall des Diskursprofils) eng verbunden sind. Die Topik-Kommentar-Gliederung, als dritte informationsstrukturelle Ebene, bespreche ich in Abschnitt 3.2.2 aus Gründen der Vollständigkeit; ich werde jedoch keine eigene empirische Untersuchung dazu durchführen. Die konkreten Fragestellungen zu den informationsstrukturellen Eigenschaften spanischer Depiktive, die in dieser Arbeit beantwortet werden sollen, werde ich aus der Beschreibung des Forschungsstandes in Kapitel 3 entwickeln und am Ende dieses Kapitels im Abschnitt 3.4 gesammelt anführen. In dieser Einleitung beschränke ich mich deshalb auf die folgenden knappen Hinweise.

Hinsichtlich der informationsstrukturellen Kategorie Fokus werde ich u.a. untersuchen, inwiefern die syntaktische Position spanischer Depiktive durch die Fokus-Hintergrund-Gliederung und unterschiedliche Fokustypen beeinflusst wird. Zudem werde ich ← 2 | 3 → untersuchen, ob Depiktive in den Äußerungen, in denen sie vorkommen, typischerweise den Fokus bilden, d.h., ob sie über eine hohe Fokusaffinität verfügen. Ich werde auch untersuchen, ob sich zirkumstantiale und nichtzirkumstantiale Depiktive hinsichtlich der Fokusaffinität unterscheiden. In Bezug auf den Informationsstatus spanischer Depiktive werde ich u.a. erheben, wie häufig Depiktive neue, gegebene und evozierte Information ausdrücken. Ich werde untersuchen, ob sich detachierte und integrierte Depiktive hinsichtlich des Informationsstatus unterscheiden und ob sich Depiktive mit unterschiedlichem Informationsstatus hinsichtlich der syntaktischen Positionen unterscheiden. Bei vielen der zu untersuchenden Phänomene ist zu erwarten, dass sie sich als Präferenzen und nicht als kategoriale Unterschiede manifestieren. Dementsprechend werde ich Methoden verwenden und mich auf Datengrundlagen stützen, die neben kategorialen Unterschieden auch Präferenzen erfassen können: Daten aus Textkorpora und Daten aus unterschiedlichen Typen von Experimenten (Produktion, Auswahl, Akzeptabilität). Ebenso wichtig wie die empirischen Forschungsfragen sind die weiterführenden Fragestellungen, die sich aus den Ergebnissen der empirischen Studien ergeben. Diese werden ebenfalls in den Kapiteln 5, 6 und 7 behandelt. Als Beispiele seien an dieser Stelle 1) die Modellierung von Präferenzen und Optionalität im Bereich der spanischen postverbalen Wortstellung im Rahmen einer Stochastischen Optimalitätstheorie, 2) die Frage, weshalb sich syntaktische Funktionen hinsichtlich ihrer Fokusaffinität unterscheiden, und 3) der Zwischenstatus evoziert, den Depiktive haben, wenn sie weder neue noch gegebene Information ausdrücken, genannt. Aus der Beantwortung der empirischen und der weiterführenden Fragestellungen ergibt sich eine umfassende Beschreibung der informationsstrukturellen Eigenschaften spanischer Depiktive.

Obwohl die vorliegende Arbeit nicht varietätenlinguistisch ausgerichtet ist, werde ich dem ausdifferenzierten Varietätenraum des Spanischen (vgl. Oesterreicher 2001) zumindest in der folgenden Weise Rechnung tragen. Im Grundlagenkapitel 2 und in Kapitel 3 zum Forschungsstand werde ich Hinweise aus der Literatur aufgreifen, wenn ein Phänomen mit einer bestimmten Varietät assoziiert ist und diese Information relevant für den Untersuchungsgegenstand ist. In meinen eigenen empirischen Studien in den Kapiteln 5, 6 und 7 werde ich Transparenz hinsichtlich des Varietätenraums gewährleisten, indem die Beschreibungen der Datenquellen stets die entsprechenden Merkmale enthalten (z.B. die muttersprachliche Varietät bei Teilnehmern der Experimente). Da die Arbeit synchron auf das heutige Spanisch ausgerichtet ist, sind Aussagen ohne weitere Angaben auf den gegenwärtigen Sprachzustand zu beziehen.1

Studien zu den informationsstrukturellen Eigenschaften einzelner syntaktischer Funktionen machen innerhalb der umfangreichen Literatur zur Informationsstruktur einen sehr geringen Anteil aus. Dennoch ist die Konzentration auf eine ausgewählte syntaktische Funktion kein Alleinstellungsmerkmal der vorliegenden Arbeit. Exemplarisch verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf Dalrymple & Nikolaevas (2011) Monographie zum Objekt (bzw. zum Einfluss der Informationsstruktur auf die Objektmarkierung), auf Li & Thompson (1976) und Wandruszka (1985) zur Beziehung zwischen Subjekt und Topikfunktion, des Weiteren auf Eckardt (2003) und Göbbel (2007) zu Adverbialen der Art ← 3 | 4 → und Weise, Combettes (1998) zu detachierten Adjektiven, Schoenke (1992) zum finiten Verb sowie Winkler (1997) und Rodríguez Espiñeira (1992) zu sekundären Prädikaten.

Trotz der Konzentration auf das Depiktiv werde ich in dieser Arbeit häufig den Bezug zu anderen syntaktischen Funktionen herstellen. Zum Beispiel berücksichtige ich im Hinblick auf die Beziehung zwischen Fokus-Hintergrund-Gliederung und der syntaktischen Position des Depiktivs auch andere postverbale Konstituenten (direktes Objekt und Lokativadjunkt). Denn die Variation der Position des Depiktivs ist v.a. im Kontext von anderen postverbalen Konstituenten relevant. Auch für die Frage nach der Fokusaffinität der Depiktive werden weitere syntaktische Funktionen berücksichtigt. Die Fokusaffinität einer syntaktischen Funktion ist nämlich keine absolute Größe, sondern kann nur im Vergleich mit anderen syntaktischen Funktionen ermittelt werden; deshalb werde ich das Depiktiv mit Instrumentadjunkt, Lokativadjunkt und direktem Objekt vergleichen. Infolgedessen können nicht nur Aussagen zur Fokusaffinität von Depiktiven, sondern auch zu jener der genannten weiteren Konstituenten getroffen werden. Schließlich werde ich beim Diskursprofil der Depiktive neben dem Depiktiv selbst auch dessen Prädikationsziel, d.h. Subjekt oder Objekt, berücksichtigen. In dieser Weise sind die Studien nicht auf das Depiktiv beschränkt, auch wenn diesem mein Hauptinteresse gilt.

Die Arbeit gliedert sich in sechs Hauptkapitel (Kapitel 2 bis 7), die eingerahmt sind von dieser Einleitung und den Schlussbetrachtungen in Kapitel 8. In Kapitel 2 werde ich zunächst getrennt voneinander die Grundlagen zu den beiden Bereichen Depiktiv und Informationsstruktur erarbeiten. Hierbei geht es mir nicht um eine exhaustive Darstellung der Literatur zu diesen Bereichen. Stattdessen treffe ich sowohl bei den Depiktiven als auch bei der Informationsstruktur eine Auswahl, die sich an den Notwendigkeiten der nachfolgenden empirischen Studien orientiert. In Kapitel 3 beschreibe ich den Forschungsstand zur Schnittmenge der Bereiche Depiktiv und Informationsstruktur: Was wissen wir bereits über die informationsstrukturellen Eigenschaften spanischer Depiktive? Ausgehend vom Befund zum Forschungsstand werde ich die Forschungsfragen dieser Arbeit motivieren. Beantwortet werden die Forschungsfragen dann in den Kapiteln 5, 6 und 7. Die empirische Basis für die Beantwortung der Forschungsfragen bilden eine Korpusstudie und vier experimentelle Studien. Die Methode und die genaue Datengrundlage werden in Kapitel 4 beschrieben. ← 4 | 5 →


1       Vgl. Suárez Fernández (1997, 1998), Báez Montero (1998a, 1998b), Lapesa (2000), Azpiazu Torres (2006), Álvarez Medina (2011), Blasco Mateo (2013) und Masih (2014) zu spanischen sekundären Prädikaten in früheren Sprachstufen und zur diachronen Entwicklung.