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Karrieren zwischen Diktatur und Demokratie

Die Berufungspolitik in der Kieler Theologischen Fakultät 1936 bis 1946

von Martin Göllnitz (Autor:in)
Dissertation 152 Seiten
Reihe: Kieler Werkstücke, Band 39

Zusammenfassung

Die Untersuchung befasst sich mit der vollständigen personellen Umstrukturierung der Kieler Theologischen Fakultät im Wintersemester 1935/36. Im Zuge der Neuordnung wurden die vertriebenen und zwangsentpflichteten Ordinarien durch junge, dem NS-Regime meist loyal gegenüberstehende Nachwuchswissenschaftler ersetzt. Die Arbeit beleuchtet die Vorgänge innerhalb der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und des Reichserziehungsministeriums, die zur Berufung dieser neuen Ordinarien führte, und blickt darüber hinaus auf die akademischen Karrierewege der Kieler Theologen nach 1945. Erstmalig für die Christian-Albrechts-Universität wird dabei auch die Entnazifizierung einer ganzen Fakultät in Augenschein genommen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Dank und Widmung
  • Vorwort des Reihenherausgebers
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Hinführung
  • 1.2 Forschungsstand und Fragestellung
  • 1.3 Methodisches Vorgehen
  • 1.4 Erkenntnisziele
  • 2. Umstrukturierung und Neuorientierung: Eine Fakultät im politischen „Berufungsnebel“
  • 2.1 Staatliche Maßnahmen: Vertreibung, Entpflichtung, Zwangsemeritierung
  • 2.2 Dozenten auf Zwischenreise: Die Phase der gescheiterten Neubesetzung
  • 2.3 Im Schatten einer staatlichen Auflösung?
  • 3. Akademischer Hasard und individuelle Berufungsstrategien: Karrierewege Kieler Theologen in Diktatur und Demokratie
  • 3.1 Der Gewährsmann für die nationalsozialistische Ausrichtung: Georg Fiedler
  • 3.2 Politischer Opportunismus als Karrieresprungbrett? – Möglichkeiten und Hindernisse in der akademischen Laufbahn im NS-Staat und in der Nachkriegszeit
  • 3.2.1 Hartmut Schmökel
  • 3.2.2 Peter Meinhold
  • 3.2.3 Julius Wagenmann
  • 3.2.4 Heinz-Dietrich Wendland
  • 3.2.5 Martin Redeker
  • 3.3 „[…] no objections to his person whatever!“ – Die Wiedereinsetzung zweier Altordinarien in Zeiten von Trümmern und Ungewissheit
  • 3.3.1 Heinrich Rendtorff
  • 3.3.2 Wilhelm Caspari
  • 4. Kieler Theologen zwischen Anpassung und Abgrenzung – Der Versuch einer Einordnung
  • 4.1 Überzeugte Nationalsozialisten und engagierte Opportunisten
  • 4.2 „Konjunkturritter“ und politisch desinteressierte Hochschullehrer
  • 4.3 Gegner des Systems
  • 5. Schlussbetrachtung und Ausblick
  • 6. Abkürzungsverzeichnis
  • 7. Quellen- und Literaturverzeichnis
  • 7.1 Quellen
  • 7.1.1 Ungedruckte Quellen
  • 7.1.2 Gedruckte Quellen
  • 7.1.3 Gesetze und Verzeichnisse
  • 7.1.4 Zeitungsartikel
  • 7.2 Literatur
  • 8. Tabellarischer Anhang
  • 9. Biographischer Anhang

← 12 | 13 → 1. Einleitung

1.1 Hinführung

„Dass Professoren schwache Menschen sind wie wohl die Angehörigen der allermeisten Berufsgruppen, außer vielleicht Heilige und Fanatiker, und dass die Universität, nicht anders als die Verwaltung oder die Justiz, im Hinblick auf den Zeitgeist keine stählerne Festung, sondern ein winddurchblasenes Gartenhaus darstellt, dafür hätte man zu den zwölf traurigen, auch schuldbeladenen Jahren nach 1933 eine eigene Station einrichten können […].“1

In den unmittelbaren Nachkriegsjahren, aber auch in den folgenden Jahrzehnten, blieb die Beschäftigung mit der Rolle der deutschen Hochschulen und ihrer Professoren während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft von 1933 bis 1945 zumeist aus, oftmals zum Leidwesen der Opfer innerhalb des akademischen Betriebs.2 Dies liegt zum einen an der Fokussierung der damaligen Geschichtswissenschaft auf personen- und ereigniszentrierte Politikgeschichte, zum anderen an dem generellen Phänomen der Verdrängung der eigenen Geschichte bzw. der allgemeinen Tolerierung von Tätern und Mitläufern des NS-Regimes. Der bekannte Eichmann-Prozess von 1961, die Studentenunruhen Ende desselben Jahrzehnts, vollends aber der strukturelle Wechsel der akademischen Generationen in den 1980er Jahren markieren den Umbruch in der Verantwortungshaltung gegenüber der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Ära der deutschen Universitäten.3 Auch an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) beschäftigt sich ← 13 | 14 → die Universitäts- und Wissenschaftshistoriographie erst seit den 1980/90er Jahren verstärkt mit der Rolle der eigenen Alma mater in der NS-Diktatur sowie dem schwierigen Neubeginn nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Eine umfassende Darstellung der CAU während der zwölf problematischen Jahre, die geprägt waren von Diktatur, Rassismus, Euthanasie, Krieg und Völkermord, gilt noch heute weithin als Desiderat.4 Die Darstellung und Deutung von Institutionen und Persönlichkeiten der Kieler Universität, deren individuelle Einstellungen, Handlungen und Verstrickungen zu analysieren für sich allein genommen schon eine ambitionierte Aufgabe ist, beschränkt sich daher weitestgehend auf einzelne Fakultäten und Fachbereiche – der Umfang und die Qualität der bisherigen Beiträge variiert jedoch stark, was zumeist mit der durch Kriegsfolgen und Nachkriegswirren bedingt schlechten Quellenlage zusammenhängt.5

Die vorliegende Untersuchung wird sich vor diesem Hintergrund auf die Professoren der Theologischen Fakultät der CAU beschränken, die im Jahr 1936 im Zuge einer grundlegenden Neugestaltung der Universität berufen wurden.6 Sie versteht sich nicht als traditionelle Fakultätsgeschichte, sondern soll vielmehr am Beispiel ausgewählter Akademiker darlegen, wie deutsche Wissenschaftler ihren beruflichen Standards abschworen, wenn es dem eigenen Karriereweg dienlich war und politisch opportun erschien. Anders als es bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Rolle der Universitäten und ihrer Angehörigen im NS-Regime bisher häufig der Fall war, stellt nicht die Niederlage des Deutschen Reichs im Jahr 1945 das Grenzdatum der Analyse dar. Wie aufzuzeigen sein wird, bedeutete dieses markante Datum der deutschen Geschichte für die Kieler Ordinarien ohnehin keine Zäsur in der akademischen Laufbahn, sondern, wenn überhaupt, nur eine kleine Hürde.

Mit sieben ordentlichen Professuren zählte die Kieler Theologische Fakultät zu Beginn der 1930er Jahre zu den mittelgroßen Fakultäten des Deutschen Reichs, allerdings verlor sie 1936 im Zuge ihrer Umstrukturierung ein Ordinariat, zwei weitere wurden zu außerordentlichen Lehrstühlen ← 14 | 15 → herabgestuft.7 Diese Arbeit befasst sich mit den sechs neu berufenen Professoren, die die „Gewähr für eine weltanschauliche und nationalpolitische Erziehung und Ausbildung der Theologiestudierenden“ übernehmen sollten.8 Zum Vergleich werden zwei weitere Theologen hinzugezogen, die bereits vor 1936 an der Förde gelehrt hatten und die im Wintersemester 1945/46, im Rahmen der Wiedereröffnung der CAU, in deren akademischen Lehrkörper zurückkehrten. Die Analyse befasst sich mit dem Zeitraum von der Neubesetzung der Fakultät im Jahr 1936 bis zur Wiedereröffnung 1945/46, umreißt aber auch die Studentenunruhen der 1960er Jahre, in deren Verlauf erstmals einzelne „braune Professoren“ öffentlich an den Pranger gestellt und eine umfassende Auseinandersetzung mit den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur gefordert wurde. Die Kieler Studierenden, die auch an der CAU den „Muff aus den Talaren“ klopfen wollten,9 konfrontierten den Theologen Martin Redeker mit dessen akademischer und politischer Karriere zwischen 1933 und 1967 – die unter dem zugespitzten Titel „Ein Leben zwischen Christen-, Haken- und Verdienstkreuz“ zusammengefasst wurde.10 Wenn auch nicht alle Professoren, die im Zuge ihrer Berufungen mehrheitlich im NS-Staat angekommen waren und sich zumindest zeitweilig in das System integriert hatten, später das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (BRD) erhielten, trifft diese Formulierung doch einen wesentlichen Punkt. Durch den institutionellen Charakter der Theologischen Fakultäten waren sie sowohl fester Teil des verbeamteten Hochschulwesens als auch verantwortlich für die konfessionelle Pfarrerausbildung der Kirchen. Sie balancierten sozusagen zwischen Kanzel und Katheder; auf beide stieg der Druck des NS-Regimes stetig.

Gegenwärtig wächst an deutschen Universitäten die Nachfrage nach Informationen zu früheren Generationen des eigenen akademischen Lehrkörpers spürbar. Die Professorenkataloge der Universitäten Rostock und Leipzig sowie der derzeit unter der Projektleitung von Oliver Auge entstehende ← 15 | 16 → „Katalog der Professorinnen und Professoren der Universität Kiel“11 legen davon beredtes Zeugnis ab. Dabei liegen sozialhistorische Fragestellungen, speziell zu den personellen Verflechtungen rund um die führenden Köpfe einer Fakultät oder zum „Berufungsnebel“ im Universitätsbetrieb, stark im Trend.12 Im Hinblick auf das 350-jährige Jubiläum der CAU im Jahr 2015 scheint es daher geboten, sich dem aktuellen Problemkreis von Berufungen am Beispiel der Theologischen Fakultät in den Jahren 1936 und 1945/46 zu widmen.13

1.2 Forschungsstand und Fragestellung

In den vergangenen Jahrzehnten sind zahlreiche außeruniversitäre Einflussfaktoren, die auch auf die Theologische Fakultät der CAU und ihre Angehörigen unterschiedlich stark eingewirkt haben, durch die wissenschaftliche Forschung umfassend bearbeitet worden: Dazu gehören u.a. die Gleichschaltung der deutschen Gesellschaft und Bürokratie, die Inhalte und die Durchsetzung der nationalsozialistischen Ideologie, die polykratische Herrschaftsstruktur des NS-Regimes sowie die Vorstellungen der NS-Machtinhaber zur Bildungspolitik und zu der Rolle der Universitäten im Dritten Reich.14 Da es in dieser Untersuchung vorrangig um die Professoren der Kieler Theologischen Fakultät und die Entwicklungen geht, die zwischen 1936 und 1945/46 von innen und außen auf diese einwirkten, bedürfen die genannten Faktoren keiner weiteren Ergänzung.

Die Gleichschaltung der CAU – wie auch anderer deutscher Universitäten – vollzog sich nach etwa einjährigem Übergang nahezu widerstandsfrei. Wesentlicher Motor der Selbstgleichschaltung waren die Kieler Studierenden, die Anfang 1933 in einem massiven Radikalisierungsprozess Druck auf ← 16 | 17 → die akademischen Gremien, den Senat und den damaligen Rektor August Skalweit ausübten.15 Unter den nachfolgenden Rektoren Otto Scheel und Karl Lothar Wolf wurde schließlich,16 ohne nennenswerte Gegenwehr, das Führerprinzip eingeführt, die Hochschulangehörigen zwangsorganisiert und der Lehrkörper „arisiert“.17 Die Grundlage für die Entfernung von politischen Gegnern und „rassisch minderwertigen“ Personen aus ihrem beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld bot das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933.18 Zwar folgten in den kommenden Jahren der NS-Herrschaft weitere Gesetze zur Vertreibung politisch missliebiger sowie „nichtarischer“ Akademiker, doch stellte das Berufsbeamtengesetz (BBG) den tiefsten Einschnitt in die Rechte und Strukturen von Hochschulangehörigen und Universitäten dar. Betroffen war jeder, der mindestens einen „nichtarischen“ Eltern- oder Großelternteil hatte bzw. nach der bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bot, jederzeit rückhaltlos für das NS-Regime einzutreten.19 Anwendung fand das BBG ← 17 | 18 → auch im Rahmen der Umstrukturierung der Kieler Theologischen Fakultät,20 über die zum Zeitraum zwischen 1933 und 1945 bisher zwei Untersuchungen vorliegen. Diese stellen allerdings genuine Fakultätsgeschichten dar, die weder Intentionen noch Handlungen oder Weltanschauung der ausgewählten Professoren im Einzelnen berücksichtigen. Eine intensive Beschäftigung mit der Berufungspolitik von 1936 wird weitestgehend ausgeklammert, als Grenze fungiert darüber hinaus das Jahr 1945 – eine Bearbeitung der schwierigen Nachkriegsjahre oder der Entnazifizierung von Fakultätsangehörigen findet somit ebenfalls nicht statt. Eine dritte wissenschaftliche Publikation zur Geschichte der Fakultät von der preußischen Zeit bis in die 1980er Jahre ist als reine Lehrstuhlgeschichte konzipiert und bietet daher kaum weiterführende Informationen für den Untersuchungsgegenstand der Arbeit.21

Als schwierig erweist sich der Vergleich mit den 16 anderen zu Beginn des Dritten Reichs bestehenden Evangelisch-Theologischen Fakultäten.22 ← 18 | 19 → Bis Ende des Jahres 1937 konnten die Universitäten Erlangen, Tübingen und Rostock ihren personellen und institutionellen Bestand unverändert erhalten, während Bonn und Kiel als einzige Universitäten vollständig umstrukturiert und neu besetzt wurden. An den anderen Hochschulen war die nationalsozialistische Personalpolitik unterschiedlich stark ausgerichtet bzw. ausgeprägt, aber an allen verschob sich die Einflussnahme auf die Evangelisch-Theologischen Fakultäten: Während der Einfluss der universitären Entscheidungsträger sank, nahm der Einfluss der Parteistellen stetig zu.23

Der 1933 einsetzende Kirchenkampf, der innerhalb der evangelischen Glaubensgemeinschaft zu einem Konflikt zwischen den Mitgliedern der Bekennenden Kirche24 und den mit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) sympathisierenden Deutschen Christen25 führte, ist ← 19 | 20 → ein weiterer Aspekt, der maßgeblich mitverantwortlich für Neubesetzungen und Umstrukturierungen der preußischen Fakultäten war.26 Die Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Seite entschied in zahlreichen Fällen über die Berufung auf einen vakanten Lehrstuhl oder Ablehnung.

Für die Wiedereröffnung der CAU durch die britische Militärregierung, die Verlagerung des Universitätsstandortes vom Kieler Schlosspark an den Rand der Stadt und die desaströsen Bedingungen der Hochschullehre in den ersten Jahren nach 1945 liegen bereits einzelne Untersuchungen vor.27 Allerdings sind diese sehr allgemeinen Charakters, so dass für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg weitestgehend auf Aktenmaterial und bisher kaum berücksichtigte Quellen zurückgegriffen werden muss. Dies gilt ebenfalls für die Entnazifizierung des Kieler Hochschulpersonals, da eine umfassende Untersuchung zu dem Thema noch fehlt.28 Bei den Überlieferungen ist vor allem an die Personal- und Entnazifizierungsakten, Protokolle sowie den offiziellen Schriftwechsel von Seiten der akademischen Selbstverwaltung und ← 20 | 21 → der Theologischen Fakultät zu denken, die sich im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv in Schleswig (LASH) befinden. Aufgrund der alliierten Bombenangriffe und der gezielten Vernichtung von Unterlagen durch Universitätsangehörige kurz vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weist der Quellenbestand zahlreiche Lücken auf.29 Deshalb wurden für diese Arbeit weitere Akten in den Universitätsarchiven in Rostock (UAR) und Greifswald (UAG) sowie dem Bundesarchiv in Koblenz (BArch), dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem (GStA PK) sowie dem Landeskirchlichen Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kiel (LKAK) gesichtet. Für die Jahre nach 1945 wurde dem Verfasser freundlicherweise Einsicht in die umfangreichen Aktenbestände des Dekanats der Kieler Theologischen Fakultät (DTF) gewährt.

Die Untersuchung steht unter der Leitfrage, unter welchen Bedingungen die ausgewählten Professoren im Rahmen der Fakultätsumstrukturierung in den Jahren 1936 und 1937 an die CAU neu berufen wurden, welche Faktoren dabei eine Rolle spielten und ob sie ihren wissenschaftlichen Standards abschworen, wenn es der eigenen Karriere diente und ideologisch opportun erschien.30 Weiterhin wird danach gefragt, ob die politische Anpassungsbereitschaft der Akademiker nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausreichte, um auf ihre alten Lehrstühle in der jungen demokratischen Bundesrepublik Deutschland zurückzukehren, oder ob sie im Zuge der Entnazifizierung aus dem Kreise ihrer Kollegen und der universitären Lehre ausgeschlossen wurden. Im Einzelnen geht es um die Fragen: Gab es Bedenken gegenüber einem mindestens karrieristisch motivierten Eintritt in die NSDAP als sogenannte „Konjunkturritter“ oder waren sie eifrige NS-Aktivisten? Unter welchen Voraussetzungen erfolgte eine Berufung auf einen der vakanten Kieler Lehrstühle, und gab es Möglichkeiten, darauf Einfluss zu nehmen? Waren sie lediglich Marionetten des nationalsozialistischen Systems, oder legitimierten sie mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit eine menschenverachtende Diktatur? Welche Zugeständnisse hatten sie dem NS-Regime gemacht und zeigten sie in der Nachkriegszeit Reue wegen eventueller Vergehen? Wurden sie im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens oder erst, wenn überhaupt, im Zuge der aufkommenden Studentenbewegung in den 1960er Jahren mit ihrer Vergangenheit konfrontiert? Waren sie, wie viele ihrer Kollegen, 1945 von der ← 21 | 22 → britischen Militärregierung entlassen worden? Welche Faktoren bestimmten eine milde Kategorisierung im Entnazifizierungsverfahren und somit eine schnelle Rückkehr in den akademischen Lehrbetrieb?

Um diese Fragen zu beantworten, wurde eine biographische Gliederung gewählt, die sich den einzelnen Ordinarien widmet, das Zustandekommen ihrer Berufung 1936/37 und weitestgehenden Wiedereinsetzung 1945 analysiert und eine zusammenfassende Deutung vornimmt. Insgesamt hat die Untersuchung fünf Kapitel, wobei das erste der Einführung dient. Im zweiten Kapitel steht die Umstrukturierung der Fakultät im Fokus der Betrachtung. Das dritte Kapitel befasst sich mit den wissenschaftlichen und politischen Karrierewegen der Ordinarien. Im Vordergrund steht die Berufung der ausgewählten Professoren nach Kiel und die Fortführung ihrer akademischen Laufbahnen nach 1945. Das vierte Kapitel versucht das Verhalten der Kieler Theologen gegenüber den jeweiligen Hochschulinstanzen oder den staatlichen Behörden zu systematisieren sowie ihre Rolle im Berufungsverfahren 1936/37 und im Rahmen ihrer Wiedereinsetzung nach dem Zweiten Weltkrieg aufzuzeigen. Das fünfte Kapitel schließt die Untersuchung mit einer Zusammenfassung ab.

Details

Seiten
152
ISBN (PDF)
9783653048674
ISBN (ePUB)
9783653974447
ISBN (MOBI)
9783653974430
ISBN (Hardcover)
9783631656242
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (September)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 152 S., 10 Tab.

Biographische Angaben

Martin Göllnitz (Autor:in)

Martin Göllnitz studierte Geschichte und Germanistik an der Universität zu Kiel. Er forscht dort in der Abteilung für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt Schleswig-Holstein.

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