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Das Erbe der Slawenapostel im 21. Jahrhundert / The Legacy of the Apostles of the Slavs in the 21st Century

Nationale und europäische Perspektiven / National and European Perspectives

von Thede Kahl (Band-Herausgeber:in) Aleksandra Salamurović (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 228 Seiten
Reihe: Symbolae Slavicae, Band 31

Zusammenfassung

Die Heiligen Kyrill und Method spielen durch ihre Bibelübersetzung und die Schaffung eines slawischen (glagolitischen) Alphabets eine herausragende Rolle für die religiöse, kulturelle und nationale Identität der Slawen. Die Beiträge dieses Bandes aus Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaft setzen sich mit dem geistigen Erbe der Slawenapostel im 21. Jahrhundert auseinander. Dabei stehen Erinnerungsdiskurse und die Schriftfrage im Mittelpunkt des Interesses. Die zahlreichen Funktionen ihres Erbes – Integration, Emanzipation und Abgrenzung – zeigen eine durchgehende Dynamik zwischen südslawischen, allgemein slawischen und europäischen Entwicklungslinien, die bis ins das 21. Jahrhundert wirken. Somit ist die Auseinandersetzung mit ihrem kulturellen Erbe noch lange nicht erschöpft.
The saints Cyril and Methodius play a prominent role for the religious, cultural and national aspects of Slavic identity owing to their translation of the Bible and the creation of a Slavic (Glagolitic) alphabet. The contributions to this volume, from the fields of cultural, literary and linguistic studies, discuss the spiritual legacy of the Slavic Apostles in the 21st century. The countless roles of their legacy (integration, emancipation, differentiation) demonstrate continuous dynamics between south Slavic, general Slavic and European lines of development that continue to operate in the 21st century. Thus, the debate on their cultural legacy has not yet been fully exhausted.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Inhaltsverzeichnis / Table of contents
  • Thede Kahl (Jena) und Aleksandra Salamurović (Jena) - Kyrill und Method im 21. Jahrhundert. Rollen und Funktionen aus nationaler und europäischer Perspektive
  • Gabriella Schubert (Jena, Berlin) - Kyrill und Method revisited
  • Tanya Dimitrova (Jena) - The feast of Cyril and Methodius as identification factor for Bulgarian migrant communities
  • Patrizia Pawelek (München) - Kyrill und Method als europäischer Erinnerungsort?
  • Svetlina Nikolova (Sofia) - European dimensions of the activity of Cyril and Methodius in the Bulgarian context
  • Peter Žeňuch (Bratislava) - Kulturelle und sprachliche Dimensionen des Erbes von Kyrill und Method in der Slowakei
  • Stefan Rohdewald (Gießen) - Osmanische Schulheilige, jugoslawische „Klammer der Unkulturen“, „Waffe“ und Arm der Europapolitik: Makedonische Funktionen Kyrills und Methods seit 1800
  • Evelyn Reuter (Jena) - Im Schatten der Slawenapostel: Funktionen Naums im (trans-)nationalen Erinnerungsdiskurs
  • Aleksandra Salamurović (Jena) - „Schriftenstreit“? – Zum aktuellen Status der kyrillischen Schrift in Serbien
  • Boris Minkov (Sofia) - Der Diskurs um die lateinische Schrift in der bulgarischen Literatur der Gegenwart
  • Svetoslava Toncheva (Sofia) - “Inventing” Traditions – the Feast of Saints Cyril and Methodius in Russia
  • Dejan Donev (Skopje) - Enlightenment of St.’s Cyril and Methodius as cultural and ethical task
  • Die Beiträger
  • The contributors

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Thede Kahl (Jena) und Aleksandra Salamurović (Jena)

Kyrill und Method im 21. Jahrhundert. Rollen und Funktionen aus nationaler und europäischer Perspektive

Der historische Lebensweg von Konstantin (als Mönch Kyrill genannt) und Michael (als Mönch Method [Methodius/-ios] genannt) ist nur teilweise aus überlieferten Quellen detailgetreu zu rekonstruieren. Bereits ihre sprachliche Herkunft – griechisch und/oder slawisch – sorgte jahrhundertelang für heftige Diskussionen, konstruierte Vereinnahmungen ihrer Persönlichkeit und Tätigkeit. Die Familie der beiden Brüder lebte in Saloniki (Thessaloniki), einer kulturell äußerst heterogenen Stadt, in der unterschiedliche Sprachen und Dialekte gesprochen wurden, darunter auch slawische Dialekte. Dank der hohen beruflichen Stellung des Vaters genossen Konstantin und Method eine gute Ausbildung in der Tradition des byzantinischen Humanismus, der die Ideen des Universalismus und der Theologie in sich vereinte (DŽUROVA, VELINOVA 2013: 5). So ist Konstantin auch heute in der orthodoxen Tradition aufgrund seiner umfangreichen theologischen und philosophischen Kenntnisse unter dem Namen „Konstantin der Philosoph“ bekannt. Auf ihn geht die Schaffung des ersten slawischen Alphabets, der Glagoliza, zurück. Vor ihrer slawischen Mission hatten die Brüder zwei andere, erfolgreiche Missionen auf hoher politischer Ebene durchgeführt: bei den Sarazenen und bei den Chasaren.

Die slawische Mission der Brüder aus Thessaloniki fällt in eine Zeit, in der sich neben beiden bereits bestehenden konkurrierenden politischen und kulturellen Zentren, Rom und Konstantinopel, das Frankenreich in seinem Einfluss auf benachbarte Slawenstämme zu behaupten versuchte. Ausgangspunkt dieser Machtkämpfe war zunächst die Christianisierung der slawischen Völker in Mitteleuropa, die nach dem Bestreben der westlichen kirchlichen Organisationen (der Römischen Kirche und der Kirche in Bayern) in lateinischer Sprache vollzogen werden sollte. Um diese Ansprüche zu unterbinden, wendete sich der großmährische Fürst Rostislav im Jahre 863 an den byzantinischen Kaiser Michael III. mit der Bitte, Missionare nach Großmähren zu senden, die den christlichen Glauben in einer für sein Volk verständlichen Sprache verbreiten können. Der Kaiser entsprach dieser Bitte, ebenfalls einem machtpolitischen Ziel folgend, und zwar um den byzantinischen Einfluss auf Mitteleuropa zu erweitern. Dennoch zeigte er sich gleichzeitig als liberal, da er die Aufhebung des Dogmas der Beschränkung auf ← 7 | 8 → drei Sprachen bewirkte. Bis zu seiner Zeit konnte man die Liturgie lediglich auf Hebräisch, Griechisch und Latein feiern. Mit der Entsendung von Kyrill und Method nach Großmähren wurde das Slawische als vierte Liturgiesprache eingeführt, was zu jenem Zeitpunkt im europäischen Rahmen geradezu revolutionär war.

Die Mission, obwohl in erster Linie religiös und politisch motiviert, hatte weitreichende kulturell-zivilisatorische Folgen: Die Schaffung einer neuen Schrift ermöglichte den slawischen Völkern, die sich damals noch einer allen Slawen verständlichen Sprache bedienten, die Herausbildung einer Schriftkultur, die im europäischen Kulturmodell einen viel höheren Stellenwert hatte als die bis dahin überwiegende Oralliteratur (vgl. NIKOLOVA in vorliegendem Band). Darüber hinaus setzten Kyrill und Method durch ihre Tätigkeit (Einführung einer neuen Schrift und Übersetzung der Heiligen Bücher) und ihre Auffassung von der Gleichberechtigung der Sprachen, in welchen das Wort Gottes zu verbreiten ist, und der Gleichberechtigung der Völker, die diese Sprachen benutzten, bereits im neunten Jahrhundert die Bausteine jener ethischen Postulate, die Europa Jahrhunderte später als Aufklärung kennenlernt. Nach dem Tod beider Brüder wurden ihre Schüler in die südslawischen Gebiete – zunächst in das heutigen Bulgarien (Pliska und Preslav), dann in die heutige Republik Makedonien (Ohrid, Ochrid) verbannt, wo es ihnen gelingt, die Tätigkeit ihrer Lehrer mit genauso starkem Eifer und Erfolg fortzusetzten. Am Übergang vom neunten zum zehnten Jahrhundert entstand die zweite slawische Schrift, die zu Ehren des Lehrers Kyrilliza genannt wurde und die heute als vierte offizielle Schrift der Europäischen Union gilt.

Wenn es auch zunächst so erscheinen mag, dass die Ergebnisse der Tätigkeit Kyrills und Methods in Großmähren und Pannonien bald nach ihrem Tod oder nach der Verbannung ihrer Schüler ohne Wirkung blieben – man denke nur an den Wechsel von Schrift und Konfession nach dem Schisma –, so blieb doch ihr Erbe bis zum heutigen Tage lebendig (dazu ŽEŇUCH in diesem Sammelband). Der Kern dieses Erbes ist nicht lediglich in einer bestimmten Schrift oder Zugehörigkeit zu einem konkreten kirchlichen und politischen Zentrum zu sehen, sondern im Bewusstsein der Slawen, durch diese Tätigkeit zu Kulturnationen erhoben worden zu sein. Zunächst ist darin eine integrative Funktion zu sehen, die „neben dem Illyrismus in den slawischen Ländern Habsburgs und der Gleichschaltung in Staatsgebilden wie Tito-Jugoslawien und der UdSSR […] die wichtigste Bewegung in Richtung sprachliche Einheit bei den Slawen“ (VOSS 1999: 24) darstellte. Selbst wenn es zwischen dem neunten und dreizehnten Jahrhundert laut Roland Marti zum langsamen Zerfall einer Slavia cyrillo-methodiana (MARTI 1989: 198) kam, ermöglichte die Tätigkeit beider Brüder die Schaffung eines Kulturraumes, der im nationalen und übernationalen Rahmen erinnerungsdiskursiv nach wie vor wirksam ist. Vor allem kann man von einer intensiven Erinnerungskultur seit dem ← 8 | 9 → 19. Jahrhundert sprechen, als das Erbe der Heiligen Brüder bei den Tschechen, Bulgaren und Slowaken „wiederentdeckt“ wurde. Bei den Tschechen erfolgte eine Wiederbelebung der Erinnerung an die Slawenapostel im 19. Jahrhundert, wie auch bei den Bulgaren, als das Schulfest zu ihren Ehren etabliert wurde. Dieses scheint auch die einzige Feierlichkeit zu sein, die nach 1989 aus dem kommunistischen in das neue, demokratische System übernommen wurde (dazu REUTER in diesem Sammelband). In der Slowakei ist das Erbe von Kyrill und Method sogar in der Verfassung verankert. In der Präambel heißt es:

Daher verwundert es nicht, dass die Slowakei im Mai 2013 eine neue Zwei-Euro-Münze in den Geldfluss der Europäischen Union brachte, die das Antlitz der beiden Heiligen und ein Kreuz in ihren Händen abbildete, um 1150 Jahre seit der Mission der Slawenapostel Kyrill und Method in Großmähren zu würdigen. Damit wurde eine eindeutig christliche und, aus slowakischer Sicht, auch nationale Symbolik verwendet. Die Herausgabe bewirkte eine lebhafte Diskussion über die Merkmale supranationaler europäischer Identität – die EU lehnte den Vorschlag der slowakischen Nationalbank zunächst ab, mit dem Hinweis, die EU sei hinsichtlich des religiösen Glaubens neutral. Dennoch setzte sich die slowakische Öffentlichkeit für klar deklarierte nationale Symbole durch, die ihrer Meinung nach ganz im Einklang mit dem proklamierten europäischen Leitbild „Einheit in Vielfalt“ stehen.

In verschiedenen slawischen Ländern zeigt sich, wie unterschiedlich die Funktionen des kyrillomethodianischen Erbes zu unterschiedlichen Zeitpunkten waren. Mehrere Beiträge im vorliegenden Sammelband beleuchten diesen Umstand anhand aussagekräftiger, diachroner und synchroner Beispiele. Die zahlreichen Funktionen ihres Erbes (Integration, Emanzipation, Abgrenzung) spiegeln sich auch in verschiedenen Titeln, die im Zusammenhang mit ihren Namen aufgeführt werden: Kulturstifter, Bildungsträger, Slawenapostel, National- und/ oder Europapatronen.

Vor diesem Hintergrund wurde an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena im Mai 2013 eine Tagung durchgeführt, mit dem Ziel, die umfangreiche Tätigkeit ← 9 | 10 → der Brüder aus Saloniki und deren wirkungsvolles Erbe im Spannungsverhältnis zwischen nationalen und europäischen Perspektiven näher zu diskutieren. Der Sammelband stellt die Ergebnisse der auf der Konferenz vorgetragenen Beiträge aus Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaft dar, die sich mit dem Erbe der Slawenapostel im 21. Jahrhundert auseinandersetzen.

Der Beitrag von Gabriella SCHUBERT stellt eine Synthese der diachronen und synchronen Auseinandersetzung mit dem realen Wirken und dem teilweise stark konstruierten Erbe der Heiligen Brüder dar. Eine Zusammenschau ermöglicht die grundlegenden Einsichten in ihre christlich-kulturelle Bedeutung, ihre ethnisch-nationale Vereinnahmung und ihre slawistisch-wissenschaftliche Auslegung. Dies sind drei Hauptbereiche, die die Beschäftigung mit diesem Thema nach wie vor bestimmen. Dabei muss betont werden, dass die Brüder aus Saloniki gerade ein erzieherisches und kulturzivilisatorisches Ziel verfolgten, das auch in nichtslawische Gebiete eindrang, weshalb es auch Räume wie das spätere Rumänien und Ungarn beeinflussen konnte.

Das kyrillomethodianische Erbe wird heutzutage vor allem als Bestandteil von Erinnerungsdiskursen transportiert. Daher bilden die Beiträge, die sich mit Erinnerungsdiskursen und -kultur beschäftigen, den ersten thematischen Schwerpunkt des Sammelbandes. Damit wird nicht nur den allgemeinen kulturwissenschaftlichen Tendenzen in der Erforschung der Erinnerungskultur Rechnung getragen, die nach wie vor Hochkonjunktur erlebt, sondern es werden auch neue Forschungsgebiete angesprochen wie etwa die Erinnerungskultur in Migrantengemeinschaften. Tanya DIMITROVA zeigt in ihrem Beitrag, dass der mononationale „Anspruch“ auf die Slawenapostel bis in Migrantengemeinschaften und die Diaspora verfolgt werden kann. Eine beispiellose Ausnahme stellte die Autorin 2012 in Großbritannien fest, wo die bulgarische Migrantengemeinschaft das Fest mit anderen slawischen Migrantengruppen zusammen beging: Russen, Ukrainer, Weißrussen und Serben zelebrierten auf Initiative der Russisch-Orthodoxen Kirche am Royal College of Music in London gemeinsam. Der Beitrag zeigt auch die große Bedeutung der Schrift, die als Errungenschaft des nationalen Geistes und als genuiner Beitrag der Bulgaren selbst in der Diaspora wahrgenommen wird. Die Wahrnehmung des Erbes im europäischen Rahmen wird in den Beiträgen von Pawelek und NIKOLOVA thematisiert, wenn auch aus verschiedenen Perspektiven. Patrizia PAWELEK zeigt, wie Kyrill und Method, u.a. dank der Erhebung zweier Heiliger zu Copatronen Europas, als ein europäischer Erinnerungsort diskursiv (Feste) und performativ (Denkmäler, Gedenktafeln) konstruiert werden. Dabei werden auch theoretische Konzepte zu Erinnerungskultur und kollektivem Gedächtnis weiter reflektiert, da wir es im europäischen Rahmen in Bezug auf Kyrill und Method mit einem relativ neuen Konstrukt zu tun haben. Die Erhebung des Erbes der Brüder zum ← 10 | 11 → europäischen Erinnerungsort birgt auch Gefahren mit sich, die sich zunächst auf mentale Konzepte der Konstruktion und Idealisierung beziehen.

Svetlina NIKOLOVA beleuchtet die europäische Relevanz des Erbes von den Heiligen Brüdern vor allem aus der Sicht ihrer diachronen und synchronen wissenschaftlichen Auslegung. Dabei zeigt sich die erneute integrative Funktion dieses Erbes vor allem im Anliegen, die Wirkung von Kyrill und Method immer interdisziplinär zu untersuchen. Ähnlich argumentiert der slowakische Wissenschaftler Peter ŽEŇUCH, der sich mit der wissenschaftlichen Forschung in Bezug auf die historisch zwar zerfallene Slavia cyrillo-methodiana beschäftigt, dabei allerdings die Erinnerung daran als Teil des gegenwärtigen slowakischen Schrift- und Kulturgutes ansieht.

Ein besonderer Stellenwert kommt den vergleichenden Auseinandersetzungen zu, die „Verflechtungen zwischen einzelnen Phänomenen im regionalen wie im gesamteuropäischen Zusammenhang“ herauszuarbeiten versuchen, über mehrere Jahrhunderte hinweg, wie der Beitrag des Historikers Stefan ROHDEWALD. Dabei zeigen sich sehr deutlich Nuancen in der Entwicklung des „Erinnerns“ an Kyrill und Method, von den transkulturellen und transnationalen Heiligen über „erste Aufklärer des Jugoslawentums“ bis hin zu nationalen Bildungs- und Kulturpatronen, die sogar idelogieübergreifend eingesetzt werden können. Die erinnerungskulturelle Forschung soll allerdings nicht anhand der elitären Diskurse erschöpft, sondern zusätzlich am Beispiel der volksnahen Tradition erkundet werden, wie sie beispielweise in den religiös gemischten Regionen der Republik Makedonien vorzufinden ist, was aus den Überlegungen über Naum, einem Schüler der Slawenapostel, im Beitrag von Evelyn REUTER hervorgeht.

Den zweiten thematischen Schwerpunkt bildet die Frage nach der Schrift. Wenn auch Kyrill und Method nicht die Erfinder der kyrillischen Schrift sind, gehört diese zu ihrem Erbe und wird als solches betrachtet. Gegenwärtig steht die Frage nach dem Status der kyrillischen Schrift in einigen slawischen Ländern besonders im Mittelpunkt, vor allem in Bezug auf die Zweischriftigkeit, dem gleichzeitigen Bestehen und Gebrauch von kyrillischer und lateinischer Schrift. Dies ist selbstverständlich kein exklusiv slawisches Phänomen. Dennoch stellen slawische Sprachen mit ihren Schriften innerhalb der Schriftlinguistik ein unumgängliches Beispiel des Bigraphismus mit allen sprachlichen, kulturellen und politischen Konsequenzen dar. Zu diesem Themenbereich beleuchtet zunächst der Beitrag von Aleksandra SALAMUROVIĆ den aktuellen Status der kyrillischen Schrift und ihre semiotischen Werte in der serbischen Öffentlichkeit, die einst Teil des großen polyzentrischen Sprachareals waren. Zum einen wird gezeigt, dass die kyrillische Schrift in Serbien heute ihre kohäsive Kraft verloren hat. Zum anderen wurde anhand des analysierten empirischen Materials die Notwendigkeit ← 11 | 12 → der eingehenden Erforschung von „Schriftattitüden“ hervorgehoben, denn nur auf diese Weise können Änderungen im Schriftwechsel erkannt und gleichzeitig extreme Aufforderungen unterbunden werden.

Die Frage der Schrift ist in Bulgarien ebenfalls von Relevanz, wenn auch die bulgarische Sprache weiterhin als monoschriftig gilt. Auch hier wirkt die Schrift als Merkmal einer Subkultur in der bulgarischen Literatur, sowohl im Sinne des Genres als auch in einem allgemeinen kulturellen Sinne. Im literaturwissenschaftlichen Beitrag von Boris MINKOV geht es um Umwandlung der Bedeutung der „nationalen“ Schrift: Indem lateinische Schrift in der neuen Großstadtliteratur (vor allem in Satiren) zunehmend eingesetzt wird, wird eine kritische Auseinandersetzung mit der kulturgeschichtlichen Ideologie der „Wiedergeburtszeit“ versucht, die laut Minkov noch nicht vollständig zu Ende ist, wodurch sich das „ungesunde Aussehen der gegenwärtigen bulgarischen Kultur“ erklären ließe.

Im Beitrag von Svetoslava TONCHEVA werden beide Perspektiven bzw. Phänomene vereint. Die Autorin untersucht nach ethnologischen Kriterien neu konstruierte Erinnerungsnarrative und zeigt auf, wie das Fest der Heiligen Kyrill und Method zum Träger der neuen russischen Nationsbildung wird. Dabei spielt die kyrillische Schrift eine herausragende Rolle, da sie die Essenz dieses neuen (russischen und allslawischen) Geistes darstellt. Neue Begriffe in der Öffentlichkeit sollen diese „invention“ (Hobsbawn) festhalten: Man spricht von einer „kyrillischen Zivilisation“ und „kyrillischen Brüdern“, die der Europäischen Union und der Globalisierung entgegenstehen.

Biographische Angaben

Thede Kahl (Band-Herausgeber:in) Aleksandra Salamurović (Band-Herausgeber:in)

Thede Kahl ist Professor für Südslawistik an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, Direktor des Instituts für Slawistik und Kaukasusstudien sowie Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Aleksandra Salamurović ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Südslawistik und Südosteuropastudien an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Thede Kahl is Professor for South Slavic Studies at the Friedrich Schiller University in Jena, Director of the Institute of Slavistics and Caucasus Studies, and member of the Austrian Academy of Sciences. Aleksandra Salamurović is Assistant Professor for South Slavic and Southeast European Studies at the Friedrich Schiller University in Jena.

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Titel: Das Erbe der Slawenapostel im 21. Jahrhundert / The Legacy of the Apostles of the Slavs in the 21st Century