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Zwischen Liebe, Verständigung und Hass: Die Darstellung religiöser Konflikte in der Literatur Galiziens (1848–1914)

von Lyubomyr Borakovskyy (Autor:in)
Dissertation 260 Seiten
Reihe: Wechselwirkungen, Band 21

Zusammenfassung

Das Buch bringt religiöse Konflikte in der galizischen Literatur zur Darstellung. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Analyse von literarischen Werken, die zwischen 1848 und 1914 entstanden, als Galizien noch «österreichisch» und durch eine große ethnisch-konfessionelle Vielfalt geprägt war. Zugleich stellt die Studie den Versuch dar, die literarische Deutung konfessioneller Beziehungen zwischen der römisch-katholischen, griechisch-katholischen und jüdischen Bevölkerung in Galizien unter Berücksichtigung ästhetisch-ideologischer und nationaler Perspektiven zu erforschen. Aus diesem Grund erfolgen Analysen deutschsprachiger, ukrainischer und polnischer Werke von Autoren mit unterschiedlichem ethnisch-konfessionellem Hintergrund.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Annäherung an den historischen Kontext
  • Forschungsfrage und theoretische Ansätze
  • Zur inhaltlichen Gliederung der Arbeit
  • 1 Religiöse Konflikte als Bestandteil jüdisch-christlicher Liebesbeziehungen
  • 1.1 Leopold von Sacher-Masochs literarische Ästhetisierung der schöpferischen und destruktiven Kraft von Liebe und Glauben
  • 1.2 Liebe als Geisel religiösen Konservatismus und menschlichen Starrsinns im Schaffen von Karl Emil Franzos
  • 1.3 Katholizismus als wahre Religion: Darstellung jüdisch-christlicher Liebesbeziehungen und des Motivs der Konversion bei Józef Rogosz
  • Zusammenfassung
  • 2 Sozioökonomische Gründe hinter dem jüdisch-christlichen religiösen Konflikt
  • 2.1 Die religiöse Kontextualisierung eines jüdisch-ukrainischen wirtschaftlichen Konflikts bei Stefan Kovaliv
  • 2.2 Zur Ambivalenz der Darstellung jüdisch-christlicher Beziehungen in Ivan Frankos Belletristik und Publizistik
  • 2.3 Jüdisch-christliche sozioökonomische Beziehungen und deren religiöse Problematik bei Józef Rogosz und Michał Bałucki
  • 2.3.1 Zum negativen Bild des jüdischen Geschäftsmanns im Schaffen von Józef Rogosz
  • 2.3.2 Jüdische Religion als Instrument wirtschaftlichen Handelns im Roman W żydowskich rękach von Michał Bałucki
  • Zusammenfassung
  • 3 Religiöse Aspekte sozial-politischer Konflikte zwischen Polen und Ukrainern
  • 3.1 Griechisch-katholische Geistliche als Träger des politischen und religiösen Antagonismus bei Jan Zachariasiewicz und Teodor Tomasz Jeż
  • 3.1.1 „Gente Ruthenus, natione Polonus“ als politisch-konfessionell ausgeglichene Identitätsvariante im Roman Św. Jur von Jan Zachariasiewicz
  • 3.1.2 Das Motiv der politischen Instrumentalisierung der Religion im Roman Sprawa ruska w Galicji von Teodor Tomasz Jeż
  • 3.2 Die „pseudo-religiöse“ Problematik der polnisch-ukrainischen Konflikte bei Ivan Franko und Osyp Makovej
  • 3.2.1 Dogmatisch-theoretischer und praktisch-rationaler Zugang zur Religion in Ivan Frankos Erzählung Čuma
  • 3.2.2 Ein religiöser Konflikt als Produkt des irrationalen Patriotismus in der Erzählung Chrestyny von Osyp Makovej
  • Zusammenfassung
  • 4 Geistlich vs. säkular. Antiklerikale Motive in der literarischen Darstellung eines religiösen Konflikts
  • 4.1 Rückständige und pragmatische Aufklärer: Die ambivalente Darstellung der Geistlichkeit im Schaffen von Ivan Franko und Osyp Makovej
  • 4.1.1 Galizien als Land sozialer Umwälzungen und religiöser Umbrüche in Frankos Erzählung Navernenyj hrišnyk
  • 4.1.2 Zum negativen Image eines ukrainischen Pfarrers bei Franko. Ökonomische, politische und kulturelle Problematik seiner Darstellung
  • 4.1.3 Der Vater-Sohn-Konflikt als Konflikt gegensätzlicher Weltanschauungen und Verhaltensmuster in der Erzählung Zalissja von Osyp Makovej
  • 4.2 Die Kritik am klerikalen Charakter des Schulwesens und ihre autobiografischen Prämissen bei Ivan Franko und Osyp Makovej
  • Zusammenfassung
  • 5 Spannungsverhältnisse zwischen der jüdischen Orthodoxie und dem aufklärerischen Rationalismus in der Literatur Galiziens
  • 5.1 Das Motiv des Wissensdrangs und seine religiöse Problematik bei Leopold von Sacher-Masoch
  • 5.2 Die Opposition von pragmatischem Rationalismus und jüdisch-religiöser Tradition im Schaffen von Karl Emil Franzos
  • 5.2.1 Die Juden von Barnow: eine literarische Welt, in der Frömmigkeit dem Aberglauben gleichgestellt wird
  • 5.2.2 Franzos’ Roman Der Pojaz als Beispiel des geistigen Sieges eines Individuums in seiner konservativen Umgebung
  • Zusammenfassung
  • Schlussfolgerungen
  • Literaturverzeichnis
  • Biographischer Überblick zu den Autoren
  • Reihenübersicht

Einleitung

In einem Land wie Galizien, in dem es seit Jahrhunderten so viele verschiedene Nationalitäten und Konfessionen gibt, ist es nahezu eine Selbstverständlichkeit, sich zu tolerieren und gegenseitig zu achten. In einem Gebiet, in dem Polen, Russen, Kleinrussen, Rumänen, Juden, Deutsche, Armenier, Italiener, Ungarn, Zigeuner und Türken einträchtig zusammenleben, das also, was die Religionen betrifft, griechisch und römisch Katholische, Armenier, griechisch Orthodoxe, Lipowaner, Duchoborzen, Juden, Karäer, Chassidim, Lutheraner, Calvinisten, Mennoniten, Mohammedaner und Heiden aufgenommen hat, kann es keinen Rassenhaß, keine religiöse Verfolgung und auch keinen Antisemitismus geben.1

Diese von Sacher-Masoch geschriebenen Worte mögen zeigen, dass Galizien im literarischen Diskurs oft als klares Beispiel einer multiethnischen und multikonfessionellen Gesellschaft präsentiert wird. Dafür gibt es einen Grund: Die religiöse Landschaft war hier mannigfaltig und die Beziehungen zwischen verschiedenen ethnisch-konfessionellen Gruppen lebhaft. Dieser besagte multikonfessionelle Charakter trug zur Etablierung des Mythos von Galizien als Vorbild eines multikulturellen und zugleich friedlichen Landes bei, wie es auch dem angeführten Beispiel von Sacher-Masoch zu entnehmen ist. Doch richtet man einen näheren Blick auf die Darstellung gesellschaftlicher Beziehungen, darunter auch religiöser, in der galizischen Literatur, entdeckt man in dieser Multikulturalität ein großes Konfliktpotenzial. Der Analyse der literarischen Auffassung dieses Konfliktpotenzials im Sinne eines damit verbundenen religiösen Konflikts im Schaffen galizischer Schriftsteller ist die vorliegende Studie gewidmet.

Annäherung an den historischen Kontext

Das habsburgische Kronland Galizien und Lodomerien wurde infolge der ersten Teilung Polen-Litauens im Jahr 1772 geschaffen und hatte bis zur Auflösung der Donaumonarchie am Ende des Ersten Weltkriegs Bestand. Zur Zeit seiner Angliederung war es mit einer Bevölkerung von ca. 2,6 Millionen die größte, aber auch die ärmste und wirtschaftlich rückständigste Provinz unter den Kronländern der Habsburgermonarchie.2 Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ← 13 | 14 → erfolgten hier gewisse positive Veränderungen im ökonomischen Leben, die z. B. mit dem Aufschwung der Industrie, der weiteren Entwicklung des Finanzsektors und Handels wie auch mit dem Anstieg des Bildungsniveaus verbunden waren. Auch die politischen Rahmenbedingungen veränderten sich, vor allem durch das Zugeständnis einer formalen politischen Autonomie (1867) sowie durch die Entstehung eines Parteiensystems. Neben politischen und wirtschaftlichen Aspekten übte auch die konfessionelle Situation in Galizien einen erheblichen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben aus.

Die religiöse Landschaft Galiziens wurde hauptsächlich durch die Vertreter der römisch-katholischen Kirche, der griechisch-katholischen (unierten) Kirche und des Judentums geprägt.3 Diese drei Konfessionen4 deckten sich größtenteils ← 14 | 15 → mit den drei in Galizien dominierenden ethnischen Volksgruppen. So wurde die römisch-katholische Kirche vorwiegend durch die Polen vertreten und bildete die Mehrheit der galizischen Bevölkerung. Die griechisch-katholische Kirche wurde dagegen vorwiegend durch die Ukrainer/Ruthenen5 repräsentiert, während ihr nur ein geringer Anteil an Polen angehörte. Das Judentum stellte die drittgrößte und ethnisch homogenste Gemeinde dar.6

Die drei genannten Bevölkerungsgruppen waren tief in ihrer religiösen Tradition verankert, welche die wichtigsten Aspekte ihres Alltags regulierte und beeinflusste. Diese kulturelle Einbettung in die Religion prägte den Charakter nicht nur der konfessionellen, sondern auch der politischen und ökonomischen Verhältnisse in Galizien. Vor allem in Ostgalizien resultierte der religiöse Antagonismus zwischen den Vertretern der verschiedenen Konfessionen aus der soziostrukturellen Differenz der Bevölkerung. Während hier die römisch-katholischen Polen mehrheitlich den Adel repräsentierten, akademische Berufe ausübten und ← 15 | 16 → in Städten wohnten, stellten die meist griechisch-katholischen Ukrainer die Mehrheit der Bauernbevölkerung auf dem Lande. Darin lag ein erheblicher Unterschied zu Westgalizien, wo die bäuerliche Bevölkerung weitgehend römisch-katholisch war. Auch die Juden bildeten eine getrennte wirtschaftliche und soziale Schicht und traten häufig als finanzielle Vermittler zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Gruppen auf, wodurch neben dem religiösen auch der wirtschaftliche Antagonismus zwischen ihnen und der christlichen Bevölkerung verstärkt wurde.7

In ethnisch-konfessioneller Hinsicht war Galizien also gespalten in einen westlichen Teil, wo die römisch-katholischen Polen in der Mehrheit waren, und in einen östlichen Teil, wo zwar die Ukrainer die Mehrheit bildeten, welcher jedoch stärker multikonfessionell geprägt war als Westgalizien. Auch in Bezug auf die jüdische Bevölkerung ist diese West-Ost-Teilung Galiziens offensichtlich: Etwa drei Viertel aller galizischen Juden wohnten in Ostgalizien.8

Durch die ethnische und sozioökonomische Ausprägung der Konfessionen in Galizien erklärt sich, warum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die meisten religiösen Konflikte vor allem aus Antagonismen zwischen Vertretern verschiedener sozialer Gruppen resultierten und nicht durch den politisch-nationalen oder religiösen Hintergrund bestimmt waren. Nur im Falle der christlich-jüdischen Beziehungen kam es gelegentlich zu Konflikten aus Gründen religiöser Differenzen.9

Die Napoleonischen Kriege und die Revolutionen von 1846 und 1848 führten zu Veränderungen in der galizischen Gesellschaft. Die Multikulturalität und damit die Multikonfessionalität, die bis dahin kaum als Schwäche der Monarchie angesehen wurde, bekam nun eine politische Bedeutung.10 Nach 1848 wurde die konfessionelle Zugehörigkeit zu einem wesentlichen Faktor der Nationsbildung, da sich die Kirche im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Akteur der Nationalpolitik entwickelte. Dieser Prozess war sowohl für die römisch-katholische Kirche als auch für die griechisch-katholische Kirche in Galizien relevant, deren Klerus für seine politischen Rechte kämpfte. Die Nationalkirchen sahen sich auch mit neuen Gegnern konfrontiert: Ab den 1880er Jahren musste sich die Kirche ← 16 | 17 → aktiv gegen antiklerikale Tendenzen wehren, die sich vor allem aus sozialistischen Bewegungen speisten.11

Wie die katholische Kirche unterlag auch das galizische Judentum im 19. Jahrhundert bestimmten Veränderungen: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellten die Juden schon keine homogene Einheit in sozioökonomischer, kultureller und religiöser Hinsicht mehr dar.12 Die soziale Integration bedeutete für einen galizischen Juden meist die Aufgabe seiner religiösen Tradition und damit den Verlust seiner jüdischen Identität. Dies führte dazu, dass die säkular ausgebildeten und politisch aktiven Schichten des Judentums nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten ihrer jüdischen Identität suchten. Man bemühte sich somit, „aus dem komplexen Zusammenhang jüdischen Lebens ein jüdisches Religionsbekenntnis herauszulösen und unter grundlegend geänderten politischen und sozialen Verhältnissen zu definieren“, wie Wolfgang Häusler es trefflich ausdrückte.13 Unter solchen Umständen wurden die Voraussetzungen für die Entwicklung des Zionismus geschaffen, der die jüdische Religion nicht unbedingt als Grundbedingung jüdischer Identität ansah. In Galizien war die zionistische Bewegung aber nicht von so großer Bedeutung wie in Westeuropa. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung zeichnete sich hier noch im 20. Jahrhundert durch eine traditionelle Lebensweise aus, die von den strengen Vorschriften des Talmuds bestimmt war. Nichtsdestoweniger blieb aber die konservative jüdische Gesellschaft von gewissen Modernisierungs- und Säkularisierungstendenzen wie etwa der Änderung der sozialen Position der Frauen oder der steigenden politischen Aktivität der jüdischen Bevölkerung nicht unberührt.14 ← 17 | 18 →

Forschungsfrage und theoretische Ansätze

Während bereits manche einschlägige geschichtswissenschaftliche Arbeiten zur konfessionellen Situation in Galizien vorliegen, ist die Darstellung religiöser Thematiken in der galizischen Literatur bisher wenig erforscht. Mit der vorliegenden Arbeit möchte der Verfasser sich dieses Forschungsdesiderates annehmen.

Galizien selbst ist jedoch in der literarischen Forschung kein neues Thema. Vor allem der polnischen Literaturwissenschaftlerin Maria Kłańska ist es zu verdanken, dass die galizische Thematik zum Gegenstand moderner literaturwissenschaftlicher Forschung geworden ist.15 Hier seien auch die Studien der ukrainischen Literaturwissenschaftler Jurko Prochas’ko16 und Larissa Cybenko erwähnt, in denen die galizische Literatur als literarisch heterogener Raum in den Blick genommen wird und die Wechselbeziehungen zwischen politischen, administrativen und ethnisch-kulturellen Aspekten aufgedeckt werden.17

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht die Analyse der literarischen Darstellung eines religiösen Konflikts in der Literatur Galiziens. Die primäre Forschungsfrage richtet sich dabei darauf, welche thematischen Gruppen unter den dargestellten religiösen Konflikten differenziert werden können. Als Kriterium für eine Typologie dient das jeweilige Hauptmotiv, welches den literarischen Auffassungen von Konflikten zugrunde liegt. Die Herausarbeitung und Beschreibung eines solchen Motivs sowie die Analyse seiner narrativen Struktur in einem literarischen Werk stehen somit im Mittelpunkt der vorgenommenen Untersuchung. Bei der Analyse wird von der These ausgegangen, dass in den ← 18 | 19 → literarischen Werken ein wirtschaftlicher, politischer und sprachlich-kultureller Konflikt als religiöser Konflikt fungieren kann. Zugleich ist eine entgegengesetzte Perspektive möglich, indem ein als religiös dargestellter Konflikt keine primäre religiöse Bedeutung aufweist. Aus dieser Polarität der Darstellungsweisen ergibt sich die Definitionsproblematik eines religiösen Konflikts, die eine zentrale Rolle für die vorgenommene Analyse spielt.

Die sekundäre Forschungsfrage bezieht sich auf den Vergleich der Darstellungsweisen religiöser Konflikte bei Schriftstellern mit unterschiedlichem ethnisch-kulturellen (deutschen/österreichischen, deutsch-jüdischen, polnischen und ukrainischen) und konfessionellen (römisch-katholischen, griechisch-katholischen, jüdischen/mosaischen) Hintergrund. Es werden dabei mögliche inhaltliche Parallelen bei der Darstellung eines religiösen Konflikts in der Kurzprosa solcher Autoren herausgearbeitet und verglichen. Im Zentrum der Analyse steht das Schaffen von Michał Bałucki, Ivan Franko, Karl Emil Franzos, Teodor Tomasz Jeż, Stefan Kovaliv, Osyp Makovej, Leopold von Sacher-Masoch, Józef Rogosz und Jan Zachariasiewicz18. In der Arbeit werden somit Texte behandelt, die in drei Sprachen – Deutsch, Polnisch und Ukrainisch – verfasst wurden.

Unter diesen in der vorliegenden Arbeit berücksichtigten Schriftstellern wurde vor allem das Werk von Leopold von Sacher-Masoch, Karl Emil Franzos und Ivan Franko Gegenstand literarischer Untersuchungen. Auch hier kann man aber den Mangel an Analyse religiöser Problematik kaum übersehen. Die galizische Thematik bei Michał Bałucki, Teodor Tomasz Jeż, Stefan Kovaliv, Osyp Makovej, Józef Rogosz und Jan Zachariasiewicz ist bis jetzt nur wenig bzw. kaum erforscht worden.19 ← 19 | 20 →

Hauptkriterium für die Textauswahl ist das Vorhandensein eines literarisch aufgefassten religiösen Konflikts samt dem ihm zugrunde liegenden Motiv. In das Textkorpus aufgenommen werden Werke galizischer Autoren mit unterschiedlichem ethnisch-konfessionellem Hintergrund und ästhetischer Ausrichtung, in denen ein religiöser Konflikt in der galizischen Gesellschaft thematisiert wird. Es werden Werke behandelt, die zwischen 1848 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Galizien 1914 erschienen sind. Die jeweiligen Handlungen der Werke spielen jedoch teilweise auch vor 1848.20

Ein wichtiges Auswahlkriterium ist vor allem die thematische Vielfalt und die Diversität der dargestellten Konfliktperspektiven, damit ein Vergleich der verschiedenen Konfliktbilder vorgenommen werden kann. Aus diesem Grund werden bei der Textauswahl Kriterien wie die ethnisch-konfessionelle Zugehörigkeit des Autors und seine ideologische Einstellung berücksichtigt. Es können verständlicherweise jedoch nicht alle ethnischen und konfessionellen Darstellungsperspektiven gleichermaßen berücksichtigt werden. ← 20 | 21 →

Der besondere Erkenntniswert dieser Arbeit besteht darin, dass einerseits neue Textquellen in die literaturwissenschaftliche Galizienforschung eingebracht, andererseits die verschiedenen Autoren einer vergleichenden Analyse unterzogen werden. Außerdem wird ein Beitrag zur Erforschung mentaler Geschichte der in Galizien lebenden ethnischen Gruppen geleistet. Die Analyse literarischer Darstellungen von religiösen Konflikten soll daher zur Entschlüsselung gesellschaftlicher Prozesse in Galizien verhelfen, indem die bis jetzt vor allem in geschichtswissenschaftlichen Arbeiten präsentierten Erkenntnisse zu den religiösen Verhältnissen in diesem Land erweitert und vervollständigt werden. Schließlich tragen die gewonnenen Erkenntnisse zur Analyse des Schaffens der einzelnen Schriftsteller bei.

Ausgehend von den gestellten Forschungsfragen lassen sich in der Arbeit zwei Analyseebenen voneinander unterscheiden:

Die Wahl der theoretischen Ansätze richtet sich nach den für jene zwei angegebenen Analyseebenen gesetzten Zielen. Dabei wird von einer primären Bedeutung der innertextuellen Analyse ausgegangen, weil diese in Bezug auf die Herausbildung der Konflikttypologie eine große Relevanz aufweist und den späteren intertextuellen Vergleich ermöglicht. Für die Analyse des religiösen Konflikts als literarisches Motiv und seiner Funktion im Text werden theoretische Ansätze sowohl der Konflikt- und Friedensforschung als auch der Kultursemiotik von Jurij Lotman herangezogen, während für die vergleichende Analyse der zweiten intertextuellen Analyseebene die Ansätze des New Historicism verwendet werden.

Die Ansätze der Konflikt- und Friedensforschung sind vor allem für die Definition des Konfliktbegriffs relevant. Hierbei wird sowohl vom allgemein philosophischen als auch vom religionswissenschaftlichen Zugang ausgegangen.21 ← 21 | 22 → Der religiöse Konflikt wird in der Arbeit somit als ein sozialer Konflikt zwischen miteinander konkurrierenden religiösen Verhaltensmustern definiert. Es lassen sich drei wichtige strukturelle Dimensionen eines religiösen Konflikts ausmachen: Es handelt sich dabei um Konflikte entweder zwischen den Vertretern verschiedener Konfessionen oder innerhalb einer konfessionellen Gruppe.22 Als dritte Möglichkeit gibt es einen innerpsychologischen religiösen Konflikt, wobei dieser entweder als separater Konflikt oder als Entwicklungsstufe eines inner- bzw. interkonfessionellen Konflikts auftreten kann.23

Der religionswissenschaftliche Zugang berücksichtigt neben den strukturellen Unterschieden den Grad religiöser Kontextualisierung eines Konflikts, was sich vor allem in Bezug auf die Analyse politischer und wirtschaftlicher Konflikte mit religiöser Schattierung eignet. Darüber hinaus wird zwischen Konflikten mit einer primär religiösen Bedeutung sowie „pseudo-religiösen“ Konflikten, für die die Koppelung von religiösen und politischen bzw. wirtschaftlichen Interessen ← 22 | 23 → bestimmter sozialer Gruppen charakteristisch ist, unterschieden.24 Zur ersten Gruppe gehören vor allem Konflikte, die durch eine interkonfessionelle Liebesbeziehung oder in Folge der Konfrontation zwischen religiösen und säkularen Weltvorstellungen ausgelöst werden. Dagegen sind wirtschaftliche und politische Konflikte mit religiöser Konnotation als „pseudo-religiös“ zu definieren, weil ihre religiöse Bedeutung nicht aus einem religiösen Widerspruch resultiert.

Da ein interkonfessioneller Konflikt in literarischen Texten in der Regel als Produkt der Interaktion zwischen Vertretern verschiedener religiöser und sprachlich-kultureller Gruppen in einem multikulturellen Raum auftritt, werden für die Analyse die theoretischen Ansätze von Jurij Lotmans Kultursemiotik verwendet. Vor allem die Konzeption der Semiosphäre als eines heterogenen semiotischen Raums, dessen Funktionsmechanismen und innere Regulatoren die Koexistenz und die Wechselwirkung verschiedener Sprachen/kultureller Codes ermöglichen, erweist sich für die Analyse der interkonfessionellen Beziehungen als brauchbar.25 Die für die Semiosphäre vorgebrachten Kriterien lassen sich auch auf die Darstellung des galizischen, multikonfessionellen Raums anwenden. Dies wird vor allem durch die enge Interdependenz sprachlicher, kultureller, sozialer und religiöser Differenzen bei jeder der genannten konfessionellen Gruppen deutlich.

Details

Seiten
260
ISBN (ePUB)
9783631692738
ISBN (PDF)
9783653061284
ISBN (MOBI)
9783631692721
ISBN (Hardcover)
9783631666722
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (August)
Schlagworte
Multiethnizität konfessionelle Beziehungen Christentum Judentum
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 260 S., 4 s/w Abb.

Biographische Angaben

Lyubomyr Borakovskyy (Autor:in)

Lyubomyr Borakovskyy studierte Germanistik und allgemeine Literaturwissenschaft in L’viv (Lemberg), Ukraine. Er wurde an der Universität Wien promoviert und ist am Lehrstuhl für Interkulturelle Kommunikation und Translationswissenschaft an der Nationalen Ivan-Franko-Universität L’viv tätig.

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