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Konventionalisierung und Variation

Phraseologische und konstruktionsgrammatische Perspektiven

von Natalia Filatkina (Autor:in) Sören Stumpf (Autor:in)
Konferenzband 316 Seiten

Zusammenfassung

Der Band vereint linguistische Studien, die sich mit dem Zusammenwirken des Konventionalisierten und der Variation beschäftigen. Anhand konkreter Beispiele analysieren die Beiträge das Zusammenspiel zwischen Konventionalisierung und Variation, fragen nach den Gründen der Entstehung des Konventionellen und beschreiben das Variationspotenzial bzw. die Variationsrestriktionen. Die Beispiele decken das breite Spektrum zwischen eher grammatischen und eher lexikalischen Strukturen ab, lassen sich aber kaum eindeutig einem dieser Pole zuordnen. Somit liefern sie gute Nachweise für den ebenenübergreifenden Charakter des Konventionellen, der aber nur vor dem Hintergrund der Variation adäquat verstanden werden kann. Mehrere Beiträge diskutieren explizit die Vor- und Nachteile der theoretischen Verortung solcher Wortverbindungen im Rahmen der existierenden Paradigmen (Phraseologieforschung, Konstruktionsgrammatik usw.).

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung (Natalia Filatkina / Sören Stumpf)
  • Wie weit, wie eng soll der Objektbereich der Phraseologie sein? Beobachtungen eines Zeitzeugen zu Konzeptionen im Wandel (Harald Burger)
  • Zur Festigkeit von Kollokationen als phraseologische Einheiten aus kognitiver Sicht (Annelies Häcki Buhofer)
  • A psycholinguistic approach to the conventionalisation and variation of proverb structure (Claudia Lückert)
  • Taking-Over- Constructions for Self-Framing (Katharina Mucha)
  • Die sogenannte apposizione grammaticalizzata im Italienischen: eine potentielle Untersuchungsgröße der Phraseologie? (Christine Konecny)
  • Negated multiword expressions. Types, properties and lexicalization degrees (Valentina Piunno)
  • Formulaic (Ir-)Regularities in German. Corpus Linguistics and Construction Grammar Approaches (Sören Stumpf)
  • Über sehr sehr. Beobachtungen zum Vorkommen einer totalen Reduplikation im gesprochenen Deutsch (Sven Staffeldt)
  • Unter Tränen, unter Beifall: Das Präpositionsmuster [unter + SUBSOMAT (+ von / Genitivattribut)] (Carmen Mellado Blanco)
  • Mit Angst und Bangen: Korpuslinguistische Untersuchungen zu Strukturen des Typs [mit + Substantiv] in adverbialer Funktion im semantischen Feld der Angst (Herbert Holzinger)
  • „Braindance oder Warum Schimpansen nicht steppen können.“ X oder Y als Titelformat und kommunikative Ressource in geschriebener Sprache (Rita Finkbeiner / Susanne Tienken)
  • Nice try – Zur Pragmatik phraseologischer Anglizismen (Sabine Fiedler)
  • The cake is a lie: witnessing the birth of a modern phraseme (Damien Villers)
  • Reihenübersicht

Natalia Filatkina und Sören Stumpf (Hrsg.)

Konventionalisierung
und Variation

Phraseologische und konstruktions-
grammatische Perspektiven

Herausgeberangaben

Natalia Filatkina studierte Germanistik, Anglistik, Pädagogik und Interkulturelle Kommunikation in Moskau, Berlin und Bamberg. Sie ist außerplanmäßige Professorin in der Germanistik/Älteren deutschen Philologie an der Universität Trier und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.

Sören Stumpf studierte Germanistik, Geschichtswissenschaften und Bildungswissenschaften an der Universität Trier. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Germanistischen Linguistik der Universität Trier.

Über das Buch

Der Band vereint linguistische Studien, die sich mit dem Zusammenwirken des Konventionalisierten und der Variation beschäftigen. Anhand konkreter Beispiele analysieren die Beiträge das Zusammenspiel zwischen Konventionalisierung und Variation, fragen nach den Gründen der Entstehung des Konventionellen und beschreiben das Variationspotenzial bzw. die Variationsrestriktionen. Die Beispiele decken das breite Spektrum zwischen eher grammatischen und eher lexikalischen Strukturen ab, lassen sich aber kaum eindeutig einem dieser Pole zuordnen. Somit liefern sie gute Nachweise für den ebenenübergreifenden Charakter des Konventionellen, der aber nur vor dem Hintergrund der Variation adäquat verstanden werden kann. Mehrere Beiträge diskutieren explizit die Vor- und Nachteile der theoretischen Verortung solcher Wortverbindungen im Rahmen der existierenden Paradigmen (Phraseologieforschung, Konstruktionsgrammatik usw.).

Zitierfähigkeit des eBooks

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Inhaltsverzeichnis

Natalia Filatkina / Sören Stumpf

Einleitung

Harald Burger

Wie weit, wie eng soll der Objektbereich der Phraseologie sein? Beobachtungen eines Zeitzeugen zu Konzeptionen im Wandel

Annelies Häcki Buhofer

Zur Festigkeit von Kollokationen als phraseologische Einheiten aus kognitiver Sicht

Claudia Lückert

A psycholinguistic approach to the conventionalisation and variation of proverb structure

Katharina Mucha

Taking-Over-Constructions for Self-Framing

Christine Konecny

Die sogenannte apposizione grammaticalizzata im Italienischen: eine potentielle Untersuchungsgröße der Phraseologie?

Valentina Piunno

Negated multiword expressions. Types, properties and lexicalization degrees

Sören Stumpf

Formulaic (Ir-)Regularities in German. Corpus Linguistics and Construction Grammar Approaches

Sven Staffeldt

Über sehr sehr. Beobachtungen zum Vorkommen einer totalen Reduplikation im gesprochenen Deutsch

Carmen Mellado Blanco

Unter Tränen, unter Beifall: Das Präpositionsmuster [unter + SUBSOMAT (+ von / Genitivattribut)]←5 | 6→

Herbert Holzinger

Mit Angst und Bangen: Korpuslinguistische Untersuchungen zu Strukturen des Typs [mit + Substantiv] in adverbialer Funktion im semantischen Feld der Angst

Rita Finkbeiner / Susanne Tienken

„Braindance oder Warum Schimpansen nicht steppen können.“ X oder Y als Titelformat und kommunikative Ressource in geschriebener Sprache

Sabine Fiedler

Nice try – Zur Pragmatik phraseologischer Anglizismen

Damien Villers

The cake is a lie: witnessing the birth of a modern phraseme←6 | 7→

Natalia Filatkina / Sören Stumpf

Einleitung

Dass Sprachen durch das Zusammenwirken des Usuellen, des Konventionalisierten, des Musterhaften, des Formelhaften und der Variation auf verschiedenen Ebenen funktionieren, zeigen seit dem 19. Jahrhundert und verstärkt seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts verschiedene Disziplinen und Forschungsrichtungen (vgl. den Überblick in Filatkina 2018). Was dabei für konventionell/konventionalisiert/formelhaft/usuell gehalten wird, basiert auf unterschiedlichen theoretischen Annahmen. Einige Theorien fokussieren Konventionalisierung eher als ein kognitives Phänomen (Fillmore 1977), andere als ein etabliertes Set an gesellschaftlichen Konventionen, die substantielle Orientierungshilfen beim sozialen Handeln jeder Art leisten (Feilke 1994; 1996; Assmann 72013). Wiederum dritte zielen auf die sprachliche Ausdrucksseite ab und betrachten die Konventionalisierung einzelner sprachlicher Formen als Grundbedingung des erfolgreichen und ökonomischen Kommunizierens. Die Komplementarität aller Typen des Konventionellen kommt in jedem theoretischen Ansatz zum Ausdruck, genauso wie die Tatsache, dass Variation paradoxerweise gleichzeitig ein Indikator der abgeschlossenen Konventionalisierung und ihre treibende Kraft, ihr Vehikel sein kann.

Der vorliegende Band widmet sich der Konventionalisierung im zuletzt angesprochenen Sinn. Er fokussiert primär unterschiedliche Ausprägungen des konventionellen Charakters der sprachlichen Oberfläche, die sich aber als solche nur im Rückgriff auf kognitive Strukturen und/oder in gesellschaftlichen, kulturellen und historischen/dynamischen Zusammenhängen adäquat beschreiben lassen.

So kann für jede Sprache eine bestimmte Typik des Silbenbaus festgestellt werden, die aber auch weniger typische Silben enthalten kann (vgl. für das Deutsche Vennemann 1982). Derivate wie Komposita werden nach bestimmten Mustern gebildet, lassen aber auch Varianten zu (Baeskow 2015; Fleischer/Barz 22012: 67–82; Hüning/Schlücker 2015). Zahlreiche Syntaxtheorien sprechen von Satzbauplänen und Satzmodellen, die einerseits fest, andererseits aber variabel sind (Dürscheid/Schneider 2015; Fellbaum 2015). Lexikalisch und semantisch-pragmatisch manifestiert sich das Konventionelle in erster Linie im Vorkommen der so genannten formelhaften Wendungen. Darunter werden Einzellexeme, Phraseme (Burger 52015; in diesem Band), usuelle holistische Mehrwortverbindungen (Steyer 2013) und Sprach(gebrauchs)muster (Bubenhofer 2009) verstanden, die in einer bestimmten, aber mehr oder weniger variablen Form geläufig sind und in dieser←7 | 8→ Kombination pragmatischen und semantischen Sinn ergeben. Sie lassen sich in absolut jedem schriftlichen Text bzw. mündlichen Gespräch, unabhängig von seiner Zugehörigkeit zu einer oder mehreren Textsorten, finden. Dass sprachoberflächliche Manifestationen von Konventionalem nicht wortgebunden sind, zeigen neben den Syntaxtheorien auch der Spracherwerb, der Sprachabbau, die Text-, Gesprächs- und Diskurslinguistik. Stein (2001) spricht von den so genannten formelhaften Texten, Heinemann (2000) von kommunikativen Gattungen der schriftlichen Texte und Fiehler/Barden/Elstermann/Kraft (2004) von kommunikativen Praktiken der schriftlichen und mündlichen Kommunikation. Die meisten Texte und Textsorten weisen einen typischen Aufbau auf und tradieren die in längeren Zeitabschnitten geformten, konventionalisierten, aber eben auch diverse Wandelprozesse widerspiegelnden Wissensbestände (Hauser/Kleinberger/Roth 2014; Luginbühl/Perrin 2011). Konventionalisierte Strukturen, insbesondere im Bereich der Grammatik und Syntax, heben in der letzten Zeit auch die Konstruktionsgrammatiken hervor, wobei sie u. a. mit Blick auf den konventionellen Charakter die Trennung zwischen Grammatik und Lexikon bewusst ablehnen (Fillmore/Kay/O’Connor 1988).

Der vorliegende deutsch- und englischsprachige Band vereint Untersuchungen zu solchen Wortverbindungen, die im lexikalischen und/oder morphosyntaktischen Sinn als konventionell/usuell/formelhaft verstanden werden können,1 und wirft folgende Fragen auf:

1) Wie lässt sich das Zusammenspiel zwischen der Konventionalisierung und der Variation auf der Ebene der Wortverbindungen theoretisch fassen? (vgl. die Beiträge Häcki Buhofer, Lückert, Stumpf)

2) Welche theoretischen und methodischen Konsequenzen bringt die Berücksichtigung dieses Zusammenspiels z. B. für Morphosyntaxtheorien oder die Phraseologieforschung mit sich, die sich bis jetzt am systematischsten mit Wortverbindungen auseinandergesetzt hat? (vgl. die Beiträge Burger und Häcki Buhofer)

3) Und umgekehrt: Welchen Platz soll/kann die Wortverbindungsperspektive bei der Untersuchung der sprachlichen Regularitäten und Irregularitäten z. B. im Paradigma der Grammatikalisierung, Lexikalisierung und/oder Konstruktionsgrammatiken spielen? (vgl. die Beiträge Holzinger, Konecny, Mellado Blanco, Mucha, Piunno, Staffeldt und Stumpf)

4) Was bedeutet Konventionalisierung auf der Ebene der Wortverbindungen? Wovon hängt ihr Ausmaß bei einzelnen Wendungen ab? Wie verläuft Variation←8 | 9→ und welche Faktoren bedingen sie? (vgl. die Beiträge Fiedler, Holzinger, Mellado Blanco, Staffeldt, Stumpf, Villers)

5) Lassen sich überhaupt von einzelnen Beispielen Kriterien ableiten, die erklären, warum einige Wendungen eher fest und andere eher variabel sind? (vgl. die Beiträge Fiedler, Häcki Buhofer, Lückert, Staffeldt).

Wie Burger ausführt, lässt sich das (lexikalisch und morphologisch) Konventionelle auf der sprachlichen Oberfläche u. a. durch das Merkmal der strukturellen, semantischen und pragmatischen Festigkeit greifen. Dieses innerhalb des „klassischen“ Paradigmas der kontinentaleuropäischen Phraseologieforschung gut ausgearbeitete Kriterium hält er auch für zukünftige phraseologische Untersuchungen für zentral, auch wenn das Heranziehen neuer Forschungsdaten2 und neue konzeptionelle Entwicklungen innerhalb der Kognitiven Linguistik, der Konstruktionsgrammatik und der Korpuslinguistik für die Phraseologieforschung die Neujustierung ihres Begriffsapparats und des Untersuchungsgegenstandes (im Sinne einer „weiten“ Konzeption) bedeuten.

Ein Beispiel für solch eine konzeptionelle Erweiterung liefert der Beitrag Häcki Buhofers. Die Autorin geht der Frage nach, wie Kollokationen im Erst-, Zweit- und Fremdsprachenerwerb kognitiv verarbeitet werden. In der klassischen Phraseologieforschung wurden Kollokationen eher stiefmütterlich behandelt, aus gebrauchsbasierter Perspektive (und hier schließen wir den Spracherwerb mit ein) erweisen sich aber gerade Kollokationen als frequente Muster der Kommunikation (Tomasello 2003: 101–102). Laut Häcki Buhofer greifen die meisten existierenden Erklärungsversuche der Spracherwerbsforschung immer noch punktuell und liefern keine Antwort auf die Frage, „wie es möglich ist, 95000 Kollokationen zu lernen, die alle von nur 2000 Wörtern der Alltagssprache ausgehen“ (vgl. auch Häcki Buhofer/Dräger/Meier/Roth 2014). Im Beitrag wird der Versuch unternommen, die vorhandenen Forschungsergebnisse zusammenzuführen und kritisch zu beleuchten.

Der Frage nach der kognitiven Verarbeitung und Speicherung konventionalisierter Wendungen geht auch Lückert nach. Am Beispiel eines anderen Typs, nämlich der Sprichwörter, wird ein Modell der doppelten Speicherung als Hypothese zur Diskussion gestellt. Es ergänzt das Spektrum der existierenden Modelle zum Verständnis von Sprichwörtern und argumentiert primär ausgehend vom Zusammenspiel des Festen und des Variablen in der formalen Struktur der Sprich←9 | 10→wörter, das sich auf drei Ebenen manifestiere: auf der Ebene der Überlieferung des einzelnen Sprichworts, der Sprichworttradition als Ganzes und der Ebene der mentalen Repräsentation des Sprichworts. Das Modell soll erklären, wie Sprichwörter mit niedriger token-Frequenz einerseits und hohem Bekanntheitsgrad und stark ausgeprägtem kulturellen Hintergrund andererseits als feste konventionalisierte sowie gleichzeitig variable Einheiten im so genannten proverbial lexicon (p-lexicon) verarbeitet werden, dessen Existenz im Beitrag angenommen wird. Während der psycholinguistische Ansatz Häcki Buhofers synchron ausgerichtet ist, vertritt Lückert die These, dass die Erkenntnisse der kognitiven Linguistik und der Psycholinguistik auch für diachrone Prozesse der Konventionalisierung und Variation fruchtbar gemacht werden können.

Mucha untersucht die Taking-Over-Konstruktionen in literarischen bürgerlichen Trauerspielen des 18. und 19. Jahrhunderts und arbeitet ihre unterschiedlichen Typen/Varianten heraus. Diese weisen laut Mucha auf der kognitiven schematisierten Ebene durchaus Ähnlichkeiten auf, indem sie auf die so genannten conceptual archetypes oder konventionelle kognitive Routinen des Sprecherwechsels in der Interaktion zurückgeführt werden können.

Die meisten Beiträge im Sammelband gehen der Frage nach dem Zusammenspiel zwischen der Konventionalisierung und der Variation empirisch nach. Anhand konkreter Beispiele analysieren sie dieses Zusammenspiel, fragen nach den Gründen der Entstehung des Konventionellen und beschreiben das Variationspotenzial bzw. die Variationsrestriktionen. Die Beispiele decken das breite Spektrum zwischen den eher grammatischen und den eher lexikalischen Strukturen ab, lassen sich aber kaum eindeutig einem dieser Pole zuordnen. Somit liefern sie gute Nachweise für den ebenenübergreifenden Charakter des Konventionellen, der aber nur auf der Hintergrundfolie der Variation adäquat verstanden werden kann. Mehrere Beiträge diskutieren explizit die Vor- und Nachteile der theoretischen Verortung solcher Wortverbindungen im Rahmen der existierenden Paradigmen (Phraseologieforschung, Untersuchungen zur Formelhaftigkeit, Konstruktionsgrammatik usw.).

So wird die Notwendigkeit dieser integrativen Sicht auf die Konventionalisierung von Konecny anhand der apposizioni grammaticalizzate im Italienischen gezeigt – einer für die zeitgenössische italienische Schriftsprache typische Rechtsherausstellung, die im syntaktischen Sinn einer Konjunktion nahekommt, keineswegs semantisch entleert und deshalb kaum grammatikalisiert ist und in älteren Untersuchungen sogar als eine phraseologische Einheit betrachtet wurde. Sie übernimmt vielfältige Funktionen auf textueller Ebene (etwa im Bereich der Kohäsion und Vervollständigung der Bedeutung eines Satzelementes bzw. eines Teil←10 | 11→satzes) und wird mit orthographischen Mitteln (Interpunktion) gekennzeichnet. In ihrem Aufbau folgt sie stets gleichen oder ähnlich gearteten Schemata, die formal unterschiedlich fest sein können.

Piunnos Beitrag geht quer durch unterschiedliche Typen der konventionalisierten Wendungen im Italienischen und fokussiert die Rolle der obligatorischen Negationskonstituente in ihrer Struktur (obligatorily negated multiword expressions, Neg-MEs). Sie geht von einer anderen semantisch-pragmatischen Funktion solcher Negationen im Vergleich zur Negation in der freien Verwendung aus. Aber auch innerhalb unterschiedlicher Klassen der Neg-MEs können semantische Unterschiede festgestellt werden, die laut Puinno eng mit den syntaktischen Eigenschaften, dem Typ der Negation und dem Grad der Lexikalisierung korrelieren. Die Konventionalisierung (hier verstanden als Lexikalisierung und Entstehung einer festen Wendung mit einer idiomatischen Bedeutung) führt dazu, dass ein grammatischer Marker – die Negationspartikel – degrammatikalisiert wird und somit den scheinbar abgeschlossenen Grammatikalisierungspfad der Negation neu eröffnet.

Sowohl die von Konecny analysierten Appositionen als auch die Wortverbindungen mit einer Negationskonstituente in Piunnos Beitrag sind Auffälligkeiten im Sprachgebrauch. Auffälligkeiten oder gar Irregularitäten (sowohl im lexikalischen als auch im morphologischen Bereich) galten lange Zeit als Merkmale der verfestigten konventionellen Strukturen. Unterschiedliche Typen der (Ir-)Regularitäten im Bereich der lexikalisierten Wortverbindungen (Idiome, Modellbildungen, Paarformeln, Routineformeln usw.) werden explizit von Stumpf thematisiert. Dabei leistet der Beitrag Zweifaches: Durch quantitative Korpusanalysen liefert er den Nachweis, dass zum einen semantische, syntaktische, lexikalische und phonetisch-phonologische Irregularitäten keine seltene Randerscheinung sind und dass sie zum anderen durchaus Variation und Wandelprozessen unterliegen, die die Grenze zwischen dem Regulären und Irregulären verwischen, allerdings nicht immer den Beginn eines linearen Entwicklungswegs in Richtung des Regulären markieren.

Biographische Angaben

Natalia Filatkina (Autor:in) Sören Stumpf (Autor:in)

Natalia Filatkina studierte Germanistik, Anglistik, Pädagogik und Interkulturelle Kommunikation in Moskau, Berlin und Bamberg. Sie ist außerplanmäßige Professorin in der Germanistik/Älteren deutschen Philologie an der Universität Trier und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Sören Stumpf studierte Germanistik, Geschichtswissenschaften und Bildungswissenschaften an der Universität Trier. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Germanistischen Linguistik der Universität Trier.

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Titel: Konventionalisierung und Variation