Lade Inhalt...

«Futura contingentia, necessitas per accidens» und Prädestination in Byzanz und in der Scholastik

von Stamatios Gerogiorgakis (Autor:in)
Habilitationsschrift 413 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungen
  • Vorwort
  • 0. Einleitung
  • 0.1. Einordnung der vorliegenden Arbeit in die Forschung
  • 0.2. Einige grundlegende Begriffe
  • 0.3. Verortung der vorliegenden Arbeit in den Einzeldisziplinen
  • Erster Teil: Überblick über die Vorgeschichte: Spätantike und frühes Mittelalter
  • 1. Frühe Lehren über die Vergangenheit
  • 1.1. Die Irreversibilität der Vergangenheit
  • 1.2. Zeitlosigkeit in der griechischen Patristik
  • 1.3. Der Vergangenheitsbegriff in der griechischen Patristik
  • 2. Frühe Lehren über die Zukunft
  • 2.1. Spätantike Lehren über die Zukunft und ihre Vorgeschichte
  • 2.2. Die Unbestimmtheit der Zukunft in den Aristoteles-Kommentaren bis zum 7. Jh.
  • 2.3. Die Vorherbestimmung der Zukunft in den theologischen Quellen bis zum 9. Jh.
  • 2.4. „Vorauswissen ist nicht Vorherbestimmen“: Eine einflussreiche Formel des 8. Jh.
  • 2.5. Frühchristliche und frühmittelalterliche Eschatologie des Weltendes in Ost und West.
  • 3. Schlussfolgerungen aus den frühen Zeitlehren
  • Zweiter Teil: Hoch- und Spätmittelalter
  • 4. Einleitende Bemerkungen zur Zeitphilosophie des Hoch- und Spätmittelalters
  • 5. Reversible Vergangenheit
  • 6. Irreversible Vergangenheit
  • 6.1. Der Irreversibilitätsgedanke in der Frühscholastik
  • 6.2. Der Irreversibilitätsgedanke im Hoch- und Spätmittelalter
  • 7. Schlussfolgerungen aus den Lehren über die Vergangenheit
  • Dritter Teil: Hoch- und spätmittelalterliche Lehren über die Zukunft
  • 8. Ansätze für die Unbestimmtheit der Zukunft
  • 8.1. Gegen die Vorherbestimmung der Todesstunde
  • 8.2. Willensfreiheit und Unbestimmtheit der Zukunft in den Aristoteles-Kommentaren in Ost und West
  • 8.3. Gottes Wesen und Kontingenz bei Alain von Lille und im byzantinischen Hesychasmus
  • 8.4. Franziskanische Freiheitstheologie
  • 8.5. Handlungsfreiheit im Palamismus
  • 9. Ansätze gegen die Unbestimmtheit der Zukunft
  • 9.1. Prädestination in der Frühscholastik
  • 9.2. Die diodorische Möglichkeitskonzeption zu Beginn der Hochscholastik
  • 9.3. Fatum, Prädestination und Kontingenz im Thomismus einschließlich des Byzantinischen
  • 9.4. Willensfreiheit und Prädestination in der Theologie der Spiritualen und der Augustiner vom 13. bis zum 15. Jh.
  • 9.5. Prädestination in den frühen Reformbewegungen
  • 10. Schlussfolgerungen aus den Lehren über die Zukunft
  • 11. Von der Modalontologie zur doktrinären Eschatologie
  • 11.1. Das Fegefeuer bei Albert dem Großen
  • 11.2. Das Fegefeuer bei Thomas von Aquin
  • 11.3. Das Fegefeuer bei Bonaventura
  • 11.4. Erste Auseinandersetzungen zwischen Byzantinern und Lateinern über das Fegefeuer
  • 11.5. Fegefeuer in den frühen Reformbewegungen
  • 11.6. Argumente für und gegen das Fegefeuer auf dem Konzil von Ferrara-Florenz
  • 11.7. Die Bedeutung des Palamismus für die Ablehnung der Fegefeuerlehre im Osten
  • 11.8. Juristische und pekuniäre Analogien der Fegefeuer-Metaphysik
  • 12. Schlussfolgerungen aus der Fegefeuerlehre
  • 13. Futurologie im Mittelalter
  • 14. Allgemeine Schlussfolgerungen
  • Literatur

| 11 →

Abkürzungen

| 15 →

Vorwort

Der vorliegende Band stellt eine revidierte und verbesserte Version meiner Untersuchung mit dem Titel Zeit, Zwang und Kontingenz dar, die am 6. April 2011 von der Universität Erfurt als Habilitationsschrift angenommen wurde. Aufgrund derselben und des Probevortrags wurden mir am 15. Juni 2011 die Lehrbefähigung sowie die Lehrbefugnis an der vorgenannten Universität für die Fächer Philosophie und Religionswissenschaft erteilt.

Die Untersuchung ging aus dem Erfurter Forschungsprojekt „Zeitvorstellungen im westlichen und östlichen Hoch- und Spätmittelalter“ hervor, das durch die Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Schwerpunktprogramms 1173 („Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“) ermöglicht wurde. Ohne die großzügige Unterstützung der DFG zwischen den Jahren 2005 und 2011, auch ohne ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im Jahr 2004, während dessen ich den Projektentwurf erstellte und den Förderungsantrag stellte, wäre diese Untersuchung wahrscheinlich nicht zustande gekommen.

Einen herzlichen Dank an folgende Institutionen möchte ich an dieser Stelle aussprechen: an die Universität Erfurt, die mir ihre Infrastruktur zur Verfügung stellte; an die Bayerische Staatsbibliothek in München sowie an die Bibliothek der Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale, wo Teile der Forschung durchgeführt wurden; schließlich an die Prager Nationalbibliothek der Tschechischen Republik (Národní knihovna České Republiky), deren Handschriften ich studieren durfte.

Folgenden Personen möchte ich meine Dankbarkeit äußern: den Gutachtern meiner Habilitationsschrift Prof. Dr. Josef Freitag, Prof. Dr. Guido Löhrer und Prof. Dr. Vasilios N. Makrides (alle Universität Erfurt), ohne deren Wissen und Rat dieses Buch sehr unvollständig gewesen wäre; meinem guten Freund und Mentor Prof. Dr. Dr. Hans Burkhardt (LMU München) – zwar post mortem, allerdings war sich Hans auch zu Lebzeiten meiner Dankbarkeit gewiss – sowie Prof. Dr. Alex Burri (Universität Erfurt), die mich während meiner Untersuchung der mittelalterlichen Zeitontologie in philosophischer, pragmatischer, nicht zuletzt in wissenschaftspolitischer ← 15 | 16 → Hinsicht weiter brachten; Prof. Dr. Michael Borgolte (HU Berlin), Prof. Dr. Bernd Schneidmüller (Universität Heidelberg) und Prof. Dr. Dittmar Schorkowitz (Max-Planck-Institut Halle) für ihre Beschäftigung mit meinen methodischen Fragen bezüglich der Einbettung dieser Studie in die Landschaft der mediävistischen Studien; Georgios Karageorgoudis (LMU München) für die zahlreichen Gespräche, die mir halfen, meine eigenen Gedanken zur Modal- und Zeitontologie zu klären; Prof. Dr. Pantelis Bassakos (Panteion Universität Athen), Prof. Dr. Ulrich Nortmann (Universität des Saarlandes) und PD Dr. Henrik Wels (FU Berlin), die mich ermutigten oder mit ihren Bemerkungen zum Nachdenken anregten.

Bei der Zitationsweise in den Fußnoten ist zu beachten, dass Titel von Büchern (bzw. der Anfang derselben) in Kursivschrift, Titel von Aufsätzen dagegen (bzw. der Anfang derselben) in Normalschrift erscheinen – letztere einfachheitshalber ohne Anführungszeichen.

Vereinzelte griechische Termini, kurze Phrasen im Text sowie griechische Titel von Büchern und Aufsätzen erscheinen in der Regel nicht transliteriert. Die Ausnahmen sind dadurch begründet, dass der transliterierte griechische Terminus Teil eines deutschen Satzes ist. Transliteriert erscheinen auch griechische und neugriechische Eigennamen – so wie die Bibliotheknutzer normalerweise mit Hilfe von digitalen Medien nach ihnen recherchieren.

Auf einen Index Nominorum habe ich verzichtet. Stattdessen benutze ich Kapitälchen für die Erstnennung des Namens eines Autors – auch für die Erstnennung in einem bestimmten Kontext.

Für etwaige Fehler und Versehen zeichnet natürlich der Autor allein verantwortlich.

Basel, im Oktober 2016

| 17 →

0. Einleitung

Sollten die Hauptaussagen der vorliegenden Arbeit dermaßen komprimiert werden, dass sie auf der Rückseite einer Postkarte Platz finden, dann könnten sie folgendermaßen lauten:

In der mittelalterlichen Theologie und Philosophie waren zwei Möglichkeitskonzeptionen bekannt: A. Die diodorische, die das Mögliche als das ohnehin Einzutreffende ansieht,1 und B. die aristotelische, die das Mögliche als einen „offenen“ Ereignisausgang betrachtet, dem ein ebenfalls „offener“, alternativer Ereignisausgang gegenübersteht. Durch das Mittelalter hindurch setzte sich in den lateinischen Quellen mehr und mehr die diodorische, in den griechischen jedoch die aristotelische Konzeption als Mainstream durch. Diese Präferenz des jeweiligen philosophischen und theologischen „Idioms“ westlich und östlich der Adria hat interessante und wichtige Auswirkungen auf das religiöse Leben.

Auf der Vorderseite der Postkarte würden idealerweise in großen Lettern zwei Sprüche aus der Antike stehen, die für die in ihren Grundzügen geschilderte, mittelalterliche Debatte wegweisend waren. Der eine würde den Überlegungen des Diodor Kronos entsprechen, nach dem die deterministische Möglichkeitskonzeption heute genannt wird:

Nichts über die Zukunft ist jetzt möglich, es sei denn, es kommt jedenfalls noch zustande.2

Der andere Spruch würde die Aristoteles-Interpretation zugunsten der offenen Möglichkeiten wiedergeben,3 die dem mittelalterlichen Indeterminismus eigen war:

Von einer jetzt als möglich anzusehenden Seeschlacht sollte gelten, dass sie in Zukunft weder stattfindet noch nicht stattfindet.4 ← 17 | 18 →

Möge die Postkartenlektüre (wohlgemerkt würde es sich um eine Postkarte mit Sonderformat handeln) das Interesse des Lesers, aber auch seine Geduld geweckt haben, die erforderlich ist, um eine lange Kette von Indizien bis zum Schluss zu verfolgen.

0.1. Einordnung der vorliegenden Arbeit in die Forschung

Die vorliegende Studie stellt einen direkten Vergleich zwischen der Scholastik und der byzantinischen Philosophie und Theologie dar. Sie stellt Lehren der Philosophie und Theologie des Hoch- und Spätmittelalters einander gegenüber und bespricht diese in kritischer, jedenfalls nicht in doxographischer Hinsicht. Allgemein gesprochen drehen sich diese Lehren um das Thema, was einerseits als eine unbestimmte Möglichkeit, d.h. als kontingent angesehen wurde, was andererseits als notwendig oder unmöglich verstanden wurde.

Diese für die Theologie der West- wie der Ostkirche wichtigen Vorstellungen werden im Zusammenhang mit zwei (jedenfalls scheinbar) gegensätzlichen Begriffen studiert: Das sind die Prädestination und die Willensfreiheit. Zwar versuchte ein Großteil der Scholastik, die Prädestination und die Willensfreiheit zu vereinbaren, aber es ist ein christlicher Topos, dass die Prädestination einen unverrückbaren Gang der zukünftigen Ereignisse vorschreibt, und ein aristotelischer Topos, dass die Willensfreiheit eine unbestimmte Zukunft voraussetzt.

Da bereits im Titel der vorliegenden Arbeit die Kontingenz in einem theologischen Kontext erwähnt wird, wird sich wohl der eine oder andere Leser der vorliegenden Arbeit an die von Hermann Lübbe gelieferte, sehr einflussreiche „funktionalistische“ Definition der Religion als Kontingenzbewältigung5 erinnert fühlen. Obwohl die theoretische Verortung von Lübbes Analyse der vorliegenden Arbeit fremd ist, ist die Assoziation von Kontingenz und Religion der Sache nach nicht abwegig. Zwar meinte Lübbe eine sich auf die Moderne beziehende Definition der Religion formuliert zu haben, während es im vorliegenden Buch um das Mittelalter geht. Abgesehen von Lübbes Intentionen erweist sich seine Religionsdefinition als adäquat in bezug auf die byzantinische und die scholastische Theologie. ← 18 | 19 → Diese theologischen „Idiome“ des Mittelalters, so wird sich hoffentlich der Leser aus den nachfolgenden Ausführungen überzeugen können, trennten sich zwar in vielerlei Hinsicht, aber eine sehr wichtige Differenz zwischen denselben lag in ihrer Auffassung der Kontingenz. Indem sie die Kontingenz anders definierten, definierten sie die Religiosität und zu guter Letzt die eigene Kultur anders.

Das mag etwas theorielastig erscheinen. Denn im Vordergrund trennten sich die West- und die Ostkirche in Fragen nach Exaktem: kanonisch in puncto Papstprimat, liturgisch in der Verwendung von ungesäuertem bzw. gesäuertem Brot in der Eucharistie, dogmatisch in der Frage nach dem Hervorgang des Heiligen Geistes – was zwar nicht augenscheinlich greifbar ist, aber immerhin etwas mit der Funktion einer göttlichen Person zu tun hat.

Und doch trennten sie sich eben nicht nur wegen der vorgenannten Fragen. Ihre Differenzen waren viel hintergründiger. Wo die Westkirche die Kontingenz, die Ungewissheit und Unvorhersehbarkeit der irdischen Angelegenheiten rationalisierte und in Gott bei all seiner Unerforschlichkeit einen festen, konsequenten König mit Staatsraison sah, der alles unter Kontrolle halten wollte, sah die Ostkirche in Gott einen eigenwilligen und unberechenbaren Vater; in der Kontingenz die selbst in Gott nicht zur Ruhe kommenden Wogen der Zeit sowie die selbst von Gott nicht entschiedenen, offenen Möglichkeiten der Zukunft.

Bei der Behandlung meiner mittelalterlichen Texte beschränkte ich mich auf Lehren über Reversibilität bzw. Irreversibilität der Vergangenheit, Bestimmtheit bzw. Unbestimmtheit der Zukunft, ferner über die Prädestination. Das sind Teilaspekte, die ein reiches Geflecht von ideengeschichtlichen Zusammenhängen aufweisen und mir sehr repräsentativ erschienen.

Als ein Fallbeispiel der Prädestination gehe ich am Ende dieses Buches auf die Fegefeuerlehre ein. Die Fegefeuerdebatte eignet sich sehr zum Nahvergleich beider christlichen Kulturen des Mittelalters und zwar deswegen, weil sie anhand von Berichten über direkte Begegnungen zwischen scholastischen und byzantinischen Theologen studiert werden kann.

Trotz der in den letzten Jahrzehnten gut gediehenen Mittelalterforschung bleiben viele Bereiche der mittelalterlichen Philosophie und Theologie (so gut wie) unerforscht.

Das trifft zunächst für die Argumentation bzw. Beweisführung in byzantinischen philosophischen und theologischen Texten zu. Nicht, dass wir zu ← 19 | 20 → wenig über argumentative byzantinische Texte wüssten. Eher sind diese nur doxographisch studiert worden.

Denn im Vergleich zu den Philosophen oder Logikhistorikern mit einer systematischen, nicht nur historischen Kompetenz in Sachen Argumentation, die sich mit arabischen und lateinischen Texten des Mittelalters beschäftigt haben, ist die Zahl derer aus demselben Personenkreis, die sich, sei es am Rande, mit der Argumentation byzantinischer Texte beschäftigt haben, sehr gering.6 An mangelnden Griechischkenntnissen dürfte das nicht liegen. Sofern logische Argumente in byzantinischen Texten vorkommen, bleiben sie in der Regel unanalysiert7 – um vom schlechten Ruf der byzantinischen Logik unter Logikhistorikern als Folge der Prantlschen These über die Urheberschaft der Summulae logicales ganz zu schweigen.8

Darüber hinaus sind Studien äußerst selten, in denen die byzantinische Philosophie und Theologie in Gesamtdarstellungen des mittelalterlichen Denkens mit einbezogen wird. Die arabische Logik und die jüdische Philosophie werden viel öfter einbezogen.

Im Jahr 1985 kam der von Tamar Rudavski herausgegebene Sammelband Divine Omniscience and Omnipotence in Medieval Philosophy heraus. Mit dieser Thematik beschäftigt sich die vorliegende Arbeit intensiv. Nun glänzt die byzantinische Philosophie im Sammelband mit ihrer Abwesenheit. Zwar ← 20 | 21 → deutet der Untertitel: Islamic, Jewish and Christian Perspectives, das Gegenteil an, denn die byzantinische Philosophie ist ein guter Teil der christlichen Philosophie des Mittelalters; sie hat sogar Bereiche, die als Teilzweige der Scholastik betrachtet werden können. Allerdings entdeckt der Leser des Sammelbandes ziemlich schnell, dass die Besprechungen der christlichen Tradition des Mittelalters auf lateinische Texte der Scholastik beschränkt sind.

Im Jahr 2005, als diese Arbeit noch in den Kinderschuhen steckte, wurde mit dem von Dominik Perler und Ulrich Rudolph herausgegebenen Sammelband Logik und Theologie versucht, viele der Zusammenhänge, mit denen sich die vorliegende Arbeit beschäftigt, in Hinblick auf die lateinische sowie die arabische Logik des Mittelalters zu erforschen.9 Die Lücke zu schließen, die bezüglich der byzantinischen Theologie und Logik übrig blieb, wurde eine Ambition der vorliegenden Arbeit.

Diese Forschungslücke blieb auch nach der Veröffentlichung des Sonderheftes der Zeitschrift Vivarium 48/1–2 (2010) noch offen,10 das den etwas missverständlichen Titel trug: „Aristotelian Logic East and West, 500–1500: On Interpretation and Prior Analytics in Two Traditions“. Mit „East“ war hier nämlich die arabische Logik gemeint.

Die Texte der byzantinischen Philosophie und Theologie sind bisher nicht als argumentative Texte studiert worden, stattdessen sind sie aus dem Gesichtspunkt des orthodoxen Theologen, des Philologen oder des Historikers erschlossen worden. Die philologischen und historischen Arbeiten geben Aufschluss über historische, sprachliche und biographische Gegebenheiten, sehen aber von Kohärenz und inneren Zusammenhängen, von Kompatibilität und Inkompatibilität zwischen byzantinischen und sonstigen Lehren ab.11 Die byzantinische Philosophie wird also in der Regel von Forschern ← 21 | 22 → mit einem philologischen oder historiographischen Hintergrund unter einem doxographischen Blickwinkel studiert.12

Nicht dass dieser Blickwinkel nur in der byzantinischen Philosophiegeschichtsschreibung besteht. In den Kulturwissenschaften kann von einem doxographischen Blickwinkel überall dort die Rede sein, wo Thesen von verschiedenen Autoren besprochen werden, die einen bunten Flickenteppich ergeben, dessen Farbenstruktur keine inneren Zusammenhänge aufweist; die eine Fülle aus bunten Positionen ergeben, welche nur dem Gemeinplatz Nahrung bieten können, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Ich nenne diese Forschungsrichtung der Kulturwissenschaften: „Neodoxographie“.13

Den Einwand, dass die Neodoxographie angesichts des Gegenstands der analytischen Philosophie und der Logikgeschichte vielleicht unangemessen und irrelevant, aus kulturwissenschaftlicher oder ideengeschichtlicher Sicht allerdings informativ wäre, möchte ich beim besten Willen nicht gelten lassen. Die Kulturwissenschaften und die Ideengeschichte dürfen genauso wenig wie die Philosophie die argumentative Form eines theologischen oder philosophischen Textes übersehen. Gute Argumente sind für die Kulturwissenschaften durchaus von Belang: Je besser fundiert eine Proposition, eine Reihe von Thesen, eine Ideologie ist, desto höher steigen ihre Chancen, akzeptiert und recht lange einflussreich zu werden; desto beachtenswerter ist es, wenn die Akzeptanz doch ausbleibt; desto leichter können die Proposition, die Reihe von Thesen, die Ideologie propagiert werden. Es sei denn, es ist anzunehmen, dass das Publikum, an das die Proposition, die Reihe der Thesen, die Ideologie gerichtet wird, sich größtenteils irrational verhält. Kein Kulturwissenschaftler oder Ideenhistoriker kann diese völlig abstruse Annahme beherzigen, ohne gleichzeitig jegliche Wissenschaftlichkeit über Bord zu werfen. ← 22 | 23 →

Die Neodoxographie bietet also für die Kulturwissenschaften, deutlicher noch für die Philosophie so gut wie keinen Nutzen. Dem Philosophiehistoriker stehen allerdings selbst doxographische Ansätze zur byzantinischen Philosophie recht selten zur Verfügung.14

Details

Seiten
413
ISBN (PDF)
9783631703168
ISBN (ePUB)
9783631703175
ISBN (MOBI)
9783631703182
ISBN (Buch)
9783631654859
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Januar)
Schlagworte
Philosophiegeschichte Mittelalter Religionsphilosophie Philosophie der Zeit Ost-West
Erschienen
Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 413 S., 1 s/w Abb.

Biographische Angaben

Stamatios Gerogiorgakis (Autor:in)

Stamatios Gerogiorgakis hat an der Universität Patras, der LMU München, der Universität Erfurt, außerdem an Waldorfschulen in Halle/Saale und Basel gelehrt. Als Philosoph publiziert er zu Logikgeschichte und «epistemology of religion». Als Religionswissenschaftler ist er an der Ideengeschichte des Christentums interessiert.

Zurück

Titel: «Futura contingentia, necessitas per accidens» und Prädestination in Byzanz und in der Scholastik