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Die Flucht vor der Vernunft und die Suche nach ihr

Beiträge chinesischer Germanisten zur internationalen Germanistik

von Maoping Wei (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 452 Seiten

Zusammenfassung

Die chinesische Germanistik erlebt gegenwärtig ihre Blütezeit – insbesondere dadurch, dass die Zahl der Universitäten, an denen man Germanistik als Bachelorstudiengang belegen kann, stark gestiegen ist. Die vorliegende Publikation besteht aus den Beiträgen chinesischer Germanisten, die eben dieser Universitätslandschaft entstammen.
Der Band ist viergeteilt. In einem ersten Abschnitt werden Beiträge zur deutschen Literatur mit Schwerpunkt auf der Textanalyse vorgestellt. Die Mehrzahl der Arbeiten des zweiten Teils «Zwischen China und Deutschland» betrachtet die chinesisch-deutschen Literaturbeziehungen, um auf diesem Spannungsfeld der Selbst- und Fremdbilder intellektuelle wie auch ästhetische Brücken zwischen China und Deutschland zu schlagen. Der dritte Teil widmet sich dem Thema «Märchen oder Magie». Die Referenten dieser Beiträge haben wohl geahnt, dass im Wunderbaren das Wesen der Literatur liegt und die Flucht vor der Vernunft durch ihre Forschungsthemen ebenfalls eine Suche nach ihr ist. Der vierte Teil, «Varia», beinhaltet verschiedene Beiträge über chinesisch-deutsche Fragestellungen wie Übersetzung oder Ausbildung.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Die Flucht vor der Vernunft und die Suche nach ihr. Einführung in die Beiträge chinesischer Germanisten zur internationalen Germanistik (Wei Maoping)
  • Erster Teil – Textinterpretationen zur Literatur
  • In der „Dunkelhaft“ der Welt nach dem Wahren sehen. Eine Interpretation zu Ingeborg Bachmanns Erzählung Ein Wildermuth (Zheng Xia)
  • Verdecktes Schreiben und religiös motivierte Widerstandsliteratur. Stefan Andres und seine Novellen El Greco malt den Großinquisitor und Wir sind Utopia (Wang Mei-Ling)
  • Emotionalität in der Liebeskonzeption des Willehalm von Orlens. Am Beispiel der Elterngeschichte (Xie Juan)
  • Raum als Ort des Gedächtnisses. Zu Christoph Ransmayrs Morbus Kitahara (Xie Meiqing)
  • Die Reflexion des Frauenbildes in der Ehe-Trilogie von Loriot. Kommunikativ-situative Frauengestaltung vom Frühstück bis zum Fernsehabend (Zhu Yanfei)
  • Das Mitleid in Marie von Ebner-Eschenbachs Erzählung Das Gemeindekind. Aus der Perspektive der Mitleidsethik Arthur Schopenhauers (Chen Qiao)
  • „Ich treibe Tierliebe“. Über das intertextuelle lyrische Spiel mit Else Lasker-Schüler am Beispiel von Benns Gedicht Drohungen (1913) (Zhang Ruoyu)
  • Muss Gregor Samsa sterben? Eine Untersuchung von Kafkas Erzählung Die Verwandlung (Yu Lu)
  • Was ist an Goethes Faust tragisch? Ein Versuch über den Begriff „Tragödie“ (Wu Yongli)
  • Zweiter Teil – Zwischen China und Deutschland
  • Mitlesende, Mitschreibende und Mitleidende. Das Wertherfieber und die modernen chinesischen Schriftstellerinnen (Feng Xiaochun)
  • Brecht-Rezeption auf der chinesischen Bühne (Yin Yu)
  • Studie zur Kafka-Rezeption in China (1979–1998). Ein starker Aufschwung nach anfänglicher Verzögerung (Wang Wei)
  • Ein Überblick über die Stefan-Zweig-Rezeption in China. Windungen und Wendungen im Laufe von 90 Jahren (Zhang Xiaoqing)
  • Die metaphorische Bedeutung von Leo und der Doppelfigur in Hesses Erzählung Die Morgenlandfahrt (Chen Min)
  • Der Ritenstreit und die schwierige Lage der Intellektuellen. Analyse des Dramoletts Der Bischof von China von Peter Hacks (Xu Qiliang)
  • Eine Neubewertung von Konfuzius aus deutscher Sicht. Zur Rezeption von Konfuzius im Westen (Fang Housheng)
  • Dritter Teil – Märchen oder Magie
  • „Zauberhafte Vernünftigkeit“. Über das Wunderbare in Wielands Kunstmärchen am Beispiel Timander und Melissa und Der Stein der Weisen (Feng Weiping)
  • Erlösung durch Liebe. Über das Ende des Teufelspaktes in Chamissos Erzählung Peter Schlemihls wundersame Geschichte (Hu Yifan)
  • Männliche Identitätskrise und gestörte Geschlechterbeziehungen. Eine Analyse der Männerfigur und der Mann-Frau-Beziehung in Döblins Erzählung Der Ritter Blaubart (Huang Yi)
  • Anflug von Seele Zum Wasserfrau-Motiv in undine von Doris Runge (Li Yang)
  • Zwischen Dramatik und Postdramatik. Roland Schimmelpfennigs Theaterästhetik am Beispiel von Der goldene Drache (Qi Kuaige)
  • Vierter Teil – Varia
  • Textkommentierung und Selbstdarstellung in deutschen und chinesischen sprachwissenschaftlichen Artikeln (Chen Qi)
  • Berufsbildung in China und Deutschland hinsichtlich Strukturen und Rechtsgrundlagen (Miao Xiaodan)
  • Übersetzung als Kommunikation. Untersuchung der translatorischen Paratexte der chinesischen Faust-Übersetzungen und ihrer Implikationen (Sun Yu)
  • Autorinnen und Autoren
  • Reihenübersicht

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WEI MAOPING

Die Flucht vor der Vernunft und die Suche nach ihr

Einführung in die Beiträge chinesischer Germanisten zur internationalen Germanistik

Die chinesische Germanistik erlebt gegenwärtig ihre Blütezeit – insbesondere dadurch, dass die Zahl der Universitäten, an denen man Germanistik als Bachelorstudiengang belegen kann, von einstmals etwa 25 bis 30 heute auf über 100 gestiegen ist. Dies spiegelt zugleich die mannigfachen und engen wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen China und Deutschland wider: ein Phänomen, das in anderen asiatischen Ländern Neid erwecken könnte.

Die vorliegende Publikation besteht aus den Beiträgen zumeist weiblicher chinesischer Germanisten, die eben dieser Universitätslandschaft entstammen. Sie sind entweder chinesische (jüngere) Professoren oder Dozenten (meistens aus Shanghai), oder Doktoranden vor allem an der Shanghai International Studies University, wo auch der Herausgeber tätig ist.

Der Band ist viergeteilt. In einem ersten Abschnitt werden neun Beiträge zur deutschen Literatur mit Schwerpunkt auf der Textanalyse vorgestellt.

Er beginnt mit einer textimmanenten Interpretation von Ingeborg Bachmanns Erzählung Ein Wildermuth, in der die Verfasserin die These vertritt, dass Bachmann zum einen in der „Dunkelhaft“ der Welt doch noch nach dem Wahren sucht und zum zweiten „diese Bachmannsche Zuversicht als optimistisches Handeln des freien Willens“ zu deuten ist.

Es folgt ein Beitrag über die Novellen El Greco malt den Großinquisitor und Wir sind Utopia von Stefan Andres. Es wird versucht, diese beiden Novellen mit Blick auf die „Innere Emigration“ zu lesen, „um zu zeigen, wie der Künstler die Spannung zwischen dem freien Geist der Kunst und der Gewalt der Kirche austrägt sowie das Thema Schuld und Sühne behandelt.“ ← 9 | 10 →

Die dritte Arbeit hat ein mediävistisches Thema als Gegenstand – dies ist unter den chinesischen germanistischen Literaturwissenschaftlern eine Seltenheit; sie bietet eine Analyse über das Textstück Willehalm von Orlens mit dem Untertitel „Am Beispiel der Elterngeschichte“ an.

Danach kommt eine Arbeit zu Christoph Ransmayrs Morbus Kitahara, die die geographischen Beschränkungen auf die erzählerische Strategie des Autors zurückführt und den Raum als Ort des Gedächtnisses darstellt, was sich deutlich dem Diskurs der modernen Literaturtheorie anschließt.

Der fünfte Beitrag widmet sich einem der beliebtesten deutschen Humoristen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Loriot, und reflektiert das Frauenbild in dessen Ehe-Trilogie.

Anschließend findet sich eine thematische Forschungsarbeit zu Marie von Ebner-Eschenbachs Erzählung Das Gemeindekind unter der Perspektive der Mitleidsethik von Arthur Schopenhauer, die zugleich die deutsche Philosophie in den Blick nimmt.

Der siebte Beitrag behandelt Gottfried Benns Gedicht Drohungen in Hinsicht auf sein intertextuelles lyrisches Spiel mit Else Lasker-Schüler, das den Titel „einer der schönsten Liebesdialoge der Weltliteratur“ verdiente.

Der vorletzte Beitrag in diesem Teil nimmt Kafkas Die Verwandlung unter die Lupe und stellt die nur scheinbar rhetorische Frage „Muss Gregor Samsa sterben?“

Goethes Werk lädt stets zu Entdeckungen ein. Auch in unserem Band darf er natürlich nicht fehlen. Der letzte Beitrag in diesem Teil „Was ist an Goethes Faust tragisch?“ setzt sich mit verschiedenen Definitionen des Begriffs „Tragödie“ in West und Ost auseinander und stellt ihn gleichzeitig auf den philologischen Prüfstand.

Die Mehrzahl der Arbeiten des zweiten Teils „Zwischen China und Deutschland“ betrachtet die chinesisch-deutschen Literaturbeziehungen, um auf diesem Spannungsfeld der Selbst- und Fremdbilder intellektuelle wie auch ästhetische Brücken zwischen China und Deutschland zu schlagen.

Er beginnt wiederum mit Goethe, um eine Verbindung mit dem letzten Beitrag des ersten Teils herzustellen. Die Autorin widmet sich dem Thema „Das Wertherfieber und die modernen chinesischen Schriftstellerinnen“, und geht der Frage nach, wie eigentlich die schreibenden ← 10 | 11 → Frauen, vor allem in der chinesischen Republikzeit (1911–1949), den Werther-Stoff aufgegriffen und rezipiert haben. Untersucht werden einige moderne chinesische Schriftstellerinnen wie Lu Yin (1898–1934), Feng Yuanjun (1900–1974), Bing Xin (1900–1999), Ling Shuhua (1900–1990) und Xie Bingying (1906–2000). Das Fazit lautet, dass zu jener Zeit Die Leiden des jungen Werther auf die lesende Jugend tatsächlich wie eine Bibel gewirkt hat. Zu diesem Beitrag gehören auch bisher weniger bekannte Tatsachen, durch welche die Thematik der chinesisch-deutschen Literaturbeziehungen eine neue Perspektive erhält.

Die folgenden drei Aufsätze konzentrieren sich jeweils auf die Rezeptionen von Bertolt Brecht, Franz Kafka und Stefan Zweig in China. Die Rezeptionsgeschichte dieser Schriftsteller spiegelt das literarische Klima in China wider und zeigt zugleich die neue Dimension der deutschen Literatur außerhalb Deutschlands.

Der gemeinsame thematische Horizont der drei folgenden Beiträge, mit denen das zweite Kapitel schließt, bezieht sich auf die Rezeption der chinesischen Literatur und Geisteswelt in Deutschland und bildet somit einen Gegenpol zu den oben erwähnten Beiträgen. „Die metaphorische Bedeutung von Leo und der Doppelfigur in Hesses Erzählung Die Morgenlandfahrt“ wendet sich der Gedankenwelt von Lao Tse bei Hermann Hesse zu. „Der Ritenstreit und die schwierige Lage der Intellektuellen“ analysiert das Dramolett Der Bischof von China von Peter Hacks, in dem ein historisches Ereignis im Fernen Osten aus dem 18. Jahrhundert zutage tritt. „Eine Neubewertung von Konfuzius aus deutscher Sicht“ handelt sowohl von der „Mitwirkung des Konfuzianismus an der Rekonstruktion der westlichen Modernität“ als auch von der willkürlichen und kurzsichtigen Geringschätzung von Konfuzius in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Im dritten Teil „Märchen oder Magie“ werden fünf Beiträge präsentiert. Die erste Arbeit „Zauberhafte Vernünftigkeit“ erörtert Wielands Kunstmärchen am Beispiel Timander und Melissa und Der Stein der Weisen mit einem aufschlussreichen Hinweis auf den bedeutenden Beitrag zur Märchenliteratur der Aufklärung, in der man eigentlich eine grundsätzliche Märchenfeindlichkeit vermuten könnte. Der nächste Beitrag „Erlösung durch Liebe“ geht unter besonderer Berücksichtigung des literarischen Motivs des „Teufelspakts“ auf Chamissos Peter Schlemihls wundersame Geschichte ein. Es folgt eine literatursoziologisch ← 11 | 12 → ausgerichtete Arbeit: „Eine Analyse der Männerfigur und der Mann-Frau-Beziehung in Döblins Erzählung Der Ritter Blaubart“; die Arbeit beschäftigt sich auch mit der Gender-Frage. Der vierte Beitrag, „Anflug von Seele. Zum Wasserfrau-Motiv in undine von Doris Runge“, stellt eine Autorin der deutschen Gegenwartsliteratur vor. „Zwischen Dramatik und Postdramatik. Roland Schimmelpfennigs Theaterästhetik am Beispiel von Der goldene Drache“ ist der letzte Beitrag in diesem Teil, in dem die Grenzen zwischen Tier und Mensch immer weiter verschwinden, und die Menschenwelt fast in allen Stücken der Tierwelt gleicht.

Der vierte Teil lautet „Varia“, weil die nachfolgenden drei Beiträge sich nicht in gleicher Sinnfälligkeit auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. „Textkommentierung und Selbstdarstellung in deutschen und chinesischen sprachwissenschaftlichen Artikeln“ geht den kommunikativen Elementen in deutschen und chinesischen wissenschaftlichen Fachaufsätzen nach und kommt zu dem Ergebnis, dass sie sich unterschiedlicher sprachlicher Mittel bedienen, um sich adäquat auszudrücken. „Berufsbildung in China und Deutschland hinsichtlich Strukturen und Rechtsgrundlagen“ vergleicht die deutsche und chinesische Infrastruktur der Gesetzgebung mit dem Resultat, dass die Berufsbildung in China sich mehr am Bedarf der Wirtschaft und Gesellschaft orientiert. Mit dem Beitrag „Übersetzung als Kommunikation. Untersuchung der translatorischen Paratexte der chinesischen Faust-Übersetzungen und ihrer Implikationen“ schließt der vierte Teil. Mit diesem letzten Beitrag des vorliegenden Bandes werden sieben verschiedene chinesische Faust-Übersetzungen mit Erläuterungen ihrer Charakteristika und Funktionen sowie der daraus resultierenden Implikationen für die sogenannte paratextuelle Übersetzungsforschung vorgestellt. Goethe tritt somit am Ende wieder auf, was eine umrahmende Funktion für diesen Sammelband besitzt und seine Autorität sowohl in der deutschen Literatur als auch in der chinesischen Geisteswelt nochmals unterstreicht.

Was die Themen betrifft, hat es keine Absprache zwischen dem Herausgeber und den Referenten gegeben. Jeder hatte freie Hand bei der Wahl des Forschungsgegenstandes. Um so mehr ist es auffallend oder erstaunlich zu bemerken, dass bei diversen Autoren mehrere Beiträge einen gemeinsamen thematischen Horizont offenbaren: durch Märchen oder Magie, durch das Wunderbare oder das Zauberhafte. ← 12 | 13 → Darf man dies als Umsetzung von Vernunftsskepsis in Literaturkritik oder Literaturforschung betrachten?

Und blicken wir auf den Gang der heutigen Literatur, so ist festzustellen, dass seit mehreren Jahren die alten Geschichten von Rotkäppchen, Blaubart, vom Gestiefelten Kater usw. in verschiedenen Variationen ständig auftreten und Romanfiguren wie „Harry Potter“, Schriftsteller wie „Dan Brown“ und Filme wie „Avatar“ auf der ganzen Welt triumphieren. Zivilisationskritische Visionen finden hier ihre schärfste Ausprägung. Gewiss ist dies auch ein Zeichen der intelligenten Welt, die die Aufklärungszeit mit ihrer Betonung der Vernunft sowie die dynamische Beschleunigung des technischen Fortschritts ablehnt und skeptisch zu fragen beginnt, ob wir die Freiheit an die Technik verlieren und das maschinelle Ungeheuer endlich die Menschenwelt bezwingen würde, wenn es weiter so geht. Die Wende von der Euphorie zur Phobie gegenüber der Technik findet bereits statt, und die instrumentelle Rationalität, die nun um sich selbst kreist und den Menschen zum Diener der Maschine werden lässt, bekommt in dem Wunderbaren und Märchenhaften eine Absage. Die Referenten dieser Beiträge über Märchen oder Magie, über das Wunder oder Wunderliche haben wohl geahnt, dass im Wunderbaren das Wesen der Literatur liegt und die Flucht vor der Vernunft durch ihre Forschungsthemen ebenfalls eine Suche nach ihr ist.

Mein besonderer Dank gilt zum einen Herrn Professor Hans-Gert Roloff, dem Geschäftsführenden Herausgeber des Jahrbuchs für Internationale Germanistik, der diesen Band vorgeschlagen hat, zum anderen all denjenigen, die in diesen Band ihre Forschungsergebnisse eingebracht haben.

Prof. Dr. WEI Maoping
Shanghai International Studies University
Shanghai, Oktober 2016 ← 13 | 14 →

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Erster Teil
Textinterpretationen zur Literatur

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ZHENG XIA (SHANGHAI)

In der „Dunkelhaft“ der Welt nach dem Wahren sehen

Eine Interpretation zu Ingeborg Bachmanns Erzählung Ein Wildermuth

Abstract: Für Ingeborg Bachmann ist Wahrheitssuche die selbstverständliche Mission des Schriftstellers; für den Richter Anton Wildermuth in Bachmanns Erzählung Ein Wildermuth ist diese auch sein Lebensdogma. Aber sein Wahrheitsglaube wird immer wieder herausgefordert und droht unterzugehen. In der vorliegenden Arbeit wird auf Wildermuths Glaubenskrise eingegangen und untersucht, wo Wildermuths Wahrheitsglaube herrührt, wie dieser bezweifelt wird, wie und in wieweit ihm die Wahrheitsfindung doch noch gelingt und wie er sich schließlich trotz alledem auf individuelle Art für eine schweigende Wahrheitssuche entscheidet und somit treu an seinem Lebensdogma festhält.

Der Begriff der Wahrheit wird in Ingeborg Bachmanns Erzählung Ein Wildermuth1 aus ihrem ersten Erzählband Das dreißigste Jahr (1961) als Kernsujet einer sowohl nach außen als auch nach innen gerichteten scharfsinnigen Betrachtung unterzogen, die ein tief eindringender reflektierender Blick bzw. Rückblick der Hauptfigur, des Oberlandesgerichtsrats Anton Wildermuth, auf seinen persönlichen und beruflichen Werdegang begleitet. Die tiefgründige introspektive Auseinandersetzung dieses Richters mit der Wahrheit, die sich hier „in konkreter und erkennbarer Umgebung“2 nicht auf einen rein abstrakten Begriff beschränkt, erfolgt entlang einer zeitlichen Achse, die die einzelnen ← 17 | 18 → Entwicklungsphasen – Kindheit, Schul- und Studienzeit, Berufs- und Eheleben – abbildet. Die Fühler des Denkens, die der Wahrheit auf die Spur kommen, strecken sich bis in die dunkelsten und intimsten Ecken des äußerlichen und innerlichen Lebens der Hauptgestalt aus. Nach dieser kritischen, aufrichtigen und schmerzhaften Introspektion fasst der erfahrene und etablierte Jurist, der eben in der steten Wahrheitssuche und -findung seine schicksalhafte Mission sieht, den scheinbar enttäuschenden, von einer gewissen traurigen Resignation zeugenden Entschluss, seine konsequente, auf die Kindheitserziehung im Elternhaus zurückzuführende „hohe Meinung“ (S. 252) von der Wahrheit zu verwerfen und darüber endgültig – nachdem er beim Vernehmen eines prekären Falls vor Gericht einen lauten Schrei als Zeichen der Empörung und Frustration ausgestoßen hat – zu schweigen, womit der reife Richter sein definitives Urteil über die Wahrheit fällt, obwohl er sich damit auf keinen Fall abfinden kann.

Den äußeren Anlass zu der ganzen Geschichte bietet ein eigentlich „unerheblich[er] und gewöhnlich[er]“ (S. 216) Mordfall, also ein „Routinefall“ (S. 217), in dem aber keine überzeugende Expertise über die Echtheit eines Knopfs, der von dem Mantel des Angeklagten abgerissen worden sein mag und schließlich eine entscheidende Rolle spielen könnte, vorgelegt werden kann. Der ganze Prozess und das ganze Gericht scheinen über einen winzigen Knopf, der die heiße Spur zur Aufklärung des ganzen Verbrechens darstellt, dessen Wahrheit sich aber dem professionell erforschenden Blick der erfahrenen Wahrheitssuchenden entzieht, zu stolpern. Zu diesem kritischen Zeitpunkt während der Vernehmung schreit der Richter Anton Wildermuth bestürzenderweise laut auf, und mit diesem schrillen Schrei lässt er in der Tat seinen Zweifel und seine Verzweiflung an der rationalen Erkennbarkeit der endgültigen Wahrheit heraus. Dem Richter, der die Grenze seines Denkvermögens erreicht zu haben scheint und von dem man doch die Wahrheit verlangt, scheint die Wahrheit nicht mehr zumutbar zu sein.3 In jenem Augenblick wird er im Kopf von einem Schlag getroffen, der eine „Delle“ (S. 252) in seinem Gehirn hinterlässt und einen Schmerz verursacht, wie es dem Protagonisten der titelgebenden Erzählung Das dreißigste Jahr in Bachmanns Erzählband einmal beim Nachdenken über ein „Problem ← 18 | 19 → der Erkenntnis“4 geschieht, wo sich dieser immer höher fliegen fühlt und schließlich gegen eine „Decke“5 stößt. Wie jener nachdenkliche, philosophisch gesinnte dreißigjährige Mann jene „Decke“ nicht durchstoßen kann, deutet nun allein schon ein Knopf dem versierten, rationalen Juristen die Grenze seines Strebens nach der Wahrheit an. Eine Überschreitung dieser Grenze, die selbst in einem der alltäglichsten Dinge wie einem Knopf steckt, ist unmöglich. Eine tiefe Ohnmacht gegenüber der unermesslichen Komplexität und Verdunklung der Welt und der Verhüllung der vollständigen Wahrheit befällt den Richter. „Er hat immer das Absolute geliebt und den Aufbruch dahin […]“6, scheint aber von diesem inneren Antrieb überfordert zu sein. Ob er mit der Wahrheit zu weit geht? Schmerzhafte Erfahrungen können gerade deshalb sinnvoll sein, weil sie einen empfindlich machen, insbesondere empfindlich für die Erfahrung der Wahrheit.7 Und dass der Mensch, der den Wunsch hegt, „bis zum Äußersten [zu] gehen“8, irgendwo an die Grenze des Möglichen stößt, gehört eben zur Wahrheit bzw. Tragödie der menschlichen Existenz. Dieses Tragische, diesen großen geheimen Schmerz nimmt der Richter wahr; ihn nimmt auch die Autorin wahr und will ihn, noch einen Schritt weiter, „wahrmachen“, damit auch die anderen „sehend werden“9 können. Hierin liegt nach Ingeborg Bachmann gerade die Aufgabe des Schriftstellers, denn nicht nur von einem Richter, sondern auch von einem Schriftsteller fordert man die Wahrheit. Indem sie mit ihrer Figur mutig den Spuren und Verästelungen der Wahrheit nachgeht, beabsichtigt die Autorin, „die anderen zur Wahrheit zu ermutigen“10, trotz aller Schwierigkeiten, Zweifel, Skepsis, Verspottung und trotz der Niederlage. Der Richter, der sich in seinem Selbstverständnis ironisch mit einem „Zyniker“ (S. 247) identifiziert, führt hier jedoch eine Operation mit dem ernsthaften existenziellen Thema ← 19 | 20 → der Wahrheit im alltäglichen, juristischen und philosophischen Sinne durch.

Dass Anton Wildermuth, der über langjährige Erfahrungen in juristischen Angelegenheiten verfügt, diesmal nicht über ein einfaches Verbrechen hinwegkommen kann, liegt wohl vor allem daran, dass der mutmaßliche Täter, der Landarbeiter ist und des Mordes an seinem Vater bezichtigt wird, ebenfalls Wildermuth – Josef Wildermuth – heißt. Wegen der widersprüchlichen unsicheren Aussagen dieses angeklagten Wildermuth gerät die gerichtliche Untersuchung ins Dunkle und die Wahrheit droht verschüttet zu werden. Die fatale Namensgleichheit zwischen dem Richter und dem Angeklagten sorgt für eine übertriebene Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit für den Fall und löst bei dem Urteilenden ein gemischtes Gefühl „unwillkürlicher Scham und Revolte“ (S. 219) aus, weil er immer wieder den eigenen Namen zu lesen und zu hören hat und weil sich die Suche nach dem Motiv des Täters, d. h. nach der inneren Wahrheit eines anderen Wildermuth durch diese äußere Übereinstimmung als hochgradig heikel erweist. Der verwirrte Richter Wildermuth, der zu urteilen hat, scheint unter diesen Umständen keine Urteilskraft aufbringen zu können und an die Grenze der Selbstbeherrschung zu gelangen. Ein Urteil über Josef Wildermuth kann der Richter Anton Wildermuth nicht fällen. Stattdessen startet letzterer, nachdem er als schonungsbedürftiger Kranker von seinem Amt abberufen worden ist, einen inneren Abrechnungsprozess mit all seinen bisherigen Wahrheitserfahrungen und -erkenntnissen, und dementsprechend wechselt auch die Erzählperspektive der Geschichte von der auktorialen Erzählweise des ersten Teils zur Ich-Form im zweiten Teil. Die Erzählform des inneren Monologs bringt zum Ausdruck, dass sich der Ich-Erzähler nun mit einer sogenannten Wahrheitskrise, die ausschließlich mit ihm selbst zu tun hat und aus der nur er selbst sich heraushelfen kann, beschäftigt. Aus einem in ihm tief verwurzelten Antrieb wendet sich der Protagonist dem eigenen Innern zu, und die Innenansicht des Ich-Erzählers ermöglicht dem Leser einen sehr intimen Blick auf die Figur und vermittelt unmittelbar deren Gefühle und Gedanken, die im Innersten des Charakters verborgen und im Allgemeinen dem fremden Blick verschlossen bleiben.

In seiner Retrospektive nimmt der Protagonist seine Praxis der Wahrheitssuche, die bis in die frühen Schuljahre zurückzuverfolgen ist, unter ← 20 | 21 → die Lupe und überprüft seine wahrheitsbezogene Gedankenentwicklung, d. h. die Entwicklung seines Wahrheitsglaubens in all den Jahren. Von dieser in der versunkenen Vergangenheit tastenden Wahrheitserkundung hält aber mancher Kritiker nicht viel. Marcel Reich-Ranicki diagnostiziert in seiner Rezension aus einer skeptischen Haltung heraus, dass es dabei um „dunkle[] Empfindungen“ und eine ins Wanken geratene psychische Struktur gehe.11 Tatsächlich leidet der Richter Anton Wildermuth nach dem merkwürdigen Vorfall vor Gericht an starken Kopfschmerzen und schwankenden Körpertemperaturen, was als äußerliches Symptom einen krankhaften Überspannungszustand signalisiert, aber der „Raub des Fiebers“12 führt doch nicht selbstverständlich zu einer stark schwankenden Gemütsverfassung und schon gar nicht in einen geistig-seelisch gestörten Zustand des Wahnsinns. Im Gegensatz dazu zeichnet sich der empirische, distanzierende und prüfende Rückblick des Richters durch Wachsamkeit, Empfindlichkeit, Schärfe und zynische Kälte und Vernunft aus, und auch seine Worte, die er hier im Selbstgespräch, also in den eigenen Gedanken sprechend – und das heißt so gut wie schweigend – zur Geltung bringt, laden zum Nachdenken ein und lassen sich nicht einfach als Gemurmel eines Nervenkranken, dessen sich der Nervenarzt annehmen müsse13, abtun. Schaut man genauer hin, nimmt man Leuchtendes in der Dunkelheit wahr, Fixierbares in der Vagheit, was tatsächlich gehandelt, gedacht und gefühlt, geglaubt und gezweifelt, äußerlich wie innerlich erlebt und erfahren wird; und hört man aufmerksam zu, nimmt man eine Stimme wahr, die „kühn und klagend“ klingt, „[e]ine Stimme, wahrheitsgemäß, das heißt: nach eigener Erfahrung sich äußernd, über Gewisses und Ungewisses.“14 Selbst die ungewissen Dinge, die degradierend als „dunkle[] Empfindungen“15 bezeichnet werden können, dürfen ihren Anteil an einer großen Wahrheit beanspruchen, die als Ganzes aber nur schwer zu Wort kommen kann, weil dabei die Sprache an ihre Ausdrucksgrenze stößt und zu verstummen droht. Und wenn die ← 21 | 22 → Sprache bzw. die Stimme versagt, dann muss eben „wahrheitsgemäß“ geschwiegen werden.16 Und zu schweigen, nicht mehr über die Wahrheit zu reden, entschließt sich der Jurist letzten Endes in hohem Dienstalter. Und sein Schweigen basiert wie sein Sprechen auf dem Grund der Wahrheit: „Weder sprechend noch schweigend ohne Grund. Ohne auf dem Grund der Hoffnung, ohne auf dem der Verzweiflung zu stehen.“17 Der „immer stiller werdende[] Beobachter“ (S. 243) hört zwar auf zu sprechen, aber nie zu sehen, zu fühlen und nachzudenken. Er ist ja vom Leben enttäuscht, aber was heißt schon Enttäuschung? Für den gereiften Richter Anton Wildermuth bedeutet „Enttäuschung“ das Vermögen, eben „ohne Täuschung“ zu leben.18 So setzt er sich, nachdem er den Entschluss zum Verzicht auf die berufliche Laufbahn, die immerhin zur Wahrheit führen soll, getroffen hat, endlich einmal gründlich und unermüdlich – und dies versteht mancher Kritiker als „wortreich“ und „chaotisch“19 – mit dem Wahren und dem Unwahren auseinander, um das Unwahre zu entlarven und das verborgene Wahre aufzudecken, so dass das Wahre, sei es sagbar oder unsagbar, ans Licht kommen kann. In einer scheinbaren Haltung der Skepsis, des Aufbegehrens gegen die Wahrheit, bekennt sich der zur Wahrheit erzogene, nüchterne Jurist Anton Wildermuth in der Tat das allerletzte Mal zu der ihm vorbestimmten Mission, „in der Dunkelhaft der Welt“ stets nach dem Wahren und somit als „Rechthaber“ „nach dem Rechten zu sehen“20, und erfüllt sie. Durch die ernsthaften Reflexionen, die wie in anderen Werken Bachmanns auch gewisse philosophisch-metaphysische Züge aufweisen, zeichnet sich eine aufrichtige menschliche Existenz ab.

Die wahrheitsbezogene Mission ist für den jungen Anton eine quasi angeborene geistige Veranlagung, die sich mit der Zeit erst in ihm wie erwünscht entfaltet. Dass die Familie Wildermuth auf die Wahrheit setzt, spiegelt sich schon in ihrer Erziehungsideologie wider:

Ein Wildermuth wählt immer die Wahrheit. (S. 214)
Mit der Wahrheit kommt man am weitesten. Bleib immer bei der Wahrheit und fürchte niemand. (S. 230) ← 22 | 23 →
Und einen Wildermuth erziehen – das hieß, ihn zur Wahrheit erziehen. Und ein Wildermuth werden – das hieß, einer in Wahrheit werden. (S. 232)

All diese gewaltigen Sätze beweisen einen unbeirrbaren Wahrheitsglauben, den der Vater, der Lehrer ist, dem Sohn als genetisch determiniertes, schicksalhaftes Gepräge der Familie vererbt hat. Und diesen Glauben an die Wahrheit praktiziert der Schüler Anton Wildermuth, der Jurastudent Anton Wildermuth und der Richter Anton Wildermuth. Zur Wahrheit bekennt sich dieser – bewusst, aber auch unwillkürlich:

Mit der Wahrheitsfindung bin ich befaßt, und nicht nur von Berufs wegen bin ich mit ihr befaßt, sondern weil ich mich mit nichts andrem befassen kann. Wenn ich die Wahrheit auch nie finden sollte… (S. 237)

Trotz eines traurigen Beiklangs dieser Worte, der auf ein mögliches Scheitern der Wahrheitsfindung hinweist, kann von einem „Wahrheitsrausch“ (S. 229) die Rede sein, aber blindlings in diesem Rausch befangen ist Anton Wildermuth auf keinen Fall. Schon von klein auf beobachtet diese zentrale Gestalt parallel zur Überzeugung von der Wahrheit eine andere Welt, ein anderes Leben, das mit der Wahrheit nicht viel zu tun hat, aber nichtsdestoweniger schön, sogar gewissermaßen attraktiver aussieht. Diese einen Kontrast zur eigenen Lebenssphäre bildende Welt steht früher etwa im Zusammenhang mit der Mutter und später mit der Ehefrau Gerda.

Während der kleine Junge Anton „weniger aus Furcht vor dem Vater als aus einer düsteren Begierde heraus“ (S. 228) emsig und gar spielerisch das „Exerzitium“ des Wahrheit-Sagens, das die äußerste Genauigkeit anstrebt, einübt, wird sich der Jugendliche Anton sukzessive der zehrenden „Weitläufigkeit“ (S. 230) dieses zum Exzess tendierenden Wahrheit-Sagens bewusst, und das „tief im Grund“ befindliche Verlangen, „immer alles restlos zu erzählen“21, lässt allmählich nach. Um sich von den „anstrengenden Auftritten“ für „die Wahrheiten im Rampenlicht“ zu erholen, zieht sich der geistig reifer gewordene Jugendliche gern auf eine „von niemand geahnte[]“ „dunkle[] Hinterbühne“ (S. 231) zurück, die einen freien Schauplatz und Spielraum für all die Phantasien eines Halbwüchsigen darstellt. In dieser als „sündig, farbig ← 23 | 24 → und reich“ bezeichneten Welt, in der „man lässig sein konnte und der Gewissensforschung entzogen war“ (S. 231), fühlt sich der Jugendliche der Welt seiner lässigen, von der Wahrheit ausgeschlossenen Mutter nahe (S. 231 f.). Nur nimmt er damals noch eine „[v]orsichtig[e] und spöttisch[e]“ (S. 231) Haltung zu dieser verschleierten, geheimnisvollen Welt ein, weil er sie für jenseits der Wahrheit gelegen hält und das solide Fundament seines Wahrheitsglaubens durch sie erschüttert und bedroht sieht. Gerade diese innere Welt, die anfangs von dem jungen Anton Wildermuth verleugnet wird, deren Existenz er zwar auf individuelle subjektive Weise deutlich empfinden kann, der er aber keine intersubjektive Kommunikation zutraut, fordert ihn später immer mehr heraus. In dem Mordfall von Josef Wildermuth ist der Richter Anton Wildermuth auch mit dem Problem der Intersubjektivität konfrontiert. Aus einem subtilen Gefühl heraus, das die Gleichnamigkeit mit dem Angeklagten bei ihm hervorruft, motiviert er sein Einfühlungsvermögen und will die innere Wahrheit eines anderen Wildermuths befreien, als wäre sie in Geiselhaft. Aber mit seiner Empathie und Sympathie gelingt dem Richter kein Durchbruch zur Wahrheitsermittlung, was ihm großes Bekümmernis bereitet.

Solchen Bemühungen um die innere, im Dunkeln verborgene Wahrheit – oder eben nur Wahrscheinlichkeit? –, die sich nur schwer beweisen lässt, schenkt aber ein geschulter, pragmatischer Jurist, der sich auf die beweisbaren Tatsachen zu beschränken versteht, keine besondere Wertschätzung. Als Jurastudent diskutiert und streitet sich Anton Wildermuth mit seinen Studienkollegen über Rechtsphilosophie, über Wahrheit und Wirklichkeit, „mit der ganzen Gelenkigkeit, Rauflust und Denkbegier junger Menschen“ (S. 233), und er muss erkennen, dass extreme Standpunkte, also die Absolutheit, zu der er neigt, relativiert und zerlegt werden können und dass die Wahrheit in der Mitte liegt. Zufrieden kann er sich aber damit nicht geben. Im beruflichen Milieu findet sich der junge Richter Wildermuth auch nicht ganz zurecht, als er merkt, „daß man in den Kanzleien und den langen langen Korridoren des Justizpalastes nicht für Wahrheitssuche Zeit hatte“ (S. 234) und stattdessen größeren Wert etwa auf die interne Hierarchie legt. Mit geheimer Kritik und berechtigtem Zweifel an dieser juristischen Realität, die sich schon mit „mittlere[n]“, „brauchbaren“ (S. 251) Wahrheiten begnügt, durchlebt Anton Wildermuth lange Berufsjahre, ohne sich ← 24 | 25 → aber wie die anderen auf den philisterhaften Utilitarismus, also auf das Nützlichkeits- und Brauchbarkeitsprinzip der Wahrheit, einzulassen. Es fällt ihm schwer, sich mit solch einer pragmatischen Einstellung und Wahrheitsauffassung zu versöhnen. So äußert er sich zum Fall Josef Wildermuths:

Ich empfehle mich. Ich bin es, der geschrien hat.
Ich konnte plötzlich über einen Knopf nicht hinwegkommen und nicht über einen Mann, der auch ein Wildermuth ist und ein Recht darauf hätte, daß nicht nur die Wahrheit ans Licht kommt, die wir brauchen können. Er hat ja gesagt: ich habe es getan, und er geht ins Zuchthaus dafür für fünfundzwanzig Jahre. Ich kann mich nicht abfinden damit, daß die eine Wahrheit genügt, die ans Licht kommen kann, und daß die andere Wahrheit nicht daherkommt, nicht angeschossen kommt, nicht aufzuckt wie ein Blitz. Daß wir von der brauchbaren Wahrheit den brauchbarsten Zipfel benutzen, um jemand die Schlinge um den Hals zu legen […] (S. 251)

Biographische Angaben

Maoping Wei (Band-Herausgeber:in)

Prof. Dr. WEI Maoping, Geboren 1954 in Shanghai. Nach einem Germanistikstudium und einer anschließenden Lehrtätigkeit an der Shanghai International Studies University (SISU) studierte er von 1986 an in Heidelberg Germanistik, Anglistik und Geschichte. Im Nov. 1989 wurde er am Germanistischen Seminar mit einer Arbeit über Günter Eich promoviert und kehrte anschließend an die SISU zurück. Von 1994 bis 1996 forschte er mit einem Humboldt-Forschungsstipendium am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg. Seit 2015 Mitherausgeber des Jahrbuchs für Internationale Germanistik.

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Titel: Die Flucht vor der Vernunft und die Suche nach ihr