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Lautes Denken, «Stimulated Recall» und Dokumentarische Methode

Rekonstruktive Verfahren in der Fremdsprachenlehr- und -lernforschung

von Karin Aguado (Band-Herausgeber:in) Claudia Finkbeiner (Band-Herausgeber:in) Bernd Tesch (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 204 Seiten

Zusammenfassung

Methodische und methodologische empirische Grundlagen wurden über einen langen Zeitraum aus der Psychologie, der Soziologie und aus den Erziehungswissenschaften in die fachdidaktische Forschung «exportiert» und sind mitverantwortlich für die gelungene empirische Wende auch in den Fachdidaktiken.
Der Tagungsband der Kasseler Methodentage 2016 zu den drei rekonstruktiven Analyseverfahren Lautes Denken, «Stimulated Recall» und Dokumentarische Methode spiegelt den Austausch junger Promovendinnen und Promovenden sowie Habilitandinnen und Habilitanden über relevante methodisch-methodologische Themen der Sprachlehr- und -lernforschung. Er leistet einen Beitrag zur Konsolidierung und Verbreiterung des forschungsmethodischen Wissens in diesem Bereich.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort des Herausgeberteams
  • Lautes Denken als Datenerhebungsverfahren in der empirischen Fremdsprachenforschung (Karin Aguado)
  • Stimulated Recall als Zugang zu mentalen Prozessen in der Fremdsprachenforschung (Claudia Finkbeiner / Jennifer Schluer)
  • Die Dokumentarische Methode in der Fremdsprachenforschung (Bernd Tesch)
  • Stimulated Recall in der Sprachtestforschung. Ein praktisches Beispiel aus der Erprobung eines computerbasierten Leseverstehenstests (Malgorzata Barras)
  • Dokumentarische Interpretation von Gruppendiskussionen – Der Analyseschritt der reflektierenden Interpretation am Beispiel der Rekonstruktion von Lernerlebnissen im Französischunterricht (Julia Fritz)
  • Der Schüler_innen-„Blick“ auf die Fremdsprache praxeologisch rekonstruiert. Sinnkonstruktion, symbolisches Kapital und schulischer Französischunterricht (Matthias Grein)
  • „Hä, warum lebt die denn nicht auf Hawaii? Ich versteh‘ das nicht.“ Zur Förderung von transkultureller Kompetenz im fremdsprachlichen Literaturunterricht (Annika Kreft)
  • Erfassung von Einschätzungsprozessen bei der Bewertung von Texten mehrsprachiger Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger. Überlegungen zum Einsatz des Laut-Denk-Verfahrens (Franziska Prüsmann)
  • Retrospektive Interviews mittels Videostimulus: Ein Instrument zur Erhebung subjektiver Sprachbildungstheorien von Erzieher/innen in bilingualen Krippen (Fränze Scharun)
  • Videobasierter Stimulated Recall zur Erforschung von Wort- und Konzeptbewusstheit (Jennifer Schluer)
  • Kurzprofile der Autorinnen und Autoren
  • Reihenübersicht

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Vorwort des Herausgeberteams

Methodische und methodologische empirische Grundlagen wurden über einen langen Zeitraum aus der Psychologie, der Soziologie und aus den Erziehungswissenschaften in die fachdidaktische Forschung ‚importiert‘ und sind mitverantwortlich für die gelungene empirische Wende in den Fachdidaktiken. Seit etlichen Jahren gibt es allerdings auch hier genuine Anstrengungen, den methodischen und methodologischen Rückstand zu den Bildungswissenschaften aufzuholen: Dafür stehen empirische Forschungsprojekte, empirisch orientierte Forschungsseminare, forschungsmethodische Einführungswerke, Sommerschulen und einschlägige Tagungen. Mit den Kasseler Methodentagen bieten die drei Kasseler Professuren für fremdsprachendidaktische Lehr- und Lernforschung jungen Promovend/innen und Habilitand/innen ein Forum für den Austausch über relevante methodisch-methodologische Themen.

Die an der Universität Kassel zum ersten Mal durchgeführten und von der Deutschen Gesellschaft für Fremdsprachenforschung (DGFF) finanziell unterstützten Methodentage waren dem Thema „Rekonstruktive Fremdsprachenforschung: Lautes Denken, Stimulated Recall und Dokumentarische Methode“ gewidmet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellten in drei entsprechend fokussierten Sektionen ihre Forschungsprojekte vor, wobei der Austausch über methodische und methodologische Fragen im Mittelpunkt stand. Der vorliegende Tagungsband spiegelt diesen Austausch und leistet somit einen Beitrag zur weiteren Vernetzung fremdsprachendidaktisch Forschender und zur Konsolidierung und Verbreiterung des forschungsmethodischen Wissens in der deutschen Fremdsprachenlehr- und -lernforschung.

In drei einleitenden Überblicksartikeln werden zunächst die methodischen Verfahren ‚Lautes Denken‘ (Karin Aguado), ‚Stimulated Recall‘ (Claudia Finkbeiner & Jennifer Schluer) und ‚Dokumentarische Methode‘ (Bernd Tesch) vorgestellt. Anschließend folgen in alphabetischer Reihenfolge insgesamt sieben Einzelbeiträge von Teilnehmerinnen und Teilnehmern an den ersten Kasseler Methodentagen, in denen sie anhand eigener empirischer Forschungsvorhaben ausgewählte methodologisch-methodische Fragen diskutieren.

Kassel, 2018

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Karin Aguado

Lautes Denken als Datenerhebungsverfahren in der empirischen Fremdsprachenforschung

Abstract: The purpose of the present paper is to provide a brief sketch of the think-aloud method, its characteristics as well as its benefits and pitfalls. Introduced in the 1980s, thinking aloud has become a useful tool to empirically investigate L2-related issues and provide insights that can not be gained otherwise. However, every researcher who wishes to use this introspective method, should be aware of the numerous challenges involved. Therefore, the various critical comments made on the validity and the reliability of think-aloud data will be discussed in detail.

Zusammenfassung: Das ‚Laute Denken‘ ist ein introspektives Verfahren, das sich seit den 1980er Jahren in der empirischen Fremdsprachenforschung allmählich etabliert hat. Ziel des vorliegenden Beitrags ist zum einen die Skizzierung des mit diesem Datenerhebungsverfahren verbundenen Erkenntnispotentials sowie die Darstellung einzelner Schritte der Durchführung. Zum anderen sollen aber auch die vielfältigen in der einschlägigen Literatur formulierten kritischen Einwände zum ‚Lauten Denken‘ insbesondere hinsichtlich der Validität und der Reliabilität der mit diesem Verfahren gewonnenen Daten diskutiert werden.

1. Introspektive Verfahren in der Fremdsprachenforschung – Typen, Merkmale, Gegenstände

Introspektion ist ein Sammelbegriff für alle methodischen Verfahren, bei denen die im Zentrum einer empirischen Untersuchung stehende Person in sich selbst hineinschaut (lat. introspicere – dt. hineinsehen, betrachten) und diesen Prozess verbalisiert. Entsprechend lautet die der Anwendung introspektiver Verfahren zugrundeliegende Prämisse: Menschen haben – zumindest bis zu einem gewissen Grad – Zugang zu ihren kognitiven und affektiven Zuständen und Prozessen und können diese auch sprachlich formulieren. Die verschiedenen introspektiven Verfahren werden zum einen anhand des Faktors ‚Zeit‘ unterschieden: Wenn die Verbalisierung gleichzeitig erfolgt und dabei Inhalte aus dem Arbeitsgedächtnis abgerufen werden, handelt es sich um ‚Lautes Denken‘. Wenn die Verbalisierung nachzeitig erfolgt und dafür das Langzeitgedächtnis aktiviert wird, spricht man vom ‚Lauten Erinnern‘. Zum anderen unterscheiden sich introspektive Verfahren danach, ob sie einen Bezug zu einem konkreten Ereignis bzw. einer konkreten Handlung aufweisen oder ob sie sich auf eher allgemeine oder abstrakte Sachverhalte beziehen. Während Studien, bei denen kein spezifisches Ereignis im Fokus steht ← 9 | 10 → und die daher eher offline vorgehen und bevorzugt schriftliche Befragungen oder Interviews einsetzen, nutzen Forschungen, in denen Daten zu einem spezifischen Ereignis online erhoben werden sollen, entweder das im Folgenden näher beleuchtete gleichzeitige ‚Laute Denken‘ oder sie bieten Stimuli wie z.B. Audio- bzw. Videoaufnahmen, schriftliche Aufzeichnungen oder auch Transkripte an, mithilfe derer sich die Proband/innen das zu untersuchende Ereignis nachträglich nochmals in Erinnerung rufen sollen (vgl. dazu u.a. die im vorliegenden Band versammelten Beiträge von Finkbeiner & Schluer; Barras; Scharun; Schluer). Grundsätzlich gilt, dass die Zeitspanne zwischen dem Ereignis und der Verbalisierung so kurz wie möglich sein sollte, v.a. um den Erinnerungsprozess der Proband/innen zu erleichtern und damit die Validität der gewonnenen Daten zu erhöhen (vgl. dazu bereits Gass & Mackey 2000). Die verschiedenen introspektiven Verfahren unterscheiden sich also a) hinsichtlich ihrer Bezugsgröße (konkret – allgemein), b) hinsichtlich ihres zeitlichen Bezugs zu einem Ereignis (gleichzeitig – nachzeitig), c) hinsichtlich der fokussierten Ebene (Kognition – Metakognition) sowie d) hinsichtlich der Modalität (mündlich – schriftlich). Ein entscheidender Unterschied zwischen dem gleichzeitig erfolgenden Lauten Denken und dem nachzeitig durchgeführten Lauten Erinnern und allen anderen in Form einer Befragung durchgeführten Elizitierungen introspektiver Daten besteht in erster Linie darin, dass letztere immer auf der Ebene der Metakognition operieren, wohingegen Laut-Denk-Studien primär die Ebene der Kognition zu erfassen suchen.

Während die kognitive Psychologie bereits in den 1950er Jahren mit introspektiven Verfahren arbeitete, begann man in der empirischen Fremdsprachenforschung damit erst Anfang der 1980er Jahre. Cohen & Hosenfeld (1981) gehörten international zu den ersten Fremdsprachenforschern, die als Ergänzung zur ‚Beobachtung von außen‘ für den Einsatz introspektiver Verfahren plädierten, um mit ihrer Hilfe einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt von Fremdsprachenlernenden zu erhalten und durch die auf diese Weise ermöglichte Perspektivenerweiterung fremdsprachenerwerbliche Prozesse besser verstehen, erklären und ggf. auch fördern zu können.1

Was genau ist nun unter Lautem Denken zu verstehen? Heine & Schramm (2007) zufolge bezeichnet es „die simultane Verbalisierung einer Person von Gedanken, auf die sie während einer bestimmten Tätigkeit ihre Aufmerksamkeit richtet, ohne dass gezielt metakognitive Gedächtnisinhalte stimuliert werden“ (Heine & Schramm 2007: 172). Noch etwas präziser formulieren es Knorr & ← 10 | 11 → Schramm (2012): Gemäß ihrer Definition ist Lautes Denken „die aus dem Arbeits- oder Kurzzeitgedächtnis erfolgende simultane, ungefilterte Verbalisierung einer Person von Gedanken während einer (mentalen, aktionalen oder interaktionalen) Handlung“ (Knorr & Schramm 2012: 185). Es geht also darum, dass Proband/innen spontan, direkt und unreflektiert alles das verbalisieren, was ihnen während einer bestimmten Handlung durch den Kopf geht. Mithilfe des auf diese Weise entstandenen ‚Verbalprotokolls’ kann rekonstruiert werden, worauf Sprecher/innen während des jeweils beobachteten Ereignisses ihre Aufmerksamkeit gerichtet haben. Zu beachten ist dabei, dass nur das rekonstruiert werden kann, was auch im Arbeitsgedächtnis verarbeitet wurde. Automatisiertes Wissen bzw. Können, das ja quasi am Arbeitsgedächtnis ‚vorbei‘ aktiviert wird, kann also nicht Gegenstand gleichzeitiger Verbalisierung sein. Auch sehr leichte Aufgaben sind für das Laute Denken nicht geeignet, weil sie ohne großen kognitiven Aufwand bearbeitet werden können und keine spontanen Verbalisierungen evozieren. Gut geeignet erscheinen hingegen generell alle etwas anspruchsvolleren verbalen Aktivitäten, die ohnehin Sprache involvieren und daher keine zusätzlichen Such- und Formulierungsaktivitäten verursachen, die den Laut-Denk-Prozess stören könnten. D.h. beim Lesen, beim schriftlichen Verfassen von Texten, beim Übersetzen oder beim Beschreiben von visuellen Objekten, aber auch bei der Bearbeitung von Tests und fremdsprachlichen Lernaufgaben kann laut gedacht werden, ohne dass die Proband/innen allzu viele zusätzliche kognitive Leistungen erbringen müssten. Allgemeine Problemlöseprozesse bzw. aufgabenspezifische kognitive Prozesse können ebenfalls gut mittels Laut-Denk-Verfahren untersucht werden, wie Faerch & Kasper bereits im Jahr 1987 feststellten: „Continuous introspection is particularly informative about informants’ global approach to a task, the levels of decision making they operate on, and the considerations that govern their decisions“ (Faerch & Kasper 1987b: 14). Dasselbe gilt für die Erforschung der Anwendung fremdsprachenerwerbsspezifischer Lernstrategien. So sind Cohen (1998) zufolge introspektive Verfahren bestens geeignet „[to] reveal in detail what information is attended to while performing tasks – information that is otherwise lost to the investigator“ (Cohen 1998: 38).

In der methodologischen Diskussion qualitativer Forschungsansätze besteht seit geraumer Zeit Konsens hinsichtlich des Gütekriteriums der ‚Gegenstandsangemessenheit‘ (vgl. dazu z.B. Flick 2007). Dieses Kriterium besagt u.a., dass die Forschungsmethode dem Forschungsgegenstand angemessen sein muss bzw. dass der Gegenstand die Methode bestimmt und nicht umgekehrt. Dies gilt selbstverständlich auch für die introspektiven Verfahren, und so lässt sich mit Ericsson & Simon in Bezug auf das Laute Denken zusammenfassend Folgendes ← 11 | 12 → festhalten: „Thinking aloud is […] not well suited to the study of cognitive processes with real-time attentional demands involving motor skills, and tasks requiring intermittent rehearsal of information” (Ericsson & Simon 1987: 35). D.h. Aktivitäten, die die Nutzung desselben Mediums wie die mündliche Verbalisierung erfordern, können nicht mittels gleichzeitiger Introspektion untersucht werden: Die mündliche Sprachproduktion ist somit als Gegenstand des Lauten Denkens ausgeschlossen. Alle anderen Fertigkeiten sowie im Arbeitsgedächtnis verarbeitete ‚Gegenstände‘ lassen sich unter der Voraussetzung einer ausführlichen vorbereitenden Instruktion und eines angemessenen Trainings der Proband/innen mit diesem Instrument hingegen gut untersuchen.

Introspektive Verfahren haben sich den Ausführungen von Heine & Schramm (2016) zufolge „für ein breites Spektrum an Forschungsfragen insbesondere als Teil von Mehrmethodendesigns als sinnvoll erwiesen“ (Heine & Schramm 2016: 178). Der Fremd- und Zweitsprachenerwerb ist ein komplexer und dynamischer Prozess, der sowohl kognitive wie auch affektive und soziale Dimensionen umfasst und für dessen empirische Untersuchung sich daher grundsätzlich ein mehrmethodisches Vorgehen anbietet. Diese Auffassung vertraten auch bereits Faerch & Kasper: „A combination of methods seems to be needed if we wish to substantially improve our understanding of learners’ declarative knowledge, their communication and learning processes and the affective and social aspects that interact with the cognitive dimension” (Faerch & Kasper 1987a: 19). Ein besonders in der qualitativen Forschung verbreitetes methodisches Vorgehen ist die Triangulation – eine Forschungsstrategie, die nicht nur breitere und tiefere Erkenntnisse ermöglicht, sondern die auch zur Validierung von Analyseergebnissen genutzt werden kann (vgl. dazu Flick 2004; Aguado 2014; Aguado 2015). Im vorliegenden Zusammenhang von besonderer Bedeutung ist, was Altrichter & Posch (1998) die „Hierarchie der Glaubwürdigkeit“ nennen. Damit meinen sie „die tief verwurzelte Annahme, daß der jeweils Höhergestellte glaubwürdiger ist als die rangniedrigere Person“ (Altrichter & Posch 1998: 166). Die Anwendung der Triangulation stellt eine in Bezug auf das Laute Denken besondere Möglichkeit dar, diese Hierarchie aufzubrechen, da mit ihrer Hilfe die verschiedenen Perspektiven der verschiedenen Beteiligten (z.B. Forscher/innen und Proband/innen oder Lehrer/innen und Lerner/innen) auf denselben Gegenstand bzw. auf dieselben Daten gleichwertig nebeneinander gestellt werden können.

Biographische Angaben

Karin Aguado (Band-Herausgeber:in) Claudia Finkbeiner (Band-Herausgeber:in) Bernd Tesch (Band-Herausgeber:in)

Karin Aguado ist seit 2006 Professorin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache: Fremdsprachenlehr- und -lernforschung an der Universität Kassel. Claudia Finkbeiner ist Professorin für Anglistik/Amerikanistik: Fremdsprachenlehr- und -lernforschung und Interkulturelle Kommunikation an der Universität Kassel. Bernd Tesch ist Professor für Fremdsprachenlehr- und -lernforschung: Didaktik des Französischen und Spanischen an der Universität Kassel.

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Titel: Lautes Denken, «Stimulated Recall» und Dokumentarische Methode