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Altersliebe in der deutschen Gegenwartsliteratur

Konzeptionen von erotisch konnotierter Liebe im jungen Alter (2005–2010)

von Meike Dackweiler (Autor:in)
Dissertation X, 302 Seiten
Reihe: Ästhetische Signaturen, Band 5

Zusammenfassung

So verbreitet das Ideal lebenslanger Paarliebe ist, so selten sind die AkteurInnen einer Liebesgeschichte alt. Doch zur Jahrtausendwende erschienen einige Romane mit mehr oder minder erfolgreich, aber immer erotisch liebenden ProtagonistInnen jenseits der 65.
Die Autorin analysiert die narrative Gestaltung erotisch liebender Alter aus einer queeren Perspektive. In Auseinandersetzung mit soziologischer, kognitionswissenschaftlicher und narratologischer Forschung entwickelt sie ein Modell zur Untersuchung von erotischer Liebe im ›jungen Alter‹. Ihr pluralistischer Blick auf das Experimentierfeld der Literatur zeigt die Möglichkeiten einer Neugestaltung von Geschlechtsidentitäten, Begehren, und Beziehungskonzeptionen im Alter. Liebe und Sexualität im Alter sind nicht länger Tabuthemen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhalt
  • Teil I: Theoretische Überlegungen
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Aufbau der Arbeit
  • 1.2 Kriterien der Textauswahl
  • 2 Theoretischer Hintergrund
  • 2.1 Forschungsüberblick
  • 2.2 Zwischen Realität und Fiktion – Gesellschaftliche und literarische Alterskonzeptionen in der Gegenwart
  • 2.3 Konzeptionen romantischer und erotisch konnotierter Liebe in Literatur und Gesellschaft
  • 3 Methodische Überlegungen
  • 3.1 Rezeptionsästhetische Überlegungen zur Altersliebe in fiktionaler Literatur
  • 3.2 Narratologische Überlegungen zur Altersliebe in fiktionaler Literatur
  • 3.3 Thematologische Überlegungen zur Altersliebe in fiktionaler Literatur
  • Teil II: Konzeptionen von Altersliebe in der deutschen Gegenwartsliteratur
  • 1 Amour fou. Die ›wahnsinnige Liebe‹ zu einer/m Jüngeren
  • 1.1 Die Konzeption der ›Amour fou‹
  • 1.2 Sexualität und Erotik im Alter – (K)ein Tabu (mehr)?
  • 1.3 Martin Walser: ›Angstblüte‹ (2006) – Altersliebe als Problem für Anleger
  • 1.4 Helen Meier: ›Schlafwandel‹ (2006) – Die homoerotische Liebesbeziehung im Altersroman
  • 1.5 ›Schlafwandel‹ und ›Angstblüte‹: Konzeptionen der ›Amour fou‹ im Alter
  • 2 Sich selbst der Nächste – Egozentrik in langjährigen Paarbeziehungen
  • 2.1 Evelyn Grill: ›Vanitas oder Hofstätters Begierden‹ (2005) – Der alternde Dandy
  • 2.2 Wilhelm Genazino: ›Die Liebesblödigkeit‹ (2005) – Alter(n) in Mehrfachbeziehungen
  • 2.3 ›Vanitas‹ und ›Die Liebesblödigkeit‹: Liebeskonzeptionen egozentrischer Alter in langjährigen Paarbeziehungen
  • 3 Liebesbriefe – Erfüllte Altersliebe im Briefroman
  • 3.1 Die Liebe im Briefroman zwischen Tradition und Gegenwart
  • 3.2 Barbara Bronnen: ›Am Ende ein Anfang‹ (2006) – Erotisch konnotierte Liebe zwischen altersähnlichen Figuren
  • 3.3 Gabriele Weingartner: ›Tanzstraße‹ (2010) – Die altersungleiche Liebesbeziehung
  • 3.4 Konzeptionen von Altersliebe im Briefroman
  • Teil III: Schlussbetrachtung
  • 1 Alte Liebende und Konzeptionen von Altersliebe in der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
  • 1.1 Alte Liebende im Roman – Ein Überblick über Figurenmodelle und -motive
  • 1.2 Zentrale Konzeptionen erotisch konnotierter Liebe im jungen Alter
  • Siglenverzeichnis
  • Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

Meike Dackweiler

Altersliebe in der deutschen
Gegenwartsliteratur

Konzeptionen von erotisch konnotierter Liebe
im jungen Alter (2005–2010)

Autorenangaben

Meike Dackweiler ist Studienrätin an einem Berufskolleg. Sie promovierte im Rahmen des Graduiertenkollegs alter(n) als kulturelle Konzeption und Praxis der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zur Liebe im Alter in der neueren deutschen Gegenwartsliteratur. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist das Zusammenspiel von Alter, Geschlecht, Identität und Begehren in der deutsch- und englischsprachigen Literatur.

Über das Buch

So verbreitet das Ideal lebenslanger Paarliebe ist, so selten sind die Akteur-Innen einer Liebesgeschichte alt. Doch zur Jahrtausendwende erschienen einige Romane mit mehr oder minder erfolgreich, aber immer erotisch liebenden ProtagonistInnen jenseits der 65.

Die Autorin analysiert die narrative Gestaltung erotisch liebender Alter aus einer queeren Perspektive. In Auseinandersetzung mit soziologischer, kognitionswissenschaftlicher und narratologischer Forschung entwickelt sie ein Modell zur Untersuchung von erotischer Liebe im ›jungen Alter‹. Ihr pluralistischer Blick auf das Experimentierfeld der Literatur zeigt die Möglichkeiten einer Neugestaltung von Geschlechtsidentitäten, Begehren, und Beziehungskonzeptionen im Alter. Liebe und Sexualität im Alter sind nicht länger Tabuthemen.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Danksagung

Mein Dank gilt allen, die mich auf vielfältige Weise unterstützt und zur Entstehung dieser Arbeit beigetragen haben: Ich danke den Mitgliedern des Graduiertenkollegs „Alter(n) als kulturelle Konzeption und Praxis“ sowie der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf e. V., die meine Promotion mit einem Stipendium großzügig gefördert hat. Zu Dank bin ich meinen Professoren verpflichtet: Der Erstgutachterin, Univ.-Prof. Dr. Henriette Herwig, danke ich für den Freiraum, den sie mir gelassen hat, die kritische Lektüre und die wertvollen Anregungen. Auch Univ.-Prof. Dr. i. R. Hans-Georg Pott danke ich für sein kreatives Zweitgutachten aus dem Ruhestand heraus. Bei Gudrun Raether-Klünker und Regine Schmidt bedanke ich mich für das sorgfältige Lektorat. Ein besonderer Dank gilt Dr. Miriam Seidler, die mir bei der Konzeption, Erarbeitung und Fertigstellung dieser Arbeit stets klug und konstruktiv mit Rat und Tat zur Seite stand.←vii | viii→ ←viii | ix→

Inhalt

Teil I: Theoretische Überlegungen

1 Einleitung

1.1 Aufbau der Arbeit

1.2 Kriterien der Textauswahl

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Forschungsüberblick

2.2 Zwischen Realität und Fiktion – Gesellschaftliche und literarische Alterskonzeptionen in der Gegenwart

2.3 Konzeptionen romantischer und erotisch konnotierter Liebe in Literatur und Gesellschaft

3 Methodische Überlegungen

3.1 Rezeptionsästhetische Überlegungen zur Altersliebe in fiktionaler Literatur

3.2 Narratologische Überlegungen zur Altersliebe in fiktionaler Literatur

3.3 Thematologische Überlegungen zur Altersliebe in fiktionaler Literatur

Teil II: Konzeptionen von Altersliebe in der deutschen Gegenwartsliteratur

1 Amour fou. Die ›wahnsinnige Liebe‹ zu einer/m Jüngeren

1.1 Die Konzeption der ›Amour fou‹

1.2 Sexualität und Erotik im Alter – (K)ein Tabu (mehr)?

1.3 Martin Walser: ›Angstblüte‹ (2006) – Altersliebe als Problem für Anleger←ix | x→

1.4 Helen Meier: ›Schlafwandel‹ (2006) – Die homoerotische Liebesbeziehung im Altersroman

1.5 ›Schlafwandel‹ und ›Angstblüte‹: Konzeptionen der ›Amour fou‹ im Alter

2 Sich selbst der Nächste – Egozentrik in langjährigen Paarbeziehungen

2.1 Evelyn Grill: ›Vanitas oder Hofstätters Begierden‹ (2005) – Der alternde Dandy

2.2 Wilhelm Genazino: ›Die Liebesblödigkeit‹ (2005) – Alter(n) in Mehrfachbeziehungen

2.3 ›Vanitas‹ und ›Die Liebesblödigkeit‹: Liebeskonzeptionen egozentrischer Alter in langjährigen Paarbeziehungen

3 Liebesbriefe – Erfüllte Altersliebe im Briefroman

3.1 Die Liebe im Briefroman zwischen Tradition und Gegenwart

3.2 Barbara Bronnen: ›Am Ende ein Anfang‹ (2006) – Erotisch konnotierte Liebe zwischen altersähnlichen Figuren

3.3 Gabriele Weingartner: ›Tanzstraße‹ (2010) – Die altersungleiche Liebesbeziehung

3.4 Konzeptionen von Altersliebe im Briefroman

Teil III: Schlussbetrachtung

1 Alte Liebende und Konzeptionen von Altersliebe in der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

1.1 Alte Liebende im Roman – Ein Überblick über Figurenmodelle und -motive

1.2 Zentrale Konzeptionen erotisch konnotierter Liebe im jungen Alter

Siglenverzeichnis

Literaturverzeichnis←x | 1→

1 Einleitung

Die Sehnsucht nach einem langen, erfüllten Leben an der Seite eines geliebten Menschen ist eine Konstante in der Literaturgeschichte.1 Dass die Vorstellung vom Lebensglück heute entscheidend vom Bestehen einer romantisch gefärbten Paarliebe beeinflusst wird,2 ist allerdings eine jüngere Entwicklung, die eng mit der Genese des Romans verflochten ist. Der Roman wiederum verdankt seinen „ungeheure[n] Kulturerfolg“3 nicht zuletzt den Liebesgeschichten, durch die er ein bürgerliches Lesepublikum im Sturm erobern konnte.4 So verbreitet das Ideal lebenslanger Paarliebe in der westlichen Welt ist, so selten sind die Handlungsträger einer Liebesgeschichte alt. Abgesehen von dem mythischen Paar Philemon und Baucis findet man in der Literaturgeschichte kaum Erzählungen einer positiv konnotierten Paarliebe zwischen alten Figuren. Erotisch konnotierte Liebe im höheren Alter wird üblicherweise durch die Figurenmodelle der oder des ›verliebten Alten‹ verkörpert. Die Charakterisierung5 dieser Figur changiert dabei zwischen Spott und Tragik6 und verweist auf eine Verletzung gesellschaftlich anerkannter Normen.

Der Soziologe Rüdiger Lautmann erklärt diesen kulturellen Widerspruch zwischen der Sehnsucht nach lebenslanger Paarliebe einerseits und der Tabuisierung von Erotik im Alter andererseits damit, dass der Darstellung sexuell aktiver Alter←3 | 4→ traditionell stets „etwas Unmögliches, ja Peinliches“ anhafte.7 Diesen Schluss hat Simone de Beauvoir in ihrer Studie La Vieillesse bereits 1970 gezogen:

Wenn die Alten die gleichen Wünsche, die gleichen Gefühle, die gleichen Rechtsforderungen wie in der Jugend bekunden, schockieren sie; bei ihnen wirken Liebe, Eifersucht widerwärtig oder lächerlich, Sexualität abstoßend, Gewalttätigkeit lachhaft. Sie müssen ein Beispiel für alle Tugenden geben. Vor allem fordert man von ihnen heitere Gelassenheit; man behauptet einfach, sie besäßen sie, was einem erlaubt, gleichgültig über ihr Unglück hinwegzusehen. Weichen sie von dem erhabenen Bild ab, das man ihnen aufnötigt, nämlich dem des Weisen mit einem Heiligenschein weißer Haare, reich an Erfahrung und verehrungswürdig, hoch über dem menschlichen Alltag stehend – so fallen sie tief darunter: diesem Bild steht das des alten Narren gegenüber, der dummes Zeug faselt und den die Kinder verspotten. […] Man kann ihnen also ohne Skrupel jenes Minimum verweigern, das man für ein menschenwürdiges Dasein als unerläßlich erachtet.8

Spiegelt sich dieses äußerst pessimistische Bild der gesellschaftlichen Perspektive auf die erotisch konnotierte Liebe im Alter bis heute in der Literatur wider?9 Dafür plädiert jedenfalls Christian Metz in seiner 2012 erschienenen Narratologie der Liebe:

Dass die Liebenden zumal in der kanonisierten Literatur meist einem sehr engen Rahmen stereotypisierter Vorstellungen (jung, schön und heterosexuell) und bestimmten sozialen Rollenmustern – wie dem männlichen Verführer, der femme fatale oder der perfekten Mutter – folgen, ist nicht zuletzt durch die gender studies breit diskutiert worden. Offensichtlich rekurriert [sic.] der Großteil von Liebesromanen seit Jahrhunderten sein Liebespersonal aus einem schmalen Angebot von Typenvorlagen. So kann man vorab schon festhalten, dass die Liebesromane allein durch ihre typisierte Personalwahl Träger von konservativen Liebescodes und kulturellen Liebeskonstruktionen sind, welche sie durch den Prozess performativer Wiederholung unablässig reaffirmieren.10

Zumindest zwei der drei von Metz genannten Figurenmodelle haben zum Ende des 20. Jahrhunderts deutliche Veränderungen erfahren: Mehr als 40 Jahre nach←4 | 5→ der zweiten Frauenbewegung und der sogenannten sexuellen Revolution der 1968er-Bewegung hat sich das generelle Verbot vor- und außerehelicher Sexualität überholt. Das klassische Motiv vom männlichen Verführer und der weiblichen Verführten entbehrt im westlichen Kulturkreis zunehmend seiner Grundlage. Auch das Modell der perfekten Mutter hat die feministische Literaturwissenschaft analysiert und hinterfragt. Es stellt sich also die Frage, inwieweit der sehr enge Rahmen „stereotypisierter Vorstellungen (jung, schön und heterosexuell)“11 in der jüngeren Gegenwartsliteratur12 aufgebrochen worden ist und wird. Hat – und, wenn ja, inwiefern – die Polarisierung von Altersliebe in fiktionaler Literatur noch Bestand? Die generellen Liberalisierungstendenzen haben nichteheliche Lebensgemeinschaften, serielle Monogamie,13 Ehescheidungen, Singlehaushalte14 und Alleinerziehende im 21. Jahrhundert15 gesellschaftsfähig gemacht. Ist da nicht anzunehmen, dass auch das Ideal der lebenslangen Paarliebe am Beginn des neuen Millenniums nicht zuletzt seinen Ausdruck im fortgeschrittenen Alter der ProtagonistInnen von Liebesromanen findet?

In der Gegenwartsliteratur16 scheint zumindest das sogenannte ›junge Alter‹ als Figurenmerkmal eine Resignifikation17 zu erfahren. Am Beginn des neuen Millenniums wurde eine ganze Reihe von Romanen mit – mehr oder weniger←5 | 6→ erfolgreich – aber immer erotisch liebenden ProtagonistInnen jenseits der 65 publiziert.18 Miriam Seidler konstatiert in ihrer Arbeit zu den Figurenmodellen des Alters, dass „Alter und Liebe“ heute „in vielen Prosatexten […] durchaus keine Widersprüche“19 mehr sind. Der traditionelle Fokus auf ein ›ent-erotisiertes Alter‹ werde in der Gegenwart sogar in sein Gegenteil verkehrt: Die massive Bedeutungssteigerung der Sexualität stellt seit der Jahrtausendwende auch zunehmend ein Problem alter Figuren dar.20 In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zeichnet sich deutlich die Tendenz ab, die erotisch konnotierte Liebe im Alter als erzählauslösendes und textbestimmendes Motiv zu verwenden.

Details

Seiten
X, 302
ISBN (PDF)
9783631780954
ISBN (ePUB)
9783631780961
ISBN (MOBI)
9783631780978
ISBN (Hardcover)
9783631780831
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
Alterserotik Alterssexualität Narratologie Thematologie Literaturwissenschaft 21. Jahrhundert
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2019. X S., 302 S.

Biographische Angaben

Meike Dackweiler (Autor:in)

Meike Dackweiler ist Studienrätin an einem Berufskolleg in Aachen. Sie promovierte im Rahmen des Graduiertenkollegs alter(n) als kulturelle Konzeption und Praxis der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zur Liebe im Alter in der neueren deutschen Gegenwartsliteratur. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist das Zusammenspiel von Alter, Geschlecht, Identität und Begehren in der deutsch- und englischsprachigen Literatur.

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