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DaZ-Unterricht an Schulen

Didaktische Grundlagen und methodische Zugänge

von Janek Scholz (Band-Herausgeber:in) Marvin Wassermann (Band-Herausgeber:in) Johanna Zahn (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 394 Seiten

Zusammenfassung

Für eine erfolgreiche Integration in das deutsche Bildungssystem benötigen neuzugewanderte Kinder und Jugendliche eine gezielte Förderung in Deutsch als Zweitsprache. In vielen Schulformen werden hierfür separate Klassen eingerichtet, die einen Übergang der Lernenden in den Regelunterricht vorbereiten und begleiten. Obwohl der Unterricht in solchen Klassenformaten hohe und gleichzeitig sehr spezifische didaktische Anforderungen an die unterrichtenden Lehrkräfte stellt, existieren bis heute nur wenige passgenaue Angebote zur gezielten Weiterbildung. Das Buch setzt an dieser Ausgangslage an und präsentiert neben theoretischen Grundlagen für die Arbeit in schulischen DaZ-Klassen auch konkret verwendbare Unterrichtsentwürfe.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Geleitwort (Martin Löschmann)
  • Schulischer DaZ-Unterricht als Herausforderung für Lehrende – Einführung in den Band (Janek Scholz, Marvin Wassermann, Johanna Zahn)
  • ‚DaZ-Klassen‘ im deutschen Bildungssystem – Entwicklungslinien und aktuelle Tendenzen (Nina Breuer, Janek Scholz und Marvin Wassermann)
  • Heterogenität und Binnendifferenzierung
  • Binnendifferenzierung und kooperative Lehr- und Lernformen in Internationalen Förderklassen bzw. DaZ-Klassen (Klaudia Hilgers/Hans-Joachim Jürgens)
  • Kulturelle Vielfalt in der Ausbildung angehender Lehrkräfte für Berufskollegs (Carolin Heere/Lutz Thelen)
  • Blick in die Praxis | Kulturelle Vielfalt als Brücke zur Integration – Interkulturelles Lernen in Sprachlernklassen (Gesa F. Heinrich/Mara Leiden)
  • Mehrsprachigkeit als Bildungspotenzial (Marco Triulzi, Ina-Maria Maahs, Waltraud Steinborn, Rode Veiga-Pfeifer, Erol Hacısalihoğlu)
  • Alphabetisierung und Aussprache
  • Alphabetisierung und Zweitschrifterwerb in Seiteneinsteigerklassen (Anja Böttinger)
  • Blick in die Praxis | Alphabetisierung in Seiteneinsteigerklassen mit dem Spracherfahrungsansatz. Unterrichtsbeispiele zur Förderung der Buchstabenkenntnis und zum Erwerb des deutschen Schriftsystems (Sarah Offergeld)
  • Suprasegmentalia in einem aktuellen DaZ-Lehrwerk (Johanna Zahn)
  • Literatur als Ressource
  • Inklusiver DaZ-Unterricht: sprach- und literaturdidaktische Perspektiven auf das gemeinsame Lernen in heterogenen Lerngruppen (Katharina Böhnert/Wiebke Dannecker)
  • Machtkritisch und ermächtigend. Literarizität und literarisches Lernen in Vorbereitungsklassen (Janek Scholz)
  • Methodische Impulse
  • Der Einsatz Neuer Medien in Vorbereitungsklassen (Anja Kupinski)
  • Blick in die Praxis | Kreatives Arbeiten in Neuzuwanderer-Klassen mit visuellen und audiovisuellen Medien (Ute Hermanns)
  • Sexuelle Bildung im sprachlich und kulturell heterogenen Umfeld (Andrea Altenburg)
  • Übergänge in den Regelunterricht
  • Blick in die Praxis | Binnendifferenzierter Sprachförderunterricht am Berufskolleg (Angelika Zeevaert)
  • Blick in die Praxis | Die Arbeit mit Karten im fachsensiblen Sprachunterricht. Von Punkt, Strich und Farbe zu Wissen und komplexen Erkenntnissen (Johannes Heuzeroth)
  • Blick in die Praxis | Übergänge gestalten – Vom DaZ-Unterricht in der Sprachlernklasse zum sprachsensiblen Fachunterricht in der Regelklasse (Gesa F. Heinrich/Mara Leiden)
  • Verzeichnis der Beitragenden
  • Abbildungsverzeichnis
  • Liste der Tabellen
  • Series Index

Martin Löschmann

Geleitwort

Im Sport ist es gang und gäbe, von einem Comeback zu sprechen. Kehrt eine Person zurück, die – aus welchen Gründen auch immer – den öffentlichen Raum verlassen hat, ist es auch ein üblicher Ausdruck im Neuhochdeutschen. In einem gewissen Sinne gilt das für die Wiedereröffnung der Reihe Deutsch als Fremdsprache in der Diskussion mit dem Sammelband „DaZ-Unterricht an Schulen. Didaktische Grundlagen und methodische Zugänge“.

Mit dem 10. Band „Humor im Fremdsprachenunterricht“ war für den Herausgeber, der in die Jahre gekommen ist, ein heiterer Abschluss der nach der Wende initiierten erfolgreichen Reihe Deutsch als Fremdsprache in der Diskussion gegeben. Zudem ist die 10 doch schon eine stattliche, wenn auch nicht prachtvolle Zahl. Da sich der Herausgeber jedoch nicht völlig aus dem Arbeitsleben herausgezogen hat und sich als Vorstand des IIK e.V. Berlin nunmehr mit Integrationsunterricht einerseits sowie der Qualifizierung von Lehrkräften für die verschiedenen Integrationskurse andererseits beschäftigt, mobilisierten den Herausgeber die Themen des vorliegenden Bandes in einem solchen Maße, dass er sich entschloss, die Reihe noch einmal zu öffnen, vielleicht auch auf diese Weise womöglich jemanden zu animieren, sich der Reihe anzunehmen und sie in der einen oder anderen Weise fortzuführen oder auch völlig umzukrempeln.

Wer mit dem Zweitspracherwerb, sei es in Gestalt des Integrationsunterrichts oder in den Förderklassen in Schulen tagtäglich befasst ist, weiß, dass es große Defizite bei der wissenschaftlichen Fundierung dieser Unterrichte gibt. Gewiss liegt es nicht allein am Fundierungsmangel, wenn z.B. „mehr als die Hälfte aller Zuwanderer am Ende der Integrationskurse das höhere Level B1 beim Deutschtest“ (Welt Digital Zeitung, 29.04.2018) nicht erreicht. Es erklärt sich auch daraus, dass nicht in jedem Fall voll ausgebildete DaZ-Lehrende zur Verfügung stehen. Quereinsteiger in allen Ehren, aber nur dann, wenn sie Zeit und Muße haben, sich in das für sie neue Metier einzulesen, einzuhören, einzuarbeiten und ihnen dabei eine entsprechende praxisorientierte Literaturbasis zur Seite steht.

Der vorliegende Band stellt sich das Ziel, den Lehrenden in Förderklassen theoretisch und praktisch Rüstzeug zu präsentieren, das dazu angetan ist, den Deutschunterricht in Förderklassen zu qualifizieren. Da es sich dabei letztlich um DaZ-Unterricht handelt, ist er zugleich hilfreich für Lehrkräfte in Integrationskursen. Das heißt, die relevanten Ergebnisse dieses Bandes sind durchaus ←9 | 10→verallgemeinerungswürdig für den Integrationsunterricht. Das machen bereits solche Themen sichtbar wie „Mehrsprachigkeit als Ressource“, „Binnendifferenzierung“, „Einsatz Neuer Medien“ etc. und erst recht die grundlegende Einführung in diesen Band.

Sofern man an Lehrende sowohl in Schulen als auch in den Integrationskursen im Erwachsenenbereich denkt, werden die sechs praxisrelevanten Beiträge besondere Aufmerksamkeit erregen. Als Beispiele seien genannt: „Alphabetisierung in Seiteneinsteigerklassen mit dem Spracherfahrungsansatz. Unterrichtsbeispiele zur Förderung der Buchstabenkenntnis und zum Erwerb des deutschen Schriftsystems“ und „Fachsensibler Sprachunterricht“.

Die Reihe hat bisher den Unterschied zwischen theoretischen und praktischen Beiträgen in Sammelbänden nicht explizit gemacht, weil davon ausgegangen wurde, dass die eher theoretisch angelegten Beiträge selbstredend den klaren Praxisbezug und umgekehrt auch die praktisch orientierten Arbeiten einen Theoriebezug haben sollten. Für eine zügige, den Interessen der jeweiligen Zielgruppen entsprechende Handhabe, wurde im vorliegenden Band von dieser Konvention Abstand genommen. Die wechselseitigen Bezüge zwischen Theorie und Praxis bleiben dabei jedoch selbstredend erhalten.

Möge der Band die ins Auge gefasste theoretisch wie auch praktisch orientierte DaF- und DaZ-Klientel erreichen. Er hat es verdient.

Janek Scholz, Marvin Wassermann, Johanna Zahn

Schulischer DaZ-Unterricht als Herausforderung für Lehrende – Einführung in den Band

Die gezielte Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache an zugewanderte Schüler*innen ist kein Produkt der aktuellen deutschen Flüchtlingssituation, sie geschieht im deutschen Bildungssystem schon seit vielen Jahrzehnten. Erst die in den letzten Jahren sprunghaft angestiegene Anzahl an Geflüchteten hat allerdings zu einer flächendeckenden Einrichtung von ‚DaZ-Klassen‘1 in Schulen geführt und gleichzeitig dem Thema ‚Deutsch als Zweitsprache an Regelschulen‘ einige mediale Aufmerksamkeit im Kontext des gesamtgesellschaftlichen Diskurses um Migration und Integration verschafft. Teilweise ohne konzeptuelle Empfehlungen seitens der Wissenschaft oder der Politik, häufig aber in Anlehnung an Erfahrungen aus der Vergangenheit, haben einzelne Schulen und einzelne Lehrpersonen in diesem Zuge mit großem persönlichen Einsatz Sprachfördergruppen eingerichtet und Modelle schulischer Integration entwickelt, die ein rasches Erlernen der deutschen Sprache und einen möglichst zeitnahen Übergang in den Regelunterricht ermöglichen sollten. Dem ausgeprägten Engagement vieler Lehrpersonen steht jedoch eine didaktisch anspruchsvolle Realität in der Arbeit mit dieser oft neuen Zielgruppe gegenüber, auf die viele Lehrkräfte nicht oder nur unzureichend vorbereitet waren. Neben den vielen Chancen, die ein solcher Unterrichtsrahmen ebenfalls bietet (s. etwa den Beitrag von Triulzi et al. in diesem Band), stellen sich den Lehrkräften eine Reihe Herausforderungen, mit denen man im Regelunterricht, zumindest in dieser spezifischen Kombination, kaum in Berührung kommt (vgl. zu einzelnen Punkten auch Kniffka/Siebert-Ott 2012, 141–143):

- Die Lernendengruppen sind hochgradig heterogen in Hinblick auf diverse Dimensionen mit konkreter didaktisch-methodischer Relevanz: das Alter, ←11 | 12→die Herkunftsländer und -kulturen, die kognitiven Fähigkeiten, allgemeine fachliche Lernstände, die erstsprachlichen Kompetenzen, die bildungssprachlichen Kompetenzen in der Erstsprache, die zielsprachlichen Kompetenzen, die Lernerfahrungen, die Perspektiven und Ziele im Hinblick auf einen weiteren Verbleib im deutschen Bildungssystem u.v.a.m.

- Viele Lernende haben Alphabetisierungsbedarf. Diese Schüler*innen werden jedoch nicht in speziellen Alphabetisierungsgruppen gemeinsam beschult, sie bilden einen weiteren didaktischen Förderschwerpunkt in den ohnehin schon heterogenen Gruppen.

- Nicht wenige Teilnehmende haben Traumatisierungen. Im Unterrichtsalltag können diese auf vielfältige Art und Weise zutage treten.

- Es herrscht eine hohe Fluktuation. Begründet liegt dies in unterjährigen Aufnahmen Neuzugewanderter und dem regelmäßigen Abgang durch Wegzug oder Abschiebung.

- Teilweise besteht hoher Druck unter den Lernenden bezogen auf den Asylstatus.

- Viele Lernende sind lernungewohnt oder kommen aus einer anderen Lehr-/Lernkultur.

- Auch wenn sich die Unterbringungssituation in den letzten Jahren verbessert hat, verbringen viele Teilnehmende ihre Nachmittage in wenig lernförderlichen Umgebungen, sodass z.B. die Bearbeitung von Hausaufgaben deutlich erschwert sein kann.

- Für einen erfolgreichen Weg im deutschen Bildungssystem sind die Schüler*innen auf die Teilnahme am Regelunterricht vorzubereiten, was insbesondere erfordert, die später zwingend zu beherrschenden bildungs- und fachsprachliche Varietäten anzubahnen.

Die spezifische persönliche und institutionelle Situation, in der sich jugendliche Zugewanderte in solchen Klassen befinden, geht einher mit einem ebenso spezifisch konturierten Panorama an pädagogisch-didaktischen Anforderungen. Decker-Ernst konstatiert: „In Bezug auf Lehrpersonen in VKL [Vorbereitungsklassen; die Verfassenden] muss festgehalten werden, dass diese aufgrund der heterogenen Bedingungsfaktoren der Klassen über ein Höchstmaß an fachlichen, didaktisch-methodischen, aber auch an sozial-emotionalen, transkulturellen und administrativen Kompetenzen verfügen müssen, um den an sie gestellten Aufgaben gerecht zu werden.“ (2017: 226).2 Diese Kompetenzen können aber nicht ohne Weiteres vorausgesetzt werden, sie müssen von den Lehrkräften erworben ←12 | 13→werden. Bislang bedurfte das vor allem einer Menge Eigeninitiative und erforderte eine Kombination aus learning-by-doing und der Adaption allgemeiner sowie DaF/DaZ-bezogener didaktisch-methodischer Fertigkeiten. Für die demgegenüber wünschenswerte gezielte und gebündelte Professionalisierung von in DaZ-Klassen tätigen Lehrer*innen gibt es bislang zu wenig Unterstützungsangebote. Zwar liegen inzwischen immerhin Lehrwerke vor, die speziell für schulische DaZ-Klassen entwickelt wurden (derzeit Das DaZ-Buch vom Klett Verlag und Intro Deutsch als Zweitsprache vom Westermann Verlag), allerdings fokussierten etwa die vorhandenen DaF/DaZ-Fortbildungsreihen auf klassischen DaF-Unterricht (z.B. die meisten Ausgaben der Reihe Deutsch lehren lernen des Goethe-Instituts) oder auf den Unterricht in den Integrationskursen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Reihe Qualifiziert unterrichten im Hueber Verlag). Bei den (inzwischen reichhaltigen) Publikationen zum Thema Deutsch als Zweitsprache in Schulen liegt der Schwerpunkt bislang auf dem Umgang mit Nichtmuttersprachler*innen im Regelunterricht (vgl. z.B. Michalak/Lemke/Goeke 2015). In Hinblick auf die Unterstützung von Lehrenden in schulischen DaZ-Klassen muss das Angebot also noch als unbefriedigend gelten.

Mit der vorliegenden Publikation soll diesem Desiderat begegnet werden. Fruchtbar gemacht werden dafür Erfahrungen, die an der RWTH Aachen University und anderen Universitäten in den letzten Jahren gesammelt wurden. Zunächst wurde an allen lehramtsbildenden Hochschulen in Nordrhein-Westfalen ein DaZ-Modul in den Master of Education implementiert. Darüber hinaus wurde in Aachen und an vielen Standorten in NRW eine landesgeförderte Zusatzqualifikation für Deutsch als Zweitsprache an Schulen eingerichtet, die sich an bereits tätige Lehrerinnen und Lehrer richtet.3 Zusätzlich war die RWTH Aachen University im Cluster „Gesellschaftswissenschaften“ am landesweiten Projekt „Sprachsensibles Unterrichten fördern – Angebote für den Vorbereitungsdienst“ beteiligt, das von Oktober 2015 bis Oktober 2016 durchgeführt wurde.4 Der vorliegende Band soll die in diesen Kontexten sowie in der praktischen Arbeit in schulischen DaZ-Klassen entstandene theoretische und praktische Expertise dokumentieren und präsentieren. Wir hoffen, dass er Lehrkräften als Unterstützung dient, mit dieser komplexen Situation professionell umzugehen und für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Anregung darstellt, sich mit einzelnen Themen ausgiebiger auseinanderzusetzen. Wünschenswert ←13 | 14→wären weitere Publikationen dieser Art, damit die Kenntnisse und Ansätze, die derzeit vielerorts entstehen und erprobt werden, nicht verloren gehen.

Konzeptuell verschränkt der Band theoretische und unterrichtspraktische Zugänge. Zehn der 16 Beiträge nehmen sich theorienah einem Schwerpunktthema an und arbeiten es zumeist überblicksartig auf, ohne dass dabei aber die Unterrichtspraxis aus den Augen gerät. Die anderen sechs Artikel wurden dezidiert als „Praxisartikel“ zur direkten Verwendung im Unterricht entwickelt: neben einer knapp gehaltenen theoretischen Einbettung enthalten sie einen oder mehrere Unterrichtsentwürfe samt didaktisch-methodischer Reflexionen. Zur leichteren Orientierung sind diese Beiträge im Inhaltsverzeichnis entsprechend ausgewiesen („Blick in die Praxis“). Für (angehende) Lehrende in schulischen DaZ-Klassen eignet sich der Band also sowohl, um Grundlagenwissen zu verschiedenen Aspekten des Unterrichts in DaZ-Klassen zu erwerben und zu vertiefen, als auch um schnell umsetzbare Unterrichtsimpulse zu erhalten. Die einzelnen Beiträge des Bandes sind in fünf inhaltliche Sektionen zusammengefasst, mit denen wir einen großen Teil der Themen abzudecken hoffen, die für die einschlägig Lehrenden von Bedeutung sind: Heterogenität und Binnendifferenzierung, Alphabetisierung und Aussprache, Literatur als Ressource, Didaktisch-methodische Impulse und Übergänge in den Regelunterricht. Die einzelnen Themenfelder und Aufsätze werden im Folgenden zusammenfassend vorgestellt.

Der den inhaltlichen Sektionen vorgeschaltete Artikel von Nina Breuer, Janek Scholz und Marvin Wassermann (DaZ-Klassen im deutschen Bildungssystem – Entwicklungslinien und aktuelle Tendenzen) versteht sich als Rahmen für die folgenden einzelthematischen Beiträge. Die Autor*innen zeichnen darin die Entwicklung der Vermittlung des Deutschen als zweite Sprache im schulischen Bildungssystem der BRD nach und erheben den Status quo zum Thema.

Heterogenität und Binnendifferenzierung

Die erste thematische Sektion vereint Beiträge zu einem Merkmal von Seiteneinsteigerklassen, dessen Berücksichtigung für die Abstimmung jedes didaktischen Handelns maßgeblich erscheint: der Heterogenität der Schüler*innen, die insbesondere in Hinblick auf die Erstsprachen und kulturellen Hintergründe der Lernenden zutage tritt. Die Aufsätze stellen diese und weitere Heterogenitätsdimensionen der DaZ-Klassen in den Mittelpunkt der Betrachtung und arbeiten angemessene didaktische Umgangsweisen heraus.

Die gegenüber dem Regelunterricht noch einmal verstärkte Heterogenität der Schüler*innen ist Ausgangspunkt des Beitrages von Hans-Joachim Jürgens und Klaudia Hilgers (Binnendifferenzierung und kooperative Lehr- und ←14 | 15→Lernformen in Internationalen Förderklassen bzw. DaZ-Klassen). Die Verfassenden fragen, inwieweit und auf welche Weise sich auf Heterogenität mit „Binnendifferenzierung“ als Unterrichtsprinzip begegnen lässt. Die Gegenüberstellung verschiedener theoretischer Ansätze mündet für DaZ-Klassen in dem Plädoyer für konsequent binnendifferenzierendes Arbeiten, wobei für einen „ausgewogenen“ Ansatz Position bezogen wird, der unter anderem die unterschiedlichen Lernbiographien der Schüler*innen in Rechnung stellt. Exemplifiziert werden die vorgestellten Überlegungen an zwei konkreten Unterrichtsbeispielen.

Die Vermittlung interkultureller Kompetenz an Studierende des Lehramts für Berufskollegs steht im Mittelpunkt der Betrachtung von Carolin Heere und Lutz Thelen (Kulturelle Vielfalt in der Ausbildung angehender Lehrkräfte für Berufskollegs). Die Autor*innen arbeiten vor der Folie sozialpsychologischer Erkenntnisse heraus, welche Fallstricke interkulturelle Kommunikationsprozesse typischerweise bereithalten und welche Anforderungen daraus für das Handeln von Lehrerinnen und Lehrern erwachsen, die in den „internationalen Förderklassen“ unterrichten. Vor diesem Hintergrund wird ein Seminarkonzept für die Lehramtsausbildung vorgestellt, in dem die Studierenden durch theoriegestützte Fallarbeit interkulturell kompetentes Reflexionsvermögen entwickeln.

Gesa F. Heinrich und Maria Schwuchow (Kulturelle Vielfalt als Brücke zur Integration – Interkulturelles Lernen in Sprachlernklassen) zeigen in ihrem Praxisartikel, wie interkulturelle Kommunikation als Lerngegenstand in schulischen DaZ-Klassen behandelt werden kann. Mit Begrüßungen und nonverbalem Kommunikationsverhalten stehen interkulturell diverse und gleichzeitig alltagsnahe Phänomene im Fokus der präsentierten Stundenentwürfe. In kooperativen Lernformen werden die Schülerinnen und Schülern so zu „interkultureller kommunikativer Kompetenz“ hingeführt.

Marco Triulzi, Ina-Maria Maahs, Waltraud Steinborn, Rode Veiga-Pfeifer und Erol Hacısalihoğlu (Mehrsprachigkeit als Bildungspotenzial) fokussieren mit der Heterogenität hinsichtlich der Erstsprachen der Schüler*innen auf einen Einflussfaktor, der lange Zeit eher als Hürde für gelingenden Unterricht begriffen wurde. Die Verfassenden zeigen demgegenüber Wege auf, wie die vorhandenen mehrsprachigen Kompetenzen der Lernenden als didaktische Ressource für das sprachliche und fachliche Lernen nutzbar gemacht werden können. Nach einer Vorstellung der derzeit zur Verfügung stehenden Instrumente zur Erhebung der Mehrsprachigkeit diskutiert der Beitrag am Beispiel des KOALA-Projektes erfolgsversprechende mehrsprachigkeitsdidaktische Ansatzpunkte.

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Alphabetisierung und Aussprache

Die zweite Sektion widmet sich zwei Themenfeldern, die in DaZ-Klassen meist von Beginn an präsent sind: der didaktische Umgang mit Schülerinnen und Schülern, die noch nicht oder nur unzureichend alphabetisiert sind und die gezielte Schulung der deutschen Aussprache. Die Beiträge erheben den theoretischen Status quo, bieten methodische Anregungen und präsentieren schnell einsetzbare Übungsformate.

Anja Böttinger (Alphabetisierung und Zweitschrifterwerb in Seiteneinsteigerklassen) behandelt mit der Alphabetisierung eine besondere didaktische Herausforderung, deren erfolgreiche Bewältigung gesonderte Kompetenzen der Lehrenden voraussetzt. Neben begrifflichen Klärungen zu verschiedenen Formen des Analphabetismus stellt der Beitrag zunächst die Prozesse des (Zweit-)Schrifterwerbs hinsichtlich ihrer Besonderheiten in der deutschen Sprache vor. Die Vorstellung von phonologischer Bewusstheit als zentrale zu erwerbende Fähigkeit leitet dann über zur Präsentation einiger exemplarischer Übungstypen, die sich in DaZ-Klassen einsetzen lassen.

Sarah Offergeld (Alphabetisierung in Seiteneinsteigerklassen orientiert am Spracherfahrungsansatz. Unterrichtsbeispiele zur Förderung von Buchstabenkenntnis und zum Aufbau des Schriftsystems) stellt in ihrem Praxisbeitrag verschiedene grundschuldidaktische Ansätze zum Lesen- und Schreibenlernen einander gegenüber und zeigt auf diesem Fundament, was der „Spracherfahrungsansatz“ leisten kann für die Alphabetisierung in Seiteneinsteigerklassen. Die hiermit entwickelte Unterrichtseinheit dient dem Erstellen einer individuellen Anlauttabelle, die Schülerinnen und Schülern eine erprobte Hilfestellung bietet, von Beginn an schriftsprachlich zu kommunizieren.

Johanna Zahn (Suprasegmentalia in einem aktuellen DaZ-Lehrwerk) setzt mit ihrem Beitrag an dem Befund an, dass Ausspracheübungen, und dabei besonders die suprasegmentale Ebene, in Lehrwerken für DaF und DaZ traditionell vernachlässigt werden. Vor dem Hintergrund, dass aber gerade dem Erlernen der Prosodie für Zweitsprachlernende eine besondere Bedeutung beizumessen ist, analysiert die Autorin „Das DaZ-Buch“, ein Lehrwerk speziell für schulische DaZ-Klassen, auf seinen suprasegmental-phonetischen Gehalt. Die Ergebnisse zeigen, dass der Ausspracheschulung zwar ein höherer Stellenwert eingeräumt wird als üblich. Gleichzeitig, und hier wird Nachholbedarf konstatiert, sind aber Übungen zum Satzakzent unterrepräsentiert und es wird ein starker Fokus auf reproduzierend-repetitive Übungsformate gegenüber kommunikativ orientierten Methoden gelegt.

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Literatur als Ressource

Biographische Angaben

Janek Scholz (Band-Herausgeber:in) Marvin Wassermann (Band-Herausgeber:in) Johanna Zahn (Band-Herausgeber:in)

Janek Scholz leitete bis 2019 das Projekt „Berufsbegleitende Zusatzqualifikation Deutsch als Zweitsprache" an der RWTH Aachen University. In Lehre und Forschung beschäftigt er sich mit Literarischem Lernen im Fremdsprachenunterricht, Comics & Graphic Novels, Alphabetisierung und interkultureller Kommunikation. Marvin Wassermann ist Diplom-Gymnasiallehrer und arbeitete bis 2019 an der RWTH Aachen University als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „DaZ-Zusatzqualifikation" und am „Lehr- und Forschungsgebiet Germanistische Sprachwissenschaft". Seine Forschungsschwerpunkte sind Sprachdidaktik, Fachkommunikation und interkulturelle Kommunikation. Johanna Zahn war bis 2018 an der RWTH Aachen University beschäftigt. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin hat sie am Lehrstuhl für Deutsche Philologie sowie im Projekt „DaZ-Zusatzqualifikation" mitgearbeitet. Schwerpunkte ihrer Lehr- und Forschungstätigkeiten sind Ausspracheförderung und Varietäten des Deutschen.

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Titel: DaZ-Unterricht an Schulen