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Mehrsprachigkeit in der Lehrerbildung

Modelle, Konzepte und empirische Befunde für die Fremd- und Zweitsprachendidaktik

von Isabelle Mordellet-Roggenbuck (Band-Herausgeber:in) Markus Raith (Band-Herausgeber:in) Katja Zaki (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 196 Seiten

Zusammenfassung

Der Sammelband umfasst theoretisch-konzeptionelle und empirische Beiträge aus der Romanistik, Germanistik / DaF-DaZ, Anglistik und den Bildungswissenschaften. Die Beiträge beleuchten unterschiedliche Dimensionen von Mehrsprachigkeit und diskutieren ihre Relevanz für die universitäre Fremdsprachenlehrerbildung. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie angehende Lehrkräfte auf die Herausforderungen individueller, gesellschaftlicher und schulischer Mehrsprachigkeit vorbereitet werden können und welche Strategien zur Förderung von Mehrsprachigkeit zu entwickeln sind. Der Band vertieft die Vorträge und Diskussionen des 2017 an der Pädagogischen Hochschule Freiburg abgehaltenen Symposiums zur Mehrsprachigkeit im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Fachdidaktik

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Angehende Lehrkräfte der romanischen Sprachen und lebensweltliche Mehrsprachigkeit. Qualitative Daten aus einer Studierendenbefragung
  • Italienischunterricht für Französisch- und Spanischstudierende zur Förderung der individuellen Sprachlern- und -lehrkompetenzen
  • Teaching Punctuation in a Multilingual Perspective
  • Sprachensensible Portfolioarbeit in der Lehrerinnenbildung. Der professionelle Umgang mit sprachlicher Heterogenität im Spiegel der eigenen Sprachenbiographie
  • Funktionale Mehrsprachigkeit – Ein Gewinn trotz Sprachmischungen und Transfer? Was gesamtsprachliche Fähigkeiten bei migrationsbedingter Mehrsprachigkeit vor dem Eintritt in die Grundschule verraten
  • „Mir war nicht bewusst, welches Potenzial Mehrsprachigkeit für Sprachlernprozesse hat“ – Zur Anbahnung mehrsprachigkeitsdidaktischer Kompetenzen in der Lehramtsausbildung
  • Leben mit mehreren Sprachen: Plurilingualität und Identität in den Integrationsklassen an französischen Schulen
  • Assessing the challenges of CLIL programmes in Spain: Listening to teachers’ voices

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Einleitung

Wenn in diesem Band von Mehrsprachigkeit und ihrer Didaktik die Rede ist, so ist zunächst festzuhalten, dass der Themenkomplex Mehrsprachigkeit europaweit von hoher Relevanz ist. Die Förderung einer funktionalen Mehrsprachigkeitskompetenz zählt seit Jahrzehnten zu den tragenden Säulen der europäischen Sprachen- und Bildungspolitik. Dabei hat die Europäische Kommission bereits wiederholt die Verantwortung der Hochschulen für die Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt betont. Insbesondere der universitären Lehrerbildung1 kommt hier eine Schlüsselrolle zu, indem sie Studierende zugleich als Lernende und als künftige Fremdsprachenlehrende wahrnimmt. Nur so können diese für die unterschiedlichen Dimensionen, Herausforderungen und Potentiale individueller, gesellschaftlicher sowie schulischer Mehrsprachigkeit sensibilisiert und handlungsfähig gemacht werden. Hier stellt sich allerdings die Frage, wie gerade Fremdsprachenlehrkräfte im Rahmen ihres Studiums Strategien zur Förderung von (romanischer) Mehrsprachigkeit vermittelt bekommen, um ihre eigene „Mehrsprachigkeitskompetenz“ zu entwickeln und eine solche später auch bei ihren Schülerinnen und Schülern anzubahnen.

Darauf möchte dieser Band zumindest vorläufige Antworten geben, um mit ausgewählten theoretisch-konzeptionellen und empirischen Beiträgen den fachdidaktischen Austausch über mehrsprachigkeitsdidaktische Ansätze in der Lehrerbildung anzuregen. In erster Linie geht es dabei um die Modellierung, Förderung und Messung von Mehrsprachigkeitskompetenz in der Lehrerbildung in ihren unterschiedlichen Facetten: Welche Transfereffekte – sprachstruktureller oder lernstrategischer Art – lassen sich beim Lehren und Lernen mehrerer (romanischer) Fremdsprachen nutzbar machen, wie werden angehende Fremdsprachenlehrkräfte dafür sensibilisiert und ausgebildet? Wie lässt sich aber gerade auch das Potential von Herkunftssprachen (noch) besser nutzen – und bereits in die Fremdsprachenlehrerbildung integrieren? Welche best practice-Modelle und Design Based Research-Projekte haben sich als wirksam erwiesen und sind möglicherweise standortübergreifend übertragbar? Wie lässt sich schließlich eine funktionale „Mehrsprachigkeitskompetenz“ in Modellen professioneller bzw. allgemein interkulturell kommunikativer Kompetenz ←7 | 8→verorten und wie lässt sie sich als Teil- und Querschnittskompetenz modellieren, konzeptualisieren und messen?

Die Beiträge des Bandes gehen teilweise auf Vorträge der Sektion (Romanische) Mehrsprachigkeit und ihre Didaktik – Modelle und Konzepte für die Fremdsprachenlehrerbildung zurück, die im September 2017 im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Fachdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg stattgefunden hat. Hinzu kommen Beiträge aus Spanien und Italien, um die Perspektive auf europäischer Ebene zu weiten.

Allen gemeinsam ist das Anliegen, die verschiedenen Facetten von Mehrsprachigkeit in ihrem komplexen Zusammenspiel zu beleuchten. Insbesondere der Aspekt der herkunftsbedingten Mehrsprachigkeit trägt dazu bei, die engen Verbindungen zwischen der Romanistik bzw. der romanischen Mehrsprachigkeit und den anderen Sprachendidaktiken, vor allem DaZ/DaF, sichtbar werden zu lassen. Eine zentrale Frage ist daher auch die nach den Herkunftssprachen im Fremdsprachenunterricht und nach ihrer didaktischen Konzeptualisierung für die Lehrerbildung.

Diesen Aspekten gehen Katja F. Cantone und Daniel Reimann nach, indem sie die Frage erörtern, ob die Universität ausreichend auf den Umgang mit Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer vorbereitet; und indem sie überlegen, welche Konzepte dafür herangezogen werden könnten beziehungsweise mit welchen Methoden die Vermittlung gelingen könnte. Ob die Universität dabei ein Vorbild sein kann oder gar bereits ist, weil sie diese Methoden und Konzepte in der Lehre berücksichtigt, ist dabei eine zentrale Frage im Hinblick auf die Ausbildung zukünftiger Fremdsprachenlehrkräfte. Am Beispiel der universitären Lehre in Duisburg-Essen werden diese Reflexionen konkretisiert, da zu den Spezifika dieses Hochschulstandortes die große Zahl an mehrsprachig aufwachsenden Studierenden und die verpflichtenden Studienanteile in der Lehramtsausbildung zu „Deutsch als Zweitsprache“ gehören. In diesem Zusammenhang werden die Ergebnisse einer an der Universität Duisburg-Essen mit Lehramtsstudierenden der Fächer Französisch und Spanisch durchgeführten Studie diskutiert, die darüber Aufschluss geben soll, welche Inhalte in universitären Curricula verbindlich sein sollten, um eine zeitgemäße, mehrsprachigkeitsfördernde Lehrerinnen- und Lehrerausbildung zu gewährleisten.

Innovative Ansätze zur Mehrsprachigkeitsdidaktik gibt es auch im Hinblick auf das Italienische im Kontext der anderen romanischen Schulsprachen. Ein Konzept, das auf Transfereffekte abhebt und eine entsprechende Sensibilisierung angehender Fremdsprachenlehrkräfte anstrebt, ist das Projekt des Italienischunterrichts für Französisch- und Spanischstudierende zur Förderung individueller Sprachlern- und -lehrkompetenzen. Im Mittelpunkt des Beitrages ←8 | 9→von Aline Willems und Frank Schöpp steht daher das Erlernen von Italienisch während des Romanistikstudiums unter mehrsprachigkeitsdidaktischen bzw. interkomprehensiven Aspekten. Dies sollte sich, so ihre These, vorteilhaft auf die Sprachlern- und -lehrkompetenzen sowie das Sprachbewusstsein der Studierenden auswirken. Dazu bedarf es zunächst einer Analyse der Kompetenzen, über die zukünftige Fremdsprachenlehrkräfte verfügen sollten, um dann auf dieser Basis konkrete Ziele für das Studium der Fremdsprachen und ihrer Didaktik formulieren zu können.

Diesen Beiträgen mit Fokus auf der Romanistik in Deutschland folgen Überlegungen, welche auch andere Sprachen und vor allem den Bereich DaF/DaZ in den Blick nehmen.

Das Phänomen der Interpunktion diskutiert Pierangela Diadori in mehrsprachiger Perspektive. Ausgehend von dem Befund, dass es erhebliche Unterschiede im Gebrauch und in der Funktion von Interpunktion in den europäischen Sprachen gibt – vor allem im Hinblick auf die romanischen Sprachen und andere Sprachen wie Deutsch –, scheinen vergleichende Studien notwendig. Denn diese Unterschiede betreffen nicht nur Syntax und Prosodie, sondern auch die kommunikative Funktion von Interpunktion.

Um in der Ausbildung von Fremdsprachenlehrkräften ein Bewusstsein für diese Unterschiede zu schaffen – Diadori nennt es interpunctive awareness – ist es unabdingbar, Interpunktion in einer europäischen, mehrsprachigen Perspektive zu erörtern. Am Beispiel der italienischen Interpunktion für Lerngruppen, die bereits eine andere romanische Sprache als das Italienische erlernt haben, werden verschiedene Facetten des Phänomens erörtert.

Dezidiert um die Ausbildung von Lehrkräften geht es im Beitrag von Sarah Dietrich Grappin und Nadine Comes, die sich mit der sprachsensiblen Portfolioarbeit in der Lehrerbildung befassen. Dabei reagieren sie auf den Befund, dass Lehrkräfte interkulturelle Kompetenz erwerben sollten, die sich auch in einem reflexiven Umgang mit den eigenen Sprachen und Kulturen wiederspiegelt. Sowohl in der Fremdsprachendidaktik als auch in der interkulturellen Pädagogik wird daher die Ausweitung theoretisch-reflexiver Anteile in der Erstausbildung gefordert.

Dietrich-Grappin und Comes stellen in diesem Kontext ein Seminarkonzept vor, das die eigene Sprachenbiographie von angehenden Lehrkräften in den Mittelpunkt rückt. Dabei geht es in erster Linie um die Integration eines sprachenbiographischen Rückblicks und eines berufsbiographischen Ausblicks, was als wichtiger Ausgangspunkt dient, um für die unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen in der Schule zu sensibilisieren. Dazu sollen Lehramtsstudierende befähigt werden, ihre eigene Sprachenbiographie beschreiben und analysieren zu ←9 | 10→können. Dies trägt auch dazu bei, die Möglichkeiten professionellen Lehrerhandelns im Umgang mit sprachlich heterogenen Klassen deutlich werden zu lassen.

Zeynep Kalkavan-Aydin geht es im Kontext der besonderen Lernvoraussetzungen mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher um den Erwerb der Zielsprache Deutsch im Bereich DaF/DaZ. Auf der Grundlage einer funktionalen Konzeption von Mehrsprachigkeit, welche die gesamte sprachliche und kognitive Entwicklung berücksichtigt, nimmt Kalkavan-Aydin jene komplexen Erwerbsprozesse in den Blick, die auf natürliche Weise auch Transfereffekte von einer in die andere Sprache mit sich bringen. Denn metasprachliches Wissen in Erst- und Zweitsprache kann dabei helfen, die sprachlichen Fertigkeiten in der Zielsprache auszubauen.

Am Beispiel der SPREEZ-Studie, an der sowohl mono- als auch bilinguale Vorschulkinder teilgenommen haben, wird dargestellt, wie Sprachmischungen im Erwerb mehrerer Sprachen aussehen können und welches didaktische Potenzial anhand solcher Äußerungen erkennbar wird. Schwerpunkte des Beitrags sind in diesem Rahmen die Methodik zur Sprachstandserhebung sowie die Analyse von Daten und Teilergebnisse zu crosslingualen Transfereffekten. Auf dieser Basis kann über die Gestaltung von Lehr-/ Lerndiskursen nachgedacht werden und vor allem darüber, wie Transfereffekte sprachstruktureller Art im Kontext funktionaler Mehrsprachigkeit genutzt werden können.

Stefanie Bredthauer stellt in ihrem Beitrag ein weiteres, auf Aspekte der Mehrsprachigkeit in der Lehrerausbildung abzielendes Konzept vor, das am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache an der Universität Köln erprobt wird. Dabei geht es vor allem um die Anbahnung mehrsprachigkeitsdidaktischer Kompetenzen in der Lehramtsausbildung, da bei Lehrkräften der sprachlichen Fächer offenbar einerseits die Bereitschaft vorhanden ist, die Mehrsprachigkeit der Schülerinnen und Schüler in den Unterricht einzubeziehen, dies aber andererseits als sehr anspruchsvolle Aufgabe wahrgenommen wird, zu der es nur unzureichend Aus- bzw. Fortbildungsangebote und Unterrichtsmaterialien gibt. Daher wird an der Universität Köln ein Seminarkonzept entwickelt, das die studentischen Reflexionen über das Praxissemester berücksichtigt und Schwerpunkte in den Bereichen Unterrichtsstrategien und Aufgabenadaption setzt.

Den Blick auf Frankreich richtet Sofia Stratilaki-Klein, gibt es dort doch ähnliche Herausforderungen in Bezug auf Mehrsprachigkeit wie in Deutschland, die sich aber wegen der unterschiedlichen Bildungssysteme in einem ganz anderen Rahmen bewegen. Am Beispiel von Plurilingualität und Identität von mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern in französischen UPE2A Klassen geht Stratilaki-Klein den Unterschieden und Gemeinsamkeiten nach. Sie interessiert ←10 | 11→sich insbesondere für die Differenz zwischen schulischem Unterricht und neueren didaktischen Modellen, welche Lernprozesse als Basis von Spracherwerb definieren, sodass jede weitere erlernte Sprache in ihrer Spezifizität das gesamte Bedingungsgefüge für das Selbstverständnis und den Sprachlernprozess auf dynamische Art verändert.

Allerdings finde diese in der Forschung dynamische und prozessuale Auffassung von Bildungsgerechtigkeit und Lernprozessen in der französischen Schulrealität kaum eine Entsprechung, so ihre These, da noch immer das (republikanische) Ideal der sprachlichen Einheit gepflegt werde. Das habe zur Folge, dass z.B. migrationsbedingte herkunftssprachliche Ressourcen nicht oder nur marginal in den Unterricht einbezogen werden.

Biographische Angaben

Isabelle Mordellet-Roggenbuck (Band-Herausgeber:in) Markus Raith (Band-Herausgeber:in) Katja Zaki (Band-Herausgeber:in)

Isabelle Mordellet-Roggenbuck ist Professorin für französische Sprache und ihre Didaktik am Institut für Romanistik der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Markus Raith ist Akademischer Oberrat am Institut für Romanistik der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Katja Zaki ist Juniorprofessorin für Romanistik und ihre Didaktik (Schwerpunkt Spanisch) am Institut für Romanistik der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

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Titel: Mehrsprachigkeit in der Lehrerbildung