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Zum Wandel der Erinnerung an den Holocaust in der ungarischen Literatur

Am Beispiel von Imre Kertész und László Márton

von Heike Flemming (Autor:in)
Dissertation 194 Seiten

Zusammenfassung

Die Autorin untersucht den Wandel der Erinnerung an die Shoah in der ungarischen Literatur. Die Analyse stützt sich auf die strukturanalytische Hermeneutik Paul Ricœurs und setzt sich kritisch mit dem strukturalistischen Ansatz Hayden Whites auseinander. Sie verfolgt die ungarische und deutsche Rezeptionsgeschichte von Imre Kertész’ 1975 erschienenen «Roman eines Schicksallosen», beleuchtet Kertész’ eigentümliche Position im sich wandelnden deutschen Erinnerungsdiskurs und nimmt auch die (zweimalige deutsche) Übersetzung (1990 und 1996) in den Blick. Sie erweitert den Fokus, indem sie den generationellen Gedächtniswandel am Beispiel von László Márton und seinem 1999 veröffentlichten Roman «Die schattige Hauptstraße» veranschaulicht.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • I. Theoretische Grundlegung
  • I. 1. Strukturanalytische Hermeneutik
  • I. 2. Grenzen der Repräsentation
  • a. Repräsentanz
  • b. Signifikanz
  • II. Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen
  • II. 1. Kontext
  • II. 2. Rezeption
  • a. Vor 1990
  • b. Nach 1990
  • II. 3. Übersetzung
  • III. László Márton: Die schattige Hauptstraße
  • III. 1. Auserwählte und Assimilierte
  • III. 2. Der Wandel der Erinnerung
  • III. 3. Die schattige Hauptstraße
  • Literaturverzeichnis

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Einleitung

Das Interesse dieser Arbeit war von vornherein ein doppeltes. In ihrem theoretisch-systematischen Teil sollte sie die in den achtziger Jahren von Hayden White ins Spiel gebrachte und seitdem immer wieder virulente1 Frage diskutieren, inwieweit das Geschichtenschreiben und die Geschichtsschreibung miteinander zusammenhängen. Für die im literaturhistorischen Teil analysierten Bücher von Imre Kertész und László Márton, den Roman eines Schicksallosen und Die schattige Hauptstraße, spielt diese Frage insofern eine Rolle, als beide zwar nicht explizit historische Romane sind, in ihnen aber die historischen Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts, vor allem die Vernichtung der europäischen Juden und die in Ungarn darauf folgende kommunistische Diktatur, die Erzählfolie bilden. Im Roman eine Schicksallosen schildert der jugendliche Ich-Erzähler Szenen aus den Jahren 1944 und 1945 in Ungarn und Deutschland, im Hintergrund des Romans scheint zwar nicht explizit, aber entstehungsgeschichtlich nachweisbar das Kádár-Regime auf. In der Schattigen Hauptstraße wiederum beschwört der hochgradig selbstreflexive Erzähler, vom Ende des Jahrhunderts zurückblickend und ausgehend von einer Fotosammlung, Ereignisse eines Tages Ende der dreißiger Jahre in einer Kleinstadt in Ungarn herauf und erzählt, auf eigentümliche Weise die Konventionen von Chronologie und Erzählung durchbrechend, Geschichten, die zum Teil weit in Vergangenheit und Zukunft der erzählten Zeit hineinreichen.

Die vom Strukturalismus aufgeworfene und von Hayden White zugespitzte Frage, wie (historische) Wirklichkeit vermittelbar und ob nicht jede historiographische Darstellung, wie die literarisch-fiktive auch, nur eine Interpretation der Geschichte ist, scheint zwar nicht unmittelbar das Problem der Literatur zu sein, berührt diese aber, insofern sie im Wesentlichen von linguistisch-literaturtheoretischen Ansätzen beeinflusst wurde, sehr wohl. Whites Irrtum besteht meines Erachtens darin, nicht zwischen den Kategorien der Narrativität und der Fiktionalität zu differenzieren. Die Arbeit stützt sich daher auf den hermeneutischen Ansatz Paul Ricœurs, der zeigt, dass Geschichtsschreibung und Literatur zwar durchaus mit ähnlichen narrativen Konfigurationen arbeiten, sich aber in ihrem jeweiligen Weltbezug oder Weltverständnis unterscheiden. Demnach versteht die Historiographie ihre letzten Endes narrativen Konstruktionen als ←11 | 12→Rekonstruktionen, bei denen ihr Verhältnis zur Vergangenheit durch den Begriff der Vertretung definiert werden kann. Es geht ihr nicht so sehr um Repräsentation als vielmehr um Repräsentanz des Vergangenen. Demgegenüber können die narrativen Konfigurationen der Literatur als Refigurationen verstanden werden, und zwar insofern die Welt des Textes für den Leser bedeutsam wird, ihn mit seiner eigenen Welt konfrontiert und diese dadurch refiguriert oder transformiert. Analog zum Anspruch der Geschichtsschreibung geht es der Literatur ebenfalls nicht um Repräsentation, vielmehr um Signifikanz oder Wirkung. Die Auffassung Ricœurs, die die ontologische Perspektive durch die hermeneutische ersetzt und so die naive Referenzbeziehung in Frage stellt, wendet sich damit einerseits gegen jede Form von Theorie, die ein einfaches Abbildverhältnis von Literatur und gesellschaftlicher Wirklichkeit postuliert, andererseits aber auch gegen die Auffassung, dass alles, was jenseits des Textes liegt, aus der Betrachtung auszuschließen und die Interpretation auf die rhetorische beziehungsweise strukturale Analyse des literarischen oder historiographischen Textes zu beschränken wäre. Das heißt aber nicht, dass Ricœur die Konstruiertheit von Texten und die daraus resultierende narratologische Analyse nicht als entscheidend erachtet, nur ist er der Ansicht, dass diese Analyse von einer rezeptionsgeschichtlichen Untersuchung ergänzt werden muss. Dieser von Daniel Fulda als „strukturanalytische Hermeneutik“ bezeichnete2 Zugang wird im ersten Teil der Arbeit ausführlich dargestellt. Darüber hinaus wird sich zeigen, dass das „Grenzereignis Auschwitz“, das sowohl Kertész als auch Márton in ihren Büchern berühren, die Kategorien, mit denen die strukturanalytische Hermeneutik arbeitet, nicht etwa in Frage stellt, sondern bestätigt. Angesichts der Ereignisse der Shoah zeigt sich die Untauglichkeit der allein strukturalistischen Methode.

Die Perspektive der strukturanalytischen Hermeneutik, das heißt die Frage, wie und warum die Textwelt durch deren eigentümliche Erzählstrukturen für die Welt des Lesers bedeutsam wird, lässt sich anhand des 1975 erschienenen Romans eines Schicksallosen von Imre Kertész exemplarisch nachvollziehen. Der zweite Teil der Arbeit enthält deshalb im Wesentlichen eine detaillierte Rezeptionsgeschichte dieses Werks. Dabei wird zunächst der thematische und ästhetische Kontext skizziert, innerhalb dessen der Roman gelesen werden kann und an dessen Grenzen er gleichzeitig stieß. Daraufhin wir diese Konfrontation und ←12 | 13→die langsame Transformation der Welt des ungarischen Publikums nachverfolgt, auch mit dem Ziel, dem deutschen Leser die bis dato relativ unbekannte beziehungsweise mythisierte ungarische Rezeption vorzustellen. Andererseits wird diese innerungarische Transformation anhand der deutschen Rezeption in den Kontext des außerungarischen oder transatlantischen Paradigmenwechsels gestellt. In einem letzten Abschnitt werden die zeitliche und die räumliche Achse miteinander verknüpft, und die Tatsache, dass der Roman sowohl in der ehemaligen DDR als auch im wiedervereinigten Deutschland übersetzt wurde, wird genutzt, um die Konfrontation zwischen Textwelt und Leserwelt und wie sich diese Konfrontation im Fall der Übersetzung auf die Textwelt auswirkt, noch einmal konkret zu veranschaulichen.

Der darauffolgende Teil knüpft zunächst an den im zweiten Teil dargestellten innerungarischen Paradigmenwechsel der achtziger Jahre an. 1989, kurz vor der Wende, veröffentlichte László Márton unter dem Titel Auserwählte und Assimilierte einen Essay, in dem er sich intensiv mit der Assimilation und der Vernichtung der ungarischen Juden, dem Schweigen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie seiner eigenen jüdischen Identität beschäftigte. Die Hauptgedanken dieser Auseinandersetzung sowie der Widerspruch oder die Zustimmung, die sie im öffentlichen Diskurs auslösten, werden deshalb zu Beginn skizziert, auch weil der Essay bis heute nicht ins Deutsche übersetzt und deshalb dem deutschen Publikum unbekannt ist. Zehn Jahre später kehrte Márton mit dem Buch Die schattige Hauptstraße zur ungarischen Geschichte der Assimilation, des Antisemitismus und des Holocaust zurück. Obwohl Márton darin sowohl thematisch als auch ästhetisch den von Imre Kertész bereiteten Weg einschlägt (etwa hinsichtlich des sprachkritischen Gestus oder des Umgangs mit der Erzähl- und Zeitform), ist sein Buch, wie auch der Essay, ganz klar das Werk eines Nachgeborenen. Neben den Gemeinsamkeiten zu Kertész’ Roman und Generation werden deshalb vor allem die Unterschiede sowie der literaturhistorische Rahmen, innerhalb dessen diese Unterschiede sichtbar werden, herausgearbeitet. Gleichzeitig wird das 2003 auch auf Deutsch erschienene Buch auf diese Weise in den Kontext jener Konjunktur „metahistorischer Gedächtnisliteratur“3 gestellt, die in der deutschen Literatur um die Jahrtausendwende beobachtet werden konnte.

Die thematischen und strukturellen Ähnlichkeiten legen meines Erachtens eine vergleichende Untersuchung nahe. In den bisherigen, vor allem zu Kertész in der Menge ausufernden Darstellungen werden die Werke zumeist einzeln ←13 | 14→behandelt.4 Oft wird dabei der Bezug zu anderen Werken desselben Autors hergestellt oder ein bestimmter Aspekt herausgegriffen. So findet sich etwa in vielen Interpretationen von László Mártons Buch eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Fotografie und Literatur. Davon abweichend versucht diese Arbeit, je ein Werk zweier Autoren anhand von Gemeinsamkeiten in eine literaturgeschichtliche Reihe zu stellen, die in den großen Geschichten der ungarischen Literatur gar nicht oder nur marginal behandelt wird5 und so dem deutschen Leser verborgen bleiben würde.

1Zuletzt etwa in der Debatte um Jonathan Littells Buch Die Wohlgesinnten, siehe dazu Theweleit, Klaus: Wem gehört der SS-Mann. In: Die Tageszeitung (8.2.2008).

2Fulda, Daniel: Strukturanalytische Hermeneutik: Eine Methode zur Korrelation von Geschichte und Textverfahren. In: Fulda, Daniel/Tschopp, Silvia Serena (Hg.): Literatur und Geschichte. Ein Kompendium zu ihrem Verhältnis von der Aufklärung bis zur Gegenwart. de Gruyter: Berlin, New York 2002, S. 39–59

3Horstkotte, Silke: Nachbilder. Fotografie und Gedächtnis in der deutschen Gegenwartsliteratur. Böhlau: Köln, Weimar, Wien 2009, S. 13

4Eine Ausnahme bildet der kurze, englischsprachige Beitrag von László Bengi: Narratives and Fragments. Imre Kertész and László rton. In: Hungarian Studies 18/2 (2004), S. 251–256.

5Siehe etwa Ernő Kulcsár Szabós groß angelegte, 2013 erschienene Geschichte der ungarischen Literatur, die zum Beispiel László Mártons Schattige Hauptstraße nicht einmal erwähnt (Kulcsár Szabó, Ernő: Geschichte der ungarischen Literatur. Eine historisch-poetologische Darstellung. de Gruyter: Berlin, Boston 2013).

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I.Theoretische Grundlegung

Vom Holocaust, dieser unfaßbaren und unüberblickbaren Wirklichkeit können wir uns allein mit Hilfe der ästhetischen Einbildungskraft eine wahrhafte Vorstellung machen. Die Vorstellung des Holocaust an sich hingegen ist ein so ungeheuerliches Unterfangen, eine so erdrückende geistige Aufgabe, daß sie die Belastungsfähigkeit derer, die mit ihr ringen, meist übersteigt. […] Anstatt Spielzeug der Einbildung zu sein – wie erfundene Gleichnisse, literarische Fiktionen –, erweist sich der Holocaust als eine schwere und unbewegliche Last, so wie die berüchtigten Steinquader von Mauthausen. […] Genauer gesagt ist das, was wir uns auf diese Weise vorstellen, nicht mehr allein der Holocaust, sondern die sich im Weltbewußtsein widerspiegelnde ethische Konsequenz des Holocaust, jene schwarze Trauerfeier, deren dunkles Leuchten – wie es scheint – nunmehr unauslöschlich in der universalen Zivilisation weiterbrennt, die wir als die unsere betrachten und der wir angehören.

Biographische Angaben

Heike Flemming (Autor:in)

Heike Flemming studierte in Leipzig und Wien Philosophie und promovierte über ungarische Literatur. Sie arbeitet als freischaffende Übersetzerin ungarischer Literatur in Berlin.

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Titel: Zum Wandel der Erinnerung an den Holocaust in der ungarischen Literatur