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Walther von der Vogelweide: Das gradualistische Ideal «in den dingen»

Eine philologisch-analytische Studie mit didaktischem Ausblick

von Rainer Nübel (Autor:in)
©2018 Dissertation 328 Seiten
Reihe: Walther-Studien, Band 9

Zusammenfassung

Dieser Band deckt anhand philologischer Analysen eine wesentliche gedankliche Klammer in der Dichtung Walthers von der Vogelweide auf: Das gradualistische Ordnungsideal einer seinsmäßigen Einheit in hierarchischer Verschiedenheit soll sich im konkreten Handeln des Menschen erfüllen. Dieses deduktive Denkmuster erweist sich sowohl in der Sangspruchdichtung als auch in Liedern der kritischen Minnereflexion sowie in ‹Weltabsage- und Altersliedern› und im Leich als konstitutives Strukturelement. Das Erkennen dieser gedanklichen Klammer führt teilweise zu neuen Interpretationen von Walther-Texten und dient didaktisch der Vermittlung von strukturierendem Denken bei Lernenden in Schule und Hochschule.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • I Präsenz und Bedeutung induktiver und deduktiver Strukturelemente sowie des universalia in rebus in Walthers Sangspruchdichtung
  • I.1 Induktive Bezüge zu einem gradualistischen Ordnungssystem und das deduktive Erkennen seiner dualistischen Überlagerung im „Reichston“
  • I.1.1 Perversio und der Aufruf zur conversio
  • I.1.2 Die dualistische Welt als Grund für die tristitia des clôsenaere
  • I.1.3 Deduktives Erkennen der gestörten gradualistischen Ordnung als Basis von Kritik, Handlungsanweisung und Parteinahme
  • I.2 Universalia in rebus als zentrales Denk- und Argumentationsmuster in Sangsprüchen des Ottentons
  • I.2.1 L 11,30 ff.: Kongruenz oder Nichtkongruenz von Name, Sein und Handeln
  • I.2.2 Die plakativ gradualistische Struktur und die Affirmierung von Ottos Kaisertum in L 12,6 ff.
  • I.2.3 Der ausgeprägte Dualismus und die Widerlegung der päpstlichen Position in L 11,6 ff.
  • I.2.4 L 12,30 ff.: Konklusion und affektive Explikation des Dualismus als Verkehrung der gradualistischen Ordnung
  • I.2.5 Die vier Sprüche als abgeschlossener Vortrag und rhetorische Einheit nach den Regeln des genus deliberativum
  • I.3 Induktive und deduktive Chiffren für Gradualismus und Dualismus
  • I.3.1 Die passende Krone
  • I.3.2 Die ordo-konstitutive Funktion der milte und die Analogie des Seins
  • I.3.3 Die (päpstliche) gradus-Überschreitung als superbia-Akt
  • II Ideal und Realisierung in Walthers Minnesang als Denkmuster des universalia in rebus
  • II.1 Der induktiv konstituierte Gradualismus als deduktiver Gradmesser für die Erfüllung des Minne-Ideals
  • II.2 Induktive und deduktive Chiffren für die gradualistische und dualistisch-defizitäre Minne in Walthers Minnesang
  • II.2.1 Der Denkprozess um das ebene werben in L 45,37 ff.
  • II.2.2 Die frowen und die Unordnung der Welt
  • II.2.3 Kongruenz von forma externa und forma interna als Bedingung und Zeichen idealer Minne
  • II.2.4 Die Nacktheit der Frau: Konsequente Ausprägung des gradualistischen Ideals statt Tabuverletzung
  • II.2.5 Das herzeliebe vrowelîn und die Analogie des Seins
  • II.3 Der in den dingen realisierte Gradualismus als Leitbild in Walthers Minnekonzept
  • III Verdichtung der induktiven und deduktiven Dualismus-Chiffren in den ‚Weltabsage- und Altersliedern‘ sowie im Leich
  • III.1 Nachhaltiger Ordnungsruf und Klage statt Weltabsage
  • III.2 Die tristitia mundi und die Hoffnung auf gotes hulde in den ‚Altersliedern‘ und im Leich
  • IV Das gradualistische Ideal in den dingen als prägende Denkstruktur in Walthers Dichtung
  • IV.1 Die Frage der denkgeschichtlichen Provenienz – eine Spurensuche
  • IV.2 Literarische Adaption des Universalienstreits im Minnesang?
  • V Überlegungen zum didaktischen Nutzwert induktiver und deduktiver Strukturelemente in Walthers programmatischem „Reichston“
  • V.1 Kompetenzdefizite bei Schulabsolvent/innen und Studierenden in der Studieneingangsphase
  • V.2 Induktion/Deduktion, Recherche und Schreiben als Gesamtsystem: Ein didaktisches Konzept zur Förderung von Kompetenzen
  • V.2.1 Strukturierendes Denken als Basiskompetenz
  • V.2.2 Zehn Rechercheregeln und die Relevanz von Induktion und Deduktion
  • V.2.3 ‚Denkrecherche‘ zur Symbolik der Zahl Drei
  • V.2.4 Walthers „Reichston“: Erkennen von Induktion und Deduktion sowie die Anwendung in den Kompetenzbereichen Textverständnis und Schreiben
  • V.2.5 Transfer: ‚Gedichtrecherche‘ zu Günter Eichs „Schuttablage“
  • V.3 Praktische Erfahrungen bei der Umsetzung des didaktischen Konzepts im Unterricht
  • Schlussbemerkungen
  • Verzeichnis der verwendeten Literatur
  • Anhang

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Einleitung

Die ‚New Philology‘ mit ihrem ausgeprägt editionskritischen Ansatz und dem Prinzip der Varianz1 hat die Mediävistik in den vergangenen Jahren nicht unbedingt revolutioniert, wohl aber in ihren Paradigmen wesentlich weiterentwickelt. Die bewusste Fokussierung auf den Text in seiner differenten Fassung und Überlieferung generiert, als „Back to the roots“,2 die unabdingbare Basis, gleichzeitig die Chance für neue Fragestellungen, Perspektiven, Interpretationsansätze und Deutungen – im Kontext einer eingehenden Textkritik. Darin liegt keine Zäsur in der altgermanistischen Forschungsgeschichte, denn die bis dahin existenten philologisch-historischen Untersuchungen, geistes- oder sozialgeschichtlichen Deutungen, motivbezogenen oder rhetorischen Analysen waren und sind zumeist hochwertige Resultate einer intensiven Auseinandersetzung mit den Texten, deren Strukturen und historischen Kontexten. Sie bilden die essenziellen Grundlagen für jede heutige Beschäftigung mit mittelalterlicher Literatur. Und doch hat die ‚Neue Philologie‘ – gerade in dem Aspekt der Varianz als dominantes Merkmal mittelalterlicher Literatur – dazu beigetragen, manche allzu dogmatische, mitunter fast schon ideologische Sichtweise und Deutungstradition aufzubrechen, zugunsten einer weniger hermetischen Herangehensweise und Exegese.3

Dies alles gilt auch für die Walther-Forschung. Der in den vergangenen Jahren erfolgreich realisierte editionskritische Ansatz hat in vielen Fällen gesicherte und neue Textgrundlagen geschaffen, die eine valide Basis für philologische Analysen bilden. Zudem sind Aspekte der Aufführungssituation, der Persuasion, Autorität und Legitimation konturierter in den Blickpunkt gerückt.4 Grundsätzlich ist, wenn der Eindruck nicht trügt, der jüngeren Forschung zu entnehmen, dass sie weniger die eher mikrokosmische Textexegese zum primären Gegenstand macht, als vielmehr – auf der differenzierten Grundlage der geleisteten Forschung früherer Jahrzehnte – strukturelle Faktoren herauszuarbeiten sucht. ← 11 | 12 → Es geht um übergeordnete Rahmenbedingungen, die verbindlichen, mitunter auch konsensfähigen Charakter haben können, bei aller Notwendigkeit und Lebendigkeit des kritischen Diskurses.

Auffallend dabei ist, dass in nicht wenigen Studien die Relation des Allgemeinen und des Konkreten, der Idee und der Realität thematisiert wird. Geradezu programmatisch, bis in den Titel seiner Arbeit, „Höfische Idealität und konkrete Erfahrung“5, hat Nolte diese Relation als Grundlage für seine soziologisch orientierten Deutungen von Walther-Texten herangezogen. Wiederholt beschreibt er den Kontrast zwischen dem Allgemeinen und Konkreten. Im Unmuts- und König-Friedrichston glaubt Nolte zu erkennen, „wie Walther an der Kluft leidet, die sich ihm auftut zwischen dem mittelalterlichen Weltbild, seinen Ideologien, Normen und Idealvorstellungen und der all dies überholenden Realität“.6 Im Kontext von Kirche und Kurie formuliere Walther besonders deutlich „das Auseinandertreten von Ideologie und Praxis“7.

Dass es nicht wenige inhaltliche Segmente und Stellen in Walthers Werk gibt, die es – zumindest in der Deskription – sinnvoll erscheinen lassen, deduktive oder induktive Elemente zu berücksichtigen, dafür liefert die Forschung weitere Indizien und auch Belege, insbesondere im Kontext seiner Sangspruchdichtung. So hat Scholz darauf hingewiesen, dass der Wiener Hofton in der D-Folge „einen Weg vom Allgemeinen zum Besonderen“8 abschreitet und dies auch für andere Spruchtöne gilt.9 Dabei sieht er diesen gedanklichen Weg „vom Heilsgeschichtlich-Mythischen zum Persönlich-Privaten“, als andere Spielart „das Fortschreiten von der ‚großen Politik‘ zu der ‚Politik im Kleinen‘, der Situation des Sängers Walther in der Gesellschaft“10.

Auch die intensive, langjährige Diskussion in der Forschung zu Walthers rîche-Auffassung im „Reichston“ und ihrem Konnex zu seiner Thematisierung konkreter historisch-politischer Realitäten in den drei Sangsprüchen ist ein markantes Beispiel dafür, wie stark die Bezugnahme von Allgemeinem und Besonderem und umgekehrt interpretativ bemüht wird, zumindest implizit.11 Nachdrücklich zeigt sich dies in den Untersuchungen von Marzo-Wilhelm zur Autoritätsproblematik ← 12 | 13 → und zu den Legimitationsstrategien in Walthers Sangspruchdichtung. Er differenziert zwischen der allgemeinen Aussageebene und der konkreten, wobei der Sangspruchdichter nach seiner Einschätzung auf die erstere wohl weniger verzichten kann. „‚Konkretes‘ und ‚aktuelles‘ Dichten bedeutet folglich für den mittelalterlichen Dichter zunächst nicht, ein einzelnes Ereignis als isoliertes Geschehen zu kommentieren und verborgene Detailzusammenhänge offenzulegen. Aufgabe des Sangspruchdichters ist es vielmehr, eine Einzelbeobachtung aus seiner Umwelt in das Weltbild seiner Zeit einzuordnen und in Beziehung zu dem darin enthaltenen Bezugssystem von Wertvorstellungen und Deutungsmustern zu setzen.“12 Als bestimmend für die mittelalterliche Deutung der Welt sieht Marzo-Wilhelm den „ordo der Gesellschaftsordnung“13. Auch dies ist ein wesentlicher Faktor und gleichzeitig Streitpunkt in der Walther-Forschung – und ein Terrain, auf dem deduktive und induktive Denkmuster relevant sind. Dies gilt ebenfalls für Walthers Spiel mit verschiedenen Rollen.14 Marzo-Wilhelm führt in diesem Kontext aus, die Inhalte und Überzeugungen, die Walther in den Sprüchen ausdrücke, seien „weniger eigene Meinung mit Persuasionsanspruch, sondern Repräsentation und Rückgriff auf ein sowohl dem Sänger als auch dem Publikum gleichermaßen bekanntes, gemeinsames fundamentales Verständnis von Gesellschaft und Welt im Allgemeinen (beispielsweise die nichtkuriale Auffassung des Verhältnisses Papst-Kaiser) und möglicherweise bestimmter Konstellationen im besonderen (owê, der bâbest ist ze jung, L. 9.39)“15.

Drückt sich in Studien zu Walthers Sangspruchdichtung die Relevanz von Deduktion und Induktion als struktureller Faktor meist eher mittelbar aus, ohne in ihrem tieferen Sinne näher erläutert zu werden, wird sie von Baltzer erstmals expliziert. Ausgehend von einer fehlenden sozialen Autorität des Vortragenden, beschreibt und analysiert er die Persuasionsstrategien in Walthers Sangsprüchen. Zentral dabei ist die „Auswahl und Absicherung der Prämissen“16 in Form von allgemeingültigen, akzeptierten Normen – als Basis für eine erfolgreiche Argumentation und Voraussetzung für die Zustimmung des Publikums. Bei der Übertragung der Zustimmung von Prämissen auf Folgerungen und dem Bezug auf einen Einzelfall sieht Baltzer die Strategien in deduktive und induktive Verfahren unterteilt. „Beim deduktiven Verfahren liegt dem Sangspruch ein ← 13 | 14 → allgemeiner Sachverhalt zugrunde, dem vom Publikum zugestimmt wird. Der Sangspruch weist auf, daß der Einzelfall, der das Thema des Spruchs ist, einen Spezialfall des akzeptierten allgemeinen Sachverhalts darstellt. Die Aussage, die der Sangspruch über den thematisierten Einzelfall macht, bezieht seine Zustimmung von der Deduktion aus dem akzeptierten allgemeinen Sachverhalt.“17 Baltzer differenziert dabei drei Typen für das deduktive Verfahren. Der akzeptierte allgemeine Sachverhalt ist demnach entweder eine logische Form oder ein allgemeiner Satz, oder er besteht drittens in der Autorität eines Sprechers für jenes Thema, zu dem im Sangspruch eine Aussage getroffen wird, wofür Baltzer den Klausner in L 9,16 ff. als Beispiel anführt.18 Induktive Verfahren wiederum „greifen die Zustimmung des Publikums für einen Sachverhalt auf, der nicht allgemein gilt, und übertragen sie auf die Aussage über den besonderen Sachverhalt, auf den der Sangspruch zielt. Die Übertragung benutzt dabei als Zwischenstufe einen Zusammenhang allgemeinen Charakters, über den beide besonderen Sachverhalte vermittelt werden können“.19 Auch hier unterscheidet Baltzer drei Typen. Der vermittelnde Sachverhalt kann demnach ein allgemeines Gesetz sein, oder er liegt in der gemeinsamen Struktur der beiden speziellen Sachverhalte, wofür Baltzer die akzeptierte ordo-Darstellung in L 8,28 ff. anführt, oder er ist drittens „die Gleichartigkeit der Relationen aller Ebenen der beiden speziellen Sachverhalte“20. Letzteres liegt laut Baltzer etwa im „Kronenspruch“ L 18,28 ff. vor – die Überzeugungskraft der Harmonie von Krone und Philipp werde übertragen auf die Zustimmung auch für den abstrakten Herrschaftsanspruch.21

Ausgehend von Baltzers Ergebnissen gilt es in dieser Studie möglichst präzise zu eruieren, wie in Sangsprüchen Walthers spezielle und allgemeine Aussageebenen textuell konstituiert und in Relation zueinander gesetzt werden. Gleichzeitig wird zu fragen sein, ob sich die Präsenz von Induktion als Denkbewegung vom Besonderen zum Allgemeinen und Deduktion als Denkschritt vom Allgemeinen zum Besonderen auf seine Sangspruchdichtung beschränkt. Die Begriffe ‚Induktion‘ und ‚Deduktion‘ sind im Kontext dieser Textanalysen, ähnlich wie bei Baltzer, deskriptiv zu verstehen. Ob zudem eine erkenntnistheoretische Dimension vorliegt, wird insbesondere in der Beschäftigung mit Minneliedern Walthers zu erörtern sein. ← 14 | 15 →

Was gerade Walthers Minnesang angeht, sind in der Forschung explizite Hinweise auf deduktive oder induktive Muster selten. Wohl aber erkennt Scholz etwa in L 46,32 ff. einen „Wechsel vom Überpersönlichen zum Ichbezogenen“22. Eine induktive Denkbewegung impliziert er, wenn er darstellt, das sprechende Ich stehe hier „vor uns als jemand, der aus seiner negativen Erfahrung mit zwei Arten des werbens eine Theorie ableitet: Er postuliert die Existenz von ebene werben, von dem er sich vorstellt, daß es die Mitte zwischen den beiden Extremen ist, und für die Mitte ist niemand anders als Frowe Mâze zuständig“.23 Herchert wiederum sieht gerade im Umstand, dass die Tugend mâze, genauso wie saelde und auch die Welt in Walthers Liedern als Frauen auftreten, eine für seine Dichtung prägnante und typische Neuerung, nämlich „die Personifikation von Abstrakta“24.

Grundsätzlich besteht in der Forschung inzwischen weitgehend Konsens darüber, dass für den Hohen Minnesang reflexive Varianten einer Minnetheorie, einer Minneideologie oder eines Minnekonzepts inhaltlich bestimmend und gattungsspezifisch sind.25 Thematisiert werden nicht „Abbilder realhistorischer Frauen“26, wie Schweikle besonders überzeugend herausgearbeitet hat. „Der Minnesänger beschwört vielmehr ein Produkt seiner Phantasie, eine von ihm erlebte, von ihm geschaute Vision (Morungen) oder Idee (Reinmar).“27 Unbestritten ist, dass Walther in diesem Kontext eine besondere Stellung einnimmt. Er vertritt eine spezifische Minne-Position, genauer: ein „Gegenkonzept[…]“28 zum konventionellen Hohen Minnesang. Sein Minnesang ist u.a. durch Konkretion gekennzeichnet – ein Moment, das bekanntermaßen auch seine Sangspruchdichtung prägt. Walther führt, so Schweikle, „aus der hochstilisierten Spiritualität zur konkreteren Behandlung der Minnethematik zurück. Er reflektiert über die Minne, indem er sie aus der Sphäre der Abstraktion herabholt auf eine Ebene der Erfahrung zwischenmenschlicher Beziehungen, für die er Gegenseitigkeit fordert, also auch an die Frau ethische Ansprüche stellt […]“29. Bein wiederum sieht Walther in einigen Liedern an einem Liebeskonzept arbeiten, „das ← 15 | 16 → einen gewissen Ausgleich zwischen ethischen Werten und sinnlichen Freuden anstrebt […]“30. In all dem konturiert sich Walthers minnetheoretische Auseinandersetzung mit anderen Dichtern seiner Zeit, insbesondere die mit Reinmar, die in der jüngeren Forschung folgerichtig eher als Wettstreit, Wettbewerb oder literarisches Spiel und nicht mehr als Fehde gesehen wird.31 An verschiedenen ‚Akzentpunkten‘, wie der Forderung nach Gegenseitigkeit und der Erfüllung eines ‚Leitbildes‘, hat Hahn das Spezifische und Originäre des Waltherschen Minnekonzepts beschrieben.32 Es wird darzulegen sein, dass in dieser Darstellung die Präsenz insbesondere deduktiver Denkmuster bereits impliziert ist.

Diese in der Forschung zu findenden Darstellungen, Hinweise, Indizien und Spuren zeigen allesamt, dass es sich lohnt, deduktive und induktive Denkmuster in der Dichtung Walthers von der Vogelweide intensiver zu untersuchen.33 Philologische Analysen ausgewählter Texte der Sangspruchdichtung und des Minnesangs, aber auch der ‚Weltabsage- und Alterslieder‘ sowie des Leichs werden zeigen, dass sie konstitutive Strukturelemente sind. Induktion, Deduktion und insbesondere das deduktive Muster universalia in rebus34 bilden, so die zentrale These dieser Studie, eine wesentliche gedankliche Klammer in Walthers Werk.

Untersuchungen zum „Reichston“ unter Berücksichtigung editionskritischer Erkenntnisse werden eingangs u.a. zeigen, dass Walther tradierte Leitbilder wie die des ordo als das Allgemeine intentional in direkten Bezug zur konkreten Realität und zur Umsetzung derselben im Handeln stellt. Daraus generieren sich, durchaus im parteilichen Duktus, jene Bewertungen, Forderungen und pointierte Kritik, mit denen sich das sprechende Ich in aktuelle Politik einmischt. Gerade dieses Charakteristikum der Waltherschen Sangspruchdichtung, so ist darzulegen, konstituiert und legitimiert sich textimmanent maßgeblich im und durch den Denkweg vom Allgemeinen zum Besonderen. Und umgekehrt: Einzelne ← 16 | 17 → konkrete Beschreibungen wie das fehlende geleit wirken induktiv durch den Bezug zum Allgemeinen, etwa zur Herrschaftsidee und, im substanzielleren Sinne, zum Gradualismus als bestimmendes Ideal.

Gradualismus35 wird in dieser Studie als die ontologische Einheit von Gott und Welt in hierarchischer Verschiedenheit verstanden und definiert. Omnia mensura et numero et pondere disposuisti – dieser Satz aus Salomons Weisheit (Sap. 11,21)36 hat, wie Kaminski37 mit Verweis auf Krings38 darstellt, eine grundlegende Bedeutung für das mittelalterliche ordo-denken. Die gesamte Schöpfung ist demnach gradualistisch geordnet.39 Der Grundgedanke, dass von Gott alles nach mensura, numerus und pondus geordnet ist, findet sich auch in Augustinus’ Schrift De Civitate Dei, die im Mittelalter intensiv rezipiert wurde: a quo est omnis modus omnis species omnis ordo; a quo est mensura numerus pondus; a quo est quidquid naturaliter est, cuiscumque generis est, cuiuslibet aestimationis est (Civ. Dei V 11)40. Entsprechend seiner jeweiligen ontologischen Stufe, dem gradus, hat jedes Seiende den ihm zugewiesenen Ort.41 Spiegelbildlich zum ordo bestimmt der Gradualismus genauso die ordenunge auf der menschlichen, gesellschaftlichen und politischen Ebene. In der „ex-in-ad-Struktur“42, mit der Krings die durch mensura, numerus und pondus bestimmte ontologische Struktur beschreibt, scheint ein deduktives Moment auf: Der Plan Gottes wird im einzelnen Seienden realisiert. Kaminski beschreibt dies so: „Mensura meint das von Gott her gesetzte Maß (<ex>), das allem konkreten Sein vorausliegt, gewissermaßen den Plan Gottes von den Dingen. Numerus erfaßt das Seiende in seiner speziellen Gestaltung als einzelnes und somit Zählbares; bezeichnet ist dadurch […] die ← 17 | 18 → Verwirklichung der von Gott vorgegebenen mensura (<in>).“43 Das pondus „gibt allem Seienden seine Ausrichtung auf den finis ultimus, auf Gott hin (<ad>)“44.

Der Gradualismus bildet also das ideale Grundmodell mittelalterlichen Ordnungsdenkens. Wie Kaminski ausführt, liegt der Dualismus – als konträre Möglichkeit des Verhältnisses von Gott und Welt – (erst) dann vor, wenn der gradualistische ordo gestört wird. Eine solche Störung gehe immer vom Menschen aus, der als animal rationale ein liberum arbitrium habe und daher auch contra naturam handeln könne.45 „Dabei wird der Gradualismus […] dualistisch überlagert, ja bis zur Unkenntlichkeit verdeckt; als Bezugssystem ist er jedoch – wenn auch für den Menschen vielfach kaum noch wahrnehmbar – stets gegenwärtig.“46 Freter wiederum verdeutlicht in seinen philosophisch-literarischen Untersuchungen zur Relation von Faktizität und Existentialität gerade an Walthers „Reichston“, dass darin keineswegs die Welt, sondern die Zeit mit ihrer schwierigen politischen Situation beklagt werde. Die Menschen haben die Welt in Unordnung gebracht, dies verweise auf den Mangel auf der menschlichen Seite, nicht auf den der Welt.47 „Walthers Hoffen geht […] gerade auf den Versuch, die Ordnung der Welt, i.e. die göttliche Ordnung, zu restituieren, und eben nicht darauf, die Welt möglichst bald hinter sich zu lassen.“ Freter sieht an dieser Stelle eine „Gradualisierung des Entscheidungsdualismus“48, wie er im Jakobusbrief formuliert wird, als eindeutige Wahl zwischen Gott oder der Welt49.

Der – wie die drei „Reichssprüche“ viel interpretierte – Ottenton hat im Kontext gedanklicher Strukturen eine besondere Bedeutung. Detaillierte philologisch-historische Analysen von vier Sprüchen des Ottentons werden exemplarisch aufzeigen, wie der in dieser Studie gewählte Ansatz interpretatorisch nutzbar gemacht werden kann und neue, auch editionskritisch relevante Erkenntnisse generiert. Die überaus differenzierte Argumentation in diesem Ton und die rhetorische Wirkung, so wird darzustellen sein, entfalten sich nicht nur aus der deduktiven Bezugnahme der Herrschaftsidee auf die konkrete politische Situation Ottos IV., sondern wesentlich durch ein spezifisches deduktives Denkmuster in inhaltlichem Zusammenhang mit dem Gradualismus, nämlich dem des universalia in rebus. Das Herrschaftsideal muss sich im entsprechenden Handeln des gebannten ← 18 | 19 → Kaisers manifestieren, wenn er im gradualistischen Sinne der rechtmäßige Herrscher ist. Wer die Bezeichnung „König“ trägt, muss König sein und diesem Sein entsprechend handeln, nur dann kann er diesen namen tragen.50

Besonders in diesem gedanklichen Aspekt liegt, dies wird in einem weiteren Kapitel dargestellt, ein ganz wesentlicher Konnex zu Walthers Minnesang. Sein Postulat der gegenseitigen, von gelebten gesellschaftlichen Werten getragenen Liebe, mit dem er sich in die Minnediskussion einmischt, ähnlich wie bei seinem Einmischen in die Politik seiner Zeit, geht auch mit dem Denkmuster universalia in rebus einher und konstituiert sich dadurch. Die Minne, wie Walther sie sieht und deutet, setzt zwingend voraus, dass sie sich im konkreten Verhalten und Handeln der frouwe manifestiert – Minne ist, wenn ihr Leitbild als das Allgemeine im Besonderen erfüllt wird. An verschiedenen Liedern, darunter L 51,13 ff., L 45,37 ff., L 48,12 ff., L 92,9 ff. und L 49,25 ff., soll exemplarisch gezeigt werden, dass das deduktive Moment von gradualistischem Ideal und dessen zwingend notwendiger Realisierung in rebus strukturbildend für sein spezifisches Minnekonzept ist. Von da aus wird u.a. zu fragen sein, ob die enorme Konkretion der nackten Frau in L 53,25 ff. viel weniger einen Tabubruch als vielmehr die konsequente Ausprägung dieses Denkmusters darstellt. Aus den Textanalysen wird sich, als Diskussionsbeitrag, eine spezifische Systematisierung des Waltherschen Minnesangs mit der neuen Kategorie der ‚Lieder gradualistischer Liebe‘ ableiten.

Für diese philologisch-analytische Studie wurden bewusst Sangsprüche und Lieder Walthers ausgewählt, die in der Forschung bereits häufig und intensiv behandelt worden sind. Damit soll gewährleistet werden, dass die interpretatorische Relevanz von Induktion und Deduktion in Walthers Werk ausreichend kritisch hinterfragt und somit der Ansatz dieser Studie auf den Prüfstand gestellt wird. Dieser Auswahl ging die Untersuchung sämtlicher Walther-Texte voraus. Dabei hat sich ergeben, dass in Walther-Liedern, die in der Forschung dem konventionellen Hohen Minnesang zugerechnet werden, keine induktiven und/oder deduktiven Verfahren und auch keine begrifflichen oder inhaltlichen Bezüge zu Gradualismus oder Dualismus erkennbar sind. Dasselbe gilt für das „Palästinalied“ L 14,38 ff., das Tagelied L 88,9 ff. sowie für L 94,11 ff.

Die wiederum bis in die ‚Weltabsage- und Alterslieder‘ sowie den Leich festzustellende Präsenz deduktiver und induktiver Strukturelemente sowie des weitergehenden Denkmusters universalia in rebus evoziert die kritisch abzuwägende Frage, ob es sich dabei um aristotelische ‚Spurenelemente‘ handeln könnte. Interne oder externe Texthinweise darauf, dass Walther Schriften von Aristoteles ← 19 | 20 → wie die Kategorien, die Rhetorik oder die Nikomachische Ethik gelesen hat, gibt es bekanntlich nicht. Grundsätzlich ist freilich zu berücksichtigen, dass laut der Aristoteles-Forschung die Zugänglichkeit zu diesen Schriften oder zu Teilinhalten derselben in Walthers Zeit möglich war. „Im 12. Jh. kam es zu einer neuen Welle von Übersetzungen aus dem Griechischen und aus dem Arabischen, die endlich zur vollständigen Erschließung des aristotelischen Corpus führte.“51 All dies gilt es zu erörtern – bis dahin, ob hinter der dezidierten Bezugnahme von Allgemeinem und Besonderem und insbesondere im Muster universalia in rebus die Denkposition des gemäßigten Realismus steht und speziell in Walthers Minnesang eine literarische Adaption des Universalienstreites vorliegen könnte.52 Sämtliche Walther-Zitate des Autors in dieser Arbeit folgen Bein 2013.

Die Beschäftigung mit spezifischen Denkmustern in Walthers Dichtung – auf der methodischen Grundlage philologisch-historischer, textkritischer sowie erkenntnistheoretischer Untersuchungen – hat sowohl eine deskriptive als auch eine interpretatorische sowie rezeptionsspezifische Dimension. Hinzu kommt ein didaktischer Aspekt. Im Sinne des bildungspolitisch angezeigten Transfers von wissenschaftlicher Forschung in die Schule gilt es schließlich zu überlegen, worin der Nutzwert induktiver und deduktiver Strukturelemente, wie sie sich paradigmatisch im „Reichston“ zeigen, für Unterricht und Lehre liegen kann. Für das schulische und auch studentische Lernen, speziell für das strukturierte Vorgehen bei der Recherche als Generierung von Informationen, Wissen und Handlungskompetenz, beim Erschließen von Texten und beim Schreiben ist strukturierendes Denken eine Basiskompetenz. Ein Thema durchdringen und gliedern, dabei Hierarchien und logische Zusammenhänge erkennen zu können, setzt zwingend die Kompetenz voraus, kognitiv das Allgemeine in Bezug zum Besonderen zu setzen und umgekehrt das Besondere in Relation zum Allgemeinen, etwa das Thema eines Textes zu den konkreten Strukturen, die ihn konstituieren – also Deduktion und Induktion. Spiegelbildlich zur Recherche eines Themas und der Lektüre von Texten bedarf es beim strukturierten Prozess des Schreibens genauso dieser Basiskompetenz.

Gerade in diesen Bereichen sind in aktuellen Studien jedoch teilweise evidente Defizite bei Schulabsolvent/innen und Studierenden festgestellt worden. Vor diesem Hintergrund wird im letzten Kapitel ein fünfteiliges didaktisches Konzept entwickelt, in dem strukturierendes Denken, Recherche und Schreiben als ← 20 | 21 → ein Kompetenz-Gesamtsystem verstanden wird. Die produktionsorientierte Beschäftigung mit Walthers programmatischem „Reichston“ wird das Hauptmodul dieses Konzepts bilden. Es liegt im Erkennen von Induktion und Deduktion sowie in ihrer Anwendung in den Kompetenzbereichen Textverständnis und Schreiben. Auf der Basis dessen, was die didaktische Forschung bereits geleistet hat, soll dieser abschließende Ausblick auf denkbare Applikationen weitere Argumente liefern, „die die didaktische Notwendigkeit und den Mehrwert einer Integration mittelalterlicher Texte in den kompetenzorientierten Deutschunterricht begründen“53.


1 Eine differenzierte „Annäherung an einen vieldiskutierten Begriff“ liefert Lüpges 2011, S. 17 ff.

2 Bein 2005, S. 108.

3 Wie relevant die unterschiedlichsten Forschungsansätze und -traditionen bis heute sind, mitunter aber auch einen dogmatischen Charakter annehmen können, zeigt exemplarisch Burkerts Arbeit zur altgermanistischen und historischen Forschungsgeschichte bezüglich des „Reichstons“ Walthers von der Vogelweide: Burkert 2015.

4 Vgl. etwa Baltzer 1991 und Marzo-Wilhelm 1998.

5 Nolte 1991.

6 Ebd., S. 101.

7 Ebd., S. 102.

8 Scholz 2005, S. 63.

9 Vgl. ebd.

10 Scholz 1973, S. 21, insbesondere auch F. 56. Diesen gedanklichen Weg sieht Scholz u.a. auch im „2. Philippston“ (Strophenfolge nach Hs. A).

11 Vgl. Burkert 2015, insbesondere S. 257 ff.

12 Marzo-Wilhelm 1998, S. 86.

13 Ebd., S. 84.

14 Zu den Rollen in der Sangspruchdichtung vgl. die Ausführungen von Bein 2017, S. 62 ff.

15 Marzo-Wilhelm 1998, S. 137.

16 Baltzer 1991, S. 123.

17 Baltzer 1991, S. 127.

18 Vgl. ebd.

19 Ebd., S. 128.

20 Ebd.

21 Vgl. ebd., S. 129.

22 Scholz 2005, S. 98.

Details

Seiten
328
Jahr
2018
ISBN (PDF)
9783631762516
ISBN (ePUB)
9783631762523
ISBN (MOBI)
9783631762530
ISBN (Hardcover)
9783631757154
DOI
10.3726/b14437
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
Induktion Deduktion Gradualismus Dualismus Aristoteles-Rezeption Universalienstreit
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2018. 328 S. 7 s/w. Abb.

Biographische Angaben

Rainer Nübel (Autor:in)

Rainer Nübel studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Tübingen und promovierte an der RWTH Aachen University. Er ist Lehrkraft an einer baden-württembergischen Hochschule, Buchautor und Journalist.

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