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Rhetorik und Translation

Germanistische Grundlagen des guten Übersetzens

von Rainer Kohlmayer (Autor:in)
Monographie 286 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch wendet sich an Übersetzer und Übersetzungswissenschaftler, die mit der deutschen Sprache als Mutter- oder Fremdsprache arbeiten, um in klarer Sprache die Erkenntnisse der Germanistischen Sprachwissenschaft in die Translationswissenschaft einzubringen. Rhetorik, Hermeneutik und Textlinguistik werden dargestellt und auf die Analyse von funktionalen Textsorten (Nachricht, Glosse, Leitartikel, Werbetext, Interview) sowie auf literarische Textpassagen (Böll, Jelinek, Kehlmann, Keun, Koeppen, Kunert) angewandt. Der vergleichende Blick in die englischen und französischen Übersetzungen zeigt, was man heute unter gutem Übersetzen versteht. Der Autor plädiert für eine Renaissance der Rhetorik in der Übersetzungstheorie und -praxis.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorbemerkung
  • 1. Kapitel. Rückblick: Zum Neuanfang der Textlinguistik im 20. Jahrhundert
  • I. Teil. Rhetorik als Rahmen der Textwissenschaft
  • 2. Kapitel. Zur rhetorischen Tradition
  • 3. Kapitel. Rhetorik als Texttheorie und als Praxis der Textproduktion
  • 3.1 Quintilian: Rhetorik und Bildung
  • 3.2 Die drei Redetypen
  • 3.3 Die Affektenlehre bzw. Verhaltenspsychologie
  • 3.4 Stiltheorie
  • 3.5 Überzeugungskraft der Rede bzw. Überzeugungsquellen (Aristoteles)
  • 3.6 Argumentationslehre
  • 3.7 Statuslehre
  • 3.8 Die Einteilung der Rhetorik in fünf Stufen
  • 3.8.1 inventio bzw. Topik
  • 3.8.2 dispositio bzw. Gliederung
  • 3.8.3 elocutio bzw. Formulierung
  • 3.8.4 memoria bzw. Auswendiglernen
  • 3.8.5 pronuntiatio / actio
  • 3.8.6 Die „schriftliche Stimme“ (Novalis, 1798/99)
  • 3.8.7 „Textual and Contextual Voices“ (Alvstad et al., 2017)
  • 3.9 Die rhetorischen Figuren
  • 3.9.1 Intentionalität und Kontext
  • 3.9.2 Nietzsches Philosophie des rhetorischen Anthropomorphismus
  • 3.9.3 Überblick über die Stilfiguren
  • 3.9.3.1 Additionsfiguren
  • 3.9.3.2 Subtraktionsfiguren
  • 3.9.3.3 Substitutionsfiguren
  • 3.9.3.4 Permutationsfiguren
  • II. Teil. Hermeneutik und die Methoden der Textanalyse
  • 4. Kapitel. Das Verstehen von Texten
  • 5. Kapitel. Texttypologie: Texttypen, Textsorten, Texte
  • 6. Kapitel. Quellen der Kohärenz: Autor, Leser, Text, Kontext
  • 7. Kapitel. Textgrammatik
  • 8. Kapitel. Textsemantik (Kohärenz)
  • III. Teil.: Nachricht, Glosse, Leitartikel, Werbung, Gesprochene Sprache
  • 9. Kapitel. Harte und weiche Nachrichten
  • 10. Kapitel. Die Zeitungsglosse
  • 11. Kapitel. Der Leitartikel
  • 12. Kapitel. Der Werbetext
  • 13. Kapitel: Gesprochene Sprache
  • IV. Teil. Rhetorik in literarischen Texten
  • 14. Kapitel. Zur ästhetischen Besonderheit literarischer Texte
  • 15. Kapitel. Irmgard Keun: „Dienen lerne beizeiten das Weib“ (1954).
  • 16. Kapitel. Günter Kunert: „Dahinfahren“ (1970)
  • V. Teil. Die Nachahmung der „schriftlichen Stimme“ (Novalis)
  • 17. Kapitel. Heinrich Böll: „Irisches Tagebuch“ (1957). „Irish Journal“ (Leila Vennewitz, 1967).
  • 18. Kapitel. Wolfgang Koeppen: „Tauben im Gras“ (1951). „Pigeons on the Grass“ (David Ward, 1988).
  • 19. Kapitel. Elfriede Jelinek „Die Klavierspielerin“ (1985). „The Piano Teacher“ (Joachim Neugroschel, 1988). „La pianiste“ (Yasmin Hoffmann et M. Litaize, 1988).
  • 20. Kapitel. Daniel Kehlmann: „Die Vermessung der Welt“ (2005). „Measuring the World“ (Carol Brown Janeway, 2007). „Les arpenteurs du monde“ (Juliette Aubert, 2007).
  • Schlussbemerkung
  • Literaturverzeichnis
  • Personenregister
  • Reihenübersicht

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Vorbemerkung

Das vorliegende Buch ist, ebenso wie mein Buch Deutsche Sprachkomik (Kohlmayer 2017), aus einer Überblicks-Vorlesung hervorgegangen, die ich mehrmals vor Studierenden der Übersetzungswissenschaft und Germanistik an der Universität Mainz in Germersheim gehalten und von Mal zu Mal ergänzt und (hoffentlich) verbessert habe. Es wendet sich an Lehrende und Studierende.

0.1Zur Integration von Rhetorik und Textlinguistik

Meine Darstellung verbindet die Erkenntnisse der antiken Rhetorik mit der modernen Textlinguistik. Für Übersetzer und Dolmetscher ist die Integration der Textlinguistik in die Rhetorik eine alltägliche Notwendigkeit. Solange sich Translatoren mit der Wiedergabe menschlicher Äußerungen befassen, müssen sie für den Ausgangstext über ein geschultes Ohr und für die Neugestaltung in der Zielsprache über eine überdurchschnittlich flexible Formulierungskunst verfügen. Wer einen Text gut übersetzen will, muss nicht nur zwei Sprachen fließend beherrschen, er muss auch als Experte über das Übersetzen sprechen können. Sobald man auf eine Schwierigkeit stößt, braucht man rhetorische, grammatische und semantische Begriffe, um sich der Schwierigkeiten wirklich bewusst zu werden. Beim Lesen, und erst recht beim Übersetzen, sehe ich genauer, wenn ich weiß, was Anakoluthe oder Aposiopesen sind, wenn ich Subjektschübe und Implikaturen durchschaue. Unsere Beherrschung zweier Sprachen reicht vielleicht völlig aus, Übersetzungsprobleme perfekt zu lösen, aber das heißt noch lange nicht, dass wir unsere Lösungen auch begründen oder weitergeben oder auch nur präzise darüber sprechen können. Mein Buch soll dazu beitragen, genau diese Fähigkeiten zu fördern; meine Einführung bleibt zwar noch im Vorhof des Übersetzens, will aber, gestützt auf grundlegende Forschungsergebnisse der germanistischen Sprachwissenschaft (wie etwa von Polenz 1985 / 2008), auf die sprachlichen Herausforderungen des modernen Übersetzens vorbereiten. Da ich selbst Jahrzehnte lang Übersetzen unterrichtete und als Praktiker viele Theaterstücke übersetzt (und inszeniert) habe, glaube ich sagen zu dürfen, dass meine rhetorischen Überlegungen eine gute und gründliche Vorschule für das selbständige Übersetzen auf hohem Niveau darstellen. Wer in die Muttersprache übersetzt, sollte diese mindestens so gut kennen wie die Fremdsprache.

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0.2Zur Theorie von Sprache und Kultur

Mein Buch bleibt immer nahe an den handwerklichen Textproblemen. Aber meine Ausführungen beruhen auf kohärenten sprach- und kulturwissenschaftlichen Voraussetzungen, die ich wenigstens andeuten will. Die Saussuresche Unterscheidung der drei Hauptbedeutungen von Sprache

als universale Sprachfähigkeit (langage),

als sozial institutionalisierte Einzelsprache (langue) und

als individuelles Sprechen (parole)

halte ich in der Sprachwissenschaft für grundlegende und nützliche Unterscheidungen. Und genau dieses einfache Dreier-Modell übertrage ich analog auf die drei Ebenen von Kultur, ohne dass ich in diesem Einführungsbuch viel darüber theoretisieren möchte. Kultur ist

für das biologisch nicht festgelegte menschliche Tier auf anthropologischer Ebene etwas Universales, da der Mensch ohne die Werkzeuge der Zivilisation und der erlernten und tradierten Lebenstechniken nicht überleben könnte;

Kultur ist gleichzeitig in sozialen Institutionen fixiert und wird durch Machtstrukturen unterschiedlicher Reichweite privilegiert und gestützt;

und Kultur ist für jedes Individuum ein lebenslanger Lernprozess mit jeweils unterschiedlichem Ergebnis und Niveau in jedem Lebensalter.

Sprachkompetenz und Kulturkompetenz bilden meiner Meinung nach die Hauptbestandteile der Übersetzerausbildung. (Der Nutzen rein übersetzungstheoretischer Wissensbestände wird maßlos überschätzt.) Der für Übersetzer wichtigste Gesichtspunkt ist dabei, dass Sprache und Kultur a) auf keiner der drei idealtypischen Ebenen genau auseinanderzuhalten und b) immer in einem beweglichen Zustand sind. Sprache und Kultur gehören immer zusammen und werden gerade auch durch die Arbeit der Translatoren in einem fließenden, lebendigen Zustand gehalten. Die einstmals vielleicht berechtigte Kritik (der Pragmatik) an der Saussureschen Systemlinguistik prallt an meinem Verständnis von Sprache und Kultur insofern ab, als der dauernde dynamische Wandel dem sogenannten System inhärent ist; in Sprache und Kultur gibt es immer eine dynamische Gleichzeitigkeit von Tradition und Innovation.

0.3Zur Rolle der Übersetzer

Übersetzer arbeiten in den Grenzbereichen der universalen, sozialen und individuellen Sprache(n) und Kultur(en). Sie verbreiten das Universale, sie vermitteln ←10 | 11→zwischen den unterschiedlichen Sprachen und Kulturen, sie transformieren Individuelles zu Inter- oder Transkulturellem. Sprachen und Kulturen werden individuell und sozial gelernt; sie sind lebenslanger Lernstoff, der sich aber immer im Wandel befindet. Übersetzer tragen an entscheidender Stelle dazu bei, dass Menschen über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg voneinander lernen können. Je universaler ein Text ist, und zwar in sprachlicher wie kultureller Hinsicht, desto eher lässt er sich übersetzen. Hier spielen mathematische Symbole und universale anthropologische Gefühle in derselben Liga: Die Symptome von Angst, Glück, Hass oder Liebe im körperlichen und stimmlichen Ausdruck sind kaum weniger universal als der Pythagoreische Lehrsatz.

Die politischen und kulturellen Machtstrukturen, die verinnerlicht oder erzwungen sein können, begrenzen die Nachfrage nach und das Angebot an Übersetzungen und an ‚Fremdem‘. Die sprachlichen und kulturellen Institutionen regeln nach ihren Möglichkeiten den Grenzverkehr zwischen Sprachen und Kulturen. Das jeweilige sprachwissenschaftliche Wissen, wie es in Grammatiken und Wörterbüchern gespeichert ist, und das weite Feld des kulturellen Wissens, wie es in religiösen, literarischen, fachlichen, sozialen Traditionen gespeichert ist und in Familie, Schule, Universität usw. unterrichtet wird, werden in der Zeit des Lernens, die heute rund zwei Dutzend Jahre (sowie das ganze Leben lang) dauern kann, als relativ fixiert erfahren und als emotionale Identität oder kulturelles Rollenspektrum verinnerlicht. Das ist gut so; denn ohne das lustvolle Erlernen und Beherrschen der tradierten Sprach- und Kulturmuster ist keine sinnvolle Erweiterung – sei es ins Eigene oder ins Fremde hinein – möglich. Das Haus der Sprache und Kultur braucht ein Fundament, ein Dach und Mauern. Aber es braucht auch Türen und Fenster. Und die werden von den Übersetzern offengehalten, damit sie nicht etwa einrosten oder zugemauert werden. Sprache und Kultur sind immer im Fluss. Und die Übersetzer sind die flexiblen, lebenslang lernwilligen Boten zwischen den Sprachen und Kulturen.

0.4Zu Aufbau und Ziel des Buches

Die Kapitel 1 bis 8 befassen sich mit den begrifflichen Werkzeugen der antiken Rhetorik und der neueren Textlinguistik, die ich, wie gesagt, als schlichte Fortsetzung der traditionellen Rhetorik betrachte und behandle. Die Kapitel 9 bis 20 wenden dieses begriffliche Wissen auf die Analyse verschiedener Texte an, angefangen von funktionalen bis zu literarischen Texten, bei denen dann in den letzten vier Kapiteln auch die Übersetzungen ins Englische und Französische hinzugezogen und kritisch besprochen werden.

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Weder bei den Nachrichtentexten noch anderswo ist die Tagesaktualität der analysierten Texte von Bedeutung. Ich habe Texte genommen, die sich in meinem Unterricht bewährten. Sie eignen sich für Aha-Erlebnisse des Denkens und Nachdenkens, ermöglichen es den Studierenden oder Dozierenden, die Erfahrung zu teilen, dass Rhetorik und Hermeneutik bewährte Methoden sind, um sprachliche Oberfläche und kulturelle Hintergründe zu verstehen und zu benennen. Mein Buch steht in der Tradition des Triviums, das aus Grammatik, Rhetorik und Logik bestand; ich will sprachliche, rhetorische und logische Fähigkeiten vermitteln und schulen. Die universitäre Gegenwart leidet weniger an Spezialistentum als vielmehr an einem unübersehbaren Mangel an Überblick. Vielleicht weil Überblick mehr Mut erfordert, wozu auch der Mut zur Lücke gehört? Wer das Buch durcharbeitet, lernt wichtige Dinge über die Voraussetzungen des Übersetzens, die von keiner Übersetzungstheorie, sei sie verstehens-, äquivalenz- oder funktionsorientiert, ignoriert werden sollten. Es ist eine Vorschule des Übersetzens, die zum intelligenten Lesen und Produzieren von Texten beitragen kann.

Ich danke meinen Germersheimer Studenten für viele Anregungen, meinem ehemaligen Hiwi Zhiwei Chen für die erste Digitalisierung der Vorlesung, meinen Montagmittags-Tisch- und Gesprächspartnerinnen in Germersheim für Freundschaft, Rat und Kritik, dem Herausgeber für die Aufnahme in die Reihe, dem Freundeskreis des FTSK für die finanzielle Förderung.

Das Buch ist meiner elfköpfigen Familie gewidmet, die ich manchmal mit meiner klösterlichen Abschottung ärgere, deren Zusammenkünfte aber immer die ersehnten epikureischen Höhepunkte meines Lebens sind.

Rainer Kohlmayer, Lauterbourg, Anfang August 2018
www.rainer-kohlmayer.de

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1. Kapitel.Rückblick: Zum Neuanfang der Textlinguistik im 20. Jahrhundert

Abstract: The textual turn in the second half of the 20th century was part of a worldwide movement which highlighted the functional and communicative aspects of language and linguistics. To put it in a nutshell, it was a return to questions which had been dealt with extensively in the great rhetorical tradition of Greece and Rome.

1.1Zur Entstehung der Textlinguistik im 20. Jahrhundert

Die Ausdrücke Textlinguistik, Textwissenschaft, Textgrammatik, Texttheorie usw. stammen aus dem 20. Jahrhundert, genauer, aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Daher wird die Textlinguistik meist auch heute noch als eine relativ junge Disziplin bezeichnet. Jung im Vergleich mit der Grammatik oder der Lexikographie oder der Stilistik. Der amerikanische Sprachwissenschaftler Zellig S. Harris gilt als Pionier der modernen Textlinguistik. Er schrieb in einem Aufsatz aus dem Jahr 1952 als erster, dass die Satzgrammatik erweitert werden müsse, um auch Satzzusammenhänge bzw. „Diskurse“ zu erfassen (Harris 1952). Harris interessierte sich auch schon dafür, wie sich Texte mit den sozialen Situationen systematisch veränderten. Mitte der 1960er Jahre begann dann der eigentliche Durchbruch der Textlinguistik. Peter Hartmann war in Deutschland der erste, der den Text in den Mittelpunkt der Sprachwissenschaft rückte (vgl. Adamzik 2004: 2f.). Er schrieb 1971, der Text sei „das originäre sprachliche Zeichen“, sprachliche Zeichen seien immer „texthaft“ (Hartmann 1971: 9). Damit begann eine Umorientierung der Sprachwissenschaft. Diese Neuorientierung, die Mitte der 1960er Jahre auf breiter Front einsetzte, läuft meist unter dem Namen: „kommunikativ-pragmatische Wende“; man spricht von einem Paradigmenwechsel in der Sprachwissenschaft (Helbig 1986: 13–18). Der Ausdruck „wissenschaftliches Paradigma“ stammt von dem amerikanischen Philosophen Thomas S. Kuhn (1962 / 1967). Unter Paradigmen versteht Kuhn „allgemein anerkannte wissenschaftliche Leistungen, die für eine gewisse Zeit einer Gemeinschaft von Fachleuten Modelle und Lösungen liefern“ (1967: 11; Helbig 1986: 15). Das Paradigma ist die sogenannte „normale Wissenschaft“, deren Grundprinzipien als bekannt gelten und immer vorausgesetzt werden. „Normale Wissenschaft“ wird als kumulative Tätigkeit angesehen. Die Theorie bzw. Methode ist bekannt und gilt als stabil. Neu sind nur die Anwendungen. Ein Paradigma ist immer auch institutionell verankert, was Kuhn allerdings weniger deutlich herausstellte; d. h. ←13 | 14→es gibt feste Macht- und Finanzstrukturen; nur ‚passende‘ wissenschaftliche Arbeiten werden finanziell und strukturell gefördert. Kuhn dachte dabei in erster Linie an die Geschichte der Naturwissenschaften, zum Beispiel an das paradigmatische Modell des Mittelalters, dass die Erde das Zentrum des Universums sei; ein Modell, das bekanntlich durch die kopernikanische Wende gestürzt wurde.

Was ist nun ein „Paradigmenwechsel“? Der Übergang von einem Paradigma zum anderen ist nach Kuhn kein kumulativer Vorgang, sondern eine wissenschaftliche „Revolution“. Es gibt keine Fortsetzung der früheren Fragen und Lösungen, sondern es gibt eine völlig neue Theorie mit neuen Grundprinzipien; es werden neue Fragen gestellt; die früheren Fragen und Antworten gelten als überholt oder uninteressant. Kuhns Theorie ist inzwischen von verschiedenen Seiten zwar kritisiert worden (vgl. Helbig 1986: 16–18), aber sie wird auch heute immer noch als Erklärung für die Abfolge wissenschaftlicher Theorien oder Moden verwendet, wenn man auch heute oft den flexibleren Ausdruck „turn“ für (oft kurzlebige) Neuorientierungen verwendet; so erwähnt Bachmann-Medick neben rund zwei Dutzend turns auch einen „textual turn“ (2006: 93). Kuhn sah die wissenschaftliche Wahrheitssuche als etwas Relatives an: Die Wissenschaft sucht nicht immer nach der gleichen ‚Wahrheit an sich‘, sondern sucht im Rahmen zeittypischer Theorien nach den jeweils zeittypischen Lösungen. Polemisch könnte man das so zuspitzen: Wissenschaftlich wahr ist das, was im Rahmen der normalen Wissenschaft üblich ist.

Ein Paradigmenwechsel ist also eine wissenschaftliche Revolution. Bevor ich erkläre, was in den 1960er Jahren die Einführung der Textlinguistik so revolutionär erscheinen ließ, will ich dem Kuhnschen Modell der Wissenschaftsgeschichte ein zyklisches Modell entgegensetzen, das zum Beispiel Nietzsche (aber auch schon Heraklit?) aphoristisch formulierte.

1.2Zum Nebeneinander von Kontinuität und Innovation in den Geisteswissenschaften

Wie gesagt, hat Kuhn seine Theorie am Beispiel der Naturwissenschaften entwickelt. Die Frage ist, ob das Modell des Paradigmenwechsels auch genauso für die sogenannten Geisteswissenschaften gilt, also für Philosophie, Theologie, Geschichte, Sprachwissenschaft usw. Beim ersten Eindruck scheint das auf jeden Fall zuzutreffen: Auch in der Philosophie gibt es offensichtlich Moden und turns. So dominierte nach dem 2. Weltkrieg ein philosophischer Existentialismus (Sartre, Jaspers), dann die Hermeneutik (Heidegger, Gadamer), dann herrschte die gesellschaftskritische Philosophie (Frankfurter Schule: Horkheimer, Adorno, Habermas), schließlich die Systemphilosophie (Luhmann) usw. Man kann das ←14 | 15→durchaus Paradigmenwechsel nennen. Aber dennoch gibt es in den Geisteswissenschaften eine Besonderheit: Fast jeder Paradigmenwechsel greift zurück auf Fragen, die früher schon einmal gestellt wurden. Nietzsche sieht Geschichte als „ewige Wiederkehr“ (1962, Bd. III: 853). Das Bild passt gut auf die Geschichte der Geisteswissenschaften: Die Grundfragen sind im Hintergrund immer vorhanden, es wechseln nur die Antworten auf zeittypische Weise. Daher kann man in den Geisteswissenschaften nicht so leicht von Fortschritt sprechen wie in den Naturwissenschaften. Gegenüber Kuhns Theorie von den wissenschaftlichen Revolutionen muss man also wohl sagen: In der Geisteswissenschaft bestehen nebeneinander Kontinuität und Diskontinuität. Revolutionen in der Sprachwissenschaft z. B. erweisen sich meist als Renaissancen, als Wiederaufgreifen früherer Fragestellungen. Man kann daher auch sagen, dass in den Geisteswissenschaften niemals nur ein einziges Paradigma herrscht – abgesehen von ideologischen Zwangsverhältnissen -, sondern dass es immer ein Nebeneinander verschiedener Theorien gibt, die im Wettbewerb miteinander liegen. Es gibt vermutlich zu jeder Zeit ein dominierendes Modell oder Paradigma, aber es gibt immer auch Konkurrenzmodelle.1

Details

Seiten
286
ISBN (PDF)
9783631774724
ISBN (ePUB)
9783631774731
ISBN (MOBI)
9783631774748
ISBN (Hardcover)
9783631771907
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
Deutsch Hermeneutik Textlinguistik Textanalyse Literatur Stilistik
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 280 S., 1 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Rainer Kohlmayer (Autor:in)

Rainer Kohlmayer war APL Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er habilitierte dort in interkultureller Germanistik und unterrichtete Sprach- und Übersetzungswissenschaft am Fachbereich für Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft. Er ist Gründer der Uni-Bühne, forscht vor allem über das literarische Übersetzen und publizierte diverse Komödien-Übersetzungen.

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