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Kritische Übersetzungswissenschaft

Theoriekritik, Ideologiekritik, Übersetzungskritik

von Rainer Kohlmayer (Autor:in)
Sammelband 260 Seiten

Zusammenfassung

Die Kritische Übersetzungswissenschaft lehnt jeden theoretischen Monismus ab und versteht Geisteswissenschaft als Wettbewerb der Argumente. Fünf Essays in diesem Buch argumentieren aus der Sicht der Literaturübersetzung gegen die Invasion des Funktionalismus, gegen den unzureichenden Textbegriff des Strukturalismus und gegen den kompromissfeindlichen Dualismus Schleiermachers. Zwei Essays gelten der Ideologisierung und Entnazifizierung des Stildudens und den Übersetzungen von Oscar Wildes An Ideal Husband unter NS- und DDR-Bedingungen. Ein Essay gilt der Komikübersetzung bei Wilde; der letzte Essay zeigt die Wirkung der Übersetzung Hedwig Lachmanns auf die theatrale und musikalische Rezeption von Wildes Salomé: Richard Strauß’ Musik wurde bis in Details durch Lachmanns Text beeinflusst.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title
  • Copyright
  • About the author
  • About the book
  • This eBook can be cited
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abstract
  • Einleitung
  • Theoriekritik
  • 1. Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien
  • 2. Vom Scopus zum Skopos. Herleitung von und Kritik an Vermeers Skopos-Begriff
  • 3. Was dasteht und was nicht dasteht. Kritische Anmerkungen zum Textbegriff der Übersetzungswissenschaft
  • 4. Literarisches Übersetzen: Die Stimme im Text
  • 5. „Das Ohr vernimmts gleich und hasst den hinkenden Boten“ (Herder). Kritische Anmerkungen zu Schleiermachers Übersetzungstheorie und -praxis
  • Ideologiekritik
  • 6. Ideologie im Wörterbuch. Kontinuitäten und Wandlungen im Stilduden von 1934 bis 1988
  • 7. Ein Dandy „bester Zucht“. Oscar Wildes Gesellschaftskomödie An Ideal Husband in Karl Lerbs’ Bühnenbearbeitung aus dem Jahr 1935. Mit einem Anhang über eine DDR-Version des Stücks
  • Übersetzungskritik
  • 8. Sprachkomik bei Wilde und seinen deutschen Übersetzern: Normalisierung, Konfliktdämpfung und Selbstzensur in den frühen Komödienübersetzungen
  • 9. Oscar Wildes Einakter Salomé und die deutsche Rezeption
  • Literaturverzeichnis
  • Register

Abstract

←6 | 7→The nine critical essays presented in this volume of „Kritische Übersetzungswissenschaft“ do not intend creating yet another „turn“ in our field of studies; they have nothing whatsoever in common with Douglas Robinson’s Critical Translation Studies. On the contrary, the well-known crucial term of the Age of Enlightenment is used here ‚only‘ in order to subject some theoretical positions and premises of modern translation studies, as far as they hold sway in Germany, to a fairly radical review. In the first five essays of the book, the theoretical shortcomings of functionalism (essays 1+2) and structuralism (3+4) as well as Schleiermacher’s fruitless dualism (5) are rigorously exposed and argumentatively deconstructed. The next two essays (6+7) focus on ideology, as it was hidden or manifest in dictionaries and in translations or adaptations produced under the influence of German National Socialism and the DDR’s Socialist Realism. It is an eye-opening experience to see how Oscar Wilde’s An Ideal Husband was bent and manipulated to serve the contradictory ideologies of both Nazi and Communist purposes. The last two essays (8+9) deal with translation criticism in a more traditional sense, i.e., applying the method of ‚close reading‘ to both the original and the German translations. The first essay scrutinizes the way Oscar Wilde’s verbal humour was coped with by about twenty different German translators, with widely differing results. The last essay is devoted to Oscar Wilde’s magnificent tragedy Salomé, written in a hypnotizing French language, one of the greatest achievements of Symbolist drama. The German translation of Hedwig Lachmann, mainly based on the English translation of Alfred Douglas, manages a) to transform Wilde’s impressionist lyricism into an outright expressionist style, and b) to soften Wilde’s anti-puritan view of Iokanaan by implementing significant changes so as to create a more positive picture of the prophet, whereas Salomé gets turned into a demoniacal female criminal. Strauß’ music was directly based on Lachmann’s splendid German text which thus left a lasting imprint on the musical score of the opera. The nine essays assembled in this book run counter to all theoretical monisms, pleading for exactitude, translational compromise and open-mindedness in translation studies as far as literary translation is concerned. No turn can replace aesthetic empathy and rational argumentation.

Einleitung

Die Einheit von Forschung und Lehre macht den Universitätslehrer zum Oxymoron – er soll gleichzeitig Wegweiser und Wegsucher sein. Der witzige Widerspruch löst sich aber sofort in Wohlgefallen auf, sobald man beherzigt, dass seit der Aufklärung jede Geisteswissenschaft auf einer kritischen Einstellung beruht, auf Kritik an Theorien, Methoden, Praktiken, den eigenen und denen der anderen. Ich bin keineswegs der Einzige, der in der immer noch jungen Übersetzungswissenschaft eine gewisse Routine beklagt und den Ansporn radikaler Kritik vermisst.

„I sometimes feel that if I have to read one more doctoral thesis or article that offers a bit of regurgitated translation theory, usually citing all the old guard (including Bassnett, Toury, Lefevere, Baker, Pym, Venuti, Vermeer, Nord, and Gentzler) and followed by a totally untheorised case study, I will toss the text out of the nearest window. How can any field retain its contestatory role if it is seeking to become an establishment itself, with its own canonical list of names and a restricted methodology?“ (Bassnett 2014: 240).

Wenn ich hier den Terminus „Kritische Übersetzungswissenschaft“ verwende, dann hat das nichts mit den 2010 von Mona Baker herausgegebenen Aufsätzen Critical Readings in Translation Studies zu tun, noch weniger mit Douglas Robinsons Buch Critical Translation Studies (2017); letzterer will in seinem Buch zwischen östlichen und westlichen Theorien eine Brücke schlagen; erstere liefert in 25 Kapiteln, geschrieben von 25 Spezialisten, einen umfangreichen Überblick über die vielen aktuellen Forschungsfronten der universitären translation studies. ‚Meine‘ kritische Übersetzungswissenschaft begann 1988, und zwar als ziemlich robuste Theoriekritik (Kohlmayer 1988 = der erste Essay dieses Sammelbandes).1

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Was ich hier im Rückblick als „Kritische Übersetzungswissenschaft“ zusammenfasse, ist zum einen bescheidener als Robinsons CTS, weil ich bei den an den deutschen Universitäten dominierenden Theorien und Themen bleibe, ohne mich von den zwei Dutzend „turns“ der globalen translation studies ablenken zu lassen; zum andern ist es praxisnäher, weil es mir niemals um das bloße Gespräch oder die Vermittlung zwischen Theorien geht, sondern immer auch um die Konsequenzen für die sinnvolle Praxis des literarischen Übersetzens. Es geht mir ‚nur‘ um die Rückbesinnung auf das kritische Denken, das seit der Aufklärung per se zur Wissenschaft gehören sollte. Die Kritische Übersetzungswissenschaft lehnt jeden theoretischen Monismus ab und versteht Geisteswissenschaft als ständigen und freien rhetorischen Wettbewerb der Argumente. Dementsprechend beruhen die hier wiederabgedruckten Aufsätze

a) auf dem genauen und kritischen Lesen von Texten und

b) dem Streben nach präzisen Hypothesen, die aber auch

c) möglichst die Gegenargumente berücksichtigen.

Im Grunde geht es dabei um hermeneutisch-rhetorische Überzeugungsversuche, die heute und morgen Geltung beanspruchen. Die kritische Grundeinstellung der Geisteswissenschaften beruht seit der Aufklärung auf dem Mut zum Selberdenken und dem Versuch, die Leser zum Selberdenken anzustiften. Als Germanistik-Student in den 1960er Jahren hielt ich diese wissenschaftliche Methode für selbstverständlich. Ein halbes Jahrhundert später sehe ich (wie manche anderen), dass in der Übersetzungswissenschaft oft einem kollegial-kollektiven, eher unkritischen Konformismus gehuldigt wurde und wird. Das hat viele Ursachen, von denen ich nur die auffälligste nennen möchte. Das moderne System der wissenschaftlichen Netzwerke, das gerade in den translation studies unerlässlich ist und die neue Disziplin, global und quantitativ gesehen, so erfolgreich machte, kultiviert eben auch kollektive Kokons, in denen nur bestimmte Eierchen ausgebrütet werden. In der Wissenschaft ist ein solcher Konformismus auf lange Sicht schädlich (siehe Bassnetts Rundumschlag), weil dadurch dem individuellen Forschungsinteresse Ketten angelegt werden, die durchaus versilbert oder vergoldet sein können.2

Die hier versammelten Aufsätze befassen sich mit drei zentralen Feldern der Übersetzungswissenschaft: Theoriekritik, Ideologiekritik und Übersetzungskritik, wobei ich selbst insofern immer ‚parteiisch‘ argumentiere, als ich mich generell auf das Feld der literarischen Übersetzung beschränke.

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Die fünf theoriekritischen Aufsätze gelten erstens der Kritik an der Invasion des Funktionalismus ins literarische Übersetzen, das besonders mit der Skopos-Theorie verknüpft ist (Essay 1+2). Zweitens kritisiere ich den ‚zerebralistisch‘ verengten Textbegriff des Strukturalismus (3+4). Drittens gilt meine Kritik dem Schleiermacherschen Entweder-oder-Denken, das vor allem dank Venuti immer noch viele Anhänger hat (Essay 5). Gegen Schleiermacher vertrete ich die Ansicht, dass Übersetzen immer die Suche nach einem optimalen Kompromiss ist. Dem Strukturalismus und Kognitivismus gegenüber plädiere ich für einen weiten, psychophysischen Textbegriff. Gegenüber den Funktionalisten, die ebenfalls dem Entweder-oder-Denken frönen, verweise ich auf den Kunstmarkt, der in der gehobenen Praxis immer noch auf den Besonderheiten der ‚Ware‘ Kunst (z.B. Autonomie und Zweckfreiheit) insistiert. Die fünf Essays entfalten diese Gedanken in einer Fülle von Beispielen und Argumenten. Ich gestehe, dass mir einige meiner früheren Aussagen heute doch etwas polemisch und aggressiv vorkommen. Aber ich lasse trotzdem (fast) alles in der ursprünglichen Deutlichkeit stehen, weil es nun einmal damals so geschrieben wurde und auch so gemeint war. Wissenschaft darf nicht zur Leisetreterei verpflichtet werden. Und angesichts gefühlter numerischer Unterlegenheit darf ein Einzelkämpfer (was Kritiker nun mal gerne für sich beanspruchen) auch schon mal etwas lauter werden. Mehrheiten neigen zur Schwerhörigkeit.

Die vier ideologie- und übersetzungskritischen Aufsätze (Essays 6–9) überlappen sich zum Teil. Sie befassen sich einmal mit der ideologischen Prägung des Stildudens, zum andern mit Übersetzungen von Oscar Wildes Theaterstücken, wobei es nur geringfügige Überschneidungen mit meinem Buch von 1996 gibt. Es geht mir dabei nicht nur um Deskription, sondern tatsächlich um Kritik, die sich am Maßstab der übersetzten Kunstwerke orientiert. Ich gebe mich nicht zufrieden mit der achselzuckenden Resignation, dass Übersetzen immer auch „manipulation“ (Hermans 1985) sei. „Subjektivität ist unvermeidlich, Manipulation nicht“ (Kohlmayer 2019: 163). Übersetzungskritik setzt Qualitäts-Maßstäbe voraus. Der Hinweis auf die faktische Unendlichkeit von subjektiven Nuancen und Differenzen ist berechtigt, aber muss man deshalb auf die Orientierung an der Qualität des Originals und am subjektiven Optimum (vgl. Kohlmayer 2019: 33) verzichten? Ich denke, nein. Die vorgelegten Untersuchungen verstehen sich als Beispiele dafür, dass genaues und kritisches Lesen zu neuen Erkenntnissen führt. Die Untersuchung des Stildudens (Essay 6) zeigt, wie bereits das Arbeitsmaterial der Übersetzer ideologisch beeinflusst sein kann; das dürfte auch für die digitalisierten ‚Tools‘ von heute und morgen gelten. Die Untersuchung des Stildudens ←11 | 12→war die erste und bisher einzige bei diesem Wörterbuch, setzte aber eigentlich nur die ideologieanalytischen Arbeiten von Sauer (1988) und Müller (1994) fort. Im zweiten ideologiekritischen Aufsatz geht es um die Herausarbeitung der politisch-ideologischen Funktionalisierung der Übersetzung von An Ideal Husband (Essay 7); es ist aufschlussreich zu sehen, wie Wildes zeit- und politik-kritisches Stück in der NS-Zeit und in der DDR ideologisch angepasst und vereinnahmt wurde. Rückwirkend fällt dadurch aber auch neues Licht auf die ästhetischen Qualitäten des Originals.

In den letzten beiden Aufsätzen geht es eher um traditionelle Übersetzungs-Kritik im Sinne von genauem und vergleichendem Lesen, wie sie sich aus dem Vergleich von Original und Übersetzung ergibt. So wird die Komikübersetzung in Wildes frühen Gesellschaftsstücken (Essay 8) analysiert und als unzureichend erwiesen; ein Ergebnis, das Konsequenzen für die Praxis der literarischen Übersetzung anregt. Darüber hinaus zeigt sich, dass Komik als Übersetzungsproblem nicht auf die punktuelle Wortspielproblematik beschränkt werden sollte. Im letzten (intersemiotischen) Essay geht es um Hedwig Lachmanns grandiose Salomé-Übersetzung (Essay 9), die die Inszenierungen und die Strauß-Oper unmittelbar beeinflusste. Lachmanns Text ist eine kühne translatorische Tat, ein Musterbeispiel für die kulturelle Bedeutung des Übersetzens. Es ist mein Lieblingsaufsatz, in dem sich Kritik und Bewunderung die Waage halten.

Die übersetzungsbezogenen Aufsätze erschlossen damals Neuland, strebten aber noch keine ästhetische Gesamtschau und didaktische Anwendung an, wie ich sie in meinen jüngsten Büchern (2017; 2018b; 2019) vorlegte. Dennoch meine ich, dass bereits die textgenaue Theorie- und Übersetzungskritik eine Demonstration praxisrelevanter Übersetzungswissenschaft ist. Genaues Hinschauen und Befragen des Kontextes führt zu relevanten Entdeckungen und schärft die ästhetische Kompetenz. Ich wüsste nicht, durch welchen turn genaues Lesen und kontextuelle Hermeneutik überflüssig geworden wären. Das größte Kompliment für dieses Buch wäre es daher, wenn es genau und kritisch gelesen würde.

Die neun Aufsätze sind für diesen Band minimal überarbeitet worden. So wurden etwa die Gliederungskonventionen und die Rechtschreibung durchgehend vereinheitlicht und modernisiert; punktuelle Korrekturen, Kürzungen und Erweiterungen wurden vorgenommen; das Literaturverzeichnis wurde zusammengefasst, ein Register hinzugefügt. Ansonsten entsprechen die wiederabgedruckten Aufsätze wörtlich den früher veröffentlichten Versionen, deren Quelle jeweils in der ersten Fußnote der einzelnen Aufsätze angegeben ist. Ich danke ←12 | 13→den Verlagen De Gruyter, Francke, Narr, Peter Lang für die Erlaubnis zum Wiederabdruck.

Zu danken habe ich auch dem damaligen Göttinger SFB Literaturübersetzen, wohin ich (dank Brigitte Schultze) mehrmals zu Vorträgen eingeladen und in der Diskussion zur Präzision gezwungen wurde; dem ehemaligen Mainzer Arbeitskreis Drama und Theater, in dem Erika Fischer-Lichte den Ton angab und zum Widerspruch reizte; den Übersetzerinnen und Übersetzern sowie den Germersheimer Kolleginnen und Kollegen, die im Rahmen der von mir bis 2011 organisierten Vortragsreihe FLÜGE (Forum LiteraturÜbersetzen GErmersheim) auftraten und sich der Diskussion stellten (z.B. Bernd Bauske, Susanne Hagemann, Ulrich Kautz, Andreas Kelletat, Wolfgang Pöckl, Sylvia Reinart, Hans-Joachim Schaeffer, Michael Schreiber, Günter Weis, Johannes Westenfelder); den Germersheimer Studierenden, die mich nötigten, immer didaktisch relevant zu bleiben; Jörn Albrecht für die Erlaubnis, an einem unvergessenen übersetzungswissenschaftlichen Seminar teilzunehmen; dem gelehrten Freund Werner Helmich für ständige Ermunterung und Anregung; Larisa Cercel und den Kölner HermeneutikerInnen für Einladungen und fruchtbare Diskussionen; Michael Schreiber für Tipps und loyale Kollegialität; meinen Montags-Gesprächspartnerinnen Annett Jubara und Cornelia Sieber für Esprit und gute Laune; Herrn Rücker vom Lang-Verlag für Zuverlässigkeit.

Das Buch ist meiner lieben Frau Germaine gewidmet, ohne deren liebevolle Nestwärme und humorvolle Präsenz ich nicht viel zustande gebracht hätte.

Biographische Angaben

Rainer Kohlmayer (Autor:in)

Rainer Kohlmayer war APL Professor an der Mainzer Universität. Er habilitierte dort in Interkultureller Germanistik und lehrte am Fachbereich in Germersheim bis 2013 Sprach- und Übersetzungswissenschaft. Er gründete die Uni-Bühne, inszenierte eigene und von ihm selbst übersetzte Stücke, besonders Komödien von Corneille, Molière, Labiche und Oscar Wilde.

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Titel: Kritische Übersetzungswissenschaft