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Zur Rezeption der Philosophie Ludwig Wittgensteins im literarischen Werk W. G. Sebalds

von Martin Häckel (Autor:in)
Dissertation 306 Seiten

Zusammenfassung

Ludwig Wittgenstein erscheint im Werk W. G. Sebalds häufig. Dieses Buch stellt ihn als zentrale Figur in zweien seiner Werke dar. Es stellt eine Analogie zwischen dem literarischen Konzept des Synoptischen Blicks und dem sprachkritischen Werkzeug der Übersichtlichen Darstellung her, und es nimmt eine Verortung in der Nachkriegsliteratur sowie eine Nutzbarmachung Wittgensteinscher Begriffe für die Literaturwissenschaft vor. Sebalds Gesamtwerk wird als Versuch begriffen, das philosophische Konzept des Zeigens auf literarischer Ebene umzusetzen. Es werden Gemeinsamkeiten auf den Ebenen von Stil, Bildverständnis und Erkenntnisinteresse herausgearbeitet, und es wird erörtert, inwieweit der Synoptische Blick tatsächlich mit der Übersichtlichen Darstellung vergleichbar ist und wie dieses Konzept als Gegenentwurf zu Schreibweisen anderer Autoren innerhalb der sog. Holocaustliteratur zu verorten ist. Eignet es sich zum Schreiben über die Shoah in besonderem Maße? Sind dabei eigene Kriterien aufzustellen?

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • 1. Sebald und Wittgenstein
  • 1.1 Ludwig Wittgenstein in Die Ausgewanderten und Austerlitz
  • 1.2 Dr Henry Selwyn
  • 1.3 Paul Bereyter
  • 1.4 Ambros Adelwarth
  • 1.5 Max Ferber
  • 1.6 Jacques Austerlitz
  • 2. „A quoi bon la littérature?“101
  • 2.1 W. G. Sebald – Der Ausgewanderte
  • 2.2 Luftkrieg und Literatur
  • 2.3 Remarks on Frazer’s Golden Bough
  • 2.4 Versuch einer Restitution
  • 3. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“298
  • 3.1 Sagen und Zeigen
  • 3.2 Der ungeschriebene Teil des Tractatus
  • 3.3 Sprachspiel und Lebensform
  • 3.4 Familienähnlichkeit und Privatsprachenargument
  • 3.5 Schmerz, Krankheit und Therapie
  • 3.6 Ludwig Wittgenstein und die Literatur
  • 4. „… Am Horizont / Lodert ein furchtbares Feuer …“485
  • 4.1 Feuer, Flammen, Brandopfer
  • 4.1.1 Nach der Natur
  • 4.1.2 Schwindel. Gefühle.
  • 4.1.3 Die Ringe des Saturn
  • 4.1.4 Logis in einem Landhaus
  • 4.1.5 Campo Santo
  • 4.1.6 Die Ausgewanderten und Austerlitz
  • 4.2. Post-Katastrophische Poetik
  • 5. „…aus dem Unsagbaren ins Unsägliche…“703
  • 5.1 Leben Ws
  • 5.2 Stil und Fragment
  • 5.3 Begriff und Bild
  • 5.4 Sehen und Erkennen
  • 6. Die Leiter im Labyrinth
  • 6.1 Fazit
  • Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

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1. Sebald und Wittgenstein

Ausgangspunkt vorliegender Untersuchungen sind die beiden Werke Sebalds, Die Ausgewanderten14 und Austerlitz15, in welchen eine Vielzahl von expliziten und impliziten Verweisen auf die Person und das Leben Ludwig Wittgensteins vorhanden sind.

1.1 Ludwig Wittgenstein in Die Ausgewanderten und Austerlitz

In W. G. Sebalds Buch Die Ausgewanderten, das vier motivisch miteinander verbundene Erzählungen beinhaltet, wird der österreichische Logiker und Philosoph Ludwig Wittgenstein an zwei Stellen namentlich genannt. Das erste Mal in der zweiten Erzählung Paul Bereyter: Dort beschäftigt sich der gleichnamige Protagonist gegen Ende seines Lebens vermehrt mit Autoren, die entweder Selbstmord begangen hatten oder zumindest phasenweise suizidale Absichten hegten. Er wird in fortgeschrittenem Alter von schmerzvollen Erinnerungen an während des Dritten Reichs erlittenes Unrecht gequält und nimmt sich schließlich das Leben.

„Er habe gelesen und gelesen – Altenberg, Trakl, Wittgenstein, Friedell, Hasenclever, Toller, Tucholsky, Klaus Mann, Ossietzky, Benjamin, Koestler und Zweig, in erster Linie also Schriftsteller, die sich das Leben genommen hatten oder nahe daran waren, es zu tun.“16

Die zweite Erwähnung findet sich in einer Passage der abschließenden Erzählung Max Ferber, in der die gleichnamige Figur, der Maler Max Ferber, dem Erzähler erstmals von seiner Zeit im Jahre 1943 als Kunststudent in Manchester erzählt:

Auch in Sebalds romanhafter Erzählung Austerlitz wird Ludwig Wittgenstein in einer längeren Passage mehrfach namentlich genannt. Als der Erzähler die Titelfigur nach zwanzig Jahren wiedertrifft, erinnert ihn der sich äußerlich kaum veränderte Jacques Austerlitz an niemand anderen als an den Verfasser des Tractatus:

„Ich war, so viel ich noch weiß, eine geraume Zeit vollkommen befangen in meinem Erstaunen über die unverhoffte Wiederkehr von Austerlitz; jedenfalls ist mir erinnerlich, daß ich, ehe ich hinübergegangen bin zu ihm, mir länger Gedanken machte über die mir jetzt zum ersten Mal aufgefallene Ähnlichkeit seiner Person mit der Ludwig Wittgensteins, über den entsetzten Ausdruck, den sie beide trugen in ihrem Gesicht. Ich glaube, es war vor allem der Rucksack […], der mich auf die an sich eher abwegige Idee einer gewissermaßen körperlichen Verwandtschaft zwischen ihm, Austerlitz, und dem 1951 in Cambridge an der Krebskrankheit gestorbenen Philosophen brachte. Auch Wittgenstein hat ja ständig seinen Rucksack dabeigehabt […]. Immer und überall ist der Rucksack, von dem Margarete ihrem Bruder einmal schreibt, daß er ihr beinahe so lieb sei wie er selber, mit ihm gereist, ich glaube, sogar über den Atlantischen Ozean, auf dem Liniendampfer Queen Mary, und dann von New York bis nach Ithaka hinauf. Mehr und mehr dünkt es mich darum jetzt, sobald ich irgendwo auf eine Photographie von Wittgenstein stoße, als blicke mir Austerlitz aus ihr entgegen, oder, wenn ich Austerlitz anschaue, als sehe ich in ihm den unglücklichen, in der Klarheit seiner logischen Überlegungen ebenso wie in der Verwirrung seiner Gefühle eingesperrten Denker, dermaßen auffällig sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden, in der Statur, in der Art, wie sie einen über eine unsichtbare Grenze hinweg studieren, in ihrem nur provisorisch eingerichteten Leben, in dem Wunsch, mit möglichst wenig auslangen zu können, und in der für Austerlitz nicht anders als für Wittgenstein bezeichnenden Unfähigkeit, mit irgendwelchen Präliminarien sich aufzuhalten.“18

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Bereits vorher sind es tatsächlich auch die Augen Ludwig Wittgensteins, die den Leser aus dem Text heraus anblicken, wenn es heißt:

Dieser Satz ist, wie für Sebald typisch, unterbrochen von zweimal je zwei Bildern bzw. Bildausschnitten, die insgesamt vier Augenpaare zeigen. Neben den Augen eines Lemuren und einer Eule sind auch zwei menschliche Augenpaare zu sehen und zwar die Augen des mit Sebald befreundeten Malers Jan Peter Tripp und eben jene Ludwig Wittgensteins mit ihrem durchbohrenden Blick.20 Darüber hinaus lässt sich in diesen beiden Büchern Sebalds – wie zu zeigen sein wird – eine noch größere Zahl an Erwähnungen Wittgensteins und Anspielungen auf dessen Person und Werk finden. In Texten wie denen Sebalds, die ein Netz aus Verweisen und Zitaten auf eine Vielzahl anderer Autoren knüpfen, ist eine solche Häufigkeit keinesfalls als bloßer Zufall oder als Spielerei zu bewerten. Vielmehr ist es primär einmal die Persönlichkeit Ludwig Wittgensteins, die Sebald zeitlebens fasziniert hat, was nicht verwundert, wurde doch auch von anderen vor ihm bereits der vielschichtige Charakter des österreichischen Philosophen erkannt und seinem gesamten Lebenslauf von der reichen Geburt über die freiwillige Askese im logischen Denken bis hin zu seiner unkonventionellen Art als Dozent in Cambridge schon fast märchenhafte Züge zugesprochen.21 Dies belegt nicht zuletzt die große Wittgenstein-Biografie von Ray Monk22, die dessen Persönlichkeit in ←25 | 26→all ihrer Widersprüchlichkeit mit seinem philosophischen Erkenntnisdrang und seinem geistigen Erbe verbindet. Dass auch Sebald von diesem einzigartigen Leben fasziniert war, bekundete er kurz vor seinem Tod im Jahr 2001 in einem Interview im ORF mit Doris Stoisser, als er auf seine Vorliebe für österreichische Schriftsteller im Allgemeinen angesprochen wurde und bekannte, dass insbesondere Ludwig Wittgenstein einer seiner „ständigen Begleiter“23 sei. Darüber hinaus hat sich Sebald zeitweise auch mit Plänen für ein Drehbuch zu einem Filmprojekt über Wittgenstein befasst. Auf dieses Projekt, das bisher sehr wenig rezipiert wurde, wird in Kapitel 5.1 näher eingegangen. Obwohl selbst mit einem oberflächlichen Blick feststellbar ist, dass Wittgenstein keine geringe Rolle im Werk Sebalds spielt, gibt es dazu bisher kaum Literatur. Bezeichnend ist hierfür beispielsweise, dass auch das im Jahr 2017 erschienene Sebald-Handbuch24 im Kapitel „Referenzen“ keinen Eintrag zu Wittgenstein aufweist. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass in jeder der vier Geschichten der Ausgewanderten und insbesondere im Roman Austerlitz mehr oder weniger offensichtlich Anspielungen auf Ludwig Wittgenstein versteckt sind und dass diese sich wie ein roter Faden durch alle der fünf fiktiven Biografien ziehen. Die große Thematik, die nicht nur die Lebensläufe der vier Ausgewanderten verbindet, sondern auch für Austerlitz charakteristisch ist, ist die Altersdepression bei Männern, die physisch zwar den allumfassenden Vernichtungen des 20. Jahrhunderts, insbesondere der Shoah, entkommen sind, seelisch aber gerade an dieser Zufälligkeit ihres Überlebens zugrunde gehen – und deshalb entweder den Freitod wählen oder ihn zumindest in Betracht ziehen. Sebald stellt dies als ein typisches Merkmal in der Biografie derartig traumatisierter Menschen dar.25 Alle fünf finden zwar zunächst Anerkennung im Berufsleben – die ←26 | 27→Ausgewanderten Henry Selwyn als Arzt, Paul Bereyter als Lehrer, Ambros Adelwarth bei der Familie Solomon und Max Ferber als Künstler sowie Jacques Austerlitz als Dozent für Architekturgeschichte –, dennoch verlieren sie aufgrund des stets nur diffus präsenten Entronnenseins der totalitären Massenvernichtung nach und nach den Bezug zur wirklichen Welt und leben als Einsiedler inmitten der Vergessenskultur der Moderne, ringend mit den eigenen Erinnerungen – und einen Zuhörer suchend, um die eigene Geschichte erzählen zu können.

Ähnlich erging es Wittgenstein, der angesichts einer ihm fremd erscheinenden Menschheit zwar stets die Einsamkeit suchte, insbesondere um sich mit seinen philosophischen Gedanken auseinandersetzen zu können, gleichzeitig aber immer auch das Bedürfnis nach einer Vertrauensperson verspürte.26 Nur in nahezu vollständiger Isolation konnte und wollte er über logische Probleme nachdenken,27 wobei er häufig einen Zuhörer wünschte. In der Anfangszeit waren dies vor allem Bertrand Russell,28 G. E. Moore und David Pinsent, der seine Überlegungen und Gedanken mitschrieb – eine ähnliche Situation, in welcher Sebald seine Figuren auftreten lässt. Darüber hinaus war Wittgenstein zeitlebens nicht nur wie der rucksacktragende Austerlitz, sondern wie alle fünf Figuren von einer Unruhe erfüllt, die sich in vielen Wanderungen manifestierte,29 sondern gleichfalls der Natur und der Gartenarbeit als Teil eines einfachen Lebens im Sinne Tolstois zugetan30 – ein Motiv, das sich ebenfalls durch alle fünf Lebensgeschichten zieht. Auch Wittgenstein litt wahrscheinlich an Depressionen und Selbstmord blieb in verschiedenen Phasen seines Lebens eine Option für ihn.31

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1.2 Dr Henry Selwyn

Die erste Erzählung in den Ausgewanderten ist die weitaus kürzeste, dennoch finden sich in ihr bereits alle für die Lebensschilderungen Sebalds charakteristischen Merkmale. So stammte der ehemals erfolgreiche Arzt Henry Selwyn ursprünglich aus einer jüdischen Gemeinde in Litauen, kam aber 1899 im Kindesalter nach England, wo ihm eigentlich ein produktives Leben in Wohlstand beschieden war. Als seine aus der Schweiz stammende, stark kapitalistisch orientierte Frau Hedi nach vielen Ehejahren Henrys wahre Herkunft entdeckt, kühlt das Verhältnis der beiden immer mehr ab, er zieht sich als Einsiedler in ein Gartenhaus zurück, löst nach und nach alle sozialen Kontakte und verliert mehr und mehr den Bezug zur Realität, bis er sich schließlich erschießt. Die Konstellation zwischen Henry, der früher Hersch hieß, Hedi und der Nebenfigur Aileen beruht auf Personen, die Sebald wirklich kannte;32 die Person Wittgensteins hat hier mit Sicherheit nicht als direktes Vorbild gedient. Dennoch sind es die beiden Motive des depressiven Eremiten und der Vorliebe für die Gartenarbeit, die sich mit dessen Biografie in Verbindung bringen lassen. Genauso wird nämlich Selwyn, obwohl er schon lange in England lebt, immer wieder und zunehmend im Alter von einem Gefühl der Fremdheit erfasst, was durch die blind gewordenen Spiegel an den Wänden angedeutet wird33 und sich letztlich in einem sich steigernden Heimweh nach Litauen äußert.34 Ähnliches ist auch von Wittgenstein bekannt, der sich seiner Heimat Österreich trotz aller Differenzen immer verbunden fühlte, der trotz eines großen Bekanntenkreises in England an den kulturellen und sprachlichen Unterschieden litt und immer wieder zweifelte, ob die Engländer überhaupt dazu in der Lage wären, ihn zu verstehen.35 Auch Selwyn erfährt wenig Verständnis: Obzwar Hedi keine Britin und somit auch eine Ausgewanderte ist, ist auch sie nicht in der Lage oder nicht willens, Henrys Situation verständnisvoll zu begegnen, sodass dieser sich immer weiter zurückzieht und schließlich Selbstmord begeht.

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1.3 Paul Bereyter

Offensichtlich sind dagegen die Anspielungen auf Wittgenstein bei der Figur des Volksschullehrers Paul Bereyter.36 Dieser wird als engagierter Pädagoge in einem kleinen Dorf im Allgäu dargestellt, dem einerseits die Ausbildung seiner Schüler – auch mithilfe unkonventioneller Methoden – über alles am Herzen liegt, der aber gerade in späteren Jahren vermehrt Probleme mit lernunwilligen Schülern bekommt, was ihm sehr zusetzt. Die Parallelen zu Wittgenstein sind hier unübersehbar: So beschloss dieser nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, der Vollendung des Tractatus und der Veräußerung seines gesamten Vermögens Grundschullehrer zu werden,37 um Schüler von Grund auf bilden zu können. Ähnlich wie Bereyter im Allgäu war er in abgelegenen, kleinen Bergdörfern in Österreich angestellt.38 Einige Details in der Beschreibung Bereyters entsprechen dabei der Biografie Wittgensteins, wie z. B. seine Vorliebe für die Gartenarbeit und das Pfeifen39 oder die Tatsache, dass er als guter Mathematiker und Meister im Kopfrechnen beschrieben wird.40 Ebenso wie Paul Bereyter hatte auch Wittgenstein trotz seines anfänglichen Enthusiasmus für den Lehrberuf Probleme mit der Borniertheit und Engstirnigkeit der einheimischen Bevölkerung, sodass beide zwar als begeisterte, aber auch strenge Lehrer wahrgenommen wurden.41 Beide versuchten ihre Schüler auf neuartige Art zum selbstständigen Denken anzuregen und ←29 | 30→legten dabei größten Wert auf praktische Naturanschauung, sodass ein nicht geringer Teil des Unterrichts im Freien stattfand und die Schüler durch konkrete Anschauung die Welt kennenlernen sollten, anstatt durch stupides Auswendiglernen.42 Im Unterschied zu Wittgenstein, der wohl aufgrund seiner generellen Ablehnung gegenüber aller Unbildung und allem Nichtphilosophischen mit einem Großteil der Landbevölkerung grundsätzlich nicht zurechtkam und diese als „ganz und gar hoffnungslos“43 bezeichnete, ist es bei Bereyter vielmehr die Tatsache, dass er als Vierteljude44 während des Dritten Reichs in Deutschland mit einem Berufsverbot belegt war, was ihn, der seine Heimat eigentlich zeitlebens sehr liebte, sehr enttäuschte und für ihn zu einer Art Hassliebe gegenüber Deutschland führte. Tatsächlich verhielt es sich bei Wittgenstein, der seiner Heimat Österreich gegenüber ebenfalls ambivalent eingestellt war, andersherum: Er stammte aus einer früh assimilierten und später zum Christentum konvertierten Familie, was ihm in verschiedenen Lebensphasen Probleme bereitete.45 Tatsächlich war er zu drei Vierteln jüdischer Abstammung, erzählte jedoch anderen häufig, er sei zu drei Vierteln arischer und zu einem Viertel jüdischer Abstammung46 – also genau so, wie es bei Paul Bereyter beschrieben ist.

Während Wittgenstein gegen Ende seines Lebens mit seiner Abstammung ins Reine kam, wird Paul Bereyter mit zunehmendem Alter mehr und mehr von seiner teilweise jüdischen Herkunft und der dadurch erfahrenen Diskriminierung eingeholt. Die Erinnerung daran lässt ihn Depressionen erleiden, während derer er sich nicht nur mit dem Eisenbahnwesen als Symbol seiner nur knapp entkommenen Vernichtung beschäftigt, sondern auch vermehrt mit Autoren, die den Freitod wählten oder zumindest mit dem Gedanken daran spielten, wobei, wie eingangs zitiert, unter anderen namentlich auch Ludwig Wittgenstein genannt wird. Die Anspielungen auf Letzteren ←30 | 31→in seiner Zeit als Volksschullehrer in Österreich sind also durchaus deutlich zu sehen, dennoch ist die Figur des Paul Bereyter nicht identisch mit Wittgenstein in den 1920er Jahren; zu ihrer Gestaltung wurde allerdings unter anderem auch seine Biografie genutzt. Denn nachempfunden ist sie dem wirklichen Grundschullehrer W. G. Sebalds aus Wertach im Allgäu, Armin Müller, der 1983 Selbstmord beging,47 was Sebald tatsächlich zu Recherchearbeiten zu dessen Lebensgeschichte bewog, sodass dieser Selbstmord in gewisser Weise den Beginn der Ausgewanderten markierte.48 Darüber hinaus trägt die Figur Bereyters auch erkennbare Züge des Schriftstellers Jean Améry, in dessen Werk Jenseits von Schuld und Sühne der Verlust der Heimat mit der Zerstörung der individuellen Person verknüpft wird.49

1.4 Ambros Adelwarth

Nachdem Henry Selwyn und Paul Bereyter beide reale Vorbilder aus dem Bekanntenkreis Sebalds hatten, ist dies für die Hauptfigur der dritten Erzählung, Ambros Adelwarth, zumindest nicht auszuschließen. Nach Carole Angier hatte Sebald einen Großonkel dieses Namens mit vergleichbarem Lebenslauf,50 nach Uwe Schütte gab es kein eindeutiges Vorbild aus Sebalds Familienkreis für diese Figur, auch wenn Adelwarth tatsächlich der Mädchenname von Sebalds Großmutter mütterlicherseits war und auch die drei Geschwister von Sebalds Mutter in die USA ausgewandert waren.51 Darüber hinaus weist Schütte auf den Schriftsteller Robert Walser als mögliches Vorbild für Adelwarth hin.52 Außerdem bleibt festzuhalten, dass der russische ←31 | 32→Schriftsteller Vladimir Nabokov, der als „butterfly-man“ bzw. als Figur mit Schmetterlingsnetz in allen vier Erzählungen der Ausgewanderten erscheint, tatsächlich seit 1948 an der Cornell University in Ithaca Literatur lehrte53 und somit Adelwarth während seines dortigen Aufenthaltes wirklich begegnet sein könnte.

Ebenso bedeutet die Stadt Ithaca im Staat New York einerseits eine Anspielung auf das mythologische Ithaka, die Heimat des Odysseus, der einem Auswanderer ähnlich eine jahrelange Irrfahrt durchleben musste, bis er zu Hause ankommen konnte. Andererseits ist in der amerikanischen Stadt Ithaca auch wieder ein Hinweis auf das Leben Ludwig Wittgensteins verborgen. So verbrachte dieser im Frühjahr und Sommer 1949 einige Monate an der Cornell University bei dem amerikanischen Philosophen Norman Malcolm, mit dem er über Probleme des Gedächtnisses diskutierte.54 Aus dieser Zeit ist ein Zitat Wittgensteins überliefert, das auch auf die Situation Ambros Adelwarths am Ende seines Lebens passt: „Mein Geist ist müde und stumpf.“55 Ähnlich wie der alte Wittgenstein wird Adelwarth von seinen Erinnerungen an ein ereignisreiches Leben zunehmend gequält und begibt sich in einer vergleichbaren Geistesverfassung nach Ithaca. Während sich Wittgenstein als Philosoph dort noch einmal des Themas Erinnern und Gedächtnis annimmt, möchte sich Adelwarth in einer Nervenklinik mithilfe von Elektroschocks von seinen schmerzhaften Erinnerungen befreien lassen. Im Gegensatz zu Marcel Proust ist für ihn das Erinnern kein Glücksfall, sondern eine Tortur. Besonders qualvoll sind für ihn dabei die Erinnerungen an seinen früheren Freund Cosmo Solomon, dem er als Butler zu Diensten gewesen war und der über die Schrecken und Zerstörungen des Ersten Weltkrieges nach und nach den Verstand verloren hatte und schließlich einsam und abgeschottet von der Welt verstorben war. Die exklusive Freundschaft zwischen Ambros und Cosmo und die Reisen der beiden könnten durchaus ←32 | 33→als Anspielung auf die Freundschaft des jungen Wittgenstein mit David Pinsent verstanden werden, mit dem er Reisen nach Island und Norwegen unternommen hatte56 und der wie in der Erzählung, vor allem in der Zeit unmittelbar vor und während des Ersten Weltkriegs, einer der engsten Vertrauten Wittgensteins gewesen war. Auch das homosexuelle Verhältnis zwischen Wittgenstein und Pinsent wird bei Cosmo und Ambros angedeutet. Darüber hinaus trägt aber auch die Figur des Cosmo einige Züge Wittgensteins: Jener stammt nicht nur aus sehr vermögenden Verhältnissen, sondern wird auch als extrem talentiert, dabei exzentrisch beschrieben.57 Ebenso wie Wittgenstein studierte Cosmo in jungen Jahren Ingenieurwissenschaften und beschäftigte sich mit der Konstruktion von Flugapparaten.

1.5 Max Ferber

Den vierten Ausgewanderten, den Maler Max Ferber, lässt Sebald – wie eingangs dargestellt – vorübergehend in demselben Haus in Manchester wohnen, in dem Wittgenstein während seines Studiums wohnhaft war, sodass die Verbindung zum österreichischen Logiker und Philosophen hier wieder offensichtlicher zutage tritt. Die Daten von Ferbers Lebenslauf sind an Sebalds früheren Vermieter in Manchester, Peter Jordan, angelehnt,58 einen aus Deutschland stammenden Juden, der im Gegensatz zu seinen Familienangehörigen der Shoah knapp entkommen konnte. Das Leben und künstlerische Schaffen Ferbers hingegen gehen auf den britischen Maler Frank Auerbach zurück,59 der als Achtjähriger mit einem Kindertransport von Berlin nach England kam und so dem Tod in den Konzentrationslagern ←33 | 34→entgehen konnte. Im weiteren Verlauf stellt die Erzählung zunächst Ferbers Leben als Künstler dar: Dieser entschied sich kurz nach seiner Ankunft in England, nicht mit einem Onkel weiter in die USA zu emigrieren, sondern stattdessen nach Manchester zu gehen. Dieser Hauptsitz des Frühkapitalismus wird schließlich zum Ort seiner Bestimmung, und er kommt nie wieder von der von Fabrikanlagen und Schornsteinen geprägten Stadt los. „I am here to serve under the chimney“60 wird schließlich zur Maxime seines Lebens. Nachdem er als Jugendlicher durch die Emigration nach England zwar den Schornsteinen der Vernichtungslager entgangen war, sind die Schlote nun die Symbole des Kapitalismus – welcher in den Konzentrationslagern gewissermaßen auch den Menschen als Rohstoff ausgebeutet hat –, die den Überlebenden gleichermaßen niederdrücken wie faszinieren. Verweise auf Wittgenstein finden sich in dieser Erzählung in Form des obigen Zitats, in welchem Ferber den österreichischen Philosophen als seinen Vorgänger bezeichnet und eine Art Wahlverwandtschaft konstruiert – was mit Sicherheit nicht nur auf die gemeinsame Wohnung in der Palatine Road Bezug nimmt, sondern sich neben der depressiven Gemütsverfassung auch auf die Arbeitsweise beider beziehen könnte. So ist das Charakteristische für Ferbers Arbeitsprozess als Maler, dass Produktion und Scheitern aufs Engste miteinander verbunden sind.61 Beispielsweise trägt er zunächst die Farben sehr dick auf, um sie anschließend immer wieder von der Leinwand zu kratzen, wobei eine große Menge Staub entsteht, der für ihn zweifellos zu dem Kunstwerk dazugehört. Indem ein Bild Ferbers nur durch Zerstörung entstehen kann, symbolisiert es die Schmerzensspuren des 20. Jahrhunderts:

„Entschloß sich Ferber, nachdem er vielleicht vierzig Varianten verworfen beziehungsweise in das Papier zurückgerieben und durch weitere Entwürfe überdeckt hatte, das Bild, weniger in der Überzeugung, es fertiggestellt zu haben, als aus einem Gefühl der Ermattung, endlich aus der Hand zu geben, so hatte es für den Betrachter den Anschein, als sei es hervorgegangen aus einer langen Ahnenreihe grauer, eingeäscherter, in dem zerschundenen Papier nach wie vor herumgeisternder Gesichter.“62

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Dies erinnert an die Arbeitsweise Wittgensteins, der sehr lange an der Formulierung eines einzelnen Satzes feilen konnte, bis er ihn vollkommen zutreffend fand.63 Während Ferber seine Gemälde sich immer wieder aufs Neue in Staub auflösen lässt, wollte Wittgenstein entweder etwas Unvollkommenes gar nicht erst fixieren oder er produzierte ebenfalls eine unübersichtliche Menge an Sätzen und Formulierungen, durchzogen von Änderungen und Streichungen, die sich zu dem eigentlichen Werk dem Staub ähnlich verhalten.

Nachdem Ferber dem Erzähler einen Abriss seines eigenen Lebens gegeben hat, übergibt er ihm einige Fotos und die Tagebuchaufzeichnungen seiner Mutter Luisa Lanzberg und macht ihn somit zum Bewahrer der Erinnerung an deren Leben. Dies lässt ebenfalls an Wittgenstein denken, der zu Lebzeiten außer dem Tractatus und einem Wörterbuch für österreichische Volksschulen kein anderes Werk veröffentlichte. So verfügte Wittgenstein kurz vor seinem Tod, dass Rush Rhees, Elizabeth Anscombe und Georg Henrik von Wright aus seinem umfangreichen Nachlass veröffentlichen sollten, was sie selbst für philosophisch relevant hielten.64 Er legte also die Verantwortung für sein Werk in fremde Hände; die Veröffentlichung seines zweiten Hauptwerkes, der Philosophischen Untersuchungen, überließ er seinen Vertrauten, die aus den Zettelmengen seines Nachlasses das große Werk erst rekonstruieren mussten.65 Ebenso überlässt es Ferber dem Erzähler, was dieser aus den Informationen über sein eigenes Leben und den Aufzeichnungen der Mutter, die ein eindringliches Bild des assimilierten Judentums im Kaiserreich zeichnen, macht. Der Erzähler entschließt sich, nachdem er auf einer Reise nach Bad Kissingen, in den Heimatort Luisa Lanzbergs, enttäuschende Erfahrungen mit dem in Deutschland herrschenden Geschichtsbewusstsein und der Erinnerungslosigkeit der meisten Menschen gemacht hat, die Geschichte Ferbers und seiner Mutter zu erzählen. ←35 | 36→Dabei geht er aufgrund seines „Skrupulantismus“66, den er als Nachkomme der Täter gegenüber den Opfern des Dritten Reichs verspürt, ähnlich vor wie Ferber beim Erstellen seiner Bilder und Wittgenstein beim Verfassen seiner philosophischen Arbeiten:

„Hunderte von Seiten hatte ich bedeckt mit meinem Bleistift- und Kugelschreibergekritzel. Weitaus das meiste davon war durchgestrichen, verworfen oder bis zur Unleserlichkeit mit Zusätzen überschmiert. Selbst das, was ich schließlich für die ‚endgültige‘ Fassung retten konnte, erschien mir als ein mißratenes Stückwerk.“67

Im Unterschied zu Henry Selwyn und Paul Bereyter leidet Max Ferber zwar zu keiner Zeit seines Lebens an Heimweh, dennoch gestaltet sich auch für ihn das Exil als hoffnungslos, denn in der an Auschwitz erinnernden Industriemetropole Manchester wird ein wirklich neues Leben für ihn nicht möglich.68 Somit weist die Erzählung am Ende der Ausgewanderten in vielen Punkten bereits auf Sebalds Opus Magnum Austerlitz voraus.

1.6 Jacques Austerlitz

Weder Ferber noch Austerlitz begehen Selbstmord – im Gegensatz zu Selwyn und Bereyter –, noch versuchen sie, ihr Gedächtnis systematisch auszulöschen – im Gegensatz zu Adelwarth. Stattdessen versuchen beide, ihre verschwimmenden Erinnerungen und ihre Traumata – die sie ähnlich erlebt haben, da beide im Gegensatz zu ihren Eltern früh (wenn auch in unterschiedlichem Alter) in Großbritannien Schutz vor der Vernichtung durch die Nazis gefunden haben – zunächst durch kompensatorische Arbeiten zu bewältigen, Ferber als Künstler, Austerlitz als Dozent für Architekturgeschichte. Beide leiden unter einem selektiven Erinnerungsvermögen, das sich einerseits in einer übergenauen Gedächtniskraft in Bezug auf einzelne Szenen oder Details ihres früheren Lebens äußert, gleichzeitig jedoch andere Bereiche ihrer eigenen Biografie vollkommen im Dunkeln lässt. Es fällt beiden schwer, sich in der Zeit zu orientieren bzw. diese als linear wahrzunehmen.69 Zudem übergeben sowohl Ferber als auch Austerlitz dem Erzähler ←36 | 37→Dokumente und Fotos ihres eigenen Lebens (bzw. bei Ferber der Mutter), aus denen der Erzähler die Geschichte ihrer Traumata rekonstruiert. Der Akt des Überantwortens und des Fortschreibens des eigenen Lebens(werkes) verbindet beide – wie oben gezeigt – wiederum mit Wittgenstein.

Während Ferber selbst über die gemeinsame Wohnung eine Verwandtschaft mit Ludwig Wittgenstein konstruiert, ist es bei Austerlitz der Erzähler, der eine Verwandtschaft zwischen Austerlitz und dem Philosophen bemerkt. Dabei sind es vor allem zwei Merkmale, die den Erzähler seinen Gegenüber an den österreichischen Philosophen denken lassen: Zum einen ist das Austerlitz’ Rucksack, den er immer bei sich hat – auch für Wittgenstein war es zumindest zeitweise charakteristisch, dass er stets einen Rucksack mit sich trug.70 Dieser Rucksack ist bei beiden ein Symbol für ihr Exil in Großbritannien, einem Land, in welchem sie nie wirklich heimisch werden konnten,71 für ihre rastlose Suche, die sich über das gesamte Leben erstreckt, und für ihre ständige Dynamik im Denken.72 Auffällig ist zum anderen, dass beide, Wittgenstein und Austerlitz, sich zunächst in eine logisch-philosophische bzw. architekturgeschichtliche Arbeit stürzen, darauf eine Periode des Schweigens folgen lassen und schließlich versuchen, ihre philosophische bzw. Trauma-bedingte Verwirrtheit in dialogischer Form zu therapieren: Wittgenstein verfasste sein Spätwerk, die Philosophischen Untersuchungen, in Dialogform, Austerlitz berichtet über sein Leben im Dialog mit dem Erzähler.73 Als weiteres Merkmal wird eine physische Ähnlichkeit zwischen den beiden ausgemacht,74 vor allem in Bezug auf die Statur und den verwirrt-fragenden Gesichtsausdruck. Nachdem eines ←37 | 38→der Augenpaare auf Seite elf – wie oben beschrieben – von Wittgenstein stammt, könnte es aber auch Austerlitz selbst sein, der den Erzähler und den Leser anblickt. Und tatsächlich leiden beide, jeder auf seine Weise, wie der Erzähler richtig feststellt, einerseits an der Klarheit ihrer beruflich-philosophischen Gedanken, mit welchen sie die moderne Welt durchschauen wollen, welche andererseits aber bei beiden zu einer Gefühlsverwirrung75 führt. Es gibt noch weitere Ähnlichkeiten zwischen Wittgenstein und Austerlitz, die dafür sprechen, dass die Figur des Jacques Austerlitz von Sebald tatsächlich an den Verfasser der Philosophischen Untersuchungen angelehnt wurde, wie er in einem Interview mit Kenneth Baker bekannte:76 So kann auch Austerlitz erst nachdem er durch aktive Gartenarbeit die schlimmste Zeit seiner Geistesabwesenheit überstanden hat, das Konzentrationslager Theresienstadt als Teil seiner Familiengeschichte akzeptieren – ähnlich wie Wittgenstein, der nach der enormen Anstrengung, die die Niederschrift des Tractatus für ihn bedeutete, zuerst ein einfaches Leben mit Gartenarbeit im Kloster bevorzugte, um später in den Philosophischen Untersuchungen das Konzept der Familienähnlichkeit ausarbeiten zu können.77 Auf dieses Schlagwort aus Wittgensteins Spätwerk – worauf im dritten Kapitel näher eingegangen wird – wird im Roman verschiedentlich angespielt. So heißt es bereits zu Beginn, dass Austerlitz’ Arbeit sich um die Familienähnlichkeiten zwischen Bauwerken des Hochkapitalismus und deren Hang zum Größenwahn dreht.78 Später wird beschrieben, dass er verschiedene Fotografien nicht in einem Album aufbewahrt, sondern immer wieder aufs Neue nach sich ergebenden Familienähnlichkeiten sortiert.79 Eine Familienähnlichkeit ←38 | 39→besteht in gewissem Sinne auch zwischen Austerlitz und dem Erzähler, da auch dieser an einem Trauma zu leiden scheint, das im Roman aber nur am Rande angesprochen wird. Wie Austerlitz sein Trauma, mit einem Kindertransport von Prag nach London gelangt zu sein und somit als Einziger seiner Familie die Shoah überlebt zu haben, mit architekturgeschichtlichem Wissen kompensiert, so beschäftigt sich der Erzähler, der deshalb traumatisiert ist, weil er zumindest von der deutschen Tätergeneration abstammt und deshalb Schuld gegenüber einem Schicksal wie dem von Austerlitz empfindet, immer intensiver mit dem Leben seines Gegenübers – sozusagen als Versuch der Restitution.80 In diesem Sinne sind die Lebensumstände der beiden allein reisenden, älteren Männer familienähnlich: In vielen Details stimmen ihre Lebensgeschichten und die Umstände, unter denen sie aufeinandertreffen, zwar nicht überein, sondern es sind eher Verbindungen ←39 | 40→auf allgemeinerer Ebene,81 wie das Traumatisiert-Sein durch die Folgen der Shoah (so unterschiedlich sich das bei den beiden Figuren auch gestalten mag) und die damit verbundene kompensatorische Beschäftigung mit äußerlich anderen, innerlich aber damit verbundenen Themen, wie der baugeschichtlichen Megalomanie bei Austerlitz oder mit Opferbiografien beim Erzähler. Wichtig ist es an dieser Stelle zu betonen, dass sich die Familienähnlichkeit bei Wittgenstein gerade dadurch auszeichnet, dass nicht alle miteinander verbundenen Glieder, in diesem Falle die Ausgewanderten, ein einziges Merkmal gemein haben, sondern dass sie über verschiedene Zwischenglieder zusammengehörig sind. So sind beispielsweise nicht alle Protagonisten jüdischer Herkunft oder mussten ihre Heimat aufgrund einer Bedrohung verlassen – hier sei insbesondere Ambros Adelwarth genannt. Durch seine Traumabiografie ist er jedoch den anderen Figuren familienähnlich: Ambros Adelwarth und Henry Selwyn wandern bereits vor dem Ersten Weltkrieg aus, Paul Bereyter und Max Ferber erleben die Shoah direkt; Adelwarth und Bereyter kennt der Erzähler schon aus frühester Kindheit, Selwyn und Ferber lernt er erst als Erwachsener kennen; Selwyn und Bereyter begehen Selbstmord, Adelwarth und Ferber nicht. Nicht ganz dazu passen mag auf den ersten Blick ein weiterer Ausgewanderter, der in allen Texten präsent ist, nämlich Vladimir Nabokov, dessen Emigrationsgeschichte insgesamt sehr positiv verlief und der gerade deshalb hier vielleicht als eine Art „magische Trostfigur“82 fungiert. Selwyn, Adelwarth und Wittgenstein sind durch ihre Depression und ihre Homosexualität miteinander verbunden, Wittgenstein und der Erzähler durch die Stadt Manchester, Bereyter und Wittgenstein durch die Vorliebe für die Gartenarbeit und ihren Lehrerberuf.83

Neben dem Terminus der Familienähnlichkeit ist es der Vergleich der gewordenen Sprache mit den Straßen einer alten Stadt, den Sebald von Wittgenstein entlehnt und der im Zentrum von Austerlitz’ Sprachkrise steht. So heißt es in den Philosophischen Untersuchungen:

Details

Seiten
306
ISBN (PDF)
9783631836590
ISBN (ePUB)
9783631836606
ISBN (MOBI)
9783631836613
ISBN (Hardcover)
9783631831496
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
Übersichtliche Darstellung Synoptischer Blick Sprachspiel Familienähnlichkeit Shoah Erinnerungskultur Sagen/Zeigen Begriff/Bild Erkenntnis Nachkriegsliteratur
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 306 S.

Biographische Angaben

Martin Häckel (Autor:in)

Martin Häckel studierte Germanistik, Geschichte an der Universität Regensburg und promovierte ebendort in Vergleichender Literaturwissenschaft. Zu seinen Schwerpunkten zählen Literatur nach 1945, Literatur über die Shoah und deutsch-jüdische Literatur

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